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Full text of "Zeitschrift Für Psychotherapie Und Medizinische Psychologie 7.1916 19 (mdp)"

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Druck der Hoffmannschen Buchdruckerei Felix Krals, Stuttgart. 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 




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FÜR 

PSYCHOTHERAPIE 

UND MEDIZINISCHE 

PSYCHOLOGIE 

MIT EINSCHLUSS 

DES HYPNOTISMUS, DER SUGGESTION 
UND DER PSYCHOANALYSE 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

Dr. ALBERT MOLL 

BERLIN 

VII. BAND, L HEFT 


ZEITSCHRIFT 


V 



VERLAG VON FERDINAND E;NKE, STUTTGART 

1916 

Preis für den Band von Q Heften M. 14.—, jährlich ein Band 
Ausgegeben am 11. Juli 1916. 


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Inhalt 


Seite 

Max Cohn: Zur Psychologie des Leidens ........ 1 

Arno Fuchs: Die heilpädagogische Sprechstunde ..... 23 

Alexander Neuer: Wandlungen der Libido. An C. G. Jungs 
Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie auf¬ 
gezeigt .26 

Kurt Boas: Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Lite¬ 
ratur der letzten Jahre . ....33 

Referate. 

Max Hirsch: Fruchtabtreibung und Präventivverkehr im Zusammen¬ 
hang mit dem Geburtenrückgang . . . ... 63 

Cesare Lombroso: Studien über Genie und Entartung ... 64 


Adresse der Redaktion: Dr. Albert Moll, Berlin W. 15, Kurfürsten dämm 45. 


Redaktion und Verlag setzen voraus, dass an allen für die Zeitschrift 
zur Veröffentlichung angenommenen Beiträgen dem Verlage das ausschliess¬ 
liche Recht zur Vervielfältigung und Verbreitung bis zum Ablauf des auf 
das Jahr der Veröffentlichung folgenden Kalenderjahres verbleibt. — 
Von den Originalarbeiten und Sammelreferaten werden 25 Separatabzüge 
kostenfrei geliefert. Mehrbedarf nur auf Bestellung und unter Berechnung, 


Verlag von FERDINAND ENKE in Stuttgart. 

S o e b e d erschienet): 

Verletzungen des Gehirns. II. Teil; Verletzungen der Gefässe und 

Nerven der Schädelhöhle. Bearbeitet von Priv.-Doz. Dr. E. Melchior und 
Prof. Dr* A, Tietze. Redigiert von Prof. Dr. H. Köttner. Mit 39 teils 
farbigen Textabbildungen. Lex. 8°. 1916. Einzelpreis geheftet M. 12.— ; in 
Leinwand gebunden M. 13.60. Preis für Abonnenten geheftet M. 10.40; in 
Leinwand gebunden M, 12.—. (Neue Deutsche Chirurgie. Herausgegeben 
von P. von Bruns. 18 . Band.) 

Jansen, Priv.-Doz. Dr. Murk, Lieber die Länge der Muskel¬ 
bündel und ihre Bedeutung für die Entstehung der 
spastischen Kontrakturen. Mit 36 Abbildungen. Lia. 8°. i 9 i*>. 

geheftet M. 2 . 80 . 

Schenck, Geh. Rat Prof. Dr. F. und Gürber, Prof. Dr. A., 
Leitfaden der Physiologie des Menschen für Studierende der 

Medizin. Zwölfte Auflage. Mit 37, Textabbildungen, gr. 8 f) , 1916. geheftet 
M. 5,40; in Leinwand gebunden M. 6.40. 

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Inhalt. 


Original-Abhandlungen. 

Salto 

Becker, Wern. H.: lieber Euphorie.353 

Cohn, Max: Zar Psychologie des Leidens.1 

Cohn, Max: Zur „rekonstruktiven Psychologie* Paul Natorp’s . . . 155 

Cohn, Max: Der Seelenbegriff in der Psychologie.321 

Eisenstadt, H. L.: Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krank¬ 
heitsstatistik .. 128 

Fuchs, Arno: Die heilpädagogische Sprechstunde.23 

Gumperz, Karl: Psychologie der .Begehrungsvorstellungen* . . . 217 

Hennig, Richard: Suggestion und Phrase im Weltkrieg.65 

Hennig, Richard: Wetter-Erinnerungen. 206 

Lasker, Etnanuel: Das Gesetz in Physik uud Psychologie .... 360 

Lotz, Kati: Ueber Farbenhören.92 

Löwenfeld, L.: Ein psychologisch interessanter Fall von Zwangs¬ 
neurose ..• 106 

Major, Gustav: Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns . . 225 
M usculus: Die Sprache im Zusammenhang mit Psychoanalyse, Mediko- 

mechanik und Nervenleitung.357 

Neuer, Alexander: Wandlungen der Libido.26 

Oppenheim, H.: Zur Psychopathologie des Geizes.193 

Schultz, J. H.: Zur Psychologie der psychoanalytischen Praxis . . . 298 
Stern, W.: Förderung und Auslese jugendlicher Begabungen .... 291 

Vaerting: Die musikalische Veranlagung des Weibes.120 

Winkler, Ferdinand und Kammei, W.: Studien über das Problem 

der willkürlichen Amnesie.257 

Zeehandelaar, J.: HeUung zweier Fälle von schwerer funktioneller 

Taubheit durch Hypnose.112 

Referate. 

Adler und Furtmflller: Heilen und Bilden.192 

Boas, Kurt: Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur 

der letzten Jahre (Sammelreferat).33 

Boas, Kurt: Streifzüge durch die neurologische-psychiatrische Literatur 

(Sammelreferat).316, 365 

Flat au: Kursus der Psychotherapie und des Hypnotismus.383 


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UNIVERSETY OF MICHIGAN 






















Seit* 


Forel: Der Hypnotismus oder die Suggestion und die Psychotherapie 


(7. Aufl.).333 

Hirsch, Max: Fruchtabtreibung und Präventiwerkehr im Zusammen* 

hang mit dem Geburtenrückgang.63 

Hirschlalf: Hypnotismus und Suggestivtherapie (2. Aufl.) .... 383 

Lombroso, Cesare; Studien über Genie und Entartung.64 

Schultz, J. H.: Die seelische Krankenbehandlung (Psychotherapie) . . 383 


Sitzungsberichte. 

v. Stauffenberg: Bericht über die Kriegstagung des Vereins für 
Psychiatrie am 21./22. September 1916 und über die 8. Jahresver¬ 
sammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte am 22./23 Sep¬ 


tember 1916 in München.177 

Verschiedenes. 

Hermann Oppenheim f..382 


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UNIVEKSITYOF MttHlGAN 







Zur Psychologie des Leidens. 

Von Dr. Max Cohn, Berlin N. 

„Unglück bildet den Menschen und zwingt ihn, sich selber zu 
kennen: Leiden gibt dem Gemüt doppeltes Streben und Kraft. Uns 
lehrt eigener Schmerz des Anderen Schmerz zu teilen. Eigener Fehler 
erhält Demut und billigen Sinn.“ 

Mit diesen Worten schildert Goethe in prägnanter Kürze den in¬ 
neren Wert des Leidens. Seiner These steht gleichsam als Antithese 
folgender Ausspruch Schillers gegenüber: 

„Ein frohes Gemüt ist die Quelle alles Edlen und Guten; das 
Grösste und Schönste, was je geschah, fliesst aus solcher Quelle.“ 

Eine Zusammenfassung, die Synthese dieser Setzung und Gegen¬ 
setzung bildet folgendes dem Euripides entlehnte Zitat: 

„Dem Guten nicht gesondert ist das Schädliche, 

Vielmehr gemischt aus beiden spriesst das Wohlergehn!“ 

Jeder der genannten Geistesheroen hat hier das im Leben als 
Ganzem und in dessen Lust und Last liegende Problem von einer 
ganz bestimmten Einstellung aus erschaut und erfasst. Je nach der 
Einstellung durchaus auch richtig. Zur vollen Lösung hat er es 
aber nicht gebracht und eben wegen der verschiedenen Einstellung auch 
nicht bringen können. Am ehesten dürfte Euripides meiner Meinung 
nach dieser Lösung nahe gekommen sein. Allein hier muss man so¬ 
gleich fragen: Was darf im Leben als gut, was als schädlich gelten? 
Die Lust oder das Leiden,'der Schmerz oder Genuss? Wenn Goethe 
Unglück und Leiden in der geschilderten Art für das Leben bewertet, 
so sieht er in ihnen sicherlich einen Teil von jener Kraft, die stets das 
Böse will und stets das Gute schafft. Wohlweislich spricht auch Schiller 
hier nur von einem frohen Gemüte als der Quelle alles Edlen und 
Guten und nicht etwa von einem glücklichen und lusterfüllten; denn 
tatsächlich kann nur ein frohes Gemüt selbst im Leiden und Unglück 
sich die Tatkraft wahren, mit der allein es ihnen zu begegnen vermag. 
Sein Frohsinn, seine Autarkie, seine Selbstgenügsamkeit stehen selbst 
den härtesten Schlägen gegenüber stets noch unerschüttert und uner¬ 
schütterlich. Diese Betonung des frohen Gemütes ist aber nicht nur 
psychologisch berechtigt, sondern hier auch bedeutend. Sie bildet zu- 

Nach einem in der Psychologischen Gesellschaft zu Berlin am 20. Januar 1916 
gehaltenen Vortrage. 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 1 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



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Max Cohn 


gleich einen Wegweiser für die rechte Erfassung der Worte des Euri- 
pides, der aus der Mischung des Guten und Schädlichen im Lehen das 
Wohlergehen entspriessen sieht. Mit dieser Mischung verbindet sich, 
aus ihr gerade quillt erst der Frohsinn, die Beschränkung auf das Mög¬ 
liche und Wirkliche, die sein Kennzeichen und sein Born. Allein nicht 
immer hat diese Mischung diese Wirkung, da diese nach dem Tem¬ 
perament sich bemisst. Daher denn auch häufig von ernsten und tiefer 
schürfenden Männern die Frage aufgeworfen wurde, ob denn das Leben 
als Ganzes sich überhaupt lohne, oh es denn auch wert sei, gelebt zu 
werden. Sie lassen hierbei sich von der Ansicht leiten, die sie auch 
statistisch zu belegen suchen, dass im Leben das Leid die Lust hei 
weitem überwiege und es nur Illusionen und Selbsttäuschungen sind, 
die in ihm als Lust und Freude gelten. Das Leben, so behaupten 
sie, sei im Grunde ein Meer von Klippen und Strudeln, in welchen 
der einzelne acht- und machtlos versinkt und zerschellt. Nur auf Grund 
seiner immer wieder von neuem auftauchenden Formen und Gestalten 
erhält sich das Lehen. Es könnte vielleicht letzthin nur eine arge 
Fopperei sein, deren Beantwortung nur ein Narr versuchte. Die Ant¬ 
worten auf jene Frage nach dem Werte des Lebens sind dementspre¬ 
chend auch so verschieden und zahlreich, dass nur einige hier angeführt 
werden können, die sich trotz ihres Alters noch heute der Anerkennung 
erfreuen. Die Welt, die Erdenwelt, wurde zur Besten aller möglichen 
Welten gestempelt, auf welcher man sich noch am meisten leidlich wohl 
fühlen könne und solle, da sie von einem weisen Schöpfer stamme, der 
alles wohlgeordnet. Das Leiden auf und in ihr wurde für ein Mittel 
ausgegehen, das zur Vollendung und Steigerung des Lebens notwendig 
sei, deswegen auch nur von einem vorsehenden Schöpfer, von einer 
Weltvemunft herrtihren könne und mit dem Leben innigst verknüpft 
sein müsse. Der Schmerz galt und gilt für den grössten Lehrer der 
Menschen, für einen Warner vor drohenden Gefahren; unter seinem 
Hauche entfalten sich erst die Seelen. Genüsse galten und gelten als 
gemein, da sie nur das Paradies verscherzen, das sie verheissen und 
vorwegnehmen. 

Dem Torsocharakter des Lehens entsprechend preisen denn auch 
der Prediger Salomonis und Sophokles unabhängig voneinander das 
Glück: „Nicht geboren zu sein“. Nichtig, eitel, vergänglich ist nach 
Koheleth alles irdische Dasein und lässt uns unbefriedigt. „Ach an der 
Erde Brust sind wir zum Leide da!“ klagt der Chor der Jünger im 
Faust II und in dem gleichen Sinne Hiob: „Der Mensch wird zum Un¬ 
glück geboren“. In all dem zeigt sich das Stutzen des Menschen vor 
dem Uehel und dem Bösen, dem Leid und Schmerz. In seinen An¬ 
fängen hat sicherlich dieses Stutzen den Menschen, da er jenem Leiden 
zunächst rat- und machtlos gegenüberstand, zu Vorstellungen veranlasst, 


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Zur Psychologie des Leidens. 


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die geeignet waren oder ihm wenigstens geeignet schienen, sie herabzu- 
m indem, und die in ihm Gefühls- und Willensvorgänge anregten, mittels 
welcher er der Natur und ihrer Macht sich zu verknüpfen und sie 
umzustimmen glaubte und suchte. Alles religiöse Gefühl hat hierin 
seinen Grund, in der Unzufriedenheit mit dem von der Welt und 
dem Leben Gebotenen, in der Entdeckung ihrer Dissonanz mit der in¬ 
stinktiv gefühlten und gesuchten Harmonie und Uehereinstimmung der 
menschlichen Natur mit deren Umgehung und sich selber. Denn 
in sich selber sah der ursprüngliche Mensch Kräfte walten, die ihm 
nicht erklärbar schienen und waren und durch die er einerseits vor 
sich selber eine Art Furcht- und Schreckgefühl, anderseits aber auch 
ein gewisses Glücks- und Hochgefühl eingeflösst erhielt. Hier bereits 
war instinktiv ein Band von ihm aus zu der Natur hinübergeflochten, 
die ihm die gleichen Gefühle weckte, und der erste Ansatz zu aller 
Religion gebahnt. Tatsächlich zeigen alle Religionen hierin auch das 
Gleiche ihres Ursprungs. Beide Phasen des Glücks- und des Furcht¬ 
gefühles finden sich in ihnen nebeneinander. Daher denn auch ihr un¬ 
auslöschlicher Einfluss auf den Menschen und ihr anscheinendes Ein¬ 
geborensein. Während indessen bei den Naturreligionen diese Ver¬ 
knüpfung der menschlichen Gefühls- und Willensvorgänge mit der Natur 
noch recht anschaulich und sichtbar ist und sich in Vermenschlichungen 
der Naturkräfte ausspricht, wird sie bei der weiteren' Entwicklung des 
Menschen und seiner Entfernung von der Natur immer geringer und 
äussert sich in einer vornehmlich physiologischen Erschöpfung, die An. 
lass zur Bildung zweier Welten, einer diesseitigen und einer jenseitigen 
gibt. Die Unzufriedenheit mit dem Weltlichen und die hieraus erwach¬ 
sende, sich immer steigernde pessimistische Gemütsverfassung und düstere 
Weltbetrachtung führt zu den Religionen der Erlösung von der Welt, 
von deren Leiden und Uebel, zu den Weltreligionen des Brahmanismus, 
des Buddhismus und des Christentums, die Erlösungsreligionen heissen 
und sind. 

In der neueren Zeit haben Schopenhauer und Eduard v. Hartmann 
den Pessimismus zu einem System erhoben. Schopenhauer sieht in dem 
Aufgehen des Willens in das Nirwana, in den Zustand der Auflösung 
der Individualität, in die Allheit ohne eigenes Wollen und Objektivation 
die Rettung und das Heil aus und gegenüber dem Elend der Welt. 
Hartmann vertritt den Standpunkt, dass die Welt wohl die bestmögliche 
sei. Gut sei sie deswegen aber doch keineswegs. Denn sie sei eine 
Realisation, eine Verwirklichung des Alogischen, Irrationellen, Unver¬ 
nünftigen im Absoluten, im Unbewussten des Willens. Hartmann ver¬ 
bindet den „evolutionistischen Optimismus“ mit dem „eudämonologischen 
Pessimismus“. Die Welt bleibt nach ihm von Gott, als dem Absoluten, 
dem Prinzip des Logischen, Rationalen, von der Allvemunft stets ge- 


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Max Cohn 


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schieden. Daher ist sie denn auch schlechter, als ihr Nichtsein dies 
wäre. Ihrem Inhalte nach jedoch ist sie die bestmögliche. Ihre Ent¬ 
wicklung zielt auf die Heraustreibung des Bestmöglichen aus ihr, wofür 
denn auch Leid und Schmerz mit ihr in den Kauf genommen werden 
müssen. In dieser Darlegung Hartmanns sind gnostische Anklänge 
nicht zu verkennen. Denn auch die Gnosis lässt die Welt nicht von 
Gott, sondern von einem Mittler, dem Demiurgos, abstammen, da sie 
die Uebel und Leiden der Welt, das „Böse“ in ihr allein mit Gott, als 
dem Inbegriff des Guten, nicht sich zu erklären vermag. Keiner hat 
aber auch das Elend der Welt so virtuos darzustellen verstanden, wie 
eben Hartmann, der hierin sogar noch Schopenhauer übertrifft. Beide 
haben gerade dieser Fähigkeit vielleicht die Verbreitung und Kenntnis 
ihrer Philosophie noch am ehesten zu danken. Denn nichts wirkt auf 
die Menschen stärker, als wenn sie ihre Schwächen und Leiden dar¬ 
gestellt und klargelegt sehen. Darin suchen und finden sie ihren Trost 
und Zuspruch. Sie sehen ihren Schmerz objektiviert, nach aussen hin 
verlegt und die psychologische Wirkung dieser Vergegenständlichung 
zeigt sich in einer Beruhigung und Abtötung der in ihnen wogenden 
Leidenschaften und Unruhe. Im Schauspiel, der Tragödie, wie über¬ 
haupt in jeder wahren künstlerischen Gestaltung verspürt ein jeder an 
sich selber diese Wirkung, die zugleich als deren eigentliches Motiv 
anzusehen ist. 

Auf eine ähnliche psychologische Wirkung lassen sich vielleicht 
alle im Volksmunde lebende und aus der Volksseele geborene, das 
Leiden beschönigende und preisende Sprichwörter, wie z. B. „Ohne 
Feuer stets roh, ohne Leiden nicht froh!“ „Ohne Prügel keine Er¬ 
ziehung!“ u. a. m. zurtickführen. Sie bilden gleichsam Beschwichtigungs¬ 
mittel für das vom Schmerz und Leiden durchwühlte Gemüt und dessen 
dagegen sich instinktiv äussemde Empörung. Vornehmlich als ein Aus¬ 
fluss und Ausdruck der Ohnmacht, mit welcher der Mensch von seinen 
ersten Anfängen an den Unbilden der Natur und ihrer brutalen Macht 
gegenüberstand, sind sie in ihren oft drastischen und plastischen For¬ 
mungen ein lebendes unverwüstliches Zeugnis für die Verhältnisse und 
die Umgebung, in welche der Mensch jeweilig gestellt war und bilden 
zugleich damit eine vortreffliche Fundgrube für den Forscher. Gerade 
in seinen Sprichwörtern hat das Volk, ebenso wie in seinen Sagen und 
Märchen, die Tragik des Lebens, dessen innige, fast unvermeidliche 
Verknüpfung mit dem Leiden und Schmerz deutlich zum Ausdruck 
gebracht. Selbst die Hellenen in ihrer Lehensfreudigkeit bieten dafür 
Beweise, ebenso unsere nordischen Völker. Beispiele erübrigen sich. 
Zweifellos hat unsere Naturwissenschaft mit ihren überwältigenden Er¬ 
folgen und ihrer Indienststellung aller ihrer Errungenschaften für die 
grossen Gebiete der Technik, Industrie, des Verkehrs und Handels, der 


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Zur Psychologie des Leidens. 


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Gesundheitspflege, Krankheitsbekämpfung und -Vorbeugung usw. die 
Leiden der Menschheit, soweit sie aus der Natur fliessen und in ihr 
wurzeln, schon heute zu mildern vermocht und sogar stellenweise getilgt. 
Allein es bleibt immerhin noch eine solche Fülle von Leid, das nicht 
aus den Naturgewalten stammt, sondern von den durch die Menschen 
selber geschaffenen Verhältnissen, dass vornehmlich heute die Frage 
nach dem Leiden bei allen ein unwillkürliches Interesse erwecken muss 
und auch erweckt. 

Die Entstehung, Wirkung und Bekämpfung des Leidens lassen sich 
psychologisch, physiologisch, soziologisch und philosophisch betrachten. 
Hier steht die psychologische Betrachtung voran. Sie kann jedoch ohne 
eine in gewissen Grenzen sich haltende Heranziehung der physiologi¬ 
schen und soziologischen Betrachtungsweise nicht gefördert werden. Dies 
liegt vornehmlich daran, weil die Empfindungsinhalte zur Natur nicht 
weniger gehören als die mechanischen bzw. dynamischen Vorgänge, 
denen sie zugeordnet sind. Jedes lebende Objekt in seiner Totalität drückt 
sowohl Physisches als auch Psychisches aus und der spezifische Charak¬ 
ter eines lebendigen Systems schliesst die Koexistenz von Quantitäten 
und Qualitäten ein. Die Relativität der Empfindungen, d. h. ihr Be¬ 
ziehungscharakter zu den Gegenständen oder Dingen und Ereignissen ist 
unleugbar feststehend. Die Qualitäten sind nicht minder real als z. B. 
der Raum und die Dinge. Ein lebendes Objekt vornehmlich kann daher 
auch nur erst dann richtig erfasst werden, wenn man von diesen Ge¬ 
sichtspunkten ausgeht. Physische und psychische Betrachtungsweise 
müssen bei seiner Erforschung ineinandergreifen und einander ergänzen. 
Sie sind, wie in ihm Physisches und Psychisches einander koexistieren 
und jederzeit mehr oder weniger korrelat sind, für die Erkenntnis des Ob¬ 
jekts stets Korrelate. Das Soziologische seinerseits ist nur eine erwei¬ 
terte, höhere Stufe des Organischen, ein gleichsam „Ueberorganisches“. 
Daher ist es hier in unserer Betrachtung auch nicht auszuschalten, um 
so weniger als es gerade in vielen Stücken geeignet ist, uns hierbei 
weiter zu helfen, und vornehmlich, weil die Psyche des Menschen im 
Sozialen wurzelt. Wie der Mensch als Ganzes von seinem Beginne an 
ein soziales Lebewesen ist, so ist eben seine individuelle Psyche nie un¬ 
abhängig von dem Sozialen, von Beruf, Umgebung, Lebensweise usw. 
zu erfassen. Jedes andere Vorgehen würde stets nur eine leere und will¬ 
kürliche Abstraktion der individuellen Seele bieten. 

Ohne eine Definition der Empfindung ist eine solche des Leidens 
nicht möglich. Zur Klarstellung meines Standpunktes hebe ich gleich 
hier hervor, dass ich die Empfindung nur in dem Sinne des kritischen 
Realismus auffasse. Ferner ist für mich die Empfindung nichts Ein¬ 
faches, sondern ein Zusammengesetztes. Sm ist die Einheit eines Man¬ 
nigfaltigen und gleicht darin dem Atom, welchem man nach modernen 


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Max Cohn 


naturwissenschaftlichen Feststellungen gleichfalls die Einfachheit ab¬ 
sprechen muss. Auch das Atom gilt heute als eine Zusammensetzung, 
eine Funktion, als ein Erzeugnis von Differentialen kleinerer Einheiten, 
der Elektronen. Aehnlich ist auch die Empfindung ein Produkt von 
Funktionen oder Differentialen kleinster Einheiten, die als erste Elemente 
alles Erkennens dumpfe Erlebnisse sind und zu solchen werden von Ein¬ 
drücken her, die als passiv empfangene in ein Lebewesen eintreten, auf 
dieses bzw. auf einen Organismus wirken und dessen zunächst noch 
primitivste Reaktion, als Ausfluss seiner Spontanität, seiner Fähigkeit 
zur Assimilation und Dissimilation, hervorrufen. Mit dieser Definition 
der Empfindung glaube ich mich im Einklang zu finden sowohl mit der 
heutigen Naturwissenschaft als auch mit dem realistisch denkenden 
Kant; denn Kant kann mit seinem transzendentalem Idealismus durchaus 
realistisch verstanden und gedeutet werden, sofern man nur seinen Begriff 
des „Ding an sich“ nicht ins Transzendente, Uebersinnliche, in eine jen¬ 
seitige Welt verlegen zu müssen meint. Das „Ding an sich“ kann dann 
als ein blosser Terminus, als eine verallgemeinernde Abkürzung für die 
Dinge aufgefasst werden, wie sie als transsubjektive an sich und noch 
nicht für uns sind. Allerdings sind die Dinge, wie sie an sich sind, 
für uns noch ein X, ein Unbekanntes; sie sind aber nicht unerkennbar, 
sondern erfahrbar, weil sie Komplexe von Kraftzentren darstellen, wie 
wir selber einen einheitlichen grossen Komplex von Kraftzentren bilden. 
Die Wirkungen jener Kraftzentren treffen auf unseren Kräftezentren¬ 
komplex, der dadurch zur Reaktion und Aktion veranlasst und mittels 
der hierin in unzählbaren Generationsfolgen erlangten Uebung gerade 
dazu fähig geworden ist und ferner wird, aus den in ihm sich geltend 
machenden Wirkungen die Eigenschaften und Zustände jener Kraftzentren 
zu ermitteln. Diese Fähigkeit als eine Frucht des von diesen Kraft¬ 
zentren auf unseren Organismus in seiner unzählige Jahrtausende alten 
Entwicklung geübten Einflusses, des damit in ihm aufgespeicherten Er¬ 
fahrungsschatzes und des an diesem sich heranhildenden und erstarkenden 
Denkens führt schliesslich zu der Evidenz und zu dem Zwang, die uns 
sich fühlbar machen, wenn wir einen gewissen Urteilsinhalt anerkennen, 
ob wir wollen oder nicht. Einem Zwange, der für unser Erkennen das 
Kriterium der Wahrheit und mit stets neuen Erfahrungen auszustatten 
ist, um es wirklich zu besitzen. Die Dinge sind sonach empfindbar 
und erfahrbar. Als solcher Art können sie zu unseren Empfindungen werden. 
Die Empfindung kennzeichnet sich damit als einen aktiven und passiven 
seelischen Vorgang. Sie bezeichnet das Empfundene, den Reiz, den Inhalt 
eines Dinges oder Geschehens, das Ding und Ereignis und andererseits die 
Tätigkeit, die von einem lebenden Wesen ausgeübt wird und vermittelst deren 
sich das Ding zu einem Reiz, zu etwas Empfindbaren für dieses Wesen ge¬ 
staltet. Jede Empfindung ist als die Antwort auf einen den Organismus 


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Zur Psychologie des Leidens. 


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treffenden Beiz ein Bestandteil eines seelischen Aktes und, wie die seelischen 
Akte in ihrer Zusammenfassung zu einer Einheit, auch stets an einen physi¬ 
schen Träger gebunden. Die Empfindung ist sonach subjektiv und objektiv. 
Die subjektive oder Innenempfindung ist ein Gefühl, das auf periphere 
und zentrale Beize hin im Organismus ausgelöst wird. Die objektive 
oder Aus8enempfindung schliesst einen Wahmehmungsinhalt als einen 
Akt primitivster, gleichsam automatischer Erkenntnis ein, kann aber 
nie ohne eine sie mitbegleitende subjektive Empfindung, d. h. ohne ein 
Gefühl, und sei dieses auch nur ganz leise angedeutet, einhergehen. Hier 
befinden wir uns an der Schwelle, an welcher wir auf das Leiden stossen 
und es auch zu definieren vermögen. Die Empfindung als Beaktion und 
Aktion eines Lebewesens, das sie zu ihrem Träger hat, kann nur dann 
zustande kommen, wenn eine Hemmung, ein Widerstand, sei er nun 
peripherer oder zentraler Herkunft, irgendwo sich zeigt und geltend 
macht. Jeder Widerstand aber löst ein Leiden aus, das ein lebendes 
Wesen zum innerlichen oder äusserlich wirkenden Handeln zwingt, wenn 
es nicht daran zugrunde gehen, wenn es sich selbst behaupten soll. Ist 
aber jede Empfindung als eine vitale Funktion des Lebewesens bereits 
von einem primitiven Gefühlsakt begleitet, so kann auch das Er¬ 
kennen nicht ohne eine Summe von Gefühlsakten einhergehen, die aller¬ 
dings nicht die Schwelle des Bewusstseins zu übertreten und nicht 
bemerkt zu werden brauchen. Das Erkennen selber ist sonach letzthin 
ein „Erleiden 14 . Ein reines oder völlig nacktes Denken, ein völlig von 
einem Träger losgelöstes Denken, das „transzendent“, wie der Geist 
über den Wassern schwebte, ist daher als ein Unbegriff abzulehnen 
und steht ausserhalb aller Erfahrung und allem Naturgeschehen. 
Empfindung sc. Anschauung und Denken sind stets miteinander verknüpft; 
denn wie die Eindrücke, die passiv empfangen werden, durch die Be- 
aktion und Spontaneität des sie aufnehmenden organischen Wesens zu 
Empfindungen sich wandeln, so gestalten diese wieder sich zu Anschau¬ 
ungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen, die in die bereits dem Lebe¬ 
wesen eignenden, in ihm vorhandenen eingehen, indem sie mittels des 
in ihm magazinierten, teils ererbten, teils während seines Lebens hinzu¬ 
erworbenen Erfahrungs- oder Gedächtnisschatzes zu Urteilen, Wertungen 
und Begriffen verarbeitet oder je nachdem von ihm abgelehnt bzw. auch 
erst in einer späteren Zeit, in welcher sie als für das Lebewesen an¬ 
eignungsfähiger sich gestaltet haben und erweisen, aufgenommen werden 
und zu einer Einheit mit und in ihm gelangen. Nichts liegt in all dem, 
was etwa den bekannten Naturgesetzen widerspricht. Im Grunde ist 
hier auch kein anderer Vorgang als der auch sonst im Naturgeschehen 
uns bekannte. Denn das Leben als Ganzes ist ein fortwährender Zu¬ 
sammenhang mit der Umgebung, ist Abgestimmtsein der im Innern eines 
organischen bzw. lebenden Systems ablaufenden Vorgänge auf äussere 


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Max Cohn 


gleichzeitig verlaufende. Anders ausgedrückt: das Leben ist das Er¬ 
zeugnis von Reizbarkeit eines Lebewesens und Reizen, die diesem von 
der Umgebung her zukommen, die und der es sich anpasst. In dieser 
Fähigkeit liegt eben schon das Leiden eingeschlossen, das stets einen 
Widerstand, eine Hemmung zur Voraussetzung hat. Damit wird auch 
das Leiden selber zu einem Merkmal, mittels dessen man das Leben als 
solches vom Leblosen, vom Anorganischen zu unterscheiden vermag. 
Kant nennt bekanntlich die Empfindung eine Modifikation oder Affek¬ 
tion unserer Vorstellungsfähigkeit, die diese durch die Wirkung eines 
Gegenstandes auf sich erfährt. Affektion ist aber und heisst ein Er¬ 
leiden. Salomon Maimon nennt die Empfindung auch geradezu ein „Leiden“. 
Nach all’ dem hier Erörterten wird und kann sie auch naturwissen¬ 
schaftlich gar nicht anders gewertet werden. Die Tropismen der Ein¬ 
zelligen und der Pflanzen bilden und sind nur die kleinsten Einheiten 
und Ansätze von Akten, die uns, den höchstorganisierten Lebewesen, 
als unsere Empfindungen, als Leiden, als Reaktionen und Aktionen auf 
Widerstände und Wirkungen der Dinge und Begebenheiten inne werden. 
Das Leiden ist sonach ein subjektives Gefühl, das zu seinem Korrelate 
entweder periphere oder zentrale Reize hat, die auf das Ich oder Indi¬ 
viduum, auf ihren Träger als die Summe und das Resultat aller ererbten 
und aller während seines Lebens erworbenen Erfahrungen wirken. Das Ich 
als der Inbegriff aller Geschehnisse, die es je erfahren, die es gebildet 
haben und daher seine Geschichte bilden, verleibt vermöge seiner Spon¬ 
taneität jene Reize sich ein oder weist sie von sich ab; sie formen es 
aber auch ihrerseits je nachdem im gleichen oder auch entgegengesetzten 
Sinne. 

Hierbei ist jedoch nicht etwa allein die Quantität der einwirkenden 
Reize ausschlaggebend und nicht allein deren Qualität, sondern es tritt 
ein scheinbar ganz Neues und Unerwartetes hinzu. Die Quantität der 
Reize nicht minder als deren Qualität wird verändert, schlägt um. Es 
kommt, wie dies Wundt nennt, zu einer schöpferischen Synthesis, dem 
Hegelschen dialektischen Prozess, der aber nicht nur hier, sondern selbst 
in der nicht belebten Natur zur Beobachtung kommt. Ich erinnere nur 
an die schöpferische Synthese, die sich an den homologen Reihen der 
Kohlenstoffverbindungen zeigt und verstehen lässt. 

Hier sehen wir eine ganze Reihe von qualitativ verschiedenen Kör¬ 
pern, gebildet durch einfachen quantitativen Zusatz der Elemente und 
zwar immer in dem gleichen Verhältnis. Bei den normalen Paraffinen 
CnHjn + 2 z. B. ändern alle Elemente der Verbindung ihre Quantität 
im gleichen Verhältnis. Hieraus ergibt sich als das unterste der Ver¬ 
bindungen, das Methan CH 4 , ein Gas, und als das höchste, das Hekdekan 
C.Ä4» ein fester Körper, der farblose Kristalle bildet, bei 21 0 Wärme 
schmilzt und erst bei 278° siedet. Die quantitative Veränderung der 


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Molekularformel bringt jedesmal einen qualitativ verschiedenen Körper 
hervor. Die Quantität schlägt aber nicht nur hier in Qualität um; 
schon bei den verschiedenen Oxyden des Stickstoffs, in den verschiedenen 
Sauerstoffsäuren des Phosphors oder Schwefels kann man jenes Um¬ 
schlagen oder jene schöpferische Synthese beobachten. 

In ähnli cher oder analoger Art als Synthesen, wenngleich noch 
niederen Grades, lassen in unserem Organismus die aus den auf ihn 
einwirkenden Reizen entstehenden subjektiven Gefühle der Lust und Un¬ 
lust sieh auffassen. Sie entstehen, wenn auf den Organismus Reize 
wirken, die mit dessen aufgespeichertem Gedächtnisschatz im Einklänge 
stehen oder im Widerstreit liegen, und werden dementsprechend von ihm 
als Lust oder Unlust gewertet. Sie können daher auch nichts Einheit¬ 
liches für alle Individuen sein, sondern müssen in einem jeden Indivi¬ 
duum ebenso mannigfaltig und verschieden von den. in anderen gleich¬ 
gearteten Individuen verlaufenden ähnlichen Qualitäten sich darstellen, 
wie die Gefühle für die verschiedenen Individualitäten; denn auch in 
diesen werden sie erst auf Grund der Zusammenfassungen jener mannig¬ 
fachen und verschiedenen Arten von Stellungsnahmen oder Gefühlsemp¬ 
findungen als Lust und Unlust gewertet. Yon einer einfachen Bestimmt¬ 
heit und Einheitlichkeit der beiden Gefühlsqualitäten der Lust und Un¬ 
lust, angenehm oder unangenehm, kann sonach ebensowenig gesprochen 
werden, wie davon, dass die Lust nur etwas Negatives, die Abwesenheit 
von Unlust, das Endigen einer Pein oder das blosse Aufheben des Wun¬ 
sches ist (Schopenhauer). Beide, Lust und Unlust, sind im Gegenteil 
sehr positive und zusammengesetzte seelische Akte; denn sie sind Syn¬ 
thesen von Gefühlserlebnissen, mehr oder weniger ausgesprochenen Akten 
von Stellungsnahmen oder von Gefühlselementen, die als der Ausdruck 
eines mit und in der psychophysischen Organisation entstehenden Dranges, 
einer Hemmung oder eines Widerstandes positiv sein müssen; umsomehr, 
als in ihrem Inhalt schon allein eine Bewertung der Gegenstände oder Vor¬ 
gänge liegt, die auf uns wirken oder auf welche wir wirken. Wie für Lust 
und Unlust nur der Gesamtablauf der Vorstellungen, der aufgespeicherte 
Erfahrungsschatz des Ich als ihres Trägers und dessen gesamte darauf 
beruhende Gefühlslage als Richtschnur dient, d. h. etwas durchaus Posi¬ 
tives, so ist auch das Gleiche auf ihre Entstehung wirksam und schon allein 
damit die Bewertung beider Qualitäten als positiver erfordert. Zur Freude 
bzw. zum Leiden gestalten sie sich, sobald die Intensität der Gefühle ein 
gewisses Mass überschritten hat und zugleich der Vorstellungsablauf, der 
magazinierte Erfahrungsschatz, in seiner Relation zu diesen eine be¬ 
stimmte Proportion beibehalten hat. Lust und Unlust stehen stets zu 
der Existenz und dem Lauf des gesamten Erfahrungsschatzes ihres 
Trägers in zugeordneter Abhängigkeit und werden zum Leid und 
Schmerz, wenn diese Funktionalität gestört ist, wenn das Hemmnis des 


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Reizes von dem Lebewesen nicht abgelehnt, von ihm nicht überwanden 
werden kann, ohne dass die dadurch bei ihm hervorgerufenen Energien 
wieder in ihre vorherige Gleichgewichtslage wenigstens annähernd zurück¬ 
kehren. Ein jedes Individuum ist aber ein „Eigener“ für sich, wie auch 
kein Blatt eines Baumes dem andern gleicht. Es stellt ferner als In¬ 
dividuum einen in seinen Zuständen selber wechselnden Faktor vor. 
Daraus resultiert, dass weder bei der Lust, noch bei der Unlust, weder 
bei dem Leiden oder Schmerz, noch bei der Freude die Teilungslinie 
dieser Phänomene in den Objekten oder Begebenheiten liegt, sondern in 
den wechselnden Zuständen des Individuums selber und in dessen Ver¬ 
schiedenheit von anderen Individuen. Das Phänomen der Lust und Un¬ 
lust erlangt im Verhältnis zu dem allgemeinen Lebensgefühl des orga¬ 
nischen Wesens erst eine gewisse Selbständigkeit. Dieses Lebensgefühl 
aber, das mit einem ganz bestimmten biologischen Phänomen, dem 
Rhythmus einhergeht, ist auch als der Nullpunkt oder die Indifferenz¬ 
lage der Lust- und Unlustgefühle und ihrer Potenzierungen anzusehen. 
Ein in der Indifferenzlage befindliches Lebewesen weiss im allgemeinen 
weder von dem ihm eignenden Rhythmus, noch von den in ihm ab¬ 
laufenden Phasen des Rhythmus; und zwar ebensowenig, wie der gesunde 
Mensch als Laie von seinen Organen, deren er sich erst bewusst wird 
durch eine sie befallende Krankheit. Das Lustgefühl im besonderen 
könnte sonach als das allgemeine Lebensgefühl gelten. Es ist indessen 
eher anzunehmen, dass das Allgemeingefühl bei Lebewesen, die mit Emp¬ 
finden und Gedächtnis begabt sind, eine Mischung von Lust und Unlust 
ist und das Leben als Ganzes eine ähnliche graduell verschiedene und 
steigerungsfähige Mischung darstellt; denn die Biologie hat uns gezeigt, 
dass jedes Lebewesen eine aufsteigende und absteigende Phase des ihm 
eignenden Rhythmus hat, zugleich mit einer Klimax, so z. B. dass be¬ 
reits bei den Protisten eine Mischung tatsächlich vorliegt, der als mate¬ 
rieller Unterlage Annäherung und Flucht entspricht, automatische Bewe¬ 
gungen, die weiter aufwärts zu den Tropismen, den Reflexen, Instinkten 
usf. bis zu den den dynamischen Prozessen der Naturwirklichkeit zu¬ 
geordneten Bewusstseinsrealitäten, dem Empfinden und Denken hinauf 
führen. Lust und Unlustgefühl für sich bleiben unbemerkbar für das 
Lebewesen, und zwar so lange, als nicht Unterschiede hervortreten, 
welche sie zur Beziehung und eventuell zur Vergleichung in ihm bringen. 
Beim Menschen treten hierbei die produktive und reproduktive Einbil¬ 
dungskraft, seine gemütliche Verfassung, seine Phantasie und der Ver¬ 
stand in Tätigkeit. Ihre harmonische Uebereinstimmung bringt je nach 
der Intensität des Aktes Lust oder Freude, gegenteilig aber Unlust oder 
Leiden hervor. Beim Ueberwiegen des einen oder des anderen dieser 
jene Qualitäten konstituierenden Faktoren, die in jedem Individuum je 
nach seiner Stammes- und Lebensgeschichte sich anders geartet und ihm 


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Zur Psychologie des Leidens. 


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besonders eigen zeigen, wird aber trotz aller Gleichheit der auf den Men¬ 
schen wirkenden, von Dingen und Begebenheiten her ausgehenden Reize 
die Reaktion in Gestalt von Lust, Unlust, Freude, Leid und Schmerz sich 
anders und verschieden äussem. Je nachdem in einem zu starken, mittleren 
oder zu schwachen Grade. Hierauf beruhen die sogenannten Tempera¬ 
mente, in deren Konstituierung wie bei allen Lebensakten das Gedächtnis 
stets das ausschlaggebende Moment bildet; sie haben es gleichsam zu 
ihrem Schwerpunkt. Wie sie als Relationen zu der Summe der Erfah¬ 
rungen, die das Ich in sich magaziniert hat und die es auch relativ zu 
ändern vermögen, aufzufassen sind, so sind auch Lust und Unlust, Leid, 
Schmerz und Freude nur Vergleichswerte und Beziehungen relativer Art. 

Die Rolle, die der Rhythmus in all diesen seelischen Vorgängen 
spielt, ist vorher kurz gestreift worden. Sie ist so wichtig, dass sie 
einer näheren Betrachtung gewürdigt werden muss, zumal wir mit dem 
Rhythmus an der Grenzscheide des Physiologischen und Psychologischen 
stehen. Der Rhythmus ist in der Welt derart verbreitet, dass Eugen 
Dühring sich darüber dahin auslässt, dass „das Dasein sogar in den 
letzten organischen, ja rein mechanischen Regungen in einem weiteren 
Sinne des Wortes rhythmisch ist“. Wieder könnten die Kohlenstoffver¬ 
bindungen hier als Beispiel dienen. Allen bekannt ist, dass ein Teil un¬ 
serer körperlichen Bewegungen (Gang, Herz, Atmung usw. rhythmisch 
ist. Es findet sich an und in ihnen in einer Fortbewegung die regel¬ 
mässige Wiederkehr bestimmter gleichartiger Momente, Phasen, Zustände. 
Weniger bekannt mag aber sein, dass jede Tierart ihren eigenen Rhyth¬ 
mus hat und er sich selbst bei den Protisten findet. So hat Paramaecium 
aurelia, eine Protistenart, ein einzelliges Lebewesen, dessen Differenzie¬ 
rung noch sehr minim ist, einen Rhythmus, d. h. eine regelmässige Wie¬ 
derkehr der ihm eigenen Bewegungen in aufsteigender und absteigender 
Linie. Diese Phasenbewegungen beeinflussen die Anhäufung oder Aus¬ 
scheidung der Schlacken des Stoffwechsels dieses Einzelligen und stehen 
mit der Reorganisation seines Kemapparates in Verbindung, woraus phylo¬ 
genetisch aller Wahrscheinlichkeit nach die Konjugation erwachsen ist. 
In der aufsteigenden Phase werden die Schlacken entfernt, in der ab¬ 
steigenden häufen sie sich an. In jener ist die Bewegungsgeschwindig¬ 
keit vergrössert, in der absteigenden ist sie verringert. Der Rhythmus 
lässt sich durch äussere Faktoren bis zum völligen Schwinden, bis zum 
dadurch verursachten Tod des Einzelligen abändem, z. B. durch Tempe¬ 
raturveränderungen. Wie bei den Einzelligen verhält es sich mutatis mu- 
tandis auch bei den vielzelligen Lebewesen bis hinauf zum Menschen. 
Auch bei diesen zeigt sich der Rhythmus in wechselseitiger Wirkung 
und Abhängigkeit auf den und von dem Stoffwechsel, dessen Produkten 
und den mit ihm zusammenhängenden Erscheinungen der Zirkulation, 
Atmung, Fortpflanzung, Keimübertragung bzw. Vererbung, Kemerwei- 


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terung, Konjugation der Zellen u. ä. Hier sind die zwischen den Zellen 
strömenden flüssigen Teile des Organismus, sind schon die Körperflüssig¬ 
keiten äussere Faktoren, die als Fremdkörper wirken und den Rhythmus 
beeinflussen. Starke Ansammlung von Stoffwechselprodukten z. B. ver¬ 
langsamt den Rhythmus dauernd, worauf auch u. a. das Altern der Ge¬ 
webe und der Tod der Vielzelligen zurückgeführt wird. Die Forderung, 
dass einem jeden organischen Gewebe eine Funktion eignet und umge¬ 
kehrt, sehen wir hier bis in das einfachste Lebewesen hinein erfüllt. 
Dieser Prozess, diese vitale Funktion, geht auch mit dem allgemeinen 
Lehensgefühl einher, das sonach in dem dem Individuum eigenen Rhyth¬ 
mus seine materielle Unterlage hat. Die Empfindung und das Gefühl 
als subjektive Empfindung gehen gleichfalls mit einer Bewegung einher, 
die von ihnen der ihrem Träger eignenden Phasenbewegung gleichsam 
aufgezwungen wird und diese abändert, womit zugleich der seelische Akt 
der Empfindung als ein seinem Träger und dessen gesamter Konstitution 
widerstreitender, gleichgültiger oder hiermit harmonischer Prozess, d. i. 
als eine Affektion, eine Lust, oder ein Leiden auch biologisch sich bezeugt. 
Der Prozess aller Gefühle steht in der Art und Weise seines Ablaufs in 
engem Zusammenhang mit dem Verlauf der rhythmischen Bewegungen 
in ihrem Träger als Ganzem. Die materielle Unterlage dieser Bewegungen 
ist in dem deren Träger eigenen Stoffwechsel in weitestem Sinne und 
vornehmlich in dem Nervensystem und sympathischen Nervengeflecht des 
Organismus gegeben und zu suchen. Die Beispiele hierfür sind ohne 
weiteres jedem zur Hand. Man braucht nur an die depressiven drücken¬ 
den Gefühle der Trauer, an die Lähmung des Schreckens, an die erre¬ 
genden Affekte des Zornes und der Freude zu erinnern. Wir erleben 
das Gefühl der Freude z. B. als ein lebhaftes Gefühl, das ein Merkmal 
für die gesteigerte Phase in der rhythmischen Bewegung ist; durch diese 
Steigerung wird der Stoffwechsel erhöht und dessen Schlacken werden 
entfernt, während wir die Trauer, das Leiden als einen Druck, eine Last 
empfinden, eine Folge des verminderten Stoffwechsels mit dessen An¬ 
häufung von Schlacken im Organismus. 

Wird der Rhythmus und der mit ihm eng verknüpfte Stoffwechsel 
wiederholt in der absteigenden Phase mit deren Geschwindigkeitsver¬ 
ringerung in Anspruch genommen oder dauernd darin erhalten, so werden 
die Affekte der Trauer, des Leidens, des Zorns und ebenso die in der 
aufsteigenden Phase auftretenden gegenseitigen Affekte zu Leidenschaften, 
die von den Affekten, als vorübergehenden seelischen Akten und inten¬ 
siven Gefühlserregungen nur durch ihre dauernde eingewohnte Einstel¬ 
lung in den Organismus sich unterscheiden. Daher dann die häufig 
schon äusserlich erkennbare Beeinträchtigung des Organismus leiden¬ 
schaftlicher Individuen, deren Stoffwechselvorgänge über das mittlere 
Maas hinaus nach der Lust- oder Unlustseite hin beansprucht worden 


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and in eine dem Individuum nachteilige und es gleich äusserlich kenn¬ 
zeichnende Richtung gebracht sind. Man könnte diese Vorgänge den 
arteriellen bzw. venösen Stauungen gleichsetzen, deren Schädlichkeit be¬ 
kannt ist. Umgebung, Gewöhnung, Erziehung können als Gegenmittel 
dienen; das am meisten wirksame sind aber stets die Erkenntnisfähig¬ 
keit, die Erfahrungen und der Gemütszustand oder das Temperament des 
Individuums selber, die mit diesem variieren, weil sie es eigentlich und 
in Wirklichkeit selber sind und ausmachen. Der Erfahrungsschatz eines 
Individuums, der ihm überkommen, durch Umgehung, Gewöhnung und 
Erziehung neuerweckt und vermehrt ist und die Gemütsverfassung oder 
das Temperament dieses Individuums bilden zusammen das Mass für dessen 
grössere oder geringere Schnelligkeit in der Auslösbarkeit und Anschluss¬ 
fähigkeit des in ihm spielenden Rhythmus mit dessen Phasenbewegungen 
und deren Einfluss auf den Stoffwechsel, die zugehörige Nervenspannung 
bzw. auf die damit einhergehenden Molekularbewegungen. 

Wir wissen aus der Erfahrung und mittels experimenteller For¬ 
schung, dass schwache und zu starke Reize dem Protoplasma nicht 
förderlich sind und deren Mittelmass ihm am meisten zuträglich; es zeigt 
sich aber auch, dass nicht das Leiden, sondern ein mittlerer Widerstand 
das lebensteigemde Moment für das Individuum ist. Der Rhythmus 
der Körperzellen muss die Fähigkeit behalten, sich wieder relativ her- 
stellen zu können; bei zu schwachen Reizen bleibt seine Erziehung aus, 
die nichts anderes als eine Auslese aus seinen ihm eigenen Gangphasen 
ist, bei zu starken wird er zu plötzlich aus seinen Phasen gerissen. 
Daher denn auch seelische Leiden, die gar zu plötzlich auftreten, selbst 
töten, ebenso wie zu lang anhaltende den gleichen Effekt herbeiführen 
können. „Herzeleid ist der Tod selbst,“ sagt uns der Menschenkenner 
Luther, und Homer in seiner einfachen Weise erklärt: „Im Unglück 
altem die Menschen früh.“ 

Der Grand für das letztere liegt darin, dass das Lebensgefühl, der 
Rhythmus als dessen Begleiterscheinung verlangsamt ist, desgleichen die 
Stoffwechselvorgänge und zugleich mit ihnen die Reizleitungen durch 
Anhäufung von Schlacken; damit ist ein zu grosser Widerstand gesetzt, 
dem neu auftretende Reize nicht gewachsen sind. Indolenz gegen diese 
und Gleichgültigkeit mit Missmut und Krittlichkeit gegen alles Neue, 
das abgelehnt wird, sind die Folgen und Kennzeichen sowohl des Alters 
wie anhaltender chronischer seelischer Leiden, die ebenso abstumpfend 
wie jenes sind und dessen physiologischen Zustand gleichsam vorweg¬ 
nehmen. 

Während wir aber gegen das physiologische Altera noch nach 
Mitteln auf der Suche sind, sind die Mittel gegen die Leiden, die in 
ihrer Wirkung ihm analog zu setzen sind, längst in Anwendung. Das 
Ziel, das sie erstreben, ist die Befreiung des Gemüts, des Inneren des 


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Menschen von der auf ihm lastenden Bedrückung und Beengung durch das 
Leiden. Die Anwendung der Hypnose, Suggestion in allen ihren Formen 
gehören zu diesen Mitteln; auch die Wunderheilungen, von denen in 
alter Zeit und selbst in der neuesten berichtet wird. Jedenfalls sind die 
Mittel so mannigfaltig, dass sie hier nicht alle aufgezählt, sondern nur 
flüchtig gestreift werden können. Eins der ersten und hauptsächlichen 
Mittel bildet die Sprache, die allgemein jeden Ausdruck von Empfin¬ 
dungen, Vorstellungen, Urteilen, Begriffen in sich fasst. Mit dieser Fähig¬ 
keit ist sie das erste und nächstliegende Mittel, sich vom Leiden und 
dessen Einengung zu befreien. Der gemeine Mann wendet sie daher 
auch heute ebenso an wie in Urzeiten. Er schafft sich in Worten Luft. 
Das Schimpfen der Fischweiber, Fuhrknechte und ähnlicher Persönlich¬ 
keiten ist bekannt und sprichwörtlich. Es ist zwar ein untaugliches 
Mittel und etwa dem gleich zu stellen, wenn der Wilde seinen Fetisch zer¬ 
schlägt, der ihn trotz aller Sühnen und Opfer im Stiche gelassen hat, 
aber es befreit beide von ihrem Drucke und ihrer Last mittels der Ver¬ 
änderung ihres Stoffwechsels und mittels der Beseitigung von dessen 
infolge der verlangsamten Gangphase des Rhythmus hervorgerufenen 
Stauung. Die Verstandestätigkeit ist allerdings in beiden Fällen noch 
sehr wenig beteiligt, die Einbildungskraft, die niederen Hirnzentren 
und die Tätigkeit der Reflexe überwiegen bei solchem Tun. Man 
darf indessen die Tätigkeit der Einbildungskraft, der Phantasie in 
ihrer produktiven und reproduktiven Gestalt nicht etwa niedrig schätzen 
wollen, zumal gerade die Synthese der Verstandestätigkeit mit der 
Phantasie, durch welche Synthese die Vernunft sich gestaltet, zu einer 
wirklichen Vorbeugung und Abwehr des Leidens werden kann, voraus¬ 
gesetzt, dass sie sich in eine wirkliche und wirkende Tat umsetzt. 
Ist dies nicht der Fall, so wird die Last des Widerstandes zu gross und 
sucht auf anderen Wegen Erleichterung. Die Wünsche, das Begehren 
treten an die Stelle des festen WillenB, der die Tat stets auslöst. Der 
Zwang, der das Individuum und häufig genug die Massen belastet, nimmt 
jedoch auch häufig seinen Ausweg in Liedern, in Dichtungen u. dgl. 
Bekannt ist, dass Goethe von seinen Gedichten berichtet, sie seien Ge¬ 
legenheitsgedichte, d. h. sie sind entstanden, um ihn seelisch und geistig 
zu befreien, ihn von dem Leiden und Schmerzen zu erlösen, die ihn be¬ 
drängten und bedrückten. Tassos Worte: „Und wenn der Mensch in 
seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide,“ bilden 
die beste Illustration für den Seelenzustand, in dem der mit künst¬ 
lerischer Phantasie und Kraft Begabte zum Lied und zur Leier greift, 
damit seine gemütlichen und intellektuellen Kräfte und Energien zur 
Einigung bringt und sich befreit Für die Massen ist das Volkslied von 
der gleichen Wirkung; seine Entstehung ist auf dem gleichen Grunde 
zu suchen. Es vermag der Bedrängnis der Massen, ihrem schweren 


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Herzen Luft zu schaffen und wirkt zugleich auf die befreiend, die in der 
gleichen Not sich finden; wie denn im letzten Grunde die Sprache an 
und für sich nicht etwa als eine blosse Assoziation zwischen Gedanken 
und Worten restlos aufzufassen ist, sondern einzig und allein dem Zweck 
einer Entlastung des mit Sprachfähigkeit ausgerüsteten Bewusstseins 
dient. Dies sogar häufig ohne Rücksicht auf Mitteilung an andere. 
Einen Beweis dafür können die Erfahrungen an geistig Erkrankten 
bieten (Logorrhöe usw.). Eine Befreiung anderer, höherer und erfreu¬ 
licherer Ar t bietet jede wahrhaft künstlerische Betätigung und deren Er¬ 
zeugnis in subjektiver wie objektiver Hinsicht. In dieser objektiven Hin¬ 
sicht übt aber seihst die einfachste, ungekünstelte, fast formlose Sprache, 
sogar bereits deren Tonfall, auf ihren Hörer eine befreiende oder hemmende 
Wirkung (Zauber-, Segens-, Trostsprüche, Krankheitsbesprechungen, 
Flüche) (usw.) Mit dieser Wirkung erklärt sich auch die sonst fast unbegreif¬ 
liche Gewalt und Schnelligkeit, mit der sich Volkslieder verbreiten. Daher 
bleiben auch ihre eigentlichen Verfasser unbekannt; denn sie haben mit ihren 
Liedern den Rhythmus getroffen, der im ganzen Volke spielt und daher 
in ihm sogleich, wenn nur angeschlagen, mittönt. Auf diesem Grunde 
ruhen die Wirkungen von Dichtungen, wie Faust, das hohe Lied, 
Hiob u. ä., die zur Weltpoesie zählen, weil sie nicht das Empfinden, die 
Stellungnahme, die Lust und Schmerzen nur eines Volkes, sondern der 
ganzen Menschheit, deren Weben Und Streben zum Vorwurf und 
Inhalt haben und überall und jederzeit in ihr sich findende ähnliche 
und gleiche Saiten anschlagen. Der Lehensgang eines Volkes zeigt sich 
in seinen Liedern und Dichtungen. Die Innigkeit und Kraft des deut¬ 
schen Volkes spiegelt sich ebenso in seinen Volksliedern, wie seine Ge¬ 
sundheit und sein biederer gerader Sinn in seinem Humor. Die Kriegs- und 
Soldatenlieder sind hierfür ein Beispiel. Die hebräischen und slavischen 
Melodien mit ihrer Schwermut, die Dichtungen der Propheten mit ihrer 
unverwüstlichen Hofinung, die Kirchenlieder mit ihrer Inbrunst und ihrem 
Vertrauen auf Gott und seine stete Hilfe sind gleichfalls nur der Aus¬ 
druck und Widerhall der Leiden, Schmerzen und Qualen, die dem Men¬ 
schen, gleichviel welcher Religion er sich auch zubekennt, widerfahren. 
Das jüdische Volk hat seine häufig gescholtene Ironie vornehmlich und 
ausschliesslich seinem Passionswege durch die Völker und Länder zu 
verdanken; denn in den Zeiten seiner Blüte, in seinem Heimatlande sucht 
man bei ihm diese Eigenschaft vergeblich; die Ironie stellt sich bei ihm 
erst ein als eine Korrektur und ein Ausfluss der Leiden, die es in 
der Fremde, im Exil und vornehmlich im Ghetto erfahren. Denn 
nur da tritt jene Gestaltung des Denkens und der Rede, die Ironie 
hervor, wo eine über ihre Umgebung innerlich überlegen sich dün¬ 
kende Persönlichkeit, oder Summe von Persönlichkeiten bzw. eine 
wirklich überlegene Person der ihr von dieser Umgehung aufgedrun- 


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genen Holle sich anpasst und aus dieser heraus redet und handelt. Das 
aus dieser Zwangslage entspringende Leid sucht das Individuum als¬ 
dann durch ein gewaltsames Zurückdrängen und Sichhinwegsetzen über 
sein eigenes Seihst, seine eigene Stimmung zu mildern und verfällt damit 
der Ironie, die durch ein Persiflieren der Umgehung, deren absichtliches 
Minderschätzen und Uebersehen bzw. Hinuntersehen auf sie und durch 
die gleiche Behandlung ihres Trägers selber diesen von dem ihn belasten¬ 
den Widerstreit und Zwange wenigstens innerlich befreit bzw. zu befreien 
sucht. Das sich auserwählt dtinkende Volk verspottet sich selber und seine 
Leiden, gerade weil es auserwählt ist, und wird und wurde damit zum 
Typus des Ironikers; denn es fühlte den Zwiespalt zwischen der ihm gewor¬ 
denen Verheissung und seiner tatsächlichen Lage, mag es nun diese freiwillig 
sich auferlegt haben oder in sie gewaltsam gekommen sein. Die ihm in 
seiner Absperrung durch das Ghetto täglich erwachsenden Schmähungen 
und Leiden suchte es gerade durch weitere Selbsterniedrigung und eine 
scheinbare Anerkennung der Ueberlegenheit seiner Peiniger zu mildem, 
weil es sie durch ein kraftvolles Tun nicht zu tilgen vermochte. Daher 
kam es zu seiner Ironie. Auch die romantische Ironie mit ihrem freien 
Schweben über allem sonst Gewerteten, ihrem verächtlichen Hinwegsehen 
über alles Bedingte, ihrem spöttischen Spielen mit dem eigenen Ich, der 
eigenen Stimmung, eigener und fremder Tüchtigkeit und Kunst, mit ihrer 
Zerrissenheit quillt aus einer ähnlichen psychologischen Quelle. Mag 
jedoch diese Ironie auch noch so negierend erscheinen, ihrem jeweiligen 
Träger verleiht sie eine positive Kraft und hilft ihm die Zeitepoche, aus 
der heraus sie in ihm entstanden, ertragen und überwinden. E. T. A. 
Hoffmann, Jean Paul, Schlegel, Tieck, Heinrich Heine, Friedrich Wil¬ 
helm IV, den man den Bomantiker auf dem Throne genannt, waren 
lebende Illustration des hier geschilderten, in den Zeitläuften, Verhält¬ 
nissen und der Persönlichkeit selber sich gründenden und aus ihnen 
quellenden seelischen Prozesses der Ironie. Sie verglichen allesamt die 
Hoffnungen und Versprechungen der Freiheitskriege mit der aus ihnen 
hervorgegangenen Wirklichkeit und verfielen, mangels an kräftiger Tat, 
der Romantik und Ironie, teilweise sogar auf Kosten ihres Talents 
und Charakters, wie sich dies ganz sichtbar bei Heine zeigt, der aller¬ 
dings zweifach belastet war, mit der Ungunst der Zeiten und wie er, sich 
selber verspottend, einmal sagt, mit seinem Judentum! 

Das Leiden erweist sich hiernach einerseits als ein aktiver, ander¬ 
seits als ein passiver, seelischer Vorgang. Aktiv und passiv zeigen sich 
in ihm als zusammengehöriges Element. Der aktive Prozess wird in 
dem ihn Uebenden stets einen Riss, einen Zwiespalt hervorrufen, dessen 
sich der Täter allerdings erst nach der Tat bewusst zu werden vermag, 
sobald seine Leidenschaft, sein Affekt, aus denen heraus und mit welchen 
das Leiden dem Widersacher zugefügt wurde, verflogen sind. Es folgt als- 


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dann die Reue der Tat auf dem Fusse, die indessen hierdurch nicht geändert 
werden kann; daher denn auch die Reue selber nicht zu billigen ist, die 
doch nie den Stachel, den die Tat an sich in dem Verletzten zurück¬ 
gelassen, völlig zu tilgen vermag. Die Reue hat auch nicht etwa ein 
Läuterungsmoment in sich, sondern setzt eher ihren Träger herab, weil 
sie ein Ausfluss der Furcht und des Mitleids ist, die beide nicht ethischen 
Motiven entspringen, sondern nur auf die eigenen, inneren, selbstischen 
Zustände und Beweggründe des Menschen zurückftthren. Daher denn 
auch Kant und Spinoza im Gegensatz zu Schopenhauer das Mitleid ab¬ 
lehnen, der es sogar zum Prinzip seiner Ethik erhoben hat. Hierin ganz 
konsequent seiner pessimistischen Lehre, die letzthin auf Autosuggestion, 
auf das Nirwana hinausläuft, gleich der buddhistischen und indischen, 
auf eine Identifikation unserer selbst mit dem Leidenden und damit auf 
schwächliche, blind treibende, die eigene liebe Persönlichkeit in letzter 
Instanz befriedigende innere, nicht von Erkenntnis und der gesetz¬ 
gebenden Vernunft geleitete Regungen und Gründe. 

Der gleichen Quelle, wie die Ironie, entspringt der Humor. Auch 
er ist imstande, das Gemüt und den Verstand von ihrer durch Leid und 
Schmerz verursachten Dissonanz zu lösen. Er erleichtert die Seele, bringt 
Verstand und Gemüt zur Einheit und Einigung und lässt sie bei allem tiefen 
Ernst der Sachlage sich als Ueberlegene fühlen, indem er sie das Heitere 
in ihm erblicken lässt, und dadurch den Ernst der Situation mildert und Vfet- 
klärt. Fritz Reuter mag hier zur Hlustration dienen; durch seine ganze Ver¬ 
anlagung, seine besondere Individualität und deren Heranbildung war er vor 
einer Milderung seiner Leiden mittels der Ironie gefeit. Wie aber Individuen, 
so werden auch ganze Zeiten und Völker in anderer, gleichwohl analoger 
Art und durch andere der jeweiligen Zeitepoche gemässe Mittel von ihren 
Leiden befreit, oder suchen sich wenigstens von ihnen zu befreien; und wie 
das Individuum zu verschiedenen Zeiten seines Lehens die verschiedensten 
Gefühle als Lust und Leid wertet und ihnen dementsprechend begegnet, 
so hat auch die Menschheit auf ihrem Entwickelungsgange von ihrem 
Ursprung bis auf den heutigen Tag dies getan. Auf der ersten Stufe stand 
der Mensch noch gleichsam stumm und starr den Qualen gegenüber, die 
ihm die Naturmächte bereiteten; er empfand wohl das augenblickliche 
Leiden und die gegenwärtige Lust, aber gleich dem Tiere vergass er sie 
ebenso schnell; der Rhythmus seines Lebensgefühls hatte sich noch nicht 
eingelebt und einleben können in die häufig wechselnden Gangphasen, 
in die er durch die in seinem Träger von der Natur her mittelbar er¬ 
regten Aktionen und Reaktionen versetzt wurde. Dazu waren auch das 
Gedächtnis oder die Quote der Erfahrungen, die der Mensch in seinen 
Anfängen hätte machen und sammeln können, noch zu gering. Daher 
war und blieb ihm als noch primitivem Geist auch der Blick in die 
Zukunft versagt. Vollends staunend und gänzlich betäubt stand er vor 

Zelts chrift für Psychotherapie. VII. 2 


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den katastrophalen Mächten der Natur, dem Donner und Blitz, dem Erd¬ 
beben, dem Ausbruch feuerspeiender Berge, dem Hereinbrechen von 
Sturmfluten u. a. m. Auch heute noch sind diese Naturkatastrophen 
mit den Leiden, die sie über die Menschheit bringen, für den Menschen 
überwältigend, zumal sie wahllos den Schuldigen wie den Schuldlosen 
ebenso wie ehedem treffen. Er steht ihnen indessen nicht mehr stumm 
und starr gegenüber, er fragt nach ihren Ursachen und hat, weil er, wie 
man dies ausgedrückt hat, ein fragendes Tier ist, im ganzen Grossen auch 
die Mittel erfragt und erforscht, durch welche er selbst diese ihm heute 
noch unvermeidlichen katastrophalen Leiden zwar nicht abwenden, aber 
lindern, ihr Nahen voraussehen und vor ihnen sich schützen kann. Der 
Mensch erduldet diese katastrophalen Leiden nicht mehr als passiver 
Dulder. Er ergeht sich darüber auch nicht mehr in zwecklose Klage 
und Anschuldigungen gegen Mächte und Gebilde, die er selber mittels 
seiner Phantasie und spekulativen Denkens sich geschaffen. Er illusio- 
niert und personifiziert nicht mehr die Naturmächte oder projiziert sie 
aus der Introjektion, die er an sich auf Grund seiner Umgebung und an 
der Natur auf Grund seiner Erlebnisse vollzogen hat, einerseits in die 
diesseitige Welt als kleinere gute oder böse Geister, andererseits in die 
jenseitige als eine Gottheit; denn diese ist doch nur das ins Groteske ver¬ 
zerrte und vergrö88erte Ebenbild des menschlichen Wesens selber, seiner 
Seele und gleichsam eine in dem Weltganzen wohnende, übernatürliche 
Zentralseele. Sonach im letzten Grunde ein krasser Anthropomorphismus. 
Er sucht vielmehr den Ursachen der Leiden selber nachzugehen, die in der 
Natur und heute vornehmlich in den ökonomischen und sozialen Verhält¬ 
nissen belegen sind; diese sucht er vielmehr zu erforschen, womit er zugleich 
die Mittel sie zu bekämpfen gewinnt. Die Stufen des passiven Erduldens, des 
Fetischismus, Totemismus, Animismus hat der Mensch im grossen Ganzen 
zwar überschritten und ebenso die Stufe, auf welcher er den mit seiner 
erst erwachenden Verstandestätigkeit und sie noch stark überwuchernden 
Einbildungskraft die von ihm geschaffenen Gebilde personifizierte, sie 
als drohende oder gütige Mächte anbetete und sogar ihnen sich selber 
zum Opfer zu bringen nicht scheute. Statt der Menschenopfer folgte 
jetzt die Stufe, auf der er seinen Gebilden Ströme von Blut unschuldiger 
Tiere weihte und mit ihm die Erde tränkte, indem er damit gleichsam 
sein eigenes Leiden auf das unschuldige Tier übertrug, das nicht gleich 
ihm fragen konnte: wozu, woher und warum? Je mehr die Verstandes¬ 
tätigkeit im Menschen rege wurde, um so stärker und lauter ertönte auch 
diese Frage, und dämmte nicht nur die allzustark hervortretende Phan¬ 
tasie, sondern zunächst wenigstens das Morden der unschuldigen Tiere 
ein. Schon die Propheten erheben Einspruch gegen die zahllosen Opfer 
und wollen den Menschen auf die Besserung durch ihn selbst, damit auf 
die Linderung seiner Leiden durch ihn selber verweisen und sein von 


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Zur Psychologie des Leidens. 


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Angst und Not bedrängtes und gequältes Inneres befreien. Lag hierin 
bereits ein Fortschritt, so auch in dem Hinweise auf ein besseres Jen¬ 
seits, der die vorhandenen und drohenden Uebel dadurch zu überwinden 
suchte und glaubte, wenn er die Leidenden dazu veranlasste vor ihnen 
die Augen zu schliessen und sich damit zu begnügen, dass als Ersatz 
in einer künftigen Welt die phantasiegeschmückten Freuden ihrer warten. 
Waren es vorerst auch nur Worte und Yerheissungen, die des Menschen 
innere Qual und äussere Leiden zu mildem suchten, so sah er doch 
nicht mehr nur und allein überall böse und drohende Mächte; er sah 
auch die gütigen, ihm Glück verheissenden. Sein Lebensrhythmus wurde 
und war auf eine andere Gangphase eingestellt. Durch das „Erkenne 
dich selbst“, die Mahnungen und frohen Botschaften, die ihm die Ver¬ 
mischung griechischer mit altindischer, altpersischer, asiatischer und jüdi¬ 
scher Weisheit hot, auf die von ihm selber anzubahnende und zu voll¬ 
endende eigene Läuterung seines Inneren und Aeusseren hingewiesen, 
fand er schliesslich die Handhabe, seine innere Freiheit auch wieder zu 
gewinnen und vermochte es damit die Leiden seines inneren Wesens 
durch die Tat, die durch eine solche Läuterung stete gefordert wird, zu 
tilgen. Rudimente dieser Stufe sind noch zahlreich und waren zeitweise 
in recht starkem Grade wirksam vorhanden. Wir finden diese Rudimente 
z. B. im AsketismuB, der den Gipfel der Verirrung und Abirrung von 
jenen den Menschen auf ihn selber hinweisenden Lehren eines Konfucius, 
Buddha, Jesus, Sokrates erstieg, indem er die Menschheit zum Kasteien, 
Peitschen, Fasten u. a. anhielt, zu einem im letzten Grunde doch nur 
recht rohen Ersatz für die Opferungen, die der Mensch vordem an sich 
selber und den unschuldigen Tieren vollzogen hatte. 

Ein ähnliches Rudiment kann man in dem Fatalismus, dem Quietis¬ 
mus und der Resignation erblicken. Der Fatalismus und pessimistische 
Quietismus haben im Abendlande allerdings kein rechtes Gedeihen ge¬ 
zeigt. Je näher nach Westen, desto weniger fanden sie Anhang. Das ist unter 
anderem eine Folge der gemässigten Zone unseres Klimas, das die in ihr 
wohnenden Menschen gleichsam von selber zur Tat drängt. Dafür hat 
sich der optimistische Quietismus um so mehr hier verbreiten können. 
Er ist es, der uns vorspiegelt: Die Welt ist einmal eine Welt der Leiden, 
und daher muss sich der Mensch mit ihnen abfinden. Die Formen ändern 
sich zwar, aber nicht ihr Inhalt. „Nichte Neues unter der Sonne.“ Die 
Welt ist zwar schlimm und böse, aber sie ist die bestmögliche. Nie war 
es anders, unsere Vorahnen haben gelitten, also muss auch uns das Leiden 
als ein Naturgesetz, als starr und unabänderlich gelten und getragen 
werden. Mit all diesen das Leiden beschönigenden und selbst verherr¬ 
lichenden Hinweisen, die aus der Not eine Tugend machen, wird der 
Mensch aber immer mehr der Sklave der ihn umgebenden ökonomischen 
und sozialen Verhältnisse; er wird von deren Erforschung abgelenkt und 


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damit auch von der Tat, die allein ihm helfen kann. Auf die aus diesen Ver¬ 
hältnissen fliessenden Leiden hat er jedoch heute mehr als je zu merken; denn 
die Naturkatastrophen mit ihren Lasten und die sonstigen aus der Natur 
ihm vordem entstandenen hat er zum grössten Teile bereits überwunden. 
Diese Letzteren engen sein inneres Wesen nicht mehr ein, seitdem ihm 
die Lehre Kants den Irrtum einer Vermischung zweier Welten, der dies¬ 
seitigen und jenseitigen, auch klar und unbarmherzig blossgelegt und vor¬ 
nehmlich seitdem die naturwissenschaftliche Forschung präzis und exakt 
die Gesetzlichkeit und die Zusammenhänge allen Geschehens nachgewiesen 
hat und täglich nachzuweisen am Werke ist. Religiöses Empfinden und 
wissenschaftliche Forschung haben sich seitdem reinlich geschieden, wenn 
auch Rückschläge hier, wie stets, nicht ausgeblieben sind und ferner nicht 
ausbleiben werden. Unsere Erkenntnis und Forschungsmittel sind zu 
einer Höhe angewachsen, die Erfahrungen, die von der Menschheit als 
Ganzem angesammelt worden sind, derartig geworden, dass sie gleichsam 
aus sich selber heraus zur Tat und Verwendung drängen. Waren vordem 
Resignation, Quietismus, Quäkertum, Pietisterei die Mittel, so ist jetzt 
das einzig Wirksame das tätige Eingreifen. Denn gerade der Handelnde, 
der Tätige besitzt ein Gegengewicht gegen blosse Gefühle und gegen die 
Schwere einer Lage und ihre Pein. Er stellt alle seine Energien auf die 
Bewältigung der Hemmungen und Fährnisse ein, die ihm drohen, und 
begegnet ihnen durch seine Tätigkeit, die ihn von Sentimentalitäten und 
trüben Gedanken fernhält und seine eigene Persönlichkeit in den Hinter¬ 
grund stellt. Der jetzige Weltkrieg mit seinen fast übermenschlichen 
Anforderungen an Geist und Körper bietet hierfür eine treffliche Hlu- 
stration. Vor allem bei denen in der Front. In Erich Everths Schrift: 
„Von der Seele des Soldaten im Felde“, „Bemerkungen eines Kriegs¬ 
teilnehmers“ (Eugen Diederichs Verlag, Jena, 1915) lesen wir u. a. für 
unser Thema gerade Bemerkenswertem, dass z. B. in der Atmosphäre der 
Front auch der Kriegsklatsch nicht existiert. Erst in den „rückwärtigen 
Verbindungen, Etappen, Lazaretten fängt diese Seuche“ wieder an. „Die 
Mehrzahl wird draussen stiller“, mancher, weil er zum ersten Male so 
tiefe „Blicke in das Lehen tat“ und mit der Verarbeitung grosser Er¬ 
lebnisse innerlich noch lange, selbst wenn er wieder in der Heimat ist, 
beschäftigt wird. Allein dieses derart scheinbar abgeschlossene und seine 
Erfahrungen in sich verarbeitende Ich vermag andererseits ohne jede 
Ueberwindung sich den grossen ethischen Zusammenhängen, in die es ge¬ 
stellt ist, unverweilt anzuschliessen, für deren grossen Zwecke tätig zu 
sein und vielleicht gar zu fallen. Millionen tun dies gleichsam sugge- 
stioniert. Die psychologischen Faktoren, die dies erleichtern, werden 
dem Einzelnen zwar, nie aber der grossen Masse klar und kommen ihr 
nicht zur vollen Einsicht. Erst später gelangen selbst die Einsichtigen zu 
der Ueberlegung, zu der Ueberzeugung, dass der Zweck, für den sie sich 


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Zur Psychologie des Leidens. 


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einsetzten, auch des Einsatzes wert war und sein musste, dass er ein 
höherer und grösserer ist als die einzelne Persönlichkeit, die aus ihrem 
blossen Gefühl heraus für jenes Ziel Tod und Gefahren auf sich nahm. 
Wahrhaft lebensfähig, lebenswert und der Opferung des Lebens für ihn 
würdig wird dieser Zweck aber erst dann, wenn er die Persönlichkeit 
als einen ihm organisch zugehörigen Bestandteil anzuerkennen und zu 
werten sich nicht sträubt, und in der Integrität und Wahrung der Würde 
der Persönlichkeit zugleich seine eigene, des Staates und des Ganzen, 
Würde und Unversehrtheit eingeschlossen sieht. 

Allein selbst das tätige Eingreifen unterscheidet sich nur dem Grade 
nicht der Art nach von den in den vorhergegangenen Entwickelungs¬ 
stufen gebrauchten Mitteln, die doch alle der gleichen Tendenz nach 
Befreiung von den auf der Menschheit lastenden und beengenden inneren 
und äusseren Leiden dienen sollten und dienten. Lust und Versöhnung 
mit dem Leben selber, mit dessen den Menschen bedrängenden und be¬ 
drohenden unbekannten Kräften und Mächten, das durch diese selber 
hervorgerufene Verlangen und Streben, die Rhythmen der Zeiten in eine 
andere Gangphase zu bringen und zu leiten, da die herrschende das 
Leben zu zerstören drohte, wenn ihr nicht der Ausgleich durch die nieder¬ 
gehaltene kam, das allein ist das Eigentliche, das sich in allen Ent¬ 
wicklungsphasen der Menschheit von ihrem Beginn an bis auf die heutige 
zur Geltung bringt. Ob die Entwickelungsstufe nur vorherrschend erst von 
der Phantasie erfüllt ist, ob von der erst erwachenden Verstandestätig¬ 
keit, mag diese jene, oder umgekehrt überwuchern und meistern, immer 
bleibt der Grundton erhalten, der in dem Widerstand gegen das Leiden 
und in dem hierdurch erforderten, der Entwickelungsphase gemäss ge¬ 
brauchten, oft genug aber als untauglich sich erweisenden Mittel liegt. 
Phantasie, Phantasmen, Spekulationen, Gedanken und letzthin ernster 
Willen und wirkliche Tat kennzeichnen den bisherigen und zukünftigen 
Entwickelungsgang und Kampf der Menschheit gegen das Leiden. Die 
rechte Tat, der wir noch entgegenzusehen haben, liegt in der Synthese, 
in der Vereinigung, welche der Verstand mit der Phantasie in allen ihren 
Arten einzugehen hat, durch die er einheitlich durchdrungen, zur Ver¬ 
nunft und wahren Erkenntnis erweitert und emporgehoben werden kann. 
Hieraus wird erst die rechte Tat gezeugt, die aus Vernunft geboren, 
auch der ökonomischen, sozialen Verhältnisse Meister zu werden und 
deren Nöte im gesellschaftlichen, religiösen, sozialen und staatlichen Leben 
nicht nur zu mildern, sondern auch zu tilgen vermag. Wie volle Er¬ 
kenntnis und tiefes Gemüt uns Leiden und Schmerzen erst bringen, so 
sind sie es, die sie völlig ausmerzen können, wenn sie sich nur in die 
durch sie befruchtete Tat umsetzen. Das liess sich psychologisch, physio¬ 
logisch und soziologisch nachweisen und kann zugleich zu einem Beweise 
für die alles Leben und Dasein letzten Endes durchdringende Einheit dienen. 


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Max Cohn: Zur Psychologie des Leidens. 


Das Resultat unserer Betrachtungen lässt sich kurz dahin zusammen- 
fassen. Das Leben ist ein allgewaltiger Prozess, der in einem grossen 
alle Lebewesen umfassenden und einer jeden von deren Arten besonders 
eigenen Rhythmus verläuft, dessen auf- und absteigende Gangphasen 
mittlerer Reizwirkungen bedürfen, um ihn und damit das Leben selber 
zu erhalten. Diese auf- und absteigenden Geschwindigkeitsänderungen 
des Lebensrhythmus imponieren in höher organisierten, zum Empfinden 
und einem höheren Gedächtnis fähig gewordenen Lebewesen als eine 
Mischung von Lust und Unlust. Diese Mischung von Lust und Unlust, 
als den allgemeinen Grundgefühlen, mit denen sich andere Gefühle ver¬ 
binden, macht psychologisch angeschaut das Leben dieser Lebewesen aus. 
Aus dem Kampf und Ausgleich von Lust und Unlust und den ihnen sich 
zugesellenden Komplexionen schälen sich beim höchstorganisierten Lebe¬ 
wesen, dem Menschen, Schmerz und Leiden, Freude und Wohlergehen 
heraus. 

Wer den Sinn, den Zweck des Lebens allein im Leiden findet und 
sieht, hat seinen Lohn dahin. Dies entspricht seiner Individualität, seiner 
Eigenheit, seinem überkommenen durch Umgebung, Gewöhnung, Erziehung 
hinzuerworbenen Erfahrungsschatz, den ihm eignenden Gefühlszuständen, 
seinem Temperament und seiner Phantasie. Allein das Leben erhebt aus 
sich selber heraus energischen Protest gegen solche Einseitigkeit; denn 
es wurzelt im Kampf und Ausgleich, ist Kampf und Ausgleich. Es will 
sich selber behaupten und behauptet sich nur durch Abwehr von Schmerz 
und Leid, durch deren Milderung in irgend einer der geschilderten Formen. 
Die rechte und wirkliche Abwehr allen Leidens kann jedoch nur mittels der 
Vernunft-Tat dem Menschen werden, die durch verständige Einsicht und 
durch die dieser zur harmonischen Einigung und Einheit vermählte Phantasie 
gezeugt wird. Diese Entwickelungsphase des uralten Kampfes der Mensch¬ 
heit mit ihrem Leiden steigt herauf. Sieg verheisst in diesem Kampfe 
einzig und allein die vemunftgeborene Tat, der aus der Menschheit selber 
geborene „Logos“. Allerdings ein unendliches und unendlich fernes Ziel, 
mit dessen Verwirklichung das Leben selber seinen Gleichgewichtszustand 
und sein Ende fände. Zum Lehrer und Wegweiser auf dieser unend¬ 
lichen Bahn kann wiederum Goethe mit seinen für alle Zeiten und 
Lagen beherzigenswerten Worten uns dienen: 


„Feiger Gedanken 
Bängliches Schwanken 
Führt Dich nicht aufwärts, 
Macht Dich nicht frei! 
Allen Gewalten 


Zum Trotz sich erhalten, 
Nimmer sich beugen, 
Kräftig sich zeigen, 

Rufet die Arme 
Der Götter herbei.“ 


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Arno Fachs: Die heilpädagogische Sprechstunde. 


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Die heilpädagogische Sprechstunde. 

Von Arno Fuchs, Direktor der städt. Hilfsfortbildungsschule in Berlin. 

Wie das Berliner Gemeindeblatt und die Tageszeitungen im Februar 
d. J. mitteilten, hat das Schulwesen Berlins durch die Einrichtung einer 
„heilpädagogischen Sprechstunde“, die der Verfasser dieser Mitteilung ab¬ 
hält 1 ), eine Ergänzung erfahren. Es dürfte für manchen von Interesse 
sein, über die Entstehung und Aufgabe derselben etwas Näheres zu hören. 

Es lag in der Natur der bisherigen und jetzigen Tätigkeit des Ver¬ 
fassers, dass er seit Jahren von Eltern geistig schwacher und eigentüm¬ 
licher Kinder um pädagogischen Bat angegangen wurde. Die Menge der 
Anfragen und die Mannigfaltigkeit des Kindermaterials, das zur Begut¬ 
achtung vorgestellt wurde, waren ein deutlicher Beweis dafür, dass in 
einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung das Bedürfnis nach einer 
ständigen Auskunftsstelle für heilpädagogische Fragen bestand. Anderer¬ 
seits erschien es als eine selbstverständliche Notwendigkeit, in dem ge¬ 
waltigen Schulorganismus Berlins, der etwa 2500 Hilfsschulkinder, 1000 
Hilfsfortbildungsschüler und -Schülerinnen, 200—300 geistesschwache und 
epileptische Anstaltszöglinge, eine Anzahl von der Schulpflicht befreite 
und im Elternhaus weilende schwer Schwachsinnige, mehrere auf städtische 
Kosten unterrichtlich versorgte schwer kranke Privatschüler, zahlreiche 
Fürsorgezöglinge und schliesslich die nicht kleine Gruppe der patho¬ 
logischen Naturen in unseren höheren und niederen Normalschulen um¬ 
fasst, eine Stelle geschaffen zu sehen, welche besorgten Eltern einen 
objektiven und fachmännischen Rat unentgeltlich erteilen könnte. Da 
die Eltern zu jeder Zeit mit Anfragen an den Verfasser herantraten, sah 
er sich im Hinblick auf seine Berufsarbeit veranlasst, die Raterteilung 
auf bestimmte Stunden in der Woche zu verlegen. Die städtische Schul¬ 
behörde (die Deputation für die Fortbildungsschulen und die Schuldepu¬ 
tation) hat diesem Vorhaben zugestimmt und die Einrichtung selbst ge¬ 
billigt. Die heilpädagogische Sprechstunde ist also in gewissem Sinne 
eine städtische Einrichtung und gewinnt als solche sozialpädagogische 
Bedeutung. 

Das Arbeitsgebiet der „heilpädagogischen Sprechstunde“ ist durch 
das bisher beobachtete Bedürfnis genau begrenzt. Es erstreckt sich auf 
alle die Kindesnaturen, die in ihrer Erscheinung oder im Urteil der Er¬ 
zieher so erheblich von der Normalität abweichen, dass besondere Mass¬ 
nahmen zu ihrer erziehlichen Behandlung erforderlich erscheinen; es um¬ 
fasst also die pädagogischen Fehler, die auf Begabungsunterschiede, 
Willensschwankungen, gesunde Eigenart innerhalb der normalen Sphäre 


*) Jeden Donnerstag von 10—12 Uhr vormittags im Schulhause Bergstr. 58. 


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Arno Fuchs 


zurückzuführen sind, nicht, wohl aber die Grenzfälle. Im einzelnen 
kommen folgende 4 Formen in Betracht: 

1. Kinder mit Intelligenzschwäche, also alle Grade der mangel¬ 
haften Begabung, von der schwachen Beanlagung bis zum schweren 
Schwachsinn und zur Bildungsunfähigkeit. 

2. Kinder ohne Intelligenzschwäche, aber mit psychischen Eigen¬ 
tümlichkeiten, z. B. mit psychischen Schwankungen, Nervosität, Ueber- 
empfmdlichkeit, starker Reizbarkeit, Ermüdbarkeit, mit Zwangsvorstel¬ 
lungen, Schwermut, schweren psychischen Störungen, Jugendirresein usw. 

3. Kinder mit schwererziehharem Charakter, also alle Erscheinungen 
von der schwer zu behandelnden Ungezogenheit bis zu dem auf Ab¬ 
normität zurückzufuhrenden Widerstand gegen die Erzieher, z. B. bei 
sittlicher Unempfindlichkeit. 

4. Die Grenz- und Mischfälle von physischen Mängeln und Leiden 
und psychischen Abschwächungen, Eigentümlichkeiten und Störungen. 

Da diese Erscheinungen alle Altersstufen und z. T. auch alle In¬ 
telligenzgrade der Jugend betreffen, so will die Neueinrichtung wirklich 
der gesamten pathologischen Jugend und allen Schulen dienen. 

Die Aufgabe der heilpädagogischen Sprechstunde besteht in der 
richtigen Beurteilung jedes einzelnen Falles und in der Raterteilung über 
die zweckmässigste pädagogische Heilbehandlung. Die erstere wird er¬ 
reicht werden durch genaue Feststellung der Erscheinungen, Erfassung 
der wesentlichen Fehler und Scheidung derselben von den begleitenden, 
sowie Klarstellung der Ursachen und Veranlassungen, soweit sie für die 
Behandlung oder Beurteilung des Falles Bedeutung haben könnten. Die 
zweckmässigste Heilbehandlung wird eine Wahl treffen unter den ge¬ 
eigneten Schulen, Anstalten und sonstigen Unterbringungs- und Bildungs¬ 
gelegenheiten, unter den passenden Haupt- und Nebenbeschäftigungen und 
unter den pädagogischen Mitteln zur Vorbeugung, Begegnung, Ableitung 
und Verhinderung pädagogischer Fehler und psychischer Eigentümlich¬ 
keiten. Hierbei bieten das Berliner Schulwesen mit seinen gut differen¬ 
zierten Ausbildungsgelegenheiten und die zahlreichen öffentlichen und 
privaten Sanitäts- und Wohlfahrtseinrichtungen der Großstadt eine reiche 
Auswahl für die Raterteilung, der sich natürlich auch ein Bescheid über 
die seitens der Eltern einzuschlagenden Wege anzuschliessen haben wird. 
Andererseits wird das zur Vorstellung kommende Schülermaterial die 
Lücken in den gegenwärtig vorhandenen Unterbringungsgelegenheiten 
deutlicher erkennen lassen und zu bestimmten Forderungen Anlass geben. 

Die Eltern und Erziehungsverpflichteten pathologischer Kindes- 
naturen werden am Ende ihrer Selbsthilfe angelangt sein, sobald sie zu 
der Ueberzeugung kommen, dass sich die in der Belehrung, Erziehung 
und Behandlung des Kindes bemerkbar machenden Hemmnisse nicht 
durch die gewöhnlichen Mittel der Schule und des Hauses beheben lassen, 


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Die heilpädagogische Sprechstunde. 


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also sobald das Kind trotz aller Nachhilfe hinter Gleichaltrigen weit 
zurückbleibt oder sich in Eigenart und Charakter auffallend von der 
Gesellschaft der Normalen abhebt und entfernt. In den allermeisten 
Fällen sind die Eltern zuerst nicht in der Lage gewesen, die Erscheinung 
richtig zu beurteilen. Die angewandten Mittel (Nachhilfe, körperliche 
Pflege, Ueberredung, jede Form der Strafe) haben sämtlich versagt, wenn 
nicht sogar schlimmere Erscheinungen hervorgerufen. Meist wird die 
gesteigerte Sorge um das Wohl des Kindes die Veranlassung sein, dass 
die Eltern die Sprechstunde aufsuchen. 

In der Regel wird der pädagogische Rat erst nach dem ärztlichen 
(psychiatrischen) eingeholt werden. Da die „Sprechstunde“ kein anderes 
Ziel verfolgt als das Wohl des zur Begutachtung vorgestellten Kindes 
und die Bedeutung der ärztlichen Behandlung pathologischer Naturen für 
jeden Einsichtigen klar liegt, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die 
„Sprechstunde“ einer Vernachlässigung des ärztlichen Rates und der 
ärztlichen Behandlung entgegenarbeiten wird. Ebenso selbstverständlich 
ist die Ueberweisung aller nicht in das Arbeitsgebiet der „Sprechstunde“ 
gehörenden Fälle an die zuständigen pädagogischen und medizinischen 
Einrichtungen. 

Ueber den Ausbau der „heilpädagogischen Sprechstunde“ kann zur 
Zeit nichts Bestimmtes gesagt werden. Er wird sich in der Hauptsache 
nach innen zu vollziehen haben, d. h. hinsichtlich der Vervollkommnung 
der Beurteilung und Raterteilung. Die Ergebnisse der modernen Psycho¬ 
logie und die zahlreichen praktischen Bestrebungen auf dem Gebiet der 
Heilpädagogik werden diesem Ausbau zu Hilfe kommen. Eine besondere 
Teilaufgabe wird sich im Laufe der Zeit in der Sichtung und wissen¬ 
schaftlichen Verwertung des reichen und mannigfaltigen Beobachtungs¬ 
materials ergeben. 

Der ausserordentlich starke Zuspruch, den die „heilpädagogische 
Sprechstunde“ während der ersten Wochen ihres Bestehens erfahren, und 
die Teilnahme, die sie seitens verwandter Erziehungsbestrebungen ge¬ 
funden hat, lassen den Schluss zu, dass sich der Interessentenkreis der 
Eltern und Erziehungsverpflichteten bald um die besonderen öffentlichen 
und privaten Erziehungseinrichtungen erweitern wird, insofern sich auch 
staatliche und private Anstalten, die Fürsorgeerziehung und die Vormund¬ 
schaft der „Sprechstunde“ zwecks Erlangung eines pädagogischen Gut¬ 
achtens bedienen werden. In dieser Richtung dürfte sich also ihr äusserer 
Ausbau bewegen. 


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Alexander Neuer 


Wandlungen der Libido. 

An C. 0. Jungs Versuch einer Darstellung der 
psychoanalytischen Theorie aufgezeigt 

(Jahrb. f. psychoanalytische und psychopathologische Forschung. V. Bd., 1. Hälfte, 1913). 

Von Dr. Alexander Neuer (Wien). 

„Es war mein Bestreben, gewisse von den Freudschen Hypothesen 
abweichende Ansichten nicht als kontradiktorische Behauptungen auf¬ 
zustellen, sondern als organische Weiterentwicklung der von Freud ein¬ 
geführten Grundgedanken darzustellen.“ So schreibt Jung in diesem 
Versuche, den er in Form von Vorträgen in New-York September 1912 
gehalten hat. — Wir bestreiten beides: wir wollen erweisen, dass seine 
Behauptungen zu denen Freuds im kontradiktorischen Gegensätze stehen 
und dass seine Erweiterungen nicht organisch aus Freud, auch nicht, wie 
er jeder Kritik zuvorkommend betont, „aus der blauen Luft herunter¬ 
geholt“ — sondern ganz unorganisch aus einem Gedankensystem 
geflossen sind, das den Psychoanalytikern aller Schattierungen, ja selbst 
Jung bekannt sein dürfte. Die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft 
geht aber keinesfalls soweit, auch in Neulingen Adepten zu sehen und 
ein fremdes Gedankensystem — wohlgemerkt ein System — als Gemein¬ 
gut zu betrachten. Wenn, auf Seite 416, Maeder, nur so nebenbei 
und in Paranthese, als Quelle dieser „organischen Weiterentwicklung“ 
erwähnt wird, geschah es in der deutlichen Absicht, Alfred Adler 
als Vater dieses Systems zu nennen, da ja ein Blick in dasselbe Jahrbuch 
genügt hätte, die ganz belanglose Verteidigung der Autorschaft 
Maeders zu lesen, die offenkundig die Priorität Adlers zugibt. 

Doch alles wird sich am besten im Zusammenhang der Darstellung 
des Jung sehen Versuches ergeben. Unser Autor geht also zunächst von 
den Wandlungen der Freud sehen Theorien aus, denen er scheinbar als 
getreuester Anhänger durch dick und dünn nachfolgt und die er gegen 
jedweden böswilligen Angriff der Gegner verteidigt, welche er, wie es 
scheint, für moralisch und intellektuell minderwertig hält. Doch folgen 
wir ihm auf diesem Weg, der wahrlich ein Passionsweg ist. Da ist es 
zunächst die Traumatheorie, die Jung höher wertet als die Theorie 
von der blossen Psychogeneität Charcots und die „abgesehen von den 
puncto Gründlichkeit wahrhaft vorbildlichen Symptomanalysen (S. 309) 
den Begriff der Autosuggestion zu ersetzen berufen war. Aber „obschon 
die tatsächlichen Entdeckungen von Breuer und Freud unzweifel¬ 
haft richtig sind“ (! S. 310), so müsse man doch gewisse Ein wände 
erheben: die Traumatheorie erweist sich als Dispositionstheorie und wird, 
weil zu extrem, verworfen. Das wäre kontradiktorisch — deshalb liegt 
schon der Keim zur Ueberwindung dieser Dispositionstheorie in F r e u d 


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Wandlungen der Libido. 


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selbst und muss nicht erst von aussen herangebracht werden: dieser 
Keim ist die Lehre von der Verdrängung, die einer Milieutheorie besser 
entspricht; denn „der Verdrängungsbegriff enthält Ansätze zu einer 
Milieutheorie, während der Traumabegriff Dispositionstheorie ist“ (S. 313). 
Nur weil Freud dies tibersehen hatte, konnte er seine Theorie 
vom sexuellen Kindheitstrauma begründen. Ihr wurde „in Deutschland 
der Kredit überhaupt abgeschnitten“, und zwar, ruft Jung voller Empö- 
rung gegen die wissenschaftlichen Banausen, aus moralischen Gründen. Und 
fügt hinzu: „Man kann die Beobachtungen meinetwegen unwahrschein¬ 
lich finden, aber es ist unmöglich, dass sie apriori als falsch angesehen 
werden“. Wir antworten: Solange die Tatsachen der Freud-Schule 
nicht eben Tatsachen, sondern immer schon im Sinne der Theorie kon¬ 
struierte (und au coin du sexe gesehene) Tatsachen sind, solange werden 
es sich die „Freudianer“ gefallen lassen müssen, nicht in ihren Tat¬ 
sachen, sondern in ihrer Theorie, d. h. apriori bekämpft zu werden. 
Ausserdem nimmt die Zahl der einseitigen Kritiker, d. h. im J u n g sehen 
Sinne solcher, die der Stimme ihrer Moral bei derartigen Untersuchungen 
Schweigen gebieten, von Jahr zu Jahr zu, und ich meine, das ewige 
Klagelied der Freud- Schule gegen die vorurteilsvollen Kritiker sollte 
bereits ein Ende genommen haben. Doch wozu regen wir uns denn auf 
— wer da meinen sollte, jetzt trete Jung für Freud und gegen die 
Opposition auf, irrt. Das war nur Schein, nur der Mantel, in den gehüllt 
er für Freud sprechen, aber gegen ihn kämpfen konnte; denn in 
Wirklichkeit nimmt er sich selbst die Moralpredigt der Banausen zu 
Herzen und — desexualisiert das Sexuelle. Uns erscheint dies natürlich 
als „kontradiktorische“ Absage an Freud, ihm selbst als Weiter¬ 
entwicklung der Lehren seines Meisters. Interessant ist nun die Art 
und Weise dieser Kastration: man spanne den Begriff der Sexualität 
so lange, bis alle Triebe und Funktionen der Selbst- und Arterhaltung 
in ihm Platz finden, bis er schliesslich zum Begriffe des Lebens wird, 
und man gewinnt eine Vorstellung von dem, was Libido für Jung wird. 
Nun, eine Nomenklatur mag konventionell sein, dagegen kann man nichts 
einwenden; sie ist weder falsch, noch wahr, — aber sie muss praktisch 
sein und darf nicht im Verlaufe der Untersuchung erfüllt werden von 
jener Bedeutung, die man dem Worte sonst zu geben gewohnt ist. Des¬ 
halb ist Libido ebenso unpraktisch wie Sexualität. Denn wenn für die 
erweiterte Bedeutung das Wort Sexualität nicht reicht, wie Jung gegen 
Freud (wir betonen, mit Recht!) einwendet, dann darf man nicht in 
denselben Fehler verfallen und das Wort Libido einführen, weil 
Cicero, Sallust u. a. das Wort im Sinne „leidenschaftliches 
Begehren“ gebraucht haben. Jedenfalls erscheint es ganz eigenartig, gegen 
die Opposition entrüstet aufzutreten und dann schliesslich mit den Mit¬ 
teln der Opposition (diese Einwände wurden wiederholt von Freud- 


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Alexander Neuer 


gegnern geäussert, siehe Isse'rlin, Kronfeld, Mittenzwey 
u. a.) seinen Meister anzugreifen, während man im Herzen bereits der 
geschmähten Opposition angehört. Es erscheint eigenartig und wenig 
bequem, weil man, wie Hinrichsen jüngst äusserte, in der Theorie 
besser auf einem Beine, dem Ichtrieb-Beine, als auf zwei steht (gemeint 
ist das Sexualtrieb-Bein). Doch das nur nebenbei. Folgen wir dem 
Eskamotieren: denn jetzt verschwinden die Spezifika Freud scher 
Theorie; nichts ist es mehr mit der Sexualität des Säuglingssaugens und 
-lutschens, nichts mehr mit der des Nägelkauens, Nasen- und Ohren¬ 
bohrens, und kein Oppositioneller hätte es besser ausdrücken können, als 
Jung selbst, wie nichtssagend die Sexualität wird (leider sieht er es 
nicht bei seiner Libido), wenn er auf Seite 325 sagt: „Stellte man sich 
aber auf den Standpunkt, das Streben nach Lustgewinnung als sexuell 
aufzufassen, so müsste man paradoxerweise auch den Hunger als ein 
sexuelles Streben auf fassen; denn er strebt nach Lust in der Befrie¬ 
digung.“ Aber Jung glaubt Freud zu retten oder gibt sich 
wenigstens den Schein, wenn er bald darauf sagt: „Damit soll kein 
Tadel ausgesprochen sein: wir müssen im Gegenteil froh sein, dass es 
Männer gibt, die den Mut der Masslosigkeit und Einseitigkeit haben.“ 
Und so zerfasert er nach und nach und alles, was wir gewohnt waren, als 
Freuds „tiefste“ Intuitionen anzusehen: die polymorph-perverse 
Sexualität des Kindes, seinen Autoerotismus, die Lehre von den erogenen 
Zonen — und schliesslich kann aus diesem Hexenkessel der Sexualität 
bloss — Robert Mayer retten. Man lache nicht, denn diese Unge¬ 
heuerlichkeit hat ihren Sinn. Ich will ihn zu deuten versuchen. 

Die vielgeschmähte Opposition hatte der Freud sehen Theorie 
vorgeworfen, sie arbeite mit einem metaphysischen Begriff vom Unbe¬ 
wussten. Wie überall, steht auch hier J u n g in beiden Lagern. Und so 
ist er gleich bereit, dem Kritiker entgegen zu kommen, im Unbewussten 
einen „lediglich negativen Grenzbegriff“ im Sinne Kants zu sehen. 
Für ihn ist, wie er versichert, das Unbewusste keine Entität, sondern 
bloss „Terminus, über dessen metaphysische Wesenheit er sich keinerlei 
Vorstellungen zu machen gestattet“ (S. 357), was ihn aber trotz 
dieser Versicherung nicht hindert, ein naiver und dogmatischer Vita¬ 
list zu sein. Man denke nicht, ich konstruierte das in ihn hinein. „Ich 
kann nicht umhin zu bemerken, dass die Analogie mit dem Gesetze der 
Erhaltung der Energie sehr nahe liegt, indem man hier wie dort, wenn 
man sieht, dass ein Energieeffekt erlischt, fragen muss, wo die Energie 
unterdessen wieder aufgetaucht ist. Wenden wir diesen Gesichtspunkt 
als ein heuristisches Prinzip“ (eine heutzutage beliebte Ausrede aller 
derer, die durch ein Hinterpförtchen in die Metaphysik eindringen wollen, 
weil der Positivismus den Eintritt durchs Haupttor verbietet) „auf die 
Psychologie eines Menschenlebens an, so werden wir überraschende Ent- 


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Wandlungen der Libido. 


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deckungen machen. Wir werden dann sehen, wie die heterogensten 
Phasen psychologischer Entwicklung eines Individuums in energetischer 
Wechselbeziehung stehen. Wenn immer wir sehen, dass ein Mensch 
irgendeinen Spleen, eine krankhafte Ueberzeugung oder irgendeine über¬ 
triebene Psyche hat, so wissen wir: hier ist zuviel Libido, also ist das, 
was zu viel ist, irgendwo anders weggenommen, wo infolge dessen zu 
wenig ist“ (S. 330). — Und da höhnen die Herren Empiriker die Philo¬ 
sophen und treiben solche Kindereien! Jung dürfte sich zwar auf die 
Lehren von 0 s t w a 1 d und Wentscher berufen können: auch diese 
wollten zur Rettung des Konstanzprinzips der Energie und 0 s t w a 1 d 
ausserdem wegen seines Monismus, im Psychischen bloss eine unter den 
vielen Modifikationen der alleinigen Weltenergie sehen. Und so stehen 
wir jetzt nach Ueberwindung des psychosexueilen Materialismus 
F rends auf dem „empirischen“ Boden eines psycholibidinuosen 
Energetismus J u n g s. Nur mag sich Jung nicht als Entdecker dieses 
psychischen Energetismus gerieren; denn schon Breuer erwägt in den 
Studien über Hysterie, ob es sich um eine physische oder psychische 
Energie handelt, die bald vergrössert, bald verringert wird. Jedenfalls 
wird man sich für die Zukunft zur besseren Würdigung der Wandlungen 
der Libido bei Jung folgende Gleichungen merken: Libido ist 
psychische Energie, ist weiter gleich Schopenhauers Wille, ist 
schliesslich gleich Lebenskraft, denn „es kann uns nicht stören, wenn 
man uns Vitalismus vorwirft“, sagt Jung auf Seite 342. Das ist zwar 
kein Schimpfwort, aber zwei Zeilen weiter empfindet es J u n g doch als 
solches: „Wir sind von dem Glauben an eine spezifische Lebenskraft 
ebenso weit entfernt wie von anderer Metaphysik. Libido soll der Name 
sein für die Energie, die sich im Lebensprozess manifestiert und die sub¬ 
jektiv als Streben und Begehren wahrgenommen wird. Es wird wohl 
kaum nötig sein, diese Auffassung zu verteidigen“ (s. 342). Nein, es 
wird wohl kaum nötig sein! Noch dazu, wenn man den Grund hört: 
„Wir schliessen uns damit bloss einer mächtigen Zeitströmung an, welche 
die Welt der Erscheinungen energetisch begreifen möchte!“ So wird 
auch der Schwache stark: Wahrlich, dann hat man es wirklich nicht mehr 
nötig, diese Auffassung zu verteidigen. Dann mag ruhig die Urlibido 
Wachstumsenergie sein, dann mag sich ruhig diese Urlibido differen¬ 
zieren und desexualisieren, dann mag sie sich zunehmend aufzehren, fort¬ 
pflanzen und entwickeln — denn dann wird man auch verstehen, wie 
sie plötzlich Fonction du r6el wird; denn jetzt ist alles möglich! Ich weiss 
nicht, ob man sich, wenn man die Wahl zwischen Freud scher und 
Jung scher Metaphysik hätte, nicht doch lieber für die des Lehrers 
entschlösse. Aber im tiefsten Grunde ist eigentlich Jung unschuldig. 
Sein Wille war gut; er wollte, wie Adler dies als erster der Schule 
getan hat, „dem Libido-Begriff Luft schaffen und ihn aus der engen 


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Alexander Neuer 


Umschnürung in seiner sexuellen Fassung herausholen.“ Aber statt sich 
auf den Ichtrieb zu berufen — Adler gebrauchte früher Nietzsches 
„Wille zur Macht“, wählt aber heute den ganz neutralen Begriff der 
Expansionstendenz — drückt sich Jung an diesem ihm bekannten 
Begriff vorbei, muss so beiläufig gesprächsweise von Claparöde hören, 
man könnte statt Libido ebensogut „Interet“ sagen, folgt aber dieser 
warnenden Stimme nicht und gerät in diese vorempedokleische Libido¬ 
theorie. Das sinkende Schiff hat er verlassen — aber das Ufer hat er 
nicht erreicht. Kritik und Apologie, beides missglückt ihm. Selbst unter 
den heftigsten Angriffen gegen Freud sah ich noch keinen, der so die 
Schwäche des Meisters entblösste, wie dieser: „Wir müssen froh und 
dankbar sein, dass Freud den Mut hatte, diesen Weg (gemeint ist der 
irrtümliche Weg der Psychoanalyse, der „durch die irreführende Ten¬ 
denz des Kranken“ gewiesen wurde) sich führen zu lassen. Nicht solche 
Dinge hindern den Fortschritt der Wissenschaft, sondern das konser¬ 
vative Festhalten an einmaligen Einsichten, der typische Konserva¬ 
tivismus der Autorität, die kindische Eitelkeit des Gelehrten auf sein 
Rechthaben und seine Angst, sich zu irren“ (S. 350). Wer anders, als 
Freud ist hier gemeint? Gegen diesen Vorwurf müssen selbst Gegner 
ihn in Schutz nehmen. Wenn man auch alle die sogenannten Tatsachen 
bestreiten kann und wird, zweierlei wird man anerkennen müssen: Die 
Tendenz und die Theorie. Freud hat der Tendenz nach eine Individual¬ 
psychologie begründen wollen, wenn auch nicht von Anfang an, und dies 
tut der Gegenwart not — und seine Theorie ist zum mindesten vom 
ästhetischen Gesichtspunkt ein einheitliches Ganzes, das, wenn auch kühn 
konstruiert, weitaus die verworrenen Halbheiten der Jung sehen Hypo¬ 
thek überragt. Schon deshalb können wir es nicht als Rettung 
F r e u d s betrachten, wenn man ihm dös einzige nimmt, worin er der 
Freud ist, von dem Gegner und Anhänger reden. Und das tut Jung 
auf Seite 339: „Um unserer Opposition (sc. gegen die Metaphysik) aber 
kein Unrecht zu tun, muss auch hervorgehoben werden, dass die psycho¬ 
analytische Schule selber, wenn auch unschuldigerweise, reichlich Anlass 
zu Missverständnissen gegeben hat. Eine Hauptquelle dafür ist die Ver¬ 
worrenheit auf theoretischem Gebiete. Wir haben leider keine sehr 
präsentable Theorie... Im Gegensätze zu der Meinung fast aller 
Kritiker ist Freud nichts weniger als ein Theoretiker. Er ist Em¬ 
piriker ...“ Um aber Freud ganz zu entthronen, bleibt Jung noch eine 
Aufgabe übrig; er muss die Haltlosigkeit der psychoanalytischen 
Methode erweisen. Und das besorgt er wiederum gründlich und kontradik¬ 
torisch, wobei er die von ihm selbst früher auf gestellten Theorien 
negieren muss, so u. a. seine Imagotheorie, auch Kemkomplex- oder 
Elternkomplex- oder Inzestkomplex- oder Oedipuskomplex- oder auch 
Elektrakomplextheorie genannt. Aber hier ist die Kampfweise doch 


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Wandlungen der Libido. 


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anders; denn weil er sich dabei selbst angreifen mnss, tut er dies nicht 
immer mit jener Deutlichkeit, die notwendig wäre, um das, was Freud 
treffen soll, von dem zu scheiden, was die Lehre überhaupt, also auch 
seine eigene trifft. So hat man den Eindruck, dass er auf der einen Seite 
verteidigt, was er auf der anderen angreift. Um nur ein Beispiel zu 
bringen: bei der Traumanalyse habe man sich „gewisser Vorurteile im 
höchsten Grade zu entschlagen“ (S. 362), aber noch auf derselben Seite: 
„Wagt man sich schon einmal daran, ein Traummaterial zu sichten, so 
hat man vor keinem Vergleich zurückzuschrecken.“ Man höre aber weiter 
Seite 364: „An den Träumen herumraten und direkte Uebersetzungs- 
versuche machen, halte ich für absolut verwerflich und wissenschaftlich 
unzulässig.“ Soll man das noch ernst nehmen? Schrick vor keinem Ver¬ 
gleich zurück, aber rate nicht herum! Wie dies J u n g in seinen Traum¬ 
deutungen trifft, müsste er uns verraten, und nicht bloss versichern, er 
sei ein Mann von Fach, der über die Mittel verfüge, „die gröberen 
Fehler mit Sicherheit und die feineren mit Wahrscheinlichkeit zu ver¬ 
meiden“ (S. 365). „Vollends sind schwindelhafte Angaben erstens für 
die Versuchsperson sehr bezeichnend und zweitens in der Regel als 
Schwindel leicht erklärbar“ (S. 366). Wenn das nicht blosse Behauptung 
sein soll, müsste hier gezeigt werden, wie man den Schwindel erkennt 
und — fast wollte ich vorgreifen und fragen, welchen Zweck der 
Schwindel bei der Versuchsperson hat, aber das beantwortet Jung 
erst, indem er sich die Deutungen Adlers zu eigen macht, ohne ihn zu 
nennen. Wie ja auch die ganze Freud sehe „Uebertragungstheorie“ 
im Adler sehen Sinne umgekrempelt ist. Aber das grandioseste der 
Jungschen gleichzeitigen Angriffs- und Verteidigungsstellung findet 
man auf der Seite 382 und der folgenden. Die Stelle ist zu lang, um 
sie hier wörtlich zu zitieren, aber sie ist sicherlich das Beste, was ein 
Psychoanalytiker je gegen die Psychoanalyse vorgebracht hat. 

So haben wir nun Jungs Bestreben gewürdigt, gewisse von den 
Freud sehen Hypothesen abweichende Ansichten nicht als kontradik¬ 
torische Behauptungen aufzustellen, es erübrigt noch, die „organische 
Weiterentwicklung“ der Freud sehen Grundgedanken zu betrachten. Wir 
sind dieser Weiterentwicklung bereits auf einzelnen Stationen begegnet, 
wo sich gezeigt hat, dass bloss Kontradiktion und nicht organische 
Weiterentwicklung die Jungsche Position am besten charakterisiere. 
Dann bleibt aber nur noch eine Lehre zurück, die J u n g als organische 
Weiterbildung bezeichnen könnte: die Lehre von der Regression der 
Libido. Er entwickelt diese Lehre an der Analyse eines Traums sozu¬ 
sagen negativ, d. h. indirekt dadurch, dass er zeigt, wie wenig die 
Freud sehe Methode geeignet ist, diesen Traum aufzulösen, und gewinnt 
als theoretische Konsequenz die Erkenntnis, „dass eine unbewusste 
Absicht“ — Adlers Terminus lautet Arrangement oder Tendenz 


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Alexander Neuer: Wandlungen der Libido. 


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— vorhanden sein müsste. Die Krankheit, um die es sich in dem unter¬ 
suchten Falle handelt, erscheint nun Jung wie der Schlußstein eines mit 
Vorbedacht aufgeführten Gebäudes, die einzelnen Symptome sieht er 
jetzt als „inszeniert, aber in jener für die Hysterie charakteristischen 
Weise, dass das Inszenierte fast genau so ist, wie eine Wirklichkeit“ 
(S. 377), ein Umstand, der Adler veranlasst hat, das bezeichnende 
Als-Ob Vaihingers zu gebrauchen. Diese Erkenntnis hebt im 
weitesten Masse die ätiologische Bedeutung der Kindheitserlebnisse auf. 
Kurz, von Seite 384 wartet man ungeduldig, aber vergeblich, dass 
Adlers Name wenigstens in einer Anmerkung auftauche; denn von 
hier ab erscheint dem Kenner der Adlerschriften oft sogar der Aus¬ 
druck der Gedanken bekannt. So wird jetzt die Regression als An¬ 
passungsmodus des kindlichen Geistes hingestellt; sobald die 
Libido, das Schibolet Jungs, ein Hindernis trifft, das sie nicht über¬ 
winden kann, kehrt sie um und ersetzt wirkliches Handeln durch eine 
Illusion — Adler spricht hier von Fiktion; auf S. 395 fragt 
Jung, welche teleologische Bedeutung der Regression bei¬ 
gemessen werden darf und beantwortet seine Frage: „Es sieht auch 
häufig so aus, als ob der Kranke seine Vorgeschichte recht eigentlich 
dazu benutzte, um zu beweisen, dass er nicht vernünftig handeln könne.“ 
Den Phantasien will Jung jetzt einen doppelten Charakter zuerkennen: 
nämlich einerseits die krankhafte, widerstrebende Tendenz und anderer¬ 
seits die fördernde und vortibende Tendenz — Adlers Sicherungs¬ 
und Regressionstendenz drängen sich hier von selbst auf. Jetzt wäre es 
für Jung im allgemeinen sehr unrichtig, den anscheinend krankhaften 
Phantasien der Neurotiker jeden teleologischen Wert abzusprechen. Die 
Rückkehr zum Infantilen bedeutet Jung nicht nur Regression und 
Steckenbleiben, sondern auch die Möglichkeit der Auffindung eines neuen 
Lebensplanes. Die Neurose ist ihm jetzt Reaktion auf einen 
Aktualkonflikt, jetzt wird die wahrhaft erklärende Problemstellung die 
prospektive, jetzt muss der Arzt fragen: welche Aufgabe will 
der Patient nicht erfüllen, welcher Schwierigkeit des Lebens sucht er 
auszuweichen? Jetzt erscheint die bisherige Erklärungsweise, welche den 
Widerstand des Neurotischen auf seine Gebundenheit an die Phantasie 
reduzieren wollte, als unrichtig, und jetzt spricht Jung von Patien¬ 
ten, die sich ihrer Neurose als Ausrede bedienen, um 
sich um alle Lebenspflichten herumzudrücken. Und dass folgender Satz 
unrichtig ist, musste Jung als Psychoanalytiker wissen: „Man ist in 
der ganzen bisherigen Nervenheilkunde nicht auf den Gedanken 
gekommen, in der Neurose auch einen Heilungsversuch zu sehen und 
deshalb den neurotischen Bildungen auch einen ganz besonders teleo¬ 
logischen Sinn zuzutrauen.“ Denn erstens findet sich dieser Gedanke, 
wenn auch nur nebenbei, bei Freud, und zweitens zieht sich 


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Kurt Boas: Streifzüge durch d. neurologisch-psychiatrische Literatur d. letzten Jahre. 33 


diese Teleologie wie ein roter Faden durch die Werke Alfred 
Adlers. 

Man könnte die Belegstellen beliebig vermehren. In diesem zweiten 
Teil hat es sich uns um zweierlei gehandelt: zu zeigen, dass diese 
Neuerungen Jungs keine organischen Weiterbildungen Freudscher 
Lehren sind — denn auch für Adler sind sie es nicht — und weiter zu 
zeigen, dass Parallelen zwischen den Lehren Jungs und Adlers 
bestehen, die von Jung an keiner Stelle angeführt wurden. Diese 
Parallelität ist bezeichnenderweise dort bloss zu finden, wo man von 
Weiterbildung und nicht bloss Kontradiktion zu Freuds Ideen 
sprechen darf. 

Aber wir tun Jung Unrecht. Einmal schon deshalb, weil er diese 
Weiterbildung doch nicht als sein Eigentum, sondern ab das M a e d e r s 
anerkennt, wenn auch nur in einer Klammer. Sapienti sat. Ich will 
die Stelle hier anführen. Seite 416: „... darf man sich nicht ausschliess¬ 
lich auf diesen Standpunkt (sc. der Freud sehen Psychoanalyse) 
stellen, indem die einseitig historische Auffassung der (besonders 
von Maeder hervorgehobenen) teleologischen Bedeutung der 
Träume nicht genügend Rechnung trägt.“ Wir aber hören Adler heraus, 
wo andere Maeder sagen. Und wir tun schliesslich noch aus einem 
anderen Grunde Jung Unrecht: So wie Maeder Adler miss¬ 
verstanden hat, so musste es auch Jung; dem Kenner der Adler sehen 
„L e i 11 i n i e“ wird es leicht fallen, Jungs Analysen zu korrigieren. 
Und wie sollte es auch anders sein? Wie kann ein teleologischer 
Gesichtspunkt einem mechanbtisch-energetischen Denker konform sein? 
Wem trotz alles Sträubens die Eierschalen Freud scher Analyse 
anhaften, der kann wohl äusserlich eine wesensfremde Methode annehmen, 
— verarbeiten, verstehen aber kann er sie nicht — es müsste denn sein, 
dass er offen die unpassende Hülle abwirft und ins Lager der Opposition 
Übertritt, wohin es ihn meines Erachtens zieht. 


Streifzflge durch die neurologisch-psychiatrische 
Literatur der letzten Jahre. 

Von Kurt Boas, Rostock i. M. 

Anton 1 ) führt aus, dass die richtige Erkenntnis falsch angewendet ist, 
welche dahin geht, dass die Trunksucht nicht nur Ursache, sondern auch die 
Folge einer erblichen Anlage ist. Weiterhin geht Verf. ein auf jene Schädi¬ 
gungen des Alkohols, welche an und für sich geeignet sind, vorhandene Kon- 

l ) Anton, Verschlechterung der Erblichkeit bei Trinkern. Die Alkohol¬ 
trage, XI, 1915, Heft 3, S. 242. 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 3 


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Kurt Boas 


stitutionen zu untergraben und eine Verschlechterung der Erblichkeit zu 
setzen, welche aber bei richtiger Aufklärung vermieden werden können. Der 
Alkohol gefährdet zweifellos Konstitution und Schicksal der kommenden 
Generation in vielfacher Weise. Man muss sich dies klar vor Augen halten; 
denn das Schicksal und die menschliche Freiheit werden nicht von aussen, 
sondern von innen entschieden. — Bäräny *) gibt eine kurze Darstellung seiner 
bekannten Untersuchungen über den kalorischen Nystagmus, durch welche er 
wichtige Aufschlüsse über die Funktion des Bogengangsapparates erhielt. Neues 
bringt der vorliegende Aufsatz nicht. — Bausch*) untersuchte den Ausfall der 
Ninhydrinreaktion bei Extrakten verschiedener Teile des Kaninchengehirns und 
fand, dass die verschiedenen Einzelextrakte von Gehirnrinde, Gehiramark- 
sul)8tanz und von Kleinhirn der Kaninchen durchaus nicht gleichmässig auf 
Ninhydrin reagieren, daher biochemisch nicht gleich zu achten sind. — 
Blfiwsteins 8 ) Untersuchungen scheinen nicht dafür zu sprechen, dass zwischen 
Epithelkörperchen und Paralysis agitans eine Beziehung in dem Sinne 
existiert, dass morphologische Alterationen der Epithelkörperchen den Boden 
für die Genese einer Paralysis agitans abgeben. — Bo&S 4 ) führt zu¬ 
nächst das vorliegende kasuistische Material — 4 Fälle von de Cl&ram- 
b a u 11 (Archives d’anthropologie criminelle et de mödecine legale. Jahrgänge 
1908—1910) und einen Fall von Langlois (Thesä de Montpellier 1912) — 
an und versieht sie mit Epikrisen, in denen z. T. zu den Auffassungen der 
genannten Autoren kritisch Stellung genommen wird. Der feminine Typus 
des Fetischismus unterliegt denselben Kriterien wie der maskuline Typus: 
d. h. wir haben die völlige Loslösung vom anderen Geschlechte in sexueller 
Beziehung als obligatorische Forderung aufzustellen. Aus der Kritik der Fälle 
de Clörambaults ergibt sich, dass darauf die Diagnose „Fetischismus“ 
nicht anwendbar ist. Es bestand weder eine vollständige Loslösung vom 
anderen Geschlecht, noch bestand ein Ausschluss onanistischer oder anderer 
sexueller Aequivalente an Stelle des normalen Koitus. — In einem von 
Bönheim 5 ) beobachteten Falle von schweren Störungen des stereognostischen 
Sinnes bei Erhaltung des Temperatursinnes war die Schusswunde unmittelbar 
vor dem Sulcus centralis Bolandi gelegen. — Die Untersuchungen de Boers 6 ) 
ergaben im wesentlichen folgende Resultate: Ein mit Veratrin vergifteter 
Muskel kann eine typische Veratrinkontraktion zeigen, wenn man das Nerven¬ 
system zentral von einer Lücke in den autonomen Fasern reizt, so dass da 
gewiss die Erregung nur von den spinalen Fasern übermittelt wird. Die 
Möglichkeit, dass unter normalen Umständen dergleichen Impulse auch noch 
längs dem sympathischen System verlaufen können, möchte Verfasser nicht 


*) Bäräny, Zur Entwicklung der Lehre vom Bogengangapparat. (Eine 
kurze historische Skizze.) Medizin. Klinik, 1914, Nr. 12, S. 606. 

*) Bausch, Ueber den Ausfall der Ninhydrinreaktion bei Extrakten 
verschiedener Teile des Kaninchengehirnes. Klinik für psychische und nervöse 
Krankheiten, 1914, Bd. IX, Heft 2, S. 176 und Inaug.-Dissert. Giessen 1914. 

*) Blüwstein, Zur Frage der Beziehungen der Epithelkörperchen zur 
Paralysis agitans. Inaug.-Dissert. Basel 1914 und Wiener klin. Rundschau 1914, 
Nr. 27, S. 399. 

4 ) Boas, Ueber Hephephilie. Eine angebliche Form des Fetischismus. 
Arch. f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik, LXI, Heft 1/2, S. 1, 1916. 

5 ) Bönheim, Zur Lokalisation des Tastsinnes. Deutsche med. Wochen¬ 
schrift, 1915, Nr. 9, S. 216. 

®) de B o e r, Die langsame Muskelverkürzung nach Vergiftung mit 
Veratrin in Beziehung zur tonischen Innervation. Folia neuro-biologica, 1914, 
Bd. 7, Heft 1, S. 29. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 35 


ganz ausschliessen. — Brettschneider 1 ) berichtet über nachstehenden Fall: 
Der Patient erlitt nach einem heftigen Schreck infolge einer Explosion eine 
10 Minuten währende Bewusstlosigkeit. Die Sprache setzte für zwei Stunden 
aus. Am folgenden Tage begannen die Haare am ganzen Körper auszufallen. 
Am nächsten Tage waren sie ganz verschwunden. Auch die Schweiss- 
sekretion versiegte. Patient leidet seither an starken Kopfschmerzen, Blut¬ 
andrang, Schmerzen in der Herzgegend, Schwindelgefühl. Die sexuellen 
Funktionen blieben intakt. Wegen seiner Alopezie, die Verf. als eine trau¬ 
matisch-neurotische auffasst, ist Patient stellungslos geworden. — Nach 
einseitiger Resektion des inneren Astes des N. laryngeus superior wird 
die entsprechende Larynxhälfte in der subglottischen Gegend in recht erheb¬ 
lichem Maße hypäthestisch. Die andere Hälfte ist für gewöhnlich weniger 
empfindlich nur in einem Falle beobachtete F. Brunetti 2 ) eine sehr aus¬ 
gesprochene Hypästhesie der operierten Seite bei gleichzeitiger vollständiger 
Sensibilität der anderen Seite. Dies stimmt im wesentlichen mit den Unter¬ 
suchungen von Onodi, Rethi und G ignoux überein. Genauere Rück¬ 
schlüsse auf die sensible Innervation des Larynx lassen sich aus diesen vom 
Verf. referierten Untersuchungen zurzeit nicht ableiten. — Dieckmann ®): 
Bericht über einen Fall von Tetanus. Die Serumbehandlung erwies sich von 
wenig Nutzen, dagegen hatte Magnesiumsulfat eine günstige symptomatische 
Wirkung. Zu wirklich ausgesprochenen Krämpfen kam es nicht. Pat. erhielt 
intralumbal am 1. Tag 1,05 g MgSO«, am 2. Tag 4,2 g, am 3. Tag 6,0 g, am 
4. Tag 1,8 g. Trotzdem kam der Fall ad exitum, allein nicht durch Atemstill¬ 
stand, sondern durch plötzlichen Herztod. Verf. bezweifelt, ob diese Erklärung 
den Umständen entspricht, zumal die Sektion lückenhaft ist. Verf. schliesst, 
dass das Magnesiumsulfat zwar niemals einen Tetanus direkt heilen, wohl aber 
seinen Verlauf ausserordentlich günstig beeinflussen kann. Er versagt aller¬ 
dings vollständig gegenüber dem Krampf der Atemmuskulatur, woraus man 
zwischen den Zeilen lesen kann, dass Pat. wohl doch an Atemstillstand 
zugrunde gegangen ist. — Diller und Rosenbloom 4 ) berichten über Stoff¬ 
wechseluntersuchungen in einem Falle von Myasthenia gravis. Die wichtigsten 
Ergebnisse sind folgende: Die Harnsäure- und Kreatininausscheidung ist 
wesentlich geringer als in der Norm, was als Ausdruck des gestörten Muskel¬ 
stoffwechsels aufzufassen ist. Ferner beobachtet man eine Herabsetzung der 
Werte für den Neutralschwefel. Es besteht mithin ein niedriger „endogener“ 
Stoffwechsel. Mithin ist die Myasthenia gravis eine Stoffwechselstörung. Verf. 
fand ferner eine leichte Retention des Magnesiums und einen Kalzium Verlust 
durch die Gewebe. Magnesium- und Kalziumoxyd wurden im Ham und in 
den Fäzes in normalen Mengen gefunden. — Disqu6 & ) führt folgendes aus: 
Die Differentialdiagnose zwischen organischer und funktioneller Achylie ist 
nicht immer leicht. Heranzuziehen sind differentialdiagnostisch die Anamnese, 


J ) Bretschneider, Ein weiterer Beitrag zur Alopecia neurotica 
traumatica universalis. Aerztl. Sachverständigen-Zeitung, 1915, Nr. 3. 

*) Brunetti, F., L’alcoolisation et la növrotomie du rameau interne 
du nerf larynge supörieur. Arch. internat. de laryngologie, 1914, Mars—Avril. 

*) Dieckmann, Max, Zur Behandlung des Tetanus. Inaug.-Dissert., 
Berlin 1915. 

. 4 ) Diller und Rosenbloom, Metabolism studies in a case of 
myasthenia gravis. American Journal of medical Sciences, Bd. CXLVIII. Nr. 1. 
p. 66. 1914. 

®) D i s q u 6, Organische und funktionelle Achylia gastrica. Arch. für 
Verdauungskrankheiten, XX, H. 3 u. 4. 


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Kurt Boas 


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Aetiologie und Untersuchung. Die funktionelle Achylie ist häufiger als die 
organische. Ihre Prognose ist erheblich besser. Bei der funktionellen Achylie 
kommt eine stimulierende Therapie in Betracht. Neben entsprechender derber 
Kost empfiehlt Verf. vor allem elektrische und hydrotherapeutische Mass¬ 
nahmen, eventuell auch psychische Behandlung. — Dubs *) stellt die Forderung 
auf, dass die prophylaktische Tetanusseruminjektion während eines Zeit¬ 
raumes von bis zu fünf Wochen in kürzeren Intervallen, z. B. alle sieben bis 
zwölf Tage wiederholt werden müsse. Die Menge des zu injizierenden Serums 
ist dabei höher, als man es bisher tat, zu bemessen. Bei der .Lokalbehandlung 
dürfen die regionären Lymphdrüsen nicht ausser acht gelassen werden. Wenn 
man genötigt ist* zur Amputation zu schreiten, so sind die regionären Lymph¬ 
drüsen mit zu entfernen. — An Hand von drei ausführlich mitgeteilten Fällen 
von Koraakoff — sämtlich Frauen betreffend — gibt H. Dufour 2 ) eine ein¬ 
gehende Darstellung des Syndroms. Die Prognose ist sehr verschieden. Sie 
wird schlechter, wenn enzephalitische Prozesse, die Krämpfe machen, vorliegen. 
Ist der Vagus mit ergriffen, so besteht Gefahr für das Herz. In ätiologischer 
Hinsicht lag in den ersten beiden Fällen Alkoholismus vor. Interessant war 
der dritte Fall: es handelte sich um eine 24jährige Schneiderin im dritten 
Monat der Schwangerschaft mit unstillbarem Erbrechen. Pat. hatte einen 
Abort bereits durchgemacht. Wassermann war im Blut negativ, im Liquor 
positiv. Verf. schliesst trotzdem wegen der normalen Beschaffenheit des Liquors 
Syphilis aus und nimmt die Gravidität als ätiologisches Moment zu Hilfe im 
Sinne einer Graviditätstoxikose. Die auslösende Ursache war hier ein kurz vorher 
erlittener Strassenbahmmfall, im ersten Fall eine Bronchitis, im zweiten Fall 
eine Lungentuberkulose. Die Behandlung besteht in Ruhe und Kalmantien. 
Im übrigen in Elektrizität- und Massagebehandlung. Man gebrauche gal¬ 
vanische Ströme von 5—6 Milliampere und steigere diese Dosis, aber langsam. 
Später appliziere man den faradischen Strom. Hand in Hand damit soll die 
Massagebehandlung gehen. Die psychischen Symptome werden rein symptoma¬ 
tisch behandelt. Die beiden letzten Fälle befinden sich auf dem Wege der 
Besserung, dagegen hat sich der Zustand der ersten verschlechtert. — 
E. D. Fisher 8 ) beschreibt einen Fall von Landryscher Paralyse bei einem 
15jährigen Knaben. Die schlaffe Lähmung begann bei dem Pat. an den unteren 
Extremitäten. Sensibilität war intakt. Es bestand Leukozytose, leichte Eiweiss¬ 
vermehrung im Liquor, die Wassermannsche Reaktion war negativ. All¬ 
mähliches Auftreten und Zunahme von Schmerzen in den ergriffenen Gebieten. 
Dann Doppeltsehen, Lähmung des linken Rektus. Schmerzen in der Schulter 
links und im Kopf. Erbrechen nach dem Essen. Pat. hatte weiterhin noch zu 
klagen über Kraftlosigkeit in den Händen und Armen, Schluckbeschwerden, 
Lähmung des linken Obliquus superior und der rechten Augenmuskeln, 
Abnahme der Empfindung für feine Berührung und Temperatur, Lä hmung 
beider Arme und Hände, Schmerzen in der Herzgegend, Atemnot. Deutliche 
Atrophie der Muskulatur der unteren, leichte der oberen Extremität. Fehlen 
der faradischen Erregbarkeit in der unteren, Herabsetzung in der oberen 
Extremität. Tod 6 Wochen nach Beginn infolge von Atemstillstand. Der 
pathologisch-anatomische Befund war typisch sowohl am zentralen wie am 


*) D u b 8, Zur Serumprophylaxis bei Tetanus traumaticus. Korre- 
spondenzblatt für Schweizer Aerzte. 1915. Nr. 20. 

*) Dufour, H., Trois cas de psychose polynävritique ou maladie de 
Khorsakoff. Journ. de möd. de Paris 1914, Nr. 23. 

*) F i 8 h e r, E. D., Amer. Journ. of med. Sciences, December 1915. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 37 


peripheren Nervensystem.— Fröhlich 1 ) berichtet über folgenden bemerkens¬ 
werten Fall: Nach einem Fall auf beide Hände entwickelte sich angeblich bei 
einem 55jährigen Patienten ein Schreibkrampf. Da der Verletzte jedoch einige 
Jahre zuvor eine Fraktur des rechten Handgelenks erlitten hatte und hernach 
erst Schreiber geworden war, da ferner noch Syphilis, Alkoholismus, sowie 
Arteriosklerose in ätiologischer Hinsicht in Betracht kamen, lehnt Verf. den 
Zusammenhang zwischen dem Unfall und dem Schreibkrampf ab. — 
Gennerich*) fasst seine interessanten und neuartigen Ausführungen über die 
Ursachen der Tabes und Paralyse in folgenden Schlußsätzen zusammen: 1. Die 
Metalues ist ein Spätrezidiv des syphilitischen Krankheitsprozesses, bedingt 
durch den Rückgang der Allgemeininfektion unter dem Einfluss von ein¬ 
schränkenden Abwehrvorgängen des Organismus und durch die konsekutiv 
zunehmende Expansionstendenz restlicher Spirochätenherde. 2. Die Haftung 
und Fortentwicklung der ursprünglich in allen Syphilisfällen vorhandenen 
Liquorinfektion steht in innigstem Zusammenhang mit den Ausbreitungsver¬ 
hältnissen (Spannung) des syphilitischen Virus im Gesamtorganismus, inso¬ 
fern vorzeitiger Schwund der Allgemeininfektion ohne gleichzeitigen Rückgang 
der meningealen Infektion diese in den Vordergrund des weiteren Krank¬ 
heitsverlaufes drängt. 3. Bei dem Rückgänge der Allgemeininfektion, wie der 
Liquorinfektion spielen Immunvorgänge, deren Grad von individueller 
Empfänglichkeit, die von der verschiedenen Virulenz des Virus abhängig ist, 
eine ausschlaggebende Rolle. 4. Die erste Lokalisation des Virus bei Meta¬ 
syphilis ist den hydrodynamischen Verhältnissen im Lumbalsack entsprechend. 
5. Beim milden Verlauf der Lues, der einer schwächlichen Abwehrreaktion des 
Organismus entspricht, liegen die Aussichten für die sekundär-syphilitische 
Fortentwicklung des meningealen Virus und einen schleichenden Zerstörungs¬ 
prozess der Pia mater besonders günstig. 6. Der funktionelle Zustand der Pia 
ist von entscheidender Bedeutung, ob es zu gummösen Prozessen am Zentral¬ 
nervensystem oder zur Metalues kommt. Ist sie ihrer Aufgabe, das Nerven¬ 
gewebe vor der Diffusion mit dem Liquor zu schützen, noch gewachsen, so 
etablieren sich die lokalen Abwehrvorgänge entsprechend dem Eintritt der 
Umstimmung des Gewebes im Sinne einer gummösen Zerebrospinallues. Ist 
die Pia funktionell, wenn auch nur stellenweise erschöpft, so diffundieren die 
Reaktionserscheinungen des Nervengewebes in den Liquor — wir erhalten dann 
das charakteristische Nebeneinander von entzündlichen Veränderungen und 
primärer Nekrose entsprechend dem Zustande der deckenden Häute. 7. Die 
Systemerkrankung der Metalues erklärt sich daraus, dass die Spirochäten der 
Bahn des Liquors, der durch seine Auslaugung die Widerstandsfähigkeit des 
Nervengewebes bricht, natürlich an denjenigen Stellen folgen, wo sich die 
Liquorinfektion unter dem Einfluss der angegebenen hydrodynamischen Ver¬ 
hältnisse zuerst festsetzte und in jahrelang schleichendem Verlauf auch die 
stärkste Piaveränderung erzeugte. 8. Wie nach Durchbruch der Pia die Selbst¬ 
heilungsvorgänge des Nervengewebes versagen, so ist es auch mit der gewöhn¬ 
lichen chemotherapeutischen Allgemeinbehandlung. Sie diffundieren durch die 
Pia ebenso in den Liquor, wie auch die gesamten Stoffwechselvorgänge zwischen 
Blutkreislauf und Nervenzellen (Hammelblut — Normalhämolysine, Reagine, 


*) Fröhlich, Ueber einen Fall von Schreibkrampf bei einem Hyste¬ 
rischen. Aerztliche Sachverständigen-Zeitung, 1915, Nr. 14. 

*) Gennerich, Die Ursachen von Tabes und Paralyse. Dermatolog. 
Zeitschr. XXII, 1915, H. 12, 706; ferner Dermatolog. Wochenschrift u. Monats¬ 
schrift f. Psychiatrie u. Neurologie, 1915, H. 12. 


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Komplement und andere E.-Produkte). 9. Die Zerstörung der Pia dokumen¬ 
tiert sich auch in der Verwundbarkeit der noch erhaltenen spinalen Leitungs¬ 
bahnen zur endolumbalen Behandlung, die bei Metalues zwölffach stärker ist, 
als bei gummöser Zerebrospinallues. — Nach den Untersuchungen von 
Oeusler l ) besitzt von allen Körpergeweben das Gehirn die relativ grösste 
Adsorptionsfähigkeit für die Hypnotika der Fettreihe. Dagegen sind die 
absoluten Mengen, die vom Gehirn aufgenommen werden und die Narkose 
bedingen, sehr gering. Sie betragen im Durchschnitt nur l,4°/ 0 der resor¬ 
bierten Menge des betreffenden Schlafmittels. Bei der Einwirkung auf das 
Gehirn findet keine Zerstörung der Substanzen statt. Die Menge der in ver¬ 
schiedenen Gehirnen gefundenen Hypnotika geht dem Himgewichte parallel. 
Auf 100 g Gehirn berechnet sind die Zahlenwerte annähernd gleichbleibend. 
Von dem schwächer wirkenden Hypnotikum, das in grösserer Menge ver¬ 
abreicht werden muss, um die nämliche Schlaftiefe zu erzielen, findet sich ein 
entsprechend grösserer Prozentsatz im Gehirne vor. — Nach den Experimenten 
Geuslers*) ist bei einmaliger Magnesiumnarkose weder bei Kanindien, noch 
bei Hunden eine Vermehrung des normalen Magnesiumgehaltes im Gehirn 
bei kombinierter Magnesiumneuronalhypnose nachweisbar. Das Gehirn ent¬ 
hält dabei fast genau denselben Neuronalprozentgehalt wie bei einfachem 
Neuronalschlaf. Nach vorangehender Magnesiuminjektion wird weder ein 
schnellerer Eintritt, noch eine wesentliche Vertiefung des Neuronalschlafes 
beobachtet. Jedoch sind andere Symptome verstärkt. Nach Ansicht des Verf. 
scheint es sich dabei um eine Additionswirkung zu handeln. — Geyer 3 ) 
hat 27 Fälle mit Phenoval behandelt, auf Grund welcher er zu folgenden 
Schlüssen gelangt ist: 1. Phenoval ist ein Schlafmittel, das ebenso wie andere 
gute Brompräparate auch bei längerer Verabreichung nicht die geringste 
Gewöhnung zeigt, das im Gegenteil die Disposition des Grosshirns zu einem 
Schlafzustand ohne Hypnotika zu steigern vermag. 2. Es ist ein harmloses 
Mittel gegen Kopfschmerzen. 3. Bei nervösen und neurasthenischen Zuständen 
gegeben, beeinflusst Phenoval diese Fälle äusserst günstig. Phenoval ist 
chemisch a-Brom-Isovalenyl-Paraphenezithin. Es ist ein antineuralgisches 
Hypnotikum, das nicht mehr antipyretisch wirkt, wohl aber die subjektiven 
Fieberbeschwerden lindert. Ein Vorzug des Präparates ist seine völlige 
Geschmacklosigkeit. Die Einzeldosis beträgt 1 g, die Tagesdosis 3 g. — 
Glaser 4 ) berichtet über chronischen Veronalismus. Bei chronischem Gebrauch 
selbst kleiner Dosen von Veronal können Symptome einer Schädigung des 
Kleinhirns und des Vestibularapparates auf treten, wie Ohrensausen, Schwin¬ 
del, ataktische Gehstörung, Reflexanomalien. Digestionstraktus und Gehörs- 
apparat bleiben in der Regel verschont. Auch psychische Anomalien leichterer 
Art können Vorkommen. — Der Arbeit von Gratzl 5 ) liegen insgesamt 15 von 
Gebe 1 e operierte und von Spielmeyer neurologisch und histologisch 

*) Geusler, Ueber die Wirkung des Neuronais, Bromurals und 
Adalens im Organismus. Arch. f. experimentelle Pathologie u. Pharmakologie, 
Bd. 79, Heft, 1915. 

*) Geualer, Analytische Untersuchungen bei kombinierter Mag¬ 
nesiumneuronalhypnose. Arch. f. experimentelle Pathologie u. Pharmakologie 
1915, Bd. LXXVIII, H. 5—6, S. 317. 

*) Geyer, Klinische Erfahrungen mit Phenoval. Therapeutische 
Monatshefte, 1915, Nr. 5. 

*) Glaser, Ueber chronischen Veronalismus. Wiener klinische Wochen¬ 
schrift 1914, Nr. 44. 

6 ) Gratzl, Schussverletzungen peripherer Nerven. Inaug.-Dissert., 
München 1915. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 39 


untersuchte Falle von Schussverletzungen peripherer Nerven zugrunde. In den 
meisten Fällen wurde die Vereinigung mittels Nervenplastik vorgenommen, 
indem der allzugrosse Defekt, durch Halbierung eines oder beider Nervenenden 
und Umschlagen gedeckt wurde. Die dadurch erzielten Heilungserfolge werden 
vom Verfasser auf 73°/o beziffert. — Die Arbeit von Haberland 1 ) berichtet über 
3 Fälle von ausgedehnter Fazialislähmung, bei denen in 7 bis 12 Wochen nach 
Einlagerung der Hypoglossusendausbreitungen an die Gesichtsmuskeln ein gün¬ 
stiges Ergebnis festgestellt wurde. Nach Ganglionanästhesie oder Narkose 
Aufsuchen des Nerven im Hypoglossusdreieck unter der Glandula sub- 
maxillaris und Herauspräparieren eines möglichst langen Stückes. Darauf 
Freilegung der Muskeln in der Nasolabialfalte, wohin subkutan der Nerv 
geleitet wird. Die Nervenendigungen werden in die kleinen in die Muskel- 
bündel gebohrten Kanäle hineingeleitet. Im entnervten Hypoglossusgebiet sah 
Verf. eine nach 8 Tagen abgelaufene Schlucklähmung auf treten. — Wiederholt 
hat man bei wiederbelebten Erhängten eine auffällige Besserung vorhanden 
gewesener Depressionszustände beobachtet. Hirschmann 2 ) gelangt zu der 
Anschauung, dass diese psychische Umstimmung auf Rechnung der reaktiven 
funktionellen Hyperämie des Gehirns zu setzen sei. — Ueber einen Ver¬ 
giftungsversuch mit Adalin berichtet v. Hirsch Gereuth 8 ): Eine Hysterische 
nahm 17—18 g Adalin, ohne dass danach bedenkliche Erscheinungen irgend¬ 
welcher Art eintraten. Der Schlaf dauerte 3 Tage, nachher bestand noch 
Schwächegefühl. Die vollständige Heilung trat nach 5 Tagen ein. — Höbers 4 ) 
Versuche an roten Blutkörperchen ergaben, dass kleine Narkotikumskonzen¬ 
tration die Effusion der Elektrolyten der Zelle hemmt, grosse Konzentration 
sie steigert; ferner dass die Narkose im wesentlichen als eine Hemmung der 
die normale Erregung kennzeichnenden Permeabilitätssteigerung aufzufassen 
ist. — A. H. Hopkins & ) untersuchte mit Hilfe der Ban g sehen Methode den 
Zuckergehalt im Blute und Liquor cerebrospinalis. In der Norm ist die Kon¬ 
zentration im Liquor etwas geringer als im Blut. Bei Meningitis und 
Diabetes findet man eine Steigerung des Zuckergehaltes im Liquor, ferner bei 
Pneumonie, ganz besonders hohe Werte hat man bei Urämie, eine geringe 
Steigerung besteht bei manchen Fällen von Epilepsie und einigen nervösen 
Störungen. Herabgesetzt ist der Zuckergehalt des Liquors bei Lues. Die Unter¬ 
suchung des Liquors ist frühdiagnostisch von Wichtigkeit, namentlich bei der 
Meningitis. — Auffallend war an dem Materiale Hultgren 6 ) das hohe Alter 
der Mütter bei der Konzeption, indem 83°/o derselben über 35 Jahre und fast 
49 # /o über 40 Jahre alt waren. Das Alter der Mütter stellt daher einen nicht 


*) Haberland, Die direkte Einpflanzung des Nervus hypoglossus in 
die Gesichtsmuskulatur bei Fazialislähmung. Zentralbl. f. Chirurgie 1916, Nr. 4. 
1916, Nr. 4. 

*) Hirschmann, Beitrag zur Lehre von den psychischen Verände¬ 
rungen bei wiederbelebten Erhängten. Wiener klinische Wochenschrift 1914, 
Nr. 44. 

*) v. H'rsch-Gereuth, Vergif tungsversuche mit Adalin. (Ein Beitrag 
zur relativ* Unschädlichkeit übermässiger Dosen.) Therapie d. Gegenwart, 
1916, Nr. 1 

4 ) 1 5 b e r, Neue Versuche zur Theorie der Narkose. Deutsche medizin. 

Wochensch) ft, 1915, Nr. 10. 

a ) Iopkin8,A. H., Amer. Journ. of med. Sciences, December 1915. 
*) Hi ltgren, Studien über die Häufigkeit der mongoloiden Idiotie 
in schwedischen Anstalten für Schwachsinnige und über die Aetiologie dieser 
Krankheit. Nordisk medizinsk Arkiv 1914/1915, Festschrift für Prof. Dr. 
I. J. Edgren. 


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ausser Acht zu lassenden Faktor in der Aetiologie der mongoloiden Idiotie dar. 
Oftmals sah Verf. die mongoloide Idiotie bei dem jüngsten Kinde in der 
Geschwistergruppe auftreten. — H. Hunziker-§child *) führt aus, dass der 
Kropf durch andauernde Jodarmut der Nahrung zustande kommt. Er kann 
durch regelmässige Zufuhr minimaler Jodmengen auf gehalten werden. Tier¬ 
experimente nach dieser Richtung hin wären sehr erwünscht. — Der Einfluss 
des Nervensystems auf die Wärmeregulation und den Stoffwechsel ist Gegen¬ 
stand einer Arbeit von Isenschmid 2 ) der folgende Angaben entnommen seien: 
Die Rolle der Muskeln in der Wärmeregulation ist noch nicht genügend fest¬ 
gestellt; es spricht manches dafür, dass sie an der chemischen Wärmeregulation 
stark beteiligt sind, es ist aber unwahrscheinlich, dass die motorischen Nerven 
von der mechanischen Muskelaktion unabhängige, wärmeregulierende Impulse 
vermitteln. Fest steht dagegen, dass die Verdauungsorgane, wahrscheinlich 
besonders das Pankreas und die Leber, vielleicht auch der Darmtraktus selbst, 
in der chemischen Wärmeregulation direkt eine wichtige Rolle spielen. Diese 
Annahme gewinnt dadurch besonders an Wahrscheinlichkeit, dass die Wärme¬ 
regulation durch das vegetative Nervensystem vermittelt wird. — Joachim 8 ) 
behandelte 10 Paralytiker mit Tuberkulin. Alle wurden nach 6—8 Monaten 
wieder arbeitsfähig und blieben es etwa 3V* Jahre. In 6 Fällen wurde die 
Wassermannsche Reaktion, die vor dem positiv war, wieder negativ. — 
Jolly 4 ) führt in seiner Arbeit über Menstruation und Psychose folgendes 
aus: Eine eigene Menstruationspsychose als klinische Einheit, gibt es nicht, 
ebensowenig wie eine eigene Graviditäts-, Puerperal- oder Laktationspsychose. 
Es gibt aber Fälle, die eigenartige Beziehungen zur Menstruation darbieten, 
indem sie in ursächlichem Zusammenhang mit der Menstruation und zwar 
meist prämenstruell auftreten. Manchmal handelt es sich nur um einen Anfall 
einer geistigen Störung, meist um mehrere. Der Zusammenhang mit den 
Menses ist in der Regel wechselnd; in der grossen Mehrzahl der Fälle verliert 
sich derselbe später. In seltenen Fällen fanden wir derartige Psychosen schon 
vor der ersten Menstruation. Dieselben scheinen an vierwöchentliche Termine 
gebunden zu sein und endigen meist mit dem Eintritt der ersten Menses. Die 
mit Eintritt der ersten Menses beginnenden Psychosen bieten den auch sonst 
in der Pubertätszeit vorkommenden Geistesstörungen gegenüber nichts 
Besonderes. Auch nach Eintritt des Klimakteriums sind einige wenige den 
Menstruationspsychosen an die Seite gestellten Fälle beschrieben worden, doch 
kann die Analogie zu diesen nicht anerkannt werden. Es handelt sich bei den 
Menstruationspsychosen um die auch sonst vorkommenden geistigen Störungen 
und zwar häufig um Manien, um in einzelnen Anfällen verlaufende hebe- 
phrenische und katatonische Psychosen, um Fälle von Amentia, von Hysterie, 
seltener um melancholische Geistesstörungen. Auch die Diplomanie kann 
deutliche Beziehungen zu den Menses zeigen. Die Häufigkeit der Men¬ 
struationspsychosen wird öfters übertrieben. Bei genauerem Zusehen ist in 
vielen der mitgeteilten Fälle der Zusammenhang mit der Menstruation ziem¬ 
lich gesucht, besonders da auch öfter nur die Angaben der Angehörigen oder 

*) Hunziker- Schild, H., Der Kropf, eine Anpassung an jodarme 
Nahrung. Bern 1915, Verlagsbuchhandlung A. Francke. 

*) Isenschmid, Ueber den Einfluss des Nervensystems auf die Wärme¬ 
regulation und den Stoffwechesl. Medizin. Klinik, 1914, Nr. 7, S. 287. 

*) Joachim, Ueber 10 Fälle von geheilter Paralysis progressiva nach 
Behandlung mit Tuberkulin, Wiener klin. Wochenschrift 1914, Nr. 44. 

4 ) Jolly, P h., Menstruation und Psychose. Habilitationsschrift. 
Halle a. S. 1915 und Arch. für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 1915. 


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Str eifz üge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 41 


der Patientinnen selbst dem angenommenen Zusammenhang zugrunde liegen. 
Vor allem bei forensischen Fällen ist deshalb Vorsicht geboten. Die als 
sogenannte epochale Menstruationspsychose beschriebenen Beobachtungen 
können als besondere Form nicht anerkannt werden. Es ist B u r g e r sehr darin 
zuzustimmen, dass man nicht von Menstruationspsychosen schlechthin sprechen 
soll, sondern zu der Grunddiagnose in den betreffenden Fällen die Angabe hin¬ 
zusetzt, dass es sich um einen menstruellen Typus handelt. Bei unseren 
heutigen Anschauungen über das Wesen der Menstruation erscheint es 
wünschenswert, bei Fällen, in denen die Psychose einen Zusammenhang mit 
den Menses zeigt, Untersuchungen auf Abwehrfermente vorzunehmen. Ver¬ 
fasser bestätigt die Ergebnisse der Häckerschen Untersuchungen über den 
Einfluss der Menstruation auf chronische Psychosen, indem der Einfluss 
derselben, d. h. die Verschlimmerung in der prämenstruellen oder menstruellen 
Zeit nicht so häufig war, wie vielfach angenommen wurde. Ein mindestens 
zweimaliges Ausbleiben der Menses fand sich besonders bei akuten bzw. akut 
beginnenden Psychosen, kam aber auch im Beginn und später im Verlauf 
chronischer Psychosen vor. Wenn auch in prognostischer Beziehung die alte 
Erfahrung bestätigt werden kann, dass im allgemeinen Wiedereintritt der 
Menses mit gleichzeitiger psychischer Besserung günstig ist, dagegen ohne 
Besserung einen ungünstigen Einfluss befürchten lässt, muss man im ein¬ 
zelnen Fall doch vorsichtig sein, da die Menses sich sehr verschieden verhalten 
können, z. B. der Wiedereintritt der Menses der Besserung um Monate voraus¬ 
gehen kann. Häufig fand sich Amenorrhoe, in Uebereinstimmung mit den 
spärlichen Angaben der Literatur, bei Paralyse und besonders bei Tabo- 
paralyse. Auf letzteren Punkt wurde bisher nicht hingewiesen, er bedürfte 
der Bestätigung an einem grösseren Material. Sehr oft (in 4 /s der Fälle) fand 
sich Amenorrhoe bei Amentia, ein Umstand, der bei dem akuten, oft 
stürmischen Verlauf dieser Psychosen und der häufig schweren Beeinträch¬ 
tigung des Organismus nicht auf fallen kann. Nächst häufig, etwa in der 
Hälfte der Beobachtungen, sah Verfasser das Zessieren der Menses bei den 
katatonen und hebephrenen Psychosen. Selten dagegen war dasselbe bei den 
paranoiden Psychosen, trat überhaupt nicht ein bei der chronischen Paranoia, 
was sich mit den Angaben der Autoren völlig deckt. Bei Melancholie fand sich 
Amenoq^rhoe etwa in der Hälfte, bei Manie etwa in einem Drittel der Fälle. 
Die Annahme von P i 1 c z, dass bei den periodischen Psychosen Amenorrhoe 
seltener sei als bei den sonstigen Fällen von Manie und Melancholie, konnte 
nicht bestätigt werden. Imbezillität, Hysterie und Epilepsie zeigten gar nicht 
oder sehr selten Zessieren der Menses. Bemerkenswert ist, dass das Symptom 
der Amenorrhoe nicht nur bei solchen Psychosen beobachtet wird, die wie 
Paralyse auf einer schweren Vergiftung des Körpers beruhen, oder wie die 
katatonen und hebephrenen Geistesstörungen — das deuten besonders auch 
die mit der Abderhaldenschen Methode gewonnenen Resultate an — mit 
Störungen der inneren Sekretion in Zusammenhang stehen, oder wie Amentia 
meist auf eingreifende Stoffwechselstörungen zurückzuführen sind, sondern 
auch bei Manie und Melancholie, die doch als rein funktionelle Psychosen 
betrachtet zu werden pflegen. Da eine länger andauernde Amenorrhoe bei 
vorher regelmässiger Menstruation wohl als auf irgend einer direkten oder 
indirekten Störung der Funktion der Ovarien und der in denselben erzeugten 
Hormone beruhend anzusehen ist, auf jeden Fall Veränderungen des inneren 
Chemismus anzeigt, so sind auch in den Fällen von Manie und Melancholie, 
in denen Amennorrhoe eintritt, derartige Veränderungen anzunehmen. Es ist 


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das Symptom der Amenorrhoe anzureihen den auch bei diesen Psychosen häufig 
sehr weitgehenden Störungen der Ernährung, des Schlafs usw. und unter¬ 
stützt im Verein mit denselben die Annahme, dass auch bei diesen Geistes¬ 
krankheiten einmal eine organische Grundlage sich feststellen lassen wird. 
Warum, und zwar bei allen davon betroffenen Psychosen, nur in einem Teil 
der Fälle die Menses ausbleiben, darüber lässt sich zurzeit, abgesehen von 
der Tatsache, dass vorwiegend, aber keineswegs ausschliesslich akute Fälle 
amenorrhoisch werden, noch nichts aussagen. Verfasser versuchte, einzelne 
Fälle mit Amenorrhoe der Manie-Melancholiegruppe und der Katatoniegruppe, 
darüber Aufschluss geben werden. — H. Kahler 1 ) fand, dass bei der sog. 
hypoplastischen Konstitution und beim Morbus Basedowii der Blutzuckergehalt 
auf 100 g Dextrose weit höher als bei normalen Individuen ansteigt — 
Kredel 2 ) hatte einen Nervus tibialis, der oberhalb der Kniekehle infolge einer 
Schussverletzung narbig verändert war, mit einem Faszienfettmantel lose um¬ 
hüllt und 24 Tage später bei der Resektion dieses Stückes gefunden, daBS der 
Mantel eng dem Nerven anlag und erheblich geschrumpft war. Angesichts 
dieser starken Faszienschrumpfung hält Verf. einen derartigen Schutz des 
Nerven nur bei Lagerung am Knochen für angezeigt und hier auch nur durch 
platt ausgebreitete. — Kienböck 8 ) führt in seiner Arbeit folgendes aus: Bei 
Röntgenbehandlung der einfachen Strumen und Basedowkranken können 
„Vorreaktionen" auftreten, wie bei Bestrahlungen anderer Organe. Die 
Ursache der genannten Erscheinungen ist in einer vorübergehenden Steigerung 
der innersekretorischen Drüsenorgane gegeben. Die Erscheinungen bestehen 
im Gefühl von Brennen, Schwellung, Schluckbeschwerden, Thyreoidismus und 
verschwinden meist in kurzer Zeit. Die Technik soll auf diese Möglichkeit 
Rücksicht nehmen, die Bestrahlung daher zu Anfang in kleinen Dosen und an 
auseinanderliegenden Tagen ausgeführt werden. Die Erfolge der Therapie 
sind so gut, dass dieselbe stets versucht werden sollte. — Nach den Unter¬ 
suchungen Klestadts 4 ) hat die Injektion von Karmin, ölsaurem Natron und 
Glykogen in die Hirnventrikel regelmässig eine reichliche Einlagerung von 
Farbstoff-, Fett- und Glykogenkömehen in das Gebiet des Plexus chorioideus 
zur Folge, das demnach die genannten Substanzen aus dem Liquor cerebro¬ 
spinalis resorbiert. Bei Anwendung von chinesischer Tusche bleibt das Plexus¬ 
epithel frei. Dem Plexus chorioideus ist demnach ausser seinem sezeraierenden 
Vermögen auch noch ein resorptives Vermögen zu eigen. — Knauer und 
Maloney 6 ) geben eine ausführliche Beschreibung eines Apparates, der es 
ermöglicht, die Kopfbewegungen zu registrieren und zu kontrollieren. Die mit 
mehreren Text- und Tafelfiguren versehene Beschreibung ist im Original nach- 


*) Kahler, H., Ueber das Verhalten des Blutzuckers bei der sog. 
hypoplastischen Konstitution und bei Morbus Basedowii. Zeitschr. f. ange¬ 
wandte Anatomie, I, 1914, S. 432. 

*) Kredel, L., Ueber das Verhalten der auf operierte schussverletzte 
Nerven überpflanzten Faszienlappen. Zentralbl. f. Chirurgie 1915, Nr. 13. 

*) Kienböck, Reizwirkung bei Röntgenbehandlung von Struma und 
Basedow scher Krankheit. Fortschritte auf dem Gebiete der Röntgenstrahlen. 
Bd. XXII, Heft 8, 1914. 

4 ) Klestadt, Experimentelle Untersuchungen über die resorptive 
Funktion des Epithels des Plexus chorioideus und des Ependyms des Seiten¬ 
ventrikels. Zentralbl. für patholog. Anatomie und allgem. Pathologie, Bd. 26, 
Heft 6, 1915. 

Ä ) Knauer und Maloney, The cephalograph, a new instrument for 
recording and Controlling head movements. Journal of nervous and mental 
diseases. Vol. XLI, 1914, Nr. 2, p. 75. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 43 


zulesen. — Krtuter 1 ) berichet über folgenden Fall: 7jähriger Knabe. 
Klinisch: Beginn der Erkrankung vor ca. 5 Wochen mit Kopfschmerzen 
und Erbrechen. Dazu trat später Zittern am ganzen Körper. Keine Tempera¬ 
turen. Vorübergehende Besserungen, danach neuerlich wieder Kopfschmerzen 
und Erbrechen. Fat. war dann im Gehen behindert und schwankte stark beim 
Gehen. Der Zustand wurde immer schlechter, das Sehvermögen nahm rapide 
zu, das Erbrechen wurde immer stärker. Das Kind wurde morobund ein¬ 
geliefert und kam einige Stunden danach ad exitum, ohne das Bewusstsein 
wieder erlangt zu haben. Bei der Sektion fanden sich multiple glioblastische 
Sarkome des Gehirns und Rückenmarkes bei im übrigen normalem Organ¬ 
befund. Der histologische Befund ergab im wesentlichen folgendes: Die in 
ihrer Lage im Sektionsprotokoll genauer beschriebenen multiplen, geschwulst- 
massigen Bildungen im Ependym der Seitenventrikel waren aufgebaut aus 
einem Gewebe vom Charakter teilweise zellreicher, faserarmer Gliome, teilweise 
glioblastische Sarkome. Auch innerhalb derjenigen Geschwülstchen, wo der 
histologische Typus des Glioms der vorherrschende war, fand sich jugendliches 
Geschwulstbildungsmaterial in Form von kemreichen Proliferationszentren. 
Der Tumor des Kleinhirns zeigte teilweise den Charakter des zellreichen, faser¬ 
armen Glioms, hier fanden sich neben diesen höher entwickelten und weiter 
differenzierten Teilen in der Geschwulst Partien, innerhalb derer das 
(Jewebe weniger weitgehende Differenzierung aufwies, vorherrschend war 
jedoch der Charakter des glioblastischen Sarkoms. Auch die Geschwulst im 
Subarachnoidealraum an der Basis der rechten Hälfte des Pons erwies sich 
mikroskopisch als glioblostisches Sarkom. Einen äusserst interessanten Befund 
bot die multiple Tumorbildung im Bereich des Rückenmarkes dar; es handelte 
sich hier um einen blastomatösen Prozess, welcher an verschiedenen Stellen in 
verschieden hohem Grade die weichen Häute des Marks infiltriert hatte und 
zum Teil auch in die Markmasse hineingewuchert war. Die histologische For¬ 
mation der Geschwulst war die eines indifferenten Rundzellensarkoms, teil¬ 
weise die eines glioblastischen Sarkoms. Auffallend in den Schnitten von 
Hals- und Brustmark war das Vorhandensein grösserer un^ kleinerer zystischer 
Hohlräume innerhalb der Geschwulst und Rückenmarksubstanz. Die letztere 
war teilweise von Geschwulstgewebe umscheidet, und es war hier der 
interessante Befund einer Auskleidung durch Geschwulstzellen nach Art eines 
Epithels zu erheben. Auch sonst konnte man kleinere, durch konzentrische 
Stellung der Geschwulstzellkeme zustande gekommene drüsenähnliche Lumina 
hier und da in der Geschwulst des Rückenmarks beobachten. Die Genese der 
Hohlräume schien eine verschiedene. Teilweise handelte es sich um die in glio¬ 
blastischen Sarkomen häufig zu beobachtenden „Rosettenbildungen“, d. h. For¬ 
mationen, wie sie durch eine den Geschwulstzellen innewohnende Tendenz, 
nach Art der Neuroepithelien im embryonalen Leben sich konzentrisch zu 
gruppieren, zustande kamen, teilweise waren sie dadurch entstanden, dass 
präexistente ödematöse Gliamaschen von Geschwulstzellen in kontinuierlicher 
Schicht ausgekleidet wurden; endlich waren es durch Oedem bedingte Lücken 
innerhalb der Geschwulstmassen. Es ergab somit das Studium der Rücken- 
markspraparate, dass die Geschwulstzellen sich repräsentierten teilweise als 
Glioblasten, mit der Tendenz, faserige gliöse Substanz zu produzieren, teilweise 
in ihnen vorhandene Potenzen nach Art jugendlicher Neuroepithelien zur 

J ) Kräuter, Johanna, Ueber ein glioblastisches Sarkom des Klein¬ 
hirns mit Metastasenbildung im Hirn und Rückenmark. Inaug.-Dissert. 
München, 1015. 


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Entwicklung gelangen Hessen. Besondere Erwähnung verdient das Vorhanden¬ 
sein des aus Bundzellen sowie Kernen mit fibrillärer Zwischensubstanz 
bestehenden Gewebes im Lumen des Zentralkanals des Halsmarks und in der 
Umgebung desselben. Dieses Gewebe stimmte in seiner histologischen For¬ 
mation vollkommen mit auch sonst an verschiedenen Stellen in der Geschwulst 
zur Beobachtung kommenden überein, so dass sich anlässlich dieses Befundes 
die Frage erheben musste: handelte es sich hier um eine intramedulläre, im 
Zentralkanal zur Entwicklung gekommene Siedelung von Geschwulstgewebe 
oder hatte man nur den Befund einer unregelmässigen Ausbildung des Zentral¬ 
kanals und des ihn auskleidenden Zellmaterials vor sich? Verf. glaubt, in dem 
Falle den Befund des zellig fibrillären Materials in und um den Zentralkanal 
nicht mit einer Anomalie in der Ausbildung desselben in Beziehung bringen 
zu sollen, sondern ist der Meinung, dass es sich hier um eine im Innern des 
Kanals zustande gekommene LokaHsierung von Geschwulstmaterial handelt» 
Eine Reihe histologischer Befunde werden zur Stützung dieser Annahme von 
der Verfasserin angeführt. Des weiteren wird die Frage aufgeworfen: Handelt 
es sich um eine primäre Multiplizität von Geschwülsten, welche in letzter 
Linie einer an multiplen Stellen des Zentralnervensystems vorhandenen fehler¬ 
haften Differenzierung und GHederung des architektonischen Aufbaues ihren 
Grund hat, oder stehen die multiplen, zur Beobachtung gekommenen 
geschwulstmässigen Bildungen in gegenseitigem kausalem Zusammenhang — 
so dass die eine in Abhängigkeit zur anderen entstanden ist —, dass also hier 
eine echte multiple Metastasenbildung vorliegt? Es bestand hier ein grosser, 
auf Grund seiner Histologie sowie seiner Ausbreitung als primär aufzufassen¬ 
der Tumor im Kleinhirn, dessen infiltratives Wachstum deutlich war an der 
Durchwachsung der Kleinhirnrinde und dem Vordringen in den Subarach- 
noidealraum der Kleinhirnbasis. Diese Geschwulst war breit in den vierten 
Ventrikel eingebrochen und hatte zu einer Lichtungsverlegung des grössten 
Teils des vierten Ventrikels geführt. Mit dieser Lichtungsverlegung muss ein¬ 
hergegangen sein eine Aenderung der normalen Zirkulationsverhältnisse des 
Liquor cerebrospinalis, und es spricht nichts gegen die Annahme, dass von der 
Geschwulst im vierten Ventrikel aus Geschwulstelemente in die apikalwärts 
gelegenen Hirnhöhlen hineingelangt, daselbst im Ependym zur Lokalisation 
gekommen sind und hier zur Entstehung von sekundären Geschwülsten Ver¬ 
anlassung gegeben haben. Für diese Auffassung spricht auch der objektive 
Befund in einem der Geschwülstchen im Ependym des linken Seitenventrikels. 
Hier fand sich noch ein Teil der Geschwulst deutlich von dem subependymären 
GHafilz unterschichtet, auch war unterhalb der Geschwulst an einer Stelle 
noch ein Stück Ependymepithelbelag erhalten. Diese Befunde sprechen dafür, 
dass die Geschwulst in der Nähe der freien Ventrikeloberfläche zur Entwick¬ 
lung gekommen ist. Für die Annahme einer metastatischen Entstehung der 
multiplen Geschwülste in den Seitenventrikeln spricht auch der Wechsel der 
histologischen Formationen. Würde es sich um primäre multiple Gliome han¬ 
deln, so wäre dies wohl nicht der Fall, insofern als wir die Annahme machen 
dürfen, dass primär multiple Geschwülste als alle gleichzeitig auf dem Boden 
von Entwicklungsanomalien entstanden, auch alle ungefähr eine gleich weit¬ 
gehende Differenzierungstendenz zeigen und dieselbe auch in der gleichen 
Weise verwirklichen. Mit dieser Annahme steht in Uebereinstimmung der 
tatsächliche Befund einer weitgehenden, nach der Seite der faserreichen 
Gliome fortschreitende Differenzierung der unter dem Namen der primären 
multiplen ependymären Neubildungen. Mit der Annahme einer metastatischen 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 45 


Entstehung der Geschwülste von einem glioblastischen Sarkom aus ist der 
Wechsel der histologischen Formationen in den einzelnen Ependymgeschwül- 
sten viel weniger zu vereinigen, indem es sich hier um die Einnistung eines 
jugendlichen Geschwulstmaterials handelt, welches teilweise den indifferen¬ 
zierten Geschwulstcharakter beibehalten, teilweise die in ihm vorhandenen 
Differenzierungs- und Entwicklungsqualitäten in verschiedener Weise realisiert 
hat. Einem AbhängigkeitsVerhältnis des Tumors im Subarachnoidealraum an 
der Basis des Pons, sowie der diffusen Geschwulstinfiltration der weichen Häute 
des Rückenmarks von dem Kleinhimtumor dürften keine Bedenken entgegen¬ 
stehen. Der Kleinhirntumor war in den Subarachnoidealraum der Hirnbasis 
eingebrochen. Von hier aus sind Geschwulstkeme in den Subarachnoideal¬ 
raum der Ponsbasis sowie des Rückenmarks hineingekommen; im Rückenmark 
haben sich in diffuser Weise in allen Höhen der Cauda equina und des Rücken¬ 
marks ausgebreitet und sind sekundär in die Markmasse eingedrungen. Auf 
Grund des Angeführten scheint die Deutung des Falles dahin gegeben, dass 
von einem primär in der Substanz des Kleinhirns zur Entwicklung gekommenen 
glioblastischen Sarkoms multiple metastatische Geschwülste in den Ventrikeln, 
im Subarachnoidealraum der Pons und des ganzen Rückenmarks sowie im 
Zentralkanal des Halsmarkes entstanden ist. Durch diese Art von echter 
Metastasenbildung ist der Fall exzeptionell. — Die Arbeit von Kubitz und 
Stämmler 1 ) bringt eine ausführliche Darstellung der Leberveränderungen in 
zwei Fällen von Westphal-Strümpellscher Pseudosklerose und progressiver 
Linsenkemdegeneration (Wilsonsche Krankheit). Der Befund ergab in beiden 
Fällen übereinstimmend eine chronisch-entzündliche Zirrhose der Leber. Ein 
Fall ergab eine positive Wassermannsche Reaktion. — Marcus s ) macht beson¬ 
ders auf das Vorkommen von Plasmazellen in der Hirnrinde der Paralytiker 
aufmerksam, in denen die Spirochaete pallida nachgewiesen worden ist. Viel¬ 
leicht sind die Plasmazellen Träger der Spirochäten in den Ganglienzellen 
oder Zerstörer der Spirochäten. In dem Vorkommen von Spirochäten in den 
Plasmazellen ist eine wichtige Stütze für die Anschauung zu erblicken, dass 
die syphilitische Noxe zuerst die Gefässe und erst später die Nervensubstanz 
angreift. — Nach den Untersuchungen von Martin, Biegelow und Wilbur •) 
sinkt die Erregbarkeit des Nervensystems, gemessen nach dem sensorischen 
Verhalten gegenüber dem faradischen Strome, in den frühen Abendstunden 
bis zu einem gewissen Tiefpunkt gegen Mitternacht. In den folgenden Stunden 
steigt sie wieder etwas an, um vier Stunden nach dem ersten Minimalwert 
einen zweiten Minimalwert zu erreichen. Nach diesem erfolgt ein allmähliches 
Ansteigen bis zum Erreichen des Normalwertes. Diese Schwankungen hängen, 
wie die Verfasser annehmen, von der Tiefe des Schlafes ab, namentlich davon, 
ob die Nacht in wachem oder schlafendem Zustand verbracht wird. — Marx 4 ) 
berichtet über den Fall einer 28jährigen Puella publica, die ein hysterisches 

*) Kubitz und Stämmler, Ueber die Leberveränderungen bei 
Pseudosklerose (Westphal-Strümpell) und progressiver Linsenkern¬ 
degeneration (Wi 18onscher Krankheit). Zieglers Beiträge zur patholog. 
Anatomie und allgemeinen Pathologie. Bd. 80, Heft 1, 1915. 

*) Marcus, Die Veränderungen in der Hirnrinde bei der progressiven 
Paralyse. Nordisk medizinsk Arkiv 1914/1915, Festschrift für Prof. Dr. 
I. J. Edgren. 

*) Martin, G., Bigelow,G. H. und Wilbur, G. B., Variations in 
the sensory herbold for faradic Stimulation in normal human subjects. II The 
nocturnal Variation. Americ. Journ. of Physiolog., XXXIII, Nr. 3, p. 415. 

4 ) Marx, Ein Simulationsfall von Gesichtsulkus bei einer Hysterischen. 
Dermatologische Wochenschrift, 1915, Nr. 38. 


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Artefakt auf der linken Wange aufwies. — Wie die Untersuchungen 
Mattfssons 1 * * ) zeigen, wird Veronal selbst in grösseren Einzelgaben ein¬ 
genommen, zum grössten Teile (selbst bis zu 90•/•) im Harn wieder zur Aus¬ 
scheidung gebracht. Diese Ausscheidung kann sich über längere Zeit, die 
zwischen 8 und 12 Tagen nach Einnahme des Veronals schwankt, erstrecken. — 
Mayer*) möchte Sedobrol bei der Behandlung nervöser Krankheitszustande 
nicht mehr missen und glaubt, dass uns in dem Sedobrol ein Heilmittel 
beschert ist, das seiner handlichen, originellen und wirksamen Verwendungs¬ 
form wegen noch viele schöne Erfolge verspricht. — Meyer 8 ) glaubt nicht, dass 
schwere Psychosen chronischen Charakters infolge des Krieges besonders zahl¬ 
reich zur Beobachtung gelangen; ebensowenig ist eine besondere Färbung der¬ 
selben erkennbar. Dagegen geben unzweifelhaft die kriegerischen Ereignisse 
häufig den Anstoss zu akuten Psychosen auf alkoholischer Basis und epilep¬ 
tischer Basis, wirken verschlechternd auf die Epilepsie und führen besonders 
oft — vielfach bei einer gewissen Disposition — zu psychisch-nervösen Störun¬ 
gen psychogener Natur. — Möckel 4 * ) bespricht zunächst die verschiedenen 
chirurgischen Methoden der Epilepsiebehandlung mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Dauerresultate. Hingewiesen wird besonders auf die Dura- 
drainage nach W i 1 m 8, die Verf. auch experimentell an Tieren studiert hat. 
Was die Dauererfolge der chirurgischen Epilepsiebehandlung an der Heidel¬ 
berger chirurgischen Universitätsklinik betrifft, so beläuft sich das Material 
innerhalb 3 Jahre auf 20 Fälle, von denen 12 nachuntersucht werden konnten. 
Von diesen gehörten 5 zur traumatischen allgemeinen, 3 zur traumatischen 
J ackson sehen und 4 zur genuinen Form. Es wurden nach dem Vorgänge 
von F. Krause Fragebogen mit 8 Fragen an die Patienten zur Ausfüllung 
versandt. Die betreffenden Krankengeschichten sind im Original einzusehen. 
Die Resultate waren folgende: 3 Patienten = 25% sind geheilt, 3 = 2ö f /t 
gebessert, und bei 6 = 50% war die Operation erfolglos. Da bei 4 genuinen 
einmal, bei 8 traumatischen zweimal Heilung eintrat, so sind die Erfolge bei 
beiden Formen gleich. Todesfälle im Anschluss an die Operation wurden nicht 
beobachtet. Bei einem geheilten Falle liegt die Operation 3 Jahre zurück, bei 
einem 2 Jahre, bei einem dritten 1% Jahre. Gemeinsam haben alle drei 
geheilten Fälle das jugendliche Alter (Knaben von 6, 7 und 12 Jahren). Es 
wurde verhältnismässig frühzeitig nach Ausbruch der Epilepsie operiert. Zwei 
der Fälle gehörten der traumatischen, einer der genuinen Form an. Es traten 
noch kürzere oder längere Zeit nach der Operation Anfälle auf, die dann von 
selbst verschwanden. Geistig sind die Kinder nicht zurückgegangen. Von den 
drei gebesserten Fällen wurde übereinstimmend gutes Allgemeinbefinden und 
seltene Anfälle gemeldet. Möglicherweise geht auch hier noch ein Fall in 
Dauerheilung über. Von den übrigen durch die Operation nicht gebesserten 
Fällen gehören zwei der traumatischen, drei der genuinen Form an. Bei 
drei davon waren psychische Störungen vorhanden; drei nichtgeheilte Patien- 


l ) Mattisson, Beitrag zur Kenntnis der akuten Vergiftung mit 
Veronal, mit besonderer Bezugnahme auf die Ausscheidung dieses Stoffes mit 
dem Harn. Nordisk medizinsk Arkiv 1914/1915, Festschrift für Prof. Dr. 
I. J. Edgren. 

*) Mayer, Sedobrol in der neurologischen Praxis. Berliner klinische 
Wochenschrift, 1916, Nr. 0. 

s ) Meyer, Psychosen und Neurosen in der Armee während des Krieges. 
Deutsche medizinische Wochenschrift, 1914, Nr. 51. 

4 ) M ö c k e 1, Wilhelm, Epilepsie und Dauerresultate. (Aus der chirur¬ 

gischen Klinik der Universität in Heidelberg.) Inaug.-Dissert., Heidelberg, 1915. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 47 


ten sind bereits an den Folgen ihrer Krankheit gestorben; zwei davon unter 
zunehmenden Anfällen im Status epileptica. Hier war also die Operation 
völlig ergebnislos, obwohl in allen drei Fällen die Anfälle nach der Operation 
für kurze Zeit schwächer und seltener wurden, dann aber um so heftiger wieder¬ 
kehrten. In einem Falle handelte es sich um eine schwere traumatische 
Epilepsie, in den anderen beiden um genuine Formen, bei denen die ersten 
Anfälle 9 und 11 Jahre zurückliegen. Beide waren psychisch dement. Schliess¬ 
lich bei den letzten nicht gebesserten Fällen liegt der Beginn der Epilepsie 
auch 4 bzw. 6 Jahre zurück, und auch hiervon ist einer dement. Aus dem 
Ergebnis der nachuntersuchten Fälle kann man folgende Schlüsse ziehen: Die 
Aussicht auf Heilung ist am grössten, wenn es sich um jugendliche Patienten 
handelt und wenn zwischen dem Ausbruch der Epilepsie und der Operation 
eine nicht zu lange Zeit liegt. Bei Kindern soll man auch operieren, wenn die 
geistigen Fähigkeiten schon im Rückgang begriffen sind, da sich das kindliche 
Gehirn wieder erholen kann. Bei Patienten mit Seelenstörungen, besonders 
bei solchen, bei denen die Epilepsie schon jahrelang besteht, ist die Operation 
aussichtslos. Anfälle, die nach der Operation weiter bestehen, können nach 
Monaten von selbst verschwinden. Ebenso können Lähmungen vorübergehend 
nach der Operation auftreten (wie in 2 Fällen des Verf.s). Es ist vorteilhafter, 
die Trepanationsöffnung an der Schädelbasis anzulegen, weil ein sonst leicht 
auftretender Hirnprolaps und der Knochendefekt schon an sich den Patienten 
einer beständigen Gefahr durch Traumen aussetzen. Mit dem Ergebnis der 
Nachuntersuchung: 25°/o Heilung und 25°/o Besserungen kann man sehr 
zufrieden sein, denn bei jedem zweiten Patienten war also die Operation von 
Erfolg begleitet und man kann deshalb die chirurgische Behandlung aller 
Epilepsieformen mit Ausnahme der mit Demenz einhergehenden als wohl¬ 
berechtigte Massnahme empfehlen. — B. Müller *) berichtet über eine Reihe von 
Verletzungen des Gehirns infolge Gewehrschuss, Granatschuss und Einwirkung 
stumpfer Gewalt (Schlag) aus der Lothringer Schlacht (August 1914). Verf. 
bekam die Fälle schon nach 24 bis 36 Stunden zu Gesicht. Zusammenfassend 
ist zu sagen, dass die Verletzungen des Gehirns infolge Tangentialschusses die 
besten Aussichten auf Heilung ergeben und dass die Zentralschüsse bei weitem 
schlechtere Prognose bieten. Ferner ist der Schluss erlaubt, dass eine weit¬ 
gehende chirurgische Behandlung in allen Fällen indiziert ist und nur durch 
dieselbe Aussicht vorhanden ist, die Gefahren der Gehirnverletzungen zu ver¬ 
ringern. Ein grosser oder vielmehr der grösste Teil der Gehirnschüsse und 
Gehimverletzungen durch stumpfe Gewalt wird schon auf dem Schlachtfeld 
ad exitum kommen, die Fälle aber, die noch lebend in unsere Lazarette kommen, 
werden durch eine chirurgische Behandlung zum grossen Teil zu retten sein. 
Es soll bei der Behandlung die Meningitis nicht gefürchtet, und es soll vor 
allem durch Entfernung von Knochensplittern oder Projektilen der Bildung 
von Erweichungsherden vorgebeugt werden, und es soll dort, wo Erweichungs¬ 
herde oder Abszesse im Gehirn vorhanden sind, durch frühzeitige Drainage 
nach obigen Gesichtspunkten der Ausbreitung der Erweichungsherde Einhalt 
getan werden. Verf. hat im ganzen 25 Tangentialschüsse mit Knochen- und 
Gehimverletzungen behandelt, von denen 2 gestorben sind = 8°Io. Von diesen 
ist ein Fall an akuter Meningitis gestorben. Bei demselben war die Infektion 
eine sehr schwere; schon vor der Operation waren meningitische Zeichen vor¬ 
handen, mehrmals Krämpfe. In dem zweiten Falle war durch das Zurück- 

0 Müller, B., Verletzungen des Gehirns und deren chirurgische 
Behandlung. Arch. f. klin. Chirurgie 1915, Bd. 107, Heft 1, S. 138. 


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bleiben von zwei Knochensplittern im Gehirn ein Erweichungsherd entstanden, 
der dann einen Abszess bildete, der in den Seitenventrikel durchbrach und eine 
Vereiterung desselben hervorrief, welcher der Patient erlag. Dieser Fall ist ein 
Beispiel dafür, dass die im Gehirn zurückbleibenden Knochensplitter zu 
ernsten Folgezuständen führen und dass man nach Möglichkeit jeden Splitter 
entfernen solL Es ist nicht anzunehmen, dass solche Knochensplitter reaktions¬ 
los einheilen, sondern es treten meist Erweichungsherde um solche Fremd¬ 
körper herum auf. Die übrigen Fälle von Tangentialschüssen mit (Jehirnver¬ 
letzungen sind ohne Komplikation geheilt. Die Folgezustände, die sich ein¬ 
stellten, waren nur die aus der jeweiligen Verletzung der betreffenden Gehira- 
zentren entstehenden Lähmungen, die z. T. schon nach wenigen Wochen fast 
ganz zurückgingen. Daneben bestanden bei den meisten Patienten zeitweise 
Kopfschmerzen, Flimmern vor den Augen und eine allgemeine nervöse 
Schwäche. Diese rein neurasthenischen Symptome besserten sich mit der Zeit 
wesentlich. 6 Fälle wurden ohne Beschwerden nach 3—4 Monaten entlassen. 
Dienstfähigkeit tritt nur in seltenen Fällen wieder ein. Bei den übrigen 
17 Verletzten waren teilweise Lähmungen zurückgeblieben. Diese sind dienst¬ 
unfähig, für ihren bürgerlichen Beruf aber völlig geeignet. Bei einem Teil der 
Verletzten war eine geringe Verminderung der psychischen Leistungen, beson¬ 
ders der raschen Denkfähigkeit, des Gedächtnisses und der Urteilskraft zu 
konstatieren. Schwerere psychische Ausfälle fehlten. J acksonepilepsien sah 
Verf. nicht, doch ist mit diesen für die Zukunft zu rechnen. 4 Fälle betrafen 
Zentral- (Steck)schüsse des Gehirns, die sämtlich zugrunde gingen. Sämtliche 
waren durch Granatsplitter zustande gekommen. Das chirurgische Vorgehen 
hat in solchen Fällen darin zu bestehen, den Zugang zu dem Erweichungsherd 
zu erweitern und diesen ausgiebig zu drainieren. Die Gefahren dieser Therapie 
bestehen darin, dass man die Meningen an der Gehimbasis von dem infizierten 
Schusskanal her infiziert, ganz abgesehen von der Schwierigkeit, den Sitz des 
Projektils ohne Röntgenaufnahme zu bestimmen. Transversalschüsse hat Verf. 
dreimal gesehen. Es wurde bis auf teilweise Lähmung ein günstiger Ausgang 
erzielt. Im allgemeinen muss man die günstig verlaufenden Fälle als Aus¬ 
nahme ansehen, muss aber doch mit der Möglichkeit einer Heilung immerhin 
rechnen. Die beiden ernten Fälle betrafen hauptsächlich die Region der Gehim¬ 
basis und zeigten da die geringsten dauernden Schädigungen, während der 
dritte infolge der starken Zerstörung im linken Stimhim schwere dauernde 
Schädigung hervorrief. Immerhin finden sich bei den doch zweifellos bestan¬ 
denen starken Verletzungen der Gehimmasse keine Erweichungsherde. Es ist 
wohl anzunehmen, dass bei der schrägen Richtung des Schusskanals 
im Gehirn die Möglichkeit des Abflusses des Blutes aus dem Schusskanal 
bestand. Verf. bezeichnet die Transversalschüsse keineswegs als günstig und 
hält den Ausgang seiner Fälle für immerhin seltene Ausnahmen. In einem 
Falle bestand weit abseits von dem Orte der Verletzung ein Erweichungsherd in¬ 
folge Kontrekoupwirkung. Verf. berichtet weiter über zwei Fälle von Verletzun¬ 
gen des Schädels und Gehirns durch stumpfe Gewalt. Es handelte sich beidemal 
um sehr ausgedehnte Verletzungen. Diese betrafen in Fall I das rechte Stim- 
hirn. Die motorischen Zentren waren unverletzt geblieben. Es wurden die 
Knochensplitter entfernt, drainiert und die Weichteile über dem Knochen¬ 
defekt bis auf eine kleine Oeffnung für den Tampon fest vernäht. In Fall II 
handelte es sich um eine schwere indirekte Verletzung des Gehirns, welche mit 
einem Erweichungsherde, der zweifellos aus einer infolge des Schlages gegen 
den Schädel und die Depression desselben entstandenen Hämorrhagie in die 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 49 


Marksubstanz entstanden ist, begonnen hatte. Dieser Erweichungsherd wurde 
eröffnet und drainiert. Da aber trotz ausgiebigster Eröffnung die Drainage 
nicht genügte, so entstand ein progredientes Fortschreiten des Erweichungs¬ 
herdes, der, da im Schädel nicht genug Raum vorhanden war, zu einem grossen 
Prolaps durch die Schädelöffnung führte und so bei der langen Dauer sich 
infolge Infektion von aussen in einen Abszess umwandeln musste. Die aus¬ 
giebigste chirurgische Behandlung, die im Entfernen des ganzen Herdes mit 
Kapsel bestand, konnte einem Fortschreiten und Durchbruch in den Seiten¬ 
ventrikel nicht Einhalt gebieten, so dass ein Fortschreiten bis in das Stirnhirn 
eintrat. Die eitrige Basalmeningitis rief dann ein rasches Ende hervor. Aus 
diesen beiden Gehirnverletzungen durch stumpfe Gewalt und deren verschieden¬ 
artigem Verlauf ersieht man deutlich, dass dabei wieder die allgemeinen für 
alle Abszesse in anderen Körpergegenden gültigen chirurgischen Grundsätze 
auch für die Erweichungsherde und Abszesse im Gehirn Geltung behalten, 
nämlich von Anfang der Verletzung oder Eröffnung des Herdes an für einen 
leichten Abfluss des Wundsekretes zu sorgen. Die Prognose solcher Erwei¬ 
chungsherde und Abszesse ist eine sehr schlechte. Man soll trotzdem chirurgisch 
intervenieren, da der Verlauf der Erweichungsherde ein recht langsamer 
und die Gefahr der Meningitis verhältnismässig gering ist. — Müller-Schürch x ) 
fand in drei Fällen von Dementia paralytica eine ausserordentlich gesteigerte 
Empfindlichkeit im Gebiet des N. peronaeus und über der Achillessehne, die 
mittels der Zirkelprüfung nachweisbar war. Der Patellarreflex war sehr lebhaft, 
breitete sich nach wenigen Wiederholungen auf die Bauchmuskulatur und 
dann (bei ca. 30 Schlägen in der Minute) auf den ganzen Körper aus, so dass 
derselbe bei jedem Schlage vom Bette aufgeworfen wurde. Verf. betont die 
Möglichkeit eines diagnostischen Wertes der genannten Symptome in zweifel¬ 
haften Fällen von progressiver Paralyse. — Franz Nagelschmidt 2 ) berichtet 
über Licht, Radium, Elektrorhythmik, Diathermie zur Nachbehandlung von 
Kriegsverletzungen und Kriegskrankheiten des Bewegungsapparates. Ist die 
Nervennaht oder Transplantation erfolglos, so dient die Elektrorhythmik zur 
vorläufigen Erhaltung der Muskelfasern, bis ein neuer Versuch der Naht 
möglich ist, oder bis eine spontane Reproduktion der verletzten Nervenstränge 
erfolgt ist. Ist der motorische Nerv in Kallusmassen eingebettet, so kommt 
neben der Elektrorhythmik vor allem die diathermische Erweichung und 
Resorption der den Nerven komprimierenden Narbenmasse in Frage. Hierbei 
darf man die Geduld nicht verlieren. Selbst nach Monaten noch sah Verf. 
vollkommene Radialis- und andere Lähmungen sich bessern. Schwere Neural¬ 
gien, sowie sich weit über das Verletzungsgebiet erstreckende periphere 
Parästhesien, Hyper-, Hypo- und Anästhesien sind der Diathermie zugängig. 
Die entzündlichen Vorgänge in der Tiefe, sowie die Narbenbildung um den 
Nerven herum sind dieser Behandlung durchaus zugänglich. Es empfiehlt sich 
die Behandlung nicht auf den mutmasslichen Schusskanal und die betreffenden 
Nervenpartien zu beschränken, sondern die Wurzelgegend und das Aus¬ 
breitungsgebiet des Nerven mit in die Behandlung einzubegreifen. Bei den 
peripheren Empfindungsstörungen bewährt sich hervorragend die ebenfalls mit 


*) Müller -Sc hürch, Beobachtungen über die Sensibiltät und die 
Reflexe bei Paralyse. Prager medizin. Wochenschrift, 1914, Nr. 62. 

*) Nagelschmidt, Franz, Licht, Radium, Elektrorhythmik, Dia¬ 
thermie zur Nachbehandlung von Kriegsverletzungen und Kriegskrankheiten 
des Bewegungsapparates. Zeitschrift für ärztliche Fortbildung, XII, 1916, 
Nr. 10, S. 300. 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 4 


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dem Di&thermieapparat ausführbare Kondensatorelektrodenbehandlung. Am 
schnellsten reagieren Hyperästhesien und Parästhesien, am langsamsten die 
bekannten „tauben Bezirke", bei denen mitunter Faradisation, Hoch¬ 
frequenzduschen usw. herangezogen werden müssen. Ein ebenso wichtiges und 
häufiges Anwendungsgebiet stellen die zahlreichen Neuralgien im Gefolge von 
Durchnässungen und Durchkältungen dar. Auch hier kombiniert Verf. gern 
die reine Wärmewirkung der Diathermie mit der oberflächlichen Hautreizung 
durch Kondensatorelektrode und der mechanischen Lösung der Schmerzkon¬ 
trakturen durch diese bei gleichzeitigem Druck. — Der Arbeit Nitzsches *) 
über traumatische Epilepsie ist folgendes zu entnehmen: Von 446 Fällen von 
Epilepsie bei Männern aus der Kieler Klinik aus den Jahren 1901 bis 1911 
fand sich in 33 Fällen eine traumatische Aetiologie, bei den Frauen bezeich¬ 
nenderweise von 134 Fällen in keinem Falle. 11 Fälle von zum Teil rein 
traumatischer Epilepsie werden vom Verf. kurz geschildert. Im übrigen 
behandelt die Arbeit die Definition und Geschichte, Statistik, Kasuistik, patho¬ 
logische Physiologie, Aetiologie und Pathogenese, Symptome und klinischen 
Verlauf, Diagnose, Prognose, Therapie, pathologische Anatomie und die 
Bedeutung der traumatischen Epilepsie für die soziale und gerichtliche 
Medizin auf Grund der einschlägigen Literatur, ohne dass dabei eigene Erfah¬ 
rungen des Verf. zu Worte kommen. — Nonne 2 ) fasst seine Ausführungen 
in folgenden Schlußsätzen zusammen: 1. Eine jahrelang fortlaufende Beobach¬ 
tung zeigt, dass bei isolierten Pupillenstörungen der weitere Verlauf des 
Falles sich sehr verschieden gestalten kann, dass sie nämlich einerseits isoliert 
bleiben, dass andererseits sich weitergehende syphilogene Nervenleiden 
anschliessen können. 2. Die Kontrolle des Liquor spinalis ist für die 
Beurteilung der Dignität der Pupillenanomalien von Wichtigkeit. Sie zeigt: 
a) dass diese Störungen bei normalem Liquor Reste eines ausgeheilten oder 
stets rudimentär gewesenen Prozesses am Zentralnervensystem darstellen, aber 
andererseits, b) dass sie auch bei pathologischen Reaktionen im Liquor dauernd 
unverändert bleiben können. 3. Daraus ergibt sich, dass die Prognose bei 
isolierten Pupillenanomalien auf luetischer Basis nicht lediglich nach dem 
Ausfall der „4 Reaktionen" gestellt werden darf und dass man sich deshalb hüten 
muss, den prognostischen Wert positiver Liquorreaktionen im ungünstigen Sinne 
zu überschätzen. — Nussbaum 8 ) beobachtete experimentell nach Vornahme 
der Albe eschen Operation eine Lordosierung der Wirbelsäule und ein 
Kleinerbleiben der Versuchstiere. In einem Falle hatte das gehemmte Wachs¬ 
tum von 5 Wirbeln auf das ganze Tier so eingewirkt, dass es kleiner geblieben 
ist. Die Lördosierung als Folge der Albe eschen Operation scheint für den 
Pott sehen Buckel nur von Vorteil zu sein. Ob diese Verbiegung der Wirbel¬ 
säule jedoch in der Tat zustande kommt, ist noch mehr als fraglich. 
Von Nachteil ist ferner die Beschränkung des allgemeinen Wachstums durch 
die Operation und die Versteifung der Wirbelsäule. Es überwiegen jedoch die 
Vorteile: das schnelle Ausserbettbringen (besonders bei Kindern von Wert!), 


^Nitzsche, Zur Lehre von der traumatischen Epilepsie. Inaug.-Dissert. 
Kiel 1913. 

*) Nonne, Ueber die Bedeutung der Liquoruntersuchung für die 
Prognose von isolierten syphilogenen Pupillenstörungen. Deutsche Zeitschrift 
für Nervenheilkunde, 1914, Nr. 51, S. 155. 

*) Nussbaum, A., Ueber Gefahren der A1 beesehen Operation bei 
Pottschem Buckel der Kinder. Aus d. Chirurgischen Universitätsklinik in 
Bonn). Beiträge zur klin. Chirurgie, Bd. 99, Heft 1, 1916, S. 123. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 51 


ohne dass schwere und hinderliche Stützapparate nötig wären, und das dadurch 
bedingte rapide Emporblühen des Allgemeinbefindens. Inwieweit schädliche 
Spätfolgen ernsterer Art zu befürchten sind, lässt sich erst nach Jahren über¬ 
sehen. Ein Uebergreifen des tuberkulösen Prozesses auf die Gegend des Spans 
ist erfahrungsgemäss unwahrscheinlich und mithin auch von dieser Seite keine 
allzu grosse Gefahr zu befürchten. — Ernst Petzsch 1 ) berichtet über 4 ein¬ 
schlägige Fälle. Fall I: Beginn der Paralyse mit 22 Jahren. Dauer 8 Monate. 
Demente Form. Nach dem ersten paralytischen Status galoppierender Verlauf, 
zunächst motorisch aptiert, kurz darauf neben der Demenz leicht depressive 
Phase, zum Schluss ein zweiter paralytischer Status. Schwachsinnige Grössen¬ 
ideen und Euphorie fehlten völlig, rudimentär und durch demente Deutung 
von Halluzinationen bedingt waren die Beeinträchtigungsvorstellungen. Lues 
fehlte in der Anamnese. Die Sektion ergab jedoch neben metaluischen Ver¬ 
änderungen luetische Veränderungen der Nieren, der Leber und des Zentral¬ 
nervensystems. Es bestand also eine Superposition der Paralyse auf einer 
Lues cerebri. Für hereditäre Lues verdächtig waren die Epilepsie des Vaters, 
das Vorkommen gewisser Degenerationszeichen und Infantilismus. Pat. ist 
nicht antiluetisch geworden, auch blieben keine Zeichen der hereditären Lues 
zurück. Die Sektion ergab typische paralytische Veränderungen des Gehirns 
und Rückenmarks. Fall II: Beginn mit 16 Jahren. Dauer fast 3 Jahre. Lues 
hereditaria erwiesen: Lues des Vaters, mehrere Früh- und Totgeburten. Koma¬ 
tische Zeichen der Erbsyphilis bestanden nicht, wohl aber Degenerations¬ 
zeichen und Infantilismus. Das Bild der Erkrankung entsprach dem der 
klassischen Paralyse: neurasthenisches Vorstadium, expansives Hauptstadium.— 
Pickhan 3 ) gibt einen Bericht über 4 Fälle von manisch-depressivem Irresein post 
trauma mit ausführlicher Mitteilung der betreffenden Krankengeschichten und 
Gutachten. In den beiden ersten Fällen lag ein direktes somatisches Trauma, 
davon eines den Kopf betreffend, vor. Im dritten Falle lag ein psychisches, 
im vierten ein toxisches Trauma vor. Begehrungsvorstellungen der Kranken 
oder ihrer Angehörigen, sowie ätiologische Momente in der Aszendenz waren 
mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschliessen. Ursächlich kamen die Unfälle 
in keinem Falle in Betracht. Der Boden für den Ausbruch der Geisteskrank¬ 
heit war bereits vorbereitet. Das manisch-depressive Irresein ist eine vor¬ 
wiegend endogene Erkrankung, bei welcher ein Unfall wohl als auslösendes 
Moment für die bereits bestehende Erkrankung in Betracht kommt, nicht aber 
als die eigentliche Ursache für die Geisteskrankheit angesprochen werden 
kann. — Die Arbeit von Pighlni 3 ) gibt eine zusammenfassende Darstellung 
der chemischen Befunde am Kleinhirn, wie sie der Verfasser in Gemeinschaft 
mit einer Reihe von Mitarbeitern in den letzten Jahren erhoben hat. Ein Teil 
derselben ist uns bereits aus den in deutscher Sprache erschienenen Ver¬ 
öffentlichungen in den letzten Jahrgängen der „Biochemischen Zeitschrift“ 
und der „Zeitschrift für physiologische Chemie“ bekannt. Es wäre sehr zu 
begrüssen, wenn auch die vorliegende Monographie in deutscher Sprache vor¬ 
liegen würde. Referent steht nicht an, diese Untersuchungen mit als die 
wichtigsten der Hirnphysiologie aus den letzten Jahren zu bezeichnen. — 


J ) Petzsch, Ernst, Ueber juvenile Paralyse. Inaug-Dissert., Greifs¬ 
wald 194. 

*) Pickhan, Artur, Unfall und manisch-depressives Irresein. Inaug.- 
Dissert., Bonn 1914. 

®) Pighini, G., La biochimica del cervello. Torino 1915, Verlagsbuch¬ 
handlung Rosenberg u. Sellier. 


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Porter und Pratt 1 ) untersuchten das Verhalten des vasomotorischen Zen¬ 
trums bei Diphtherie und fanden, dass die experimentelle Wahrscheinlichkeit 
beweist, dass das vasomotorische Zentrum bei schwerer Diphtherie verschont 
bleibt. — Preisig *) bespricht zunächst die Familienpflege ruhiger Geistes¬ 
kranker in den schweizer Kantonen Bern, Schaffhausen und Genf, um alsdann 
die einschlägigen Verhältnisse im Kanton Waadt zu schildern. Im ganzen 
kamen 246 ruhige Geisteskranke aus der kantonalen Irrenanstalt in Cery 
(Waadt) in Familienpflege. Es werden die betreffenden Angaben ausführlich 
mitgeteilt und die innere Organisation eingehend geschildert. Bezüglich der 
Indikationen zur Familienpflege steht Verfasser durchaus auf dem Boden der 
bekannten und bewährten Grundsätze. — Von den beiden Formen des 
angeborenen Schwachsinns verhindert nach Ansicht von Richter *) die 
erethische (erregte, variable) Form in jedem Falle die Ausbildung und die 
Ausübung des militärischen Dienstes im Sinne der Anlage 1 U 15. Für die 
torpide (stumpfe, apathische, anergetische) Form stellt Verf. anheim zu 
bedenken, dass diese einmal, wenn auch selten, in die erethische übergehen 
kann. Bei bestehender Erkenntnis der Strafbarkeit einer Handlung muss 
selbst bei dem Vorhandensein einer gewissen Urteilsschwäche die Zurechnungs¬ 
fähigkeit beim angeborenen Schwachsinn angenommen werden. Im Interesse 
der militärischen Disziplin muss die Grenze der Unzurechnungsfähigkeit im Ge¬ 
gensatz zur Grenze der Dienstunbrauchbarkeit beim angeborenen Schwachsinn, 
speziell bei den moralisch minderwertigen erethischen Schwachsinnigen, durch¬ 
aus eng gehalten werden. Selbstverständlich soll bei berechtigtem Zweifel die 
Frage der Zurechnungsfähigkeit zugunsten des Angeklagten entschieden werden. 
— Brailfort Robertson und Burnett 4 ) untersuchten den Einfluss des vorderen 
Zirbeldrüsenlappens auf das Wachstum von Karzinomen und kamen dabei zu 
folgenden Resultaten: 1. Die Verabreichung von Emulsionen des vorderen 
Lappens der Glandula pituitaria des Ochsen steigert in ausgesprochenem Maße 
den Wachstumprozess des primären Tumors von Ratten mit Impfkarzinomen. 
Das Wachstum von kleinen Tumoren wird verhältnismässig schneller 
beschleunigt als dasjenige grosser Tumoren. 2. Diese Beschleunigung tritt 
jedoch erst in einem gewissen Wachstumsstadium des Tumors zutage, 20 Tage 
nach der Impfung. Die Verabfolgung hebt die Tendenz der Tumoren zu 
Metastasenbildung nicht auf. 3. Leberemulsion hat neue Wachstumsbeschleu¬ 
nigung der Rattenkarzinome zur Folge. — Roederer 6 ) gibt ausführliche Dar¬ 
stellung der orthopädischen Behandlungsweisen der Pott sehen Krankheit, 
die im einzelnen im Original nachzulesen ist. Zu kurzer Besprechung an dieser 
Stelle nicht geeignet. — Rohleder 6 ) gibt sehr anschauliche Schilderungen des 

J ) Porter und Pratt, The state of the vasomotor centre in diphtheria 
intoxication. Americ. Journ. of Physiology, Vol. XXXIII, Nr. 3, p. 431, 1914. 

*) Preisig, S., Le placement familial d’ali6n£s tranquilles dans le 
canton de Vaud de 1904 ä 1913. Schweizerische Rundschau f. Medizin, 1914. 
Nr. 2L 

•) Richter, Die Frage der Dienstfähigkeit und Zurechnungsfähigkeit 
bei der erethischen Form des angeborenen Schwachsinns. Deutsche militärärzt¬ 
liche Zeitschrift, 1915, Heft 1 und 2. 

4 ) Robertson, T., Brailsford und Burnett, Th. C., The 
influence of the anterior lobe of the pituitary body upon the growth of car- 
cinomata. Journ. of. exper. Medic., XXI, 3, p. 280, 1915. 

•) Roederer, Le traitement du mal de Pott. Journ. de medecine de 
Paris, 1914, Nr. 25—28. 

®) Rohleder, H., Zur Prostitution in Südspanien, besonders bei den 
spanischen Zigeunerinnen. Zeitschrift für Sexualwissenschaft, 1. Band, 6. Heft, 
1914. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 53 


spanischen Dirnenwesens auf Grund des Besuches mehrerer südspanischer 
Städte. Die Schilderungen müssen, als zu kurzer Wiedergabe an dieser 
Stelle nicht geeignet, im Original nachgelesen werden. — Eine Arbeit 
Rohleders l ) stellt einen kurzen Auszug aus der ausführlichen Monographie 
des Verfassers: „Die künstliche Zeugung“ dar, weswegen sich eine Besprechung 
an dieser Stelle erübrigt. — Rosenbloom und Andrews 2 ) untersuchten den 
Kaliumgehalt des Liquor cerebrospinalis bei verschiedenen Krankheiten. Die 
Verf. gelangen in ihrer Arbeit zu folgenden Schlussergebnissen: 1. Der 
Kaliumgehalt der unzentrifugierten Zerebrospinalflüssigkeit ist höher als der¬ 
jenige der zentrifugierten Flüssigkeit. 2. Es wurde keine Beziehung ermittelt 
zwischen der Anzahl der Zellen in der Flüssigkeit und deren Gehalt an Kalium. 
3. Es wurde keine Beziehung gefunden zwischen dem Gehalt an Kalium und 
der Globulinreaktion. 4. Die Verfasser sind nicht des Glaubens, dass es möglich 
sei, auf der Basis des Gehaltes an Kalium irgendwelche Schlussfolgerungen zu 
ziehen, was den Charakter des gegenwärtigen Zustandes in dem Zerebrospinal- 
system anbelangt. 5. Der Gehalt der Zerebrospinalflüssigkeit an Kalium wurde 
in 31 Fällen ermittelt. Einer dieser Fälle mit einem sehr hohen Gehalt an 
Kalium (18,3 mg) war ausserordentlich akut, und dieser eine Fall scheint 
Salkowskis Angabe zu bekräftigen, dass der Kaliumgehalt in den akuten 
Fällen ein hoher ist. 6. Der Gehalt der Zerebrospinalflüssigkeit an Kalium ist 
bei degenerativen Erkrankungen des Zerebrospinalsystems nicht vermehrt. — 
Rupprecht 8 ) gibt an Hand mehrerer Tabellen einen statistischen Beitrag zu 
der wichtigen Frage der Alkoholkriminalität. In Tabelle I ist die Alkoholkrimi¬ 
nalität der bayerischen Bevölkerung im Jahre 1913 zusammengestellt. Tabelle II 
und III behandeln Stand und Beruf der wegen Trunkheitsdelikte verurteilten 
Personen. Tabelle IV betrachtet die Alkoholkriminalität und Bevölkerungs¬ 
gruppen im Jahre 1913. Tabelle V bringt den Wohnsitz der verurteilten Trinker, 
Tabelle VI die in der Trunkenheit verübten strafbaren Handlungen, 
Tabelle VII die wegen Rauschhandlungen zuerkannten Strafen und 
Tabelle VIII die Dauer der Gefängnisstrafen. Die einzelnen Statistiken nebst 
den dazugehörigen Kommentaren sind im Original nachzulesen. Verf. geht 
dann noch kurz auf den Modus der Bestrafung der Alkoholverbrecher ein. 
Recht zweckmässig ist es, ausser der eigentlichen Strafe ein Wirtshausverbot 
oder eine zwangsweise Internierung in einer Trinkerheilstätte zu verhängen. 
Auch der bedingte Strafaufschub, der bereits in einzelnen Bundesstaaten zur 
Einführung gelangt ist, ist zu empfehlen, wenn der Betreffende sich der 
Schutzaufsicht eines Fürsorgevereins oder einer Trinkerfürsorgestelle frei¬ 
willig unterwirft. — Scharlau 4 ) gelangt in seiner Arbeit zu folgender Zusam¬ 
menfassung: 1. Der Nervus infraorbitalis und die Nerven am Tuber versorgen 
die bukkale Alveolarschleimhaut. 2. Das Gebiet des Nervus incisivus ist sehr 
klein. 3. Die anästhetische Zone des Nervus palatinus anterior erstreckt sich 
nach vorn bis zur Gegend des Eckzahnes, nach medial bis zur Mittellinie und 
nach distal in den weichen Gaumen hinein. 4. Der Alveolaris inferior 


*) Kohle der, H., Artificial fecundation in man. The Urologie and 
Cutaneous Review. Technical Supplement. Vol. VI, Nr. 4. October 1914. 

*) Eosenbloom, I. und Andrews, V. L., The potassium content 
of cerebrospinal fluid in various diseases. Archives of internal Medicine, XLV, 
1914 October, p. 536. 

*) Rupprecht, Alkohol und Verbrechen. Die Alkoholfrage, XI, Nr. 2, 
S. 109, 1915. 

4 ) S c h a r 1 a u , G., Ueber Nervenzonen am Kieferapparat. Ergebnisse 
der gesamten Zahnheilkunde, IV, 3. S. 299, 1914. 


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Kurt Boas 


und der Ligualis werden in der Begel zusammen anästhesiert. 5. Der 
Mveolaris inferior zeigt bei seiner Anästhesierung zwei anästhesierte 
Zonen, die durch ein dem Bukkalis zugehörendes Gebiet getrennt sind. 6. Der 
Alveolaris inferior versorgt in erster Linie die bukkale Schleimhaut. 7. Der 
Lingualis versorgt die ganze Innenfläche des Unterkiefers. 8. Da die 
Geschmacksempfindung herabgesetzt war, kann man vielleicht annehmen, dass 
im Lingualis sensorische Fasern verlaufen. — Schlicht *) gibt die ausführ¬ 
lichen Krankengeschichten von 14 Fällen von juveniler Paralyse wieder, von 
denen 12 bereits ad exitum gekommen sind. Davon waren 8 männlich, 7 weib¬ 
lich. Es erkrankten: 


bestimmt 

wahrscheinlich 

im 

Lebens¬ 

jahr 

Fälle 

Geschlecht 

im 

Lebens¬ 

jahr 

Fälle 

Geschlecht 

7 

1 

männlich 

4 

1 

weiblich 

8 

1 

männlich 

13 

1 

weiblich 

9 

2 

| 1 weibl., 1 männl. 

16 

1 

weiblich 

11 

3 i 

2 männl., 1 weibl. 




13 

1 j 

männlich 




15 

1 

weiblich 




16 

1 

1 weiblich 




17 

1 

männlich 

1 




Es dauerten: 


bestimmt 

wahrscheinlich 

Jahre 

Fälle 

Jahre 

Fälle 

3 

3 

4 

2 

7 

2 

6 

1 

8 

1 

9 

1 

11 

1 

11 

1 


In einem Falle, der noch am Leben ist, betrug die Krankheitsdauer 
bisher 5 Jahre. Im allgemeinen verläuft die Paralyse im Kindesalter viel 
langsamer als bei Erwachsenen. Sie dauert bei ersteren ca. 6 Jahre gegenüber 
2—3 Jahren bei Erwachsenen. Ueber die Aetiologie der Erkrankung ermittelte 
Verf. folgendes: In 2 Fällen Geisteskrankheiten in der Familie. In 3 Fällen 
Alkoholismus des Vaters. In einem Fall „Kopftyphus“ des Vaters, in je einem 
Fall Tabes bzw. Paralyse des Vaters, in einem Fall Paralyse der Mutter. Die 
Heredität im weiteren Sinne betrug demnach ca. 45°/o. In allen Fällen liess 
sich Lues nachweisen. In 8 Fällen (60°/o) hatten die Mütter Tot- und Fehl¬ 
geburten durchgemacht. In 7 Fällen wurden beiden Eltern die Wasser- 
mannsche Reaktion im Blute gemacht, wobei sich 7mal (50°/o) ein positiver 


l ) Schlicht, J., Kasuistische Beiträge zur Lehre von der juvenilen 
Paralyse. Inaug.-Dissert., München 1915. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 55 


Ausfall bei den Müttern ergab. Zwei dieser Fälle ergaben auch beim Vater 
positive Luesreaktion im Blut. Die grosse Mehrzahl der Kinder erschien 
körperlich oder geistig oder auf beiden Gebieten geschädigt. Aeussere Zeichen 
der Erbsyphilis fand Verf. 9mal (ca. 65%). In 6 Fällen fand Verf. Drüsen¬ 
schwellungen oder Hautausschläge in frühester Jugend. In 4 Fällen zeigte 
sich eine deutliche Alopezie. In 4 Fällen fanden sich ausgesprochene luetische 
Veränderungen der Hornhaut, Chorioidea, Retina oder Atrophie des II. Opti¬ 
kus. 13 Fälle zeigten ausgesprochene Hutchinsonsche Zähne. Die Wasser- 
mannsche Reaktion war in allen Fällen im Blute, in 13 Fällen auch in der 
Spinalflüssigkeit positiv. Der Verlauf der Erkrankung bot im allgemeinen 
nichts Bemerkenswertes. In fast % der Fälle machte sich vor Ausbruch der 
Erkrankung eine gewisse körperliche oder geistige Schwäche bemerkbar. In je 
einem Falle bestanden Beeinträchtigungsideen resp. Sinnestäuschungen 
(Visionen). Der Verlauf der juvenilen Paralyse stimmt auch nach den 
Beobachtungen des Verf.s mit der der Erwachsenen im wesentlichen überein. 
Störungen der Lichtreaktion fanden sich in allen Fällen mit Ausnahme eines 
nicht verwertbaren. Im einzelnen bestand: reflektorische Pupillenstarre in 

4 Fällen (30%), absolute Pupillenstarre in 9 Fällen (70%), Ungleichheit der 
Pupillen in 9 Fällen, auffallende Werte der Pupillen in 4 Fällen. Augenhinter¬ 
grundsveränderungen fand Verf. 7mal, nämlich: Chorioretinitis luetica 
und Optikusatrophie in 2 Fällen, Optikusatrophie in 1 Fall, Chorioretinitis 
luetica in 1 Fall. Die Augenbewegungen waren in sämtlichen Fällen frei. 
Zweimal bestand horizontaler Nystagmus convergens bzw. divergens. In 
einem Falle bestand Exophthalmus. Die Patellarreflexe waren in allen Fällen 
mit Ausnahme eines Falles, in dem sie völlig fehlten, lebhaft oder gesteigert; 
ebenso die übrigen Reflexe. Babinski war 8mal positiv. Bei 3 Patienten 
befand sich die grosse Zehe in vorübergehender oder in andauernder 
Babinskistellung. In einem Falle konnte bisweilen kontralateraler Ba¬ 
binski (Monakow) beobachtet werden. In 4 Fällen war Oppenheim 
positiv, ebenso Fuss- und Patellarklonus vorhanden. Störungen der Sensi¬ 
bilität fanden sich 7mal und zwar 4mal Hyperalgesie und 2mal Hyp- 
algesie. Einmal bestand Hypalgesie an den Unterarmen und Unterschenkeln 
bei gleichzeitiger Hyperalgesie am Rumpf. In 9 Fällen entwickelten sich im 
Laufe der Zeit mehr oder weniger hochgradige Muskelspannungen. In 

5 Fällen führten sie zu (Beuge-) Kontrakturen, die meist zunächst in den 
Beinen, dann auch in den Armen sich geltend machten. Bei 2 Kranken waren 
die Füsse in dauernder Spitzfuss-, bei einem Kranken in Rumpfußstellung 
fixiert. In ß Fällen war Tremor der Hände nachweisbar. In 2 Fällen fanden 
sich reflektorische Kau- und Saugbewegungen (Dobrochansky) bei 
Berührung der Lippen, in einem Fall spontane schmatzende Bewegungen, in 
3 Fällen ziellose Greif- und Armbewegungen, in einem Fall eigentümliche 
Mitbewegungen. Die Zunge zeigte in % der Fälle starkes Zittern und 
Ab weichen nach rechts oder links. Bei % der Fälle fanden sich Störungen der 
Hörfähigkeit. Fazialisstörungen kamen in 4 Fällen vor. Andauerndes 
Speicheln wurde in 2 Fällen beobachtet. Blasen- und Mastdarmstörungen 
kamen in 10 Fällen (etwa 71%) zur Beobachtung. In allen Fällen bestanden 
Sprachstörungen. 7mal fand sich eine typische artikulatorische Störung. In 
einzelnen Fällen Hessen sich aphasische und paraphasische Erscheinungen 
nachweisen. In allen Fällen und zwar meist schon frühzeitig fanden sich Lese- 
und Schriftstörungen. Von den 14 Patienten hatten 12 = ca. 86% Anfälle. 
Ein Patient hatte im Laufe des letzten Monats ca. 1000 Anfälle, am letzten 


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Kurt Boas 


Lebenstage hatte er 411 Anfälle. Manche Kranke hatten jeden Tag Anfälle, 
bei anderen waren regelmässige Schwankungen der Häufigkeit zu verzeichnen. 
Die Anfälle an sich gleichen denen der erwachsenen Paralytiker, nur dass sie 
kürzere Zeit dauerten, leichterer Art waren und von sehr geringen Nachwehen 
begleitet waren. In manchen Fällen bestand eine auffallende Häufung der 
Anfälle. An manche Anfälle schlossen sich allmählich zunehmende Kontrak¬ 
turen an. In einigen Fällen fanden sich vasomotorische Störungen (Zyanose, 
Oedeme, stärkere Nachrötung der Haut). Von trophischen Störungen und 
deren Folgeerscheinungen sah Verf. in einigen Fällen Dekubitus, Blasen¬ 
bildung am ganzen Körper und in einem Falle eine Spontanfraktur (Schräg¬ 
fraktur des rechten Oberarmes), welche in einem Anfalle zustande kam; in 
einem anderen Falle trat ausserhalb der Anfälle eine rechtsseitige Radius- 
Querfraktur auf. In mehreren Fällen fanden während der Krankheit 
Steigerungen der Körpertemperatur statt ohne objektiv nachweisbare Ver¬ 
änderungen. Das Körpergewicht war bei der Aufnahme meist sehr niedrig, 
dann stieg es in manchen Fällen rasch, in anderen allmählich an, um sich 
längere Zeit auf einer gewissen Höhe zu halten. Hin und wieder traten stärkere 
Schwankungen auf, namentlich im Anschluss an Anfälle. Gegen Ende der 
Krankheit fiel das Körpergewicht sehr rasch und tief. In allen auf ihren Zell¬ 
gehalt untersuchten Fällen fand sich eine starke Pleozytose. Diese betrug in 
manchen Fällen bis 115 und 175, in einem Fall sogar bis 273 Zellen. Thera¬ 
peutisch wurde weder durch Salvarsan, noch durch Nuklein, noch durch 
Tuberkulin irgend etwas erreicht. Die Krankheit nahm ihren Fortgang und 
zeigte keine Tendenz zu Remissionen. Der Exitus erfolgte meist unter dem 
Bilde eines allgemeinen Marasmus; in 4 Fällen waren Lungenkrankheiten 
(Lungengangrän, Lugenentzündung) die Todesursache. Der Sektionsbefund 
bestätigte in allen Fällen die Diagnose der Paralyse. Die Unterschiede der 
juvenilen Paralyse gegenüber der progressiven Paralyse des Erwachsenen sind 
in folgendem gegeben: 1. In einer Reihe Fälle fanden sich ausgeprägte syphi¬ 
litische Krankheitszeichen und im Zusammenhang damit ein Zurückbleiben 
oder ein Stillstand der körperlichen Entwicklung. 2. Bisweilen trat Himlues 
schon als Vorläufer der juvenilen Paralyse auf, wodurch es zu einem Rück¬ 
gang oder Stillstand der geistigen Entwicklung kam; auch die „Fraisen“, 
von denen wir in einigen Fällen hören, konnten durch eine syphilitische 
Erkrankung des Gehirns bedingt sein. Bei der Paralyse der Erwachsenen 
dagegen beobachteten wir bis zum Ausbruch der Krankheit meist normale 
körperliche und geistige Entwicklung. Immerhin kommt vorauf gehende Hirn¬ 
lues vielleicht auch bei der Paralyse der Erwachsenen gelegentlich vor. Die 
Inkubationszeit dürfte unter Berücksichtigung der angeführten Fehler¬ 
quelle bei der Paralyse der Erwachsenen und der juvenilen Form wohl ziemlich 
die gleiche sein. 3. Während wir bei der juvenilen Paralyse gleiche Beteiligung 
der beiden Geschlechter finden, erkranken bei den Erwachsenen an Paralyse 
2—5mal soviel Männer als Frauen, welch letzteres Verhältnis sich durch die 
häufigere Erwerbung der Lues von erwachsenen Männern und vielleicht auch 
noch durch andere begünstigende Ursachen, wie Alkoholmissbrauch, erklären 
lässt. 4. Das klinische Bild ist bei der juvenilen Form der Paralyse wesentlich 
farbloser; es fehlen Grössen- und Kleinheitsideen. Wir beobachten grössten¬ 
teils eine einfache Verblödung bei den juvenilen Paralytikern. Vielleicht 
dürfte dieser Unterschied gegenüber der Paralyse der Erwachsenen auf das 
noch unentwickelte Seelenleben bei Kindern zurückzuführen sein. 5. Ein 
wesentlicher Unterschied zwischen der Paralyse der Erwachsenen und der 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 57 


juvenilen Form ergibt sich uns bei Beobachtung der Anfälle. Bei der juvenilen 
Form fällt uns die in manchen Fällen ausserordentlich grosse Anzahl von 
Anfällen auf, die besonders häufig rasch verlaufen und leichter Natur sind. 
Sie haben meist rindenepileptisches Gepräge, ohne von nachfolgenden 
Lähmungserscheinungen begleitet zu sein. Die Anfälle der erwachsenen 
Paralytiker sind meist schwerer, treten weniger häufig auf und gehen gewöhn¬ 
lich mit Lähmungserscheinungen einher. Bemerkenswert ist ferner das relativ 
häufige Vorkommen von Optikusatrophie ohne tabische Symptome und der in 
der Mehrzahl der Fälle positive Ausfall des Babinskischen Zeichens bei 
juveniler Paralyse, Erscheinungen, die wir bei der Paralyse der Erwachsenen 
weit seltener beobachten können. 6. Weiterhin können wir im Gegensatz zu 
der Paralyse der Erwachsenen bei unseren Fällen eine wesentlich grössere 
Häufigkeit der absoluten Pupillenstarre gegenüber der reflektorischen (ähnlich 
wie bei der Hirnlues) feststellen. 7. Während wir bei der Paralyse der Erwach¬ 
senen öfters länger dauernde Remissionen (stationäre Paralyse?) wahmehmen, 
kann von solchen bei der jugendlichen Form kaum die Rede sein, entsprechend 
etwa der dementen Form der Paralyse der Erwachsenen. 8. Ein weitgehender 
Unterschied zwischen der Paralyse der Erwachsenen und der Kinder macht 
sich endlich hinsichtlich der Dauer geltend. Wir haben bei der jugendlichen 
Paralyse eine verhältnismässig lange Dauer; sie dauert im Durchschnitt 
doppelt so lange wie die Dementia paralytica der Erwachsenen. Es drängt sich 
hier die Frage auf, ob die längere Dauer der juvenilen Paralyse vielleicht mit 
der geringeren Heftigkeit der hereditären Lues in Zusammenhang gebracht 
werden könnte. Dagegen spricht aber die perniziöse Wirkung der Erbsyphilis 
auf anderen Gebieten (Absterben der Kinder, schwere Enzephalitisformen, 
Meningitiden, Hydrozephalien, Mikrozephalien, zahlreicher Spirochätenbefund 
bei abgestorbenen Früchten). Oder wird die längere Dauer der jugendlichen 
Form eventuell durch grössere Widerstandsfähigkeit des kindlichen Organis¬ 
mus bedingt? Bei Beantwortung dieser Frage kommen wir zu einem geradezu 
gegensätzlichen Verhalten der hereditären Lues und der juvenilen Paralyse. 
Dort ist der Verlauf ein schwerer, hier ein leichterer. Diese Tatsache weist 
auf grundlegende Unterschiede beider Krankheiten; gegen erstere ist der 
jugendliche Organismus weniger, gegen letztere mehr widerstandsfähig. — 
Sebhardt *) fasst seine Ausführungen über Alkohol und Epilepsie in folgenden 
Schlußsätzen zusammen: 1. Epilepsia alcoholica ist eine völlig typische Krank¬ 
heit, gut abgegrenzt von der Epilepsia idiopathica dadurch, dass die Anfälle 
aufhören, sobald der Patient sich konsequent des Missbrauches alkoholischer 
Getränke enthält. 2. Sind bei einem chronischen Alkoholisten epileptische 
Anfälle vorgekommen, die fortdauem, nachdem der Patient einige Zeit 
abstinent gewesen ist, so ist man nicht berechtigt, von einer Alkoholepilepsie 
zu reden. 3. Epilepsia alcoholica und Delirium tremens sind zwei ganz von¬ 
einander verschiedene Krankheiten. 4. Epilepsia alcoholica muss als eine sehr 
schwere Komplikation des chronischen Alkoholismus angesehen werden. Die 
Prognose hinsichtlich der Abstinenz des Alkohols nach einer durchgemachten 
Kur ist eine viel ungünstigere als bei Alkoholismus ohne Epilepsie. — Sehn *) 
teilt sechs ausführlich mit Epikrisen versehene Krankheitsgeschichten von 
Psychosen mit vorwiegend religiösem Einschlag mit, die z. T. mit forensischen 


*) Sebhardt, Alkohol und Epilepsie. Nordisk medizinsk Arkiv, 
1914/1915, Festschrift für Prof. Dr. I. J. Edgren. 

*) Sehn, Ueber Vorkommen religiöser Wahnbildung bei Psychosen, 
besonders bei Paranoia. Inaug.-Dissert., Kiel, 1914. 


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Komplikationen einhergingen. Letztere werden zum Schlüsse einer kurzen 
Besprechung unterzogen. Ueber dem Rahmen des Kasuistischen hinaus kommt 
der Arbeit keine Bedeutung zu. — Das Diogenal hat sich nach Serejski als 
Sedativum sehr gut bewährt und ist auch als leichtes Hypnotikum (0,5—1 g) 
verwendbar. Am besten reagieren leicht erregte Psychopathen und Hysterische 
und massig Deprimierte. — F. J. Stuurman *) bespricht zunächst die Technik 
der Nisslsehen Methode und zwar folgende Punkte: Fixieren, Einbetten, 
Aufkleben, Färben, Aufheben der Präparate und Zubereitung der Gelatine¬ 
gallerte. Kurz besprochen und warm empfohlen wird die Färbung nach 
Unna-Pappenheim. Es folgen die Besprechung der Färbung nach 
Weigert-van Gieson und die Neurofibrillenfärbung. Der letzte 
Abschnitt behandelt ausführlich die Markscheidenfärbung, für welche Verf. 
eine neue Methode angibt. Dieselbe ist in bezug auf die Einzelheiten hin¬ 
sichtlich der Fixierung, Einbettung, Aufkleben der Schnittbänder, Herstellung 
der Zelloidinfilme, Färbung, Differenzierung und Aufheben im Original nach¬ 
zulesen. Eine Nachfärbung erfolgt bei der Methode des Verf.s nicht. Das 
Referat muss sich begnügen, in groben Umrissen den Inhalt der vorliegenden 
Arbeit anzudeuten. Die technischen Einzelheiten sind im Original einzusehen. 
— Die vorliegende, 124 Druckseiten umfassende Arbeit Thöles 2 ) möchte 
Ref. als die grundlegendste der bisherigen einschlägigen Literatur bezeichnen. 
Sie bedarf daher einer ausführlichen Besprechung an dieser Stelle, die aller¬ 
dings auch nur die wichtigsten Punkte berühren kann. Im ganzen berichtet 
Verf. über 42 Fälle von Nervenverletzungen hinter der Front und 4 Fälle 
an der Front. Der Zeit nach verteilen sich die Fälle von 21 Tagen bis zu 
10 Monaten. Von den 46 Fällen waren 44 Gewehrschüsse. Auf 36 Gewehr¬ 
schüsse kommen 1 Revolver-, 1 Maschinengewehr-, 5 Schrapnellschüsse, 
3 Granatsplitterverletzungen. Einmal lag Radialislähmung durch Einklem¬ 
mung des Nerven zwischen die Fragmente des subkutan gebrochenen Humerus 
vor; einmal Plexuslähmung durch stumpfe Kontusion. 11 Fälle waren durch 
(lOmal schon geheilte) Knochenfraktur kompliziert. Es waren gebrochen 
7mal der Humerus bei 5 Radialisschädigungen (Imal subkutan) bei 1 Media¬ 
nusschädigung, 1 Radialis- und Ulnarisschädigung; 2mal die Ulna bei Ulnaris- 
schädigung; lmal der Tremor bei Ischiadikusschädigung; nur lmal das Schlüs¬ 
selbein bei 4 Flexusschädigungen. Bei 34 dieser 46 Verletzten war jedesmal 
nur ein Nerv beschädigt, bei 12 Verletzten waren durch einen Schuss (lmal 
durch stumpfe Kontusion des Plexus) mehrere Nerven beschädigt. 2 von diesen 
12 Verletzten hatten ausserdem durch einen zweiten Schuss noch eine weitere 
Nervenverletzung an anderer Körperstelle davongetragen: 1 Mann mit Media- 
nus-Ulnarisschädigung noch eine Ischiadikusverletzung, 1 Mann mit Akzes- 
sorius-Skalenusnervenschädigung noch eine Radialisverletzung. Im ganzen 
waren bei den 46 Verletzten über 70 Nerven beschädigt: 22mal der Radialis, 
14mal der Medianus, 14mal der Ulnaris, 8mal der Ischiadikus, 3mal der Axil¬ 
laris, 2mal der Akzessorius zusammen mit den R. musc. plex. cervic. zu den 
Mus. scaleni, 2mal der Musculo-cutaneus (bei Plexusverletzungen), lmal der 
Peronaeus, lmal der Fazialis, lmal die Nn. supra- und subscapularis, Thoraco- 
dorsalis, Thoracicus longus (bei Plexuskontusion). Verf. führt aus, dass gleich- 


*) Stuurman, F., J., Die Herstellung und Färbung von Serienpräpa¬ 
raten der Gehirne kleiner Tiere. Zeitschr. f. wissenschaftl. Mikroskopie und 
mikroskop. Technik. XXXII, Heft 27, 1916, S. 152. 

*) T h ö 1 e, Kriegsverletzungen peripherer Nerven. Beiträge zur klin. 
Chirurgie, Bd. 98, Heft 2, 1915. (11. Kriegschirurgisches Heft, S. 131.) 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahre. 59 


zeitige Humerusfraktur nicht die Hauptsache der Häufigkeit der Radialisver- 
letzungen — unter 22 Radialisverletzungen hatte Verf. nur 6mal Humerus¬ 
frakturen — ist, sondern der spiralige Verlauf des Radialis. Durch ihn ist er 
länger als der Medianus und Ulnaris. Wegen dieses spiralen Verlaufes kann 
er in zahlreichen sagittalen und frontalen Ebenen getroffen werden im Ver¬ 
gleich zu den geradlinig in der Längsachse des Armes verlaufenden zwei 
anderen Stämmen. Verf. sah nur 4 Verletzungen des Plexus supraclavicularis. 
Im einzelnen handelte es sich bei den 22 Radialisschädigungen um: 
a) 13 isolierte Verletzungen mit 12 Lähmungen (11 vollständige, 1 unvoll¬ 
ständige und 1 Parese aller Tensoren am Unterarm; b) 9 komplizierte Ver¬ 
letzungen mit 7 Lähmungen (alles vollständige) und 2 Paresen. Es handelte 
sich bei den 9 komplizierten Radialisschädigungen 4mal um Plexusverletzung 
(1 Kontusion), 2mal um gleichzeitige Ulnarislähmung und Medianusparese bei 
Schuss durch die Achsel bzw. den Oberarm, lmal um gleichzeitige Ulnaris¬ 
lähmung bei Schuss durch den Oberarm, lmal um gleichzeitige Ulnarisparese 
bei Schuss durch die Achsel lmal um gleichzeitige Axillarislähmung bei 
Schuss in die Fossa supraclavicularis (anfangs vollständige Plexuslähmung). 
Der in der Achsel und oben am Oberarm dem Radialis zunächst verlaufende 
Ulnaris wird also am leichtesten zusammen mit dem Radialis von demselben 
Geschoss getroffen. In 6 von diesen 9 komplizierten Fällen waren alle 3 grossen 
Armnerven beteiligt. Bei 14 Medianusschädigungen handelte es sich 7mal um 
isolierte Verletzungen mit 4 Lähmungen (2 unvollständigen) und 3 Paresen 
(1 unvollständigen). Von den 7 komplizierten Medianusschädigungen betrafen 
4 Plexusverletzungen (mit 2 Medianuslähmungen und 2 Medianusparesen) und 
2 Radialis-Ulnarislähmung mit Medianusparese durch Achsel- bzw. Ober¬ 
armschuss. Im 7. Fall waren Medianus und Ulnaris durch Oberarmschuss 
verletzt; der Medianus war teilweise gelähmt und teilweise paretisch, der 
Ulnaris war vollständig gelähmt. In 6 dieser 7 komplizierten Medianusfälle 
waren alle 3 grossen Armnerven betroffen. Von 14 Ulnarisschädigungen 
waren nur 5 isolierte Verletzungen mit 4 Lähmungen und lmal nur Schmerzen 
und Lähmung des M. interosseus volaris III. Von 9 komplizierten Verletzun¬ 
gen sind 8 in der Zahl der komplizierten Radialislähmungen enthalten (häufige 
Kombination!), 1 in der Zahl der komplizierten Medianusverletzungen. In 
6 dieser 9 Fälle waren alle 3 grossen Armnerven betroffen. Es handelte sich 
6mal um Lähmung, 3mal um Parese des Ulnaris. Bei 7 Ischiadikusverletzungen 
handelte es sich 6mal um vollständige Lähmung, lmal um teilweise Lähmung, 
teilweise Parese (gelähmt M. tib. anticus u. Ext. dig. longus — Bahnen im 
lateralen Rande des N. peroneus profundus —, die übrigen Muskeln paretisch). 
4mal war der Schuss dicht hinter dem Femur, besonders durch die Weichteile 
des Oberschenkels des liegenden, lmal knienden Schützen gegangen, eine 
typische Kriegsverletzung, lmal hatte eine Revolverkugel von vorn den 
Femur durchschlagen und die V. poplitea mitverletzt. In einem Falle war 
eine Schrapnellkugel vom nicht gebrochenen Femur zurückgeprallt und zum 
Einschuss heraus ins Hosenbein gefallen, lmal handelte es sich um Steck¬ 
schuss: Einschuss lateral zwischen mittlerem und oberem Drittel des Ober¬ 
schenkels. Bei einem 2 Monate alten Fall von Peroneusschädigung durch 
schrägen Durchschuss der Kniekehle bestanden beim Fehlen von Sensibilitäts¬ 
störungen nur noch heftige Schmerzen auf dem Fussrücken und an der Aussen- 
seite des Unterschenkels (N. cutanei dorsi medialis et intermedius, N. cut. 
surae lateralis). Es soll nur 3 Wochen lang eine Strecklähmung des Fusses 
beständen haben. Verf. fand den Nerven in der Kniekehle nur von Scheiden- 


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60 


Kurt Boas 


narb© umklammert, die einfache Neurolyse brachte in 2 Monaten die Schmer¬ 
zen auch nicht zum Verschwinden. Verf. unterscheidet nach den makro¬ 
skopischen Operationsbefunden: 1. Abschuss, und zwar vollständigen, nahezu 
vollständigen und teilweisen (durch Rinnen- oder Streifschuss). 2. Spindel¬ 
förmige Verdickung durch Durchschuss oder Quetschung, auch durch Steck¬ 
schuss (d. h. Steckenbleiben eines kleinen Fremdkörpers im Nerven). 3. Um¬ 
klammerung und Kompression durch Narben, besonders durch Nervenscheiden - 
narben. 4. Kommotion ohne makroskopischen Befund. Von den 36 Fällen, 
in denen nur ein Nervenstamm verletzt war, betrafen 21 Abschüsse, und zwar 
14 vollständige, 3 nahezu vollständige, 4 teilweise. Abgeschossen waren: 9mal 
der Radialis (unter 13 einfachen Radialisschädigungen), 7mal vollständig, 
2mal teilweise; 5mal der Ischiadikus (unter 7 einfachen Ischiadikusschädigun- 
gen), 2mal vollständig, lmal nahezu, lmal teilweise. — Thomas *) injizierte 
Hunden Aleuronataufschwemmungen in die Seitenventrikel des Gehirns und 
bekam danach entzündliche Veränderungen des Ependyms und des Plexus 
chorioideus, dagegen zunächst noch keine Erweiterung der Ventrikel mit 
Hydrozephalus. Dieser, sowie die Stauungspapille entstanden erst nach 
mehreren Wochen, wenn Verklebungen am Foramen Monroi und Magendie 
stattgefunden haben. Verf. konnte diese Verklebungen durch Injektion von 
Tusche in die Ventrikel nachweisen, die sich bei gesunden Tieren gleichmässig 
über die ganze Gehirnhemisphäre auszubreiten pflegt. — Timme 2 ) bringt die 
Mitteilung eines neuen Verfahrens zur qualitativen Bestimmung der Haut¬ 
sensibilität. Zu beziehen von Dressier in New York. — Der 21jährige Patient 
Tischbeins 8 ) wies neben einer Imbezillität, einer Gaumenspalte, die von 
Geburt an vorhanden gewesen ist, und einer sehr undeutlichen Sprache eine 
Missbildung des linken Ohres in Gestalt einer deutlichen Entwicklungsstörung, 
insofern anstelle der normalen Ohrmuschel nur ein kleiner Hautwulst ange¬ 
deutet war, und die nähere operative Untersuchung einen äusseren Gehörgang 
überhaupt nicht konstatieren konnte, so dass die gesamte Ohranlage der linken 
Seite als rudimentär zu bezeichnen war. Verf. geht näher auf die verschiedenen 
Formen der verschiedenen Degenerationsmerkmale auf Grund der ein¬ 
schlägigen Literatur ein. Eine besondere Aehnlichkeit bestand in seinem Falle 
mit demjenigen von Kerr, in welchem beinahe die gleiche rudimentäre 
Anlage des einen Ohres vorhanden war, nur mit dem Unterschiede, dass in 
dem von dem Verf. mitgeteilten Falle überhaupt keine Andeutung eines 
Gehörganges vorhanden war und zugleich mit dem Hinzukommen der Gaumen¬ 
spalte eine noch tiefere Stufe der Degeneration erreicht zu sein schien. — 
Tuch 4 ) hält das Diogenal (Brom und Veronal) in gewisser Hinsicht dem 
Veronal überlegen. Es verursacht tiefen Schlaf in einer Dosis, die 0,25 g 
Veronal entspricht. — Nach E. Vasticar 5 ) endigen die Fasern des N. acu- 
sticus in kleinen olivenartigen Anschwellungen, die einfach in Kontakt mit 

*) Thomas, Experimenteller Hydrozephalus. Journ. of exper. Medecine, 
XIX, Nr. 1, 1914. 

*) Timme, W., The nature of cutaneous Sensation, with an instrument 
for its measurment. Journ. of nerv, and ment diseases. Vol. XLI, Nr. 4, 
p. 226, 1914. 

*) Tischbein, Ueber die Bedeutung der Degenerationszeichen, beson¬ 
ders der Ohrmissbildungen bei Geisteskranken. Inaug.-Dissert., Kiel, 1915. 

4 ) Tuch, Erfahrungen mit Diogenal. Münchener medizin. Wochen¬ 
schrift, 1915, Nr. 22. 

•) V a s t i c a n , E., Sur les terminaisons du nerf acoustique. Comptes 
rendus hebdomad. des S£ances de l’AcadSmie des Sciences, CLXI, Nr. 21, 
p. 649, 1915. 


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Streifzüge durch die neurologisch-psychiatrische Literatur der letzten Jahro. 61 


der Aussenfläche der tiefen Extremität der Hörzelle gelangen. Dies ist jedoch 
nur eine Art von scheinbarer Endigung des Akustikus. Der Weg der 
Nervenfaser bleibt nicht auf die äussere Oberfläche der Zelle beschränkt, er 
setzt sich vielmehr durch die Kanälchen des exoplasmatischen Körpers fort 
und erreicht den Kern entweder direkt oder durch Vermittlung besonderer 
korpuskulärer Elemente, die in dem subnukleären Raum gelegen ist. Diese 
letzte Art von Endigung bietet verschiedene Varietäten dar: 1. Das intrazellu¬ 
läre Korpuskulum ist einfach, a) Es ist sphärisch (enigmatisch) und isoliert 
in dem Raum zwischen Kern und exoplasmatischem Körper, dessen Aus¬ 
dehnung verschieden ist. Die nähere Beschreibung der einschlägigen Verhält¬ 
nisse muss an Hand der Abbildungen im Original eingesehen werden. Hier 
sei nur bemerkt, dass das sphärische Korpuskulum oft gleichseitig Tangente 
des Kerns und des exoplasmatischen Körpers zugleich ist, in anderen Fällen 
nur Tangente des Kerns ist. b) Es ist ovoid. Es hat seinen Sitz in der Wan¬ 
dung des sehr stark entwickelten exoplasmatischen Körpers, dessen vergrösser- 
ten Zentralkanal es einnimmt. — E. Vasticar x ) betrachtet in seiner zweiten 
Mitteilung die Vielfältigkeit der intrazellulären Korpuskeln. Sie haben die 
Gestalt kleiner sphärischer Körner, sie sind voneinander getrennt und trans¬ 
versal angeordnet in dem halbkreisförmigen Raume zwischen Kern und 
exoplasmatischem Körper. Die einschlägigen Verhältnisse werden durch die 
beigegebenen Abbildungen illustriert. Es gibt dann noch eine andere Art von 
Nervenendigung. Sie ist konisch, ist mit ihrer Basis an die tiefe Extremität 
der Zelle verbunden und gestützt durch 3 oder 4 B indegewebszüge, die sich 
unten in einem einzigen grösseren vertikal sich senkenden Netz vereinigen. 
Verf. beschreibt noch eine ganze Art von Varietäten dieser Endigungsart, die 
ohne Figuren nicht recht verständlich sind. — Vogt 2 ) berichtet über eine 
Patientin, die sich der Brandstiftung zur Zeit der Menstruation unter dem 
Einflüsse des Alkohols schuldig machte. Die nähere Exploration ergab, dass 
es sich um eine psychopathische Konstitution handelte, die die erwähnte Tat in 
einem unter den § 51 St.-G.-B. fallenden Zustand beging. Es wurde dem¬ 
entsprechend ein Verwirrtheitszustand unter dem Eindruck eines starken 
Affektes (Streitigkeiten mit dem Ehemann) in der prämenstruellen Zeit 
unter der kumulativen Einwirkung alkoholischer Getränke angenommen 
und die Patientin daraufhin exkulpiert. — In einem von L. W. Weber s ) mit¬ 
geteilten Falle bestand die Dementia paralytica schon vor dem UnfalL Trotz¬ 
dem gibt Verf. in seinem Gutachten die Möglichkeit zu, dass Schmerzen und 
Fieber der Wundinfektion den Verlauf vielleicht etwas beschleunigt haben. 
Der Anteil, welchen der Unfall auf die durch die Paralyse bedingte Erwerbs¬ 
unfähigkeit hat, wird vom Verf. auf 10°/o des Einkommens geschätzt. — In der 
Arbeit von Woltär 4 ) wird kurz über folgende neurologisch-psychiatrische 
Fälle berichtet: Fall 1. Traumatische Neurose ohne Ersatzansprüche. Fall 2. 
Traumatische Hysterie ohne Ersatzansprüche. Fall 3. Lues spinalis (Tabes 
dorsalis spastica?) und mehrfache Unfälle. Zusammenhang mit Unfällen 


J ) V a 81 i c a r, E., Sur les terminaisons du nerf acoustique Comptes 
rendus hebdomadaires des SSances de l’Acad6mie des Sciences, CCXI, Nr. 24, 
p. 748, 1915. 

*) Vogt, Ueber hysterische Psychosen und ihre Bedeutung. Inaug.- 
Dissert., Kiel, 1915. 

*) Weber, L. W., Wundinfektion als Unfall und progressive Paralyse. 
Aerztliche Sachverständigen-Zeitung, 1915, Nr. 13. 

4 ) Woltär, Aus der Unfallpraxis. Prager medizin. Wochenschrift. 1914, 

Nr. 26. 


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62 Kurt Boas: Streifzüge durch d. neurologisch-psychiatrische Literatur d. letzten Jahre. 


fraglich, höchstens 25°/o des lOOproz. Verlustes an Erwerbsfähigkeit. Fall 4. 
Paralyse und Unfall. Der Verletzte war wohl schon vor dem Unfall paralytisch, 
der Unfall selbst vielleicht schon Folge paralytischer Unbeholfenheit oder zere¬ 
bralen Schwindels. Fall 5. Unfall und progressive Paralyse. Zusammenhang 
mit Unfall abgelehnt. Fall 6. Unfall und Epilepsie. Zusammenhang mit dem 
Unfall abgelehnt. Fall 7. Zusammenhang behaupteter Folgen mit lange vor¬ 
hergegangenen Anfällen. Zusammenhang mit Unfall abgelehnt, und zwar ohne 
Verklausulierung. Im Hinblick auf die mehrfachen Attacken von Influenza ^ 
Rheumatismus 1908—1913 ist die Möglichkeit eines Zusammenhanges mit dem 
Unfall eine so geringe, dass sie zu vernachlässigen ist. Sensibilitätsstörung 
kann durch rheumatische Neuritis erklärt werden, ist aber, vielleicht auch 
nur eine Reminiszenz an die seinerzeit vorhandenen Erscheinungen (auf¬ 
fallend lange Heilungsdauer bei relativ unbedeutendem Unfall, Hysterie?). — 
H. J. Zafita *) gibt ein System der Verbrechertypen an, die im folgenden 
schematisch dargestellt werden: 


I. 

(Unmittelbare Realisierung der verbrecherischen Absicht) 



a) bei emotionalem Affekte b) bei intellektuellem Defekte 

Der Affektverbrecher Der intellektuelle abnormale 

V erbrecher. 


H. 

(Der verbrecherischen Absicht treten Bedenken hinsichtlich Verbot und Strafe entgegen) 



c) Der Gedanke an das Verbot verursacht 

den konträren Wollungsgedanken 

Der uneigentliche Verbrecher 
(mit Ueberlegung) 

(wenn er die kriminelle Absicht nicht verdrängt). 

d) Der Gedanke an die Strafe und nur er 
verursacht eine der Absicht konträre Strebung 

Der eigentliche Verbrecher, 

e) Die Bedenken verursachen überhaupt 
keine konträre Wollung 

— .1 . I —— I ^ 

Der moralisch-irre Verbrecher. 


’) Zafita, Das System der Verbrechertypen. Arch. f. Kriminalanthro¬ 
pologie und Kriminalistik, 1916, Bd. 65, Heft 1 u. 2, S. 169. 


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Referate. 


63 


Referate. 

Max Hirsch* Fruchtabtreibung und Präventiv verkehr im Zusammen¬ 
hang mit dem Geburtenrückgang. Würzburg 1914. Kurt Kabitzsch. 
267 Seiten. 

Das Buch zerfällt in drei Teile. Der erste behandelt die Fruchtabtreibung, der 
zweite den Geburtenrückgang, der dritte die Mittel im Kampfe gegen Fruchtabtreibung 
und Geburtenrückgang. Uns interessieren hier am ehesten einige Kapitel des dritten 
Teiles, besonders das neunte und zehnte. Jenes behandelt die eugenische Indikation in 
Geburtshilfe und Gynäkologie. Die Eugenik bezweckt die Ausschaltung der nach den 
Gesetzen der Vererbung als zur Fortpflanzung untauglich erkannten Bevölkerungs¬ 
elemente von der Vermehrung. Zu den Indikationen, die hier in Betracht kommen, 
rechnet der Verfasser die Krankheiten und Zustände, die mit Sicherheit als das Keim¬ 
plasma schädigend und als von den Eltern auf die Deszendenz in irgend einer Form 
vererbbar erkannt sind. Pflicht des Arztes sei es aber, ihre Verbreitung auf die kom¬ 
menden Generationen zu verhüten, die Erzeugung einer kranken und minderwertigen 
Nachkommenschaft zu verhindern. Epilepsie, chronische Geisteskrankheiten, Imbezillität, 
Hysterie, Neurasthenie und moralischer Schwachsinn, letztere drei in ihren schwereren 
Formen, gewisse Fälle von Chorea, besonders die Huntingtonsche und die Basedowsche 
Krankheit seien Zustände, deren Wiederkehr in irgend einer Gestalt bei der Deszendenz 
fast a usnahm slos beobachtet wurden. Chronische Vergiftungen mit Stoffen, die das 
Keimplasma schädigen, wie Alkohol, Morphium, Kokain, indischer Hanf, das Syphilis¬ 
gift, die Blei- und Malariagifte übten ebenfalls eine verhängnisvolle Wirkung auf die 
Nachkommenschaft aus, desgleichen gewisse Arten von Tuberkulose, bösartige Anämien 
und Hämophilie. „Die Erwartung einer durch diese Krankheiten der Aszendenz ge¬ 
fährdeten Nachkommenschaft macht es dem Arzt zur Pflicht, von der eugenischen In¬ 
dikation Gebrauch zu machen.“ Die Angaben des Verfassers sind aber doch zu apo¬ 
diktisch und durchaus nicht mit hinreichendem Beweismaterial belegt. Es ist gar kein 
Zweifel, dass wir über die Indikationen noch viel zu wenig wissen, um sie bereits 
heute in dieser Ausdehnung, wie es M. Hirsch wünscht, in die ärztliche Praxis ein¬ 
zuführen. Was wissen wir in Wirklichkeit über die Schädigung des Keimplasmas bei 
Hysterie und Neurasthenie, ganz abgesehen davon, dass wir auch hier nicht einmal 
voraussehen können, ob nicht die Nachkommenschaft, selbst wenn sie ebenfalls hyste¬ 
risch oder neurasthenisch wird, so viele hervorragende Geisteseigenschaften zeigt, dass 
wir selbst eine Hysterie oder Neurasthenie ruhig in Kauf nehmen können. Man möge 
auch das Umgekehrte einmal berücksichtigen und fragen, wie viele gesunde, mindestens 
aber wie viele hervorragende, ja geniale Menschen von schwer nervösen, vielleicht sogar 
trunksüchtigen Vätern abstammen. Man wird nur eines im wesentlichen als berechtigt 
anerkennen dürfen: nämlich, dass man sich bemüht, das Material nach jeder Richtung 
weiter zu sammeln, vielleicht auch in dem einen oder anderen Falle von der Ehe ab¬ 
zuraten; aber so allgemeine Indikationen heute schon aufzustellen, wie es M. Hirsch 
tut, muss als bedenklich zurückgewiesen werden. 

Ein zweites Kapitel, das für uns Interesse bietet, ist die schmerzlose Geburt. 
Auch hier scheint mir der Verfasser etwas zu extrem zu sein. Er fordert, dass der 
schmerzlosen Geburt in den Kreisen der Aerzte eine grössere Aufmerksamkeit und 
Pflege gewidmet wird. Er nimmt allerdings an, dass bei den Kulturvölkern die 
Schmerzhaftigkeit der Geburt zugenommen habe, und zwar gegenüber den sogenannten 
wilden Völkern. Er fürchtet nicht, die religiösen Gefühle mancher Bevölkerungsklassen 
zu verletzen, die sich an das Wort der Heiligen Schrift: „Unter Schmerzen sollst du 
gebären“, halten, da ein solches Wort nicht die Jahrtausende überdauernde Kraft der 


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64 


Referate. 


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zehn Gebote habe. Vielleicht unterschätzt der Verfasser aber doch das ethische Mo¬ 
ment und betrachtet die Sache zu sehr vom rationalistischen Standpunkt. Ich erwähne, 
dass gute Frauenkenner der Ansicht sind, das Weib liebe die Kinder viel mehr, die 
es mit Schmerzen geboren hat. 

Wenn ich auch in vielen Punkten sachlich mit dem Verfasser nicht übereinstimme, 
so sei doch sehr ernst auf dieses Buch hingewiesen. Es bringt eine Menge Material, 
dieses ist auch gut gesichtet, und wenn auch der Verfasser in seinen Forderungen viel 
zu weit geht, so ist dies nicht ohne weiteres so sehr bedenklich. Werden doch oft 
gerade dadurch Fragen geklärt und zu einer alle befriedigenden Lösung gebracht, dass 
die extremen Anschauungen zunächst vertreten werden, dann aber eine allmähliche 
Annäherung stattfindet und auf diese Weise schliesslich etwas Gutes und allgemein 
Gebilligtes gewonnen wird. Nur einen kleinen äusseren Mangel des Buches mochte 
ich noch hervorheben: nämlich das Fehlen von Seitenzahlen im Inhaltsverzeichnis. Es 
wird hoffentlich bald eine neue Auflage des Buches erscheinen, und es würde dessen 
Benutzung, da man solche Bücher doch nicht hintereinander zu lesen pflegt, sehr er¬ 
leichtert werden. Dr. Albert Moll 

Cesare Lombroso* Studien über Genie und ‘ atartung. Autorisierte Ueber- 
setzung von Emst Jentsch, Leipzig. Verlag von Philipp Reclam jr. 256 Seiten. 

Die Arbeiten von Lombroso über die Beziehungen des Genies zur Entartung 
und zum Irrsinn sind bekannt. Ich will das Büchlein deshalb nicht ausführlich be¬ 
sprechen. Nur kurz erwähnt sei, dass man gut tut, bei Lombroso nicht allzuviel 
Kritik im einzelnen vorauszusetzen. Das hat sich fast bei allen seinen Arbeiten gezeigt, 
ob er über den Verbrecher, über das Genie, über den Spiritismus oder andere Themata 
schrieb. Und trotzdem hat er wie ein Ferment gewirkt. Er hat die Aufmerksamkeit 
der ganzen Welt auf gewisse Beziehungen zwischen Entartung und Irrsinn einerseits 
und Genie andererseits hingelenkt. Dabei kommt es in der Tat nicht so darauf an, 
ob jeder einzelne Fall der Kritik standhält. Dies ist gewiss nicht der Fall. Ich er¬ 
wähne das vorliegende Buch im Anschluss an das vorher besprochene Werk von 
Max Hirsch, weil Lombroso unter den Beiträgen zur Frage der Abnormitäten 
des Genies die erbliche Belastung des Genies selbst erwähnt. Es sei z. B. darauf hin¬ 
gewiesen, dass Haveloc Ellis bei 5 °/ 0 der englischen Genies eine Belastung von 
seiten des Vaters fand. Der Vater war wunderlich, energielos, träge, Alkoholist oder 
brutal. Im übrigen will ich auf das interessante kleine Buch, in dem jeder Interessantes, 
manches vielleicht auch, das wunderlich erscheint, finden wird, nochmals hinweisen. 
Als kleines Beispiel erwähne ich nur, dass Columbus hier als Paranoiker hingestellt 
wird. Dr. Albert Moll. 


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UND DER RsrrCHOANALYSE 


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DR. ALBERT MOLL 

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VII. BAND, 




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VERLAG VÖjN FERDINAND ENKE, STUTTGART 




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1917 



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Preis für den Band von .ft Heften M, l-u— , jährlich ein Bund 


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'*v;'v-'F ;: rr ■'■'• "MM', i- v , i 

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Inhalt. 

Sette 

Richard Hennig: Suggestion und Phrase im Weltkrieg ... 65 

Kati Lotz: Ueber Farbenhören . . . .. 92 

L. Löwenfeld: Ein psychologisch interessanter Fall von Zwangs¬ 
neurose . .106 

J. Zeehandelaar: Heilung zweier Fälle von schwerer funktioneller 

Taubheit durch Hypnose...112 

Vaerting: Die musikalische Veranlagung des Weibes .... 120 

H. L. Eisenstadt: Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krank¬ 
heitsstatistik . 128 

Max Cohn: Zur „rekonstruktiven Psychologie“ Paul Natorp’s 155 

Bericht 

über die Kriegstagung des Vereins für Psychiatrie am 21 ./22. Sep¬ 
tember 1916 und über die 8. Jahresversammlung der Gesell¬ 
schaft Deutscher Nervenärzte am 22.'23. September 1916 in 


München. Von v. Sta u ffenberg, München.177 

Referat. 

Adler und Furtmüller: Heilen und Bilden.192 


Adresse der Redaktion: Dr. Albert Moll, Berlin W. 15, Kurfürstendamm 45 

Redaktion und Verlag setzen voraus, dass an allen für die Zeitschrift 
zur Veröffentlichung angenommenen Beiträgen dem Verlage das ausschliess¬ 
liche Recht zur Vervielfältigung und Verbreitung bis zum Ablauf des auf 
das Jahr der Veröffentlichung folgenden Kalenderjahres verbleibt. — 
Von den Originalarbeiten und Sammelreferaten werden 25 Separatabzüge 
kostenfrei geliefert. Mehrbedarf nur auf Bestellung und unter Berechnung. 

Verlag von FERDINAND ENK E in Stuttgart. 

Soeb cd erschienen: 

Dessoir, Prof. Dr. M., Vom Jenseits der Seele, d» Geheimwissen- 

schäften in kritischer Betrachtung. Lex. 8°. 1917; Preis geh. \1, 11.—; in Lein¬ 
wand geb. M. 12.00. 

Kraemer, Pr. C, Das Tuberkulin in der militärischen Begut- 
achtung und Behandlung der Tuberkulose. Xehst kurzer 

Technik. gr. 8°. 1917. Preis geh. M. 1.90. 

Naegeli, Prof. Dr. O., Unfalls- und Begehrungsneurosen. 

Mit 2 Textabbildungen. Lex. 8". 1917. Preis geh. Piuzeipreis M. 9.40; in Lein¬ 
wand geh. Eiuzeipreis >1. 11.80. 

(Neue Deutsche Cbinugie. Begrftndet von P. v» Bruns. .Her3usgege&ea von H. Köttner. 22. Band.) 


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UkfVERSiTY Of MICHlGÄN 


Diätes t Go gle 






















Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 1 ) 

Von Dr. phil. Richard Hennig, Berlin-Friedenau. 

„Dieser ganze Krieg und was mit ihm 
zusammenhängt, stellt denen, die sich für 
Massenpsychologie interessieren, eine uner¬ 
schöpfliche Anzahl von Problemen.“ 

Prof. Steinmetz, Amsterdam, 
in „De Toekomst“ v. 18. Sept. 1915. 

Der Weltkrieg liefert der psychologischen Wissenschaft, wie so 
vielen anderen, Anregungen und Tatsachenmaterial in reichster Fülle, wie 
es kein früherer Krieg in gleichem Umfang vermocht hat. Ja, zu den 
militärischen und wirtschaftlichen Waffen, mit denen der gewaltige 
Kampf ausgekämpft wird, gesellen sich als kaum minder bedeutungsvolle 
Siegbringer zahlreiche seelische und moralische Hilfsmittel, deren Bedeu¬ 
tung nicht unterschätzt werden darf und deren ausschlaggebender Wert 
für die kriegerischen Geschehnisse heut greifbar deutlich zutage tritt. 
Unser Feldmarschall Hindenburg hat im November 1914 das gedanken¬ 
reiche und ungemein treffende Wort gesprochen, dass dieser Krieg in erster 
Lin ie ein Nervenkrieg sei und dass derjenige Teil siegen werde, der über die 
besseren Nerven verfüge. Das ist unzweifelhaft richtig und trifft um so 
mehr zu, wenn man in den Begriff der „besseren Nerven“ alle jene 
seelischen Triebkräfte einschliesst, die freudigen Herzens zum „Durch¬ 
halten“ um jeden Preis bereit und entschlossen sind, nicht nur körperliche, 
sondern auch seelische Anstrengungen bis zur letzten Anspannung aller 
Kräfte willig zu dulden. 

Zu den mannigfachen gröblichen Irrtümern, mit denen unsere Feinde 
rechneten, als sie den lange geplanten Vemichtungsfeldzug gegen Deutsch¬ 
land auf Geheiss der englischen Regierung begannen, zählt als einer der 
schwerwiegenden die Unterschätzung des seelischen Elements und die 
Ueberschätzung der zahlenmässigen Ueberlegenheit. Obwohl jeder Kenner 
der Geschichte schon aus dem siebenjährigen Krieg die Lehre entnehmen 
konnte, dass ein einziger genialer Feldherr und ein an ihn glaubendes, 
begeistertes Heer auch die grössten zahlenmässigen Ungleichheiten aufzu¬ 
wiegen vermag, erhielt sich der alte zynische Irrtum, dass der liebe Gott 
stets mit den stärkeren Bataillonen sei, während des grossen Weltkriegs 
selbst noch in einem Augenblick, als es für jeden nüchternen Beurteiler 
längst feststand, dass Deutschland in dem gewaltigen Völkerringen zum 

0 Nach einem am 14. Januar 1915 in der Psychologischen Gesellschaft zu Berlin 
gehaltenen Vortrag. 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 5 


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66 


Richard Hennig 


mindesten nicht besiegt werden könne. Englische und französische Zei¬ 
tungen wurden nicht müde auszurechnen, wie gross die vereinte Kopfzahl 
des englischen, französischen und russischen Weltreichs sei und wie 
gering im Verhältnis dazu die Gesamtbevölkerung Deutschlands, Oester¬ 
reich-Ungams und der Türkei. Mit diesem Rechenexempel war die Frage, 
wer den Krieg gewinnen werde, entschieden, und auch die Russen gaben 
sich diesem groben Irrtum hin, der sie glauben liess, zur Lösung einer 
Aufgabe mit mehreren Unbekannten genüge die Inrechnungstellung der 
bekannten Grössen, unter Missachtung der unbekannten. Sonst hätte nie¬ 
mals ein russischer General vor dem Kriege das törichte Wort sprechen 
können: „Wir sind des Sieges sicher; wir werden durch Ueberschwem- 
mung siegen, selbst wenn wir einen Napoleon gegen uns hätten. Wir 
werden mit unserer Zahl alles erdrücken.“ 

Nun ist der Glaube an die alleinseligmachende Zahl abermals eines 
besseren belehrt worden. Der Weltkrieg 1914/16 predigt die gleiche Er¬ 
kenntnis wie der Siebenjährige Krieg, in dem das kleine, 5 Millionen 
zählende Preußen sich siegreich gegen drei Grossmächte und mehrere 
kleine Staaten einer Gesamtbevölkerung von 100 Millionen behauptete, 
und die Russen, die in ihren Kriegen gegen die Weltmächte zumeist 
das Unglück hatten, einen Heerführer ersten Ranges sich gegenüber 
zu sehen, dürften nach ihren früheren Erfahrungen mit dem Alten 
Fritz und dem ersten Napoleon nun an Hindenburg gleichfalls 
erkannt haben, dass auch im Kriege das Individuum ungleich mehr 
wert ist als die Masse, der Gedanke mehr als rohe Körperkraft, 
das psychologische Element mehr als die kalte Zahl. Diese Erkennt¬ 
nis ist um so höher einzuschätzen, als die russische Kriegführung sonst 
überraschend gut vorbereitet und der russische Soldat vielfach sehr 
tüchtig war, so dass das russische Heer wegen seiner ungeheuer zahlen- 
mässigen Ueberlegenheit unter einem Oberbefehlshaber von mehr als 
durchschnittlicher Begabung sicher bedeutende Erfolge hätte erringen 
können. 

Im Kriege besteht nur das Gediegene, und alle Scheinwerte ver¬ 
schwinden. Auch das haben wir in den letzten Jahren mit geradezu 
erdrückender Wucht erfahren. Kriegerische Werte, die nur in der Ein¬ 
bildung bestehen, nur imaginären, suggestiven Charakter haben, werden 
schonungslos durch den ehernen Gang der Tatsachen in ihrer Hohlheit 
aufgedeckt. Zwei grosse Nationen haben dies während des Weltkriegs 
erfahren und eine schwerlich je wieder einzubringende Einbusse an Nim¬ 
bus infolgedessen erlitten: England, das sich rühmte, die denkbar voll¬ 
kommenste Flotte der Welt zu besitzen, das die Wogen aller Meere zu 
beherrschen meinte, und dem alle Welt diese Ueberlegenheit ohne weiteres 
glaubte, obwohl seit Trafalgar nicht ein kriegerisches Ruhmesblatt dem 
Lorbeerkranz der britischen Flotte mehr einverleibt worden war, es ver- 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


67 


steckte seine Kriegsschiffe sorglich in den Häfen der Heimat, es verleugnete 
seine stolze Handelsflagge, als die U-Boot-Gefahr drohte, und zwei See¬ 
schlachten zum mindesten, die von Coronel (1. Nov. 1914) und in den Dar¬ 
danellen (18. März 1915), zerstörten das Dogma von der Unbesiegbarkeit 
britischer Flotten in so gründlicher Weise, dass auch nach der Beendigung 
des Krieges die Erinnerung an diese Schlappen wohl für immer derWieder- 
kehr des einstigen Nimbus wehren wird, ebenso wie dieNamenGallipoliund 
Kutel Amara die Schwäche des britischen Heerwesens offenbarten. Und wie 
hier eine jahrzehntelange Suggestion schwand, die sich der ganzen Mensch¬ 
heit mitgeteilt hatte, so ist auch die aufgebauschte Suggestivgrösse auf 
ihren wahren Wert zurückgeführt worden, die sich dereinst die Macht der 
Vereinigten Staaten nannte. Obwohl die stolze Union vom Kriege nicht 
betroffen wurde, der man ehedem zutraute, sie wisse ihren Willen gegen 
jedermann durchzusetzen, hat sie infolge ihrer kläglich schlappen Haltung 
gegenüber englischen Uebergriffen und Beleidigungen und infolge ihrer 
durch das Bewusstsein militärischer und maritimer Schwäche bedingten 
Unfähigkeit, den japanischen Anmassungen im fernen Osten und den 
„Frozzeleien“ des mexikanischen Nachbarn gegenüberzutreten, von ihrem 
„Prestige“ kaum weniger verloren als das meerbeherrschende Britannien. 

Es ist eine der beachtenswertesten Erscheinungen des Weltkrieges, 
dass das alte Wort von dem „Koloss auf tönernen Füssen“, das man auf 
Russland anzuwenden geneigt war, auf das Zarenreich, dessen Wider¬ 
standskraft sich unerwartet gross gezeigt hat, durchaus nicht in dem 
Maße Anwendung finden kann wie auf England und die Vereinigten 
Staaten, bei denen ganz unerwartet die tönernen Füsse in erschreckender 
Deutlichkeit zum Vorschein gekommen sind. Demgegenüber hat sich 
Deutschlands militärische, nationale, wirtschaftliche und finanzielle Stärke 
in einem Maße geoffenbart, wie es die grössten Optimisten nicht zu hoffen 
wagten. Das junge Deutsche Reich ist nicht auf den Lorbeeren von 1870/71 
eingeschlafen, wie England auf den Lorbeeren Nelsons, es hatte es nicht 
nötig, bewusst einen Nimbus um sich zu verbreiten, der der tatsächlichen 
Leistungsfähigkeit nicht entsprach, und einen suggestiven Dunst an die 
Stelle wirklicher Stärke treten zu lassen, sondern es durfte mit freudigem 
Staunen feststellen, dass es, dem jungen Riesen gleich, Kräfte an und in 
sich entdeckte, von deren Vorhandensein es keine Ahnung gehabt hatte. 

Das Auf flammen des deutschen Nationalgefühls und Einheits¬ 
willens, wie es die wunderbaren Augusttage des Jahres 1914 mit ihrer 
himmelstürmenden Begeisterung gebracht haben, wird stets nicht nur 
zu den ehrenvollsten Erinnerungen deutscher Geschichte, sondern auch 
zu den erhabensten seelischen Erlebnissen gehören, die die psychologische 
Wissenschaft als Beispiel grossartiger und begeisterter Massensuggestion 
in der Weltgeschichte zu finden vermag. Wohl hatte Bismarck es schon 
in seiner berühmten Reichstagsrede vom 6. Februar 1888 prophetisch 


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verkündet, dass im Falle der Gefahr ganz Deutschland vom Bodensee 
bis zur Memel wie eine einzige Pulvermine aufflammen werde, aber 
dieser Einheitlichkeit des Ftihlens, Wollens und Denkens von 67 Mil¬ 
lionen Herzen, ja, von 120 Millionen, wenn man auch Oesterreich-Ungarn 
hinzurechnet, war an Grösse und Umfang bisher nichts Aehnliches in der 
Geschichte an die Seite zu stellen. Die grössten Suggestivwunder einer 
Massenwirkung begeisternder Ideen, welche die Historie bisher ver- 
zeichnete, der erste Kreuzzug mit seinem erhebenden und doch auch 
wieder etwas krankhaft anmutendem Massenfanatismus, der wundervolle 
Völkerfrühling von 1813, der schliesslich zunächst nur auf das kleine 
Preussen beschränkt blieb, ja, selbst das Erwachen des deutschen Einheits¬ 
willens im Hochsommer 1870, das freilich Deutsch-Oesterreich noch 
schmollend zur Seite stehen sah, sie kamen an imponierender Wucht und 
Grösse nicht der nationalen Erhebung gleich, die sich im August 1914 
in All-Deutschland kundgab, als die Zeit den eisernen Taktstock hob zum 
Beginn der grossen Kriegssinfonie. 

Mag aber auch der Umfang der nationalen Bewegung, die wie eine 
gewaltige Sturmflut alles sonst Trennende aus dem Empfinden des deut¬ 
schen Volkes hinwegspülte, seinesgleichen in der Menschheitsgeschichte 
noch nicht gesehen haben, die Erscheinung einer begeisternden Massen¬ 
suggestion als solche bietet der psychologischen Betrachtung nichts grund¬ 
sätzlich Neues. Wohl aber ist es für die objektiv urteilende Wissenschaft 
von hohem Reiz festzustellen, wie bei Deutschlands Gegnern die dort 
naturgemäss meist nur sehr geringe Begeisterung für den Krieg künstlich 
mit allerhand stimulierenden Surrogatmitteln zu züchten versucht wurde, 
freilich nur mit geringem Erfolg. Weder in Frankreich noch in Russland 
oder gar in England stand „das Volk“ hinter dem Beschluss der wenigen 
ehrgeizigen Politiker, deren Schuld den grossen Krieg heraufbeschworen 
hat, und da die seelische Anteilnahme eines politisch reifen Volkes bei den 
heutigen Kriegen zwischen Kulturvölkern eine Grösse von nicht zu unter¬ 
schätzendem Einfluss ist, (nicht zum wenigsten um den Ansprüchen der 
finanziellen Kriegsrüstung gewachsen zu sein), so musste man notwen¬ 
dig mit Suggestivmitteln eine lebendigere Anteilnahme der Volksmassen 
erzeugen. Ein Krieg, „von dem die Kronen wissen“, ist zwar in unsem 
Tagen kaum noch möglich, aber die heutigen Angriffskriege, von denen 
die Kabinette wissen, werden auch nur in den seltensten Fällen (so aller¬ 
dings bei Oesterreichs Abrechnung mit Serbien) von einem einmütigen 
Volkswillen getragen, und da dieser Volkswille für eine kriegführende 
Regierung *die denkbar kräftigste Rückensttitze ist, so muss ein kluger 
Minister eben bestrebt sein, künstlich irgend eine willenaufpeitschende 
Suggestion ins Volk zu werfen, um die Kriegsbegeisterung zu entfachen, 
die sich von selbst nicht einstellen will. So erfuhren denn plötzlich die 
kriegführenden Nationen und die von den englischen Kabeln abhängigen 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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neutralen Staaten zu ihrem Erstaunen ganz neuartige, nie gehörte Dinge 
in Form von selbstverständlichen, allgemein bekannten Behauptungen: dass 
Deutschland ein Barbarenstaat sei, dessen Vernichtung ein gutes, kultur- 
dienliches Werk sei, dass der deutsche „Militarismus“ eine dauernde Ge¬ 
fahr für den Weltfrieden und die deutsche Regierung samt dem „Friedens¬ 
kaiser“ kriegslüstern von jeher gewesen sei, die deutsche Regierung, die 
seit 44 Jahren allein unter allen Großstaaten stets Frieden gehalten hatte, 
manchmal sogar einen Frieden um jeden Preis, der vielleicht nicht immer 
ganz ehrenvoll war! So erlebte die Welt das groteske Schauspiel, über 
das sie in weniger ernster Zeit sicher herzlich gelacht hätte, dass halb und 
ganz wilde Völker aufgeboten wurden, um für die Zivilisation zu fechten, 
ja, dass sogar in Russland verkündet wurde, das Heer des Zaren streite 
für die „russische Kultur“ gegen „deutsche Barbarei“. Dass überdies in 
Frankreich der alte, zu drei Vierteln bereits abgestorbene „Revanche“- 
Gedanke zu neuem, kurzem Scheinleben galvanisiert wurde und zur Ent¬ 
flammung der Kriegsbegeisterung herhalten musste, dass man sich in 
Frankreich vielfach während der ganzen Kriegsdauer ehrlich einbildete, 
das Eisass und Lothringen sehnten sich — ungeachtet der 150 000 
elsässischen Kriegsfreiwilligen im deutschen Heere — nach der Wieder¬ 
vereinigung mit dem angeblichen „Mutterlande“ Frankreich, versteht sich 
von selbst, denn eine Regierung, die der Wahrheit die Ehre gegeben und 
gesagt hätte: „Wir müssen den Krieg führen, weil wir Vasallen Russ¬ 
lands sind und weil wir mit 20 Milliarden Franks an der Erhaltung 
des russischen Reichs interessiert sind“, wäre vom Volk nicht geduldet 
worden. So musste lieber ein zerschlissenes idealistisches Mäntelchen 
herhalten, um die Blösse des gewissenlosen Ehrgeizes einiger weniger 
Politiker und das Fehlen eines eigentlichen Grundes für den neuen 
deutsch-französischen Krieg zu verdecken: die Suggestion musste da ein- 
treten, wo Frau Wahrheit nicht beherbergt werden konnte und durfte! — 
Nun, und England? England hat noch bei keinem seiner zahllosen 
Kriege, die es innerhalb und außerhalb Europas führte, zugegeben, dass es 
selbstsüchtige Interessen damit verfolge, vielmehr hat es stets betont, dass 
es völlig uneigennützig für Zivilisation und Recht, für kleine und 
schwache Nationen zu Felde ziehe. Dass diese Spekulation auf den mora¬ 
lischen Instinkt in Verbindung mit einer ungemein geschickten Kunst 
der Suggestion ein einträgliches Geschäft war und noch ist, zeigt die 
englische Geschichte des letzten halben Jahrtausends an ungezählten Bei¬ 
spielen. So war es denn eine Selbstverständlichkeit, dass man in England 
nirgends den wahren Grund der Beteiligung am Kriege gegen Deutschland 
offen zugab, den wahren Grund, den im August 1914 Engländer unter 
sich im vertrauten Gespräch oft genug ausgesprochen haben: „We have 
never hed a better chance to wipe the Germans, and we would have been 
fools, if we hat not taken it.“ Statt dessen ersann man auch hier ein 



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idealistisches Suggestivmittel, um das teilweise vom Kriege recht wenig 
entzückte niedere Volk, um die weissen, schwarzen und gelben Bundes¬ 
genossen für den Plan der englischen Regierung zu erwärmen und die 
Sympathien vieler neutraler Staaten auf Englands Seite zu ziehen: 
zu Märchen vom Kampf gegen den friedenstörenden „preussischen 
Militarismus“, das — selbstverständlich! — in England ersonnen worden 
war, gesellte sich der Vorwand, dass Albion lediglich zum Schutz der 
freventlich verletzten „belgischen Neutralität“ das Schwert gezogen habe. 
Wenn sich bei näherer Nachprüfung ergab, dass die deutsche Verletzung 
der belgischen Neutralität erst in der Nacht zum 4. August erfolgte, dass 
die englischen Truppensendungen nach dem Festland jedoch schon am 
1. August begonnen und die englischen Botschafter in Berlin und Wien 
gar bereits am 15. Juli ihrem gesamten Hauspersonal zum 1. August 
gekündigt hatten, so konnte diese Tatsachenfeststellung die offizielle eng¬ 
lische Darstellung durchaus nicht entkräften. Unbeirrte Kritik ist stets 
nur Sache Weniger gewesen, und England hatte in seiner Politik schon 
oft die psychologische Weisheit erprobt und sich zunutze gemacht, dass 
in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung Suggestionen mehr ver¬ 
mögen als handgreifliche Wahrheiten. Aus dieser vielleicht unbewusst 
gebliebenen psychologischen Erkenntnis heraus hat England seit Jahr¬ 
zehnten so ungeheuren Eifer und so reiche Geldmittel darauf verwendet, 
die Telegraphenlinien und den Nachrichtendienst der ganzen Welt in 
Abhängigkeit von sich zu bringen; die willkommenen Früchte dieses Ver¬ 
haltens hat es jetzt während des Krieges in der Tat geerntet, denn der 
grösste Teil der neutralen Welt glaubte der englischen Heuchelphrase, dass 
England, uneigennützig wie immer, lediglich zum Schutze des verletzten 
Völkerrechts und im Interesse Belgiens in den Krieg gegen Deutschland 
eingetreten sei. Wie sehr die englische Regierung sich der Macht der 
Suggestion bewusst war, wie wenig sie befürchtete, dass selbständiges 
Urteil und klare Logik weniger nachdenklicher Geister den Nebel der 
Suggestion zerstreuen könnte, das zeigt der Umstand, dass die englische 
Regierung sich lediglich für die Interessen des Pufferstaates Belgien so 
uneigennützig ins Zeug legte, während sie für die gleichfalls durch 
Deutschland verletzte Neutralität des nirgends an die Küste angrenzenden 
Staates Luxemburg kein Wort des Tadels oder des Bedauerns gefun¬ 
den hat. Die Saloniki-Groteske hat in der Folge freilich Englands 
Kriegsvorwand auch in den Augen der Neutralen höchst fadenscheinig 
werden lassen. 

Die Suggestion war Englands stärkste Waffe im Weltkrieg, und 
wenn Deutschland weniger militärische Erfolge errungen hätte, so wäre 
gelungen, was England ersehnte und erstrebte: in hoc signo vinces. Eng¬ 
land war nie ein Freund davon, selber militärisch mit starken Kräften in 
einen Krieg einzugreifen; es hat stets meisterhaft verstanden, andere 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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Nationen vor seinen Wagen zu spannen und für sich kämpfen und bluten 
zu lassen. So war es auch diesmal geplant gewesen, und erst der sehr 
unerwartete Siegeszug der Deutschen nach Belgien und Nordfrankreich 
hinein zwang England, diesmal zur Abwendung einer Katastrophe so 
starke Truppenmengen auf den Landkriegsschauplatz zu werfen, wie es 
in keinem seiner früheren Kriege auch nur annähernd jemals geschehen 
war. Um sich aber selbst nach Möglichkeit zu entlasten, liess man sämt¬ 
liche Minen springen, um alle möglichen anderen Nationen in den Krieg 
gegen Deutschland hineinzuziehen und sie die allzu heissen Kastanien aus 
dem Feuer holen zu lassen. Bei Italien, Holland, Dänemark, Japan, Portugal, 
Rumänien, Bulgarien, Griechenland, den Vereinigten Staaten versuchte 
man sein Heil bald mit mehr, meist aber weniger Glück, und je mehr England 
selbst wider all sein Erwarten in die Wirren des Krieges verstrickt wurde, 
um so dringlicher wurden seine Bemühungen, Bundesgenossen mit Ver¬ 
sprechungen, Geld und Suggestionen zu erkaufen. Die Kunst, Kräfte vor¬ 
zutäuschen, die man gar nicht besitzt, um dadurch andere zu „bluffen“ 
und zu Handlungen anzuregen, die dem andern schädlich sind, dem 
Bluffer hingegen nützen, hat England, das Heimatland des Poker¬ 
spiels, in diesem Kriege zu einer Vollendung entwickelt, wie sie bisher 
selbst im diplomatischen Betriebe wohl noch nie erhört war. Auch der 
Bluff ist nichts anderes als Suggestion, als ein Versuch, die Tatsachen 
in ganz anderem Lichte sehen zu machen, als es der Wirklichkeit ent¬ 
spricht. Und in wie grossztigigem Masse England die im Pokerspiel 
gewonnene Routine verwendete, um in kritischen Lagen aus der Schwäche 
und Unüberlegtheit der Spielpartner für sich Nutzen zu ziehen, das wurde 
niemals klarer, als bei Gelegenheit des an sich ganz aussichtslosen und 
doch mit gewaltigen Opfern an Menschen und Schiffen immer wieder 
erneuerten Angriffs auf die Dardanellen, mit dem man keine militärischen, 
sondern ausschliesslich politische Ziele verfolgte. Die monatelange, er¬ 
gebnislose militärische Aktion vor den Dardanellen war ein Bluff aller- 
grössten Stiles, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Greifbaren 
Erfolg konnte die Beschiessung der Dardanellenforts unmöglich haben, 
wenn nicht eine sehr starke Landarmee gleichzeitig gegen die Be¬ 
festigungen und gegen die türkische Hauptstadt vorging. Da Englands 
eigene Truppen ebenso wie die des verbündeten Frankreich auf dem nord¬ 
französischen und flandrischen Kriegsschauplatz gefesselt waren und die 
russische Hilfe beim Vorgehen gegen die Meerengen nichts weniger als 
erwünscht war, so sollten unter allen Umständen neutrale Mächte, vor 
allem Rumänien, Griechenland und Italien, durch den Angriff auf die 
Dardanellen in den Wahn versetzt werden, dass es mit der Türkei zu 
Ende gehe und dass hier reiche Beute zu holen sei, damit sie ihrerseits 
eingriffen und den Verbündeten bis zum Verbluten die nötigen Land¬ 
truppen lieferten, die ihnen selbst abgingen. So wurde der Riesenbluff 


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des Dardanellenangriffs inszeniert und, unter möglichster Voranschickung 
der französischen Kriegsschiffe, wochenlang mit gewaltigem Tamtam 
fortgesetzt. Der Versuch ist bekanntlich misslungen: die Neutralen merk¬ 
ten die Absicht und hielten sich verstimmt zurück. Nur bei Griechenland 
hätte der Bluff beinahe verfangen; der sonst so kluge Venizelos war 
bereit, das Land an die Seite der Verbündeten drängen zu lassen, und 
lediglich König Konstantins Eingreifen bewahrte Hellas vor einer grossen 
Katastrophe, wie sie ein Erfolg des englischen Bluffs aller Wahrschein¬ 
lichkeit nach heraufbeschworen hätte — neben des Königs Klugheit 
freilich auch Sasonows vorzeitiges Aufdecken der russischen Karten in der 
Dumasitzung vom 9.Febr. 1915, wobei amtlich klipp und klar gesagt war, 
dass der Besitz Konstantinopels für Russland der vornehmste Siegespreis 
bei der Entfesselung des Weltkrieges war, und in einem Lande, wo man 
mit dem Traum eines griechischen Konstantinopel spielte, konnte der 
Plan eines russischen Konstantinopel unmöglich Sympathien wecken. 

So misslang denn der keckste und grossartigste Bluff, den die eng¬ 
lische Politik jemals gewagt hat, misslang, obwohl auch hier schliesslich 
England, als der Fehlschlag merkbar wurde, zur Wahrung des Prestiges 
schliesslich viel mehr Kräfte, Geld- und Machtmittel einsetzen musste, als 
es jemals beabsichtigt hatte. Dass es trotzdem reichlich auf seine Kosten 
kam, indem es die Insel Lemnos, Saloniki, die Suola-Bai usw. besetzte, 
um freiwillig sicher niemals diese Pfänder wieder herauszugeben, und 
indem es unter allerhand Vorwänden eine starke französische Truppe 
unter General d’Am ade nach Aegypten lockte, um hier ein geschultes 
Heer zur Verteidigung des Suezkanals zur Hand zu haben, ist eine Sache 
für sich — die englische Politik weiss ja aus jeder Haut Riemen für sich 
zu schneiden — uns interessiert hier nur die psychologische Seite der 
mit dem Dardanellenangriff verbundenen politischen Probleme. 

Wie naiv die Mittel waren, mit denen man die grosse Menge zu 
bluffen suchte, deren Urteilsfähigkeit ja allerdings bedenklich gering 
ist und die daher auf jede geschickte Suggestion blind hereinfällt, das 
zeigten die vollständig aus der Luft gegriffenen Siegesberichte der Eng¬ 
länder, Russen und Franzosen, die ganz genaue Einzelheiten über irgend 
welche angeblich errungenen Siege und Erfolge mitteilten, ohne dass im 
geringsten ein tatsächlicher Hintergrund hierfür zu entdecken war. Man 
denke etwa an den großen „englischen Sieg bei La Bass6e“ um Mitte 
Januar 1915, der mit Wissen und Willen der militärischen Behörden 
mehrere Tage lang als „eine der herrlichsten Waffentaten der englischen 
Geschichte“ in den Zeitungen gepriesen wurde, bis sich schliesslich heraus¬ 
stellte, dass an den fraglichen Tagen überhaupt kein Gefecht bei La Bassee 
stattgefunden hatte. Der einzige Zweck des Märchens war — Suggestion: 
das englische und auch das französische Volk sollte bei guter Laune erhal¬ 
ten bleiben und seine Aufmerksamkeit von der empfindlichen französischen 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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Schlappe von Soissons (12.—14. Januar) abgelenkt werden. Man denke 
ferner an den „glorreichen Rückzug von Gallipoli“, den die englische 
Darstellungskunst aller Welt mit solchem Erfolg als eine der herrlichsten 
Waffentaten der Weltgeschichte hinstellte, daß der Tag der Räumung 
in Australien zum — Nationalfeiertag erklärt worden ist! — Typisch 
für die englische amtliche und nichtamtliche Berichterstattung war ferner 
auch die unverfrorene, runde Ablehnung offensichtlicher feindlicher 
Erfolge; und konnte man sie nicht ableugnen, so kam unweigerlich als¬ 
bald das moralische Mäntelchen zum Vorschein, das den Feind jedesmal, 
wenn England einen Schlag erlitt, eines Verstosses gegen das Völkerrecht 
bezichtigte. Wenn die Deutschen Luftschiffangriffe auf London unter¬ 
nahmen und einwandfrei und genau feststellten, welche Art von Schäden 
angerichtet worden waren, leugnete man in England, daß die Zeppeline 
über London gewesen seien und behauptete, sie hätten nur über den öst¬ 
lichen Grafschaften geschwebt und offenbar irgend einen kleineren Ort 
mit London verwechselt! In typischster Weise wurde diese absonderliche 
Taktik bei dem grossen Angriff in der Nacht zum 1. April 1916 ange¬ 
wandt. Obwohl jeder in London weilende Ausländer sich auf Schritt und 
Tritt von den durch das Zeppelin-Geschwader angerichteten Verheerungen 
überzeugen konnte, beharrte die englische Regienmg bei ihrer Suggestiv- 
Behauptung, nach London sei kein feindliches Luftschiff vorgedrungen. 
— Als aber der deutsche Flottenangriff auf Scarborough am Morgen des 
16. Dezember 1914 wohl oder übel zugegeben werden mußte, schlug die 
moraliche Entrüstung hohe Wellen, und in einem Atem wurde versichert, 
der Angriff sei völkerrechtswidrig gewesen, da er sich gegen eine offene 
und unverteidigte Stadt gerichtet habe, und überdies sei er militärisch 
bedeutungslos gewesen, da den Strandbatterien keinerlei Schaden zuge¬ 
fügt worden sei. 

Je aussichtsloser der Krieg für den Dreiverband wurde, um so 
krampfhafter wurden die Versuche der Stimmungsmache, um so 
geschwollener die Phrasen, die dem eigenen Volk und der übrigen Welt 
den „sicheren“ Glauben der leitenden Kreise an den baldigen entscheiden¬ 
den Sieg Vortäuschen sollten. Je schlechter sich die Lage auf dem west¬ 
lichen und östlichen Kriegsschauplatz für Deutschlands Gegner gestaltete, 
um so riesenhafter wurden die Zahlen der Truppenmengen, die Lord 
Kitchener-übers Jahr zu senden versprach. Auch den Türken ver¬ 

suchte man nach dem unerwartet gründlichen Fehlschlag der grossen 
Dardanellenaktion vom Februar und März 1915 mit den riesigen Lan¬ 
dungsheeren Angst einzujagen, die man nunmehr an den Dardanellen ans 
Land setzen werde. Und wenn den Türken mit derartigen Drohungen 
nicht imponiert werden konnte, die ihre eigene Stärke genügend kannten, 
um sich durch die Errechnung papierener Zahlen nicht erschrecken zu 
lassen, so sollten die grossen Zahlen doch auch gleichzeitig, vielleicht sogar 


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in erster Linie, dazu dienen, den einen oder anderen Neutralen suggestiv 
zu beeinflussen, dass er mit dem Dreiverband, im Hinblick auf dessen 
baldigen überwältigenden Sieg, gemeinsame Sache mache. Auf diesen 
Zweck ganz allein war ja auch der schon ins Gebiet des Humoristischen 
streifende Bluff berechnet, den sich England im April 1915 leistete, zu 
einem Zeitpunkt, wo das Gebäude des Dreiverbands bereits bedenklich in 
seinen Fugen bebte: damals wurden in London die Mittel bewilligt, um 
die Stadt aus Anlass der grossen Siegesfeier würdig zu schmücken. 

In Europa haben die auf neutrale Gemüter bezeichneten Sug¬ 
gestionen, wie ausdrücklich festgestellt sei, nirgends in der Weise ver¬ 
fangen, wie es gewünscht wurde. Kein neutraler Staat hat sich durch 
erdichtete Siege und mehr oder weniger erheuchelte Siegeszuversicht der 
Wortführer des Dreiverbandes verlocken lassen, der hilfsbedürftigen 
Triple-Entente beizuspringen, wenn auch Italien und Portugal ge- 
zwungenermassen unter Englands finanziellem und wirtschaftlichem 
Druck gemeinsame Sache mit dem Dreiverband machten und Griechenland 
freiwillig (da Venizelos auf die Suggestion der Dardanellen-Beschiessung 
„eingeschnappt“ hatte) zeitweise drauf und dran war, dem Locken der 
englischen Regierung nachzugeben. In Europa war eben jede besonnene 
neutrale Regierung in der Lage, nach den von beiden kriegführenden 
Parteien vorliegenden Berichten sich ein objektives Bild von dem wahren 
Stand der Dinge zu machen und die Suggestiv-Meldungen nach ihrem 
ungefähren wahren Wert und Unwert einzuschätzen. Wäre es anders 
gewesen, so wären schon in den ersten Kriegsmonaten Italien, sowie 
Rumänien ganz unweigerlich ebenfalls gegen den Zweibund zu Felde 
gezogen. 

Im Auslande hatte das englische Nachrichtenmonopol, das durch die 
Zerstörung der deutschen Seekabel gleich am ersten Kriegstage zu einem 
fast unbegrenzten wurde, die Folge, dass eine wohltuende Nachprüfung 
der eingehenden Suggestiv-Meldungen vielfach unmöglich gemacht wurde. 
Hier wirkten denn auch die suggestiven Beeinflussungen in einem geradezu 
erschreckenden Umfang. In Ländern, die von den Deutschen und von 
Deutschland selbst bis dahin nur Gutes erfahren und nie eine politische 
Reibungsfläche mit der deutschen Regierung gehabt hatten, wurde durch 
tägliche Phantasiemeldungen über deutsche Greuel, deutsche Verletzungen 
des Völkerrechts, deutsche Niederlagen künstlich ein Deutschenhass ver¬ 
derblichster Art grossgeztichtet, und wenn auch nur der Plebs, die gedanken¬ 
lose Herde, die gerade wegen ihrer Masse jeder Suggestion leichter als das 
einzelne Individuum zum Opfer fällt, so plumpen und gTobgeschlachten 
Beeinflussungen unterlag, so konnten doch auch die verantwortlichen 
Regierungen sich nicht überall dem psychologischen Köder entziehen, den 
die Lügenmeldungen des Reuter- und Havasbureaus auswarfen. So weit 
sich die Dinge heute beurteilen lassen, hat es ziemlich sicher den Anschein, 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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dass Japans Eingreifen in den Weltkrieg als Gegner Deutschlands weniger 
durch „Bündnispflichten“ bedingt wurde — rein moralische und völker¬ 
rechtliche „Pflichten“ gibt es ja seit 1914 nicht mehr! — als durch die eng¬ 
lischen Kabeldepeschen, die zerschmetternde Niederlagen des deutschen 
Landheeres vor Lüttich und der deutschen Flotte in der Nordsee nach Japan 
meldeten, so dass sich schon nach vierzehntägiger Kriegsdauer im fernen 
Osten die Meinung festsetzen konnte, Deutschland liege in den letzten 
Zügen. Hier konnte der verderblichen Suggestion anfangs nicht durch 
wahre Nachrichten von der Gegenseite entgegengearbeitet werden, und 
Japan beteiligte sich an dem leichten Raubzug gegen einen anscheinend 
schon wehrlos gemachten Staat. Die Suggestion wirkte. Das japanische 
Ultimatum wurde nach Deutschland abgeschickt! Als wenige Tage später, 
dank der emsigen Aufklärungsarbeit des deutschen Botschafters in 
Washington, auch in Japan bekannt wurde, wie die Dinge in Wahrheit 
vor Lüttich standen, erkannten weitschauende Köpfe unter den Japanern, 
was für Unheil die leichte suggestive Beeinflussung der Regierung herauf- 
beschworen hatte, und ein hochgestellter japanischer Diplomat äusserte 
sich in China schon Mitte August 1914, Japan habe eine Dummheit be¬ 
gangen, die es in Jahrhunderten nicht wieder gut machen könne, da 
es sich die künftige europäische Vormacht für immer entfremdet habe. 

Wie im übrigen die beiden oben genannten, weltbeherrschenden 
Telegraphenbureaus die bewusste Lügennachricht in einer nie für möglich 
gehaltenen Weise zum System entwickelt haben, lediglich in der Absicht, 
Stimmung zu machen und suggestiv zu wirken, das weiss heute die urteils¬ 
fähige Menschheit seit langem. An dieser Stelle braucht auf das uner¬ 
quickliche Thema nur flüchtig hingewiesen zu werden. Die hysterischen 
Ueberschwenglichkeiten des Hass- und Verleumdungsfeldzugs der neuen 
Reuterschen „Lauschen un Rim eis“ wirkten freilich, wie der Freund 
menschlicher Gesittung mit tiefem Bedauern feststellen muss, auf da 3 
Sensationsbedürfnis der geistig Unmündigen um so sicherer, je abge¬ 
schmackter und handgreiflicher der gemeldete Unsinn war. 

Es bleibe dahingestellt, ob es eine im ganzen Umfang objektive, 
von jeder Suggestivabsicht freie Berichterstattung im Kriege in einer 
kriegführenden Nation überhaupt jemals geben kann. Es ist ja ganz 
natürlich, dass die Volksstimmung ein wichtiges Element ist, das den 
verantwortlichen Regierungskreisen sowohl den Rücken steifen als auch 
sehr erhebliche Schwierigkeiten machen kann, und diese Stimmung muss 
sehr zart und sorgsam behandelt werden. So ist es ganz naturgemäss, 
dass gewisse ungünstige Kriegsereignisse überhaupt nicht oder in gemil¬ 
derter Form gemeldet, günstige leicht übertrieben werden. Auch die Be¬ 
richte der deutschen obersten Heeresleitung, obwohl sie an Objektivität 
schlechthin das Vollendetste darstellen, was im Kriege überhaupt erreichbar 
sein dürfte, entbehrten nicht ganz einer leichten suggestiven Färbung und 


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verschwiegen manches, wie ja auch von Anfang an rundweg zugegeben 
wurde. Aber sie hatten den weit wichtigeren, ganz unschätzbaren Vorzug, 
für den das deutsche Volk gar nicht genug dankbar sein kann, dass das, 
was sie meldeten, unbedingt glaubhaft und den Tatsachen entsprechend 
war. Eine amtliche oder halbamtliche Nachricht, die das Zeichen W.T.B. 
(Wolffsches Telegraphenbureau) trug, konnte allenthalben in der deut¬ 
schen Welt mit einer gläubigen Zuversicht ohnegleichen aufgenommen 
werden und wurde auch sehr bald überall so aufgenommen. Die deutsche 
Wahrhaftigkeit hat vielleicht nie einen grossartigeren Triumph gefeiert, als 
er in der durch nichts zu erschütternden, dogmengleichen Gläubigkeit des 
deutschen Volkes in jede mit dem Wundermale W.T.B. gezeichnete Nach¬ 
richt dargestellt wurde. Die deutsche Regierung und die deutschen Heeres¬ 
leitungen haben mit diesem noch gar nicht genug gewürdigten Verhalten einen 
moralischen Sieg errungen, der sich den militärischen und finanziellen gleich¬ 
wertig zur Seite stellt. Allerhand Kriegsgerüchte, bald wahre, bald falsche, 
bald mögliche, bald ganz unsinnige, schwirrten zwar trotzdem dauernd neben 
den amtlichen Nachrichten umher. Das Bewusstsein, dass nicht alle Kriegs¬ 
ereignisse bekannt gegeben würden, worauf man durch die amtlichen Be¬ 
kanntmachungen der allerersten Tage schon vorbereitet war, erklärte diese 
Tatsache, dazu die Erkenntnis, dass seitens unserer Bundesgenossen in der 
Tat einige sehr weittragende Vorkommnisse ungünstiger Art nicht mit¬ 
geteilt oder in ihren wahren Ursachen nur sehr mangelhaft klargelegt 
wurden wie die schwere österreichische Dezemberniederlage in Serbien mit 
der nachfolgenden, erzwungenen Räumung des kurz zuvor eroberten Bel¬ 
grad oder die wenig rühmlichen Ursachen des Falles von Przemysl, der bei 
ausreichender Proviantierung der wichtigen Festung unschwer vermeidbar 
gewesen wäre, die grosse Niederlage der türkischen Kaukasusarmee bei 
Sarykamisch, der längere Zeit hindurch verheimlichte Fall von Erze¬ 
rum usw. Solche Wahrnehmungen mussten notwendig unsicher machen 
und auch allerhand Gerüchten über Vorgänge im deutschen Heer eben¬ 
falls Nahrung verleihen. Um so erquickender wirkte dann aber auch die 
felsenfeste Zuversicht in die Darstellung des grossen Hauptquartiers oder 
des Wolffschen Bureaus, wenn diese sich einmal veranlasst sahen, herum¬ 
schwirrende Gerüchte oder auch allzu grobe Lügen der Berichte der feind¬ 
lichen Heeresleitungen auf ihren wahren Kern zurückzuftihren oder ganz 
abzulehnen. 

Nicht lückenlos, aber restlos glaubhaft — das war das Kennzeichen 
der deutschen amtlichen und halbamtlichen Kriegsberichte: so hat sie auch 
das deutsche Volk fast seit den ersten Tagen des Krieges schätzen und 
Heben gelernt. Die Berichte, welche die deutsche Presse brachte, ja, auch 
die fachmännische Beleuchtung der militärischen Lage, wie sie die Mehr¬ 
zahl der deutschen Zeitungen, selbst der ganz grossen, regelmässig zu ver¬ 
öffentlichen pflegte, konnten nur in den seltensten Fällen den gleichen 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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Ruhmestitel für sich in Anspruch nehmen, wie die amtlichen Bekannt¬ 
machungen : sich freizuhalten von bewusster Suggestion und unbedingt ver¬ 
lässlich zu sein. Manche sehr verbreiteten deutschen Zeitungen und 
manche Militärkritiker waren mit ihrem täglichen Nachweis, dass alles 
„ausserordentlich günstig“ stehe und dass alle feindlichen Handlungen 
töricht, böswillig oder gemein seien, dem Emst und der Grösse der eisernen 
Zeit ganz gewiss nicht gewachsen. Das braucht uns aber die Freude und 
den grossen Stolz über die Haltung der amtlichen Berichterstattung und 
über das von keinem Vorbehalt erschütterte Ansehen, das sie sich allent¬ 
halben zu erringen und dauernd zu behaupten wusste, wahrlich nicht zu 
trüben. Die deutsche oberste Heeresleitung hat das überhaupt erreichbare 
Minimum an Suggestion bei der Verbreitung ihrer Nachrichten zu Hilfe 
genommen. Es ist dies ein glänzender Beweis nicht nur für die tatsäch¬ 
lichen Leistungen der Truppen, sondern auch für das felsenfeste Ver¬ 
trauen, das das ganze Volk zu seinem Heer hegte. 

Blicken wir demgegenüber auf die amtlichen Kundgebungen des 
Dreiverbandes — von der sattsam gekennzeichneten Berichterstattung 
der Presse und der Nachrichtenagenturen ganz zu schweigen — so er¬ 
kennen wir, dass die verantwortlichen Stellen mit der immer nur für 
wenige Tage vorhaltenden Suggestivwirkung erdichteter Siege und 
verschwiegener Unglücksfälle in einer Weise arbeiteten, die über das poli¬ 
tisch Kluge und Zulässige recht erheblich hinausging. Beispiele hierfür 
wurden in den vorausgegangenen Abschnitten schon in grösserer Zahl 
gegeben; sie liessen sich vermehren. Typisch war z. B. das dauernde Ver¬ 
schweigen des am 27. Oktober durch eine Mine oder Torpedo bewirkten 
Untergangs des Dreadnought „Audacious“ durch die britische Admiralität. 
Die ganze Welt wusste bereits um das Ereignis, von dem photographische 
Aufnahmen Vorlagen und in amerikanischen und auch in deutschen Zeit¬ 
schriften zahlreich veröffentlicht worden waren — aber in London wurde 
das unangenehme Ereignis amtlich nicht nur für kurze Zeit, sondern 
dauernd ignoriert, ebenso wie der Untergang des ersten „Warrior“ vor 
Messina, der ersten „Glasgow“ in der Schlacht bei Coronel, des „Tiger“ 
in der Nordseeschlacht am 24. Januar 1915. Die ganze Welt sprach von 
diesen Ereignissen, auch in London wusste man darum — aber Churchill 
gefiel sich in der Rolle des Vogel Strauss, für den ein unerfreuliches 
Ereignis nicht vorhanden ist, wenn er den Kopf in den Sand steckt, und 
lebte des Wahnes, dass für die Welt ein feststehendes Ereignis nicht 
vorhanden sei, so lange er es nicht bestätigt habe. Noch nach Neujahr 1915 
wusste man in London auch nichts von der schon Ende August erfolgten 
furchtbaren Katastrophe der russischen Narew-Armee bei Tannenberg; 
so lange die englischen Zeitungen und die englischen Kabel von dem 
Geschehnis nichts meldeten, war eine der grössten Kriegstaten der 
Weltgeschichte, so hoffte man, als nicht wirklich vorhanden anzu- 


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sehen. Ob heut in England offiziell zugegeben ist, daß die Deut¬ 
schen alle Forts von Lüttich erobert haben, darf gleichfalls 
bezweifelt werden. Daß für die Engländer die Aufrechterhaltung 
von Suggestionen wichtiger war als die Schaffung günstiger Tatsachen, 
ging aus ihrem Verhalten gegen sämtliche überseeischen Depeschen her¬ 
vor, aus der systematischen Unterschlagung oder Fälschung solcher Tele¬ 
gramme, die für den Gegner günstige oder für den Dreiverband ungünstige 
Tatsachen ins neutrale Ausland melden wollten, aus dem Umstand, 
daß Englands erste Kriegshandlung in der Zerschneidung der vier 
deutschen Seekabellinien über den atlantischen Ozean bestand, und aus dem 

bis zu einem Attentat sich verdichtenden Hass, mit dem sie den- 

amerikanischen Funkenturm in Sayville beehrten, weil er die Keckheit 
hatte, die drahtlosen deutschen und österreichischen Kriegsnachrichten, 
die die Nauener Station täglich über den Ozean sandte, in Empfang zu 
nehmen, ohne dass der britische Zensor die Möglichkeit hatte, die Nach¬ 
richten abzuschneiden oder in britischem Sinne „richtig zu stellen.“ — 
Ebenso erfuhr Russland infolge einer rücksichtslos strengen Zensur lange 
Zeit nichts von den dreimaligen zerschmetternden Niederlagen seiner 
Heere in Masuren, oder die katastrophalen Ereignisse wurden in der 
offiziellen Darstellung zu weisen strategischen „Umgruppierungen“ durch¬ 
aus freiwilliger Art umgedichtet. 

In Frankreich Hessen sich die eigenen grossen Niederlagen des letzten 
Augustdrittels 1914, trotz redlichen Willens, nicht verschweigen, zumal da 
Anfang September die deutschen Heere schon vor den Toren von Paris bis 
Meaux und Lagny streiften. Hier musste man daher zu anderen Mitteln 
greifen, um künstlich eine vertrauensvolle Stimmung aufrecht zu erhalten, 
die durch den Gang der Ereignisse selbst sehr wenig gerechtfertigt war. 
Als die Gefahr bestand, daß Paris im ersten deutschen Ansturm über 
den Haufen gerannt werde, als die französische Regierung voreilig in 
einer „vorsichtigen“ Gefühlsanwandlung am 3. September von Paris nach 
Bordeaux übersiedelte und gleichzeitig dem betrogenen Volk heroisches 
Ausharren anempfahl, bis der geheiligte Boden Frankreichs von den Ein¬ 
dringlingen befreit sei, da suchte Präsident Poincar6 den wankenden Mut 
der Pariser durch jenes berüchtigte Abschiedsmanifest zu stützen und neu 
zu beleben, dessen dröhnendes Phrasengeklingel im umgekehrten Ver¬ 
hältnis zur Richtigkeit der darin behaupteten Tatsachen stand. Es war 
ein echt französisches Trunkenmachen mit Worten, eine wahre Verlegen¬ 
heitssuggestion, wenn die französische Regierung im selben Augenblick, 
wo sie der Tapferkeit besseren Teil für sich erwählte, dem Volke kund 
und zu wissen tat, dass gleichzeitig die verbündeten Heere des Zaren den 
„Stoss ins Herz des Feindes“ führten — obwohl die verantwortlichen 
Stellen genau den (dem Volk sorgfältig verheimlichten) Umstand kennen 
mussten, dass die rassische Dampfwalze fünf Tage zuvor in die masu- 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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rischen Seen geraten war und auf absehbare Zeit nicht wieder für krie¬ 
gerische Taten in Betracht kam. 

Die Phrase war schon 1870 Frankreichs letztes Aufgebot, auch noch 
in den Tagen, als die letzten Hoffnungsstrahlen zu verblassen begannen, 
und je geringer der eigene Glaube an den endlichen Erfolg wurde, um 
so geschraubter wurden, um so zuversichtlicher lauteten die Phrasen. 
Die Phrase ist stets ein Zeichen der Schwäche. Ein starkes Volk, das 
sich seiner Stärke bewusst ist, und das seine Pflicht kennt, bedarf des 
Phrasennebels so wenig wie die unverbrauchte Manneskraft des Kantha¬ 
ridin. 

Nur eine Regierung und eine Heeresleitung, die am militärischen 
Erfolg verzagt und die da weiss, dass die Erkenntnis der Wahrheit die 
Nation zu ungeheurem Zorn gegen ihre Verführer aufflammen lassen und 
den jeweiligen Machthabern ihre Stellung kosten wird, greift zur Phrase 
und zur Lüge, um der eigenen Herrlichkeit noch eine Galgenfrist kurzen 
Daseins zu erwirken und das „debacle“ um einige Wochen oder Monate 
hinauszuschieben. Auch in dieser Hinsicht konnte man während des 
Weltkriegs an Deutschlands drei Hauptgegnem bemerkenswerte psycho¬ 
logische Studien machen. In Russland, wo der Krieg ohnehin am wenigsten 
volkstümlich war, da er ja nur das Werk einer kleinen, politisch oder finan¬ 
ziell daran interessierten Gruppe war, erfolgte das Erwachen zur Wirk¬ 
lichkeit zuerst; trotz der eisernen Strenge der Zensur und des Verschweige¬ 
systems des Generalissimus sickerte die Wahrheit über die drei ungeheuren 
Niederlagen in Ostpreussen, über die fürchterlichen Menschenverluste bei 
Tannenberg, vor Przemysl, während der Osterschlacht in den Karpathen 
doch allmählich durch hundert kleine Kanäle ins Bewusstsein des Volkes, 
und man war sich in weitesten Kreisen längst bewusst, dass man das 
Spiel verloren hatte, während die Presse noch immer, auf einen Wink 
von oben, Triumphgesänge anstimmte und der oberste Leiter der 
russischen Politik am 9. Februar 1915, in denselben Tagen, da in 
der masurischen Winterschlacht die 10. Armee vernichtet wurde, das 
stolze Wort sprach, die russischen Heere marschierten unentwegt auf 
ihr Ziel los, und Konstantinopel sei der sichere Siegespreis. In England 
begann die Ernüchterung um Mitte April 1915: die sehr maulkorblose 
Presse schlug nach dem schmachvollen Ausgang der Dardanellen- 
beschiessung, dem Scheitern des russischen Ansturms gegen die Kar¬ 
pathen und dem Bekanntwerden der furchtbar umfangreichen Verlust¬ 
listen von Neuve Chapelle gegen die verantwortlichen Männer der Re¬ 
gierung Töne an, wie man sie in den leitenden englischen Zeitungen seit 
undenkbarer Zeit nicht mehr vernommen hatte, und führten dadurch, 
schneller als alle andren warnenden Symptome, auch beim urteilsfähigen 
Publikum und dazu bei den nüchtern beobachtenden Neutralen eine lang¬ 
same Erkenntnis vom wahren Stande der Dinge und ein Zerreissen der 


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künstlich erzeugten Nebelschleier einer unverantwortlichen Suggestion 
herbei. In Frankreich freilich, wo von jeher die Königin Phrase am lieb¬ 
sten residiert, verstand man sich wieder am schwersten und spätesten dazu, 
die Dinge zu sehen, wie sie wirklich waren. Das alte traurige Spiel von 
1870/71 wiederholte sich fast Wort für Wort. Wie man damals Sieges¬ 
gesänge anstimmte, als Paris schon längst vom eisernen Ring der Be¬ 
lagerer umschnürt war, wie man jeden Strohhalm begierig ergriff, um seine 
Hoffnungen daran zu klammem, in ehrlichster Ueberzeugung, daß sich nun 
alles, alles wenden werde, bis schliesslich die Deutschen in Paris einzogen 
und das nun erst erwachende Volk in den Greueln des Kommuneaufstan¬ 
des seine Vergeltung an der verantwortlichen Regierung übte, so war man 
auch im Jahre 1915 und selbst noch 1916 fast überall in Frankreich von 
rosigster Zuversicht und unverwüstlichem Glauben an den baldigen und 
vollständigen Sieg erfüllt, zu einer Zeit, als bereits die grossen Offensiven 
Joffres gegen die unzerbrechliche deutsche Front unter furchtbaren 
Menschenopfern gescheitert waren, als die nüchtern beobachtenden Zu¬ 
schauerinden neutralen Ländern, in England und Deutschland bereits Frank¬ 
reichs nahen Zusammenbruch als Grossmacht mit einem gewissen Gefühl 
von Mitleid deutlich erkannten. Im selben Monat April 1915, wo einer 
der autoritativsten und objektivsten neutralen Kritiker schon die Meinung 
aussprach, der Dreiverband schiene vor einer verlorenen Partie zu stehen, 
wo englische Blätter, die vordem zu den übelsten Rufern im Streit gehört 
und Deutschlands nahe Vernichtung fast täglich verkündigt hatten, 
resigniert bekannten, bisher sei Deutschland der Sieger, und auch wirt¬ 
schaftlich stehe das Deutsche Reich nicht minder kräftig als England da. 
in diesem selben Monat war man in Frankreich noch immer dermassen ins 
Lügengewebe der schönen Phrasen verstrickt, dass man in einem Zeit¬ 
punkt, wo man bereits die Siebzehnjährigen und die Krüppel zum Heeres¬ 
dienst einbeziehen musste, noch grosse Diskussionen pflegte, welche 
Friedensbedingungen man dem völlig besiegten und vernichteten Deutsch¬ 
land aufzuerlegen habe; Onesime Reclus konnte in eben diesen 
Tagen, da die Unmöglichkeit, die Deutschen aus Nordfrankreich mit Ge¬ 
walt zu vertreiben, nahezu allenthalben ausserhalb Frankreichs (und 
Belgiens) eingesehen wurde, noch eine Schrift veröffentlichen, worin er 
Deutschlands vollständige Zerstückelung und eine Kriegsentschädigung 
von 101 Milliarden neben mancherlei anderen grotesken Torheiten ver¬ 
langte, ohne bei den eigenen Landsleuten einen Protest gegen solche unzeit- 
gemässen Scherze und ein resigniertes Lachen hervorzurufen! Auch in 
Belgien freilich hatte man noch mehrere Monate später keinen klareren 
Blick für die Sachlage. Im Oktober 1915, als ganz Belgien bis auf einen 
winzigen Rest von 40 qkm bereits seit mehr als Jahresfrist in deutschen 
Händen war, konnte der „König ohne Land“ Albert mit seinen Ministem 
in La Panne darüber beraten, welche Kriegskosten und welche terri- 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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tonalen Entschädigungen man dem besiegten-Deutschland auf¬ 

erlegen solle, wobei man sich beiläufig auf eine Summe von 8 Milliarden 
einigte, die Deutschland an Belgien zu zahlen haben werde! Der Nebel 
eines von eigener Selbstbeweihräucherung narkotisierten Suggestions¬ 
rausches war während der Dauer des Krieges in Frankreich und Belgien 
durch keine Sprache der Tatsachen zu zerteilen. Jede unentschiedene 
Kriegshandlung wurde in Frankreich amtlich und nichtamtlich als grosser 
Sieg gefeiert, um dem „gloire“-Durst des Volkes zu schmeicheln; jeder 
bedeutende feindliche Sieg hingegen wurde als „letzte Kraftanstrengung“ 
eines „verzweifelten und besiegten Feindes“ hingestellt. Auch in Italien 
stand man der phrasenseligen lateinischen Schwester kaum nach. Als das 
italienische Heer sich ein volles Jahr lang in geradezu tragischer Ergebnis¬ 
losigkeit an den österreichischen Stellungen die Köpfe eingerannt 
hatte, beglückwünschte König Viktor Emanuel in einer Proklamation 
zum Jahrestag der Kriegserklärung seine Truppen zu ihren-„hun¬ 

dert Siegen“! Wann wird man den unsagbar grotesken Humor solcher 
dröhnenden Kundgebungen einmal unbefangenen Herzens geniessen kön¬ 
nen? — Frankreichs Erwachen soll, wie 44 Jahre zuvor, erst erfolgen, 
wenn der Friedensschluss unmittelbar bevorsteht und das Ende des 
Rausches mit dem nachfolgenden Katzenjammer nicht mehr länger hin¬ 
ausgeschoben werden kann. Das ist der Fluch der Phrase, deren verderb¬ 
liche Wirkung kaum je zuvor gleich klar zu erkennen war! 

Es war für Deutschlands Gegner unbedingt verhängnisvoll, dass 
sie selbst ihre strategischen Massnahmen nicht nur von den allein zu¬ 
lässigen strategischen Gesichtspunkten diktieren Hessen, sondern daneben 
auch von politischen, wobei die fast ins Krankhafte gesteigerte Sucht, 
eine Suggestion um jeden Preis auszuüben, die verhängnisvollsten und 
folgenschwersten Missgriffe heraufbeschwor. Typisch hierfür war ja die 
Wahl des Termins für die grösste der vergeblichen Joffreschen Offen¬ 
siven, die am 25. September 1915 begann. Wie durchaus glaubhaft gemel¬ 
det wurde, wünschte Joffre noch einige Zeit mit diesem Angriff zu warten, 
der Frankreichs gewaltigste, entscheidende Kraftanstrengung bringen 
sollte, aber das Bedürfnis, schleunigst durch einen grossen kriegerischen 
Erfolg Eindruck auf die Balkanstaaten zu machen und sie dadurch zum 
Anschluss an den Vierverband zu bewegen, überwog schliesslich alle 
anderen Rücksichten und drängte selbst die rein militärischen Erwägungen 
in den Hintergrund. Am 19. Sept. hatten gegenüber Semendria deutsche 
Kanonen gegen die serbischen Stellungen gedonnert und der aufhorchen¬ 
den Welt angekündigt, dass Deutschland den für die Entscheidung des 
Weltkrieges voraussichtlich entscheidenden Durchstoss durch Serbien 
nach der Türkei plane, am 22. September hatte Bulgarien die Mobil¬ 
machung angeordnet, die offensichtlich auf den nahen miUtärischen An¬ 
schluss an die Zentralmächte hinzielte. Diese beiden „schlechten Ein- 

Zeitschrlft für Psychotherapie. VII. 6 


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drücke“ galt es zu paralysieren, und gleichzeitig sollten mindestens 
Griechenland und Rumänien, wenn möglich auch Bulgarien, für das 
Zusammengehen mit dem Vierverband gewonnen werden. Ein schnelles 
Handeln, ein rascher, blendend grossartiger Sieg war nötig, um ein solches 
Ziel zu erreichen — und die Folge davon war der verfrühte Angriff am 
25. September. Dass die rund 200 000 Mann Verluste, die dieser ver¬ 
zweifelte Ansturm auf die eiserne deutsche Mauer die verbündeten Fran¬ 
zosen und Engländer kostete, in der Tat zu Suggestivzwecken geopfert 
wurden, vermöchte man nicht zu glauben — der Gedanke allein mutet 
unfassbar frivol an — wenn nicht Joffres berühmter Armeebefehl vom 
14. September selbst diesen Zweck des Angriffs ausgesprochen hätte, in¬ 
dem er sagte: „Ausserdem wird ein glänzender Sieg über die Deutschen 
die neutralen Völker bestimmen, sich zu unseren Gunsten zu entscheiden! 

Dass gelegentlich auch strategische Massnahmen zu Suggestivzwecken 
durchaus angebracht sein und sogar einen klugen Schachzug darstellen 
können — wer wollte es leugnen? Aber das Verhältnis zwischen der 
Grösse des Suggestivmittels und des anzustrebenden Zwecks muss den 
rechten Maßstab auf weisen. Wenn die deutsche Heeresleitung am 
19. Sept. 1915 ein paar Kanonenschüsse vom ungarischen aufs serbische 
Donauufer hinübersenden Hess und diese an sich belanglose Handlung aus¬ 
drücklich alsbald bekannt gab, so war auch dieses Vorgehen dazu be¬ 
stimmt, Suggestionen auseuüben, den Balkanstaaten zu zeigen, wohin die 
Reise ging, und dadurch ihre Haltung zu beeinflussen. Aber lediglich 
dasselbe, was die Deutschen mit ein paar Kanonenschlägen ohne Menschen¬ 
opfer erreichten, strebten die Franzosen und Engländer mit ihrem Opfer 
von 200 000 Mann und ihren wahnsinnigen Durchbruchsversuchen vom 
25.—27. September an! Dort ein Arbeiten mit lächerlich geringfügigen 
Mitteln, um bei anderen Nationen Entscheidungen von weltgeschichtUcher 
Bedeutung heraufzubeschwören; hier eine unverantwortliche Verschwen¬ 
dung von kostbaren Menschenleben, um — genau dasselbe in entgegen¬ 
gesetztem Sinne zu erreichen! So unterscheidet sich die deutsche von der 
französischen Suggestivmethode! Der Unterschied wird noch frappanter, 
wenn man die Ergebnisse der beiden Suggestivversuche vergleicht. Die 
Kanonenschüsse von Semendria kosteten ein paar tausend Mark, und ihr 
Erfolg war die Entscheidung Rumäniens und Griechenlands für 
die Neutralität und Bulgariens zielbewusster militärischer Anschluss 
an den Dreibund, der gewissermassen die Ueberschreitung der höchsten 
Spannung im grossen, weltgeschichtlichen Kriegsdrama und den Anfang 
vom guten Ende darstellte; die Schlachten in der Champagne, im Artois 
und in Flandern verfehlten dagegen, weil sie nicht den erhofften „glänzen¬ 
den Sieg“ brachten, ihren suggestiven Zweck durchaus: Bulgarien wartete 
noch einige Tage und stellte sich dann, als der Misserfolg der Joffreschen 
Offensive nicht mehr zuverkennemwar, mitkühnem Entschluss aufdieSeite 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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der Feinde Frankreichs und Englands, während die anderen Balkan¬ 
staaten, die man mitzureissen gedachte, wider Erwarten sich für die Neu¬ 
tralität und weiteres vorsichtiges Abwarten entschieden. 

Der riesige Dardanellenbluff, der schliesslich so kläglich und rühm¬ 
los endete, war schon im Frühjahr 1915, wie wir hörten, von den unglück¬ 
lichen Vätern des Gedankens in London und Paris durchaus nicht so sehr 
als ein Mittel gedacht gewesen, Konstantinopel wirklich zu erobern oder 
gar dem russischen Bundesgenossen den Weg dahin zu bahnen, als viel¬ 
mehr als Ermunterung für die noch neutralen Balkanstaaten, die Sache des 
Vierverbands zu der ihrigen zu machen. Nachdem diese erste Absicht 
gescheitert war, sollte die Riesenschlacht vom 25.—27. September dem¬ 
selben Ziel gelten, und als auch hier der Fehlschlag nicht länger zu ver¬ 
kennen war, sollte die Landung von französischen und englischen Truppen 
im griechischen Saloniki unter dem Protest der griechischen Regierung 
den letzten und grössten Trumpf darstellen, um die zaudernden Neutralen 
mitzureissen und das ungebärdig werdende Bulgarien einzuschüchtem. 
Glückte der kecke Streich, schloss sich Griechenland der Entente an, so 
war man die quälende Sorge los, konnte grosse Truppenmassen den in 
Serbien eindringenden Deutschen und Oesterreichem entgegenwerfen und 
Bulgarien von der Kriegserklärung zurückhalten. Verpuffte jedoch 
auch diese überraschende Suggestion ohne Wirkung, bewahrte Griechen¬ 
land seine besonnene Neutralität, so konnte die unter schroffer Verletzung 
der griechischen Staatshoheit vollzogene Truppenlandung in Saloniki nur 
mit einer militärischen Katastrophe oder einer ungeheuren Blamage enden, 
deren Lächerlichkeit tödlich für den letzten Rest des diplomatischen 
Ansehens der Entente werden konnte. Bekanntlich hat in der Tat auch 
dies Suggestivmittel versagt. Ein Jahr früher hätte England damit wohl 
noch den gewünschten Erfolg voll erzielt, da der (auch überwiegend auf 
geschickter Suggestion beruhende) Respekt vor ihm bei den kleinen Staaten 
ausserordentlich gross war. 14 Monate Kriegführung hatten jedoch so 
oft gezeigt, dass Englands vermeintliche Macht und Stärke nicht auf 
Wirklichkeit, sondern auf Schein beruhte, hatten so oft der Welt vor 
Augen geführt, dass die Phrase die fehlende Kraft vortäuschen musste, 
dass jetzt der Griechenkönig Konstantin das Spiel durchschaute und es 
wagen konnte, mit der Entlassung seines Ministerpräsidenten Venizelos 
zum zweitenmal gegen Englands und Frankreichs Willen und Wunsch auf¬ 
zutrumpfen. So zerriss abermals das Netz der Suggestion, in dem 
sich Griechenland fangen sollte; die Lösung des Balkanproblems liess sich 
nun nicht mehr durch grosse Worte und berauschende Versprechungen, 
sondern nur noch durch Leistungen und Tatsachen herbeiftihren — und 
dabei mussten bekanntlich diejenigen den kürzeren ziehen, die vordem, 
um andere zu bluffen, die selbstgefälligste Miene gezeigt, die hoch¬ 
trabendsten Reden im Munde geführt hatten! — Hoffentlich wird es 


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eine der grossen Segnungen des Krieges sein, dass er die internationalen 
Beziehungen der Völker ein wenig vom Fluch der Phrase erlöst und all¬ 
gemein den Blick für wahre und für falsche Werte geschärft hat. Trifft 
diese Vermutung zu, so wird sich freilich künftig zeigen, dass der Respekt 
vor den kriegführenden zwei Grossmächten England und Frankreich und 
vor Deutschlands „neutralem Feind“ Amerika in ungefähr gleich starkem 
Maße geschwunden ist! 

Dass Diplomaten und Politiker mit Phrasen arbeiten, gehört schliess¬ 
lich zu ihrem Handwerk, wenngleich die deutschen Staatsmänner und 
vor allem der in unbedingter Sachlichkeit und Ehrlichkeit schlechter¬ 
dings nicht zu überbietende Reichskanzler (gezeigt haben dürften, 
dass man mit nüchternen Worten, die nicht mehr und nicht weniger 
bedeuten sollen, als sie besagen, viel stärkere und nachhaltigere Wir¬ 
kungen zu erzielen vermag, als mit schönen oratorischen Leistungen, 
in denen die Redner etwa versicherten, die „devoir tragique et simple“ 
liege klar vor Augen, ohne jedoch anzudeuten, was man sich unter dieser 
schönen Redensarten vorstellte oder auch nicht vorstellte! Auch das 
italienische Volk ist ja von seiner Regierung und bezahlten agents provo- 
cateurs mit Phrasen in den Krieg gehetzt worden, mit der klingenden 
Schelle des „sacro egoismo“ und der Versicherung, dass ein Krieg gegen 
Oesterreich nur „Fahnen, Blumen und flatternde Bänder“ bescheren werde 
— bis die grausige Wirklichkeit den furchtbaren Unterschied zwischen 
Verheissung und Erfüllung zeigte! Immerhin im politischen Leben wird 
man die Phrase niemals entbehren können oder wollen. Dagegen ist die 
Phrase und die gewollte Suggestion im Munde von Heerführern ein sehr 
zweischneidiges Mittel. Dass der Feldherr mit Hilfe glücklich erfundener 
Suggestionen vorzügliche Augenblicks - Wirkungen zu erzielen ver¬ 
mag, haben uns manche geniale Feldherren, in erster Linie Napoleon L, 
gelehrt. Sobald aber der Heerführer suggestive Wirkungen von Dauer 
mit Hilfe schöner Redensarten oder gar mit Hilfe von bewussten Lügen 
ausüben will, schiesst er einen Pfeil ab, der nur allzu leicht auf den 
Schützen zurtickprallt — gemäss dem Wort, dass man dem, der einmal 
lügt, nicht glaubt, auch wenn er die Wahrheit spricht. Auch hier wieder 
lassen sich die beiden entgegengesetzten Pole deutschen und französischen 
Empfindens studieren, indem man etwa das Verhalten Hindenburgs und 
Joffres vergleicht. Man stelle sich einen Hindenburg vor, der vor der 
Schlacht dröhnende Bekanntmachungen dessen, was er leisten will, an 
sein Heer und an die Oeffentlichkeit erlässt! Moltke hat uns Deutsche 
gelehrt, wie man schweigend siegt, und diese seine unschätzbare Lehre 
haben die Erben seines Geistes glücklicherweise mitübemommen. Der 
französische Generalissimus hingegen konnte es sich nicht versagen, 
seine ersten Offensiven vorher in der Presse ankündigen zu lassen 
und, nachdem er das Unzweckmässige einer solchen von den Tatsachen 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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stets Lügen gestraften Großsprecherei eingesehen hatte, musste er wenig¬ 
stens in Geheimbefehlen seine Truppen in seine Absichten und verlocken¬ 
den Zukunftshoffnungen ein weihen und sie, wie seinen Armeebefehl vom 
14. Sept. 1915, ausklingen lassen in einen Suggestivversuch: „Die Be¬ 
kanntgabe dieser Mitteilungen an die Truppen wird nicht verfehlen, den 
Geist der Truppen zu der Höhe der Opfer zu erheben, die von ihr gefordert 
werden.“ Die Bekanntmachungen der deutschen Obersten Heeresleitung 
waren durchweg auf den Ton gestimmt: „Wir haben erreicht,“ die der 
französischen dagegen auf „Wir werden erreichen.“ Um den unsicheren 
Wechsel auf die Zukunft einzulösen, scheuten die französischen Heer¬ 
führer selbst nicht vor bewussten Lügen und Irreführungen ihrer eigenen 
Truppen zurück, da sie den Mut der Verzweiflung und die äusserste Hin¬ 
gabe in ihren Soldaten zu entflammen wünschten — coüte que coüte! 
So wurde mit Billigung der leitenden Stellen massenhaft das Märchen 
verbreitet, dass die Deutschen ihre Gefangenen marterten und töteten oder 
mindestens arg hungern Hessen, so wurde bei einem der vergeblichen An¬ 
griffe auf den sonderbaren Vorsprung der deutschen Front bei St. Mihiel 
den französischen Soldaten weisgemacht, die Kanonen, die sie im Rücken 
der feindlichen Front aufblitzen sehen würden, seien französische Ge¬ 
schütze, die den in die „Zange“ genommenen Feind auch von hinten her 
beschössen. Dass sich mit derartigen armseHgen Suggestivmitteln keine Er¬ 
folge von Dauer und von wahrem Wert erzielen lassen, ist für jeden 
Psychologen von vornherein klar. Ach, Napoleon I. war doch nicht nur 
ein unvergleichlich viel grösserer Feldherr als die heutigen französischen 
Heerführer, sondern er wusste auch auf dem Instrument der Soldatenseele 
mit ganz anderer Meisterschaft zu spielen: seine genialen Suggestivmittel 
berauschten und begeisterten das Heer und befähigten es somit zu den 
grössten Taten; seine Nachfolger der Jetztzeit aber täuschen die Truppen 
über die wahre Sachlage, schildern sie günstiger, als sie wirklich ist, oder 
suchen durch Grausen und Wut über erdichtete Unmenschlichkeiten des 
Feindes in ihnen Abscheu zu wecken — ähnlich wie psychologisch uner¬ 
fahrene Priester früherer Jahrhunderte durch Schilderung der Höllen¬ 
schrecken die Seelen auf den Weg des Guten zu weisen vermeinten! 
Die Begeisterung, der ideale Schwung, sie können allerdings Schlachten 
gewinnen und selbst die Niederlage noch in einen Sieg verwandeln, wie 
es etwa bei Marengo geschah; mit Ueberhebung aber ist das Schlachten¬ 
glück ebensowenig zu zwingen wie durch das ganze kindliche Mittel 
künstlicher Erregung von Furcht und Abscheu. 

Eine erfolgreiche suggestive Beeinflussung eines Heers im Kampf 
oder unmittelbar davor hat die Kriegsgeschichte durchaus nicht selten 
zu verzeichnen gehabt, aber die dabei zur Anwendung gelangten psycholo¬ 
gischen Methoden unterschieden sich regelmässig ganz gewaltig von dem 
krankhaften Aufpeitschen des Gefühlslebens, wie es Herr Joffre vergeb- 


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lieh anstrebte, um den Sieg an seine Fahnen zu heften, und setzten stets 
irgend etwas Greifbares voraus, an dem sich die Begeisterung entflammen 
und zur Höchstleistung anspomen konnte. Das hinreissend schöne 
Phrasengeklingel, in den Falten der Fahnen flatterten die „magischen“ 
Namen Recht und Freiheit („dans les plis de leur drapeau sont inscrit les 
noms magiques de droit et de liberte“), mit dem Joffre im August 1914 die 
Ueberschreitung der elsässischen Grenze begleitete, war ein Zeichen der 
Dekadenz, eine Aeusserung des insgeheimen Bewusstseins, dass man mit 
rednerischem Pathos und grossen Worten ersetzen müsse, was einem an 
Vertrauen in die eigene Kraft und an gutem Gewissen, einen gerechten 
Kampf zu kämpfen, abging. Der wahrhaft Starke bedarf keiner dröhnen¬ 
den Ansprachen und Kundgebungen vor vollbrachter Tat, und ein deut¬ 
scher Feldherr, der vor Beginn der Schlacht mit oratorischen Glanz¬ 
leistungen um sich wirft und seine schillernden Stilblüten allsogleich in 
alle Welt telegraphieren lässt, bevor er einen entscheidenden Schritt zur 
Erreichung seines Zieles getan hat, ist glattweg eine Unmöglichkeit! Nur 
meinem Falle wird der wahrhaft grosse Feldherr sich schon vor dem 
Entscheidungskampf dazu verstehen, zu seinen Truppen zu reden: wenn 
es sich um Sein und Nichtsein handelt, wenn die Soldaten begreifen 
müssen, dass sie nur den Sieg zu gewinnen oder alles zu verlieren haben. 
Ein Cortez, der die Schiffe hinter sich verbrannt und nur noch 
zwischen der Eroberung Mexikos und dem Untergang zu wählen hatte, 
durfte vor dem Kampf sein Heer mit Worten entflammen und ihm zeigen, 
wie die Dinge lagen; auch der grosse Friedrich durfte vor Leuthen und 
vor Liegnitz im Bewusstsein, dass der Fortbestand Preussens auf dem 
Spiele stand, den Mund zur Rede öffnen — zur soldatisch knappen, ein¬ 
dringlich-nüchternen Ansprache, nicht zum schwülstigen Phrasengedresch 
von Freiheit, Zivilisation und ähnlichen schönen Augenblendern und Tat¬ 
surrogaten. Ein „Betrunkenmachen mit Worten“ liegt ja zwar dem fran¬ 
zösischen Nationalcharakter ungleich mehr als dem deutschen — aber 
eben der Mann, der, gleichzeitig ein Franzose, einer der genialsten Feld¬ 
herren aller Zeiten und ein unerreichter Meister in der Kunst der Sug¬ 
gestion war, der Kaiser Napoleon, er hat sich, wenn er zu seinem Heere 
sprach, nie zum phrasenkäuenden Volksredner erniedrigt. Dass auch er 
den Phrasenweihrauch wundervoll zu handhaben verstand, wo er am Platze 
war, hat er oft genug bewiesen (es sei nur erinnert an die auf den orien¬ 
talischen Geschmack zugeschnittene Proklamation an die ägyptische 
Bevölkerung von 1798, über deren schwülstig-mystischen Stil er sich 
selbst später weidlich lustig machte) — auf seine Truppen aber suchte 
er nur zu wirken durch einen einzigen knappen Satz, den er im günstigsten 
Augenblick in die Masse warf, um in dem entscheidenden Zeitpunkt ihre 
Begeisterung zu wecken und zur höchsten Kraftleistung anzuspornen. 
„Vier Jahrtausende sehen auf euch herab“ — das war das Stimulans, das 


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Suggestion uud Phrase im Weltkrieg. 


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am 21. Juli 1798 vor der Pyramidenschlacht den Willen zum Sieg ent¬ 
flammte; „Erinnert euch, dass ich gewohnt bin, auf dem Schlachtfeld zu 
übernachten,“ lautete das Zauberwort, das die bei Marengo weichenden 
französischen Truppen zum Stehen brachte und zum Sieg zurückführte; 
und mit dem Ruf: „Seht da, die Sonne von Austerlitz“ wurde in schwerer 
Stunde am 7. September 1812 bei Moshaisk das Glück des Krieges an die 
französischen Fahnen geheftet. Das waren Meistersuggestionen, glücklich 
erfunden, einprägsam und trefflichst geeignet für eine kurzdauernde, 
anspornende Wirkung im entscheidenden Augenblick. 

Diese Meisterschaft in der psychologischen Beurteilung und Be¬ 
handlung haben die heutigen kleinen Nachfolger des grossen Napoleon von 
i hm ebensowenig gelernt wie sein strategisches Geschick. Wohl haben 
sie das Bestreben übernommen, durch stolze Worte zu Taten anzuspomen, 
aber ihnen fehlt der sichere Blick für die erreichbaren Wirkungen und 
ihre Dauer, für den rechten Ort, den rechten Zeitpunkt, wo Suggestionen 
am Platze sind. Sie legen den Schwerpunkt auf die schöne Prägung klang¬ 
voller Schlagworte und meinen die gewünschte Leistung müsste sich ganz 
von selbst einstellen, wenn die benebelnde Phrase erfunden oder die hero¬ 
ische Geste öffentlich ausgeführt ist. Diese Neigung des französischen 
Nationalcharakters zur schönen Geste wurde ja schon vor 45 Jahren in 
dem bekannten Liede: „König Wilhelm sass ganz heiter“ in ungemein 
treffender Weise verspottet: 

„Als Napoleon dies vernommen, 

Liess er gleich die Stiebein kommen, 

Die vordem sein Onkel trug.“ 

An derartigen bramarbasierenden Handlungen war die französische und 
auch die italienische Politik während des Weltkrieges überreich. Was war 
denn der Don Quixotezug der Alliierten nach Saloniki anderes als eine 

schöne Geste, die Sicherheit und Siegeszuversicht vortäuschte, um- 

andere Nationen zur Tat fortzureissen? Oder man denke an die „sym¬ 
bolischen“ Handlungen in den ersten Kriegswochen, die auf den Pariser 
Bahnhöfen als Endziel die Namen Bel fort und Nancy durch Mulhouse 
und Strasbourg ersetzten, um damit kundzutun, dass das Eisass bereits 
als erobert zu betrachten und demgemäss der französische Endpunkt der 
Bahnlinien ostwärts vorgeschoben sei. In dieselbe Rubrik gehörte die Tat¬ 
sache, dass die französische Regierung, nachdem ihre Truppen einige 
Kilometer ins Eisass eingedrungen waren, einen Präfekten für Altkirch 
ernannte, der dann aber, da Altkirch noch in deutschem Besitz war und 
dauernd verblieb, seinen Sitz in Dammerkirch auf schlagen musste. Die 
italienische Regierung erwies sich in diesem etwas kindlich anmutenden 
Vergnügen als gelehriger Schüler der französischen, wenn sie ihrerseits 
schon bald nach ihrem Eintritt in den Krieg Barzilai zum Minister der 
eroberten Gebiete ernannte, obwohl ihre Truppen in vielmonatigem. 


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Richard Hennig 


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blutigem Ringen nicht einen einzigen wichtigen Ort den Oesterreichem 
zu entreissen und zu „erlösen“ vermochten. Auch des Umstandes sei ge¬ 
dacht, dass im italienischen Parlament für die künftigen Volksvertreter 
von Triest, Trient und einigen andren zunächst nur mit dem Mundwerk 
eroberten österreichischen Städten eigene Sitze angefertigt wurden, um 
damit „unwiderleglich“ zu bekunden, dass jene Gebiete fortan zu Italien 
gehörten. 

Solche Mätzchen mögen den Romanen Zusagen, — in Deutschland 
wären sie schlankweg undenkbar. Dass sie weder von Kraft noch von 
Selbstbewusstsein zeugen, liegt auf der Hand; sie sind eben Suggestionen, 
Bluffs, und sollen etwas Vortäuschen, was nicht da ist. Die deutsche 
Regierung lud das Volk zur Zeichnung der Kriegsanleihen ein und erzielte 
ohne Phrasengeklingel erst 4V 2 , dann 9, dann 12 1 / 2 , schliesslich 10 3 / 4 
Milliarden Mark; als die französische Regierung sich nach langem Zau¬ 
dern zur Aufnahme ihrer Anleihen im eigenen Lande entschloss, prägte 
sie zunächst einmal einen zugkräftigen Namen. Sie erfand für die erste 
Anleihe die Bezeichnung „Anleihe der nationalen Verteidigung“, für die 
zweite gar die schöne Bezeichnung „Siegesanleihe“ und hatte damit nach 
ihrer Ansicht gleichzeitig den Erfolg der Anleihe und den siegreichen 
Ausgang des Krieges gewährleistet. Selbst ein leidlich klarer Kopf wie 
Gustave Herve glaubte zum triumphierenden Siege Frankreichs nicht 
besser beitragen zu können, als indem er sein Organ „La guerre sociale“ 
umtaufte in „La vietoire“. „Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein 
Wort zu rechter Zeit sich ein.“ 

England hat im Kriege zweifellos nicht annähernd so wie Frank¬ 
reich den Blick für die Wirklichkeit verloren. Man verschmähte dort 
Kindereien nach Art der eben genannten. England wandte ungleich 
geriebenere und besser überlegte Suggestionen an als Frankreich; man 
wollte dort ja auch weniger das eigene Volk über seine Stärke täuschen 
als den Feind und die Neutralen, die man einzufangen hoffte, wenn man 
möglichst geräuschvoll den starken Mann und Sieger markierte. Dass Eng¬ 
lands Spiel mit der Suggestion aber auch von solchen, auf deren Düpie¬ 
rung es zumeist berechnet war, gar bald durchschaut wurde, das zeigte ein 
neutrales Urteil, wie es die schwedische Zeitung „Vidi“ am 10. Oktober 
1915 fällte: 

„Im Laufe der fünfzehn Monate, die der Krieg jetzt währt, hat sich 
Schritt für Schritt gezeigt, mit welch gewaltigem Bluff England sein Spiel 
treibt. Es bietet hoch und tut so, als ob es lauter hochfeine Karten hätte. 
Werden die Karten auf den Tisch gelegt, dann zeigt es sich, über welch elendes 
Zeug es verfügte. Und man staunt über die Frechheit. 

Beispiele? Genug! 

Wie wollte England Antwerpen — ganz Belgien retten! — Nichts als 
Bluff! Dann sollte England die Deutschen aus Frankreich werfen, die Flotte 
aus ihren Rattenlöchern graben, vernichten — nichts als Bluff! Dann die Dar¬ 
danellen — Bluff! Jetzt, nachdem England von Kriegsbeginn an behauptet 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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hatte, die ganze Balkanpolitik zu beherrschen, sein furchtbares Fiasko mit 
Bulgarien und Griechenland! — Bluff von Anfang an. England ist enthüllt! 
Es ist der schlimmste Bluffer. Niederlage auf Niederlage. Kein einziger Gewinn 
von Wert, der auf den Ausgang einwirken könnte, ist zu verzeichnen. 

Aber England wird nicht müde, es blufft ruhig weite r 

Das war — notabene! — noch vor Gallipoli und Kut el Amara! 
Englands Neigung, durch grosse Worte zu bluffen, zeigte sich schon 
seit vielen Jahren in der Wahl von Namen und Bezeichnungen für 
die Kriegsschiffe. Wie man im Altertum wohl auf Schilden eine Abbil¬ 
dung des Gorgonenhauptes anbrachte und im Mittelalter den Schiffs¬ 
schnäbeln Drachengestalt gab, um einem leicht schreckhaften und aber¬ 
gläubischen Feind Furcht einzuflössen, so taufte das britische Volk seine 
„men of war“ Formidable und Invincible, Dreadnought, AudaciousJ, 
Triumph usw., mit dem Resultat, dass die Misserfolge der mit so hoch¬ 
trabenden Namen gezierten Schiffe das Peinliche ihrer Ohnmacht nur 
um so fühlbarer in die Erscheinung treten liessen. 

Es war Englands Verhängnis, dass es, vielleicht zum erstenmal in 
seiner Geschichte, im Weltkrieg mit einem Feinde zu tun hatte, der sich 
auch durch die geschicktesten Bluffs und die anmaßendsten grossen 
Worte nicht einschüchtern und imponieren liess, der den Wert der Phrase 
gering achtete und nur die Tat gelten liess. Es ist kein Zufall, dass es 
in Gestalt des Goethischen Faust ein Deutscher war, der in seiner Ueber- 
setzung der Bibel sich nicht begnügte mit der von alters her gebräuch¬ 
lichen Deutung des griechischen Textes: &XQV V v 6 Ao'yog“, sondern der 

sich von der bequemen Wiedergabe „Im Anfang war das Wort“ hin¬ 
durchrang zu der tieferen Auffassung „Im Anfang war die T a t.“ 
Nur ein deutscher Faust war hierzu imstande; ein englischer Faust, 
ein Landsmann des Churchill und des Bureaus Reuter, wäre unbedingt 
beim Begriff „Wort“ stehen geblieben, und ein französischer Faust hätte 
voraussichtlich keine treffendere Wiedergabe gefunden als „Im Anfang 
war die Geste.“ — 

Der Weltkrieg 1914/16 hat in einer schonungslosen Weise, wie kein 
Ereignis je zuvor, die wahre Stärke von der vorgetäuschten geschieden. 
Das echte Gold bewährte sich im Feuer des ungeheuren Weltenbrandes, 
die Talmi wäre aber wurde rücksichtslos in ihrem wirklichen Werte ent¬ 
hüllt. Ueber 100 Jahre hatte England sich mit Hilfe eines Nimbus die 
Rolle eines arbiter mundi zu verschaffen und zu behaupten gewusst; von 
1805 bis 1914, von Trafalgar bis Coronel, hatte die englische Flotte nicht 
ein einziges Mal Gelegenheit gehabt, sich in einer irgendwie namhaften 
Aktion zur See zu betätigen (ausser in den risikolosen Bombardements 
von Kopenhagen, Navarin, Bomarsund, Alexandria usw.), und dennoch 
beherrschte sie die Meere, beherrschte sie die Länder durch ihr blosses 
Vorhandensein. Jetzt zum ersten Male sollte und konnte sie zeigen, ob die 
alten Lorbeeren von Hogue, Abukir und Trafalgar noch grün seien, und — 


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sie kroch ins Mauseloch, erlitt überraschend empfindliche Teilschlappen 
bei Coronel, in der Nordsee, in den Dardanellen, und ihren einzigen grossen 
Erfolg bei den Falklandsinseln errang sie lediglich durch vielfache 
zahlenmässige Ueberlegenheit und durch — japanische Hilfe! Und ein 
ähnliches Fiasko war manchem anderen alten, sorgsam gepflegten Nimbus 
beschieden, als die harte Wirklichkeit zwang zu zeigen, was für ein 
Tatsachenkern in dem dicken Weihrauchdunst steckte. Das stolze Eng¬ 
land, das seit Jahrzehnten nur die Faust hatte zu ballen brauchen, um 
jeden Wiederstand zu brechen, konnte im Bunde mit dem glorien¬ 
umworbenen Frankreich und mit dem Russland, das mit seinen Menschen¬ 
massen wie eine Dampfwalze zu wirken gedachte, nicht einmal „den kran¬ 
ken Mann am Bosporus“ niederzwingen, ja, holte sich in fast elfmbnatigen 
Kämpfen auf Gallipoli, in den Dardanellen, bei Ktesiphon und Kut el 
Amara Niederlagen, die zu den bedeutendsten und verlustreichsten der 
ganzen englischen Geschichte gehörten. Empfindlicher noch als die un¬ 
mittelbaren, riesigen Verluste an Geld und Menschenleben war dabei der 
Verlust des Prestige, das Zerreissen eines sorgsam gehüteten, aber vorher 
nie ernstlich auf die Probe gestellten Nimbus. 

Der Verlust des Nimbus erscheint vielleicht manchem geringfügig 
und in unserer materiell rechnenden Zeit ziemlich belanglos, und dennoch ist 
dieser rein seelische Faktor gelegentlich von weltgeschichtlicher Bedeutung. 
Man denke an den ersten Napoleon, der für unbesieglich gehalten 
und erst niedergezwungen wurde, nachdem die Schlacht von Aspern gezeigt 
hatte, dass auch ihm die Siegesgöttin keine Sklavin war, und der Feldzug 
von 1812, dass er einen Krieg verlieren konnte. Ohne den Verlust de3 
Nimbus der Unbesiegbarkeit wäre es wohl ausgeschlossen gewesen, dass 
nach 1813 Napoleon gelegentlich selbst einem Schwarzenberg unterlag! 

Der Verlust des Nimbus der Unwiderstehlichkeit wird nun auch 
für Englands Stellung in der Welt, selbst wenn sonst der Krieg 
glimpflich für England ablaufen sollte, von schwerwiegenden Folgen 
sein und zumal in der Welt des Islam den Respekt vor Englands 
Machtfülle unheilbar untergraben. In England ahnte man deutlicher 
als anderswo, was der Verlust des Nimbus für eine Nation, die be¬ 
wusst ihre ungeheure Macht zum Teil auf schönen Schein und auf 
Suggestion gegründet hatte, bedeutete; daher das sonderbare, eifrige Be¬ 
streben des englichen Premierministers, die nach endlosen Blutopfern und 
8V 2 monatlichen, furchtbaren Kämpfen ausgeführte, halb freiwillige, halb 
vom Feinde erzwungene Räumung von Sedd-ul-Bahr in der Nacht zum 
9. Januar 1916, die den Schlußstrich unter ein völlig ergebnisloses, mit 
entsetzlichen Opfern verbundenes Unternehmen zog, als eine der 
„glänzendsten Ruhmestaten der englischen Geschichte“ hinzustellen. Eine 
Rückzugskanonade mit Worten — nichts weiter! 

Die französische Methode, mit Phantasiesiegen zu prunken, galt in 


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Suggestion und Phrase im Weltkrieg. 


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erster Linie der Täuschung oder richtiger der Narkotisierung des 
eigenen Volks, dieselbe englische Methode hingegen der Dupierung der 
Neutralen. Indem man nach vollständigen militärischen Misserfolgen und 
Fehlschlägen die Dinge regelmässig so darstellte, als ob nunmehr der 
Endsieg gesichert, ja, eigentlich schon errungen sei, konnte man lange 
Monate hindurch der neutralen und pseudoneutralen Welt Sand in die 
Augen streuen. Man vergass nur, dass man auf diese Weise gerade den 
nicht täuschen und unschädlich machen konnte, auf dessen Nieder- 
zwingung es doch schliesslich in erster Linie ankam: den Feind! Durch 
blosses Zureden, dass er längst tot sei, ist bisher eben noch niemand zu 
Tode gebracht worden! 

Englands bekannte Scheu, selber seine Kriege auszufechten, und 
seine Neigung, andere Völker durch anfeuernde Worte, das Heilder Welt 
und die Zivilisation ständen auf dem Spiel, anzutreiben, dass sie im 
englischen Interesse Blutopfer bringen, hat sich gleichfalls nie zuvor in so 
krasser, fast möchte man sagen, in so naiver Weise geoffenbart, als im 
gegenwärtigen Krieg. Das systematische Geschrei, das sich stets erhob, 
sobald England einen Schlag erhalten hatte: „Was wird Amerika, Hol¬ 
land, Dänemark, Griechenland, Rumänien zu diesem „Völkerrechtsbruch“, 
zu dieser „Herausforderung der Menschheit“ sagen?“, hätte unter weniger 
ernsten Begleitumständen belustigend gewirkt. Den Höhepunkt erreichte 
diese sonderbare Bekundung nationaler Stärke in den zeitweilig typisch 
gewordenen Reuterberichten: Das Schiff N. N. ist versenkt worden; es 
befanden sich so und so viele Amerikaner an Bord! Der Leser solcher 
Berichte, deren einziger Zweck es war, irgend einen Neutralen scharf zu 
machen, musste oft genug an den von einem Stärkeren verprügelten 
Jungen denken, der jenem mit seinem „grossen Bruder“ droht, um sich 
für die erlittene Unbill zu entschädigen und dem Gegner das Gefühl des 
Behagens zu rauben. Gleichzeitig aber stellten die systematischen Auf¬ 
reizungsversuche der Neutralen auch eine bewusste Anwendung der Sug¬ 
gestion dar, um leidenschaftliche Gemütserregungen in einem England 
genehmen Sinne zu entfalten, zu lenken und zum eigenen Besten aus¬ 
zunutzen. 

In dem reichen Ruhmeskranz, den sich das deutsche Volk während 
des Weltkriegs 1914/16 geflochten hat, wird das Fehlen jeder Phrase, jeder 
wahrheitverschleiernden Verdrehung der Tatsachen in den amtlichen 
Bekanntmachungen dereinst eines der grünsten Lorbeerblätter sein. Die 
schlichte Sprache der Wahrheit und der Tat hat vielleicht der Welt da 
draussen nicht immer so imponiert wie die grossen Reden, stolzen Gesten 
und prunkvollen Schlagworte, mit denen Deutschlands Feinde ihre 
glänzendsten Siege erfochten, aber auf die Dauer hat die fast nüchtern 
zu nennende Objektivität und Sachlichkeit der deutschen Darstellung 
doch den Sieg davongetragen über die Phalanx der Phrasen und Sug- 


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Kati Lotz 


gestionen und schillernden Hoffnungsseifenblasen, mit denen die Urheber 
des grossen Weltbrandes den Krieg zu gewinnen gedachten. Wenn 
Objektivität eine spezifisch männliche, Subjektivität eine weibliche Eigen¬ 
schaft ist, so haben die Deutschen in diesem heissen Ringen bewiesen, dass 
sie es verdienen, die männlichste Nation des Erdballs zu heissen. — Möge 
Deutschlands Betätigung in der Welt nun auch weiterhin im Zeichen der 
Goethischen Uebersetzung des „ ’Ev &QXV V v & höyog“ kämpfen und siegen: 
Im Anfang war die Tat! 


Ueber Farbenhören. 1 ) 

Von Kati Lotz, Oranienburg-Eden bei Berlin. 

Es sind nun 2 Jahre her, seitdem ich in der Berliner Psychologischen 
Gesellschaft zu dieser Frage gesprochen habe, und wenn auch in der 
dazwischen liegenden Zeit unsere Gedanken überwiegend vom Krieg und 
dem Kriegsgeschehen in Anspruch genommen waren, so haben trotz alle¬ 
dem doch auch die psychologischen Beobachtungen ihren Fortgang 
genommen und zu einer Ergänzung der damaligen Folgerungen geführt. 
Ich erlaube mir daher, jenen Vortrag vom Januar 1914 entsprechend 
den fortgeftihrten Beobachtungen zu ergänzen und ihm eine teilweise neue 
Form zu geben. 

Im Jahre 1912 erschienen in der von der psychoanalytischen Schule 
neugegründeten Zeitschrift Imago zwei Aufsätze über Farbenhören, der 
eine von Pfister-Zürich, der andere von Hug-Hellmuth, die beide 
betreffs dieser Erscheinung zu bestimmten, unter sich übereinstimmen¬ 
den Erklärungen kamen. 

Da ich selbst farbenhörend bin und diese Erscheinung seit meiner 
Kindheit an mir beobachtet habe, die dort gegebenen Erklärungen zu 
meinen Erfahrungen in Widerspruch standen, veranlasste mich dies, mich 
meinerseits mit dieser Sache zu beschäftigen und eine Erklärung zu ver¬ 
suchen. Ich werde im folgenden versuchen, Ihnen meine Auffassung dar¬ 
zulegen : 

Es handelt sich um die Eigentümlichkeit vieler Personen, nach 
der sie, sobald sie einen Gehöreindruck erhalten oder einen solchen aus 
der Erinnerung wiedererzeugen, ein Licht oder eine Farbe sehen. Diese 
Licht- oder Farbenerscheinung verbindet sich untrennbar mit dem Laut 
oder Klang, sodass sie unfehlbar jedesmal auftaucht, sobald das 
Geräusch, der Laut oder Klang tatsächlich oder geistig vernommen oder 
physisch gebildet wird. 


J ) Im Anschluss an einen Vortrag, gehalten in der Psychologischen Gesellschaft 
zu Berlin am 22. Januar 1914. Ergänzt im Januar 1916. 


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Ueber Farbenhören. 


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Der Ausdruck Farbenhören bezeichnet die Erscheinung ungenau, 
ich habe ihn aus der Literatur übernommen und behalte ihn zunächst 
bei, weil die Erscheinung unter dieser Bezeichnung bereits bekannt ist. 

Jedoch handelt es sich nicht um ein Hören von Farben, sondern 
um ein Hören von Tönen unter gleichzeitigem Sehen eines Licht¬ 
oder Farbenscheines. Anstelle des Ausdruckes Farbenhören sollte die 
Bezeichnung Hören mit Farbenbegleitung treten. Der Ausdruck 
Farbenhören entstammt einer ungenauen Uebersetzung der fran¬ 
zösischen Bezeichnung „audition coloräe“, die genau betrachtet etwas 
anderes sagt, audition ist nicht das physiche Hören, sondern die 
Gehörwahmehmung als solche, die gesamte geistige Kraft, durch die wir 
hören, die G eh ö r au f f a s s u n g; die genaue Uebersetzung wäre: 
gefärbtes Hören, richtiger deutsch, färbendes Hören, d. h.: die zum 
Zustandekommen eines Eindrucks notwendige eigene Tätigkeit, die auf¬ 
nehmende, assimilierende Geistestätigkeit färbt. 

Die Erscheinung ist ausser durch F e c h n e r vor allem durch die 
Bekanntgabe von Beobachtungen an der eigenen Person durch Bleuler 
und Lehmann in den 80er Jahren bekannt geworden, hat dann im 
Jahre 1893 von Flournoy eine eingehende, und in den letzten Jahren 
durch Hennig, Wehofer u. a. mehrfache Behandlung erfahren. 

Bei einigen Personen beschränkt sich dieses Farbensehen beim 
physischen oder geistigen Hören auf einige ganz bestimmte Klänge, bei 
anderen ist unweigerlich jede Gehörempfindung mit einer Licht- oder 
Farbenerscheinung verbunden. Bei einigen werden vor allem die Vokale 
mit Farbenscheinen verbunden und die Worte, die den Vokal enthalten, 
bei anderen die musikalischen Töne. 

Wir unterscheiden danach Laut-, Geräusch - und Klang¬ 
scheine. Jede Art der Scheine kommt für sich allein vor. Die 
verbreitetste und einfachste Art ist die, dass die Sprachlaute, vor allem 
die Vokale die Träger der Farbenerscheinung sind, so dass z. B. o rot, 
a grau, u schwarz oder braun erscheint. 

So teilt z. B. von Hug-Hellmuth mit, dass ihr 


a blau, 

e verschwommen gelb, 
i grün bis grüngelb, 
o rot bis Bchwarz, 
u braun, 

ä grau wie Nebel, 
ö fast schwarz mit rötlichem Unter¬ 
grund, 

ü dunkelbraun, 

Oder wie es bei mir selbst 
Zu i erscheint helles Licht, 

Zu e ein unreines Gelb, 

Zu a ein blasses Graublau, 


ai hellgelb mit stark blauem Hintergrund, 
ei hellgelb, 
au blaugrau, 

eu und äu dunkelrotbraun, 

Die französischen Sprachlaute 
oi blaugrün, 
oui braungrün, 

Nasallaute an, en, em mattgrün, un, um 
mattbraun erscheine. 

Fall ist: 

Zu ö erscheint ein rötliches Lüa, 

Zu ei ein Weiss mit gelb gestreift, 

Zu au ein Schwarzgrau, 


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Kati Lotz 


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Zu o ein kräftiges Blau, wie Kornblumen- Zu eu ein Braun mit schwarzen Streifen, 
blau, das Braun ist dem Braun für ü ver- 

Zu u ein Braunschwarz, wandt 

Zu ä schwankt der Farbenschein zwischen 
dunkelgelb und grau, 

Diese Lautscheine sind zugleich die Träger der Wortfarben, zu 
den Worten erscheinen silbenmässig Farben, entsprechend dem Vokal, 
der der Silbe den Klang gibt, beispielsweise sind bei mir die Wörter 
Licht, Milch, Bier, Tier hell wie stark beleuchtet. Schnell erscheint, 
wenn ich das Wort ohne Rücksicht auf die Bedeutung rein als Klang 
auffasse, hell gelblich, Glas, Hahn, Hase blass blaugrau, Brot, Ohr 
rot kräftig blau, Nuss, Fuss, Schuh schwarzbraun. 

Für Ofen erscheint ein kornblumenblauer Farbfleck mit nachfol¬ 
gendem hellen Lila für die Silbe mit dem tonlosen e usf. Die zu den 
Worten erscheinende Farbe ist nach den Konsonanten etwas abgeändert. 

Auch die Geräusche sind vielfach von Licht oder Farben¬ 
erscheinungen begleitet, so berichtet von Hug-Hellmuth, dass ihr bei 
allen Geräuschen gelbliche oder graue Farbentöne erscheinen. Ich selbst 
habe beim Anhören von Geräuschen jeder Art Farbenbegleitung, die 
jedoch im Unterschied von den Sprachlauten nur von gelblich zu bräun¬ 
lich und schwärzlich abgestuft oder grau sind, in Uebereinstimmung mit 
dem unbestimmten Toncharaker keinerlei ausgesprochene Farben zeigen. 
Beim Klang einer schrill tönenden Klingel sehe ich ein helles Licht, den 
Klang einer Trommel empfinde ich nicht nur gehörmässig als dumpf; 
ich sehe gleichzeitig eine schwarze Farbmasse; das Rauschen des Wassers 
beim Einlaufen in die Badewanne erzeugt eine grauschwarz gemischte 
Farbvorstellung; irgend ein Schrei oder sonst ein vereinzelt zu mir 
dringendes Geräusch erzeugt, je nachdem es sich um einen hohen oder 
tiefen Klang handelt, hellgelbliche, bräunliche oder schwärzliche Farben¬ 
töne. 

So sehr die Erscheinungen bei den verschiedenen Personen im ein¬ 
zelnen wechseln, so ist doch ganz allgemein als Regel massgebend, dass 
die hohen Töne hell, die tiefen dunkel erscheinen. Das gilt durchweg 
von allen Photismen, die für Geräusche bisher beobachtet wurden. Alle 
schrillen, hoch klingenden Geräusche erwecken helles, grelles Licht, die 
dumpfen Geräusche braune oder schwarze Farbe; ebenso zeigen die Laut- 
und Wortpliotismen durchweg hellere Scheine für hohe, dunkle für die 
tiefen Töne. Bei einigen Personen erscheinen sämtliche Laute oder 
Worte, sobald sie ohne Rücksicht auf die Sachbedeutung, rein nach 
ihrem Klang aufgefasst werden, farbig, bei andern nur einzelne. Im 
letzteren Fall sind es vor allem Eigennamen, die Namen für die 
Wochentage und Monate oder ähnliche abstrakte Bezeichnungen, die 
Farbenscheine auslösen. Auch die menschliche Stimme wird vielfach 
in Farben gewertet, und ebenso der Klang von Musikinstrumenten. 


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Ueber Farbenhören. 


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Mit dieser letzteren Feststellung kommen wir zu den musikalischen 
Klängen überhaupt, zu denen Wehofer ausführliche Mitteilungen aus 
seiner eigenen Erfahrung macht. Er empfindet den Klang der Klarinette 
als grün, die Oboe scharf Chromgelb, die Flöte mild azurblau, eine 
bestimmte Art von Blechmusik, die er tief und weich nennt, dunkelblau 1 ). 

Bei derselben Gelegenheit berichtet W e h o f e r über das Anhören der 
G-Moll Symphonie von Mozart: „Kaum hatten mich die ersten vollen Akkorde 
begrüs8t und in Mozartstimmung versetzt, so begann sich vor mir ein Schau¬ 
spiel zu entwickeln, dem ich mit Staunen und Entzücken folgte. Im Saale 
wurde es lebendig; ein silberweisser Himmel schien sich zu bilden, an dem 
bewegte Wolken schwebten, — rosige und blaue, manchmal goldigrote, dann 
smaragdgrün schimmernde. An einer sanften, schmeichelnden Stelle zogen 
Silberfäden durch den Kranz von Schäfchenwolken; als die Töne schwollen, 
wuchs zugleich das Farbenlicht an zu gigantischen Gebilden voll Bewegung 
und voll Leben; ein Farbenspiel, das unvergleichlich schöner und reicher war 
als in dem kunstvollsten Kaleidoskop.“ 

Derselbe Autor berichtet über seine Empfindungen beim Anhören 
der Eroica von Beethoven: „An den wuchtigen Stellen der Symphonie 
schien es sich wie Gewitterwolken zusammenzuballen, drohende breite Blitze 
schossen durch den Saal, während überm Orchester der Groll und die Trauer 
des Helden sich in grauvioletten, düsteren Massen wälzte, die ab und zu von 
einem Zickzackstreifen durchrissen wurden.“ 

Jedoch erübrigt es sich, für die Entstehung derartiger Farben¬ 
gebilde durch Musik noch mehr Beispiele zu geben, hat doch hier in der 
Psychologischen Gesellschaft Herr Dr. Hennig im Herbst 1911 bereits 
über derartige Gesichtsbilder beim Anhören von Musik gesprochen und 
eine Reihe von Beispielen dafür gegeben. (Veröffentlicht in der Zeit¬ 
schrift für Psychotherapie und medizinische Psychologie, TV. Band, 
1. Heft, R. Hennig „Ueber visuelle Musikempfindungen“.) Ich erinnere 
aus diesen Mitteilungen besonders an ein Bruchstück aus Gerstäckers 
Roman „Der Kunstreiter“. N. N. erzählt: 

„Die Grasmücke singt rot, aber kein brennend schmerzendes Rot 
wie der Kanarienvogel, sondern sanft und doch leuchtend, wie ich 
nur einmal in meinem Leben am nördlichen gestirnten Himmel habe 
Strahlen auf schiessen sehen. Die Nachtigall singt dunkelblau, dunkelblau wie 
der Nachthimmel selber, dass man die beiden kaum unterscheiden kann. Die 
Lerche singt jenes wundervolle reife Korngelb der reifen A ehren, das Rot¬ 
schwänzchen ein allerliebstes bläuliches Grau, die Schwalbe weiss, der Nuss¬ 
häher, der spöttische Gesell, ein tiefes Schwarz, die Drossel singt dunkelgrün.“ 

Hiermit schliesse ich die Reihe der Beispiele und wrill nun ver¬ 
suchen, der Erscheinung als solcher näher zu kommen, d. h., sie mehr 
mit unsern Gesamterfahrungen auf psychologischem Gebiet in Einklang 
zu bringen. 

l ) „Ueber Farbenhören“, Zeitschrift für angewandte Psychologie und psycho¬ 
logische Sammelforschung, Band 7, Heft 1. 


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Kati Lotz 


Sehen wir zunächst, welche Erklärungen bisher versucht worden 
sind: Die erste und einfachste war die, dass man die damit Behafteten 
für pathologisch und früher oder später einsetzendem Wahnsinn ver¬ 
fallen erklärte. Diese Ansicht musste schon deshalb nach der ersten ernst¬ 
haften Prüfung aufgegeben werden, weil die Zahl der Menschen, die 
daraufhin auf einen Platz im Irrenhaus hätten Anspruch machen müssen, 
zu gross geworden wäre. Es hat sich vielmehr ergeben, dass das Farben¬ 
hören nichts weniger als pathologisch, vielmehr für einen grossen Teil 
der zum visuellen Typ gehörenden Menschen normal ist. Eine andere 
mehrfach geäusperte Ansicht ist die, dass die Leitbahnen für Gehör- 
und Gesichtseindrücke bei den mit Farbenbegleitung hörenden Personen 
in einer eigentümlichen Weise untereinander verwachsen seien, sodass 
also jeder Gehöreindruck nicht nur zum Gehör-, sondern von der Ver¬ 
gabelungsstelle an ausserdem zum Gesichtszentrum laufe und daher tat¬ 
sächlich sowohl als Gehörs- wie als Gesichtsempfindung wahrgenommen 
werde. Diese Annahme hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich; denn da 
es ebensowohl Geruchs-, wie Geschmacks- und Gefühlsphotismen gibt, 
und da diese alle, wie es bei mir selbst der Fall ist, bei derselben Per¬ 
son Vorkommen, müssten bei einem solchen Menschen die sämtlichen 
Sinnesnervenbahnen mit dem Gesichtsnerven verwachsen sein, eine An¬ 
nahme, die sich sofort als unmöglich erweist. 

Bleuler dagegen hält dafür, dass die Farbenscheine mit dem 
Auge überhaupt nichts zu tun hätten, weder unmittelbar, noch auch 
mittelbar als Erinnerung an frühere Empfindungen. Ich glaube kaum, 
dass sich dies aufrecht erhalten lässt. Bleuler 1 ), der selbst mit 
Farbenbegleitung hört und sehr eingehende Untersuchungen zu dieser 
Sache unternommen hat, begründet seine Meinung vor allem damit, dass 
die Photismen nicht ins Gesichtsfeld, sondern in das Feld des jeweils tat¬ 
sächlich erregten Sinnes verlegt würden; wenn also der Laut a wahr¬ 
genommen werde, so werde das zugehörige Licht nicht beim Auge oder 
ausserhalb, sondern im Gehörfeld empfunden. 

Ich kann dem aus meinen Erfahrungen das Folgende hinzufügen: 
Die Stelle, an der die Licht- oder Farbenscheine bei mir auf tauchen, ist 
verschieden, je nachdem, ob ich mich hörend verhalte, zu sprechen beab¬ 
sichtige oder Klänge oder Laute aus der Erinnerung geistig zurückrufe. 

Verhalte ich mich hörend, so verlege ich den Farben- oder 
Lichtschein annähernd in das innere Ohr, beabsichtige ich zu 
sprechen, so erscheint er im Kehlkopf, erinnere ich mich 
an Klänge, so sehe ich den Schein vor mir in der Stirn. Dieses Ver¬ 
hältnis scheint wohl auch sonst das massgebende zu sein, berichten doch 

*) Bleuler: „Zur Theorie der Sekundärempfindungen.“ Zeitschr. für Psycho¬ 
logie, Bd. 65, Heft 1. 


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Ueber Farbenhören. 


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auch andere Beobachter sowohl von Personen, die solche Farben vor 
sich sehen, wie von solchen, die sie im Gehörfeld sehen. Es liegt nahe 
anzunehmen, dass die Verschiedenheit der Ergebnisse von der Ver¬ 
schiedenheit der Befragung herrührt; bei schriftlichen Umfragen 
handelt es sich mehr um Erinnerungsbilder, die dann in oder vor der 
Stirn erscheinen, bei mündlichen Umfragen um vorgesprochene 
Laute, zu denen die Farben im Gehörfeld erscheinen. — Die 
Bleulerschen Mitteilungen würden dieser Folgerung entsprechen; denn 
Bleuler hebt ausdrücklich hervor, dass er Wert darauf gelegt habe, seine 
Befragungen auf vorgesprochene Laute zu gründen. Es stimmt 
also durchaus mit meinen Beobachtungen an mir selbst überein, wenn die 
so befragten Personen den Farbenschein ins Gehör verlegen; ich würde 
das im gleichen Fall ebenso tun. Jedoch sehe ich in dieser Verlegung 
des Licht- oder Farben^cheins in das Ohr oder bei Geräuschen in die 
Nasengegend, bei Körperempfindungen an die in Betracht kommenden 
Körperstellen kein Hindernis, die Photismen als Gesichts bilder auf- 
zufässen, wir verlegen doch auch sonst Gesichtseindrücke niemals in das 
Auge selbst, vielmehr an die Stelle, der sie entstammen. Im Gegensatz 
zu Bleuler habe ich bei meinen, an Lebhaftigkeit den Bleulerschen 
sicher nicht nachstehenden Photismen durchaus die Empfindung, dass 
sie optisch sind. 

Die Erklärungen, die sonst noch gegeben worden sind, lassen sich 
in 2 Gruppen unterscheiden, solche bei denen die Farbenbegleitung bei 
Gehöreindrücken auf Reste aus Sachassoziationen zurückgeftihrt wird, 
und solche, nach denen die Anregung des zweiten Sinneszentrums auf 
Aehnlichkeiten in der Wertung der Gehör- und Gesichtseindrücke zurtick- 
zuftihren sei. Die Wahrheit liegt wohl so, dass die Photismen ihre Ent¬ 
stehung mehreren Ursachen verdanken. Zunächst zu den Sachassozia¬ 
tionen: 

Blut ist rot, die Verbindung der roten Farbe erfolgt mit dem 
Sachbegriff „Blut“, aber auch mit dem Laut begriff 
„Blut“, so dass unter keiner Bedingung mehr der Lautklang Blut 
gehört oder gesprochen werden kann, ohne dass der blutrote 
Farbenschein vor dem inneren Auge auf taucht, von dieser Verbin¬ 
dung mit dem Lautbegriff „B 1 u t“ geht er über auf den Lautbegriff 
„u“. Oder der Begriff „rot“ überträgt sich von der Farbenbezeichnung 
auf das o, das dem Wort den Klang gibt, ebenso die Vorstellung „grün“ 
auf ü, die Farbenvorstellung „schwarz“ auf das a. Bei dieser Art der 
Zusammenordnung trägt zu dem einen Laut diejenige den Sieg davon, die 
unter den zur Verfügung stehenden den stärksten Eindruck macht. 
Solche Art der Uebertragung wird durch die Art unseres Lesenlemens in 
der Schule begünstigt; denn der Leseunterricht wird ja durchweg so ver¬ 
teilt, dass jeder zu erlernende Laut aus einem —Wort abgelöst wird. Hat 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 7 


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das in Betracht kommende Wort eine sehr eindrucksvolle Farbe, so wird 
diese bei den besonders farbenempfänglichen Kindern, so oft das Wort 
genannt wird, deutlich erscheinen, der Laut wird aus dem Wort einmal 
und immer wieder von neuem hervorgeholt, und die Farbenbegleitung 
überträgt sich nun auch auf den Laut, der ja bei dieser Methode geradezu 
als Vertreter des Wortes aufgefasst wird, z. B. die Kinder erkennen den 
Laut an dem Wort Maus, das Grau der Sachvorstellung Maus geht 
über in die Lautvorstellung au; in derselben Weise verbindet sich das 
Weissgelb der Sachvorstellung Ei mit der Lautvorstellung ei. Da nun 
aber die Deutlichkeit der Farbenvorstellung auch in den Sachbildern bei 
den verschiedenen Menschen ganz ausserordentlich verschieden ist, so ist 
es nicht zu verwundern, dass solche Farbenübertragung nicht allgemein 
von allen Menschen vollzogen wird. Es können ja dafür von vornherein 
nur solche in Betracht kommen, die auch die Sachvorstellungen stark 
farbig sehen. Es lässt sich jedoch andererseits kaum von der Hand 
weisen, dass insbesondere die sehr häufig angegebene Verbindung des 
„ei“-Lautes mit der weissgelben Farbe ihren Ursprung aus der Sach¬ 
vorstellung in der den Kindern besonders geläufigen Form vom gekochten 
Hühnerei hat. Da sich zugleich der weissgelbe Farbenschein für den 
„ei“-Laut in seiner Wesensart durchaus nicht von denen für die andern 
Laute unterscheidet, so liegt die Vermutung nahe, dass auch unter den 
andern mehr Sachassoziationen versteckt liegen, als man vorab an¬ 
nimmt. 

Aehnliche Assoziationen lassen sich für Geräuschphotismen fest¬ 
stellen. Jemand erklärt z. B., das Surren der Propeller eines Luftschiffes 
erscheine ihm lichtgrau, es ergibt sich, dass es sich dabei um die sonnen¬ 
beschienene Farbe des Aluminiums der Zeppelinschen Luftschiffe han¬ 
delt; oder das Rauschen des Wassers, das in die Badewanne läuft, 
erscheine ihm hellgrau, so ergibt sich, dass grau die Wasserfarbe ver¬ 
sinnbildlicht. 

Ebenso handelt es sich um Sachassoziationen, wenn jemand erklärt, 
das Klavier klinge schwarz-weiss, die Geige hell gelb oder die Viola 
violett. Auch ein Teil der vorhin angegebenen Gesichte zu musikalischen 
Eindrücken legt die Vermutung nahe, dass es sich dabei um Sachassozia¬ 
tionen handle, dies gilt z. B. für die Mitteilung in dem Bruchstück aus 
Gerstäcker, dass die Nachtigall dunkelblau singe wie der Nachthimmel 
selber, und dass der Lerchenschlag gelb sei wie reifes Korn. In diesen 
beiden Fällen ist die Zusammenordnung das zeitliche Zusammentreffen 
der Auffassung vom Nachtigallenschlag und dem Nachthimmel, vom 
Lerchengetriller und dem reifen Korn so zweifellos, dass die Verbindung 
der beiden Vogelstimmen mit den angegebenen Farben offensichtlich aus 
solchem tatsächlichen Erleben herrührt. In dieser und ähnlicher Weise 
kommen ganz bestimmt eine Reihe von Verbindungen zwischen Tönen 


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Ueber Farbenhören. 


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oder Lauten und Farben zustande. Zu dieser Art gehören auch die von 
Pfister in seiner eingangs erwähnten Arbeit mitgeteilten beiden Fälle 
von Farbenbegleitung. Es handelte sich bei einer bestimmten Person um 
einzelne Worte oder Laute und Buchstabenformen, die Farbenbegleitung 
hatten; in der Analyse konnten diese Begleitfarben auf Zuordnungen aus 
Erfahrungen geschlechtlicher Art zurückgeführt werden. Es ist selbst¬ 
verständlich, dass Erlebnisse dieser Art ebenso gut wie jedes andere ein- 
durcksvolle Erlebnis derlei Zusammenordnungen veranlassen können. 
Wenn jedoch sämtliche Photismen einzig auf Erlebnisse geschlechtlicher 
Art zurückgeführt werden, wie v. Hug-Hellmuth dies in ihrer ebenfalls 
schon erwähnten Arbeit tut und gar ausführt, dass nur geschlechtlich 
sinnliche Erlebnisse in der Kindheit stark genug seien, um zur Ver¬ 
bindung von Empfindungen aus verschiedenen Sinnesgebieten zu führen, 
so steht diese Behauptung in krassem Widerspruch zu den Erfahrungen 
des täglichen Lebens, die ständig die Entstehnng untrennbarer Ver¬ 
bindungen von Vorstellungen aus andrer Ursache lehren. 

Es ist sicher, dass eine Reihe von Photismen als Reste von Sach- 
vorstellungen anzusehen sind; als alleinige Ursache aber kommen wir mit 
der Annahme dieser Art der Entstehung nicht aus. Es ist ganz unmög¬ 
lich, die Entstehung lückenloser Photismenreihen rein aus dieser Ursache 
zu erklären; denn wenn sich auf diese Weise dem A und dem I Farben 
zugestellt hätten, so gingen noch immer das 0 und das U leer aus, und 
eine ständige Farbenbegleitung zu allem und jedem Hören, zu jedem 
Geräusch, jedem Sprachlaut und jedem Wort lässt sich niemals auf diese 
Weise erklären. Wir müssen eine zweite Ursache annehmen. Es gibt 
einen zweiten Weg. Ausser der Verbindung der Töne mit Gesichtsbildern 
auf Grund von äusseren Erfahrungen (Sachassoziationen), gibt es eine 
solche von innen heraus. Es gibt Personen, die unter allen Umständen 
jedes geistige Erleben mit Gesichtsbildem verbinden; wo die äussere 
Erfahrung nicht ihrerseits sofort Sachbilder hinzuliefert, schaffen sie 
selbst solche, aus dem früher Erlebten schöpfend. Jede Abstraktion, 
jede Bewegung, jede Empfindung ist ihnen erst dann zum inneren 
Besitz geworden, wenn sie ihr Gesichtsbild bekommen hat. Jedoch nicht 
willkürlich geschieht diese Zuordnung, sondern regelmässig, bestimmten 
Gesetzen folgend. Das Gesetz dieser Zuordnung möchte ich für die Ver¬ 
bindung von Tönen und Gesichten jetzt näher untersuchen. Um dies zu 
erreichen, werde ich nun nicht mehr ausschliesslich von der Verbindung 
von Tönen mit Farben, sondern zunächst allgemein von der Verbindung 
der Töne mit Gesichtsbildem jeder Art sprechen. 

Wie kommen Klänge als solche zu Gesichtsbildern? — Vorab 
scheinen Laute an und für sich, seien sie nun gehört oder gesprochen, 
durchaus nichts Sichtbares aber gesichtsmässig Vorstellbares an sich 
zu haben, es sei denn, dass man an die Zeichen für die Laute, die Bueh- 


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staben denkt, nnd gerade diese sind es nicht, die in unserm Fall das 
Gesichtsbild bestimmen. 

Wenn man in der Feme einen Hund bellen hört, und es taucht dabei 
schattenhaft angedeutet eine geöffnete Hundeschnauze in unsrer Vor¬ 
stellung auf, so ist das nicht weiter verwunderlich; — wenn wir Pferde¬ 
getrappel von der Strasse hereinschallen hören, und wir sehen dann 
geistig sofort Pferdehufe auf Pflaster aufschlagen, so ist das in der 
sachlichen Zusammengehörigkeit begründet. — Warum aber erscheinen 
mir zum Schlag der Rohrdommel zwei Spiralen und dann ein spitz auf¬ 
gerichteter Winkel? — Ich beabsichtigte, mir den Schlag der Rohrdommel 
zu merken und tat dies, indem ich nachahmte „karre, karre, ki — i“; 
während ich dies mit leisem Sprechen tat, tauchte das soeben beschriebene 
Gesichtsbild auf. Wie komme ich zu diesem absurden Gebilde? — 
Ueber meine eigene Sprechbewegung. Die fühlbare Bewegung der Sprach- 
muskeln wird als Bewegungsempfindung jeder anderen äusseren Be¬ 
wegung gleichgesetzt und wie diese in Gesichtsbildera gewertet; selbst¬ 
verständlich ist dies nicht bei allen Menschen in dieser Weise der Fall, 
sondern nur bei den Angehörigen eines ganz bestimmten Typs; soweit 
meine Beobachtungen bis jetzt reichen, ist es der visuell-sprachmotorische, 
der hierfür allein in Frage kommt. 

Unsere gesamten Form Vorstellungen beruhen auf Bewegungs- 
empfindungen. In der Urauffassung entstehen die Formvorstel¬ 
lungen aus den Tastversuchen des Kindes. In der Fortentwick¬ 
lung übernimmt mehr und mehr das Auge die Vorausschätzung, 
Abmessung, geistige Abtastung der Form anstelle der Hand. 
Aber immer behalten das Auge und die Gesichtsvorstellung ihren 
Zusammenhang mit den Tastempfindungen, wie sie aus den Bewegungen 
hervorgehen. Gesichtsvorstellungen und Bewegungen gehören zusammen 
nach der Urerfahrung jedes Menschen; aber auch Bewegungen und 
Geräusche gehören zusammen nach der Urerfahrung jedes Menschen. 
Geräusche entstehen aus Bewegungen, und Bewegungen verursachen 
Geräusche. 

Ein Ball fällt; der Aufschlag erzeugt Geräusch, die Hand schlägt 
auf den Tisch; die fallende abwärts gerichtete Bewegung erzeugt ein 
dumpfes Geräusch, die aufwärts gerichtete eine geringe, kaum merkbare 
Luftbewegung, leichten schwachen Zischlaut. Das Geräusch ist ver¬ 
schieden je nach der Art der Bewegung, aber auch je nach dem Gegen¬ 
stand, der bewegt wird. Metall klingt anders als Holz oder Stein. Die 
Stärke des Geräusches ist abhängig von der Schwere des Gegenstandes 
und von der Kraft, mit der die Bewegung ausgeführt wird. Diese 
Erfahrungen spielen auch dann ihre Rolle, wenn zu den Geräuschen 
scheinbar wesenlose Formgebilde erscheinen, zum Beispiel: Ich höre 
ein dumpfes Geräusch, wie wenn eine schwere Türe zufällt; ich 


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höre und ahme unwillkürlich den Laut nach, gleichzeitig sehe ich ein 
schwarzbraunes, nach unten abgerundetes Etwas, das schwer und lang¬ 
sam niederzufallen scheint. — Sicherlich steckt hinter diesem fallenden 
Etwas eine Sacherinnerung, vermutlich ist es ein grosser, schwerer Ball, 
der hinter diesem Bilde steckt, jedoch stark stenotypisch verkürzt, wie 
alle Vorstellungen, die uns im täglichen Gebrauch immer nur die jeweils 
wesentliche Seite zukehren. 

Neben den Sachassoziationen selbst spielen auch die Wertungen eine 
Bolle, die sich auf die Richtung und die Kraft einer Bewegung beziehen, 
und zwar eben auch diese nicht begriffsmässig in Worten gedacht, sondern 
gesichtsmässig geschaut. Dass und wie solcheBeziehungen für uns Augen¬ 
menschen gesichtsmässigen Ausdruck erhalten, das sollen im weiteren 
folgende Beispiele zeigen. Wir finden da neben Assoziationen sachlicher 
Art solche rein funktioneller, die trotzdem gesichtsmässig erscheinen. 
Und endlich wecken Geräusche Formgebilde folgendermassen: Ge¬ 
räusche entstehen aus Bewegungen, dieselben Bewegungen sind 
aber auch geeignet, bestimmte Formgebilde zu erzeugen, 
und ich sehe zum Geräusch nun nicht die Bewegung selbst, 
sondern das von ihr erzeugte Gebilde, so z. B. sehe ich zu einem Stoss- 
geräusch einen spitzen Winkel, gewissermaßen die Luftbahn, die meine 
Hand beschreiben würde, wenn ich den Stoss, der das Geräusch erzeugt 
mit der Hand von mir weg in die Luft hinein ausftihrte und die Hand 
dann wieder zurückführte. In ähnlicher Weise werden ruhig gleich- 
mässige Geräusche gesichtsmässig als Linien gewertet. Aus der Art des 
Geräusches wird gewissermaßen auf ein gleichzeitig entstehendes Form¬ 
gebilde geschlossen. Wenn ich hier den Ausdruck „schliessen“ gebrauche, 
so meine ich damit selbstverständlich nicht, dass an der Entstehung 
solcher Vorstellungsgebilde unsere bewusste Geistestätigkeit beteiligt 
sei; der Vorgang selbst, die Auswahl des betr. Gesichtsbildes vollzieht 
sich vollkommen unwillkürlich und unbewusst mit blitzartiger Schnellig¬ 
keit, so dass überhaupt kein irgendwie messbarer oder dem Bewusstsein 
auffassbarer Zwischenraum zwischen Gehöreindruck und gesichts- 
mässiger Wertung verläuft; doch aber lassen sich analysierend, rück¬ 
wärts verfolgend, Elemente alle der gekennzeichneten Arten in den 
Gesichten nachweisen. 

Ich höre die Kirchenuhr schlagen, es ist dunkel, ich passe auf, 
um festzustellen, wieviel Uhr es ist. 5 Schläge! Bei jedem Schlag 
ist es mir, als sähe ich etwas fallen wie einen Streifen von 
grauweisser Farbe, der von grosser Höhe langsam niedersinkt. 
Diesem Gebilde liegt gleichsam eine doppelte Folgerung zugrunde: 
1. Folgerung: Der Glockschlag entsteht durch das Aufschlagen eines 
H a m m e rs, daher die grauweisse metallische Farbe: das Auge folgt 
der Bahn des Hammers und setzt die Bahn in den Pausen zwischen den 


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Hammerschlägen fort, so entsteht die zweite Folgerung, die Bahn des 
Hammers müsste einem Streifen entsprechen. Diese Bahn, in die der 
Hammerschlag fortgesetzt gedacht ist, ist ein Beispiel für die Ueber- 
leitung von Geräuschen in Formgebilde, die aus der das Geräusch erzeu¬ 
genden Bewegung entstehend angenommen werden. Das gleiche ist der 
Fall, wenn ich einen vereinzelt zu mir dringenden schrillen Ton als Stoss 
in die Luft hineinempfinde und als spitz in die Luft hineingebohrten 
Winkel sehe. 

Die Gesichtsgebilde, die durch Geräusche in uns erzeugt werden, 
sind einesteils sachliche Assoziationen oder Teile daraus, andemteils 
Erinnerungen an Geräusch verursachende Bewegungen oder Teile davon, 
oder 3. Schlussfolgerungen auf die Form, die durch eine so oder so 
geartete Bewegung erzeugt werden mussten, bzw. die Bahn der 
Bewegung. Alle erscheinen blitzartig schnell und nur schattenhaft 
angedeutet, in so erheblichem Maße stenotypisch verkürzt, dass ihre Her¬ 
kunft sehr häufig unmittelbar nicht zu erkennen ist. Sie werden bei der 
Erstaufnahme eines Lautes erstmalig gebildet, bleiben dann dauernd damit 
verbunden, und sind genau in demselben Maße Assoziation oder Nicht¬ 
assoziation, wie es jede andere Zusammenordnung gleichzeitig aufgefasster 
zusammengehöriger Eindrücke aus verschiedenen Sinnesgebieten sonst sind. 

Von den äusseren Geräuschen kommen wir nun zur Wertung der 
Sprachlaute; den Uebergang hierzu bildet die gesichtsmässige Wertung 
des Vogelschlages. Wenn ich zum Schwalbengezwitscher kleine Spiralen 
und steigende Linien sehe, so geht der Weg hierzu wie beim Rohr¬ 
dommelschlag über die eigene Nachbildung, mit der ich jeden derartigen 
Gehöreindruck begleite, sobald ich aufmerksam darauf lausche mit dem 
Bestreben, ihn mir einzuprägen. Die fühlbare Bewegung der Sprach- 
muskeln wird als Bewegung jeder äusseren gleichgesetzt und wie diese 
in Gesichtsbildern gewertet. So gut wir fähig sind, im Dunkeln auf Grund 
des Abtastens Formen zu erkennen und sie dabei geistig zu sehen, so gut 
uns Gesichtsbilder durch Bewegungs- oder Druckempfindungen an jeder 
beliebigen Körperstelle unter Ausschaltung des physischen Sehens ver¬ 
mittelt werden, so gut können wir auch diese Sprachmuskelbewegungen 
gesichtsmässig auffassen, und wir Augenmenschen tun dies unbewusst 
in den Formgebilden zu den Sprachlauten. 

Fasse ich in der Dunkelheit an meine Schulter, so sehe ich als 
Ergebnis im Vorstellungsbild rundliche Eindrücke in die Schulter. Stosse 
ich mit meiner Zunge gegen den Gaumen, so vermag ich nicht nur diese 
Zungenbewegung an sich gesichtsmässig vorzustellen, sondern ich sehe 
zugleich auch als Ergebnis der Zungenbewegung einen farblosen Kreis 
auf meinem inneren Gaumen. Dieses leztere, die Fähigkeit, nicht nur 
den Vorgang an und für sich, also die Hand- oder Zungenbewegung als 
solche gesichtsmässig vorzustellen, sondern auch das Ergebnis der Be- 


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Ueber Farbenhören. 


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wegung als Formgebilde zu folgern, ist das in unserm Fall wichtige und 
ist zugleich das, was diese Vorgänge in eine Reihe mit den Formgesich¬ 
ten bei Klängen bringt. So erklären eich die Formgebilde zu den 
Vogelstimmen, z. B. die Spiralen zum Rohrdommelschlag. Spreche ich 
das „karre“, so geht die Sprechbewegung vom Rachen zum vorderen 
Gaumen, verweilt dort gleichsam rückläufig im r und geht erst zuletzt 
noch einmal ein wenig vorwärts, es folgen sich zwei gleichgeformte 
Spiralen, und den Schluss macht eine vorwärts gestossene längere Linie, 
entsprechend dem ki i, in dem wiederum die Sprechbewegung vom 
Rachen zum vorderen Mund gerichtet ist. — Zum Schwalbengezwitscher 
sind die Spiralen viel kleiner und heller und die'Linien viel stärker auf¬ 
wärts gerichtet, entsprechend der kürzeren, aber schnelleren und stär¬ 
keren Bewegung, mit der die Nachahmung im Kehlkopf von der anfäng¬ 
lich tieferen Einstellung zu einer möglichst stark zugespitzten Hoch¬ 
einstellung geht. 

In ähnlicher Weise erklären sich die Formgebilde zu den 
Sprachlauten. Zum r erscheint eine in sich zurückkehrende Linie, 
eine Spirale, zum b erscheint ein etwas breiter dunkler Funkt zwischen 
den Lippen, zum t ein spitzer Winkel, der gleichsam aus dem Mund 
herausgestossen wird, zum g eine Ellipse im Rachen. Die angegebenen 
Linien sind augenscheinlich teilweise Umschreibungen für die bei der 
Hervorbringung am Gaumen, an den Lippen oder im Rachen beteiligten 
Mundstellen in bezug auf ihre Ausdehnung, der Winkel, der das t ver¬ 
sinnbildlicht, entspricht der aus dem Mund hinaus- und dann wieder 
zurückgehenden Stossbewegung; in diesem Fall stimmt das Sinnbild für 
t mit der Form des Buchstabens überein. — Ausgesprochene Farbe 
haben nur die stimmhaften Laute (Vokale), die übrigen sind teils durch¬ 
scheinend, teils mehr oder weniger körperhaft grau oder schwarz. Es 
ist für mich kein Zweifel, dass die grössere oder geringere Dunkelheit 
der Gebilde in dem grösseren oder geringeren Druck begründet ist, den 
die Sprachwerkzeuge bei ihrer Hervorbringung anwenden, und der in 
einer stärkeren oder schwächeren Körperlichkeit der erzeugten Gebilde 
versinnbildlicht wird. Damit kommen wir zu unserem Ausgangspunkt, 
dem eigentlichen Farbig-Hören zurück. 

Farbig gehört werden die Stimmlaute. Sie unterscheiden sich von 
allen andern Lauten durch die Ruhe, in der die Sprachwerkzeuge bei 
ihnen verharren. Wo eine Bewegung zur Ruhe kommt, erscheint die 
Fläche. Wenn einmal angenommen ist, dass bei bestimmten Menschen 
jede Sprachmuskelbewegung mit Gesichtsbildern verknüpft ist, so muss 
notwendigerweise der Augenblick, in dem die Bewegung zur Ruhe 
kommt, die Fläche erzeugen. Die Stimmlaute erscheinen daher der Form 
noch flächenhaft. Sie erscheinen gleichartig, weil sie im Gegensatz zu 
allen übrigen Lauten den Einsatz der Stimme erfordern. Alle gleichartig 


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erscheinende Flächen können nur durch die Farbe voneinander unter¬ 
schieden werden. Das Bedürfnis nach gesichtsmässiger Wertung der 
Laute einmal angenommen, bleibt theoretisch betrachtet gar keine andere 
Möglichkeit, als sie nach Farben zu sortieren, gerade wie man im prak¬ 
tischen Leben gleichartige Erkennungszeichen unter sich durch ver¬ 
schiedene Farben kenntlich macht. Nach solchen theoretischen Er¬ 
wägungen, willkürlich arbeitet unser Vorstellungsleben nicht, son¬ 
dern unmittelbar der Empfindung folgend. Da haben wir für die Farben¬ 
begleitung ein Doppeltes zu unterscheiden, einmal die Unterschiede von 
Hell und Dunkel, und zweitens die Zugesellung einer bestimmten Farbe 
zu jedem Stimmlaut. Für die Abstufung von Hell zu Dunkel wird 
zunächst die Einstellung der Stimmbänder für hoch und tief entsprechend 
dem vorhin schon Ausgeführten gewertet. Starker Druck auf die Stimm¬ 
bänder, Tiefeinstellung erzeugt schwere dunkle Massen, leichter Druck 
Hocheinstellung erzeugt eine leichte, lichte Fläche. Je stärker der Druck, 
desto schwerer und dunkler das Erzeugnis. Es ist wohl eine allen Men¬ 
schen gemeinsame Assoziation, dass alles nach unten Gehende schwer, 
fallend, ins Dunkle führend, alles nach oben Gerichtete leicht, steigend, 
ins Helle führend ist; und dieser Wertung entsprechend sehen wir tiefe 
Laute dunkel, hohe Laute hell. Für die eigentliche Farbengebung aber 
ist wohl ausschlaggebend die Tatsache, dass die vernehmbare Aussprache 
der Stimmlaute eine regelrecht physische Ueberwirkung auf des Auge zur 
Folge hat. Es ist unmöglich, die Stimmlaute auszusprechen, ohne dass 
ausser den Mundmuskeln auch die Gesichtsmuskeln mit in Bewegung 
gesetzt werden, und dass auch das Auge selbst mehr oder weniger durch 
die etwa mitbewegten Augenlider in Teilhaberschaft gesetzt wird, und 
zwar ist dies bei den Stimmlauten in ganz erheblich stärkerem Maße 
der Fall, als bei den stimmlosen Lauten, den Konsonanten. Aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach setzen wir zu jedem Stimmlaut diejenige Farbe ein, 
die der AugenlidöfFnung entspricht, zu der wir bei Aussprache der 
einzelnen Laute automatisch veranlasst werden. Dass nicht alle Men¬ 
schen dies empfinden, hat seinen Grund in dem verschiedenen Mass von 
Aufmerksamkeit, die von den einzelnen Personen sowohl den Lauten als 
solchen wie auch den Gesichts-, insbesondere Farbeneindrücken überhaupt 
zugewendet wird. Um diese Verbindungen überhaupt zu schaffen, muss 
gute Empfänglichkeit wenn nicht für die Laut-, so doch für die laut¬ 
motorischen Eindrücke sowohl wie für Gesichtseindrücke vorhanden sein, 
und es ist erklärlich, dass man das Farbig-Hören sehr oft bei Erblin¬ 
deten, niemals aber bei Taubstummen vorgefunden hat. 

Wenn wir in solcher Weise die Zugesellung der Formen und Farben 
zu Gehöreindrücken einheitlich auf empfundene oder vorausgesetzte 
Bewegungen zurückführen, so haben nun auch die verwickeltsten Farben- 
und Formgebilde zu Musikstücken nichts Unerklärliches mehr. 


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Ueber Farbenhören. 


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Der Zuhörer folgt der Musik, die er, d. h. dieser motorisch mit¬ 
empfindende Mensch in Bewegungen auflöst. Das tatsächliche Ausführen 
von Bewegungen beim Anhören von Musik ist ja etwas alltäglich 
Bekanntes. Für das Zustandekommen der Gesichte jedoch ist durchaus 
nicht notwendig, dass der Betreffende die einzelnen Bewegungen tatsäch¬ 
lich mitmacht, es genügt, dass er die starken Töne als gross und fallend, 
die feineren als leicht und steigend empfindet, und er braucht nur 
diesem als Bewegung verstandenen musikalischen Geschehen innerlich 
zu folgen, so müssen ihm, da er ein Augenmensch ist, auf- und nieder¬ 
steigende Linien, hin- und herwogende Flächen erscheinen; aus solchen 
Einzelgebilden entsteht dann der Stern, das Wolkengewoge oder was 
sonst zur Musik gesehen wird. Ruhige gezogene Töne entsprechen einem 
Aussetzen der Bewegung — einer Fläche. — Mit einer raschen Empor¬ 
bewegung, die zugleich etwa ein Mitemporgehen des Auges voraus¬ 
setzt, ist von Uranfang aller Kindererfahrung das Licht, mit Abwärts¬ 
bewegung (Niederblicken) das Dunkel verbunden. So erscheinen auch 
hier Abstufungen zwischen Licht und Dunkel, entsprechend dem Auf und 
Ab der Töne. — Starke Töne, die mit stärkerer Wellenbewegung auf uns 
zukommen, veranlassen andere Einstellungen der Augen als schwache; 
so veranlassen die Töne auch auf dem Wege über die Luft Augen¬ 
bewegungen, Erschütterungen, leichte Oeffnungs- und Schliessbewegungen 
der Lider, und es entstehen aus der Musik selbst ähnliche Empfindungen 
in der Augeneinstellung wie bei Aufnahme von Farbeneindrücken, und 
es können auf diese Weise auf Grund der Augenbewegungen Farben¬ 
empfindungen zustande kommen. 

Und auf dem Wege über die Assoziation führt die Musik auf zwei¬ 
fache Weise zur Farbe, einmal in der Erinnerung an Sachassoziationen, 
die gleichzeitig mit bestimmten Tönen aufgefasst wurden, wie in dem 
Beispiel vom Nachtigallenschlag und dem Nachthimmel, oder an Stoffe 
oder Gegenstände, mit denen diese bestimmten Töne hervorgerufen 
werden; diese gehen dann häufig als blosse Farbenscheine in die Bewegung 
über, wie in dem Beispiel vom grauweissen fallenden Band, das durch 
den Glockenschlag erzeugt wurde; und schliesslich kann eine solche 
Farbenerinnerung auch durch die Bewegung an und für sich hervor¬ 
gerufen werden. Bestimmte Eigentümlichkeiten, die wir an Gegen¬ 
ständen mit eindrucksvollen Farben bemerken, können ihrerseits die 
Erinnerung an die stets in Verbindung mit ihnen gesehenen Farben auf¬ 
leben lassen. Eine ganz bestimmte Bewegung weckt die Erinnerung an 
den Gegenstand, dem sie eigen ist, oder im abgekürzten Verfahren auch 
nur an die Farbe, die an ihm das zum Wiedererkennen wesentliche ist, 
so kann z. B. ein rasches Hin- und Herschwenken an eine Fahne erinnern 
oder verkürzt an weiss mit grün oder rot oder schwarz in schneller 
flatternder Bewegung. So ruft die Bewegung und die aus ihr entstehende 


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L. Löwenfeld 


Form selbst die Farbe hervor, und die Musik kommt wie zur Form so 
auch zur Farbe. 

Damit wäre das ganze Gebiet der Gesichte zu jeder Art von Lauten 
und Tönen durchwandert. Zum Schluss fasse ich das Ergebnis noch 
einmal zusammen: Gesichte zu Hörbarem entstehen entweder unmittelbar 
auf Grund äusserer Zusammengehörigkeit, oder sie werden auf Grund 
eigener Geistestätigkeit hinzugefügt. In diesem letzteren Falle ist die 
in den Lauten empfundene oder in ihnen angenommene Bewegung das 
Ausschlaggebende. Ich würde mich freuen, wenn diese meine Vermutung 
vom Ausschlaggebenden der Bewegungsempfindung für das Zustande* 
kommen der Gesichte von anderer Seite eine Nachprüfung erführe. 

Auf die dem Hören mit Farbenbegleitung verwandte Verkörperung 
von Abstraktionen durch Diagramme und Symbole, die ich seinerzeit in 
meinem Vortrag berührte, möchte ich bei anderer Gelegenheit eingehender 
zurückkommen. 


Ein psychologisch interessanter Fall von 
Zwangsneurose. 

Von Hofrat Dr. L. Löwenfeld, München. 

Vor einer Reihe von Jahren wurde mir ein 18jähriges Fräulein von 
ihren auswärts wohnenden Eltern zur Untersuchung zugeführt. Die 
Patientin war seit einem halben Jahre verlobt. Von den Eltern war der 
Vater nervös und mit Herzerweiterung behaftet, doch hatte er bisher 
seine dienstliche Stellung als Beamter ohne Unterbrechung zu bekleiden 
vermocht. Die Mutter und ein Bruder der Patientin waren ebenfalls 
nervös, in der übrigen Familie jedoch nichts vorhanden, was auf 
Belastung hin wies. Von Kinderkrankheiten hatte die Patientin nur die 
Masern durchgemacht; sie war aber von früher Jugend an schon immer 
nervös und von ängstlicher Natur. Ein gemalter Stern an der Decke des 
Wohnzimmers ängstigte sie längere Zeit, später wurde sie vor dem Zu- 
bettegehen von der Furcht befallen, es könnte jemand unter dem Bette 
versteckt sein. Die Menses stellten sich bei ihr mit 13 Jahren ein, um 
welche Zeit sie etwas schwächlich und blutarm war; sie waren bisher 
nicht ganz regelmässig, mitunter postponierend und in der Regel mit 
Krämpfen verbunden. Die ersten Anzeichen des Leidens, wegen dessen 
mein Rat in Anspruch genommen wurde, zeigten sich vor etwa einem 
Jahre während eines Sommeraufenthaltes in der Schweiz, an dem auch 
ihr jetziger Bräutigam teilnahm, bei Spaziergängen, wenn einzelne des 
Weges kommende Damen die Aufmerksamkeit ihres Bräutigams auf sich 
lenkten (nach ihrer Meinung auf sich zu lenken suchten). Sie geriet dann 


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Ein psychologisch interessanter Fall von Zwangsneurose. 107 

in einen Zustand ähnlich demjenigen, der sie jetzt noch beim Anblick 
gewisser weiblicher Personen befällt. Wenn sie auf der Strasse ein 
jüngeres weibliches Wesen wahrnimmt, welches sich nach ihrer Meinung 
kokett verhält, z. B. den Rock auffällig hoch hält, so wird sie von dem 
Gedanken befallen, dass diese auf ihren Bräutigam einen gewissen Ein¬ 
druck machen und er daran Gefallen finden könnte. Diese Vorstellung 
drängt sich ihr auch dann auf, wenn ihr Bräutigam das in Frage stehende 
Verhalten durchaus nicht billigt, und ist in der Regel mit heftiger Angst, 
Zittern, Herzklopfen usw. verbunden. Gegenvorstellungen sind gegen 
diesen Zustand nutzlos, ja sie gerät durch solche ganz ausser sich. Die 
erwähnten Zwangsideen stellen sich bei der Patientin auf der Strasse auch 
dann ein, wenn ihr Bräutigan nicht bei ihr sich befindet und sie in 
anderer Gesellschaft oder auch allein geht. Wenn die ihr begegnenden 
jüngeren weiblichen Personen von niederem Stande und nicht auffällig 
gekleidet sind, wird ihre Gemütsruhe nicht gestört; feinere Kleidung 
der Begegnenden und irgend eine Auffälligkeit in ihrer Toilette oder 
besonderes Hervortreten gewisser Körperformen (entblößter Hals, üppige 
Büste, Sichtbarwerden eines Teiles der Waden), alles dieses bringt sie 
zur Verzweiflung. Zeitweilig kam es infolge der auf diese Weise verur¬ 
sachten Erregung sogar zu Selbstmordgedanken. Sie glaubt bei alledem 
nicht, dass ihr Bräutigam ihr untreu werden könnte, zumal letzterer sich 
bisher beständig bemühte, auf sie beruhigend einzuwirken. Ihr Zustand 
hat sich seit der Verlobung nicht gebessert, sondern eher verschlechtert. 
Die Gegenwart vieler weiblicher Personen wirkt auf die Patientin ent¬ 
schieden ungünstig. Studentinnen, Künstlerinnen und andere Personen, 
welche in ihrer Tracht und in ihrem Benehmen irgend etwas Auffälliges 
zeigen, regen sie auf, wo sie auch solche zu Gesicht bekommen mag. Die 
Patientin ist über ihren Zustand andauernd sehr verstimmt. 

Die Untersuchung ergibt in objektiver Hinsicht nichts Bemerkens¬ 
wertes. 

Von einer Behandlung der Patientin durch mich konnte mit Rück¬ 
sicht auf das Domizil ihrer Eltern keine Rede sein. Auch von der Zu¬ 
weisung an ein Sanatorium musste abgesehen werden. 

Ich konnte den Eltern die Bedenken, welche ich gegen die Ver¬ 
heiratung ihrer Tochter aus leicht begreiflichen Gründen hatte, nicht 
verhehlen. Allein, da weder der Bräutigam, der den Zustand seiner 
Braut kannte, noch diese selbst von einer Rückgängigmachung der Ver¬ 
lobung etwas wissen wollten und auch die Eltern hiefür nicht zu gewin¬ 
nen waren, musste ich mich darein finden, dass mein Rat unberücksichtigt 
blieb. Die Ehe im vorliegenden Falle als unter allen Umständen unzu¬ 
lässig und unheilvoll zu erklären, hiezu hielt ich mich auch nicht für 
berechtigt, da von dem sexuellen Verkehr ein günstiger Einfluss auf den 
Zustand der Patientin erwartet werden konnte. 


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L. Löwenfeld 


Im folgenden Jahre erschien die Patientin wieder bei mir, dieses- 
mal in Begleitung ihres Gatten. Ueber die betreffende Konsultation* 
finde ich Folgendes notiert: 

Patientin ist seit etwa einem halben Jahre verheiratet, ihr Zustand 
hat sich seitdem nicht gebessert; die Zwangsvorstellungen eifersüchtigen 
Inhalts treten bei ihr noch immer wie vor der Verheiratung auf und 
veranlassen sie fortwährend zu Schikanen gegen ihren Mann und zur 
Herbeiführung heftiger Szenen. Die Patientin hat sich selbst Gewalt¬ 
tätigkeiten gegen ihren Gatten schon zuschulden kommen lassen. Sie 
sieht wohl zeitweilig das Krankhafte ihrer Eifersuchtsvorstellungen ein, 
zu anderen Zeiten fehlt dagegen diese Einsicht ganz und gar. 

Die Patientin blieb in der Folge eine Anzahl von Jahren in meiner 
Beobachtung. Hypnotische Behandlung, die immer nur kurze Zeit ge¬ 
braucht werden konnte, — von Psychoanalyse musste aus äusseren Grün¬ 
den ganz abgesehen werden — hatte in der Regel für eine Anzahl von 
Monaten einen entschieden günstigen Einfluss. Sie sah das Krankhafte 
und Unberechtigte ihrer Eifersuchtsgedanken in der Regel ein; diese tra¬ 
ten zurück und verschwanden auch zeitweilig völlig und damit gewann 
auch ihr eheliches Leben eine friedlichere Gestaltung; dieser günstige 
Zustand war jedoch immer nur von beschränkter Dauer. Inhaltlich ver¬ 
änderten sich die Zwangsvorstellungen während der ganzen Beobachtungs¬ 
zeit in nichts wesentlichem, weshalb auch ihre Ansprüche an den Gatten 
die gleichen blieben. Dieser sollte sich gegen Frauen ungefähr so ver¬ 
halten, wie die Frau eines Moslems gegen Männer. Er sollte auf der 
Strasse kein weibliches Wesen (alte Frauen vielleicht ausgenommen) an- 
sehen, noch weniger ein solches grüssen oder sich in eine Unterhaltung 
mit demselben einlassen. Er sollte, wenn er von seinem Dienste kam, 
ohne jeden Aufenthalt nach Hause gehen, was die Patientin von ihrem 
Fenster aus, soweit es möglich war, kontrollierte. Diesen Wünschen zu 
genügten, war dem Gatten schon deshalb nicht gut möglich, weil er in 
seiner dienstlichen Stellung vielfach mit weiblichem Personal in Berüh¬ 
rung kam, welches er auf der Strasse nicht einfach ignorieren konnte. 
Er zeigte, obwohl er im ganzen ein gutmütiger Mensch war, wohl auch 
aus anderen Gründen nicht die von seiner Gattin gewünschte Fügsamkeit 
gegen ihre tyrannischen Ansprüche, und so kam es vielfach zu argen 
Dissidien unter den Gatten, wobei es auch an Tätlichkeiten nicht fehlte. 
Der Mangel an Selbstbeherrschung, welcher sich hiebei auf beiden Seiten 
zeigte, veranlagte mich, die weitere Behandlung der Patientin abzulehnen, 
und erst auf dringendes Bitten des Vaters der Patientin, der zur Rück¬ 
sprache mit mir hierhergekommen war, entschloss ich mich, meine Weige¬ 
rung aufzugeben. 

Die Patientin wurde erst im dritten Jahre ihrer Ehe gravid; 
Schwangerschaft und Geburt verliefen normal. Während ersterer hatte 


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Ein psychologisch interessanter Fall von Zwangsneurose. 


109 


die Patientin ruhigere Zeiten, und auch der Besitz des Kindes (eines 
Knaben) schien günstig zu wirken. Dies währte etwa ein halbes Jahr, 
dann machten sich die Zwangsgedanken wieder in voller Stärke geltend, 
und die damit zusammenhängenden Ansprüche der Frau führten wieder 
zu einer sehr ungünstigen Gestaltung der ehelichen Verhältnisse. Die 
Patientin erwies sich auch in dieser Zeit für suggestive Beeinflussung 
weniger empfänglich als früher. Bei einem ihrer Besuche bemerkte sie 
zu meiner Ueberraschung, wenn ihr Mann sein Verhalten nicht ändere, 
könnte sie sich noch zur Dime machen. Es ist mir unbekannt, ob ihr 
Gatte damals sich damit begnügte, ihre Wünsche einfach unberücksich¬ 
tigt zu lassen, oder ob er nicht auch gelegentlich sie durch sein Benehmen 
absichtlich reizte; vor irgend welchen Handlungen, welche Verfehlungen 
gegen die eheliche Treue bildeten oder als solche mit einigem Recht 
gedeutet werden konnten, war bei ihm nie die Rede. Die Patientin hat in 
dieser Beziehung nie Klage gegen ihren Gatten geführt. Ich war daher, 
wie angedeutet, über die erwähnte Aeusserung der Patientin überrascht, da 
ich einerseits in dem Verhalten des Gatten keinen genügenden Grund 
für eine derartige Drohung erblicken, andererseits nicht annehmen konnte, 
dass die Frau, an deren Anständigkeit zu zweifeln, ich bis dahin keine 
Veranlassung hatte, imstande wäre, sich der Prostitution zu ergeben. 
Ich hielt daher die fragliche Bemerkung lediglich für den Ausfluss einer 
momentanen Verbitterang, der keine Ueberlegung zugrunde liege und 
deshalb eine weitere Bedeutung nicht beizumessen sei. Die Folgen zeigten 
jedoch, dass diese meine Annahme irrtümlich war. Einige Wochen später 
kam der Gatte zu mir und berichtete, dass er an dem Verhalten seiner 
Frau eine Veränderung wahrgenommen habe, die er sich nicht zu deuten 
wisse. Sie verwende seit einiger Zeit auf ihre Toilette eine Sorgfalt, 
welche früher bei ihr nicht vorhanden war, und mache hiefür auch Aus¬ 
gaben, welche über ihre Verhältnisse schon etwas hinausgingen. Dies sei 
früher nie der Fall gewesen. Ich hielt den angeführten Mitteilungen 
gegenüber es für wahrscheinlich, dass bei der Patientin, die manische 
(resp. submanische) Phase einer leichten Form des manisch-depressiven 
Irreseins sich entwickelt habe, da in diesen Fällen Putzsucht bei Frauen 
häufig beobachtet wird. Auch diese Annahme erwies sich als unzu¬ 
treffend. 

Einige Zeit später kam der Gatte wieder zu mir und berichtete Fol¬ 
gendes: 

Seine Frau habe auf dem Wege der Annonce Herrenbekanntschaften 
gesucht und mit einem der Herren, die auf ihre Annonce antworteten, 
eine Korrespondenz gepflogen. Diese habe schließlich dahin geführt, 
dass sie den Betreffenden, der hier nur vorübergehend sich aufhielt, in 
dem Gasthofe, in dem er abgestiegen war, besuchte. Hiebei habe sie sich 
so auffällig benommen, daß der Besitzer des Gasthofes, der sie zufällig 


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110 


L. Löwenfeld 


sah, veranlasst wurde, ihr einen Bediensteten nachzuschicken, um ihren 
Namen und ihre Adresse festzustellen. Dies sei auch dem Bediensteten 
gelungen, worauf der Gasthofbesitzer ihm von dem Vorgefallenen Mit¬ 
teilung machte. Hiedurch veranlaßt, habe er unter den Sachen seiner 
Frau Nachforschung gehalten und hierbei entdeckt, auf welche Weise 
seine Frau zu der Bekanntschaft mit dem betreffenden Herrn gekommen 
sei. Als seine Frau nichts ahnend von einem Ausgange zurückkehrte, kam 
es zwischen den beiden Gatten zu einem Auftritte, welcher die Frau 
bestimmte, zu einer Freundin zu flüchten, um zunächst bei dieser das 
Weitere abzuwarten. Er hatte, wie ich von der Patientin nachträglich 
erfuhr, in seiner Wut gegen sie zu Drohungen sich hinreissen lassen, 
welche sie für ihr Leben fürchten Hessen. Ich erklärte dem Gatten, dass 
die Frau zweifellos in einem krankhaften Zustande ihre Verfehlung 
begangen habe, dass er deshalb jeder weiteren Bedrohung oder gar Miss¬ 
handlung der Frau sich enthalten müsse und letztere zu mir schicken 
solle. Dies geschah auch. 

Die Frau kam am folgenden Tage zu mir. Ich fand sie in anderer 
Verfassung als ich vermutet hatte: Keinerlei Anzeichen von submanischer 
Erregung; im Gegenteil — die Frau war völlig zerknirscht, gebrochen. 
Die Ursache dieser Gemütsverfassung war jedoch nicht oder wenigstens 
nicht in erster Linie die Entdeckung ihrer Verfehlung, sondern die erst 
nachträglich erlangte volle Erkenntnis der Bedeutung und Wirkungen 
derselben, unter welchen sie namentiich der Umstand bedrückte, dass sie 
das Recht auf Aeusserung irgend welcher Eifersucht nunmehr für immer 
verloren habe. Von dem, was sie getan, suchte sie nichts zu verhehlen 
oder zu beschönigen. Sie gestand ohne weiteres den Gebrauch der 
Annonce, die Korrespondenz mit dem Herrn und den Besuch bei diesem 
ein. Sie hatte sich nicht auf Grund einer Sympathie, die sie für ihn fühlte, 
ihm hingegeben; er war ihr gleichgültig. Sie hatte auch bei dem sexuellen 
Verkehr mit ihm, der nur einmal stattfand, keinerlei Befriedigung 
empfunden. Obwohl sie bei der ganzen Affäre mit Ueberlegung, ja selbst 
mit einer gewissen Raffiniertheit vorgegangen war, hatte sie doch das 
Verwerfliche ihres Unternehmens keineswegs genügend erfasst. Sie hatte 
keine Herrenbekanntschaft auf der Strasse gesucht, sondern den Weg der 
Annonce gewählt; sie hatte unter den eingegangenen Offerten nur das 
eines Fremden berücksichtigt, da die Beziehungen zu diesem bald wieder 
gelöst werden und nicht leicht zu Verlegenheiten führen konnten. Sie 
hatte auch von der Bedeutung eines Ehebruches eine klare, selbst über¬ 
triebene Vorstellung. Unter „sich zur Dirne machen“ verstand sie nicht 
Prostitution im gewöhnlichen Sinne — solche lag ihr durchaus ferne —, 
sondern die Hingabe an irgend einen anderen Mann als ihren Gatten, 
wodurch sie als Frau und Glied der Gesellschaft moralisch entwertet i. e. 
zur Dirne werden musste. Der Gedanke an diese Entwertung hielt sie von 


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Ein psychologisch interessanter Fall von Zwangsneurose. 


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ihrem Vorhaben nicht ab, sie war es vielmehr, was sie anstrebte. Wenn 
sich bei ihr gegen diese ebenso verwerfliche als törichte Absicht keine 
Bedenken von genügender Kraft erhoben, so lag es daran, dass sie in 
ihrer Leidenschaft das Verhalten ihres Mannes, dem sie nichts Gravie¬ 
rendes vorzuwerfen hatte, als gleichbedeutend mit einer Verfehlung 
gegen die eheliche Treue erachtete und sich deshalb ihrerseits zu einem 
Ehebrüche für berechtigt hielt. Wie weit sie hiemit über das Ziel hin¬ 
ausschoss und was sie sich selbst mit der Realisierung ihres Vorhabens 
getan hatte, kam ihr, wie schon bemerkt wurde, erst nachträglich, und ins¬ 
besondere nach dem Auftritte mit ihrem Gatten zum vollen Bewusstsein. 

Was sollte aber die moralische Entwertung ihrer Person bezwecken? 
Am nächsten liegt wohl der Gedanke, dass sie damit ihren Mann strafen, 
die Unbilden, die er ihr vermeintlich, z. T. vielleicht auch wirklich fort¬ 
gesetzt zufügte, rächen wollte. Aber sie beabsichtigte zweifellos ihr 
Unternehmen völlig geheim zu halten und konnte daher nicht wohl an 
eine Bestrafung ihres Gatten denken, von welcher dieser keinerlei Kennt¬ 
nis, ja nicht einmal eine Ahnung haben durfte. Es ist daher wenigstens 
wahrscheinlich — die Patientin war sich selbst darüber nicht ganz klar —, 
dass sie durch die Entwertung ihrer Person sich selbst eine Art Aus¬ 
gleichung, eine Befriedigung für das erlittene Unrecht und damit eine 
gewisse Beruhigung verschaffen wollte. 

Dem Gatten, den ich nach der Unterredung mit der Patientin zu 
mir kommen liess, teilte ich abermals mit, dass das Vorgehen seiner Frau 
seinen Grund in ihrem krankhaften Zustande habe und er ihr deshalb 
Nachsicht gewähren und sich bemühen solle, durch rücksichtsvolles Ver¬ 
halten wieder ihre volle Zuneigung sich zu erwerben. Der Gatte sagte dies 
zu und berichtete mir zugleich, dass er den in Frage stehenden Herrn 
aufgesucht und von diesem erfahren habe, dass seine Frau ihn nur einmal 
besucht habe, wie sie angegeben hatte. In der Folge gestaltete sich, so¬ 
weit meine Nachrichten reichten, das Eheleben der Gatten durchaus fried¬ 
lich. Auch eine Komplikation, die nach einiger Zeit eintrat, änderte 
hieran nichts. Bei der Frau zeigte sich ein Fluor, was den Gatten veran- 
lasste, die Frau durch einen Spezialisten für Geschlechtskrankheiten unter¬ 
suchen zu lassen. Dieser erklärte, dass eine spezifische Infektion vorliege 
und eine entsprechende Kur nötig sei. Ich überwies die Frau zur Unter¬ 
suchung an einen völlig zuverlässigen Gynäkologen, der nichts als einen 
leichten Uterinkatarrh fand. 

Ob die friedliche Gestaltung der ehelichen Beziehungen bei dem 
Paare immer angedauert hätte, kann ich nicht entscheiden, da der Gatte 
etwas vor Jahresfrist nach dem geschilderten Vorfälle an Pneumonie 
starb. 

Im Vorstehenden habe ich die differential-diagnostische Seite des 


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J. Zeehandelaar 


Falles nicht berührt. Bezüglich dieser möchte ich nur noch Folgendes 
bemerken: 

Im Laufe der Beobachtung sah ich mich bei den immer wiederkeh¬ 
renden Verschlimmerungen mehrfach zur Prüfung der Frage veranlasst, 
ob die krankhaften Vorstellungen der Patientin nicht den Charakter der 
Zwangsvorstellungen abgestreift und schon den von Wahnvorstellungen 
angenommen hätten, d. h. ob nicht ein Uebergang der Zwangsneurose in 
Paranoia vorliege, wie er, wenn auch nicht häufig, so doch sicher von 
einer Anzahl von Beobachtern konstatiert wurde 1 ). Die Erwägung der 
vorliegenden Umstände ergab jedoch nie genügende Anhaltspunkte für 
eine derartige Annahme, und der weitere Verlauf bestätigte diese Auf¬ 
fassung. Inhaltlich unterschieden sich schon die krankhaften Vorstel¬ 
lungen der Patientin von den gewöhnlichen EifersuchtsWahnideen, da 
sie keine Verdächtigungen oder Beschuldigungen des Gatten, sondern 
im wesentlichen nur Forderungen von krankhaft übertriebenem Charakter 
betrafen. Die Krankheitseinsicht, die wie in vielen anderen Fällen von 
Zwangsneurose zeitweilig fehlte, war immer wieder herbeizuführen, so 
dass der Uebergang des Leidens in Paranoia sich sicher ausschliessen 
liess. 


Heilung zweier Fälle von schwerer funktioneller 
Taubheit durch Hypnose. 

Von Dr. J. Zeehandelaar, Stadtarzt, Amsterdam, 
Landsturmpflichtiger Stabsarzt II. Klasse (Sanitätsoffizier). 

Der Titel eines Artikels darf nicht zu lang sein, sonst hätte ich 
hinzugefügt „Beitrag zur Lehre der Hysterie“. Nach meiner Theorie und 
Auffassung der Hysterie, die ich hier in kurzen Zügen zeigen will, war 
die Heilung derselben in e i n e r Sitzung möglich, und zwar in zwei Fällen 
schwerer hysterischer Taubheit. In der mir zur Hand stehenden Literatur 
der kriegführenden Länder ist die hysterische Taubheit niemals auf eine 
so schnelle und gründliche Weise geheilt worden. 

Montags den 15. Mai führte mir mein Kollege Dr. Siemens 
(Hals-, Nasen- und Ohrenarzt), zurzeit am Militärhospital in Amsterdam 
tätig, den Landsturmpflichtigen N. N. vor. Dieser junge Mann wurde 
nach einem Schüsse, der in seiner unmittelbaren Nähe abgefeuert wurde, 
vollständig taub. Trotz wiederholter gründlicher Untersuchung konnte 
Kollege Siemens nicht eine einzige objektiv wahrnehmbare Abwei¬ 
chung finden. Simulation war so gut wie ausgeschlossen (was denn auch 

*) S. Löwenfeld, Die psychischen Zwangserscheinungen. Wiesbaden, 1904. 
Seite 560 u. f. 


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Heilung zweier Fälle von schwerer funktioneller Taubheit durch Hypnose. 113 


durch die Heilung in einer halben Stunde bestätigt wurde). Der Patient 
wurde mir überlassen, und ich bekam nach vieler Mühe folgende Anam¬ 
nese: Der Patient ist 24 Jahre alt, Chef in einer Diamantschleiferei, wo 
er als Kontrolleur fungiert. Er ist ein aussereheliches Kind. Seine Mutter 
machte ihrem Leben mit 44 Jahren durch Selbstmord mittels Vitriol 
ein Ende. Ein Bruder seiner Mutter endete auf dieselbe Weise. Dieser 
Onkel hatte, wie mir N. N. erzählt, „Lebensfurcht“. Patient ist ein in sich 
selbst gekehrter Charakter, schwermütig und nicht imstande, herzlich zu 
lachen; während der Beantwortung meiner (schriftlichen) Fragen bricht 
er in Tränen aus. In seiner Jugend hat Patient keine aussergewöhnliche 
Krankheiten durchgemacht und lernte gut. Die Taubheit selbst war eine 
Folge des Schusses, obwohl Patient stets etwas schwerhörig war. 

Die Schwerhörigkeit war jedoch geringer Art und nicht zu ver¬ 
gleichen mit der Taubheit, die drei Tage nach dem Schüsse eher schlim¬ 
mer als besser wurde. Erst wenn ich meinen Mund ganz nahe an sein Ohr 
brachte und mit aller Kraft schrie, verstand er ein einzelnes Wort. Sein 
Gesicht zeigt einen eigenartig gespannten Ausdruck. Er bemüht sich 
sichtbar, mich zu verstehen und entschuldigt sich, wenn ihm dieses nicht 
gelingt. 

Auf meine Frage, warum auf ihn geschossen wurde, erzählt er mir 
Folgendes: Wir waren aufPatrouille und hatten denAuftrag, eineTruppe 
zu entdecken. Ich merkte an dem Lachen eines Bauern, dass sie in unserer 
Nähe wären und entdeckte sie oben auf einem Heuhaufen. Ich streckte 
meine Arme in die Höhe zum Zeichen, dass sie entdeckt seien und da 
schoss einer von ihnen mit losen Patronen auf mich. Hiervon wurde 
Rapport gemacht. Meine Wange blutete und mein Gesicht war einiger- 
massen versengt (dieses ist noch zu sehen). Später bemerkte ich, dass ich 
taub geworden war, und ich ging sofort zum Militärhospital. Der wacht¬ 
habende Arzt bestätigt, dass er Freitag mittag den Patienten untersuchte, 
seine Taubheit konstatierte und ihn zum Kollegen Siemens schickte, 
da er annahm, dass das Trommelfell gesprungen sei; das Trommelfell 
wurde aber normal befunden. 

Bei der ersten Untersuchung fand ich den Patienten vollkommen 
gefühllos, nicht nur was den Kopf oder die Ohren betraf. Die Gefühl¬ 
losigkeit speziell was Schmerz anbelangte, war am ganzen Körper wahr¬ 
zunehmen. 

Die Pupillenreaktion war normal, die Bauchreflexe sehr gesteigert, 
der Anal- und Kremasterreflex ebenfalls sehr stark, Fußsohlenreflex 
normal (Strümpell), Kniereflex und Achillessehnenreflex sehr stark, 
beiderseitige Andeutung von Fussklonus. 

Nach dieser vorläufigen Untersuchung wurde die Diagnose auf 
(traumatische) Hysterie gestellt. Ich erbat und erhielt vier Wochen Kran¬ 
kenurlaub für den Patienten. Es war ihm doch nicht möglich, die Befehle 

Zeitschrift fflr Psychotherapie. VII. 8 


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J. Zeeh&ndela&r 


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in der Kaserne zu verstehen, er ward überdies von seinen Kameraden 
geneckt und wollte nicht gern in ein Hospital aufgenommen werden. Ich 
war auch gegen letzteres, da dieser Aufenthalt nicht geeignet für einen 
Patienten dieser Art ist. Ich wollte ihn psychotherapeutisch behandeln 
und kann dieses am besten bei mir zu Hause tun. 

Am folgenden Morgen untersuchte ich erst im Hospital das Gesichts¬ 
feld des Kranken und fand eine starke konzentrische Einschränkung des¬ 
selben. Der Einfluss der Uebermüdung war sicher fühlbar, und ich erhielt 
den Eindruck, dass die Umkehrung für blau und rot auch da sei. Patient 
war jedoch sehr schnell ermüdet durch das angestrengte Sehen, und das 
Gesichtsfeld war so eingeschränkt, dass die Umkehrung nicht mit 
genauer Sicherheit anzugeben war. Von der weiteren Untersuchung kann 
ich noch mitteilen, dass das tiefe Muskelgefühl ungestört ist. Der Kranke 
kann den einen Arm in dieselbe Haltung bringen wie den anderen, mit 
geschlossenen Augen. Es besteht kein Nystagmus, keine statische 
oder dynamische Ataxie. Er kann mit geschlossenen Augen gut rück¬ 
wärts gehen, er hat keinen Tremor. Stuhl gut, er muss häufiger 
urinieren. 

Subjektiv hat er keine Beschwerden, nur die Störung des Gehörs, 
und er sieht nicht mehr scharf. Schlaf ist gut, jedoch etwas unruhig. 
Appetit unregelmässig. 

Während der Untersuchung fragt mich der Patient einigemale, ob 
er wohl untauglich erklärt werden wird; er scheint es sehr zu hoffen. 

Wir haben hier einen seltenen Fall von doppelseitiger traumatischer, 
hysterischer Taubheit. In Friedenszeiten sehr selten, kommen diese Fälle 
jetzt häufiger vor, gepaart mit Stummheit und andern Abweichungen. 
Merkwürdigerweise und bei den Aerzten bekannt als „Duplizität 
der seltenen Fälle“ war, dass einige Tage später Dr. Siemens mir 
einen zweiten Patienten mit hysterischer Taubheit vorstellte. Hier 
betraf es einen 23jährigen Bauernsohn, der schon l 1 / 2 Jahre taub war, 
ebenfalls landsturmpflichtig. Er war seinerzeit von einem 4 Meter hohen 
Heuboden abgestürzt und nach dem Sturze nicht bewusstlos gewesen. 
Er hatte erbrochen und sollte ein wenig aus einem Ohre geblutet haben. 
Im Februar in Dienst getreten, in Haarlem ins Depot geschickt, konnte 
er den Dienst nicht mitmachen. Er musste jedoch erst gründlich unter¬ 
sucht werden, da Simulation nicht ausgeschlossen schien und diese nicht 
so schnell festzustellen ist. Er wurde in Harlem ins Hospital gebracht 
und nachdem er einige Tage beobachtet war, an Dr. Siemens ver¬ 
wiesen, der keine Simulation feststellte, jedoch auch keine objektive 
Abweichungen vorfand. So kam Patient Nr. 2 zu mir, und hier fand ich 
neben einer allgemeinen Erhöhung der Reflexe eine starke Beeinträch¬ 
tigung des Schmerzgefühls über dem ganzen Körper. Es erregte keinen 
Schmerz, wenn eine Hautfalte mit einer Nadel durchstochen wurde. Die 


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Heilung zweier Fälle von schwerer funktioneller Taubheit durch Hypnose. 115 


Untersuchung geschah im Beisein von drei Kollegen, die sich für den Fall 
interessierten. 

Den ersten Patienten behandelte ich in meinem Hause im Beisein 
einer andern Kranken, die bei mir in psychischer Behandlung ist. Dieses 
geschah aus zweierlei Gründen: 1. weil N. N. meine mündliche Suggestion 
nicht verstand, die ich anwende, um einen in künstlichen Schlaf zu brin¬ 
gen. Ich suggerierte die andere Person in seiner Gegenwart in Schlaf, 
um bei ihm die Empfänglichkeit zu erhöhen, und 2. half mir die andere 
Kranke, welche sehr intelligent ist, als Zwischenperson die Suggestion 
beizubringen, zumal ich sie zuvor von allem unterrichtet hatte. Es ist 
durchaus nichts besonderes, einen hysterischen Patienten durch Suggestion 
zu heilen, aber ein tauber Mensch bietet bis jetzt sehr viele Schwierig¬ 
keiten. Das funktionelle Taubsein wird in der Kriegsliteratur denn auch 
als sehr schwer zu heilen angesehen. Ich werde dieses durch einige Aus¬ 
führungen aus den neuesten Berichten ausländischer Kollegen aus krieg- 
führenden Ländern beweisen. Meine beiden tauben Hysterischen waren 
mir sehr willkommen, weil sie mir Gelegenheit boten, meine Theorie über 
die Hysterie in der Praxis zu kontrollieren. Ich meine sagen zu dürfen, 
dass sie wohl den Beweis lieferten, dass meine Auffassung richtig ist. 
Bevor ich jedoch näher hierauf eingehe, will ich erst eine kurze Skizze 
geben über die heutige Auffassung des Hysterieproblems. Trotz der 
Arbeit so vieler berühmter Gelehrten wie: Janet, Freud, Oppenheim, 
Jelgersma und so viele andere, ist der Zustand noch sehr verwirrt und 
die Meinungen gehen so auseinander, dass in der denkwürdigen Sitzung 
der Berliner Gesellschaft für Psychologie und Neurologie vom 14. Febr. 
ds. Js. die Ansichten sich so gegenüberstanden, dass Prof. Oppenheim 
später erklärte, es gebe Gegensätze fast so gross wie die zwischen den 
jetzt kriegführenden Völkern. 

Ich werde die Debatten hier nicht erörtern, so gerne ich es auch 
wollte, mein Artikel würde zu lang werden und seinen Zweck verfehlen. 
Es sei nur bemerkt, dass die herrschende Lehre sagt: Die Hysterie ist 
eine Krankheit, bei der Reiz- und Ausfallerscheinungen auf emotionellem 
Wege entstehen (Oppenheim). Die Innervationsunterbrechung ist nicht 
nur zeitweise, sondern auch unvollständig, denn der Hysterische sieht, 
obgleich er nicht „sieht“, und fühlt, obwohl er nicht „fühlt“. Hieraus sieht 
man, dass Prof. Oppenheim wirklich von Innervationsunterbrechungen 
als Ursache von hysterischen Erscheinungen spricht. Er sagt weiter: 
Ein starker Affekt kann die schlummernde Hysterie wecken, so dass es 
zu Zufällen kommt, kann aber gleichzeitig in einem bestimmten Abschnitt 
des Nervensystems eine Sprengung vornehmen, die ein Glied oder eine 
Muskelgruppe aus dem Innervationskreis ausschaltet, so dass eine Läh¬ 
mung von nicht hysterischem Gepräge entsteht. Es ist aus der Debatte 
und aus den späteren Ausführungen u. a. im Zentralblatt für Neurologie 


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J. Zeehandelaar 


ersichtlich, dass die Meinungen des Prof. Oppenheim vielfach angegriffen 
wurden, u. a. von Prof. Lewandowsky. 

Noch kurz will ich die Auffassung von Prof. Jelgersma erwähnen 1 ). 
Dieser sagt, dass die Ausfallerscheinungen nicht eine Folge der Vernich¬ 
tung der Gehirnzentra sind oder des Nichtarbeitens desselben. Er setzt 
seine „Kurzschlusstheorie“ folgendermassen auseinander: Das Wissen 
einer Sache setzt eine Assoziation eines andern Wissens in unserer Person 
voraus, und dieses ist bei der Hysterie gestört. Allerlei Verbindungen 
sind geblieben, aber dieses sind einfache Verbindungen, die nicht zu einem 
Wissen, zu einem Bewusstseinsprozess führen. Das Bezeichnende nun für 
die hysterische Gefühllosigkeit ist, dass, bevor von einem Wissen gespro¬ 
chen werden kann, der Reiz, der in dem Wahmehmungsgehirn ange¬ 
kommen ist, entweder schon intrazerebral ausgelöscht oder schon in eine 
Bewegung ausgelaufen ist. Er spricht in solchem Falle von Kurzschluss, 
wenn der Reiz schon in eine Bewegung ausgelaufen ist. Eine ganze Reihe 
hysterischer Erscheinungen, sowie sehr viele Vorfälle aus dem täglichen 
Leben werden von Jelgersma durch „Kurzschluss“ erklärt. Im täglichen 
Leben kommen, so sagt er, bei normalen Menschen zahllose dieser „Kurz¬ 
schlüsse“ vor, die meisten Reize, die uns in jedem Augenblick Zuströmen, 
dringen nicht zu uns durch und gehen spurlos vorbei, d. h. scheinbar spur¬ 
los, sowie aus zahlreichen Mitteilungen von Freud und seiner Schule, 
von Janet, und aus den Berichten der Untersuchungen der „Society for 
Psychical Research“ zu ersehen ist, und die jeder Beobachter aus eigener 
Erfahrung bestätigen kann. Die Kurzschlusstheorie beweist deutlich, dass 
hier, sowie bei den meisten Psychiatern immer wieder die Störung bei 
der Hysterie auf die Organe zurtickgeführt wird, obgleich sie erkennen, 
dass die Hysterie eine Krankheit seelischer Art ist. Wir treffen immer 
wieder die Ausdrücke „Intrazerebrale Auslöschung“ oder „Geleitsper¬ 
rungen“ und „Leitungshindernisse“. 

Bei der Hysterie ist von einer Abweichung im Gehirn keine Rede. 
Die Abweichung hat ihren Sitz ausschliesslich in der seelischen Sphäre 
und hat mit dem Gehirn nichts zu tun. Wir dürfen die Ursache der 
Hysterie weder in den kortikalen noch in den subkorticalen Zentren 
suchen. Jeder Versuch, es auf mechanischem Wege zu erklären, muss 
vermieden werden. Wir müssen uns auf Grund der Tatsachen selbst 
den Vorgang folgendermassen erklären: Bei der Hysterie wird die ganze 
Bahn von der Peripherie ab durch das Rückenmark bis an die Rinde 
nicht allein durchlaufen, sondern es entsteht auch die Vorstellung dabei, 
die auf den Reiz normalerweise folgen muss, nur kommt dieselbe 
nicht zum Bewusstsein und trägt nicht den „Ich“- 
Stempel. Die Vorstellungen werden durch den grossen seelischen Kom- 

*) Leerboek der psychiatrie 2/a l’Etat mental des hysteriques 2 edit. 1911. 


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Heilung zweier Fälle von schwerer funktioneller Taubheit durch Hypnose. H7 


plex, welchen wir unser „Ich“ nennen, nicht indentifiziert, sie werden 
nicht damit verbunden. Sie sind jedoch latent anwesend und können 
bewusst werden, wenn neue Vorstellungen kommen, die imstande sind, 
diese nicht identifizierten an den grossen Komplex zu binden. Das Bei¬ 
bringen der Vorstellungen ist der Prozess, der als „suggerieren“ bekannt 
ist. Die Summe der unbewusst gebliebenen und die durch die Zeit oder 
andere Ursachen verdrängten Vorstellungen, die das Kennzeichen des 
Bewusstseins wieder verloren haben, werden im gewöhnlichen Leben mit 
dem so oft verwirrenden Namen Unterbewusstsein angedeutet. Bei der 
Hysterie findet man also die Neigung, das Kennzeichen des Bewusst¬ 
seins einer Reihe von Vorstellungen, die schon geformt waren, nicht zu 
erreichen. 

In diesem Gedankengange muss ich also annehmen, dass bei meinen 
Tauben die Gehörvorstellungen doch geformt wurden. Ich muss 
sie hier nur an den psychischen Komplex zu binden versuchen. Aus 
einer Reihe psychologischer Studien war es mir bekannt, dass auch die 
unbewussten Vorstellungen doch assoziativ verarbeitet werden. Ich bringe 
also dem Patienten Vorstellungen bei, obgleich sie nicht direkt bewusst 
werden (er weiss nämlich nicht, dass sie ihm beigebracht werden), 
aber das Resultat lehrt, dass sie sicher entstanden und zum Ziele führten. 
Ich spreche zu einem Dritten und sage ihm alles, was ich einem Nicht¬ 
tauben direkt sagen würde. Bei meinem ersten Patienten erzählte ich der 
andern Patientin, dass der Soldat mit seinem Wunsche kein Glück hat 
und er nicht wegen Taubheit dienstuntauglich erklärt werden wird; denn 
das Trommelfell und alles, was das Gehör betrifft, ist in Ordnung. Dieses 
hat die Untersuchung gelehrt. Es handelt sich hier um eine Nerventaub- 
heit, die in der Hypnose, in die ich ihn bringen werde, direkt verschwin¬ 
den wird. Dann sage ich meiner Patientin genau, wie ich N. N. in Schlaf 
bringen will. Während ich spreche, sitzt er scheinbar gedankenlos da, 
aber sobald ich meine Hand auf seine Stirn lege, bemerke ich sofort, dass 
er auf meine, an die dritte Person gerichtete Suggestion reagiert. Er fällt 
auf die ihm suggerierte Weise in Schlaf und das weitere war einfach 
genug. Ich schickte die Patientin weg, weckte die Erinnerung an den 
Schuss, weckte einen Affekt, Hess den Kranken tüchtig weinen, und 
erklärte ihn als geheilt. Ich suggerierte ihm sein früheres Gehör und 
bedeutete ihm, dass er mich wieder verstände. Nach der Hypnose würde 
diese so bleiben. Alles ging programmässig, und mittags konnte ich den 
Kollegen den geheilten jungen Mann vorftihren, der wieder hören konnte, 
was man auf 6 Meter Abstand flüsterte. 

Den zweiten Patienten behandelte ich auf dieselbe Art. Direkt im 
Anschluss an die erste Vorführung und Untersuchung habe ich ihn in 
Gegenwart von drei Kolleger durch die indirekte Suggestion s- 
m e f h o de in Schlaf gebracht, und nach der Hypnose war der Patient 


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118 


.T. Zcehandelaar 


von seiner anderthalbjährigen Taubheit geheilt. Der Eindruck, den 
diese Fälle auf die Umgebung machten, rechtfertigt meine ausführliche 
Beschreibung. Nach der Hypnose war auch die Gefühllosigkeit ver¬ 
schwunden. 

Nun will ich noch einen Augenblick auf die Tatsache zurtickkom- 
men, dass in den kriegführenden Ländern in solchen Fällen durch Mangel 
an richtiger Erkenntnis keine guten Resultate erzielt werden. Ich will 
dieses durch die neueste Literatur beweisen. So sagt Kurt Singer z. B., 
von seiten des Gehörapparates haben wir oft Taubheit mit oder ohne 
Stummheit angetroffen, da wo eine Spezialuntersuchung keine Abwei¬ 
chung an dem peripheren Organ zeigte. Ich sprach nie von Simulation 
denkend dass ebenso wie es eine Sprachlähmung gibt von kortikalem 
Ursprung, auch eine kortikale Gehörstörung möglich ist; den meisten 
Widerstand boten einige Fälle von Taubheit. 

Hier trifft uns wieder der Ausdruck „kortikal“, der natürlich nicht 
richtig ist; es muss heissen seelisch. Die falsche Erkenntnis steht einer 
Heilung im Wege. 

J o 11 y erzählt in kurzem die Geschichte eines Mannes, der durch 
das unerwartete Feuer seines eigenen Gewehrs eine hysterische Stummheit 
und Taubheit auf beiden Ohren davontrug. Letztere war sehr hartnäckig, 
während die Sprache langsam zurtickkehrte. Es scheint nach den Be¬ 
richten von Jolly, dass die Hysterie, die nach einem Trauma auftritt, 
in den Spitälern viel zu langsam und auf nicht zweckmässige Weise 
behandelt wird. Er sagt nämlich: Erfreulich ist es, dass trotzdem die 
vorher sehr verschiedenen Behandlungsweisen keinen Erfolg hatten, doch 
die Heilung auf psychotherapeutischem Wege erzielt worden ist und die 
Kranken zum Garnisonsdienst tauglich wurden. Ich meinesteils kann es 
nicht erfreulich finden, dass ein Kranker, der an Psychoneurose leidet, 
erst mit allen möglichen Kuren (elektrisieren, massieren usw.) gequält, 
ehe er psychotherapeutisch behandelt wird. Jedoch ist nach den Berichten 
von N o n n e u. a. bei den sog. Kriegsneurosen oft Hypnose angewendet, 
ebenso wie andere Formen der Therapie. Hier gilt jedoch mehr als bei 
andern Behandlungsmethoden die Regel, dass es weniger darauf ankommt, 
was geschieht, als wie es geschieht. Ich meine damit, dass es nicht 
genügt zu wissen, dass Psychotherapie angewendet wurde, sondern die 
Art, wie diese angewendet wurde, ist ausschlaggebend für das Resultat. 

Wer z. B. Kriegsneurosen nach der Methode von Freud behandelt, 
wird ebenso wenig guten Erfolg haben, als bei den Tauben mit der Per¬ 
suasionsmethode nach D u b o i s. Diese psychotherapeutischen Methoden 
eignen sich wieder viel besser bei einer ganz anderen Art psychogener 
Neurosen. Jedoch nicht allein die Methoden, auch die Person des Psycho- 
therapeuthen selbst wird bei dem Erfolg oder Misslingen entscheidend 
sein. So lautet auch das Urteil zweier französischer Aerzte. die 


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Heilung zweier Fälle von schwerer funktioneller Taubheit durch Hypnose. 119 


von der Psychotherapie nicht die „Wunderwirkung“ gesehen hatten, 
die einige Beobachter mitgeteilt haben. Vielleicht waren diese, so sagen 
sie, glücklicher oder geschickter als wir. Die von mir beschriebene indi¬ 
rekte Suggestionsmethode führt sicher und schneller zum Ziel. Zum 
Schlüsse möchte ich noch zweierlei bemerken: Erstens das Wort „Kriegs¬ 
neurosen“. Ich hebe dieses Wort besonders hervor, weil es nicht richtig 
ist, der Hysterie, die im Kriege nach heftigen Ereignissen auftritt, einen 
bestimmten Namen zu geben. Dies ist ebenso wenig richtig als von trau¬ 
matischer Neurose zu sprechen. Dass die Unfallversicherung sowohl bei 
uns als im Auslande bei einem Teil der Betroffenen den Wlunsch einer 
langwährenden Entschädigung erweckt, wodurch die Heilung sehr ver¬ 
zögert wird, ist feststehend. Dasselbe sehen wir auch bei Soldaten (Ren¬ 
tenneurosen). Die Aussicht, nicht mehr arbeiten zu können, verärgert 
die Neurotiker, und die Hoffnung, untauglich befunden zu werden, ist 
ein Fall, mit dem man rechnen muss. Darum trat ich auch dem Wunsch 
des ersten Patienten direkt entgegen, wie man im ersten Teil sieht. Wir 
können und müssen den Ursachen Rechnung tragen, aber dürfen sie nicht 
als besondere Krankheitserscheinungen betrachten. Das würde Verwir¬ 
rung bringen, und die Behandlung und Prognose leidet darunter. Man 
behandele die Hysterie nur als solche, unbekümmert darum, ob es eine 
sogenannte traumatische oder eine Kriegsneurose ist. Psychotherapie und 
Arbeitstherapie sind hier die gegebenen Mittel. Die zweite Bemerkung 
betrifft die durch mich oben auseinander gesetzte indirekte Suggestions¬ 
methode. Ich hoffe in einem andern Artikel hierauf ausführlich zurück¬ 
zukommen, aber will noch mit einigen Worten erklären, dass ich diese 
Methode des Appells an die unbewusste Persönlichkeit schon lange an¬ 
wende, wo es mir notwendig erscheint. Dieses ist im besondem der Fall 
bei hysterischen Anfällen. Man kann mit roher Gewalt und durch sehr 
energisches Auftreten dem hysterischen Anfall ein Ende machen. Ich 
bin jedoch entschieden gegen Kraftproben bei Kranken. Ich finde den 
Unterschied nicht allzu gross, ob jemand leber- oder herzleidend ist und 
dadurch arbeitsunfähig ist, oder ob seine Seele krankhaft verändert ist, 
so dass der Kranke meint, nicht imstande zu sein, arbeiten zu können. 
Wir haben meiner Ansicht nach nicht das Recht, die Patienten roh zu 
behandeln, wenn wir dasselbe Resultat oder ein noch besseres mit ver¬ 
nünftigeren milderen Mitteln erreichen können. 

Ich wende die indirekte Suggestion wie gesagt schon jahrelang an 
bei hysterischen Anfällen und zwar folgendermassen: An die Umstehen¬ 
den richte ich die Suggestion, welche für den Patienten bestimmt ist. 
Da die Vordertür verschlossen ist, müssen wir durch die Hintertür. Auf 
einem Umwege, an die Umgebung gerichtet, erreichen meine Suggestionen 
das Vorstellungsleben des Patienten, welches ich nicht direkt erreichen 
kann. Der Kranke ist ja, wie wir das ganz falsch nennen, „bewusstlos“. 


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Vaerting 


Der Zustand des psychischen Lebens ist ein anderer; aber ganz ohne 
tätigen geistigen Prozess ist der Patient nicht. Ich betrachte den Hysteri¬ 
schen wie einen in natürlicher Hypnose Befindlichen und behandle ihn 
darnach. Ich behaupte nicht, dass ein an hysterischer Taubheit Leidender 
ganz von der Hysterie geheilt ist, wenn die Taubheit aufgehoben ist. 
Dann fängt die eigentliche Arbeit des Psychotherapeuten erst an. Der Arzt 
muss erziehend und ermutigend wirken. Ruhe und Arbeit, gute Ernäh¬ 
rung, Abwechslung und Zerstreuung, kurzum das ganze Leben des Kran¬ 
ken regeln, wenn er wieder einen ganzen Menschen aus ihm machen will! 


Die musikalische Veranlagung des Weibes. 

Von Dr. Vaerting, Berlin. 

Es wird allgemein angenommen, dass die Frau in der Tonkunst 
keine oder doch nur sehr geringe Produktionskraft besitzt. Der Nachweis 
für diesen Mangel an schöpferischer musikalischer Begabung wird 
meistens geschichtlich erbracht, da unter den Komponisten von Bedeutung 
sich kein einziger weiblicher Name befindet. Im allgemeinen sind diese 
geschichtlichen Tatsachen als Gradmesser für spezifisch weibliche Be¬ 
gabung oder Nichtbegabung von geringer oder keiner Bedeutung, da die 
Frau bisher in ihrer geistigen und künstlerischen Entwicklungsfreiheit 
durch hemmende äussere Umstände sehr beschränkt war und noch ist. 
Bei der Musik jedoch liegt bis zu einem gewissen Grade eine Ausnahme 
vor. Denn auf keinem andern Gebiete hat die Frau von jeher so ein¬ 
gehende Ausbildung und Schulung erfahren wie in der Tonkunst. Hier 
ist sie kaum ungünstiger gestellt als der Mann. Trotzdem ist die Frau 
musikalisch unfruchtbar geblieben. Es ist die einzige Kunst, welche die 
Frau rein rezeptiv ausübt durch Jahrhunderte hin. (Ellis, Mann und Weib 
S. 327.) Unter barbarischen und zivilisierten Rassen in allen Teilen der 
Welt haben sich Frauen stets in ausgedehntem Maße mit dem Spielen 
der verschiedensten Instrumente beschäftigt, aber im wesentlichen hat 
sich unter dem Einfluss der Kultur das Verhältnis der Geschlechter in 
dieser Beziehung kaum verändert. Musik ist sehr oft von Frauen zur 
Darstellung gebracht, aber fast ausschliesslich von Männern geschaffen 
worden. Upton 1 ), der die musikalischen Leistungen der Frau recht 
günstig beurteilt — er hat 48 Frauen ausfindig gemacht, die im 17., 18. 
und 19. Jahrhundert Kompositionen hinterlassen haben — muss dennoch 
bfkennen, dass keine über das Mittelmässige hinausgekommen ist. Der 
Schluss, dass Mangel an musikalischer Produktionskraft eine weibliche 
Eigentümlichkeit ist, scheint demnach nicht ohne Berechtigung zu sein. 

J ) Women in Mnsic. 


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Die musikalische Veranlagung des Weibes. 


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Man hat häufig versucht, die Ursache dieses anscheinend vorhan¬ 
denen merkwürdigen Geschlechtsunterschiedes zu ergründen. Die Ent¬ 
deckung dieser Ursache würde insofern für die vergleichende Psychologie 
der Geschlechter von Bedeutung sein, als sie dem geschichtlichen Argu¬ 
ment für die musikalische Unfruchtbarkeit der Frau ein neues und viel¬ 
leicht beweiskräftigeres hinzufügen würde. Den bisherigen Erklärungs¬ 
versuchen haftet nun durchweg der gemeinsame Fehler an, dass sie den 
Mangel an schöpferischer Befähigung in der Musik beim Weibe auf 
psychische Geschlechtsunterschiede zurückführen, die kaum mehr sind als 
subjektive Annahmen und vage Konstruktionen. 

Upton z. B., dessen Ansicht auch Ellis zustimmt, führt als Haupt¬ 
ursache die grössere Emotionalität der Frau an. „Die Frauen sind von 
Natur und Temperament zu emotiv, um einen Ausdruck dafür finden zu 
können.“ Sie sollen — mit einem Worte — zu gefühlvoll sein, um ihre 
Gefühle musikalisch darstellen zu können. Nun hat Buöura 1 ) zwar recht, 
wenn er sagt, dass „die stärkere Emotionalität der Frau von allen Auto¬ 
ren mehr oder weniger klar und offen zugestanden wird.“ Durch diese 
Uebereinstimmung der Autoren aber ist nun keineswegs erwiesen, dass 
die Frauen emotioneller sind als der Mann. Sondern dieses gleiche 
Untersuchungsresultat ist nur ein Zeugnis für die Tatsache, dass die Frau 
als Beobachtungsobjekt gegenüber dem sie beobachtenden Manne natür¬ 
lich viel leichter erregbar ist als der Mann, der in derselben Lage sich 
seinem eigenen Geschlechte -gegenüber befindet. Alle die Psychologen, 
Richter, Psychiater, Sexualärzte usw., die vergleichende Beobachtungen 
über die Psyche der Geschlechter anstellen, müssen den Mann weniger 
emotiv finden als die Frau. Die Ursache aber liegt nicht in einer psy¬ 
chischen Geschlechtsdifferenz des beobachteten Materials, sondern darin, 
dass in einem Falle der Mann experimentiert, was diesen als vom gleichen 
Geschlechte kommend, kalt lässt. Beobachtet der Mann hingegen eine 
Frau, so wird das auf ihr Empfinden und infolgedessen auf ihr Verhalten 
nicht ohne Einfluss bleiben, weil sie sich dem entgegengesetzten Ge¬ 
schlechte gegenüber findet 2 ). Dasselbe gilt von dem beobachtenden 
Mann. Ich möchte noch bemerken, dass ich die grössere Emotionalität 
der Frau nicht einmal bestreiten will, sondern nur bezweifeln, 
dass diese irgendwie erwiesen ist. Rubinstein 3 ) sucht die Ursache 
in ganz anderer Richtung. ,,Es fehlt den Frauen an zwei Eigen¬ 
schaften, die für die musikalische Schöpfung durchaus erforderlich sind: 
Subjektivität und Initiative.“ Im Gegensatz zu Upton findet er auch, 

*) Geschlechtsunterschiede beim Menschen S. 61. 

*) Da eine weitere Erörterung dieser Fehlerquellen der vergleichenden Psycho¬ 
logie der Geschlechter hier zu weit führen würde, werde ich an anderer Stelle auf 
diese Frage zurückkommen. 

f ) Die Musik und ihre Meister. 


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Vaerting 


dass es den Frauen für die Musik an „Weite des emotiven Horizonts“ 
fehlt. Rubinstein jedoch scheint keinen Anspruch darauf zu machen, 
damit das Fehlen musikalischer Schaffenskräfte bei der Frau erklärt zu 
haben. Denn er fährt fort: „Es ist ein G e h e i m n i s, warum gerade die 
Musik, dieses edelste, schönste, am meisten verfeinerte, vergeistigste und 
gemütvollste Erzeugnis des menschlichen Geistes, den Frauen so unzu¬ 
gänglich ist, obschon im Weibe alle diese Eigenschaften verschmelzen, 
und obschon sie in andern Künsten, ja selbst in den Wissenschaften, 
manches Grosse geleistet haben.“ 

Dieses „Geheimnis“ nun, zu dessen Enthüllung die psychischen 
Geschlechtsunterschiede versagen, erklärt sich nach meiner Meinung ein¬ 
fach und überzeugend durch die innige Beziehung der Musik zur 
Sexualität. Bei allen stimmbegabten Tieren ist die musikalische 
Leistung direkt ein Liebes Werbemittel, ein Ausdruck des sexuellen Ver¬ 
langens. Da aber nun stets die Männchen die Liebeswerber sind, so sind 
sie auch vorzugsweise die Sänger. Das Weibchen hingegen ist vor allem 
der zuhörende oder antwortende Teil. Die musikalische Anlage ist also 
schon bei den Tieren verschieden verteilt, das Männchen muss mehr 
musikalische Aktivität haben, um seine Liebeslockungen zu unterstützen 
und eindringlich zu gestalten. Das Weibchen hingegen bedarf mehr der 
Aufnahmefähigkeit, des passiven musikalischen Verständnisses, um so 
auch durch vollen Genuss sexuell angeregt zu werden. 

Beim Menschen nun, der ja auch zu den musikalisch veranlagten 
Wesen gehört, werden in der Urzeit die Verhältnisse ganz ähnlich gewesen 
sein. Die Stimme war hier auch für den Mann ein Werbemittel, für die 
Frau ein sexueller Reiz. Das beweist erstens die Tatsache, dass bei Völ¬ 
kern im primitiven Kulturzustande die Frau sich durchweg noch heute 
von jeder Ausübung der Musik fernhält. E 11 i s teilt aus den Berichten 
von Mason Otis mit, dass die Frauen bei den Eingeborenen Amerikas 
niemals eigentliche Musik machten. Ferner sagt er, „es besteht kein 
Zweifel, dass bei wilden Rassen Frauen im allgemeinen nur sehr selten 
Musikinstrumente spielen“. 

Dass infolge dieser verschiedenen sexuellen Aufgabe der Musik bei 
den beiden Geschlechtern die Frau seit den Uranfängen des Menschen¬ 
geschlechts keine angeborene Neigung zu musikalischen Leistungen hat, 
zeigt zweitens die Tatsache, dass „auch nicht ein einziges der bekannten 
Musikinstrumente von Frauen erfunden worden ist“. (Ellis 1. c. S. 326.) 
Diese Tatsache spricht umso deutlicher, als die Frau im primitiven Zu¬ 
stande in Erfindung von Geräten und Instrumenten an Produktivität dem 
Manne weit überlegen war. 

Welch bedeutende Rolle die Musik als Mittel zum Liebeswerben für 
den Mann von jeher hatte und noch heute hat, dafür ist fernerhin der 
Stimmwechsel ein deutliches Zeugnis, da er nur eine Eigentümlichkeit des 


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Die musikalische Veranlagung des Weibes. 


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männlichen Geschlechts ist. Zudem mutiert die Stimme gerade mit Ein¬ 
tritt der sexuellen Reife. In diesem Augenblicke erhält der Mann eine 
vom Weibe verschiedene Stimme, aller Wahrscheinlichkeit nach um als 
Werber besser zur Liebesanlockung musikalisch befähigt zu sein. 

Da nun die Natur dem Menschen wahrscheinlich die musikalische 
Begabung ursprünglich als sexuelles Werbe- und Reizmittel verliehen 
hat, so musste die Anlage bei beiden Geschlechtern verschieden sein, — 
bei dem Manne mehr aktiv, bei der Frau rezeptiv, wenn sie ihren Zweck 
im Liebesieben erfüllen sollte. Bei steigender Erhebung aus den Urzu¬ 
ständen konnte sie diese ihre Wirkung nur weiterhin behalten, wenn sich 
die verschiedene Anlage auch verschieden weiter entwickelte. Der Mann 
musste beim Uebergang zur Kultur und verfeinertem Sinnengenuss um 
so mehr Erfolg mit seinen musikalischen Lockungen haben, je vollkom¬ 
mener, aktiver und erfindungsreicher diese Leistungen waren. Darauf 
deutet auch die frühe Erfindung von Musikinstrumenten durch die Män¬ 
ner hin. Bei der Frau hingegen musste sich entsprechend die musikalische 
Aufnahmefähigkeit steigern. Beim Manne enthielt also erstens die musi¬ 
kalische Anlage des Urmenschen grössere Chancen zur Produktivität, und 
zweitens wurde die Entwicklung der produktiven Seite dieser Anlage beim 
Uebergange zur Kultur durch die Verfeinerung des Sinnengenusses begün¬ 
stigt. Bei der Frau hingegen musste schon in der musikalischen Uranlage 
die rezeptive Seite besonders ausgebildet sein, um im Zuhören Genuss 
und sexuelle Anregung zu empfinden. Und diese Aufnahmefähigkeit 
musste sich mit den steigenden Leistungen des Mannes noch vergrössem 
und verfeinern und naturgemäss zu einer Abneigung gegen eigene Erfin¬ 
dungen, ja sogar Darstellungen führen. 

Noch heute sind diese musikalischen Unterschiede in den beiden 
Geschlechtern lebendig. Bloch 1 ) sagt: Besonders die männliche Stimme 
übt eine sexuell erregende Wirkung auf das Weib aus . . . Die Frau ist 
für den sexuellen Einfluss des Gesanges oder der Musik bei weitem 
empfänglicher als der Mann.“ Und U p t o n berichtet, dass ein Mann, der 
einmal gelernt hat ein Instrument zu spielen, selten aufhört Freude daran 
zu finden, während dies bei der Frau nicht der Fall ist. Ellis bemerkt 
auch noch, dass es kein Instrument gibt, das die Frauen mit besonderer 
Vorliebe spielen. Das alles zeigt, dass wohl noch immer die musikalischen 
Anlagen so verteilt sind, dass im Manne die Lust zur ausübenden Musik 
vorwiegt, in der Frau jedoch die Neigung zum Zuhören. 

Wenn man also die Frage der musikalischen Begabung der Frau 
von diesem entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt aus untersucht, so 
wird man zu der Ueberzeugung geführt, dass jene wohl recht haben, 
welche der Frau die schöpferische Befähigung in der Tonkunst abspre¬ 
chen. Ja, man kann sogar mit einigem Recht vermuten, dass auch die 

J ) Sexualleben unserer Zeit S. 40. 


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Vaerting 


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Frau als Virtuosin niemals zu den ersten Meistern gehören wird. Nur in 
einem Gebiete der Tonkunst ist sie wahrscheinlich dem Manne weit über¬ 
legen, in dem der Musikkritik. Der Mann ist der geborene 
Musiker, die Frau die geborene Musikkritikerin. 
Dies ist das einzige Gebiet, wo die Frau von Natur aus m. E. bessere An¬ 
lagen haben muss. Es wäre gut, wenn die entwicklungsgeschichtlich 
bedingte weibliche Eigenart in Zukunft mehr Beachtung fände und die 
Frau im allgemeinen nicht weiterhin mit der Erlernung des Spielens von 
Instrumenten gequält würde, sondern ihre Freude und ihr angeborenes 
Verständnis und ihre kritische Fähigkeit für die musikalischen Dar¬ 
bietungen der Männer Pflege und Förderung fände. 

Das wahrscheinlich vollständige Fehlen der schöpferischen musi¬ 
kalischen Begabung der Frau ist ein Minus, dem jedoch ebenso wahrschein¬ 
lich ein Plus auf einem andern Gebiete gegenübersteht. Man kann nämlich 
eine höhere weibliche Begabung auf mathematisch-naturwissenschaft¬ 
lichem Gebiete vermuten. Während die Frau im Laufe der Zeiten sich 
am unfruchtbarsten und rezeptivsten erwies in der Tonkunst, hat sie 
nicht nur selbständige, sondern geniale Leistungen ersten Ranges aufzu¬ 
weisen auf mathematisch-naturwissenschaftlichem Gebiete. Und dies 
spricht eine um so deutlichere Sprache, als die musikalische Ausbildung 
der Frau stets als „weiblich“ eine eifrige Förderung erfahren hat, wohin¬ 
gegen die Beschäftigung der Frau mit der Mathematik in noch höherem 
Maße als „männlich“ bekämpft wurde 1 ). Ausserdem sind Mathematik 
und Naturwissenschaften die einzigen Zweige der Wissenschaft, in 
denen die Frau es zu wertvollen Leistungen gebracht hat, obschon sie 
auf den übrigen Gebieten weit günstigere Vorbildungsbedingungen hatte. 
Das wenige an weiblichen Geistesgaben, was sich in der Geschichte der 
Wissenschaften verewigt hat, hat sich sehr mühsam gegen einen unge¬ 
heuren äussern Druck aus der allgemeinen Vergewaltigung der weib¬ 
lichen Geisteskräfte hervorgearbeitet. Die Geschichte der weiblichen 
Leistungen in der Wissenschaft sind infolgedessen schnell zu durchblät¬ 
tern, aber auch besonders lehrreich, weil man vermuten muss, dass das* 
was sich gegen allen Druck ans Licht gerungen hat, am stärksten im 
Weibe ausgebildet war. Die einzige Wissenschaft nun, in welcher die 
Frauen es jemals zu selbständigen Leistungen gebracht haben, ist die 
Mathematik und in neuerer Zeit die Naturwissenschaften, die ja zu der 
Mathematik in engster Beziehung stehen. Hypatia, die erste Frau, die 
sich wissenschaftlich auszeichnete, war eine Mathematikerin und Philo¬ 
sophin. Ihre mathematischen Werke wurden leider von den Christen 
verbrannt. Laura Bassi, Maria Agnesi, Sophie Germain, Sophie Kowa- 
lewska, Mary Sommerville, Mdme du Chatelet sind bekannt geworden 

*) Bis vor wenigen Jahren noch war die Mathematik aus allen Mädchenschulen 
verbannt. 


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Die musikalische Veranlagung des Weibes. 


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durch ihre bedeutenden Arbeiten auf dem Gebiete der Mathematik. Durch 
astronomische Arbeiten, die im engsten Zusammenhang mit der Mathe¬ 
matik stehen, zeichneten sich aus: Caroline Herschel, welche acht Kometen 
entdeckte und einen Sternkatalog herausgab, Mdmes Lepante und La- 
lande, Isis Pogson, Marie Mitschell, Margarete Kirsch und Clara Eim- 
mart und in neuerer Zeit Miss Cannon, welche eine sehr grosse Zahl von 
veränderlichen Sternen entdeckte. Die grösste Frau, die bis jetzt gelebt 
hat, ein Genie ersten Ranges, ist bekanntlich Frau Curie, die zwar nicht 
Mathematikerin, aber Naturwissenschaftlerin ist. Für diese Wissenschaft 
aber gilt Moebius l ) Wort: „In der Tat kann nur der die Naturwissen¬ 
schaften ganz vertreten, der das mathematische Talent hat“. Neben der 
Mathematik sind es deswegen am meisten die Naturwissenschaften, denen 
die Neigung der Frauen gehört. Der Galvanismus, sagt Rosenberger in 
seiner Geschichte der Physik, soll von Galvanis Frau Lucia Galeazzi 
entdeckt worden sein. In Bologna erschien seinerzeit folgendes Sonnett: 
„Sie wars, nicht D u, die neue Lebenstriebe in hautentblösster Frösche 
Glieder fand.“ Amalie Dietrich und Paula v. Schrank haben sich als 
Botanikerinnen berühmt gemacht, Laura Hemer durch ihre Gesteins¬ 
analysen und Frau Bose als Physikerin. Ferner werden einer ganzen An¬ 
zahl Frauen mathematisch-naturwissenschaftliche Neigungen nachge- 
rtihmt. Byrons Tochter, die Dickens entdeckte, war mathematisch hoch- 
begabt. Annette v. Droste liebte besonders die Naturwissenschaften. Im 
alten römischen Reich hat es viele Aerztinnen gegeben, wie die Inschriften 
der Grabsteine bezeugen. Die Hetäre Nikarete hatte eine leidenschaftliche 
Neigung zur Mathematik, und sie verweigerte ihre Gunst keinem, der sie 
etwas Neues lehren konnte. Moebius (1 c.) zählt noch unter den weib¬ 
lichen mathematischen Talenten auf: Clelia Borromeo-Grillo, Clotilde 
Tambroni, Maria Cunitz, Barbara Reinhart, Sophia Brahe, Adriana 
Symons, Jeanne Dumee. 

Dass die Beschäftigung mit Mathematik der weiblichen Eigenart 
mehr entspricht als die Betätigung auf andern wissenschaftlichen 
Gebieten, zeigt auch ein Ausspruch Fr. A. Langes: „Die 
unangenehmsten Blaustrümpfe sind selten die, welche viel Mathe¬ 
matik gelernt haben.“ Die Zahl der Frauen mit selbständigen 
mathematischen Leistungen und mathematischen Neigungen muss 
um so grösser erscheinen und um so eindrucksvoller die mathematische 
Tendenz des weiblichen Geistes offenbaren, als demgegenüber der Name 
keiner Frau genannt werden kann, die sich durch Arbeiten auf dem 
Gebiete der sogenannten Geisteswissenschaften verewigt hat. Weder Ge¬ 
schichte noch Theologie, weder Sprachwissenschaften noch Altertums¬ 
kunde haben jemals den Geist der Frau zu eigenem Schaffen angeregt. 
Und doch war die Beschäftigung njit diesen Problemen den Frauen sehr 

*) Ueber die Anlage zur Mathematik. 


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Vaerting 


viel leichter, da die Frauen in dieser Richtung immer eine gewisse Vorbil¬ 
dung empfingen, sowohl in der Schule wie im Eltemhause. Religion und 
Fremdsprachen standen von jeher unter den Unterrichtsgegenständen der 
Mädchenschulen obenan. Zudem wurde eine private Betätigung in diesen 
Fächern im Elternhause begünstigt, da erstens kein Grund vorlag, Werke 
dieser Art den Mädchen als unweiblich vorzuenthalten und zweitens zu 
dieser Lektüre die notwendigen Vorkenntnisse vorhanden waren. Trotz¬ 
dem nun von jeher die Chancen für eine Beschäftigung der Frau mit der 
Mathematik weit geringer waren als bei Musik und Geisteswissenschaften, 
hat die Frau allein in der Mathematik Leistungen aufzuweisen, ein um 
so unzweideutigerer Beweis für die hervorragende Neigung des weiblichen 
Geistes zur Beschäftigung mit mathematisch - naturwisenschaftlichen 
Problemen. 

Auch die Verteilung der studierenden Frauen auf die einzelnen 
Studienfächer spricht für das eigenartige Interesse der Frauen für Mathe¬ 
matik und Naturwissenschaften. Selbst bei dem durch die falsche Mäd¬ 
chenschulbildung mit ihrem einseitigen Fremdsprachenbetrieb gänzlichen 
Mangel an Vorbildung für die Mathematik stand diese 1908 schon an 
fünfter Stelle, 1912 war sie mit der steigenden Verbesserung der Vorbe¬ 
reitungsmöglichkeit auf dieses Studium schon an die dritte Stelle gerückt. 
1913 schreibt die „Frankfurter Zeitung“: „In der Verteilung der Stu¬ 
dentinnen auf die einzelnen Fakultäten zeigt sich diesen Sommer ein 
weiteres starkes Anwachsen des Studiums der Mathematik bzw. Natur¬ 
wissenschaften, dem ein relatives Nachlassen des Zustroms zur Philologie 
und zu verwandten Fächern gegenübersteht.“ Seitdem ist diese Tendenz 
immer noch mehr hervorgetreten. 

Es ist nicht unmöglich, vielmehr wahrscheinlich, dass die Frau 
an mathematischer Begabung im Durchschnitt dem Manne überlegen ist. 
Ein Schüler Brahms hat durch Untersuchungen festgestellt, dass die 
Rechenfähigkeit des Mädchens in der Schule derjenigen des Knaben weit 
überlegen ist, etwa um 1 1 / 2 —2 Jahre voraus, obgleich die Stundenzahl des 
Rechenunterrichts bei den Mädchen geringer ist. Dieses Untersuchungs¬ 
resultat ist natürlich kein strenger Beweis für die mathematische Ueber- 
legenheit der Mädchen, da Ergebnisse psychologischer Experimente in 
jedemFalle mit grösster Vorsicht aufzunehmen sind. Immerhin aber 
drängt auch diese Feststellung dazu, das Gegenteil von dem bis heute 
geglaubten Begabungsverhältnis der Geschlechter zur Mathematik als 
möglich in Betracht zu ziehen 1 ). 

Die Vermutung, dass dem weiblichen musikalischen Begabungs- 

*) Schacht schreibt in seiner während der Drucklegung erschienenen Arbeit 
über „die geringere körperliche und geistige Leistungsfähigkeit des Weibes: früher 
sagte man, die Mädchen können keine Mathematik lernen. Kürzlich höre ich, dass 
sie es besser als die Knaben könnten.“ 


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Die musikalische Veranlagung des Weibes. 


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minus ein ebensolches mathematisch-naturwissenschaftliches Plus ent¬ 
spricht, wird weiter insbesondere gestützt durch die Möglichkeit eines 
organischen Zusammenhanges zwischen den mathematischen und musi¬ 
kalischen Anlagen. Die Möglichkeit eines solchen Zusammenhanges ist 
schon des öftem erörtert worden. Gewisse Vererbungserscheinungen wie 
auch der Verlauf der zeitlichen Begabungsentwicklung sprechen dafür. 
So ist Frühreife eine Erscheinung, die nur bei Mathematik und Musik 
häufig ist. Bei Pascal, Gauss, Clairaut, Bernoulli u. a. zeigte sich das 
mathematische Talent sehr früh — schon zum Teil mit 12 Jahren — in 
eigenen Erfindungen, und die frühe musikalische Entwicklung bei Mozart, 
Beethoven, Haendel, Rossini und Mendelssohn usw. ist bekannt. Diese 
Tatsache spricht um so mehr für einen besondern Zusammenhang zwischen 
Mathematik und Musik, weil Frühreife in andern Gebieten zu den gröss¬ 
ten Seltenheiten gehört und z. B. in den philologischen Fächern fast stets 
Frühreife mit Frühtod einhergeht, ein Beweis, dass diese Entwicklung 
nicht wie bei Mathematik und Musik natürlich ist, sondern künstlich und 
abnorm. 

Die Leistungen, welche die Frau in der nächsten Zeit auf mathema¬ 
tisch-naturwissenschaftlichem Gebiete hervorbringen wird, können leider 
nicht als Maßstab benutzt werden, um über die Grösse ihrer angeborenen 
Anlagen zu entscheiden und das wirkliche Vorhandensein eines Begabungs¬ 
plus zu bestätigen. Denn die geistige Entwicklungsfreiheit des Weibes 
wird trotz mancher Fortschritte noch viel zu sehr in ihren innersten Wur¬ 
zeln zerstört. Z. B. ist es für die Entwicklung der mathematisch-natur¬ 
wissenschaftlichen Fähigkeiten bei beiden Geschlechtern von einschnei¬ 
dender Bedeutung, dass das männliche Geschlecht seine Vorbildung aus¬ 
schliesslich von seinen Geschlechtsgenossen erhält, das weibliche hingegen 
zum grössten Teil von Männern. Eine Ersetzung der vorwiegend männ¬ 
lichen Lehrkräfte durch weibliche würde diesen Nachteil nicht aufheben. 
Denn diese weiblichen Lehrer würden alle wieder von Männern .vorge¬ 
bildet sein, so dass ihre Begabungsentwicklung in den meisten Fällen 
schon gelitten hat und vielfach durch den jahrelangen männlichen Lehr¬ 
einfluss einen männlichen Einschlag bekommen hat. Die Frau wird also 
nur sehr langsam volle Entwicklungsfreiheit für die Eigenart ihrer Be¬ 
gabung gewinnen können. 


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H. L. Eisenstadt 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen 
Krankheitsstatistik. 

Von Dr. med. H. L. Eisenstadt, Berlin. 

So lange die Juden Gegenstand wissenschaftlicher und methodischer 
Statistik sind — und das ist bekanntlich noch nicht lange her, weil die 
amtliche Statistik wenig über 100 Jahre alt ist 1 ) —hat der Gesichtspunkt, 
von dem aus sie dieser Untersuchung unterzogen wurden, merkwürdig 
gewechselt. Noch in der Zeit der klassischen Statistik des vorigen Jahr¬ 
hunderts, deren Literatur N o s s i g in seinem grundlegenden Buche „Ein¬ 
leitung in das Studium der sozialen Hygiene“ uns aufgezeichnet hat, 
wurden sie vom Standpunkte der Konfession betrachtet, d. h. ihre 
Lebensäusserungen auf das Ganze ihrer Religion zurtickgeführt. Als 
immer mehr mit der wachsenden Arbeiterbewegung die Ansicht vordrang, 
die Arbeiter seien die Stiefkinder, die Schutzbedürftigen der Gesellschaft, 
machteund macht noch heute auch die Statistik die Unterscheidung zwischen 
den Minderbemittelten und den W ohlhabenden. Bei den letzteren 
wurde a priori eine günstigere Stellung im Kampfe ums Dasein an¬ 
genommen, die Autoren fanden es selbstverständlich, dass die letzteren 
infolge besserer Ernährung und Wohnung statistische Vorzüge vor den 
Minderbemittelten (z. B. verringerte Sterblichkeit) haben müssten. Dann 
kam eine neue Auffassung in dieses Forschungsgebiet durch die nament¬ 
lich von Gobineau vertretene R a s s e n theorie, das ist die Lehre von 
der Ungleichwertigkeit der Rassen. Und nun stürzten sich einerseits 
die Politiker auf die Suche nach den Degenerationszeichen der inferioren 
Rassen, andererseits bot sich den Aerzten eine willkommene Gelegenheit, 
gewisse in ihrer Entstehung ungeklärte Krankheiten auf die angeborene 
Disposition der Rasse zurückzuführen. Man warf mit den dunklen Be¬ 
griffen der Rassenimmunität und Rassepathologie um sich, ohne zu be¬ 
denken, dass man damit eine ebenso geheimnisvolle Substanz oder Kraft 
in die Naturwissenschaft einführte, wie die längst verflossene besondere 
„Lebenskraft“, die zur Erklärung biologischer Vorgänge hatte herhalten 
müssen. Und die Statistiker, auf diesem Gebiete Laien, fügten sich 
diesem „Prinzip“. Mit der zunehmenden Forschung nach den Berufs¬ 
krankheiten tauchte hier und da die Neigung auf, gewisse Bevölkerungs¬ 
erscheinungen der Juden auf den Beruf zurückzuführen. Mit dem 
weiteren Ausbau der Sozialwissenschaften wurde man auf die Verteilung 
zwischen Stadt und Land aufmerksamer und meinte die Verstädte¬ 
rung der Juden sei für manche Lebensäusserung derselben ein ätiolo¬ 
gisches Moment, so ihre geringe Tuberkulose und ihre Zunahme der 
Geisteskrankheiten. Dann wieder kam als ein Ableger der Rassetheorie 

l ) 1905 hundertjähriges Jubiläum der preussischen Statistik. 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


129 


die Vererbung zu Ehren: Die Krankheitsanlagen werden vererbt, 
ebenso wie Haarwuchs, Sehschärfe, musikalisches Talent usw. Als eine 
besondere Form der Vererbung kam und kommt immer mehr zur Erörte¬ 
rung die Entartung, welche auf den Alkoholismus, Syphilis, Tuber¬ 
kulose, oder noch unbekannte Schädigungen des oder der Erzeuger oder 
deren Vorfahren bezogen wird. Und damit wird das neueste grosse 
Forschungsgebiet, die soziale Pathologie betreten, welche die 
soziale Bedingtheit und soziale Verbreitung der Krankheiten lehrt und 
in ihren Ergebnissen zur Krankheitsverhütung, zur sozialen Hygiene 
im engeren Sinne gelangt. 

Alle diese Auffassungen sehen wir auf dem Gebiete der medizi¬ 
nischen Statistik vertreten und miteinander im Wettbewerb. Die Stati¬ 
stiker von Fach bezw. Nationalökonomen und Politiker müssen sich mit 
ihnen, fast könnte man hinzufügen, leider, beschäftigen, wollen sie ein 
vollständiges Bild der Bevölkerungsschicht, welche sie studieren, geben, 
und wollen sie sich nicht mit der reinen Aufstellung von Zahlen be¬ 
gnügen, die jeder nach seinem Gutdünken und für seine Zwecke deuten 
kann, was selbstverständlich den wissenschaftlichen Wert der Statistik 
nur herabsetzen muss. Ja noch mehr, sie müssen die ärztlichen Er¬ 
fahrungen zu Rate ziehen, sonst entsteht zwischen der medizinalstati¬ 
stischen und ärztlichen Auffassung ein klaffender Widerspruch. Bei¬ 
spielsweise ist H. Singer in seiner „Allgemeinen und speziellen Krank¬ 
heitslehre der Juden“ (1904), die Häufung der Paralyse bei den jüdischen 
Männern auf gef allen. Er erklärte sich die Sache so, dass die Juden zur 
Paralyse besonders disponiert seien. Im Gegensatz dazu stand die ge¬ 
ringe Paralysezahl der jüdischen Frauen, die ihm hätte auf fallen müssen. 

Nach dem heutigen Stande unseres Wissens von der Syphilis ist 
aber jener von der Statistik beobachtete Vorgang leicht zu deuten. Da 
die Wasse r ma n n sehe Blutuntersuchung in vielen Fällen von Para¬ 
lyse ein positives Resultat gibt, so muss hier jeder Gedanke an eine be¬ 
sondere Rassedisposition fortfallen. Wir haben hier einfach ein Zeichen 
der Ausbreitung der Syphilis vor uns, wie auch Blaschko mit Recht 
die Zunahme der Paralyse als einen Beweis für die Zunahme der Syphilis 
ansieht. (Vortrag in der Ges. f. soz. Med. Medizin, Reform 1910, Nr. 4/5). 
Und wenn die jüdischen Frauen eine fast verschwindende Selten¬ 
heit dieser Krankheit zeigen, so liegt es daran, dass die Männer sich vor 
der Ehe gründlich behandelt haben, oder zur Zeit der Eheschliessung nicht 
mehr infektiös waren. 

Allein das Zuziehen des Arztes genügt noch nicht, um eine richtige 
Einsicht in die medizinische Statistik der Juden zu bekommen. Man 
muss auch glaubwürdige Zeugen für ihre Lebensweise, insbesondere für 
die Art ihres Sexuallebens und ihrer Ernährung suchen. Und da be¬ 
kanntlich für einen grossen Teil der Juden ihre eigenen überlieferten 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 9 


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H. L. Eisenstadt 


Gesetze ein bestimmtes System der Ernährung und des Geschlechtslebens 
bewirkten, so ist es notwendig, diese ihre Gesetze zu studieren. Diese 
Gesetze, die einen wahrhaft sozialen und sozialhygienischen Charakter 
hatten, sind bekanntlich weniger in den 5 Büchern Mose und in den 
prophetischen Schriften der Bibel enthalten, als vielmehr sind sie all¬ 
mählich aus der Mischna und den talmudischen Diskussionen kodifiziert 
worden. Auf die Art der Kodifizierung und Rechtsprechung sind einer¬ 
seits das durch Verfolgungen eingeengte wirtschaftliche Leben, andrer¬ 
seits die als Kommentatoren, Lehrer und Richter wirkenden gelehrten 
Rabbiner von entscheidendem Einfluss gewesen. Ganz richtig schildert 
Nossig in seinem oben genannten Buche die inbezug auf die Lebens¬ 
führung der Juden geltenden Prinzipien der mosaischen, talmudischen 
und nachtalmudischen Schriften und Gesetzbücher. Und wieviel noch 
auf diesem Gebiete zu übersetzen ist, geht aus dem anlässlich der Internat. 
Hygieneausstellung zu Dresden 1911 von Rabbiner Dr. Grunwald heraus¬ 
gegebenen Werke, „Die Hygiene der Juden“ hervor, das nur einen kleinen 
Ausschnitt aus den gesundheitlichen Lebensanschauungen und Lebens¬ 
sitten bietet. Insbesondere harrt hier noch das pädagogisch und hygie¬ 
nisch bewundernswert hochstehende Werk des Rabbi Josef Karo, der 
Schulchan Aruch, der aus den beiden Turim fortentwickelt ist, seiner 
vollständigen Uebersetzung. Ausserdem hat selbstverständlich in jedem 
Lande der Stand der Volkswirtschaft die Ernährung und Fortpflanzung 
der Juden stark beeinflusst. In einer Zeit als es noch keine Eisenbahnen 
und Dampfschiffe gab, als das heute so vollkommen ausgebildete Ver¬ 
kehrswesen noch nicht existierte, als die Lebensmittel des betreffenden 
Landes an Ort und Stelle produziert und konsumiert wurden, richtete 
sieh die Ernährung der Juden nach den Landessitten, sie waren die 
Woche über Vegetarianer (Minnignahrung) und es wurde nur zum 
Sabbath oder höchstens zweimal in der Woche Vieh geschlachtet. An 
Küstenplätzen bildeten in Ermangelung der Viehzucht, Fische ihr Haupt¬ 
nahrungsmittel, ebenso wie bei der Bevölkerung des Landes. Die Er¬ 
nährungsart des jüdischen Proletariats in Osteuropa ist uns in einem be¬ 
sonderen Kapitel des von Nossig herausgegebenen Buches „Jüdische Sta¬ 
tistik“ geschildert. Je mehr die Nahrungsmittel Waren des Weltmarktes 
geworden sind, um so mehr beeinflusst ihre Preissteigerung die Volks¬ 
emährung in ungünstigem Sinne, indem sowohl minderwertige oder ver¬ 
dorbene Nahrangsmittel in grosser Zahl vertrieben werden — man denke 
an die Verwässerung der Milch in den Großstädten — indem andrerseits 
das animalische Ei weiss verteuert und an dessen Stelle schlechtere Fleisch¬ 
sorten oder überhaupt Surrogate der Eiweissnahrung konsumiert werden. 
Da die soziale Pathologie der Volksernährunug noch sehr wenig bearbeitet 
worden ist, so kann es nicht wunderaehmen, wenn die Frage: Wie 
spiegelt die Statistik die Störungen der Volksernährang wieder? herzlich 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


schlecht zu beantworten ist. Da es sich hier oft genug um gutartige, 
nicht zum Tode führende Krankheiten handelt, so lässt sich deren Aus¬ 
breitung aus Mangel einer direkten Krankheitsstatistik nicht er¬ 
kennen. Indessen besteht aber zwischen Ernährung und Fortpflanzung 
ohne Zweifel in mancher Beziehung ein ursächlicher Zusammenhang und 
dieser lässt sich statistisch nachweisen. In denjenigen Ländern nämlich, 
in denen es eine staatlich geduldete Prostitution gibt, und das sind die 
meisten Kulturländer, ist zu erwarten, dass die Verteuerung der Er¬ 
nährung eine Heraufsetzung des Heiratsalters bei den Männern und eine 
Beschränkung der Kinderzahl zur Folge hat. Das gilt aber nur für eine 
bestimmte Zeit. Es wird nämlich, wenn auch die Nahrungmittel wieder 
billiger werden, sobald diese sexualpathologischen Sitten zur Gewohnheit 
werden, nicht so leicht der status quo ante inbezug auf Heiratsalter und 
Kinderzahl hergestellt werden. 

In den andern Ländern, in welchen dem heiratsfähigen jungen 
Manne die Möglichkeit zum Geschlechtsverkehr nur durch eine legitime 
Ehe gegeben ist, drücken die steigenden Preise der Ernährung in anderer 
Hinsicht auf die Bevölkerung, sie drängen zur Auswanderung, eine 
Wirkung, die auch bei den Kulturvölkern vor der Einführung der Ver¬ 
kehrserfindungen erzielt wurde: es beschränkte die natürliche Volks¬ 
vermehrung den Ernährungsspielraum. 

Diejenige Methode, welche in Zukunft berufen ist, eine durch¬ 
greifende Kritik der medizinalstatistischen Ergebnisse zu liefern, ist das 
Studium einzelner Familien, ihrer Aszendenz und Deszendenz in medi¬ 
zinischer Beziehung. Sie ist berufen, die denkbar exakteste Basis für 
das Studium der Todesursachen und Krankheiten einer bestimmten Be¬ 
völkerungsschicht abzugeben, die Medizinalstatistik in eine Medizinal¬ 
kasuistik umzuwandeln. Bisher wurde die Beschreibung jüdischer Fami¬ 
liengeschichten und Stammbäume zu genealogischen, biographischen und 
historischen Zwecken viel in Anwendung gebracht. Auch für den Zweck 
der Eheschliessung wird in den Kreisen, welche noch auf den Jichus 
(Ahnenstolz) Wert legen, die genaue Kenntnis der Familiengeschichte 
beider Ehegatten vorausgesetzt. 

Der Berliner Augenarzt A. Crzellitzer hat uns gelehrt, wie die 
Sippschaftstafel für die Zwecke der Vererbungsforschung zu verwenden 
ist. (Vortrag in der Ges. f. soz. Mediz. am 5. Nov. 1908, Med. Re¬ 
form 1908 Nr. 49). Für jedes einzelne Mitglied der Sippschaftstafel 
muss ein und dasselbe Konstitutionsformular (Ztschr. f. Versicherungs¬ 
medizin 1909) ausgefüllt werden. Neuerdings hat Crzellitzer vor¬ 
geschlagen, die in Berlin und anderen Städten üblichen Familien¬ 
stammbücher zu medizinischen Eintragungen der Familienmitglieder zu 
benutzen. Da aber in absehbarer Zeit ein Zwang zu derartigen Ein- 


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H. L. Eisenstadt 


tragungen nicht wird durchgeführt werden können, so empfiehlt sich hier 
eine freiwillige Mitarbeit. Insbesondere könnten die jungen Juden 
durch Einsendung von Mitteilungen über ihre Familien an eine zu grün¬ 
dende Zentralstelle hier der Forschung wichtige Dienste leisten. 

Nur kommt es nicht darauf an, möglichst viele, sondern möglichst 
exakte Daten zu erhalten. Aus diesem Grunde muss man sich mit einem 
Minimum der Fragen begnügen, z. B. mit dem Alter und Todesursachen 
der (Urgro8seltern) Grosseitem, Eltern, ferner mit der vollständigen 
Geschwisterzahl, mit der Angabe, welchen Platz in der Geschwister¬ 
reihe (Erst-, Jüngstgeborener usw.) der Antwortende einnimmt, 
ferner mit der Berufsart, Zivilstand, Alter der Eheschliessung und 
Kinderzahl der aufgezählten Personen etwa nach folgendem Schema: 

□—O O -o 

Grosseltern des Vaters Grosseltern der Mutter 

I I 

□ Vater O Mutter 



□ O □ O O O 

1 2 3 4 5 6 



ODO Männlich =□; weiblich = O 

Man sieht daraus, ob in der Deszendenz das erreichte Lebensalter 
ab- oder zunimmt und kann nun weiter verfolgen, ob in der Lebensweise, 
erste und zweite Generation, wesentliche Differenzen zeigen, ob die 
Kindersterblichkeit in der zweiten und dritten Generation, gemessen nach 
der Geschwisterzahl ab- oder zunimmt u. a. m. Es kommt weniger dar¬ 
auf an, die ganze Vererbungsmasse einer Sippschaft kennen zu lernen 
und darin zu studieren, ob bestimmte Krankheitsanlagen vielleicht nach 
den M e n d e Ischen Regeln vererbt werden, sondern es ist wichtiger fest¬ 
zustellen, ob in der Deszendenz die Generationen eine steigend schlechtere 
Qualität zeigen, ob in der Kindheit bereits Entartungserscheinungen 
oder im mittleren Mannesalter durch sozialpathologische Einflüsse vor¬ 
zeitige Invalidität oder Tod auftreten. Man erhält auf diese Weise 
immerhin genaue Angaben über bestimmte Krankheiten, nämlich über To¬ 
desursachen, welche in der Regel diagnostisch zuverlässiger sind, als sonstige 
Krankheiten, weil eben bei jenen der Tod erfolgt. Sollen noch Ein¬ 
tragungen sonstiger Krankheiten erfolgen, so bedürfen diese der Be¬ 
glaubigung durch den behandelnden Arzt, was natürlich kostspielig ist; 
aber die alleinigen Angaben der Angehörigen sind für Krankheiten nicht 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


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zu verwerten, weil diese Angaben eben von Laien, nicht von Aerzten 
stammen. 

Gehen wir nun auf die einzelnen Bausteine ein, aus welchen die 
Methodik der jüdischen Krankheitsstatistik sich zusammensetzt, so ist 
zunächst zu erwähnen, dass eine direkte Krankheitsstatistik, ab¬ 
gesehen von den Volkszählungen, Krankenhaus- und Krankenkassen¬ 
statistiken noch nicht existiert und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, 
weil die Kosten der dazu erforderlichen ärztlichen Begutachtung nicht 
bestritten werden können. Man muss sich mit indirekten Schlüssen be¬ 
gnügen, wenn man das Tatsachenmaterial der medizinischen Statistik 
betrachtet, und darf selbstverständlich nicht vergessen, dass die indirekte 
niemals eine direkte Analyse vollständig ersetzen kann. Ganz exakt ist 
zunächst die Zählung der Gestorbenen und ihre auf 1000 Lebende be¬ 
zogene Relativberechnung. Diese Methode wird auch in der älteren Sta¬ 
tistik Glaubwürdigkeit beanspruchen, wenn z. B. aus einer Stadt über 
die Sterblichkeit nach Konfessionen berichtet wird. Zweifellos haben 
hier schon die älteren Statistiker die Tatsache der Mindersterblichkeit der 
Juden erkannt. (Vergl. meinen Aufsatz, Fortschritte der Medizin 1912, 
über die Mindersterblichkeit der Juden). Zu einer näheren Erkenntnis 
dieser Tatsache ist aber eine Aufteilung nach dem Alter, nach Säuglings-, 
Kindesalter (bis zu 20 Jahren), mittleren Altersklassen (20—50) und 
Greisenalter erforderlich. Eine dankenswerte, fleissige Arbeit über die 
Sterblichkeit der Juden in den verschiedensten Ländern hat Felix 
A. Theilhaber in der „Hygiene der Juden“ S. 113—156 veröffentlicht. 
Leider ist in dem bisher bekannten Material nur ein Teil der Arbeiten 
mit Berücksichtigung der verschiedenen Altersklassen abgefasst worden. 
Man muss sich dann begnügen, wie das auch Theilhaber getan hat, 
Sterbe- und Geburtenziffer gegenüberzustellen und z. B. darauf hin- 
weisen, dass vielfach trotz starker Geburtenziffer die Sterblichkeit der 
Juden gering war. Implicite ist in dieser Gegenüberstellung bereits die 
geringe Säuglings- bezw. Kindersterblichkeit der Juden ausgedrückt, weil 
wir bekanntlich wissen, dass die Säuglingssterblichkeit einen hauptsäch¬ 
lichen Prozentsatz der Gesamtsterblichkeit liefert. Die Säuglingssterblich¬ 
keit braucht nicht immer, wenn sie hoch ist, ein pathognomisches Zeichen 
zu sein, namentlich wenn die Geburtenziffer hoch ist, wie andrerseits 
die niedrige Säuglingssterblichkeit bei niedriger Geburtenziffer keines¬ 
wegs immer als physiologische Erscheinung gelten darf. Erstere kann 
nicht als Degenerationszeichen gelten, wenn bei mangelnder Hygiene, 
ungesunden Wohnungs- und Ernährungsverhältnissen, Infektionskrank¬ 
heiten (Malaria, Pocken u. a.) auch kräftige Kinder hinweggerafft wer¬ 
den; letztere kann in ihrer Wertung als Degenerationszeichen erkannt wer¬ 
den, wenn die Kinder über die Pubertätszeit hinaus aufgezogen werden 
und erst im jugendlichen oder Mannesalter ihrer angeborenen Konsti- 


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tutionssehwache erliegen. Erst jenseits des Säuglingsalters verdient die 
Mindersterblichkeit unsere besondere Aufmerksamkeit. Wenn z. B. bei 
zwei Konfessionen die Kinderbesetzung in dem Zeitraum der Unter¬ 
suchung annähernd gleich oder bei den Juden grösser und dennoch deren 
Sterblichkeit geringer ist, so kommt hier die Wohlhabenheitsverschieden- 
heit als Ursache der Mindersterblichkeit nicht in Betracht; das wäre viel¬ 
mehr der Fall bei geringerer Kinderzahl der Juden, sondern hier müssen 
die dem Kindesalter eigentümlichen Kinderkrankheiten, besonders Diph¬ 
therie und Scharlach bei gleicher Wohndichtigkeit die gleiche Zahl von 
Sterbefällen bewirken, es würde also eine bessere Konstitution bei den. 
Juden resultieren, die bei diesen Krankheiten eine grössere Widerstands¬ 
fähigkeit verleiht. Welche Ursachen erzielen nun diese bessere Konsti¬ 
tution? Wenn wir, wie Theilhaber und andere Autoren sagen, die Minder¬ 
sterblichkeit ist eine Eigenschaft der Rasse, so gelangen wir nur 
scheinbar zu einer Erklärung, in Wirklichkeit zu einer Tautologie, 
zu einem Worte und nicht zu einem klaren Begriffe. Eher gelangen wir 
zu einer Erklärung, wenn wir die Todesursachenstatistik zu Rate ziehen. 
Z. B. zeigen in der von S. Rosenfeld bearbeiteten Wiener Statistik die 
jüdischen Kinder eine so auffällige Mindersterblichkeit an Tuberkulose, 
dass wir uns vorstellen können und müssen, wie der Minderkonsum der 
jüdischen Eltern an alkoholischen Getränken, ferner auch die rituelle 
Ernährungsart Immunität schaffen. Letztere wirkt insofern günstig, als 
der kindliche Darm nicht mit schwerverdaulichen Fleischsorten bepackt 
wird, sondern im Gegenteil durch leichtverdauliche Speisen vor schweren 
Ernährungsstörungen, welche die intestinale Tuberkulose begünstigen, 
bewahrt bleibt. 

Den Vergleich der Erwachsenen bei Juden und Nichtjuden in der 
Sterblichkeit hindern zwei Momente, einmal die Wanderung und zweitens 
die Berufsverschiedenheit. Die Abwanderung jüdischer Männer ist in 
manchen Ländern so stark, dass eine gleiche Besetzung gleicher Alters¬ 
klassen, das ist die Voraussetzung des Vergleiches, nicht gegeben ist. 
Methodisch richtiger ist es dann, einen und denselben Berufszweig bei 
Juden und Nichtjuden zu beachten. Haben die Juden bei dieser Ver¬ 
gleichsart eine Mindersterblichkeit, so wird man auch hier insbesondere 
an ihren geringeren Alkoholismus denken, welcher bekanntlich den Haupt¬ 
grund für die geringere Gesamtsterblichkeit der Frauen gegenüber den 
Männern bietet. 

Wiederholt beobachtet und unbestritten war früher (oder ist noch?) 
die Mindersterblichkeit der jüdischen Greise, eine Erscheinung, für welche 
die Todesursachenstatistik wiederum zu einer Erklärung führt. Er¬ 
gibt sich nämlich, wie das in Budapest beobachtet ist, eine Minder¬ 
sterblichkeit in allen Todesursachen trotz stärkerer Besetzung dieser 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


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Altersklassen, so muss auch hier an die hygienisch verbrachte Jugend 
und an den Schutz der rituellen Ernährung als Ursachen gedacht werden. 

Die Todesursachenstatistik ist entsprechend der Entwicklung der 
wissenschaftlichen Medizin und der Begutachtung Verstorbener durch 
Aerzte eine in der Neuzeit besonders ausgebildete Methode der medizi¬ 
nischen Statistik geworden. Gemäss der Ausbildung der praktischen 
Aerzte vermag sie auch, zumal der behandelnde Arzt des Kranken in ihr 
zu Worte kommt, den Anspruch auf Exaktheit bis zu bestimmten Grenzen 
erfüllen. Ihre Grundlage ist bekanntlich der Totenschein, der aus einem 
persönlichen, von den Angehörigen zu beantwortenden — darunter auch 
die Frage nach der Konfession — Teile und einem medizinischen, vom 
Arzte auszufüllenden Teile besteht. Die Grenzen des Totenscheines und 
damit auch der Verwertung desselben liegen darin, dass es sich um ein 
abgkürztes ärztliches Gutachten handelt, welches oft nur mit Schwierig¬ 
keiten die Fragen nach der Grundkrankheit und der hinzutretenden töd¬ 
lichen Komplikation beantworten kann. Da im Grunde oft zwei, oft 
auch vier und fünf Krankheitszustände kurz vor dem Tode bestanden, so 
müssten diese in 2, 4, 5 verschiedene Todesursachengruppen aufgenom¬ 
men werden, was zumeist nicht erfolgt, da eben Statistiker, nicht Aerzte 
in den statistischen Aemtem sitzen. Ferner sind die Todesursachen nur 
Stichproben der Krankheiten, die tödlich verlaufen; die geheilten Krank¬ 
heiten werden von dieser Methode nicht erfasst. Auch die Krankheiten, 
welche ihren Träger aus der Gesellschaft ausstossen, Geisteskrankheiten 
und Gebrechen werden durch diese Methode nicht berührt (sie erscheinen 
allerdings in den besonderen diesbezüglichen Zählungen). Diese Grenzen 
legen die Notwendigkeit dar, die Resultate dieser Untersuchungsarten zu 
korrigieren, bzw. durch kasuistische Forschung nachzuprüfen. 

Diese Methode, bisher hinsichtlich der Juden nur von wenigen 
Statistikern angewandt, ergibt nun auf der einen Seite eine auffallende 
Mindersterblichkeit in den einen Todesursachen, in anderen eine merk¬ 
würdige Mehrsterblichkeit. Zu ersteren gehören besonders die Tuber¬ 
kulose der Kinder und Erwachsenen und die Lungenentzündung, zu 
letzteren Krebs, chronische Nierenentzündung und Zuckerkrankheit. 
Die Mindersterblichkeit der Juden an Tuberkulose ist darum so auf¬ 
fällig, weil bekanntlich die Lehre von der Verbreitung der Tuberkulose 
auf dem Wege der Einatmung gegenwärtig als herrschende Ansicht zu 
bezeichnen ist. Da besonders die Ueberfüllung und unhygienischen Zu¬ 
stände der Proletarierwohnungen (Mangel an Desinfektion) der Aus¬ 
breitung dieser Krankheit förderlich sein sollen, so ist es merkwürdig, 
dass die Juden in Krakau und Lemberg, wo ein zahlreiches Proletariat 
unter ihnen vorhanden war und ist, hier eine Mindersterblichkeit auf¬ 
weisen. Von je 100 gleicher Konfession starben in Krakau an Tuber¬ 
kulose 1887—90 23,1 Christen, 10,7 Juden, 1891—95 20,6 Christen, 


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10,7 Juden, 1896—1900 23,1 Christen, 11,3 Juden. In Lemberg 1897 bis 
1899 23,7 Christen, 14,9 Juden, 27,5 Christen, 16,7 Juden. Nun könnte 
man denken, der mangelnde Alkoholismus bewirke hier ein geringeres 
Absterben, ebenso wie bei Lungenentzündung. Allein man wird doch 
wieder auf die intestinale Entstehung der Tuberkulose und geringere 
diesbezügliche Intestinalerkrankungen der Juden (rituelle Ernährung) ge¬ 
drängt, wenn man betrachtet, wie in der Bremer Statistik (Dr. J. Funk 
1911 Nr. 1) die Frauen des Mittelstandes von 30—60 Jahren Lungen¬ 
tuberkulose als Haupttodesursache zeigen. 

In London und New York ist bei den Juden eine bisher noch un¬ 
erklärte Mehrsterblichkeit der Juden an Tuberkulose beobachtet und 
von Hoppe auf die Einwanderung mit armen Juden des Ostens zurück¬ 
geführt worden. Nun besteht diese Einwanderung doch schon Jahrzehnte. 
Man müsste den Zivilstand der Einwanderer ermitteln und sehen, ob 
derselbe sich in neuester Zeit geändert hat, und mehr Junggesellen und 
unverheiratete Mädchen einwandern. (Vergl. Soziale Hygiene d. Juden 
im Handwörterb. d. soz. Hygiene, Leipzig 1912). Die unbestrittene, 
in Wien von Rosenfeld festgestellte Mehrsterblichkeit an Krebs, Zucker¬ 
krankheit und chronische Nierenentzündung ist geeignet, auf die Aetio- 
logie dieser Krankheiten Licht zu werfen. In mancherlei Beziehung be¬ 
stehen zwischen ost- und westeuropäischen Juden in der medizinischen 
Statistik diametrale Gegensätze und da fügt sich diese Mehrsterblichkeit, 
die auch für das weibliche Geschlecht charakteristisch ist, also vom 
Alkoholismus unabhängig ist, in das Bild der Krankheitsstatistik der 
westeuropäischen Juden ein. Es gehört hierzu die Krankheit, welche die 
Aerzte bis vor kurzem als rassepathologisch, als der jüdischen Rasse 
eigentümlich angesehen haben, der Diabetes. Heftige Fehden sind darum 
geführt worden, ob der Diabetes bei den Juden häufiger als bei den 
Nichtjuden ist, schliesslich hat man sich durch Pollatscheks Beweis¬ 
führung (Zur Aetiologie des Diabetes mellitus Zschr. f. klin. Med. 1901 
S. 478) überzeugen lassen, dass er bei den Juden nicht häufiger ist und 
hat die gegenteilige Ansicht als antisemitisch erklärt! Und das geschah 
vor allem, weil die ärztliche Statistik, auf die wir noch unten eingehen 
werden, die Aerzte verwirrt und von der Betrachtung der medizinischen 
Statistik abgelenkt hat. Auch das mangelnde Studium der Todes¬ 
ursachen bei den Lebensversicherungsgesellschaften hat zu dieser Ver¬ 
wirrung beigetragen. Hier hätten die Aerzte lernen können, dass zahl¬ 
reiche Personen ohne Zucker und Eiweiss im Urin aufgenommen werden 
und späterhin an Zuckerkrankheit und chronischer Nierenentzündung 
sterben. Folglich müssen diese Personen eine dieser Affektionen e r- 
worben haben, oder ihre erbliche Anlage muss im späteren Mannes¬ 
alter ans Licht treten. Hätten die Aerzte die Todesursachenstatistik 
einer Großstadt studiert, die doch gleiehmässig alle Einwohner umfasst, 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


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nicht wie die ärztliche Statistik einen Teil der Kranken, so hätten sie 
z. B. aus den Zahlen über Frankfurt a. M. diese Mehrsterblichkeit der 
Juden zugeben müssen. Aber sie wären dann auch auf die Suche nach 
anderen Ursachen, als nach der nichtssagenden „Rassepathologie“ aus¬ 
gegangen. Wie kann denn eine Rasse, die durch ihre Langlebigkeit 
geradezu vor den anderen Rassen ausgezeichnet war, plötzlich patho¬ 
logisch werden? 

Heute hat sich die physiologische und klinische Forschung einen 
Weg ausgesucht, der zwar noch im Stadium des Experiments und der 
Hypothese sich befindet, der uns aber in absehbarer Zeit eine Lösung 
des Rätsels zu geben verspricht, das ist die Lehre von der inneren Sekre¬ 
tion der Drüsen, die namentlich durch psychische Einflüsse schwer ge¬ 
schädigt werden kann. Hypophyse, Thymus, Bauchspeicheldrüse, Nieren, 
Prostata lenken diesbezüglich die Aufmerksamkeit der Kliniker und 
Physiologen auf sich und es kann nicht mehr als ketzerische Ansicht be¬ 
trachtet werden, dass der Diabetes als Folge von Störungen des Ge¬ 
schlechtslebens entstehen kann. (Yergl. A. Lorand „Die Zuckerkrankheit“ 
Wien 1910 und „Die rationelle Ernährungsweise“ Leipzig 1911). Hier¬ 
bei möchte ich auf die Vorliebe der emanzipierten Juden für Süssigkeiten 
eingehen. Um den mannigfachen im Leben ausgelösten Unlustempfin¬ 
dungen zu begegnen, greifen sie vielfach nicht in der Zahl zum Sorgen¬ 
brecher Alkohol wie ihre Wirtsvölker. Auch die natürliche Befriedigung 
des Sexualtriebes ist ihnen aus den dargelegten Ursachen beschränkt. 
So kehren sie zu den Gefühlen der kindlichen Autoerotik zurück und 
empfinden Lust an Süssigkeiten, mit denen ihre Mutter sie im Kindes¬ 
alter befriedigt hat. Diese Neigung ist bei ihnen so stark, dass man dar¬ 
aus eine Disposition zum Diabetes hergeleitet hat. Tatsächlich liegt aber 
hier nur ein post hoc nicht ein propter hoc vor. Eine und dieselbe Ur¬ 
sache erzeugt sowohl psychopathologische als somatische Wirkungen. 
Eben wegen der Kindesliebe, die noch heutigen Tages den Juden unaus¬ 
rottbar ist, besteht bei den Juden Westeuropas eine ebenso grosse ökono¬ 
mische Not, als bei denen Osteuropas. Auch für jene bestehen Sperre 
ganzer Berufe, Unterdrückung aller Art, selbst in den freien Berufen, 
und auch jene wollen nun, einmal wegen ihrer fast abnormen Kinder¬ 
liebe, dass ihre Kinder die von ihnen erreichte soziale Stufe festhalten 
oder noch emporsteigen, keineswegs eine niedrigere soziale Stelle ein¬ 
nehmen sollen. Bei den osteuropäischen Juden bildet Auswanderung zum 
Teil auch Unterstützung durch die Opferwilligkeit ihrer wohlhabenden Brü¬ 
der den Regulator der ökon. Not und bei den westeuropäischen Juden wird, 
eben um wirtschaftliche Verbesserung zu erreichen, ein seelisches Opfer 
gebracht: den Regulator bildet hier die sexuelle Abstinenz, das Zölibat, die 
späte Heirat, das Zweikindersystem, die Unterlassung der Wiederverhei¬ 
ratung bei den Witwern, der Verkehr mit einer Prostitution, bei welcher 


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der Geschlechtsverkehr Spiel ist und nicht zur Befruchtung führt, ein 
Regulator, der für das weibliche Geschlecht — zumal in anbetracht der 
Mischehen jüdischer Männer — noch drückender sein muss als für das 
männliche. Zu den noch so wenig erforschten Zölibatkrankheiten, das 
sind durch psychische, namentlich sexualpsychische Erregungen hervor¬ 
gerufene Erkrankungen, gehört diese Mehrsterblichkeit an, Krebs, Zucker¬ 
krankheit, chronischer Nierenentzündung. 

Dieser statistische Wegweiser zur richtigen ätiologischen Forschung 
wurde von den Aerzten nicht erkannt. Diese verwenden die Statistik 
z. B. um den Erfolg eines Heilmittels, einer neuen Erfindung auf dem 
Gebiete der Therapie, darzutun. Oder sie geben auf Grund der von 
ihnen beobachteten Krankheitsfälle ein Bild, wie sich einzelne Krank¬ 
heiten prozentual in ihrer Klientel aneinanderreihen. Nun ist auch eine 
vielfach angewandte Methode dieser „ärztlichen Statistik“, den Prozent¬ 
satz der Krankheiten ihrer Klientel nach verschiedener Berufsstellung 
und gerade auf unserem Gebiete nach Juden und Nichtjuden einzuteilen. 
So haben denn verschiedene Autoren gefunden: die Juden leiden häufig 
an Angina pectoris, Diabetes, Glaukom, Paralyse, Morbus Basedowii, 
Kurzsichtigkeit, Hysterie, Neurasthenie u. a. m. und wollten daher in 
einer Degeneration der Rasse die Ursche dieser Krankheiten finden. Der 
Fehlschluss dieser Methode liegt daran, dass diese Autoritäten meinten, 
die Verbreitung dieser Krankheiten in der Gesamt¬ 
bevölkerung entsprche der in der eigenen Klientel 
beobachteten Verbreitung. Nun häufen sich bestimmte 
Krankheiten bei einem Beobachter, während sie beim anderen seltener 
sind, so dass der Prozentanteil der Krankheitsfrequenz bei verschiedenen 
Aerzten ganz verschieden ausfallen muss und auch tatsächlich ausfällt. 
Aus dieser „ärztlichen Methode“ lässt sich nur ersehen, dass gewisse 
Krankheiten bei Juden und Nicht juden vorhanden sind, aber sie ist völlig 
ungeeignet, um aus ihr auf die Häufigkeit oder gar auf die Verbreitung 
dieser Krankheiten Schlüsse zu ziehen, dazu wäre die Summe aller ärzt¬ 
lichen Beobachtungen Voraussetzung. 

Aus demselben Grunde ist auch die Preussische Krankenhausstatistik 
nicht zu verwerten (vergl. deren Kritik von R. Schäffer. G. f. soz. 
Med. Sitzung vom 16. Febr. 1911, Med. Reform 1911 Nr. 6). Eine 
Krankenhausstatistik wäre — auch für die medizinische Statistik der 
Juden — wertvoll, wenn ihr alle, auch die privaten Heilanstalten, Kli¬ 
niken und Sanatorien unterworfen wären; es ständen dann ihr immer 
noch die in häuslicher Behandlung verbleibenden schweren Krankheits¬ 
fälle gegenüber, aber zu gewissen Schlüssen z. B. zwischen Krankheits¬ 
art, -dauer und Sterblichkeit oder Heilung könnte sie dann, besonders 
bei ausgiebiger Beantwortung der Spezialfragen im Sinne R. Schaffers, 
verwertet werden. 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


139 


Demgegenüber ist die Statistik der Irrenanstalten, obwohl sie nur 
das Krankenmaterial der staatlichen und städtischen Anstalten umfasst, 
sehr lehrreich, zumal sie eine Scheidung nach Beruf, Konfession, Heimat 
und erblicher Abstammung vornimmt; wünschenswert wäre auch die Ausdeh¬ 
nung dieser Erhebungen auf die ständig zunehmenden privaten Sana¬ 
torien. Hier handelt es sich in den Kulturländern um Kranke, welche 
in überwiegender Zahl in Anstalten, dagegen wenig in Familien belassen 
werden. Auch hier hat man den steigenden Zugang der Juden auf die 
Rassenpathologie bezogen, obwohl schon die Gegenüberstellung nach Be¬ 
lastung mit Geisteskrankheiten ergeben hat, dass viele jüdische Irre 
aus Familien stammen, in denen niemals Geisteskrankheiten vorgekommen 
sind. Es muss auch hier eine noch nicht erforschte, ursächliche Beziehung 
zum Sexualleben vorliegen, wie auch aus dem jüngst erschienenen Buche 
des Frauenarztes Bossi, („Die gynäkologische Prophylaxe bei Wahn¬ 
sinn“ Berlin 1912) der geisteskranke Frauen durch gynäkologische Be¬ 
handlung heilte, ersichtlich ist, während bekanntlich zurzeit die deut¬ 
schen Psychiater die krankmachende Wirkung der sexuellen Abstinenz, 
auch die Freudsche Sexualtheorie ablehnen. 

Die Erhebung der Zahl der Gebrechlichen (Taubstumme, Epileptiker, 
Blinde) erfolgt in den meisten Staaten direkt im Anschluss an die Volks¬ 
zählung. Lässt sich also deren Zahl exakt bestimmen, so geht aus dieser 
Methode die Ursache im einzelnen Falle nicht hervor. Weit zweck¬ 
mässiger wäre es, alle Gebrechlichen, einschliesslich der Geisteskranken, 
Idioten und Krüppel mit Hilfe einer medizinischen Personal- und Fami¬ 
liengeschichte zu verfolgen. Nur auf diesem Wege gelangt man zur 
richtigen Erkenntnis der in Betracht kommenden Ursache und besonders 
zur Entscheidung der für den Fortbestand der Kulturvölker fundamental 
wichtigen Frage, ob die Ursachen und damit der Umfang der Gebrechlich¬ 
keit in ständiger Zunahme begriffen sind. Es ist unbegreiflich, dass nur 
die K o s t e n in dieser Frage das einzige Hindernis der Ausführung 
dieses Vorschlages bilden. Eine besondere Zählung durch die deutschen 
Bundesstaaten im Jahre 1906 ergab das Vorhandensein von rund 
100 000 Krüppel unter 15 Jahren, von welchen 56 000 heimbedürftig 
waren. Auf je 10 000 Kinder gibt es 36 Krüppel. (Biesalski, „Die 
Entwicklung der neueren Krüppelftirsorge“. Gesellsch. f. soz. Medizin 
am 7. Dez. 1911). Grotjahn gibt als Stichproben einer Gebrechen¬ 
statistik an (Ges. f. soz. Med. 10. März 1910. Archiv f. soz. Hygiene 
Bd. VT Heft 1 S. 74), dass in Deutschland auf 100 000 der Bevölkerung 
300 Geisteskranke und Idioten, 150 Epileptiker, 200 Trunksüchtige, 
60 Blinde, 30 Taubstumme gezählt werden. Angesichts dieser Zahlen ist 
der Wunsch nach einer besonderen Erhebung auf Grund einer medizi¬ 
nischen Personal- und Familiengeschichte mit Hilfe der praktischen 
Aerzte wohl durchaus berechtigt. Man hat nun daraus, dass bei den 


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140 


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preussischen Juden die Zahl der Gebrechlichen ihren Frozentanteil an der 
Bevölkerung deutlich überschreitet, wiederum an die Rassedegeneration 
zur Erklärung gedacht, insbesondere hat man auf die Verwandtenheirat 
als eine hauptsächliche Ursache für die Häufung der Taubstummen, 
Blinden und Geisteskranken hingewiesen. Heute, wo bereits ein über¬ 
reiches Material von Beweisen für die Harmlosigkeit der Verwandten¬ 
heirat — besonders auch von P. Mayet an der Preussischen Statistik — 
mitgeteilt ist, muss diese Auffassung ad acta gelegt werden. Es ist auch 
anzuführen, dass in Russland trotz der dort nicht minder grossen Ver¬ 
breitung der Verwandtenehe unter den Juden deren Zahl der Gebrech¬ 
lichen noch keineswegs den Prozentanteil der Juden an der Gesamtbevöl¬ 
kerung erreicht. Auch hier dürften Schädigungen allein durch die Spät¬ 
ehe entstehen, welche eben erst aus der genauen Kasuistik der Gebrech¬ 
lichen zu ersehen sind. Der Begriff der Spiitehe besteht aus einem Kom¬ 
plex schädigender Faktoren: Syphilis, Alkoholismus des Erzeugers, un¬ 
zweckmässige Wahl der Gattin (Mitgiftehe), öfters auch das vorgerückte 
Alter eines oder beider Ehegatten, ferner noch unbekannte Schädigungen. 

In gewisser Beziehung bildet auch die Abnahme der Militärtaug¬ 
lichkeit einen Maßstab für die Kränklichkeit. Aus der Tatsache dieser 
Abnahme geht aber noch nicht die Kausalität hervor. So lange auch hier 
noch nicht die Familienforschung eingesetzt hat, müssen wir mit einer 
auf ärztlicher Erfahrung beruhenden Hypothese uns begnügen, nämlich 
dass ein Zusammenhang zwischen Stillfähigkeit der Mutter und Militär¬ 
tauglichkeit des Sohnes besteht. Diese Hypothese wird gerade durch 
die Gegenüberstellung der deutschen und russischen Juden — bei jenen 
der tiefste, bei diesen der höchste Stand der Militärtauglichkeit, bei jenen 
Abnahme der Stillhäufigkeit und Stillfähigkeit, bei diesen jetzt noch 
selbst in wohlhabenden Kreisen weit verbreitetes Selbststillen — ferner 
auch durch einen Rückblick auf die Militärtüchtigkeit der preussischen 
Juden in den Befreiungskriegen und auch noch im deutsch-französischen 
Kriege stark gestützt. Um die Ursachen der Stillunfähigkeit zu erfor¬ 
schen, hat bekanntlich der Physiologe von Bunge eine direkte Er¬ 
hebung veranstaltet, welche einerseits von den Aerzten ausgefüllt wird, 
also eine ärztliche Statistik darstellt, andererseits als eine Methode der 
Familienforschung sich erweist, insofern die Anamnese auch auf die 
Eltern zurückgeht. Eine bis jetzt schon umfangreiche Beantwortung 
dieser Umfrage hat in überwiegender Zahl ergeben, dass zwischen dem 
Alkoholismus des Erzeugers und der Stillunfähigkeit der Tochter ein 
ursächlicher Zusammenhang besteht; allein um die Bedenken gegen diese 
Methode zu entkräften, wäre eine vollständige Familienforschung eines 
abgegrenzten Rerufsstandes zweckmässiger, welche einerseits die Ver¬ 
erbung der Stillfähigkeit in den gesunden Familien, den Ausfall in den 
kranken veranschaulichen kann. Es handelt sich hier um eine Spezialfrage 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


141 


in der grossen Frage nach der Art der durch den Alkoholismus hervor¬ 
gerufenen Keimschädigungen; neben der Stillunfähigkeit bzw. vermin¬ 
derten Stillfähigkeit ist auch die Neigung zu Tuberkulose, Nervenleiden 
und Zahnkaries durch diese Familienforschung zu erweisen. 

An und für sich ist der Militäruntaugliche in Friedenszeiten nicht 
immer als kränklich zu bezeichnen. Er vermag durch vorsichtige Lebens¬ 
weise vor Erkrankungen sich zu bewahren und in seiner Berufsarbeit 
soziale Werte zu leisten. Allein wenn die anthropometrischen Bedin¬ 
gungen der Rekrutierung Jahre und Jahrzehnte unverändert bleiben, so 
ist die Abnahme der Militärtauglichkeit ein ungünstiges Zeichen für die 
Qualität einer Bevölkerung. Trifft dieser Rückgang für die Großstädte 
und besonders Berlin zu, so liegt es nahe, an eine Verschlechterung der 
Ernährung bei der heranwachsenden Generation zu denken. Hingegen 
lässt die Abnahme bei den Juden entweder auf eine schädliche Wirkung 
des Besuches höherer Lehranstalten schliessen, oder sie bedeutet, dass bei 
der Spätehe und dem Zweikindersystem gegenüber der vergangenen 
Früh-^ und Mehrkinderehe eine die anthropometrischen Bedingungen 
nicht mehr erfüllende, verschlechterte Nachkommenschaft eingetreten ist. 

Einer besonderen Zählung sind in den meisten Kulturländern die 
Selbstmordfälle zugängig, und es wird dem Statistiker eine Aufteilung 
derselben nach verschiedenen Ländern, Provinzen, Altersklassen, Berufs¬ 
kreisen ermöglicht. Da nun viele Aerzte, so auch Grotjahn, in seinem 
grundlegenden Werke „Soziale Pathologie“ (Berlin 1912, 539—544) von 
den ursächlichen Beziehungen zwischen Geisteskrankheit bzw. psycho¬ 
pathischer Konstitution und Selbstmord überzeugt sind, ist es erforder¬ 
lich, auf diesen Punkt näher einzugehen, um das diesbezügliche Kapitel 
der jüdischen Krankheitsstatistik richtig zu würdigen. Die Selbstmord¬ 
fälle und -versuche der Kinder können ebenso wie deren Kriminalität gar 
nicht anders gedeutet werden, als dass zahlreiche Personen mit angeborener 
psychopatischer Konstitution in den Kulturländern zur Welt kommen und 
auf leichtere oder schwerere Erregung mit Selbstmordversuch reagieren. In 
einer Altersklasse, in welcher die grösste Lebenslust geherrscht hat und 
herrschen muss, kann dieser Vorgang nur auf psychopathologischer 
Basis erfolgen. Ganz mit Recht sieht man daher die Kriminalität und 
Selbstmordfälle der Jugendlichen als einen Beweis für die Zunahme der 
psychopathischen Personen und Geisteskrankheiten an. Anders steht 
schon die Beurteilung des Selbstmordes in der Altersklasse 18—30 Jah¬ 
ren, bei den jugendlichen Personen nach der Pubertätszeit. Nehmen wir 
den Fall an, dass ein Mediziner nicht sein Staatsexamen besteht und sich 
deswegen das Leben nimmt, so kommt doch dieses Ereignis auch bei 
Menschen mit gesunder Psyche vor. Der Betreffende meint nicht weiter 
fortkommen zu können. Es ist begreiflich, dass er in eine niedere soziale 
Stufe nicht hinabsteigen will. In solchen Fällen liegt eine erworbene 


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Sozialpsychopathie oft vor, während von einer Psychopathie im medizini¬ 
schen Sinne nicht die Rede ist. Die Juden in Deutschland und nächst 
ihnen die Evangelischen stellen den stärksten Zugang zu den geistigen 
Berufen, sie haben daneben die höchste Zahl der Selbstmordfälle. Sie 
sind ein Beweis, wie mit der zunehmenden geistigen Arbeit eines Volkes 
die Selbstmordziffer steigt, weil eben die Selbstbestimmung (die erwor¬ 
bene Sozialpsychopathie) über das Leben mit dem Selbstbewusstsein 
der Gebildeten unzertrennlich ist. Und da zeigt uns eben die niedrige 
Selbstmordziffer der Juden im Ghetto und der Katholiken, dass man zur 
Verhütung und Eindämmung dieser Kulturkrankheit nicht auf kirch¬ 
liche Gebundenheit zurückzukommen braucht, wohl aber natürliche, 
menschliche Bindungen, die dem geistigen Arbeiter der Gegenwart unbe¬ 
kannt sind, schaffen muss. Die natürliche Sexualpsyche schafft eine 
unzerstörbare Sozialpsyche: das Zusammenleben zwischen Mann, Weib 
und Kindern der auf gegebenen Frühehe muss auf sozialem Wege wieder 
eingeftihrt werden, der alte Junggeselle, die alte Jungfer, die kinderlose Ehe 
aus der Gesellschaft verschwinden. Auch hier ist vielfach die Spätehe 
dasjenige Moment, welches sowohl für die zum Selbstmord disponierte 
junge Generation und die aus freiem Entschlüsse aus dem Leben schei¬ 
denden Erwachsenen die treibende Kraft abgibt. Lehrreich ist ja auch die 
Statistik von Rehfisch, die Grotjahn zitiert: 

Nach der Berufszählung von 1882 kamen auf 10 000 Berufsange¬ 
hörige Selbstmorde vor in 


Landwirtschaft, Viehzucht, Garten- 


Handel und Versicherungswesen . 

. 5,8 

und Weinbau. 

1,1 

Verkehrswesen. 

. 5,6 

Bergbau und Hüttenwerke .... 

1,6 

Persönliche Dienstleistungen . . 

. 5,1 

Metallindustrie .. 

3,2 

Erziehung und Unterricht . . . 

. 2,8 

Industrie der Nahrungs- und Genuss- 


Kunst, Literatur, Presse .... 

• 1,1 

mittel . 

4,8 

Kirche und Gottesdienst.... 

. 3,1 

Baugewerbe. 

4,0 

Staats- und Gemeindebeamte . . 

. 5,0 

Künstlerische Betriebe. 

3,2 

Stehendes Heer und Gendarmerie 

• 4,2 


Bereits damals hatten also Handels- und Versicherungswesen, so¬ 
wie Staats- und Gemeindebeamten eine auffallend hohe, im Gegensätze 
dazu der gefahrvolle Dienst an Bergbau und Hüttenwerken eine auffal¬ 
lend niedrige Selbstmordziffer, was unsere Ansicht von dem Einfluss 
der verschiedenartigen Sozialpsyche nur stützen kann. 

Die ärztlichen Statistiken Hellers, Ollendorfs, Gaupps, 
die auf pathologisch-anatomischem oder klinischem Wege einen starken 
Prozentteil von Geisteskrankheiten bzw. Gehirnveränderungen unter den 
von ihnen beobachteten Selbstmördern fanden, erstrecken sich auf ein so 
kleines Material, dass schon aus diesem Grunde der den Medizinern nahe¬ 
liegende Schluss auf den Zusammenhang zwischen Selbstmord und 
Geisteskrankheit keineswegs verallgemeinert werden darf. Zu diesem 
falschen Schlüsse gelangt man bei Ausserachtlassung der täglichen Er- 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


143 


fahrung und sozialpsychologischen Beobachtung. Leider wird es schwierig 
sein, auf dem Wege der medizinischen Personal- und Lebensgeschichten 
über diesen Punkt Klarheit zu gewinnnen, weil nur selten der Selbst¬ 
mörder und seine Abstammung von einem Psychiater begutachtet bzw. 
ausreichend lange beobachtet wird. 

Die Kriminalitätsstatistik ist, seitdem die Lehren Lombrosos 
einen Ausbau der Kriminalpsychologie angeregt haben, in mancher 
Beziehung für die Krankheitsstatistik zu verwenden. Beispielsweise wird 
man ärztlicherseits ohne Bedenken zugeben, dass die Häufung der 
Kriminalität bei den Jugendlichen auf eine Zunahme psychopathischer 
Personen schliessen lässt. Wir können uns nicht vorstellen, dass Dieb¬ 
stähle von Schälern irgendwie durch wirtschaftliche Notlage bedingt 
werden, sondern müssen diese Zuwiderhandlungen gegen die Disziplin 
und das Erziehungswerk auf eine angeborene psychopathische Konsti¬ 
tution zurückführen. Zunahme der Kriminalität der Jugendlichen be¬ 
deutet eine Vermehrung der sozial minderwertigen Personen, an denen 
die Pädagogik fruchtlos sich abmüht; sie bedeutet daher ebenso wie die 
Kindersterblichkeit und schweres Krüppeltum unter den Jugendlichen 
einen Ausfall des Nachwuchses. 

Anders steht es mit der Kriminalität der Erwachsenen. Vergehen 
gegen sanitätspolizeiliche Bestimmungen, Raub, Diebstahl und viele 
andere Arten der Kriminalität wird man nicht immer als Ausweise der 
Psychopathie deuten können, namentlich wenn das sittliche Niveau des 
Landes, der Mangel an Schulbildung, die Volksanschauung über diese 
Verbrechen eine andere Auffassung als die der Kulturvölker zutage treten 
lässt. Hier muss man selbstverständlich in der sozialpathologischen Ver¬ 
wertung der Statistik vorsichtig sein. 

Bemerkenswert ist für die Ghettojuden, überhaupt für die Juden, 
ihre geringe oder verschwindende Zahl gemeiner Verbrechen: Mord, 
Totschlag, Vergehen gegen die Staatsgewalt u. dgl., eine Eigenschaft, 
welche sie zur Kolonisation vorzüglich eignet. Derartige Verbrechen 
sollen z. B. bei der jüdischen Bevölkerung Palästinas überhaupt nicht 
Vorkommen. 

Es gibt aber einen Zweig der Kriminalität, der für die sozialpatho¬ 
logischen und Entartungserscheinungen wichtige Hinweise gibt, das ist 
die Sexualkriminalität. Man bedenke, dass in den früher mit Kindern 
und jugendlichen Erwachsenen beiderlei Geschlechts dicht besetzten jüdi¬ 
schen Gemeinden Deutschlands Sexualverbrechen nicht in nennenswerter 
Zahl vorgekommen sind, ein Beweis für die psychische Vollkommenheit 
und pädagogischen Erfolge der alten Juden. (Vgl. auch den früheren 
niedrigen Stand der unehelichen Geburten.) Wenn heute in den Bordellen 
Osteuropas und der Mittelmeerländer zahlreiche Jüdinnen Prostituierte 
sind, so dürfte das m. E. nicht auf eine psychopathische Prädisposition 


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144 


H. L. Eisenstadt 


zur Prostitution, sondern auf den dort meist ungehinderten Mädchen¬ 
handel und auf die aus verschiedenen Ursachen wirtschaftlicher Art, 
hauptsächlich wegen der Auswanderung heiratsfähiger junger Männer 
bedingte Ueberzahl junger Mädchen zurückzuführen sein. Ist ja auch ganz 
allgemein das Problem der Prostitution am wenigsten von dem einseitigen 
Standpunkte hereditärer Disposition erschöpfend zu beurteilen. 

In neuerer Zeit häufen sich bei den westeuropäischen Juden die 
Sexualdelikte. Beispielsweise haben die Juden in Deutschland für die 
Zeit 1899—1907 in den meisten Verbrechen eine geringere Kriminalitäts¬ 
ziffer als die Christen. Aber dieselbe beträgt bei den Juden für Kuppelei 
und Zuhälterei 8,8 (Christen 5,9), für Verbreitung unzüchtiger Schriften 
und Aergernis durch unzüchtige Handlungen 9,8 (Christen 4,5), für 
Beleidigung 130,7 (Christen 97,2), für Zweikampf 0,3 (Christen 0,1). 
(Aus „Ost und West“, August 1912.) Hier liegt nun die ursächliche 
Beziehung auf das vermehrte Vorkommen entarteter Personen ganz 
\ nahe. Um Klarheit zu bekommen, müsste man derartige Delikte kasu¬ 
istisch, mit Hilfe medizinischer Personal- und Lebensgeschichten weiter 
verfolgen. Sexologische Beobachtungen und Eröterungen haben indessen 
ergeben, dass auch hier erworbene Krankheitszustände der von Hause aus 
psychisch normal veranlagten Personen nicht zu unterschätzen sind. 
Namentlich dürfte es feststehen, dass sexuelle Perversionen durch 
sexuelle Abstinenz bedingt werden können (vgl. M. Marcuse, Die Gefah¬ 
ren der sexuellen Abstinenz für die Gesundheit, Leipzig 1910). 

Bei den westeuropäischen Juden besteht nun ein mannigfacher 
Zwang zur sexuellen Abstinenz. Für den jüdischen Akademiker ist 
die Gründung eines Hausstandes mit der wachsenden Zahl jüdischer und 
nichtjüdischer Anwärter immer weiter hinausgeschoben. Nicht allein zur 
späten Heirat ist er gezwungen, sondern auch die Wahl der Gattin ist für 
ihn beschränkt, sofern er nicht von Hause aus eigenes Kapital besitzt, 
dessen Zinsen er zu seinem Betriebseinkommen hinzufügen kann. Selbst 
bei anerkannter Tüchtigkeit erfährt er als Jude mannigfache wirtschaft¬ 
liche Zurücksetzungen, so dass er zur Mitgiftehe gezwungen wird, die 
übrigens auch bei den christlichen Akademikern und Beamten an der 
Tagesordnung ist. 

Eine Liebesehe ist für die zahlreichen jüdischen Akademiker prole¬ 
tarischer Herkunft schon in Rücksicht auf ihre zu versorgenden Kinder 
immerhin gewagt. Mutatis mutandis gilt das auch für den jüdischen 
Kaufmann und kaufmännischen Angestellten, wenn auch für diese wegen 
des Fortfalles der Repräsentationspflichten ein früheres Heiratsalter 
möglich ist. Vor 3—4 Jahrzehnten lagen diese Dinge für die geistigen 
Arbeiter überhaupt wohl viel günstiger; wenn eine Statistik hier durch¬ 
führbar wäre, so würde sich wohl von Jahrzehnt zu Jahrzehnt eine Zu¬ 
nahme der Miftgiftehen unter den geistigen Arbeitern ergeben. Viel trägt 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


145 


weiter bei den Juden zur Beschränkung der Kinderzahl die Rücksicht auf 
das gesundheitliche Wohl der Gattin und die Kindesliebe, die Sorge um 
das wirtschaftliche Wohl der Kinder bei, die, herangewachsen, als Juden 
eben denselben Unterdrückungen wie ihre Eltern ausgesetzt sein werden. 

Drängen derartige Erwägungen bei den Juden weit mehr als bei den 
Christen zur Beschränkung bzw. Unterdrückung des Geschlechtsverkehrs, 
so hat andererseits der Geschlechtstrieb bei gesunden jungen Männern 
die Tendenz, über diese wirtschaftlichen Erwägungen sich hinwegzu¬ 
setzen. Meist findet auch der junge Mann bei den Kulturvölkern, das ist 
in denjenigen Ländern und Städten, in welchen kein sozialer oder reli¬ 
giöser Zwang zur legitimen Frühehe mehr besteht, den Weg zur normalen 
Befriedigung des Geschlechtsstriebes bei Prostituierten oder geheimen 
Verhältnissen. Einige wenige bleiben oft unter schweren psychischen oder 
somatischen Schädigungen dauernd sexuell abstinent bis zur späten 
Verheiratung. Ein anderer Teil fällt früher oder später einem Verhält¬ 
nis, welches „sie nicht mehr los werden können“, und welches von einem 
Juden als Ehemann besonders gute Behandlung erwartet, zum Opfer: 
es wird eine Mischehe geschlossen. Besonders ist dieses der Fall, wenn 
das Verhältnis „nicht ohne Folgen“ geblieben ist. Ein dritter, vorsichtiger 
Teil bedient sich der Verhältnisse und geheimen Prostitution, so dass 
ihnen keine uneheliche Konzeption oder Geschlechtskrankheit wirtschaft¬ 
lichen und gesundheitlichen Schaden bringt mit Hilfe der Technik der 
Konzeptionsverhütung. 

Aus allen diesen Ursachen ergibt sich eine Wirkung: Beschränkung 
und Unregelmässigkeit des Geschlechtslebens und daraus wieder gewisse 
noch vom Psychologen und Arzte bisher zu wenig beachtete Störungen. 

So ist es klar, dass für zahlreiche jüdische Mädchen, da eben die 
jüdischen Männer spät heiraten oder Mischehen oder Mitgiftehen schlies- 
sen, wenn sie nicht ihrerseits die Mischehe vorziehen, der Zwang zum 
völligen Zölibat erwächst. Da aber beim gesunden Weibe der Trieb zur 
Mutterschaft etwas Natürliches ist, so sehen wir — allerdings immer noch 
in geringer Zahl — auch bei den jüdischen Mädchen ein Durchbrechen 
der sozialpsychologischen Schranken des Geschlechtstriebes, eine grössere 
Frequenz der unehelichen Geburten. Nach Theilhaber (Der Unter¬ 
gang der deutschen Juden. München 1911, Seite 76) trafen in Preussen 
im Verhältnis zur Geburtenzahl auf 100 jüdische Geburten uneheliche: 


1821/30 

0,5 . 

Die absolute Zahl dieser 
unehel. Geburten bei den 
Juden war: 

.... 31 

1891/95 

3,0 

Die absolute Zahl dieser 
unehel. Geburten bei den 
Juden war: 

. . . 237 

1831/40 

0,66 

.... 37 

1896/1900 

3,4 

. . . 259 

1841/50 

0,66 

.... 50 

1901/05 

3,4 

. . . 261 

1861/66 

1,2 . 

.... 102 

1906 

4,22 

. . . 324 

1881/90 

2,5 . 

.... 248 

1907 

4,22 

. . . 310 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 



10 


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14« 


H. L. Eisenstadt 


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Bekanntlich bewegt sich die eheliche Fruchtbarkeit der preussischen 
Juden — und das erhöht die Bedeutung dieser Zahlen — in absteigender 
Linie. 

Die uneheliche Geburt bleibt nicht die einzige Reaktion auf die 
sozialpsychologischen Hemmungen des Geschlechtetriebes. Wir können 
vielmehr hierher auch rechnen die Mischehen der Kinder streng orthodoxer 
Eltern: die Kinder wissen, welchen Schmerz sie ihren Eltern mit der 
Mischehe bereiten, können aber von dem einmal betretenen Wege nicht 
ablassen. 

Zu weiteren Beweisen der rein erworbenen Sexualkriminalität sind 
die Taufen derjenigen Personen, welchen bei genügendem Reichtum 
dieser Schritt nicht so aufgezwungen ist, wie bei den verfolgten russischen 
Juden. Hier geht die Sublimierung des Geschlechtstriebes, die Liebe zum 
Reichtum, zur Kunst, zum Liberalismus, zur Naturwissenschaft so weit, 
dass dieser dem Aussenstehenden — im Hinblick auf den Bruch mit der 
Elternliebe und dem, was den Eltern heilig war — kriminell erscheinende 
Schritt begangen wird. Hierauf wird man vor allem erwidern, ich greife 
das Recht auf die Freiheit der Ueberzeugung an. Treffender lässt sich die¬ 
sem Einwande nicht begegnen, als es Dr. Sakheim in der Jüdischen 
Rundschau 1912, Nr. 33, tut, in dem Artikel „Taufbazillen“: „Von zwei 
Töchtern eines jüdischen Kommerzienrats heiratet die eine in Berlin und 
wird protestantisch, die andere nach Wien und wird katholisch. Das 
umgekehrte Verhalten ist noch nicht vorgekommen. In Moskau schwär¬ 
men alte ausgewiesene Familienväter und junge Studenten für den grie¬ 
chisch-orthodoxen Glauben, die jungen Israelitinnen in Saloniki für die 
Lehre des Propheten, auf der Halbinsel Kamtschatka begeistern sich die 
Juden für die hohe Lehre Buddhas. Noch nie aber hat eine reiche Israeli¬ 
tin in Wien oder Paris ihr Heil in der evangelischen oder griechisch- 
katholischen Lehre gesucht. In Berlin hat noch nie ein junger jüdischer 
Rechtsanwalt für den Buddhismus oder den Katholizismus geschwärmt, 
sondern immer nur für die Lehre Luthers.“ 

Wahrscheinlich ist hier auch die Wurzel für die Häufigkeit der 
Beleidigungsprozesse bei den Juden zu suchen. Ohne die Freud sehe 
Sexualtheorie würde man hier fälschlich ebenso auf gänzlich degenerierte 
Personen fahnden, wie das ein bekannter Sexologe in bezug auf die von 
ihm bei den preussischen Juden häufig beobachteten sexuellen Perversionen 
getan hat. Vor solcher ätiologischer Einseitigkeit wird man nur durch 
die genaue Kenntnis der sexuellen Lebensgeschichten bewahrt. 

Ein Mittel gäbe es, ärzlich begutachtete sexuelle Lebensgeschichten 
der Medizin und Sozialwissenschaft zugänglich zu machen, die kasu¬ 
istische Bearbeitung der Ehescheidungsprozesse. Ganz zwecklose Arbeit 
bedeuten die Statistiken der Ehescheidungen, und weil sich die Zunahme 
der letzteren herausgestellt hat, ist eine Ehescheidungskasuistik drin- 


Qrigiraal from 

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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


147 


gend erforderlich, zumal die ärztliche Ausbeutung der Akten gar keine 
Schwierigkeiten machen dürfte. So würde sich ergeben, aus welchen 
Gründen Untreue der Ehegatten erfolgt und jüdische Ehen und Misch¬ 
ehen gelöst werden. 

Schliesslich sei noch für den ursächlichen Zusammenhang zwischen 
gestörtem Sexualleben und Kriminalität nachstehende Tabelle aufge- 
ftihrt, welche ich einem Hinweise von Herrn Dr. W endt, Bibliothekar 
am Preussischen Statistischen Landesamte verdanke. Starke gibt in 
seinem Buche „Verbrechen und Verbrecher in Preussen“ (Berlin 1884), 
Seite 218, eine Aufstellung über das prozentuale Verhältnis der von 
1855—1878 von den preussischen Schwurgerichten abgeurteilten Ange¬ 
klagten nach den Berufsverhältnissen. Und zwar sind folgende Berufs¬ 
groppen unterschieden: 

I. Arbeitsleute, Tagelöhner, Häusler und ähnliche Personen ohne 
bestimmten Erwerb; 

II. Dienstboten, Knechte und ähnliche Personen im Gesindever¬ 
hältnis; 

III. Gesellen und Gehilfen im Gewerbe, Fabrikation und Handel; 

IV. Selbständig arbeitende Handwerker; 

V. Handelsleute, Krämer und ähnliche Gewerbe; 

VI. Besitzer ländlicher Güter, Fabrikbesitzer, Grosshändler und 
Kapitalisten; 

VII. Beamte, Aerzte, Geistliche und sonstige Gebildete; 

VIII. Stand und Gewerbe unbekannt. 

Die Prozentsätze lauten für diese verschiedenen Groppen: 



I 

H 

in 

IV 

V 

vivnvm 

I 

n 

m 

IV 

V 

VI VH VIII 

1865 

68 

11 

13 

7 

3 

4 

3 

1 

1867 

50 

11 

17 

9 

5 

6 

3 

0 

1866 

62 

10 

11 

7 

3 

3 

3 

1 

1868 

53 

10 

15 

9 

5 

5 

3 

0 

1857 

55 

10 

14 

9 

4 

4 

3 

1 

1869 

51 

10 

15 

9 

6 

5 

3 

1 

1868 

49 

11 

16 

9 

5 

5 

4 

1 

1870 

48 

10,5 

17 

10,6 

5 

4 

4 

1 

1869 

51 

11 

16 

8 

4 

5 

4 

1 

1871 

51 

9 

17 

9 

5 

4 

4 

1 

1860 

60 

12 

16 

9 

5 

4 

3 

1 

1872 

49,2 

8,6 

18,3 

8,4 

5,8 

4,5 

4,6 

0,5 

1861 

53 

11 

15 

9 

4 

4 

3 

1 

1873 

48,6 

9,1 

20,0 

8,7 

5,6 

3,9 

3,8 

0,2 

1862 

49 

12 

16 

9 

6 

3 

4 

1 

1874 

50,0 

8,8 

17,7 

8,0 

6,2 

4,6 

4,2 

0,5 

1863 

46 

13 

16 

11 

6 

4 

4 

1 

1875 

47,2 

8,1 

19,7 

8,3 

7,1 

4,4 

4,7 

0,5 

1864 

47 

11 

17 

10 

6 

4 

4 

1 

1876 

47,1 

8,7 

18,7 

9,1 

7,6 

4,1 

4,4 

0,2 

1865 

46 

12 

18 

9 

6 

5 

3 

1 

1877 

45,4 

7,4 

20,5 

10 

7,3 

4,3 

4,6 

0,5 

1866 

48 

11 

18 

9 

5 

4 

4 

1 

1878 

44,7 

7,1 

20,2 

10,2 

8,5 

4,3 

4,6 

0,4 

Also 

nur I und II zeigen 

l einen 

Rückgang 

, während VI unverändert 

bleibt. 

m, 

iv, 

v, 

VII 

zeigen 

eine Zunahme: 

hier 

dringt 

zuerst 

die 


Spätehe ein. 

Von Wichtigkeit für die jüdische Krankheitsstatistik wäre auch die 
Zählung der künstlerischen Talente auf allen Gebieten der Kunst, ob 
deren Status in Zu- oder Abnahme begriffen ist. Die gegenwärtige Ver- 


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148 


H. L. Eisenstadt 


breitung der Juden unter den Künstlern beweist, dass die frühere Art der 
Fortpflanzung (Frühehe, Gattenwahl nach dem Jichus, Mehrkinder¬ 
ehe usw.) der Vererbung der Talente günstig war. Vielleicht trägt die 
Sublimierung des Geschlechtstriebes viel zur Wahl eines künstlerischen 
Berufes bei. Die Abnahme der Talente würde auf mangelnde Züchtung 
des Künstlertums — Spätehe, Geschlechtskrankheiten, Wahl einer un¬ 
künstlerischen Gattin, Kinderarmut — schliessen lassen. Bei den deut¬ 
schen Bühnenangehörigen stehen hinsichtlich der Abstammung schon jetzt 
die Theaterangehörigen an dritter Stelle (an erster Kaufleute, an zweiter 
Beamte). (Vgl. Dr. Charlotte Engel-Reimers: Die deutschen Bühnen 
und ihre Angehörigen. Leipzig 1911, Seite 694). 

Offenbar sind diese statistischen Methoden und ihre Ergebnisse in 
allen Ländern, in welchen die Juden überwiegend Kaufleute und Ange¬ 
hörige der freien Berufe sind, für die Krankheitsstatistik der geistigen 
Arbeiter überhaupt von grosser Wichtigkeit, so dass die beiderseitigen 
Ergebnisse zur gegenseitigen Erklärung herangezogen werden können, 
so besonders bei der Medizinalstatistik der Beamten. So zeigt die Sterb¬ 
lichkeit der deutschen Beamten niedrige Zahlen. (Prinzing, Handb. d. med. 
Statistik, Jena 1906). Man hat diese Eigenschaft auf die ärztliche Aus¬ 
lese und die Regelmässigkeit des Dienstes zurückgeführt. Bei näherem 
Zusehen aber ergibt sich, dass nicht die höheren Altersklassen, wie man 
erwarten müsste, sondern auffallenderweise die mittleren Altersklassen 
von dieser Sterblichkeit stark betroffen sind. Vergleiche meinen Aufsatz 
über die Sterblichkeit der Post- und Eisenbahnbeamten. Deutsche Nach¬ 
richten Nr. 99 und Nr. 104. Danach hatten 1909 bei den Gestorbenen 
der im Bureaudienst tätigen Eisenbahnbeamten 33% ein Alter bis zu 
50 Jahren erreicht (Ges. Sterblichkeit 9 Promille). In der äussem Abfer¬ 
tigung lauten diese Zahlen 56% und 5,6 Promille Ges.-Sterbl., in der 
innem Abfertigung 43,9% und 6°/ 00 , im Lokomotivdienst 59% und 3,l°/ 00 i 
in der Zugbegleitung 56% und 6,2°/ 00 , in der Bahnbewachung 52,9% 
und 6,3°/ 00 , im Werkstätten- und Maschinendienst 50% und 5,3°/ 00 , 1910 
bei den höheren Postbeamten 18,75% und 14,5°/ 00 , bei den mittleren Post¬ 
beamten 78% und 4,4°/ 00 , bei den Telegraphen- und Fernsprechbeamten 
66% und 5,6°/ 00 , bei den Post- und Telegraphengehilfinnen 100% und 
2,3°/ 00 , bei den Unterbeamten 76% und 4,4°/ 00 , bei den Landbriefträgern 
77% und 3,6°/oo- Ein ganz ähnliches Verhalten zeigen die preussischen 
Juden, bei denen trotz Abnahme der Geburtenziffer und Kindersterblich¬ 
keit die Gesamtsterblichkeit im Steigen begriffen ist: die als hygienische 
Errungenschaft gepriesene Verringerung der Sterblichkeit geht auf 
Kosten der mittleren Altersklassen vor sich, es muss in beiden Vergleichs¬ 
gruppen eine in den mittleren Altersklassen weit verbreitete Kränklich¬ 
keit vorhanden sein, die mit Sexualstörungen in ursächlichem Zusammen¬ 
hänge steht. Und wenn bei den Post- und Telegraphengehilfinnen der 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


149 


Prozentanteil der mittleren Altersklassen an der Sterblichkeit am höch¬ 
sten ist, so bieten die Berliner Jüdinnen eine analoge Erscheinung, indem 
sie 1903 eine höhere Sterblichkeit als die Christinnen aufweisen. Gleiche 
Ursachen, nämlich Berufstätigkeit und Zölibat der Frauen, erzeugen 
gleiche Wirkungen: steigende Kränklichkeit und Sterblichkeit der mitt¬ 
leren Altersklassen. Ganz ähnliche Ergebnisse liefert die Vergleichung 
der Todesursachenstatistik beider Gruppen. Aus den Sterbekarten der 
mittleren Postbeamten (Beiträge zu den Krankheiten der Postbeamten) 
ergibt sich, dass viele dieser körperlich dreimal vom Postvertrauensarzt, 
Militärarzt und Arzt der Lebensversicherungsgesellschaft untersuchten 
Männer ohne Zucker oder Eiweiss im Urin bei der Aufnahme gefunden 
und dennoch an Zuckerkrankheit oder chronischer Nierenentzündung 
gestorben waren. 

Noch mehr wird die „Lehre vom Zusammenhänge dieser Krank¬ 
heiten mit der Rassenpathologie“ durch die Sterbelisten des Preussischen 
Beamtenvereins Hannover ad absurdum geführt. (Ueber die Todes¬ 
ursachen der beim Preussischen Beamtenverein Hannover von 1903—1908 
im Alter von 31—50 Jahren verstorbenen Versicherten, Sexualprobleme 
1911). Hieraus geht mit aller Deutlichkeit hervor, dass es sich um 
erworbene Krankheitszustände handelt; die konfessionelle Statistik 
einer ganzen Stadt erfährt ihren Kommentar durch die Ergebnisse der 
Todesursachen dieser Lebensversicherten. 

Und weil sich hier trotz des Rückganges der Tuberkulosesterblich¬ 
keit von 1903—1908 ein Steigen der Gesamtsterblichkeit offenbart, so 
werden wir folgerichtig den Rückgang der Tuberkulose bei der wohl¬ 
habenden Bevölkerung und auch bei den westeuropäischen Juden nicht als 
hygienischen Erfolg deuten, wie es vielfach geschieht, sondern werden 
uns sagen müssen: dieser Rückgang kommt dadurch zustande, dass andere 
Todesursachen sich gewaltig vordrängen, so Syphilis, Krebs, Zucker¬ 
krankheit, Herzleiden u. a. Ein hygienischer Erfolg müsste mit einem 
Rückgänge der Gesamtsterblichkeit und der Sterblichkeit in allen Todes¬ 
ursachen begleitet sein, wie das bei den osteuropäischen Juden stellen¬ 
weise beobachtet ist. 

Die deutsche Reichspost- und Telegraphenverwaltung, ebenso auch 
die Preussisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft hat über ihre Beamten 
Krankheitsstatistiken mitgeteilt, an denen die geradezu enorme Verbrei¬ 
tung der Nervenkrankheiten auffällt. Kommt hier die berufliche Tätigkeit 
bei diesem wirklich ausgesuchten Menschenmaterial als Ursache in Be¬ 
tracht oder ausserberufliche Umstände: Störungen der Ernährung oder 
des Sexuallebens? Man sieht jedenfalls, auch hier führt die Heranziehung 
der Rassepathologie für die Verbreitung der Nervenkrankheiten unter 
den Juden zu einer falschen Erklärung, weil die amtlich für die Post- 


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150 


H. L. Eisenstadt 


und Eisenbahnbeamten mitgeteilten Zahlen das Ergebnis einer direkten 
Krankheitsstatistik sind, die bei den Juden noch nicht angewendet ist. 

Wenn erst die Berufsvereine und wirtschaftlichen Verbände diese 
direkte Krankheitsstatistik selbst in Angriff nehmen werden, dürfte sich 
noch weiteres Material über die Verbreitung und Ursachen dieser Nerven¬ 
krankheiten ergeben. 

Bemerkenswert ist schon heute, dass bei den Frauen der mittleren 
Postbeamten Unterleibsleiden die häufigste Krankheit abgeben (Fort¬ 
schritte der Medizin 1912). Ueber die Krankheiten der Kinder dieser 
Beamten, über Zahl und Ursache von Geisteskrankheiten, Selbstmord und 
Kriminalfälle, über die Verbreitung künstlerischer Talente zu forschen, 
ist eine künftige Aufgabe dieser Verbandsstatistik und -kasuistik, welche 
z. B. hinsichtlich der Familienforschung mit keinen beträchtlichen Schwie¬ 
rigkeiten zu kämpfen haben wird. 

Der Wert der medizinischen Statistik dieser und verwandter Berufs¬ 
kreise liegt einmal in der genauen Fragestellung, ob eine berufliche 
oder ausserberufliche Massenkrankheit vorliegt und ferner in der ärzt¬ 
lichen Auslese. Genügt die Konstitution bei der Aufnahme bestimmten 
ärztlichen Anforderungen, so tritt die Vererbung als Krankheitsursache 
in den Hintergrund gegenüber den sozial bedingten Störungen der Ernäh¬ 
rung, Wohnung und des Geschlechtslebens. Tod und Todesursache in den 
mittleren Altersklassen dieser Berufskreise kann eben nicht wie bei 
den Kindern und Jugendlichen mit angeborener körperlicher Entartung, 
die wahrscheinlich oft bei der ärztlichen Auslese des Kandidaten sich 
offenbart hätte, in ursächlichen Zusammenhang gebracht werden. 

Da aber auf die berufliche Tätigkeit die Häufung verschieden¬ 
artiger Todesursachen, wie ich in den Beiträgen zu den Krankheiten 
bei den Postbeamten betonte, nicht zurückgeführt werden kann, so stehen 
in ätiologischer bzw. sozialpathologischer Beziehung nur die Störungen 
der Ernährung, der Siedlung und des Geschlechtslebens zur engeren 
Wahl, während der Berufstätigkeit geistiger Arbeiter ebenso wie z. B. 
dem Alkoholismus die Rolle des ausschlaggebenden Faktors, des die 
Krankheit verschlimmernden — aber nicht bedingenden — Momentes 
verbleibt. 

Die richtige Abgrenzung der sozialpathologischen Faktoren, die Ent¬ 
scheidung, welchem derselben im Einzelfalle die eigentliche ursächliche Be¬ 
deutung zukommt, hängt ab einmal vom Stande der medizinischen Wissen¬ 
schaft überhaupt — z. B. ergibt jetzt die Wassermannsche Reaktion den 
unzweifelhaften wirklichen Zusammenhang einer Leberzirrhose, Aorten¬ 
aneurysma u.a.mit Syphilitischerinfektion — andererseits von der genauen 
Beobachtung des Einzel falles in Rücksicht auf die sozialpathologischen 
Faktoren (Medizinische Lebensgeschichte). So lange wir noch nicht im 
Besitze einer derartigen umfassenden Kasuistik sind, haben wir die 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


151 


Ergebnisse der medizinischen Statistik geistiger Arbeiter zu berücksich¬ 
tigen, und diese Ergebnisse sprechen, wie ausführlich dargelegt worden 
ist, stark für die ursächliche Bedeutung der Sexualpathologie, weisen auf 
die Notwendigkeit weiterer sexualpathologischer Forschung hin. Ins¬ 
besondere ist es von grösster Wichtigkeit, die Folgekrankheiten der 
Geschlechtskrankheiten und des Zölibats kennen zu lernen. 

Schon jetzt ersehen wir auf diesem Gebiete, dass die krankmachenden 
Wirkungen des Alkohols selbst bei gewohnheitsmässigem Genüsse leicht 
überschätzt werden können. Gewiss zeigen die Berufe, welche ihre Ange¬ 
hörigen zu Trinkern „erziehen“, eine höhere Sterblichkeit, als die nicht 
dem Alkoholismus ausgesetzten Berufe (vgl. Prinzing H. d. m. St., Seite 
477—81). 


Und so weisen auch die Post- und Telegraphenbeamtinnen von allen 
Gruppen des Postdienstes die niedrigste Sterblichkeit auf. Diese hindert 
aber nicht den bedeutenden Prozentanteil der mittleren Altersklassen 
an der Sterblichkeit und die auffallende Häufigkeit der Tuberkulose 
unter ihnen. Folglich ist der Alkoholismus nur ausschlaggebender Fak¬ 
tor, nicht die eigentliche Ursache ihrer Kränklichkeit. Zu demselben 
Resultate gelangt man bei dem Vergleiche der lebensversicherten Männer 
und Frauen. Wenn man also in Berufen, deren Vertreter ständig 
dem Alkoholismus ausgesetzt sind, eine auffallende Häufung von Krebs 
findet, so bildet der Alkoholismus nicht die Ursache, sondern bewirkt ein 
rascheres Absterben: er bricht die Widerstandsfähigkeit des ganzen Kör¬ 
pers, so dass dieser einer Infektions- oder Konstitutionskrankheit schnel¬ 
ler erliegt als des Enthaltsamen. Die Wirkungen des Alkoholismus sind 
zu sehen an der Differenz der Sterblichkeit und an Konstitutionsschädi¬ 
gungen der Nachkommen (besonders Idiotie, deren massenhaftes Auftreten 
bei den Kindern der deutschen Juden in der Gegenwart im Gegensätze zur 
Vergangenheit beobachtet wird). 

Aehnlich steht es mit der Ueberschätzung fehlerhafter Ernährung 
als einer zum Tode führenden Krankheitsursache. Weil es zahlreiche 
Menschen gegeben hat und gibt, die trotz täglicher (sogar mehrmals täg¬ 
licher) reichlicher Fleischnahrung ein hohes Alter erreichen — z. B. ist 
hier auf viele regierende Fürsten hinzuweisen—so scheint es mir unrichtig, 
bestimmte Krankheiten und Todesursachen (z. B. Diabetes) bei den Wohl¬ 
habenden auf die Polyphagie zurückzu führen. Auf der anderen Seite gibt 
es viele Menschen, die trotz ständiger proletarischer Ernährung ein hohes 
Alter erreichen, wie auch neuerdings aus der Arbeit von J. Funk (Bremer 
Statistik 1911, Nr. 1) hervorgeht, dass bei den Personen über 60 Jahre 
in allen verschiedenen Einkommensgruppen die Todesursachen eine ge¬ 
wisse Gleichmäsigkeit erkennen lassen. Als ausschlaggebender Faktor, 
der zur Verschlimmerung bzw. zu rascherem Ableben bei einer an- 


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152 H. L. Eisenstadt 

steckenden Krankheit führt, wirkt selbstverständlich sowohl die Luxus¬ 
ais die proletarische Ernährungsweise. 

Ergibt sich somit für den Arzt aus dem Studium der jüdischen 
Krankheitsstatistik der Hinweis, die Sexualpathologie und Sexualpsycho¬ 
pathie als Ursachen weit verbreiteter Massenkrankheiten weiter zu erfor¬ 
schen, so zeigt dieses Gebiet dem Nationalökonomen undPolitiker zweierlei 
wichtige Ergebnisse. 

1. Mit Notwendigkeit geht die Tendenz der Bevölkerungsbewegung 
in Deutschland dahin, dass die katholische Bevölkerung den Haupt¬ 
bestandteil der Einwohnerschaft bilden wird. Bei weiterer friedlicher Ent¬ 
wicklung wird Deutschland ein überwiegend katholisches Land werden. 
Die Ursache hierfür ist nicht in der Binnenwanderung oder in der Zu¬ 
nahme der Uebertritte zum Katholizismus, sondern in der durch die 
Sexualpathologie bedingten geringeren Vermehrung der evan¬ 
gelischen und jüdischen Bevölkerung zu suchen. Die evangelische Bevöl¬ 
kerung nähert sich oder übertrifft die Juden in der Ziffer der Selbst¬ 
morde, Geisteskrankheiten, Mischehen und in der Besetzung geistiger 
Berufsarbeit. Letzteres Moment bedingt Spätehen mit allen ihren Folge¬ 
erscheinungen, insbesondere Zunahme der kinderlosen Ehen. 

2. Die Zukunft der geistigen Arbeit ist leicht vorauszubestimmen. 
Der Untergang der deutschen Juden bedeutet, dass die geistigen Arbeiter 
eines Volkes mangels der Regelung ihrer Fortpflanzung in absehbarer 
Zeit aus dem Menschenmaterial anderer Völker bezogen werden müssen: 
bei weiterer friedlicher Entwicklung werden Slawen, Mongolen und Neger 
als Aerzte, Beamte, Ingenieure usw. in die europäische Kultur eintreten. 
Wir haben hier ein Problem des Kapitalismus vor uns. Die geistigen 
Arbeiter der Gegenwart haben zu einem grossen Prozentsatz überhaupt 
keine Kinder, zu einem anderen Teil scheidet von ihren Sprösslingen eine 
gewisse Zahl durch Tod oder soziale Minderwertigkeit aus. Von den 
übrigen hat nur ein Teil die Fähigkeit, die hohen Anforderungen, welche 
gerade an diese Berufszweige gestellt werden, zu erfüllen. Die Schwestern 
dieser Männer können die überkommenen schöpferischen Fähigkeiten der 
nächsten Generation nicht weiter geben, weil sie gezwungen sind, ledig 
zu bleiben oder ebenfalls eine Spätehe zu schliessen. So muss denn aus 
denjenigen Völkerschaften und Volksteilen Ersatz herangezogen werden, 
in denen sich die Früh- und Mehrkinderehe dank ihrer Isolierung erhal¬ 
ten hat. 

Schliesslich ergibt sich, wenn bei dieser Gelegenheit die Fruchtbar¬ 
keit in der Nachkommenschaft verfolgt wird, die Erkenntnis, welche 
biologische Bedingungen der Kapitalsbildung bzw. -akkumulation zu¬ 
grunde liegen. Ich nehme folgendes Beispiel: Von Eduard von Simson, 
dem Präsidenten der ersten deutschen Nationalversammlung und dem 
ersten Präsidenten des deutschen Reichsgerichts, überlebten 5 Söhne und 


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Methoden und Ergebnisse der jüdischen Krankheitsstatistik. 


153 


3 Töchter. Hätten diese ihrerseits so viel Kinder als der Vater gehabt, 
so müssten 64 Enkel vorhanden sein. In Wirklichkeit ist deren Zahl viel 
kleiner, weil 2 Töchter sich nicht verheiratet haben. 

In einer Familiengeschichte N. N. haben die Urgrosseltern 9 Kin¬ 
der, davon starben 1 Sohn im Alter von 20 Jahren, eine Tochter im Alter 
von 19 Jahren. Die überlebenden 3 Söhne sind verheiratet und sind jetzt 
69, 60, 54 Jahre alt. Von den überlebenden 4 Töchtern sind 3 verhei¬ 
ratet, eine eheverlassen. Die Töchter sind jetzt 68, 66, 64, 58 

Jahre alt. In der ersten Generation beträgt also die Kinder¬ 
zahl 9, die Kindersterblichkeit 22,2%. Folglich müssten bei gleicher 
Fruchtbarkeit und Sterblichkeit in der zweiten Generation mindestens 
63 überlebende Kinder vorhanden sein. Tatsächlich beträgt diese Zahl 
aber nur 31. Wie kommt dieser Ausfall zustande? Nur drei Kinder 
erreichen oder tibertreffen die Fruchtbarkeit der Eltern, nämlich der 
älteste Sohn mit 9 geborenen, 7 überlebenden, der jüngste Sohn mit 9 
geborenen, 3 überlebenden, die älteste Tochter mit 9 sämtlich lebenden 
Kindern. Dagegen verheiratet sich ein Sohn zu 28 Jahren mit einer 10 
Jahre älteren Gattin, ihrer Ehe entspriesst nur ein Kind. Eine Tochter 
wird nach der Geburt des Kindes von ihrem Manne verlassen und heiratet 
nicht wieder. 

Von den 31 Enkeln sind bisher 19 verheiratet. Von diesen sind 5 
kinderlos, die übrigen haben zusammen 34 Kinder, so dass die Zahl der 
Urenkel bisher 34 beträgt und insgesamt sich auf 31 X 1,79 = 55,49, 
also auf rund 56 voraussichtlich anwachsen wird. Aus diesem Studium 
von Familiengeschichten ergeben sich die mannigfachen Formen der 
Fruchtbarkeitsbeschränkung bzw. des Geburtenrückganges. 

Für das weibliche Geschlecht sind anzuftihren: 

1. Ledigbleiben der Mädchen, dauerndes Zölibat; 

2. Fehlende Wiederverheiratung der eheverlassenen, geschiedenen 
und in gebärfähigem Alter verwitweten Frauen; 

3. Heirat an der Grenze des gebärfähigen Alters; 

4. Konstitutionsschwächung infolge des väterlichen Alkoholismus, 
welche, zumal wenn auch der Gatte gewohnheitsmässig trinkt, 
bei Unfähigkeit des Selbststillens und künstlicher Säuglings¬ 
ernährung zu starke Kindersterblichkeit bewirkt; 

5. Erworben oder angeboren mangelhafter Geschlechtstrieb; 

6. Erworbene oder angeborene Veränderungen der Genitalorgane. 

Für das männliche Geschlecht sind zu nennen: 

1. vorehelich erworbene Syphilis oder Gonorrhoe oder beide Krank¬ 
heiten ; 

2. im vorehelichen Geschlechtsverkehr erworbene Schwächung des 
Geschlechtstriebes; 

3. im Hinblick auf die durch den gewohnheitsmässigen Alkohol- 


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154 H. L. Eisenstadt 


genuss entstehende Nervenschädigung verspätetes Heiratsalter: 
bei früherer Eheschliessung würden mehr Kinder überleben. 

Man sieht also auch hier, die Auffassung, dass der Geburtenrückgang 
hauptsächlich durch die Anwendung der Präventivmittel bewirkt 
wird, ist unrichtig. 

Man sieht ferner: Kapital, das ist das zur Ernährung einer Familie 
vorhandene Vermögen oder erworbene Einkommen, kann nur dadurch 
gebildet oder akkumuliert werden, dass eine Generation mit natürlicher 
Vermehrung durch eine oder mehrere Generationen mit starker, in den eben 
genannten sozialen Formen erfolgender Beschränkung des Geschlechts¬ 
triebes in der Deszendenz abgelöst wird. Insbesondere wird Kapital akku¬ 
muliert, indem auf dem rechtlichen Wege der Erbschaft das erworbene 
Vermögen der kinderlosen und zölibatär gebliebenen Geschwister und 
Verwandten an die vorhandenen Familienbildner fällt. Würden die Kinder 
der zweiten Generation nach dem Typus der ersten Generation sich ver¬ 
mehren, so könnte Kapital nicht gebildet werden. Und würde die dritte 
Generation nach dem Typus der ersten sich vermehren, so würde statt der 
Akkumulation der Zerfall des Kapitals die Folge sein. (Vgl. die Sozial¬ 
psychologie und Sozialpsychopathologie der Juden usw. Zeitschr. für 
Religionspsychologie Bd. III, H. 12.) In Anbetracht dieser Sachlage 
erkennen wir, dass Sombart die Erklärung der Entstehung des Kapitalis¬ 
mus vorbeigelungen ist. 

Weder die angeborenen Eigenschaften der Juden, noch weniger die 
Prinzipien ihrer Ueberlieferung stehen zum Kapitalismus in ursächlicher 
Beziehung, sondern einzig und allein das Zölibat, zu welchem sie aus wirt¬ 
schaftlichen, politischen und vor allem beruflichen Gründen gezwungen 
sind. Weder bei der katholischen noch bei der evangelischen Bevölkerung 
dürften prozentual so viele Familien mit zölibatären Anhängseln vor¬ 
handen sein, als bei den emanzipierten Juden im 19. und 20. Jahrhundert. 
Diese zölibatären Anhängsel finden nicht das passende Objekt für den 
Sexualtrieb wieder (Freud), sondern bleiben einmal auf der Stufe des 
primitiven Autoerotismus, der Liebe zu Geschwistern und den engeren 
Blutsverwandten stehen, während die zur Befriedigung ihnen dienenden 
Weiber keinen tieferen Eindruck, keine Liebe in ihnen erwecken; anderer¬ 
seits erheben sie sich zu einer Sublimierung des Geschlechtstriebes. 

Diese Entwicklung ist trotz der weiteren Fortschritte der Assimi¬ 
lation, trotz der Zunahme der Mischehen, immer noch deutlich zu er¬ 
kennen. 


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Max Cohn: Zur „rekonstruktiven Psychologie“ Paul Natorp’s. 


155 


Zur „rekonstruktiven Psychologie“ Paul Natorp’s. 

Von Dr. Max Cohn, Arzt in Berlin N. 

I. 

Die Aufgabe der Psychologie ist die gleiche wie die aller anderen Wissen¬ 
schaftten, insbesondere der Naturwissenschaften. Alle sind sie in letzter Instanz 
objektivierende Wissenschaften, oder mit anderen Worten: alle streben sie nach 
Allgemeingültigkeit und objektiver Notwendigkeit d. h. Gesetzlichkeit ihrer 
Erkenntnisinhalte. Nur die Richtung, nach welcher Naturwissenschaft und 
Psychologie objektivieren, ist eine entgegengesetzte. Zur Voraussetzung hat, 
wie N a t o r p hervorhebt, dieser Richtungsgegensatz die Bezugseinheit, im 
Sinne einer durch allseitige Korrelation geschlossenen Einheit, mittels welcher 
die Entwicklung ins Besondere, ins enger und enger Bestimmte begründet und 
die Wissenschaft als solche überhaupt erst gekennzeichnet wird. Die Wissen¬ 
schaft gibt Gesetze, ihr Ziel ist Vergegenständlichung oder Objektivierung. 
Für die Psychologie kommt hierzu noch das besondere Moment, dass sie gar 
nicht eine wissenschaftliche Disziplin ist, die parallel den anderen Wissen¬ 
schaftsgebieten mit den Mitteln der Logik allein herzustellen ist; denn sie ist 
nicht Wissenschaft vom Objekt, sondern ihre innerste Aufgabe ist die, eine 
Wissenschaft vom Subjekt, von dessen „Erlebnissen“ oder von denjenigen 
spezifischen, unräumlichen Erscheinungen und Vorgängen zu sein, welche in 
den einzelnen, mit einem Nervensystem ausgestatteten physischen Individuen 
in eigenartiger zeitlicher Existenz vorhanden sind. Zur Lösung der Aufgabe 
der Psychologie will nun N a t o r p mittels eines Verfahrens gelangen, das 
gleichsam eine Einkreisung ist, indem er den Rahmen der objektiven Bestim¬ 
mung enger und enger zieht und das unmittelbar Erlebte, das „Subjektive“ 
mittels eines solchen Prozesses, der dem unendlichen Objektivierungsprozesse 
entspricht, aus seiner begrifflichen Umhüllung herausschält. 

Wer sich eine solche Aufgabe stellt, muss aber zunächst und zum 
mindesten die objektive Bestimmung für die anderen wissenschaftlichen 
Gebiete, in denen es sich um räumliche und zeitliche Dinge und Sachverhalte, 
um gleichsam „massivere“ Dinge als in der Psychologie handelt, mit voller 
Sicherheit vollziehen können. Allein nicht einmal das vermag meines Erach¬ 
tens N a t o r p mit seinen Grundsätzen und Anschauungen zu leisten. Um so 
weniger dürfte er das von ihm für die Psychologie Erstrebte, die eine Wissen¬ 
schaft von ausschliesslich und allein unräumlichen Vorgängen ist, zur 
Vollendung bringen können. Nun „besteht“, wie Natorp hervorhebt, „nach 
Kants unwidersprechlicher Feststellung jede Objektivierung in nichts als 
der Erkenntnis der Regel, des Gesetzes“. „Ein Objekt der Wissenschaft ist ein 
solches Gesetz, eine solche Regel der Einheit, in welcher ein Mannigfaltiges 
uns, den Denkenden, sich vereinigt, um von uns verstanden zu werden.“ „Die 
Regel ist als solche fest und diese Festigkeit der Regel stellt das in ihr 
Gesicherte als Gegenstand, als Objekt der schwankenden, schwebenden Vor¬ 
stellung gegenüber und hebt es so gleichsam aus dem flutenden Strom der 
Subjektivität heraus. Für die Wissenschaft ist daher der Gegenstand geradezu 
das Gesetz, das Gesetz der Gegenstand.“ Dieser selber „bleibt immer Problem“; 
„nach ihm wird fort und fort gefragt“. Dies ist eine Konsequenz dessen, dass 
einmal, nach einem treffenden und schönen Ausspruch Cohens, das Denken 
„rastloses Bedingen“ ist und dann jeder Gegenstand nie in allen seinen Teilen 
erschöpfend analysiert werden kann, sondern immer noch einen Rest enthält. 


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156 


Max Cohn 


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der seiner Auflösung noch harrt und gleichsam das Ideale, die Idee des Gegen¬ 
standes in sich fasst. Auch nur mittels des Prozesses der Erfahrung, der ein 
unendlicher, nie zu seinem Ende gelangender und immerfort von neuem 
anhebender und anregender ist, kann daher das Objekt uns näher gebracht, 
erforscht und (relativ, d. h. bis auf seinen stets neu auftauchenden Rest) 
erkannt werden. 

All dies besteht sowohl für den kritischen Realisten als auch den Idealisten 
zweifellos zu Recht. Zweifelhaft wird es erst bei N a t o r p s Anschauungen 
und Voraussetzungen, die uns durchaus meines Erachtens nicht darüber auf¬ 
klären, ob wir bei ihnen auch wirklich imGebiete der Objektivität oder Dinglich¬ 
keit uns befinden und von ihm ausgehen. Ebenso zweifelhaft ist es, ob diese 
Anschauungen und Voraussetzungen überhaupt es uns ermöglichen, das Gebiet 
der Objektivität, insofern es die physikalischen Dinge und Sachverhalte der 
wirklichen und wirkenden, extramentalen Natur auch wirklich umfasst und in 
sich begreift, zu erreichen, oder ob wir nicht vielmehr mit Natorps Grund¬ 
sätzen einem falschen Scheine von objektiver Erkenntnis 
nachgehen und unterliegen. Nach dem kritischen Idealismus Natorps sollen 
wir allerdings mittels seiner Voraussetzungen und Grundsätze zur objektiven 
Erkenntnis gelangen können, während er diese meines Erachtens aufhebt bzw. 
nur in eine Einsicht in die Natur der Subjektivität verwandelt. Dies des¬ 
wegen, weil N a t o r p und mit ihm alle Idealisten irgendwelcher Observanz die 
Seinsstufen mit den Modalitätsstufen im Gefüge der Erkenntnis identifizieren 
und in jedem F alle, ob es sich nun um Erkenntnis oder um das wissen¬ 
schaftliche „Sein“ handelt, die Notwendigkeit derWirklichkeit 
überordnen. Allein diese Ueberordnung ist nur im Gefüge der Erkenntnis¬ 
stufen gerechtfertigt und zulässig. Und wirkliche Erkenntnis der Objektivität 
und Wahrheit ist auch nur dann möglich, wenn die Vorstellungsformen unseres 
Subjekts bzw. die Erscheinungen, die ihm werden, mit den Daseinsformen der 
physischen und wirklichen Dinge, mit der Wirklichkeit der Sachverhalte und 
deren Be griffen im funktionalen Sinne übereinstimmen und 
identisch sind; denn einmal ist alles, was ist, notwendig und ist notwendiger¬ 
weise so geworden, wie es ist; dann kann es auch nur als Notwen¬ 
diges in seinen notwendigen Zusammenhängen, durch die 
es geworden ist und in denen es steht und solange bleibt, als wir es nicht 
etwa unseren Bedürfnissen gemäss verändern, erkannt werden; und 
drittens ist jeder Begriff, weil er auf Funktion beruht und funktionalen Sinn 
und Charakter hat, die Sache selber, mit ihr identisch und gleichsam nur ein 
Differential; als solches Differential strebt es eben zum Ganzen, aus dem es 
nur herausgelöst ist, als ergänzungsbedürftig, unvollständig und gleichsam 
ungesättigt. Insofern war Hegel völlig im Recht, wenn er erklärte, dass eine 
Sache aus ihrem Begriffe zu verstehen sei; nur nicht etwa aus dem konkreten 
Begriffe, sondern aus dem das Konkrete bestimmenden, mit dem Sachverhalte 
oder Dinge übereinstimmenden sog. identischen. Die Sachverhalte oder Dinge 
in diesem funktionalen Sinne und Charakter bestehen aber als solche zunächst 
noch völlig unabhängig vom Subjekt, führen ein extramentales Dasein und können 
nur mittels ihrer transzendentalen,d.h. der gedanklichen Beziehungen, die wir als 
die Denkenden zu ihnen haben, verstanden, erkannt und rationalisiertwerden, weil 
das Logische ein Erzeugnis und integrierender Bestandteil der Natur ist und 
diese mit ihrem Wirklichkeitsinhalt und ihrer objektiven Notwendigkeit unsere 
Denkfunktionen zur Reaktion zwingt; denn diese selber gehören auch zur 
Natur, sind deren Produkt und wirken in Korrelation mit den wirklichen Din¬ 
gen auf sie wieder zurück. Vornehmlich hierdurch ist auch erst ein vom Subjekt 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie“ Paul Natoq>’s. 


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losgelöster, d. h. objektiver Erkenntnisinhalt und damit objektive Wahrheit zu 
erlangen ermöglicht. Gerade das will aber Kant mit seinen verschiedent- 
lichen, allerdings häufig auch verschieden lautenden Formaldefinitionen der 
Wahrheit ausdrücken, von denen die meines Erachtens hier für uns wichtigste 
dahin geht, dass „Wahrheit in der Uebereinstimmung einer Erkenntnis mit 
ihrem Gegenstände besteht“. (K. d. r. Vernunft. S. 81. Einleit. Reclam Ausg.) 

Hier muss unter „Gegenstand“ allerdings das rationalisier¬ 
bare, erfahrbare und wissenschaftliche Ding, in dessen Flusse des Werdens, 
realem Inhalt und wirklicher Form verstanden werden, damit man zur objektiven 
Wahrheit auch tatsächlich gelangen kann. Sonst bleibt man nur im Subjektiven 
und stets nur in den formalen Beziehungen, die den Gegenstand als solchen 
nur subjektiv konstruieren. Objektive Wahrheit jedoch ist nur die, 
die den Inbegriff der die Dinge als solche formenden Beziehungen ausmacht, 
wobei diese zugleich mit der diesen Dingen als wirklichen, von selber eignenden 
Notwendigkeit vorhanden sind; d. h. objektive Wahrheit ist und erfordert 
Uebereinstimmung der formalen Beziehungen und der wirklichen „Dinge“ oder 
„Begriffe“ im funktionalen Sinne. Daher ist denn auch bereits ein jedes Ding 
als Einzelfall und als ein wegen seiner Wirklichkeit auch notwendiges Ding, 
dem alles Geschehen als etwas gleichfalls Notwendigkeit Einschliessendes 
analog ist, allein für sich ausreichend, um aus ihm mittels unserer Denkfunk¬ 
tionen ein „Gesetz“ oder eine „objektive Regel“ herauszulesen. Und daher ist 
auch z. B. in den Naturwissenschaften, in denen alles Erkennen aus der Beobach¬ 
tung genommen wird, und alles in der Form der Einzelheit auftaucht, als singu¬ 
läre, besondere einzelne Tatsache oder als singuläres Ding, zwar noch kein „Gesetz“ 
im eigentlichen Sinne, wohl aber ein Ansatzpunkt mittels jener Einzeltatsache 
uns geboten, durch welche wir befähigt sind zu einem „Gesetz“ zu gelangen. 
Dieses stellen wir eben aus den Naturzusammenhängen der einzelnen wirk¬ 
lichen Sachverhalte und Dinge und deren dieser Wirklichkeit integrierenden 
Notwendigkeit fest und es ist auch mit dieser identisch. Das alles wieder 
völlig im Sinne Kants, der ausdrücklich davor warnt, dass „niemand bloss 
mit der Logik sich wage, über Gegenstände zu urteilen und irgend etwas 
zu behaupten, ohne von ihnen vorher gegründete Erkundigung ausser der 
Logik eingezogen zu haben ...“ (Kant, Kr. d. reinen Vernunft. S. 83. Ein¬ 
leitung.) Gerade dieses Wagnis charakterisiert aber Natorp und seine 
Schule, die nur mit der Logik, allerdings mittels der transzendentalen Logik, 
allein es unternehmen möchten, über Sachverhalte und Dinge der Naturwirk¬ 
lichkeit zu urteilen. So beurteilen sie z. B. Ding und Sein sc. das erfahrbare, 
wissenschaftliche Sein, von dem hier gesprochen wird und überhaupt nur 
geredet werden darf, sogleich als Arten logischer Gesetzesbestimmung, während 
diese doch erst nach einem mit ihnen vorzunehmenden Prozess zu solchen Arten 
werden. Selbst die Anschauung lassen sie ihren Grundsätzen gemäss nur mittels 
des „reinenDenkens“sich realisieren, den„Begrif f “über,, Anschauung“ohne weiteres 
stehen und ihn damit gleichsam selber sich gebären, während der tatsächliche 
Vorgang nur die Verarbeitung von Anschauung und Vorstellung zu Begriffen 
zeigt und lehrt. Kant suchte dem dadurch vorzubeugen, dass er einmal 
zwischen Begriff und Anschauung das „Schema“ als Funktion des Begriffs 
einführte und zweitens das „Ding an sich“ aufstellte; er hat aber damit, dass 
er das „Ding an sich“ hypostasierte und damit metaphysisch machte, dass er es 
zum Dogma, unerkennbar und dem Begreifen stets entrückt gestaltete, dadurch, 
dass es bei ihm nie zu einer Funktion der Erkenntnis und nie dynamisch wer¬ 
den konnte, den Streit zwischen Realismus und Idealismus heraufbeschworen 
und seine eigene Warnung nicht befolgt. 


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Wie hier über das Objekt äussert sich Kant in ganz ähnlicher 

Weise über das „Gesetz“, worunter hier nur das „Gesetz“ der psycho¬ 

physischen menschlichen Organisation verstanden werden kann . . . 
„Gesetze existieren ebensowenig in den Erscheinungen — sondern nur 

relativ auf das Subjekt, dem die Erscheinungen inhärieren, sofern es 
Verstand hat — als Erscheinungen an sich nicht existieren, sondern 

Stelle (K. d. r. V. S. 207) heisst es bei Kant: „In dem blossenBegriffe 
eines Dinges kann gar kein Charakter seines Daseins angetroffen werden.“ 
Hierbei liegt der Schwerpunkt auf dem blossen Begriff, denn der Begriff 
eines Dinges in seinem funktionalen Sinn und Charakter 
wird mit der Betonung des „blossen“ Begriffes wohlweislich ausgeschlossen. 
Nach alldem dürfte es auch klar sein, dass Kant, ebenso wie er den subjektiven 
Idealismus eines Berkeley abgelehnt hatte, auch den Phänomenalismus 
Schopenhauers mit dessen „Welt als Vorstellung“ verworfen hätte. 
Nichts anderes hätte er wohl auch mit Natorp und dem von dessen Schule 
vertretenen Idealismus vorgenommen, die nach allem, was wir von ihnen bis¬ 
lang wissen, das Dasein eines Dinges mittels dessen blossem Begriffe und 
allein mittels der formalen bzw. transzendentalen Logik eruieren und fest¬ 
stellen wollen. 

Nimmt man zu den obigen Aussprüchen Kants noch folgenden hinzu, 
in dem er sich über die Modalitätsstufen der Erkenntnis äussert, so wird sein 
realistischer Standpunkt vollends klar. „Die Grundsätze der Modalität,“ erklärt 
er uns, „sind aber nicht objektiv-synthetisch, weil die Prädikate der Möglichkeit, 
Wirklichkeit und Notwendigkeit den Begriff, von dem sie gesagt werden, nicht 
im mindesten vermehren, dadurch, dass sie der Vorstellung des Gegenstandes 
noch etwas hinzusetzen. Da sie aber gleichwohl immer synthetisch sind, so 
sind sie es n u r s u b j e k t i v.“ Kant gibt damit klar zu erkennen, dass 
einmal seine Modalitätsstufen nicht für das Gefüge der Seinsstufen ausreichen 
und dann wiederum, dass der blosse Begriff eines Dinges nur subjektiv 
notwendig, nicht aber dieses selber in seiner zunächst noch vom Bewusst¬ 
sein unabhängigen, d. h. extramentalen Daseinsform derart ist. Denn ein 
blosser Begriff kann nur durch den Zusammenhang der Wahrnehmungen 
und wieder nur allein nach blossen Begriffen bestimmt werden. Er ist 
daher auch nur subjektiv notwendig, und nicht wie der Begriff als Ding 
und Sachverhalt mit dem Charakter der Funktion zugleich auch objektiv 
notwendig und allgemeingültig. Das wird noch deutlicher, wenn Kant 
weiter ausführt: „Die Grundsätze der Modalität also sagen von einem Be¬ 
griffe nichts anderes als die Handlung des Erkenntnisvermögens, 
dadurch er erzeugt wird.“ (K. d. r. V. S. 216.) Damit ist das Gesetz bei Kant 
selber als nur etwas Subjektives anerkannt; es führt eben nicht über den 
Standpunkt der Subjektivität hinaus, da ja der Möglichkeit, Wirklichkeit und 
Notwendigkeit die Hypothese die Tatsache und das Gesetz bzw. die Regel ent¬ 
spricht. Das Gesetz kann aber auch gar nichts anderes bei Kant sein oder leisten, 
weil er überhaupt aus der Sphäre des Subjektiven nicht hinaustritt, alles 
Physische letzthin in die Subjektivität verlegt und überhaupt nur von dem 
Boden des individuellen Geistes seine Kritik des Erkenntnisvermögens 
vollzieht. Damit hängt es auch zusammen, dass er mit seiner Fassung der 
Modalitäten von der Möglichkeit—Wirklichkeit—Notwendigkeit nur die subjek¬ 
tive Stufenfolge, die der Ratio cognoscendi auf gestellt und richtig ausgedrückt 
hat, nicht aber auch die Stufenfolge des Seins, die Ratio essendi berücksich¬ 
tigte. Es kann aber z. B. etwas notwendig, braucht aber noch nicht damit 
wirklich sein. Ist indessen etwas wirklich, so muss es sowohl möglich, als auch 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie * 4 Paul Natorp’s. 


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notwendig sein. Wenn aber die Wirklichkeit nur ausschliesslich und allein 
von der Erkenntnismaterie abhängen könnte, so könnte z. B. auch wirklich 
sein, was nicht möglich ist, das ist die Einseitigkeit Kants, die 
die den Idealismus dazu verführt hat und weiterhin heute noch 
verführt, die Wirklichkeit als etwas Untergeordnetes aufzufassen. Die 
Wirklichkeit soll dem Idealismus zufolge auch nur deswegen Notwendig¬ 
keit haben, weil dies durch eine „objektive Vernunft“ erfordert wird, ausser¬ 
halb und unabhängig von welcher jene Notwendigkeit objektiv gar keine ver¬ 
nünftige Bedeutung mehr hat und haben könnte. Diese Folgerungen zieht der 
kritische Idealist aus Gründen, die ihm von der bekannten Stufenfolge der 
logischen Sphäre der Modalität der Erkenntnis erwachsen und weil er nur 
deren Gefüge anzuerkennen geneigt ist, nicht aber das des „Seins“ sc. wissen¬ 
schaftlichen Seins nicht etwa des vorwissenschaftlichen Seins, das uns auch gar 
nichts angeht. Der kritische Realist anerkennt zwar gleichfalls die Wirklich¬ 
keit als Notwendigkeit, aber er überordnet diese nicht jener, sondern fasst die 
Notwendigkeit als den einen Komponenten, der mit dem anderen der Möglich¬ 
keit zusammen die Wirklichkeit als Synthese ergibt. Damit wird die Wirklich¬ 
keit zum Uebergeordneten, wie dies selbstverständlich ist, wenn man aus der 
modalen Sphäre der Erkenntnis in die Modalitätssphäre bzw. die strukturelle 
Sphäre des Seins hinübertritt. Weil für den kritischen Realisten einmal im 
logischen Modalwert der Existenz weder die Erkennbarkeit noch das Erkannt¬ 
sein liegt, zweitens das Wirkliche nicht auf die Gegebenheit der Wahrnehmung 
beschränkt ist, drittens für ihn die Stufen des Seins mit denen der Erkennt¬ 
nis nicht ohne weiteres identisch sind, eine Identifizierung, die dem Idealis¬ 
mus Kants z. B. durchaus nahe liegt und eignet, so kann der kritische 
Realist auch nicht zugeben, dass die Notwendigkeit des Wirklichen und der 
Wirklichkeit nur zum Zweck der Erkenntnis da ist, wenn sie auch für ihn 
mittels dieser bzw. mittels der Wahrnehmung erst sichtbar wird und sich be¬ 
währt. Die Wirklichkeit bedarf der Erkenntnis sonach für den Realisten zunächst 
noch gar nicht, während der kritische Idealist jene auf diese einengt. Hierauf 
beruht auch dessen fernere Behauptung, dass es ein „Bewusstsein überhaupt“ 
oder eine „objektive Vernunft“ gibt. Dies ist aber letzthin nur eine andere 
Bezeichnung für die Hypothese „Gott“ und — versteckte Theologie! Wollte 
oder könnte man von einem Bewusstsein überhaupt“ sprechen, so doch nur 
in der Art, dass man damit den Zusammenschluss aller individuellen Einzel¬ 
bewusstseine meint. Dann wird jedoch sogleich deutlich, dass das „Bewusstsein 
überhaupt“ nur einen Teil der Wirklichkeit ausmacht und weder die Welt als 
Ganzes, noch die Welt als „Denken“ ist. 

Aus dem hier Skizzierten folgt sogleich die Unhaltbarkeit des Idealis¬ 
mus, der Gewissheitsgrade der Erkenntnis zu solchen des Gegenstandes der 
Erkenntnis stempelt. Kants Nachfolger haben * dessen Fehlgriff bei der 
Erfassung des Wirklichkeitsproblems, wie dies häufig gerade bei Epigonen 
geschieht, ins Ungeheuerliche vergrössert und verzerrt. Bei Natorp und der 
ihm zugehörigen Schule wird dies u. a. bei dem, was sie unter „Gesetz“ ver¬ 
stehen, deutlich. Schon selbst in der Subjektivität lässt indessen ein Gesetz 
bzw. eine objektive Regel nur stellenweise oder fragmentarisch sich nachweisen, 
weil in ihr die Sukzessionsreihen von Vorstellungsobjekten bzw. Wahrnehmun¬ 
gen nur kurze kausale Reihen darstellen und häufig von anderen augenblick¬ 
lich eintretenden oder intensiver sich geltend machenden Wahrnehmungen 
bzw. Vorstellungen unterbrochen werden. In der Subjektivität wer¬ 
den daher auch nicht, wie in der Reihe der „möglichen Erfahrung“, 
d. h. in der Reihe der noch unabhängigen extramentalen Dinge, die un- 


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unterbrochen mit einander verknüpft sind, Reihen von wirklich 
kausalen Begebenheiten oder Vorgängen angetroffen. Diese 
können daher auch keineswegs, wie Schopenhauer mit Recht gegen 
Kant bereits einwendet, mit jenen identifiziert werden; denn nur von 
wenigen „Vorstellungen erkennen wir die Stelle, die ihnen das Kausalgesetz in 
der Reihe der Ursachen und Wirkungen gibt; wir erkennen empirisch 
bloss Wirklichkeit der Sukzession“, nicht aber unmittelbar deren Notwendig¬ 
keit. Diese kann nur für gewisse vereinzelte Reihen von kausalen Vorgängen 
mittels der diese objektiven Begebenheiten repräsentierenden subjektiven 
Sukzessionsreihen der Wahrnehmungen von uns erkannt werden, (cf. § 23. „Die 
vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde.“ Schopenhauer.) 
Nur diese subjektive Notwendigkeit darf daher auch ab ein Gesetz oder die 
Regel nach den obigen Definitionen und im eigentlichen Sinne Kants 
bezeichnet werden. In dem konkreten Dasein der Dinge selber — selbstver¬ 
ständlich als erfahrbaren — jedoch, in der Kausalreihe der objektiven Begeben¬ 
heiten, oder anders ausgedrückt: in der Welt der realen, von einem Bewusst¬ 
sein noch nicht zu sich in Beziehung gesetzten, im Bereiche der existierenden, 
im wahren Sinne konkreten, wirklichen, wirkenden und erfahrungsmöglichen 
Dinge herrscht ausschliesslich und allein die objektive Notwendigkeit, d. h. 
ein Nicht-anders-sein-können, nicht aber das Gesetz oder die 
Regel im Sinne der Kantischen Definition von den Grundsätzen der Modalität 
ab nur subjektiv-synthetischen. Allerdings könnte man das reale Ding in 
seinem vollen, konkreten, sich äussernden Dasein auch „Gesetz“ nennen; 
indessen nur in einem übertragenen Sinne; diese realen und erfahrbaren 
Dinge sind, die sie sind. Ihre Definition entspricht, solange als sie von uns 
noch nicht in ihrem wissenschaftlichen „Sein“ ins Auge gefasst sind, der¬ 
jenigen, welche Jehovah einmal von sich in der Bibel gibt: „Ich bin, der 
ich bi n.“ Auf die Dinge der möglichen Erfahrung übertragen heisst dies, 
dass das „Sein“ dieser Dinge „Sein“ ist, und nicht etwa Nichts. Auch sie 
sind, die sie sind, d. h. sie sind Wirklichkeiten, auch wenn sie noch nicht in 
Beziehung zu uns getreten, noch nicht gedanklich oder „transzendental“ für 
uns geworden sind. Insofern könnte man auch das wirkliche Ding bereits in 
seiner vollen Beziehungslosigkeit, Konkretheit bzw. Konkreszenz, aber, wie 
erwähnt, nur in übertragenem Sinne, „Gesetz“ nennen, das ab 
ein solches jedoch nur mittels seiner Funktion der Beziehung zu einem Ver¬ 
standeswesen erkannt werden kann. Die erfahrbaren Dinge stehen jedoch ohne 
eine solche Funktion der Beziehung zu einem derartigen Wesen bereits zuein¬ 
ander in Relationen, weil sie durchgängig ursächlich Zusammenhängen. Sie 
als D a s e i n s f o r m e n und flüssige Bestände besitzen 
eben die objektive Notwendigkeit und sind auch logisch, weil 
die Natur ab der Inbegriff aller Formen und Inhalte das Logische 
ab integrierenden Bestandteil in sich birgt. Zu ihnen gehört aber 
auch unser Organismus ab ein Teil des erfahrbaren Seins, ab 
seiner Art und Wesenheit nach ein und dasselbe wie die Welt, und 
zugleich ab organisierte Einheit von Leib und Seele. Er ist daher den Wir¬ 
kungen jener realen Dinge ausgesetzt und wirkt als ein tätig-leidendes Wesen 
seinerseits auf sie mit völlig objektiver Notwendigkeit. Ab Repräsentant 
dieser letzteren erscheint dann in unserem Organismus fragmentarisch an 
bestimmten Stellen und in kurzen Assoziationsreihen eine subjektive Notwen¬ 
digkeit der Verknüpfung von Sukzessionen unseres Vorstellungsablaufes; diese 
subjektive Notwendigkeit ist erst das Gesetz oder die objektive Regel, die ab 
solche wir nur auf Grund einer wiederum subjektiv notwendigen bzw. einer 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie* Paul Natorp’s. 


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Regel unterworfenen Verbindung von Vorstellungen mit anderen Vorstellungen 
oder Wahrnehmungen erkennen können. Nur insoweit also wird das Objekt 
oder der Gegenstand erst zum „Gesetz“; ein solches ist es aber als erfahrbares 
Ding, in dessen wirklichem, ganz und gar noch extramentalem Dasein, das 
noch nicht transzendental, bewusst oder gedanklich bezogen worden ist, noch 
keineswegs; ohne jene gedankliche Beziehung ist eben das Ding der möglichen 
Erfahrung erst nur objektiv notwendig, kann es nicht anders sein, als es ist 
und ist allein durch seine Existenz schon notwendig bedingt. All das ergibt 
sich aus dem durchgängigen Naturzusammenhang und liegt übrigens in der 
Bezeichnung eines solchen erfahrbaren Dinges als eines „Gegenstandes“ bereits 
selber eingeschlossen; denn zum Objekt oder „Gegenstand“ wird ein Ding erst 
mittels seiner Beziehung zu einem bewussten, denkenden und beziehenden 
Wesen, das sich ihm gegenüberstellt oder dem bewusst es gegenübersteht und 
zur gedanklichen oder bewussten Beziehung wird. Auch hieraus wird ersicht¬ 
lich, dass das Gesetz selber nur ein Grundsatz der Modalität und daher subjek¬ 
tiv ist; ein Grundsatz, der erst mittels eines solchen mit der Funktion der 
bewussten Beziehung begabten Wesens zustande kommt und zwar dadurch, 
dass dieses in Beziehung tritt zu der objektiven Notwendigkeit der realen 
Natur, als der Gesamtheit der realen konkreten Dinge in ihrem kausalen 
lückenlosen Zusammenhänge. Denn nur der Mensch kennt 
Gesetze, die Natur ist und birgt nur objektive Notwen¬ 
digkeit, die mit der Möglichkeit die Wirklichkeit synthetisiert. Gesetze 
sind nur Vorstellungen, die Menschen sich von jener objektiven, ding¬ 
lichen und dynamisch aufeinander gegenseitig wirkenden Notwendigkeit 
der Natur machen. Notwendigkeit ist Nicht-anders-sein-können, das als 
Notwendigkeit der wirklichen und wirkenden Tatsache im „Gesetz“ subjektiv 
festgestellt wird bzw. als „Gesetz“ sich uns repräsentiert. Aehnliches gilt von 
der Regel, die als objektive Regel gleichzeitig selber „Gesetz“ ist. Hat aber die 
Psychologie die Aufgabe der objektivierenden Wissenschaft, wie sie sie tat¬ 
sächlich in letzter Hinsicht hat und haben muss, so kann sie diese Aufgabe 
gemäss den Grundsätzen des kritischen Idealismus Natorps und dessen 
Schule noch weniger lösen, als er nicht einmal die Aufgabe der Naturwissen¬ 
schaft mit ihnen zur Lösung bringen, sondern ihr nur den falschen Schein 
einer objektiven Erkenntnis verleihen kann. Denn die Naturwissenschaft 
erstreckt sich nicht auf Gedankendinge, auf Begriffe oder auf die bloss in 
unserem Bewusstsein repräsentierten realen, erfahrenen Dinge bzw. Objekte, 
sondern auf diese als erfahrbare selber in deren sich äusserndem, stets fliessen- 
dem, extramentalem Dasein, in dessen Konkreszenz, Tatsächlichkeit und Wir¬ 
kung. Von diesem Dasein erklärte uns Kant am angegebenen Orte selber, 
dass es bzw. sein Charakter nie und nimmer in der Abstraktion oder in 
b 1 o s 8 e n Begriffen angetroffen werden kann. Allein der kritische Idealismus 
Natorps trifft jenes Dasein selbst auch nur in der Abstraktion 
mittels des blossen Begriffes, weil ihm alles sogleich Bewusstsein, Vorstellung, 
Empfindung alles eben nur Begriff ist. Die Welt ist für ihn aus¬ 
schliesslich Denken und selbst in ihrer erst möglichen Erfahrung und 
wirklichen Aeusserung nur Gedankending und Abstraktion. Das aber ist 
und heisst nichts anderes tun und propagieren als: Subjektivität im 
strengsten Sinne. Die wahre Objektivität, auf der die Naturwissenschaft allein 
basiert und die sie nur dadurch erreicht, dass sie die von ihr ermittelten 
objektiv notwendigen kausalen Beziehungen nicht etwa auf unsere subjektiven 
Wahrnehmungsbilder, sondern auf die von unserem Bewusstsein unabhängigen 
Tealen, konkreten und erfahrbaren Dinge als die realen und wirkenden Korrelate 
Zeltsch rift für Psychotherapie. VII. 11 


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jener „Bilder“ bezieht, kann daher auch für N atorp nur eine Illusion und 
unerreichbar sein; sie muss letzthin von ihm sogar geleugnet werden oder aber 
im günstigsten Falle in eine blosse Einsicht in die Natur der Subjektivität 
sich wandeln. Dies schon deswegen, weil für N atorp und die Idealisten im 
ganzen der Terminus „Objektivität“ nur eine von der Subjektivität begrifflich 
verschiedene Seite der immanenten Vorstellung ist, während sie, richtig 
aufgefasst, nur Dinglichkeit, Sachlichkeit, durchgängige zusammenhängende 
Wirkung von Dingen und Begebenheiten bedeutet und ist. Für den kri¬ 
tischen Idealismus nimmt daher auch zum Beispiel die Anziehung zweier 
Körper nicht etwa gemäss deren Entfernung als Körper von einander 
ab oder zu, sondern nur nach dem quadratischen Verhältnisse der Entfernung 
der blossen Begriffe jener realen, erfahrbaren und konkreten Dinge 
bzw. Körper. Hierbei will ich jedoch, um jedem Missverständnisse vorzubeugen, 
ausdrücklich hervorheben, dass die „Dinge“ oder „Körper“ nur deshalb konkrete 
sind, weil sie viele Bestimmungen in sich zusammenfassen, weil sie Einheiten 
des Mannigfaltigen darstellen, d. h. nichtetwa feste, sondern flüssige 
Bestände sind, gewordene Formen im Flusse der Bewegung des „Seins“ als 
„Werdens“. Gerade dieses Fliessen der „Dinge“ macht sie zu erfahrbaren, weil 
sie mit ihren Mannigfaltigkeiten in unser Bewusstsein eben mittels jenes 
Fliessens als dynamische hineinragen. Indessen nehmen wir einmal an, der 
kritische Idealismus Natorps würde mit seinen Grundsätzen die Objek¬ 
tivität dennoch erreichen und darstellen können und nicht deren blossen 
falschen Schein. In dieser Annahme lassen wir auch die ferneren Auseinander¬ 
setzungen N atorps für das gelten, was sie in Wirklichkeit gar nicht aus- 
drücken können, aber bei unseren realistischen Grundanschauungen und natur- 
wissenschaftlichen Vorbedingungen recht trefflich darstellen. Wir räumen ihm 
gern ein, dass der Gegenstand Gesetz ist, d. h. in unserem Denken sich als 
eine Notwendigkeit der erfahrbaren, objektiven, wirklichen Tatsache repräsen¬ 
tiert und von uns in dieser Art als Gesetz festgestellt wird, lind gestehen ferner 
zu, dass für ihn nicht weniger als für uns, bei aller noch so weit durchgeführten 
wirklichen Objektivierung, nicht etwa der vermeintlichen Natorps, die 
Frage nach dem Leben als der letzten erfüllten Wirklichkeit nur mittels Ver¬ 
gleichung in seiner Konkretheit lösbar ist; da diese Aufgabe, wie leicht ersicht¬ 
lich, nur im Fortschreiten von Bestimmung zu Bestimmung gelöst werden 
kann, so ist sie für die Wissenschaft unendlich und nie ausschöpfbar. Stets 
bleibt hier bei aller noch so exakten wissenschaftlichen Bestimmung ein Rest¬ 
bestand, welcher nicht mehr der Naturwissenschaft als solcher, sondern der 
Psychologie, als der Wissenschaft von dem Subjektiven, anheimfällt. In diesem 
Rest betont aber gerade sich das eigentliche Leben in seiner vollen gedank¬ 
lichen Beziehung; in ihm ist das eigentliche Gedankliche, die volle Abstraktion 
und dasjenige von dem in eine Beziehung zu einem Verstandeswesen 
Getretenen enthalten, welches dessen volle Subjektivität und eigentliche Psyche 
ausmacht. Aus deren Bezüglichkeit, aus der Gesetzlichkeit des Innenbezugs auf 
sich als erlebendes Subjekt aber kann kein denkendes Lebewesen heraustreten, 
ohne sich damit selber sogleich zu verlieren. Auf diesen Restbestand verzichtet 
nun die Naturwissenschaft als die Wissenschaft des Objektiven xui'tSoxqv 
und bei dessen Darstellung geflissentlich, wenn sie ihn verständiger Weise auch 
nicht leugnet oder leugnen darf. Er bleibt der Psychologie Vorbehalten, die sich 
daher mit den in ihm enthaltenen Empfindungsqualitäten, d. h. mit der Tätig¬ 
keit (Art) und dem Inhalt der Empfindung, mit der Lust, dem Schmerz, dem 
Streben, Fühlen und Denken beschäftigt und dieses Subjektive oder,Anonyme“ 
zur Erkenntnis bringen und objektivieren will. Nicht das volle Dasein der 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie“ Paul Natorp’s. 


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Lebewesen, sondern nur eine bestimmte Art desselben, das aus ihm und zu 
ihm Bezogene bildet sonach das eigentliche Objekt der Psychologie. Diese Art 
der Objektivierung kann auch der ganzen Anlage der Psychologie zufolge, die 
eine Wissenschaft vom Seelischen, vom Subjekt ist, immer nur eine auf ein 
weiteres „Etwas“ hinweisende sein, das zu seiner Erforschung und Erkennung 
wieder der Hilfe der Naturwissenschaft bedarf, immer wieder von neuem 
Fragen auf wirft und Probleme zur Lösung stellt. Sonach ist es auch nur ein 
relativ eingeengtes, abgegrenztes Gebiet, das der Psychologie als solcher zur 
Erforschung geboten wird und die Sphäre der gedanklichen bewussten 
Beziehungen einschliesst, das aber als integrierender Bestandteil des Lebens 
zugleich der Naturwissenschaft als solcher zugehört und nur auch künstlich von 
ihr gesondert werden kann. Um so mehr künstlich, als die Lebewesen und unter 
ihnen der Mensch doch nur Naturobjekte und Teile des erfahrbaren Seins oder 
der „möglichen Erfahrung“ sind und zu ihm gehören wie Wellental und Wellen¬ 
berg zu der einheitlichen und selben Welle. Für das Leben und dessen Ver¬ 
treter kommt infolge dieser stetigen Korrelation und tatsächlich gar nicht 
trennbaren Einheit stets der Goethe’sche Spruch zu seiner vollen Geltung und 
zu seinem Rechte: 

„Teilen kann ich nicht das Leben, 

Nicht das Aussen noch das Innen, 

Allen muss das Ganze geben, 

Um mit Euch und mir zu hausen.“ 

Mit den blossen freien oder unfreien Systemen oder Objekten, mit deren 
anorganischer, organischer, chemischer, anatomischer und physiologischer Kon¬ 
stitution beschäftigen sich die Naturwissenschaften; insoweit jene Systeme 
aber zugleich belebte oder lebende freie bzw. unfreie sind, die ihre Beziehungen 
zueinander und sich selber darin haben, dass sie sie erleben, empfinden, 
bemerken, fühlen, wissen und überdenken, werden sie zu Objekten der Psycho¬ 
logie, als der Wissenschaft von den bemerkten Beziehungen schlechthin oder 
von dem Bewussten, Gedanklichen als solchem, kurz als der Wissenschaft vom 
unmittelbar Erlebten. N a t o r p bezweifelt hier, dass die herrschende Psycho¬ 
logie auf den von ihr bisher eingeschlagenen Wegen jemals diese Beziehungen 
als solche, d. h. „die Subjektivität als solche“ erfassen könne. Er behauptet, 
die heutige Psychologie entkleide mit ihrem bisherigen Verfahren das Subjek¬ 
tive seines Charakters, eben der Subjektivität; sie könne daher auch nie zur 
Subjektivität gelangen, die doch eigentlich ihre eigentliche Aufgabe bilde und 
ihr wesentliches Ziel sei. Zunächst ist nicht verständlich, weshalb hierbei gerade 
die Psychologie zumal mit den Grundsätzen ihrer heutigen Vertreter, die meist 
halbe Idealisten und Spiritualisten sind, nicht zur Darstellung ihres „Sub¬ 
jektiven“ solle gelangen können, während die Naturwissenschaft sogar trotz 
und mit den Voraussetzungen des kritischen Idealismus Natorps und 
seiner Schule das allerdings nur für diese mit ihren Grundsätzen Subjektive 
sollte objektivieren können. Denn das von dieser Richtung des Idealismus 
mit „reiner Anschauung“, „reinem Begriff“ usw. Bezeichnete, das imma¬ 
nent Objektive bedeutet doch nur etwas in der Sphäre des Bewusstseins 
Belegenes, etwas Vorgestelltes, insofern es Inhalt des Bewusstseins, des Den¬ 
kens ist. Und sonach kann dieses „Objektive“ im letzten Grunde auch 
nur ein Subjektives sein! Beide Disziplinen bleiben und können 
doch nach dem kritischen Idealismus Natorps stets in nur sub¬ 
jektiven sc. immanent objektiven Beziehungen bleiben. Und trotzdem soll 
zwar die eine, und gerade die mit dem Subjekt ausschliesslich sich beschäf¬ 
tigende, die Psychologie, ihr Ziel hierbei nie erreichen können, die Natur- 


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Wissenschaften aber stets. Hier muss ein Fehlschluss und die Handhabe 
vorliegen, mittels welcher man entweder vielleicht die heutige Psychologie oder 
vielleicht gar den kritischen Idealismus Natorps selber ad absurdum führen 
kann. 

II. 

„Anders als im Rückgang von irgend einer Art und Stufe der Objek¬ 
tivierung kann das Subjektive als solches nicht zum Begriff gebracht 
werden“, erklärt uns Natorp. Das heisst also: Die Vorstellung z. B. 
kann nur begreiflich gemacht werden durch Rückgang auf die Anschauung, 
diese wieder nur durch Zurückgreifen auf die Empfindung und wieder 
die Empfindung durch Rückgang auf, ja worauf denn nur? Doch lassen 
wir das letztere vorläufig noch beiseite. Der Unterschied zwischen Natorp 
und den kritischen Realisten liegt eben darin, dass er der Ansicht 
ist, das Dingliche sei stets nur im Bewusstsein, nur in Beziehung zu 
diesem, das allerdings die Beziehung schlechthin und gleichsam in Substanz 
ist. Der kritische Realist kann jene Ansicht jedoch nicht gelten lassen, weil 
neben der bearbeiteten (wissenschaftlichen) Erfahrung es noch unbearbeitete 
gewöhnliche und auch eine mögliche Erfahrung gibt. Er, als Realist, 
lässt die Existenz oder das „Dingliche“ in dessen voller Konkretheit, in der 
Aeusserung von dessen in steter Bewegung und dauerndem Flusse befindlichem 
Dasein ohne jede Beziehung auf ein Bewusstsein oder Denken bestehen, weil es 
eben und zunächst nur derart, u. z. als ein dynamisches besteht. Für den 
kritischen Realisten birgt und ist das „Dingliche“ die „mögliche Erfahrung“ 
in deren fliessender Aeusserung auf Grund des Identitätssatzes; denn es besteht 
zunächst ganz und gar und nur nach dem Gesetze der Identität, weil es sich der 
Begriffsfassung unseres Denkens mit dessen Bestimmung und Schaffenskraft 
noch gar nicht unterworfen hat, wohl aber die Eigenschaft und Möglichkeit 
hierfür besitzt. Der Satz des Widerspruches, der in der Sonderung, Verglei¬ 
chung und Vereinigung jenes an sich „Identischen“ in dessen Abstraktion eich 
bewähren muss, kommt erst mittels des Denkens, mittels des Urteils (Ur-Teilens) 
an dem „Dinglichen“ zur Geltung und zum Ausdruck und muss ihm entgegen¬ 
treten, um es zu einem „Gegenstand“ für uns zu gestalten und damit das Kon¬ 
krete des Dinglichen, das auch nur deshalb konkret ist, weil es die Zusammen¬ 
fassung vieler Bestimmungen und also eine Einheit des Mannigfaltigen dar¬ 
stellt und ist, im Wege des Denkens für uns zu reproduzieren 1 ). Schon 
wenn ich von jenem „Identischen“ aussage: „Es ist“, habe ich es gar nicht mehr 
in seiner vollen Identität und Konkretheit, weil ich damit bereits eine seiner 
vielen Bestimmungen aus ihrer Einheit herausgelöst, weil ich es damit schon zu 
mir in Beziehung gebracht und an ihm den Satz des Widerspruches bewährt 
habe. Das „Ding“ ist dann gar nicht mehr das Beziehungslose, Konkrete, durch 
das es ohne jene, wahrlich recht primitive Beziehung der Aussage: „Es ist“ 
charakterisiert wird. Mit dieser bereits ist das Ding zum Objekt oder Gegen- 

0 Denn das Prinzipium contradictionds ist zwar als das Fundament alles 
formal Logischen zugleich der Gegensatz und Widerspruch alles Konkreten, 
aller Existenz als solcher, negiert aber als beziehentlich e Gegen¬ 
überstellung nicht das Konkrete und löst die Existenz als das 
ihm Widersprechende nicht etwa in Null auf, sondern bewahrt vielmehr in dem 
von ihm gezeitigten Resultate den besonderen, wesentlichen Inhalt der von ihm 
kontradizierten Existenz bzw. des Konkreten. Dadurch wird das Resultat eigent¬ 
lich bereichert, zumal es die Einheit des Entgegengesetzten und des der Abhebung 
Unterzogenen in sich birgt und ist. Eine relative Opposition, die zugleich eine 
Vermittelung ist und dem Denken als Prozess und dynamischem Sein eignet. 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie u Paul Natorp’s. 


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stand für mich geworden, zu einer primitivsten Abstraktion; schon damit ist 
es bereits wissenschaftlich geworden. Mit jener Relation des blossen: „Es ist“ 
wird das Ding bereits begrifflich, ist es im primitivsten Grade „logisiert“, und 
zu einer gedanklichen Beziehung geworden. Es ist transzendental für mich 
geworden, d. h. es ist aus dem flüssigen Bestände seiner Erfahrbarkeit hinaus- 
getreten in meine Beziehung und „Erfahrung“, durch deren bereits vorhandene 
Faktoren oder Bestandteile es auch erst zu einem wirklich Erfahrenen für 
mich werden kann und tatsächlich wird. Das ist nur möglich, weil ich selber 
zum „Sein“ gehöre, dessen Teil bin, der mit dem übrigen Teil des „Seins“ 
oder vielmehr „Werdens“ in eine Funktionsbeziehung zu treten und sich mit 
diesem auch gedanklich in die Einheit zu bringen vermag, in der ich als ein inte¬ 
grierender Bestandteil dieses dynamischen „Seins“ tatsächlich und eigent¬ 
lich nie abtrennbar von diesem stehe. Nur der Form nach und künstlich besteht 
die Trennung oder bewusste bzw. gedankliche Beziehung des „Seins“ oder des 
Erfahrbaren vom Erfahrenen. Sie ist ein blosses und gleichsam rechnerisches 
Hilfsmittel und darf deshalb auch nur als ein solches gewertet werden. Nichts 
anderes besagt schliesslich das X der „Gleichung der Erkenntnis“ oder das 
„transzendentale Objekt“ Kants. Natorp und seine Schule lassen aber 
tatsächlich nureinesolche begriffliche, gedankliche Beziehung und damit 
dieses bloss rechnerische Hilfsmittel als eine volle Sachlichkeit und Identität 
gelten, erblicken in der blossen gedanklichen Beziehung bereits und allein die 
volle Wirklichkeit, die tatsächlich nur erst in dem Erfahrbaren zusammen mit 
der noch unbearbeiteten und der bereits bearbeiteten Erfahrung liegt, und 
stützen vornehmlich auf die eine Seite des vorliegenden Verhältnisses zwischen 
zwei Gliedern ihre Behauptung, dass all und jedes pur Gedanke 
oder gedankliche Beziehung sei und nichts ohne eine solche 
oder ohne ein Bewusstsein Existenz habe. Hierbei ist auch anzumerken, dass 
sie die unbearbeitete Erfahrung, die gewöhnliche Erfahrung des naiven, vor- 
und unwissenschaftlichen Menschen ganz ausser acht lassen und immer nur 
von der bearbeiteten, d. h. von der „Wissenschaft“ sprechen. Indessen wird 
dieser Modus ihres Verfahrens und Denkens bereits durch Kant selber 
widerlegt, der ein Beispiel anführt, das seine Stellung hierzu treff¬ 
lich offenbart. Er spricht zum Beispiel (Kr. d. r. V. S. 405) von 
Sternen, die im Weltraum vielleicht anzutreffen sind, und sagt von ihnen, 
dass „sie“, wenn sie gleich niemals ein Mensch wahrgenommen hat, oder wahr¬ 
nehmen wird, „zwar Dinge an sich selbst sind, aber für mich als Gegenstände 
doch nicht sind“. Hierin liegt doch zweifellos eine Rechtfertigung dessen, was 
oben ausgeführt wurde und der kritische Realismus behauptet, der den transzen¬ 
dentalen Gegenstand und dessen ihm als positivem Grenzbegriff eignende 
Fähigkeit den Vorstellungsablauf zu bestimmen zwar anerkennt, aber nicht in 
diesem doch bloss rechnerischen Hilfsmittel und Gegenstand schon den 
alleinigen Stoff sieht, den unser Vorsteliungsablauf gemäss seiner Sinnlichkeit 
verarbeitet; dieser Stoff wird ihm eben von den Dingen, als Begriffen von 
funktionalem Charakter, in ihrer positiven Wirklichkeit und in ihrem extramen¬ 
talen Dasein tatsächlich erst geboten. Andererseits liegt hierin aber eine Wider¬ 
legung des Idealismus N a t o r p s. Allein ganz abgesehen davon, was Kant 
hierüber auch gemeint haben mag, der ja in vielen seiner Aufstellungen 
zwischen Idealismus und Realismus hin und herschwankte: Der Weltraum 
birgt sicherlich Gestirne, die noch gar nicht in unsere gedankliche Beziehung 
eingetreten sind und vielleicht bei seiner Unermesslichkeit nie in sie eintreten 
und damit wissenschaftlich werden. Gleichwohl sind diese „Dinge“ bzw. Gestirne 
von konkreter bzw. konkreszenter Beschaffenheit, bestimmter Wirkung und 


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wirkendem sich äusserndem Dasein. Sie sind geformte und auch erfahrbare, 
aber allerdings noch nicht erkannte und begriffene, die jedoch ihr positives 
wissenschaftliches Sein in sich bergen. Oder war etwa der Neptun vor seiner 
Entdeckung durch Leverrier und Galle keine Wirklichkeit, hatte er etwa 
kein konkretes Dasein, das eine Einheit seines Mannigfaltigen war und das in 
Beziehungen, die völlig ohne unser Denken verliefen, sich in Zeit und Raum 
äusserte? Sicherlich hatte er Wirklichkeit und Relationen. Nur für uns 
war er vor jener genialen Errechnung und Auffindung allerdings noch kein 
„Gegenstand“, kein Gedankliches, sondern nur ein Ding schlechthin — ein 
Ding an sich im Sinne eines Erfahrungsmöglichen. Er war ein solches „Ding“ 
in sich“ sogar zum grössten Teile, d. h. er war nur transzendentaler Gegen¬ 
stand und nicht einmal ein solcher in seinem vollen Sinn noch für B ess e 1, 
da er für ihn noch kein eigentliches wissenschaftliches Objekt war. 
kein positives wissenschaftliches Sein , besass; . gleichwohl hatte dieser 
bereits 1832 ihn in gedankliche Beziehung zu sich gebracht und mehr 
als 20 Jahre vor der durch die weitere Verarbeitung dieses noch für 
ihn nicht völlig wissenschaftlichen Objektes oder X ermöglichten Auffindung des 
Neptun (am 23. Sept. 1846) darauf aufmerksam gemacht, dass ein noch jenseits 
der Uranusbahn befindlicher, unbekannter Planet auf die Bahn des Uranus 
störend einwirke. Angesichts eines solchen glänzenden Beweises und höchsten 
Triumphes der Naturwissenschaft ferner noch behaupten zu wollen oder zu 
können, dass Dinge nur als Gedankendinge bestehen, sie nur als 
Beziehungen zu unserem Bewusstsein existieren, nur als solche ein sich äussern- 
des, wirkendes Dasein haben und dass jede Beziehung nur als eine bewusste 
und gedankliche sein kann und gelten darf, bleibt mir unverständlich. Es ist 
aber, trotz N a t o r p, auch nicht richtig. Richtig ist nur, dass unser mensch¬ 
liches Bewusstsein nur als Beziehung verständlich ist, weil es nichts anderes 
als eine Funktion der Beziehung ist, die sich beim Menschen zu einer solchen 
höchsten Grades ebenso aus den niedrigeren Bewusstseinsgraden mit einer 
tieferen Art ihres niederen organischen Entwicklungsstufen und -arten 
eignenden Inhalts entwickelt hat, wie alles andere an und in ihm. 
Verständlich wird uns allerdings jede Beziehung nur mittels unseres 
Denkens, das die höchste Stufe von Bewusstsein und Aeusserung gei¬ 
stiger Art sc. Geist selber ist, die wir kennen und anerkennen. Allein 
die Beziehung ist und wirkt auch ohne unser Bewusstsein, ja sogar ohne das 
geringste Bewusstsein des Systems, dem sie zugehört und von und an welchem 
sie vollzogen wird. Beispielsweise bei anorganischen, unbelebten Systemen; 
oder haben etwa der verwitternde Fels, das versandende Meer eine Empfindung, 
auch nur primitivsten Grades, von den Beziehungen, die ihre Abbröckelung, 
ihr Verwittern oder Versanden hervorrufen? Die Beziehungen, die dies ver¬ 
ursachen, aber bestehen und werden uns, sobald wir nur auf sie aufmerken, auch 
recht deutlich, nie jedoch den Systemen, denen sie zugehören. 

Die heutigen Psychologen reden allerdings, wie auch Natorp mit 
Recht rügt, „zu Unrecht von der Transzendenz des Gegenstandes“. Sie würden 
präziser vorf der Transzendenz des Dinges als solchen, allerdings nicht der des 
erfahrbaren, reden. Ganz falsch jedoch ist es, von einer „Transzendenz 
der Gegenständlichkeit jeder Art und Stufe“ zu reden, wie sie es 
tun. Mit diesem Vorwurf gegen sie ist N a t o r p wieder völlig im Recht; denn 
man kann doch nicht von einer „Transzendenz der Gegenständlichkeit“ — die 
als Gegenständlichkeit nie transzendent, sondern stets 
transzendental ist und ganz und gar nicht von der Transzendenz 
der Gegenständlichkeit jeder Art und Stufe reden; vollends 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie“ Paul Natorp’s. 


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aber kann man nicht von der Art und Stufe eines absoluten oder eines erst 
in Erfahrung zu bringenden Dinges, eines Dinges in seiner Konkretheit 
sprechen; denn da man es doch noch gar nicht kennt, hat man zwar die Mög¬ 
lichkeit es in Erfahrung zu bringen, vorausgesetzt, dass es überhaupt ein 
Erfahrbares ist; allein man weiss auch nicht das Mindeste von seiner Art und 
Stufe als eines Erfahrungsmöglichen. Von dieser darf und kann man erst 
dann sprechen, wenn es zum Gegenstand für unsere Beziehungen geworden ist, 
es sich zum „Objekt“ für uns gewandelt hat, d. h. transzendental, bewusst oder 
gedanklich für uns geworden ist. Hat aber mein Denken, meine Funktions¬ 
beziehung zu ihm mich bereits befähigt, es zu qualifizieren und graduieren, 
so habe ich nicht mehr seine Transzendenz vor mir, auch nicht seine blosse 
transzendentale Gegenständlichkeit, sondern bereits deren Verarbeitung 
mittels meiner Erfahrung zur Vorstellung und zum Begriffe. Den Grund für 
diesen Irrtum der heutigen Psychologie sieht Natorp im folgenden: „Die 
Beziehung auf den Gegenstand,“ so erklärt er, „ist als solche immer Beziehung, 
nicht auf ein A, sondern eines A, B usf. auf ein X. Dieses X bestimme ich 
durch Bekanntes (A, B,...), aber immer mit dem Vorbehalt fernerer, ergän¬ 
zender und in der Tat nie abschliessender Bestimmung... Zwar auch als X 
bleibt es meine Setzung, besser Setzung des Bewusstseins.“ „Aber es ist als X 
gesetzt und nicht als A, das ist der Unterschied...“ Der Gegenstand selbst als 
der zu bestimmende bleibe immer X ... insofern nicht Inhalt. „Der Gegen¬ 
stand selbst ist immer Problem.“ Seine Ansicht von der der heutigen ihm 
bekannten Psychologie unterscheide sich auch vor allem darin, dass ebenso wie 
der Gegenstand nur in und kraft der gedanklichenBeziehung 
zwischen A und X besteht, auch die Subjektivität nur in und kraft die¬ 
ser gedanklichen Beziehung besteht.“ Nur sei derselbe Punkt X 
zwischen den Endpunkten einer Geraden A B anders zu bezeichnen, wenn als 
Punkt auf dem Wege von A nach B, und wenn auf dem Wege von B nach A 
betrachtet. „So wenig wie den schlechthin gegebenen Gegenstand, gibt es den 
schlechthin gegebenen Erlebnisinhalt.“ „Auch das A wird immer wieder zum X, 
das Gegebene zum Problem.“ Das alles ist im Ganzen recht zutreffend und ein¬ 
leuchtend. Es hat nur einen Fehler. Es ist nichts neues und trifft auch nicht 
den Kern der ganzen Sachlage, weil Natorp das „Ding an sich“ Kants, 
insofern als durch dasselbe das „Sein“ in dessen Werden repräsentiert wird und 
werden kann,d.h.das erfahrbare dynamischeSein nur als eine Negation im 
Sinne einer puren Verneinung, als einen „negativen Grenzbegriff“ wertet. Ganz 
abgesehen hiervon aber setze ich auch den Gegenstand gar nicht erst, sondern 
er ist dem Identitätssatz zufolge bereits ebenso da, wie das Ding oder der Sach¬ 
verhalt bereits da ist und existiert. Das positive X Natorps ist 
nämlich dem „transzendentalen Gegenstand“ Kants zum Verwechseln 
ähnlich, und dieser ist bereits auch von Kant selber mit X bezeichnet 
worden. (K. d. r. V. S. 122.) Auch dieses Kant sehe X ist ein 
Begriff, und zwar in der Art, in welcher ihn Natorp für das 
„Ding an sich“ Kants durchgehends nur anerkannt: ein negativer 
Grenzbegriff. Auch das X K a n t s ist ein „Gegebenes“ und wird 
als solches immer wieder zum Problem, das weiteren gedanklichen Beziehungen 
unterliegen muss, damit es mittels bereits zum Begriff gewordener 
Relationen zu einem Bekannten und Begriffenen herausgearbeitet werden kann. 
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem „Erlebnisinhalt“, den Natorp durch 
sein X mit negativem Vorzeichen darstellt und das ihm die Subjektivität, das 
„Subjektive“ der Psychologie vertreten soll. Allein auch dieses von ihm als 
(—X) bezeichnete Subjektive ist wieder seinerseits dem „transzendentalen 


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Subjekt“ Kants sehr ähnlich. Nun leugnen bekanntlich Natorp und seine 
Schule das „Ding an sich“ als einen positiven Grenzbegriff; es ist ihnen nur 
ein negativer Grenzbegriff, d. h. ein Nichts und damit ein Unbegriff. Aber auch 
das transzendentale Objekt, ebenso wie das transzendentale Subjekt müssen für 
Natorp und dessen Schule ein Unbegriff sein, weil wieder sie doch nur auf 
das „Ding an sich“ Kants sich beziehen und letzthin geradezu dieses selber 
sind. Natorp führt indessen trotz alledem ganz unbefangen das transzendentale 
Objekt und Subjekt, wenn auch in anderer Benennung und gleichsam ver¬ 
schämt mittels seiner (X) und (— X) in die Psychologie ein und sucht sie für 
deren „Rekonstruktion“ zu verwenden. Er kann auch gar nicht anders Vor¬ 
gehen, denn „Sein“ ist „Sein“, ist „die über die Wissenschaft erhabene Tatsache", 
die Voraussetzung alles Beweisens, ist Wirklichkeit als Zusammenfassung oder 
Synthese von Möglichkeit und Notwendigkeit, und nicht etwa ein blosser Schein 
oder Nichts. Für dieses „Sein“ in dessen voller Identität funktioneller BegTifF- 
lichkeit und Unendlichkeit, für dieses Sein, das erfahren und wissenschaftlich 
begriffen werden kann, gebraucht eben Kant seinen bekannten Terminus 
„Ding an sich“ und auf dieses wieder beziehen sich seine weiteren Termini: das 
„transzendentale Objekt“ und „Subjekt“. Da das „Sein“ sc. das dynamische 
Sein etwas Positives ist und nicht etwa „Nichts“, so ist es auch als „Ding an 
sich“ positiv zu bewerten und ebenso die auf dieses sich gedanklich beziehen¬ 
den Begriffe. Daher sind auch allein mit und in dieser positiven Bewer¬ 
tung transzendentales Objekt und Subjekt aufzufassen und nicht etwa als 
negative Grenzbegriffe. Auch nur mit dieser Auffassung liesse sich, wenn über¬ 
haupt dies angängig wäre, allein Psychologie in der von Natorp beabsich¬ 
tigten Art schaffen. N a t o r p gerät aber nicht nur hier schon mit seiner Ein¬ 
führung seiner (+ X) und (— X), sondern auch in seinen darauf gebauten 
Folgerungen mit dem kritischen Idealismus seiner Schule in Widerspruch. 
Hierbei sehe ich noch davon ganz ab, dass er in Gefahr gerät den mit dem 
Monismus des kritischen Idealismus unvereinbaren absoluten Gegensatz von 
Subjekt und Objekt aufzuheben und eine neue Art von Metaphysik zu lehren, 
in welcher der logische Existenzbegriff und das Leben bzw. die Existenz als 
solche nicht mehr im unendlichen Fortgang des Logischen zur Koinzidierung 
gelangen, sondern irgendwo anders!! Kurz gesagt: durch Natorps Fun¬ 
dierung der Psychologie gerät sogar die logische Grundauffassung vom Wesen 
der Existenz ins Wanken. Und doch ist gerade dieser Auffassung allein die 
antimetaphysische Haltung seiner Schule zuzuschreiben. Natorp erklärt 
uns: „Die Erkenntnis der Subjektivität kann allein im Rückgang von einer 
gegebenen Stufe der Objektivierung zu den dieser gegenüber niederen Stufen 
gewonnen werden.“ Die Frage der Psychologie geht nun wie die aller Wissen¬ 
schaft, auf Vorgänge oder „Erscheinungen“ als solche; die Vorstellung als 
Erscheinung z. B. bedarf in unserem Bewusstsein der Anschauung, diese wieder 
der Empfindung im Sinne von Empfindungsakt und -inhalt. Die Empfindung, 
die Kant bekanntlich auch häufig die „Materie der Anschauung“ nennt, ist 
die niedere Stufe, zu welcher man zurückgehen muss, um die „gegebene 
Anschauung“ psycholgisch, d. h. als eine Subjektivität zu erkennen. In bezug 
auf die Anschauung ist sonach die Empfindung das Objektive oder die 
„Materie“. Was ist aber wohl für diese selber, sobald sie als „Gegebenes“ oder 
als gegebene Stufe der Objektivierung“ auftritt, die niedere Stufe, auf welche 
man zurücktreten muss, damit sie als Subjektivität sich der psychologischen 
Forschung enthüllen kann? Diese Frage ist für Natorp und seine Schule 
bzw. seinem kritischen Idealismus mit dessen Grundsätzen unbeantwortbar. Die 
niedere Stufe, auf welche hier zurückzu treten ist, ist nach Natorp trans- 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie 4 * Paul Natorp’s. 


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subjektiv oder transzendent und geht über das Bewusstsein hinaus. Das 
Bewusstsein aber kann nicht „über seinen Schatten springen“, nicht „über 
sich selbst“ hinübergreifen und über „das Bewusstsein überhaupt“ hinaus¬ 
gelangen. Allein wird das denn wirklich gefordert? Von Kant jedenfalls 
nicht. Natorp will doch aber die Empfindung psychologisch erkennen. Er 
kann dies nur dogmatisch tun, weil er das Hineinragen des „konkreten“ und 
als Einheit vieler Bestimmungen zusammenfassenden sc. konkreszenten Dinges 
oder des erfahrbaren „Seins“ in unser Bewusstsein leugnet. Allerdings braucht 
dieses meines Erachtens als ein formaler Teil des Seins, als die formale Einheit 
im Ich, als dem mit der Welt unzertrennbar Zusammengehörenden, gar nicht 
„über sich selbst“ hinausgreifen. Denn das Bewusstsein bleibt im Grunde 
stets bei allen seinen Aktionen in der Sphäre des Seins sc. des wissenschaft¬ 
lichen, erfahrbaren Seins, des mit dem Charakter objektiv-notwendiger und all¬ 
gemeiner Geltung ausgestatteten, das seinerseits durchaus positiv bestimmt ist. 
Man muss auch hier nur wieder auf Kant zurückgehen, der passiv empfangene 
Eindrücke als erste Elemente alles Erkennens annimmt und anerkennt, die 
ihrerseits nicht das Ganze, sondern nur dessen Bestandteile darstellen. Damit 
wird auch die Empfindung selber als ein nicht Einheitliches oder ein Letzt- 
gegebenes, sondern als ein Ergebnis, eine Synthese von „Eindrücken“ auf 
unser Bewusstsein, auf unsere „Sinnlichkeit“ als das „Vermögen der Rezep- 
tivität“ erkannt und anerkannt. Diese Eindrücke gehen der „Sinnlichkeit“ 
von den erfahrbaren, in stetem Flusse befindlichen Dingen zu, die mit den 
Endpunkten ihres Funktionierens oder mittels ihrer verschiedenen Pole in 
unseren Vorstellungsablauf zwar gleichsam hineinragen, von ihm im grossen 
und ganzen und im wesentlichen auch noch unabhängig sein können und tat¬ 
sächlich dies auch sind, aber durch ihr blosses Hineinragen in ihn, durch ihr 
dynamisches Sein uns bekannt werden können; damit bilden sie die Hebel, die 
Empfindung nicht nur zu gestalten (synthetisieren), sondern auch als Subjek¬ 
tivität, d. h. psychologisch zu erkennen. Allerdings wird hierbei der „Sinnlich¬ 
keit“ nicht allein nur die „Rezeptivität“, sondern auch das eigene Schaffen 
der „Spontaneität“ zuerkannt. Allein selbst das ist nicht Kant wider¬ 
sprechend, der sich in seiner „Theorie von der Sinnlichkeit“, ebenso nicht 
weniger Leibniz als Locke annähert, indem er zu den Empfindungen die 
vom Geiste bzw. Denken gesetzte Einheit hinzukommen lässt, die Selbsttätigkeit 
aber, entgegen Leibniz, nicht in der Empfindung selbst statuiert, sondern in 
dem, was aus ihr wird, d. h. in der Anschauung oder in der „Sinnlichkeit“. 
Hier zeigt eben Kant bereits die grösste Verwandtschaft m i t dem 
Realismus sc. dem kritischen Realismus, nicht etwa mit dem 
des gemeinen Verstandes, dem naiven. Und hier zeigt sich zugleich für 
Natorp und seinen kritischen Idealismus der Punkt, an dem sie scheitern 
müssen, wenn sie nicht anerkennen wollen oder können, dass die erfahrbaren 
Dinge in dem grossen durchgängigen Zusammenhänge der wechselnden 
Bestimmungen und dynamischen Systeme, der die Welt darstellt und 
charakterisiert, der deren Dynamik ausmacht, existieren und funk¬ 
tionieren, ohne dass sie zu uns in Beziehung getreten sein brauchen. Denn, 
wie bereits hervorgehoben wurde, „jedes Bewusstsein ist zwar Beziehung,“ 
aber nicht jede Beziehung auch sogleich Bewusstsein, wenn sie auch nur durch 
dieses uns erst verständlich werden kann. Vor allem muss Natorp aber mit 
seiner „Rekonstruktion der Psychologie“ daran scheitern, dass er den „transzen¬ 
dentalen Gegenstand“ bzw. das „Ding an sich“ Kants nicht als positi¬ 
ven Grenzbegriff gelten lässt, sondern beide völlig negiert.“ 

Hätte Kant seine „Theorie von der Sinnlichkeit“ weiter ausgebaut, 


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so wäre er auch sicherlich zu einem kritischen Realisten geworden. Er iat 
indessen auf halbem Wege hier stehen geblieben, wie dies auch bei unseren 
heutigen Psychologen der Fall ist, die, als gemeinhin halbe Idealisten oder 
Spiritualisten, die Empfindung als ein Einfaches, Letztgegebenes gelten lassen 
und deren Synthese aus elementaren Eindrücken als Elementen aus Teilen 
der grossen Gesamtsumme der Wirklichkeit vernachlässigen; mittels dieser 
Elemente gerade, als ihrer verschiedenen Pole, werden die veränderlichen 
Bestände, die dynamischen Gebilde, welche wir „Dinge“ nennen und 
die diese charakterisieren, zu wissenschaftlich erforschbaren. Mit vollem 
Recht kann N atorp daher unseren heutigen Psychologen, unter 
anderem L i p p s, den Vorwurf machen, dass sie den „Gegenstand“ 
gleichsam unvermittelt setzen oder vielmehr, dass er in dieser Art 
bei ihnen vom Bewusstsein „gesetzt“ wird. Tatsächlich würde damit das Be¬ 
wusstsein in eine ihm „transzendente“ Welt in ein metaphysisches Sein, 
das kein „Werden“ ist und sein kann, hinübergreifen. Das braucht es indessen 
einmal gar nicht und dann ist es auch gar nicht seine eigentliche Funktion, 
wie Lipps meint; auch N atorp hält diesem ferner mit Recht entgegen, 
dass dies eine Funktion ist, die das Bewusstsein nie zu üben vermag. Seine 
Funktion der Beziehung zu der nach Lipps Meinung „transzendenten Welt“ 
vollzieht das Bewusstsein eben erst und kann sie nur dann vollziehen, nach¬ 
dem diese nur fälschlich so genannte „transzendente Welt“ bereits zu einer 
transzendentalen, d. h. bewussten für unser Denken geworden ist; nur wenn 
diese zu Unrecht „transszendent“ genannte Welt mit den Endpunkten ihres 
Funktionierens in die Welt des Bewusstseins hineinragt, kann dieses jene in 
sieh einbeziehen und begreifen; sonst bleibt sie tatsächlich nur ein Trans¬ 
zendentes, ein Jenseitiges, Metaphysisches, das uns auch nicht das mindeste 
bietet und angeht. Stets nicht bloss ein Unbekanntes, sondern auch ein Unbe¬ 
greifliches, das, mag es vom Bewusstsein, aus ihm heraus und aktiv, noch so 
oft und intensiv „gesetzt“ werden wie nur möglich, doch immer unbegriffen, 
immer statisch und daher ein unlösbares X bleibt und bleiben muss. Denn 
das Bewusstsein „schafft“ nicht den Gegenstand, sondern er als transzenden¬ 
taler bietet mittels seiner Dynamik ihm sich ohne weiteres dar. Es „webt“ 
den Gegenstand aus dem ihm von den Dingen in Hinsicht ihres funk¬ 
tionalen Seins und konkreten bzw. konkreszenten So-Beschaffen* 
seins und als flüssigen Beständen zukommenden realen Eindrücken, den 
„ersten Elementen alles Erkennens“, die als gedankliche Beziehungen, gleich¬ 
sam als Symbole der Dinge oder als „transzendentale Gegenstände“ in ihm 
erscheinen und die Empfindung veranlassen. Diese aber ist, je nachdem Indi¬ 
viduum, dem sie eignet und das sie empfängt, auch individuell verschieden 
oder mit einem Nietzscheschen Ausdruck die „Idiosynkrasie“ des Individuums. 
Auch ein „Umdenken“ liegt hier nicht etwa vor, wie Lipps weiterhin meint, 
sondern ein Denken, das sich weiter erstreckt, als dem Dargebotenen oder 
„Gegebenen“ aus ihm selber heraus zunächst scheinbar eignet. Dieses Denken 
kann auch nur deshalb sich weiter erstrecken, weil es mit seinen bereits in ihm 
vorhandenen bzw. in ihm aufgehobenen Beziehungen und mit dem von ihm Begrif¬ 
fenen an jenem Dargebotenen sc. „Vorgefundenen“ arbeitet bzw. arbeiten kann, 
weil es ein Denken ist, das durch seine Gegensätzlichkeiten im Ablauf seiner In¬ 
halte sich charakterisiert, indem es die eine Bestimmung setzt, die andere denkt, 
kurz durch seine Methode, als die dialektische, in welcher alle Glieder eines 
Inhaltes ebenso Bedingtes wie Bedingendes sind. Das erfahrbare „Sein“ und 
das Erfahrene sc. das Denken sind aber Glieder ein und desselben Inhaltes. Ein 
solcher Akt des Denkens kann kein „ausserbewusster“ sein, sondern ein völlig 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie 44 Paul NatorpV 171 


einheitlicher, ein nur im Vorstellungsablauf sich vollziehender. Er wird ak 
solcher auch um so eher anerkannt, je mehr man „Objekt und Subjekt“ als eine 
Einheit erkennt, die ähnlich der organischen Einheit von Geist und Körper ist, 
je mehr man einsieht, dass alle diese Trennungen nur künstliche Auseinander¬ 
reissungen nicht bloss der Einheit von Leib und Seele, sondern auch vor¬ 
nehmlich der Einheit und des Zusammenhanges von Mensch und Welt sind. 
Das allein auch ist der Sinn dessen, dass Kant den Verstand als Gesetzgeber 
der Natur erheben konnte, die der Verstand zwar nicht schaffen, aber 
„machen“, umgestalten kann, weil er in sich selber die Normen birgt, nach 
denen er dies vermag und die in ihm von der Natur, von dem Inbegriff aller 
Dinge, dem Ganzen aller Erfahrung und alles Erfahrbaren, von dem unend¬ 
lichen Komplexe aller in einem gegenseitigen räumlichen Wirkungsverhält¬ 
nisse stehenden Kausalreihen gleichsam aufgespeichert sind. In diesem Sinne 
fragt Goethe: „Ist nicht der Kern der Natur Menschen im Herzen?“ Und 
Lichtenberg spricht sich in dem gleichen Sinne dahin aus: „Man kann 
nicht genug bedenken, dass wir immer nur uns beobachten, wenn wir die 
Natur und zumal unsere Ordnungen beobachten.“ Die Gesetzlichkeit der Natur 
das sind wir selber, das ist der Mensch. Mit dieser von Kant bereits ver¬ 
tretenen An- und Einsicht gewönne zugleich die heutige Psychologie festen 
Boden; sie würde dann auch nicht, wie bei Lipps, über die Erfahrung 
hinausgehen brauchen und würde wirklich zu einer objektivierenden Wissen¬ 
schaft, die vor Vorwürfen, wie denen N a t o r p s, geschützt wäre. In der 
Praxis bewährt sie sich trotz der Einwände N a t o r p s übrigens ganz gut und 
handelt auch tatsächlich vom „Erlebten“. Allerdings zeigt sie die gleich gute 
Bewährung noch nicht in ihrer wissenschaftlichen Auffassung von der Einheit 
mit dem Gegenständlichen, das sie von dem es mit sich in Beziehung 
setzenden „Ich“ künstlich trennt, weil sie auf Abstraktion, auf Analyse ange¬ 
wiesen ist und das allerdings sich auch nur mittels der Abstraktion künst¬ 
lich von ihm sondern lässt; gerade dieses irrige Verfahren will unserer 
heutigen Psychologie N a t o r p jetzt von neuem zum Bewusstsein 
bringen; lange vor ihm hätte aber bereits Kant dies mittels seines „trans¬ 
zendentalen Objekts und Subjekts“ sie lehren können, wenn er nur selber 
diese Begriffe nicht bald als blosse negative Grenzbegriffe, d. h. idealistisch, 
bald als Positivismen, d. h. realistisch auf gefasst hätte. Unsere Psychologie 
geht bei ihrem bisherigen Verfahren jedoch im Ganzen durchaus richtig, 
wenn auch mehr instinktiv, vor; dieser Instinkt ist aber nur die Konsequenz 
dessen, dass zwar in der Theorie der Mensch, wie jedes Lebewesen überhaupt, 
sich in Leib und Seele trennen lässt, aber nie und nimmer in der Praxis. 
Der Mensch als Ganzes steht und stand der heutigen Psychologie als 
Objekt bei ihrer experimentellen Forschung gegenüber, bei welcher 
sie durchaus positivistisch denkt und verfährt; daher denn auch ihre 
richtigen und guten Resultate trotz ihrer falschen Theorien; an den Resultaten 
selber aber dürfte auch die „Rekonstruktion“ der Psychologie durch N a t o r p 
nichts ändern, da sie auch als „rekonstruktive Psychologie“ letzthin nicht 
anderes oder mehr leisten könnte, als die bisherige. Natorps X mit dem 
negativen Vorzeichen muss doch erst zu einem X mit positivem Vorzeichen 
sich wandeln, damit überhaupt nur ei ne „Objektivierung“ zustande kommen kann. 
Das will besagen, dass „das transzendentale Subjekt“ durch die es als formales 
Ganzes zusammenfassenden Akte seines formalen Denkens, Strebens, Vor¬ 
stellens, Empfindens und Fühlens hindurch auf die mit und in ihnen mehr 
oder weniger innig verknüpften und zusammenhängenden physiologischen 
Substrate zurückgeführt werden muss; diese wieder sind aber ihrerseits Objekte 


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Max Cohn 


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der Naturwissenschaft und bedürfen zu ihrer Erkenntnis, dass sie auch ihrer¬ 
seits sich zu dem „transzendentalen Gegenstände“ oder dem diesem ähnlichen 
positiven X von Natorp wandeln. Die Psychologie hat also im Gegensatz zu den 
Naturwissenschaften einen komplizierteren Weg zu nehmen, der sogleich ihre 
schwierige Stellung in der Reihe der wissenschaftlichen Disziplinen als objekti¬ 
vierender erklärt und ebenso ihr Ziel, die Objektivierung des Subjektiven als sol¬ 
chen, verhüllt und dessen Erreichen erschwert. Hieraus geht ferner hervor, dass 
selbst Fühlen, Empfinden, Begehren und Streben Beziehungsarten darstellen, die 
unvermerkt und gleichsam automatisch oder nur mittelbar bewusst sich voll¬ 
ziehen, und dass das Denken als die über alle anderen bewuss¬ 
ten Beziehungen hinausgreifende, höchste bewusste Art von 
Beziehung, das ist selbst als Geist gefasst nicht allein für 

sich ausreicht, um alle seelischen Vorgänge im Menschen oder einem 

anderen Lebewesen bislang schon restlos zu erklären. Das Denken sc. 
das aktuelle Denken ist eben nicht die ganze Welt. Noch weniger 

das logische Denken oder die Logik als solche und für sich allein, wie 

Natorp und mit ihm seine Schule und alle Neukantianer dies annehmen. 
Denn wenn auch zugegeben werden muss, dass alle Dinge wirklich so sein 
müssen, wie sie von vornherein von uns gedacht werden, eine Folge dessen, dass 
unser Denken gleichfalls zu der einen Welt gehört, in der wir stehen, die wir 
allein nur kennen und zu welcher auch die Dinge gehören, die den allgemeinen 
Charakter der Begriffe tragen; wenn sonach auch jenes zuzugestehen ist, so 
liegt darin noch keineswegs eingeschlossen, dass, die alles zum blossen 
Begriff machen, oder auf den Schluss zuspitzen, damit nicht weniger im 
Unrecht sind, als die, welche alles mit dem gewöhnlichen Verstände oder naiv 
erfassen zu können vermeinen. „Die Welt wird“ zwar, wie Schelling dies 
einmal ausspricht, „gleichsam in den Netzen des Verstandes oder der Vernunft 
gefangen“. Allein ein recht grosser Teil bleibt noch ausserhalb und unberührt 
von diesen Netzen, vielleicht gar der grössere, der uns so lange auch nichts 
angeht, als er nicht zu einem erfahrungsmöglichen, wissenschaftlichen Bestand¬ 
teil, zu einem „Sein“ sc. positiven Sein für die Funktionsbeziehungen unseres 
Bewusstseins sich gestaltet hat, zu einem solchen erfahrbaren „Sein“ werden 
kann, oder ein solches „Werden“, d. h. ein durchgehend zusammengehöriger 
Komplex von Wirkungssystemen ist. Wenn Natorp ferner erklärt: 
„dass dieselbe Erscheinung das eine Mal nach ihrem Objektivi¬ 
tätscharakter, als Darstellung des Gegenstandes auf bestimmter Stufe, 
das andere Mal nach ihrem Subjektivitätscharakter als Moment des 
Erlebens eines bestimmten Subjekts ins Auge gefasst wird“ — „Sub¬ 
jektivität und Objektivität sind zueinander reziprok wie Berg und Tal, 
oder wie Rechts und Links“, — so ist dies zwar richtig und auch der spino- 
zistischen Lehre von der Einheit von Geist und Körper scheinbar ähnlich; 
allein Spinoza knüpft sowohl die Erkenntnis dieser Einheit als auch die der 
Seele an die vorherige Erforschung und Erkenntnis des 
menschlichen Körpers (cf. Lehrsatz 13, Ethik II). Natorp aber 
verwirft geradezu ein derartiges Verfahren und tadelt die heutige Psychologie 
wegen desselben, da es nur irreführe und sie von ihrem Wege und Ziele 
der Objektivierung des Subjektiven ablenke, „nur die Subjektivität tot schlage, 
um sie zu sezieren, und damit der falschen Meinung Raum gebe in dem 
Sektionsbefund das Leben aufgezeigt zu haben.“ Gerade dies will Natorp 
mittels seiner „Rekonstruktion“ der Psychologie vermieden wissen. Allein er 
könnte dies mit ihr nur dann vielleicht erreichen, wenn er in sie den Kantischen 
„transzendentalen Gegenstand“ in dessen voller positiver Bedeutung und 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie“ Paul NatorpV 


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Bestimmung unverhüllt aufnähme und nicht statt dessen seine blossen X mit 
den verschiedenen Vorzeichen gleichsam verschämt und ohne weitere positive 
Beziehung einführte. Allein selbst wenn N atorp das Kantische transzenden¬ 
tale Objekt bzw. Subjekt in ihrer positiven Bedeutung einführte und nicht seine 
blossen Zeichen (X), so würde er selbst mit jener Einführung noch nicht den 
falschen Schein von Objektivität vermeiden, dem er jetzt unbedingt unterliegt; 
selbst der von ihm sonst gefürchteten Metaphysik würde N. damit und mit seinen 
X nicht einmal entgehen; denn da in jedem Falle das Seelische durch eine 
Gegenstellung gegen alle Objektivität des Wertes begrifflich gemacht werden 
soll, so ist unausbleiblich, dass damit zwei Existenzarten aufge¬ 
stellt werden: Eine Sphäre des Lebens und Seins und 
eine andereSphäre desGeltens! Hätte sonach N atorp damit 
tatsächlich erst die heutige Psychologie auf dem rechten Weg zur Objektivie¬ 
rung des Subjektiven als solchen führen können, so hätte er uns damit noch 
lange nicht gezeigt, wie dem Dilemma der Metaphysik zu entgehen wäre. 
Mit seinen Grundsätzen jedoch vermag er dies alles bisher nur dogmatisch 
zu vollziehen. Seine „rekonstruktive“ Psychologie muss daher ein verunglücktes 
Unternehmen bleiben. Natorp logisiert ohne die Hinzunahme des K antischen 
transzendentalen Subjekts und Objekts in deren vollem Positivismus und 
bestimmter Relation nur alles und jedes, schlägt alles sogleich in Begriffe, 
weil er die zum Logos, zur Wissenschaft des „Seins“ erst führenden niederen 
Stufen nicht genügend berücksichtigt, indem er die ersten Elemente allen 
Erkennens, die passiv empfangenen Eindrücke der flüssigen Bestände der 
„Dinge“ auf unseren Vorstellungsablauf gänzlich leugnet; mittels deren 
Berücksichtigung allein kann aber erst eine wirklich objektive Erkenntnis 
gewonnen werden, und nicht bloss wie beiNatorps Grundanschauungen und 
Annahmen dies anders auch nicht möglich ist, seine vermeintliche und nur 
scheinbare „Objektivität“. 


III. 

Eine fernere Ansicht über Natorps „rekonstruktive“ Psychologie geht 
dahin, dass in ihr der „Unterschied des Beziehungs- und Vergleichungssinnes“ 
etwa analog der Verschiedenheit der Untersuchungsrichtung von Mach sei. 
Auch das ist nicht zutreffend. Allerdings fasst die Machsche Untersuchungs¬ 
richtung ein und denselben Stoff je nach der Stellung des Untersuchers 
zu ihm einmal als physischen, das andere Mal als psychischen auf. Eine Farbe 
z. B. kann hiernach als physisch oder „Gegenstand“ der Empfindung betrachtet 
werden, wenn die Untersuchung auf die Abhängigkeit der untersuchten Farbe 
von anderen Farben gerichtet ist, als psychologisch oder als Akt bzw. Inhalt 
der Empfindung jedoch, wenn der Untersucher auf ihre Abhängigkeit von 
seiner Netzhaut achtet. Der Schwerpunkt liegt hier also in dem Untersucher, 
der den Akt vollzieht, während er bei N atorp auf dem Vorgang als solchem, 
ohne jede Rücksicht auf den Untersucher, ruht. Dieser Prozess ist sonach für 
Natorp nur ein Gegensatz zweier Beziehungen und kann tatsächlich nur als 
zwei verschiedene Richtungen des Erkenntnisweges aufgefasst werden, 
völlig unabhängig vom Untersucher selber. Er stellt sich daher bei Natorp 
je nach der Richtung seiner, wie wir verschiedentlich gezeigt haben, nur ver¬ 
meintlichen, nicht tatsächlichen Stufe der Objektivität das eine Mal als posi¬ 
tiver, das andere Mal als negativer dar. Mach zerlegt auch bekanntlich die 
Erscheinungen der Elemente, die ihm, sofern sie mit dem Subjekt verbunden 
und durch dasselbe bedingt sind, „psychische Elemente“ oder „Empfindungen“ 
sind, oder vielmehr nur heissen, sonst aber für ihn physische 


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Max Cohn 


Elemente, und auch im ersten Falle mit diesen identische, bleiben. Für M a ch 
ist daher auch das Ich selbst ein Komplex von Elementen. Das Mach’sche Ich 
wird durch die Weltelemente als psychische konstituiert, wie der zu ihm 
gehörige Körper und die physischen Dinge des Weltzusammenhanges ihrerseits 
durch physische Elemente oder „Weltelemente“ schlechthin. Das Machsche Ich 
ist aber selber eine erst nachkommende Vorstellung, die dadurch sich bildet, 
dass der Elementenkomplex einer zähen Masse vergleichbar ist, in welcher ein 
Punkt durch seinen stärkeren Zusammenhang in ihr hervortritt. In diesem 
Punkte des Elementenkomplexes der Welt stellt eben das Ich sich dar, das 
damit bei Mach eigentlich ausgeschaltet ist. Bei Natorp ist zwar das Ich 
letzthin ein Einheitsbezug aller seiner zu ihm gehörigen psychischen Vorgänge, 
aber N a t o r p s (X) mit dem negativen Vorzeichen schwankt hierbei hin und 
her, ist bald Empfindung, bald Fühlen, bald Vorstellung, bald das Denken 
selber auf dessen höchster Stufe. Hierdurch unterscheidet sich Natorps 
(—X) noch weiterhin von dem transzendentalen Subjekt, mit welchem Ter¬ 
minus bei Kant das Ich als die formale Zusammenfassung aller seelischen 
Akte, als das denkende Ich oder die „Seele“ verstanden wird und das für 
Kant nur ein Teilbewusstsein des „Bewusstseins überhaupt“ ist. Das Natorp- 
sche (X) mit negativem Vorzeichen soll allerdings auch ein solches Teil¬ 
bewusstsein sein; es unterscheidet sich aber einmal von dem Machschen 
Elementenkomplex oder der diesem nachfolgenden Ichvorstellung durch seine 
Richtung auf die Vorgänge als solche, während das „Machsche Ich“ sich auf 
seine eigene Tätigkeit als eines Untersuchers richtet. Von dem transzenden¬ 
talen Subjekt Kants aber unterscheidet sich das (— X) Natorps wieder 
durch sein Hin- und Herschwanken zwischen den einzelnen seelischen Vor¬ 
gängen, hierin gleich dem Funken auf der verglimmenden Asche (cf. Vergleich 
seiner Stufenreihe der Subjektivierung mit demselben Punkt X zwi¬ 
schen den Endpunkten einer Geraden AB). Mach ist eben Psychologist 
und Phänomenalist, Natorp durch und durch Logiker. Muss schon deswegen 
die Machsche Verschiedenheit der Untersuchungsrichtung ganz etwas anderes 
sein, als der „Unterschied des Beziehungs- und Vergleichungssinnes“ bei 
Natorp, als dessen doppelseitige Betrachtung, so ist sie es vor allem deshalb, 
weil Natorp unter „Sinn“ hier ganz etwas anderes versteht und mit ihm 
beabsichtigt, als man zunächst geneigt ist, darunter zu verstehen. Er will damit 
nur den „Sinn“ nach Analogie der mathematischen Bedeutung des „Sinnes“ 
bezeichnen, „die ihren Ausdruck in den Vorzeichen (des Plus und Minus) hat“. 
Er will ferner damit die Erscheinung selbst und als solche unterscheiden von 
ihrer Erscheinung für ein Bewusstsein und von ihrer Erscheinung als 
Erscheinung des Gegenstandes. 

Nicht weiter braucht erörtert zu werden, dass die Machsche verschiedene 
Untersuchungenchtung sich von dem transzendentalen Objekt und Subjekt 
Kants himmelweit unterscheidet. Bei jener ist der Unterschied des 
Ortes, von dem aus der Akt für den Untersucher sich vollzieht, 
bei dem Kantischen transzendentalen Objekt und Subjekt aber kann nur der 
völlig einheitliche Vorgang selbst und sein Inhalt das 
Richtung- und Massgebende sein. Die heutigen Psychologen glauben allerdings 
Psychologie und Naturwissenschaft dadurch voneinander differenzieren zu 
können, dass sie das in beiden Betrachtete voneinander trennen, den Gegen¬ 
stand von dem Erlebnis und Inhalt und wieder diesen von dem Akt der Tätig¬ 
keit. Das ist jedoch, wie bereits gesagt, eine künstliche Trennung, die z. B. 
auch Oesterreichs inhaltreiche Schrift: „Die Phänomenologie des Ich 
und ihre Grundprobleme“ schon im Konzept verdirbt. Denn Oesterreich 


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Zur „rekonstruktiven Psychologie“ Paul Natorp’s. 


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trennt hier die Akte des Empfindens, Wahrnehmens, Vorstellens und Denkens 
von deren Inhalten und will beide streng voneinander unterschieden wissen. 
Gefühl und Wille machen für Oesterreich das Ich aus; das Seelenleben 
soll allein in dessen Tätigkeit zum Unterschiede von dessen Inhalten gefunden 
werden. Haben Oesterreich und mit ihm viele andere Psychologen hierbei 
auch Kant vergessen, der den Unterschied bereits in die Richtung des völlig 
einheitlichen Vorganges verlegt hatte, so wird er nicht weniger von der 
Schule N a t o r p s und diesem selber wieder vergessen; denn wenn Natorp 
auch die prinzipielle Zweiheit von Akt und Inhalt leugnet, so leugnet er doch 
seinerseits wieder die Anschauung, die „Sinnlichkeit“ und lässt das „Ding an 
sich“ im Sinne eines Repräsentanten für die gesamten Zusammenhänge der 
wechselnden Bestimmungen der Welt als unserer ganzen bearbeiteten und 
unbearbeiteten bzw. möglichen Erfahrung und somit als positiven Grenzbegriff 
nicht gelten. N a t o r p und seine Schule glauben eben alles sogleich in 
Begriffe schlagen und logisieren zu können, Wenn Natorp sich jetzt ver¬ 
anlasst sieht sein X mit dem positiven und negativen Vorzeichen in die Psycho¬ 
logie einzuführen und diese damit zu „rekonstruieren“, so ist auch dies die 
Folge jenes Leugnens. Er müsste in voller Konsequenz auch das „Ding an 
sich“ K a n 18 als positiven Grenzbegriff und als Ausdruck für die gesamten 
Dinge in ihrer Bewegung, als veränderlicher nicht etwa fester, 
zugleich aber auch erfahrungsmöglicher und erforschbarer Bestände auffassen, 
die als solche behufs ihrer Erforschung transzendental werden und in die 
Gleichung der Erkenntnis auch eingehen können. Allein damit würde er auch 
nicht fürderhin den in Kant bereits zum Durchbruch gelangten kritischen 
Realismus ignorieren können. Im anderen Falle bleibt seine „Rekonstruktion 
der Psychologie“ ein Versuch mit untauglichen Mitteln. 

IV. 

Hat aber wirklich die heutige Psychologie mit ihrem Verfahren unrecht, 
das sie bisher in praxi und instinktiv völlig richtig übte? Meines Erachtens 
nicht! Sie hat ausserordentliche Fortschritte gemacht trotz und vor Natorp. 
Erst neuerdings hat Hugo Münsterberg in seiner „Psychologie und 
Wirschaftsleben“ (Ambr. Barth, Leipzig 1912, cf. auch das 1914 erschienene 
Werk von M.: „Psychotechnik“, das einen guten Ueberblick über die weiten 
Anwendungsgebiete der Psychologie gibt) bewiesen, dass die Wissenschaft von 
dem Subjektiven in der Art, wie sie von den Experimentalpsychologen betrieben 
wird, zu ausserordentlich guten und brauchbaren Resultaten führt. So stellte 
Münsterberg an einer Anordnung von Kartenblättern mit Linien und 
Zahlen die Fähigkeit von StrassenbahnWagenführern fest, Unglücksfälle in 
schwierigen Situationen zu vermeiden. Die Resultate seiner Untersuchungen 
stimmten mit den Erfahrungen der Verwaltung über die tatsächlichen 
Leistungen solcher Führer überein. Aehnlich verhielt es sich mit jungen 
Mädchen im Telephondienst. Die Arbeitsleistungen von Maurern konnten durch 
Aenderung von deren Bewegungen (Einlagen von Pausen unter Berücksich¬ 
tigung der Einübung und des Lernens, der Aufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, 
Ermüdung u. a. m.) in unerwartetem Maße gesteigert werden. Sonach vermag 
die nach psychologischen Regeln eruierte und ihnen gemäss gestaltete Arbeits¬ 
methode einer Energieverschwendung vorzubeugen. Ein schönes Zeugnis für 
die heutige Psychologie, die trotz Natorps Einwendungen gegen sie doch 
wohl auf dem rechten Wege und eine gute sein muss, obwohl sie nur in ihrem 
dunklen Drange ihn gefunden hat. Das ist nur dadurch erklärbar, weil sie, 
wie bereits erwähnt, bei ihren Experimenten denganzenMenschen, d. h. 


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das „Objektive und Subjektive“ in ihm ohne weiteres und stets berücksichtigen 
muss, weil Geist und Körper sich zwar theoretisch, aber nicht in der Wirk¬ 
lichkeit voneinander trennen lassen. Das mit irgend einer Person angestellte 
Experiment nimmt eben den Menschen als Ganzes in dessen Empfin¬ 
den, Wollen, Denken und Handeln, in dessen einheitlicher und gesamter physio¬ 
logischen und seelischen Verfassung zum Ausgang. Daher denn auch jene 
Resultate, die mittels der alleinigen und blossen theoretischen Ueberlegungen 
unserer modernen Psychologie nicht gezeitigt werden könnten, weil diese nur 
auf einen Teil des Ganzen, nicht auf dieses selber, nicht auf den Menschen 
in seiner vollen Seelen- und Körperbeschaffenheit, auf seine Einheit von Geist 
und Körper hinzielen. Nur auch aus dieser abstrahierte psychologische Gesetze 
sind wirkliche Naturgesetze, und sind dies nicht bloss „ihrer ganzen Intention 
nach“. Hierbei verschlägt es gar nichts, wenn die heutige Psychologie zunächst 
nur die chemischen Umsetzungen von Nervensubstanzen als solche eruieren 
und psychische Vorgänge, die mit und in ihnen einhergehen, nur als „ver¬ 
borgene Qualitäten“ im Sinne von Subjektivitäten bezeichnen kann. Auch 
Natorp vermag mit seiner „rekonstruktiven Psychologie“, mit seinem Ver¬ 
fahren der Einkreisung uns nicht zu sagen, was diese Subjektivitäten eigentlich 
sind. Allerdings verspricht seine Methode, wenn sie die realistischen Faktoren 
Kants in sich aufnähme, die Erkenntnis jener subjektiven „Abhängigen“ 
oder Qualitäten eher vielleicht noch als dies mittels der Methode 
der heutigen Psychologie geschehen dürfte. Die Dispositionen und 
Assoziationen zum Beispiel existieren als naturwissenschaftliche Objekte 
und sind vermittels der Naturwissenchaft bzw. der Hirn- und Nerven- 
physiologie ganz gut erforscht; allein mit ihren subjektiven Qualitäten ist man 
bisher zu einem ähnlichen Resultate noch nicht gelangt, weil diese Qualitäten 
dem „transzendentalen Subjekt“, als der blossen Form des Einheitsbezuges 
aller psychischen Vorgänge insgesamt, als der Form des mit dem Ter¬ 
minus „geistiges Ich“ zu bezeichnenden seelischen Gesamtvorganges in unserem 
Organismus, schon recht nahe kommen. Denn je mehr wir uns von der Empfin¬ 
dung als dem „Material der Anschauung“ entfernen, zur Vorstellung, Wahr¬ 
nehmung und schliesslich zum begrifflichen Denken emporsteigen, desto grösser 
wird der Anteil der logischen Bearbeitung, desto mehr verflüchtigt sich das 
„Materiale“, das „Stoffliche“, das „Objektive“ oder „Gegenständliche“. Um so 
schwieriger wird aber auch die Objektivierung der solcher Art gegebenen 
höheren und höchsten Stufen und die Zurückführung auf ihre dem¬ 
nächst und weiteren niederen. Allein immer sehen wir uns auch 
auf den relativ kleinen Anteil der „Materie der Anschauung“ hin¬ 
gewiesen, die selbst bei dem „transzendentalen Subjekt“ oder anders 
ausgedrückt dem „Ich“, als der formalen Bezeichnung für den seelischen 
Gesamtvorgang und für dessen Inhalt, das ist für die Objekte in 
unserem Körper, nicht fehlt. Ueberdies ist ja das „transzendentale Subjekt“ 
oder vielmehr die einheitliche Form des Bewusstseins, die doch nur durch 
ihren Inhalt, die Objekte, erst besteht, immer ebenso Problem und Aufgabe 
und wirft sich immer wieder von neuem dazu auf, wie schliesslich jedes andere 
Objekt oder Ding. Transzendentales Subjekt und Objekt sind daher auch nur 
„Wegweiser“, „unendliche ferne Punkte“. Das Verdienst N a t o r p s besteht 
darin, dass er, wenn auch nur wider seine eigenen Grundsätze und gleichsam 
wider sein Wissen und Willen, darauf aufmerksam gemacht hat, dass diese 
Kantischen Begriffe für die Wissenschaft überhaupt und vornehmlich für die 
Psychologie brauchbar werden können, wenn sie nur auch ihre positiven 
Bestimmungen erhalten; allerdings muss dann aber auch das „Sein“ als „Sein“ 


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Bericht über die Kriegstagung des Vereins für Pychiatrie. 


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im Sinne von „Werden“, als wissenschaftliche bzw. positives und als Wirklich¬ 
keit anerkannt werden, die Möglichkeit und Notwendigkeit als Komponenten in 
sich begreift. Auf diese Wirklichkeit beziehen sich dann auch jene Begriffe 
gedanklich und können ihrerseits das Sein bzw. dessen Wirklichkeit in sich 
einbeziehen. Die heutige Psychologie muss dem folgen; ihre Methode wird sich 
dadurch nur vertiefen und eine mehr wissenschaftliche werden können; ob 
aber ihre Resultate sich davon allzu stark berührt finden, da sie schon heute 
recht brauchbare und fruchtbringende sind, ist eine andere Frage und wird 
uns die Zeit selber lehren. Psychologie ist zwar die Lehre, die Wissenschaft des 
Subjektiven, der Psyche; allein sie kann nur vereint mit der Lehre vom 
„Objektiven“, mit der Naturwissenschaft etwas Brauchbares leisten und gute 
Früchte zeitigen. Daher gehört die Psychologie zur Naturwissenschaft als 
deren integrierender Bestandteil und zwar insoweit als diese sich mit den 
lebenden Systemen beschäftigt. Aber auch umgekehrt zählt insoweit auch die 
Naturwissenschaft zur Psychologie. Denn die lebenden Systeme haben ihre 
Beziehungen zu unbelebten freien und unfreien, deren Aussenkräfte 
zugleich die inneren jener lebenden höheren bilden; anderenfalls können 
wieder die vorlebendigen niederen Systeme unter einander aber ihre Relationen 
ohne jene höheren haben. Die unbelebten Systeme haben aber auch ihre 
Relationen zu lebenden Systemen ebenso wie diese sie zu anderen lebenden 
Systemen haben. Ueber alle diese Zusammenhänge, systematischen bzw. inter- 
systematischen Beziehungen und über seine eigenen Funktionen als eines 
„bewussten Systems“ ins Reine zu kommen, jene durchgehenden Relationen 
fort und fort zu erforschen ist die immer wieder sich erneuernde Aufgabe des 
höchsten lebenden Systems, das wir kennen, des Menschen. Allein hierbei kann 
ihm als eine fernere Mahnung wiederum ein Goethescher Spruch dienen: 

„Ihr sucht die Menschen zu benennen 

Und glaubt am Namen sie zu kennen. 

Wer tiefer sieht, gesteht sich frei 

Es ist was Anonymes dabei.“ 

Statt „Menschen“ könnte hier ebenso gut „Dinge“ stehen, die wir ja 
auch nur benennen, gedanklich beziehen oder symbolisieren und denen wir 
hiermit ihr letztes „Anonymes“ doch nicht entlocken. 


Bericht 

fiber die Kriegstagung des Vereins ffir Psychiatrie 

am 21./22. September 1916 
und 

über die 8. Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher 

Nervenärzte 

am 22./23. September 1916 in München. 

Bericht von v. Stauffenberg, München. 

Es waren im wesentlichen gemeinsame, durch die Not und die 
Erfahrungen der Zeit aufgedrängte Aufgaben, welche die beiden Gesellschaf¬ 
ten zusammenführten und in anregendem gemeinsamen Gedankenaustausch 
beschäftigten. Während sich die psychiatrische Versammlung mit dem Verhältnis 
psychotischer und psychoneurotischer Störungen zum Krieg befasste, beherrschte 
die Neurologentagung das Wesen und die Therapie der im Kriege entstandenen 
Neurosen. Das hohe Interesse an den aktuellen Gegenständen zeigte sich in 

Zeitschrift für Psych oth era pie. VII. 12 


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Bericht über die Kriegstagung des Vereins für Psychiatrie, 


dem sehr zahlreichen Besuch, an dem auch Oesterreicher reichlich vertreten 
waren, und der sehr regen Beteiligung an der Diskussion. 

I. 

Eingeleitet wurde die Psychiater-Tagung durch ein klares Referat von 
BOflhA ff er (Berlin) über Erfahrungen im Krieg über die 
Aetiologie psychopathologischer Zustände. 

Es gibt keine psychische Erkrankung im Krieg, die nicht auch im 
Frieden vorkommt; damit ist die Frage der Kriegspsychose erledigt. Trotzdem 
erheben sich manche Fragen, deren Lösung der Krieg, ein riesiges Experiment 
für exogene Schädigungen, näher bringen kann. Es ist notwendig, Gesetz- 
mässiges aus Individuellem herauazuheben. Die Hauptpunkte des Referate« 
bilden die Bedeutung der Erschöpfung und der Emotion, beide sind nicht immer 
scheidbar; die Erschöpfung enthält viele emotionelle Faktoren in sich; häufige 
Emotionen können Erschöpfung bedingen. 

1. Erschöpfung: Erfahrungen an dem grossen Material serbischer 
Kriegsgefangener. Die besonders hervorstechenden Bilder waren hochgradige 
Abmagerung, Atrophie, Herzschwäche und Dilatation, auch Oedeme; die Leute 
oft 2—3 Monate bettlägerig, schon leichte Infekte wirkten häufig letal; die 
Erholungsschnelligkeit sehr different; Gewichtszunahme nach einem Monat 
oft nur 2 Pfund, grosse Neigung zu Phlegmonen und Tuberkulose. 

Die Auffassung von Brugsch über Erschöpfung, in der Veränderungen 
der inneren Sekretion, besonders der Nebenniere, herangezogen werden, ist 
vorläufig nur hypothetisch. Thyreotoxische Störungen sind allerdings häufig; 
auf solche bezieht Krehl manche Formen von Abmagerung; Uebermüdung 
und Erschöpfung nicht zu trennen, nur nach der Schnelligkeit der Erholung. 
Mayerhofer fand bei 80—90°/ Uebererregbarkeit der Muskeln, die nach 
Wochen vergeht. Vasomotorische Störungen waren bei den Serben nicht auffal¬ 
lend, solche mehr durch Emotionswirkungen; zuweilen kommen Parästhesien vor. 
An psychischen Erscheinungen wurden Ermüdungs-Halluzinationen, — analog 
hypnagogen Halluzinationen wie nach konzentrierter optischer Aufmerksamkeit 
mit erhaltenem Charakter der subjektiven Täuschung, zuweilen beobachtet 
Der psychische Zustand der Eingelieferten wird charakterisiert teils durch 
Apathie und Schlafbedürfnis, teils durch Euphorie mit Ideenflucht. Die 
meisten waren nach mehreren Tagen erholt. Sensible und emotionelle Ueber- 
empfindlichkeit oft auch bei solchen, die vorher ganz gesund waren. Die 
Frage: gibt es eine Erschöpfungs-Psychose, wird vom Referent verneint, auch 
das Vorkommen der Amentia geleugnet. Manche beschreiben ein Zustandsbild 
von psychischen Erschöpfungs-Delirien, dabei ist meist eine psychopathische 
Grundlage gegeben; im ganzen sind die Bilder sehr verschieden. Bei den 
Serben kam so gut wie keine psychische Störung vor: unter 10 000 Gefangenen 
wurden nur 5 Psychosen auf gefunden. Von nicht physischen Wirkungen der 
Erschöpfungen erwähnt der Referent das öftere Positivwerden der Wasser- 
mannschen Reaktion, was auch W eygandt und Steiner erwähnen; 
leichtere Fixierung der Lues auf das Nervensystem, zuweilen nach 18—25 
Jahre zurückliegender Infektion. Unter den Epileptikern wurde auch beson¬ 
ders häufig Lues festgestellt. Entgegen der Behauptung aus dem japanischen 
Krieg und Knoblauchs Angabe hat Referent bei Paralyse keine Verkürzung 
der Inkubationsdauer gegenüber dem Friedensmaterial beobachtet. 

2. Emotionen: Hier kommt im Referat zunächst die plötzliche 
Schreckemotion mit Alteration des Vasomotoriums. Todesfälle wurden nicht 
beobachtet. Die unmittelbare Folge wenig einheitlich. Häufig ist völliges 


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Bericht über die Kriegstagung des Vereins für Psychiatrie. 


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Sistieren der emotionellen Regungen, eine Art apathischer Stupor 
(Stransky), aufzufassen als psychische Selbstsicherung (Hoche). Daraus 
resultiert die Unlösbarkeit von Affekten und Vorstellungen. Solche Abspal¬ 
tungen möglich durch plötzlichen Schok; ähnliche Sejunktion der Affekte 
zuweilen auch bei den psychoneurotischen Störungen. 

Hinweis auf die Eigenbeobachtung von Beiz und Str an sky: ersterer war 
eine Stunde nach dem Schock wieder tätig — letzterer fühlte eine starke Stei¬ 
gerung der Emotivität nach anfänglicher emotioneller Stumpfheit; in der Zeit 
unmittelbar nach dem Schock tritt die Affektspaltung ein, auch finden patho¬ 
logische Affektverankerungen statt bei ungünstigen Bedingungen. In dieser 
Zeit noch Labilität. S o 11 i e r nennt die intermediäre Phase: periode de medi- 
tation. Man könnte sie „hysterophile Phase“ nennen. Der Wunsch nach 
Ruhe kann fixierend wirken. Der Zustand ist ähnlich einem leichten Däm¬ 
mer, die Wahrnehmung ist etwas eingeschränkt, darnach öfters Delirien oder 
depressive Zustände mit Erinnerungsdelirien. Während der Mobilmachungs¬ 
zeit keine besonders pathogenetische Wirkung hervorzuheben, nur Zunahme 
der Alkoholdelirien. Eine Wirkung auf endogene Störungen ist noch nicht 
spruchreif, nur die Vermehrung reaktiver Depressionen steht fest. Die Epi¬ 
lepsie wird nicht durch Kriegsemotionen oder Erschöpfung hervorgerufen; ein 
Einfluss auf die Schizophrenie ist nicht bemerkbar; auch nicht durch Ver¬ 
mittlung der endokrinen Drüsen. Auf die psychopathische Konstitution 
scheinen Erschöpfung und Emotionen nicht direkt einzuwirken; das wird 
gefolgert aus dem Ausfall psychischer Reaktionen bei den gefangenen Serben 
und Franzosen, die direkt von der Front kamen. Wichtiger erscheinen Dauer¬ 
konflikte zwischen Trieb und Pflicht, Wille und Zwang. Die Bedeutung von 
Erschöpfung und Emotion sei vorbereitend, sie wirke auslösend, setze die 
Toleranz herab und verstärke Diskrepanzen zwischen Wille, Intellekt und 
Gefühl. 

Diskussion: Stransky hebt das Moment der Adaptation hervor; es sei 
unglaublich, was viele Leute aushalten, erst bei geringen Infektionen klappen sie 
dann zusammen. Halluzinationen habe er nie gesehen, oft Hlusionen; depressive 
Erregung sei besonders häufig, besonders zornmütige Erregung, meist ohne 
Amnesie, in welcher oft Delikte vorkämen; es sei ein Affekt-Ausnahmezustand 
ohne Bewusstseinstrübung. B o h n erwähnt choleraartige Erkrankungen mit 
momentaner Verwirrtheit nach anstrengenden Arbeiten hinter der Front. Artil¬ 
leriefeuer erwecke oft depressive Erregungen mit Wiederholung der Kriegs¬ 
erlebnisse, ähnlich Zuständen bei Dementia praecox mit Stupor. Diese Zustände 
gehen dann über ein Depressionsstadium in Heilung über. Aschaffenburg 
will den Begriff der Erschöpfung als Ursache schwerer psychischer Stö¬ 
rungen fallen lassen; nimmt seine früheren Arbeiten über ErschöpfungB- 
Psychosen zurück. Er erwähnt eine eigene Erfahrung nach einer Munitions¬ 
explosion; die Leute spielten unmittelbar darnach wie Kinder ganz harmlos; 
er fasst das als eine besondere Einstellung, nicht als eigentlich pathologisch auf. 
Der Begriff Kriegspsychose und Erschöpfungspsychose muss fallen, v. Hösslin 
betont die Wichtigkeit des psychischen Schoks für die Frage der Verantwortlich¬ 
keit bei Delikten. Bornstein bestätigt die Beobachtung der Apathie und 
des verminderten Denkvermögens, die Neigung zum Einschlafen, erwähnt 
gewisse Pulsveränderung nach Trommelfeuer und betont vor allem die foren¬ 
sische Bedeutung dieser Momente. In diesem Zustand gehe namentlich der 
Sinn für Zeit verloren; diese würde viel zu kurz geschätzt; der Raumsinn bleibt 
gut, die Wortfindung sei noch längere Zeit erschwert. Manche Fälle von 
Halluzinationen führt er auf die Wirkung von Atropingaben gegen Gasver- 


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Bericht über die Kriegstagung des Vereins für Psychiatrie. 


giftung zurück. Be hm sah in den Schützengräben vor allem depressive 
Zustände, auch Dämmerzustände und Bilder wie bei traumatischer Hysterie. 
Die Arbeitskurven nach Schokwirkung charakterisieren sich durch geringe 
Erholungserhebung (wegen vorheriger Ermüdung); dagegen sei der Willens¬ 
antrieb gut, die Leistung mittel. Der Blutdruck sei anfangs erhöht, dann 
sinke er ab. Er scheidet die Fälle nach dem Verhalten des Blutdrucks und 
Pulses in den ersten Tagen in zwei Gruppen. Hellpach fasst die Elemente der 
pathologischen Veränderungen der Psyche in folgende Punkte zusammen: 1. 
Gedächtnisschwäche, Ausfälle aus dem gewöhnlichen Bestand; 2. Gemütliche 
und Interessenstumpfheit bis Apathie; 3. Steigerung des Traumlebens (Er¬ 
regungsträume) ; 4. Stimulantienhunger besonders für Tabak. (Weist auf die 
möglicherweise spezifische Wirkung von Tabak auf die Emotion hin.) 

Diese Erscheinungen sind nicht Erschöpfungs-, sondern chronische 
Emotionswirkungen. Diese würden nach dem Kriege das Wichtigste sein. 
Hübner weist darauf hin, dass zirkuläre Erkrankungen nur anfangs vermehrt 
vorkamen; die Dementia praecox-Diagnose würde sehr oft fälschlich gestellt* 
Bezüglich der Paralyse hält Weygandt die rasch verlaufenden Fälle für 
häufiger. Bezüglich der Epilepsie erwähnt Bornstein, dass oft bei Leuten, 
die seit Kindheit keine Anfälle mehr hatten, erst draussen wieder solche auf¬ 
traten. Gegenüber den hysterischen Anfällen unterscheiden sich die echten 
Epileptiker durch ihr Verlangen, draussen zu bleiben. 

Von ausserordentlichem praktischen Interesse waren die Ausführungen 
von: Willmanns (Heidelberg) über Dienstbrauchbarkeit der Psy¬ 
chopathen. 

Auf Grund der im 14. Armeekorps gemachten Erfahrungen an einem 
Material von nahezu 1000 Fällen, behandelt der Referent die Frage, ob es dem 
Interesse des Heeres entspricht, seelisch regelwidrige Individuen beim Heere 
zu belassen; er teilt dieselben in 5 Gruppen ein. 

1. Regelwidrige von früher Jugend; Imbezille, Psychopathen, hysterische 
Schwächlinge. Etwa ein Zehntel der Leute kamen wieder ins Feld, wurden 
draussen als K. v. verwendet, besonders bei Armierungstruppen. 38 Prozent 
sind in der Heimat beschäftigt; auf richtigem Posten sind auch Imbezille noch 
gut brauchbar. Besonders seien es emotionelle Schwierigkeiten, die die Psy¬ 
chopathen unbrauchbar machen. Konstitutionelle Psychopathen, Sensible und 
Hypochonder brechen bald aus; die meisten sind nicht fähig; auch Hysteriker 
versagen sehr bald. 

2. Erschöpfte Vasomotoriker, Herzneurotiker und Neurastheniker. Die 
akuten Neurastheniker haben gute Prognose; davon etwa 17 Prozent im Feld, 
52 Prozent im Heimatgebiet. Ungünstiger als diese, die Vasomotoriker, die 
meist auch Neurastheniker sind; davon nur 13 Prozent im Felde. 

3. Hysterische Reaktionen. Die Kriegsneurosen unterscheiden sich nicht 
von hysterischen Erscheinungen und Schreckneurosen. Es sind pathologische 
Reaktionen von Psychopathen. Offiziere bleiben meist frei von hypermoto¬ 
rischen Reaktionen, wie sie häufig bei der Mannschaft Vorkommen; bei dieser 
sind vielfach suggestive Einflüsse zu beschuldigen. Schreckneurosen heilen 
rasch, wenn nicht Begehrungs-Vorstellungen wirksam werden; auffallend ist 
die rasche Heilung der Hysterie in Feldlazaretten im Gegensatz zur langen 
Dauer im Inland. Hysterische Erscheinungen treten oft erst in den Lazaretten 
auf (Suggestion). Körperliche Störungen seelischen Ursprungs sind häufig; 
weniger nach Schwerverletzungen, als bei leichten oder nicht Verletzten. Zwei¬ 
fellos ist die Seltenheit hysterischer Erscheinungen bei Kriegsgefangenen 


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Bericht über die Kriegstagung des Vereins für Psychiatrie. 


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(unter 80 000 nur 7 Fälle). Auch bei den Internierten in der Schweiz kam 
kein Fall vor. Der Gansersche Symptomenkomplex, dessen Zustandekommen 
durch Begehrungsvorstellungen bei Untersuchungsgefangenen erwiesen sei, 
häufig. Die Prognose der Neurotiker im Felde ist günstig, wohl durch die 
stramme Zucht. Die Ueberführung in die Heimat übt ungünstige Wirkung, 
namentlich sind die suggestive Wirkung der Stadt und die unklaren Begehrungs¬ 
vorstellungen wichtig. Durch wirksame Behandlung mit elektrischem Strom 
wurden 350 Fälle in einer Sitzung symptomfrei gemacht; jedoch wird damit 
die Wiederherstellung, die Kriegsbrauchbarkeit noch nicht erreicht. Kriegs¬ 
neurose bedeutet unbewusste Abwehr gegen Kriegsdienst, daher Rezidiv bei 
Wiedereinstellung häufig. Von Kriegsneurosen 64 Prozent ausgeschieden, 
25 Prozent garnisondienstfähig, 6 Prozent wieder im Feld, kriegsverwen¬ 
dungsfähig 1 Prozent. Von 94 entlassenen Hysterien wurden 2 geheilt, 
Armeekorps werden ähnliche Erfahrungen berichtet; überall schwankt die 
Kriegsverwendungsfähigkeit der Hysteriker im Felde zwischen 3—8 Prozent. 

4. Chronische Trinker; von diesen musste man nur 36 Prozent entlassen. 

5. Epileptiker. Referent befürwortet Zulassung für leichten Dienst, 
verneint jedoch Verwendung an der Front. 

Das Ergebnis seiner Untersuchungen fasst Referent in folgenden Schlu߬ 
sätzen zusammen: 1. Hysteriker und Kriegsneurotiker haben an der Front 
günstige Prognose. In der Heimat würden sie verschleppt und ungünstig beein¬ 
flusst. 2. In die Heimat verlegte Hysteriker sollen in ländlichen Anstalten 
behandelt werden. 3. Nach Beseitigung der Symptome ist der kleinste Teile 
kriegsverwendungsfähig. Keine motorisch-hysterischen Störungen sollen vor 
Beseitigung der Symptome aus dem Militärdienst entlassen werden. 

In der Diskussion zu dem klaren und ergebnisreichen Vortrag verlangte 
Stier, dass Psychopathen vom Militärdienst ferngehalten werden; vor 
allem sei es falsch, diese im Garnisondienst zu gebrauchen, weil Frontfurcht 
und Heimatwunsch die Symptome steigere; sie sollen entweder D.-U. oder 
arbeitsverwendungsfähig gemacht werden. Isserlin erwähnt Besserungen 
psychopathischer Zustände im Felde, Rezidive nach der Rückkehr. Re iss 
hält die Psychopathen an der Front für brauchbar, auch weichliche Hysteriker, 
wenn man sich ihrer annimmt. Die grösste Zahl könne an der Front erhalten 
werden; zuhause sei nichts mehr mit ihnen anzufangen. Hübner hat gute 
Erfahrungen mit Psychopathen aus den Industriegebieten von Fürth und 
Nürnberg gemacht, besonders seien sie im Bewegungskrieg tauglich; in den 
Stellungen neigten sie zu Konflikten. Auch Stransky hebt die Brauch¬ 
barkeit dieser Leute im Bewegungskrieg hervor; sie seien sehr draufgängerisch 
(Desertion nach vorne). Einen breiten Raum in der Diskussion nimmt die 
Frage der Behandlung ein. Von zahlreichen Rednern wird Behandlung nach 
Kaufmann mit stark faradischen Strömen warm befürwortet. Kauf¬ 
mann erwähnt, er habe die Methode nicht erfunden, sondern nur auf Reiz¬ 
erscheinungen ausgedehnt. Wesentlich sei das militärische Verhältnis. 
Frische Fälle dürften nicht gleich behandelt werden; die Ströme brauchten 
keineswegs sehr stark zu sein, nur eben tetanisierend. Die schlechtesten 
Ergebnisse habe er mit Abasie; von den Tremorformen sei nur der Dauertremor 
zugänglich; kontraindiziert sei die Methode bei Eretikern und Vasomotorikem. 
W illmanns betont das Zusammenwirken von Elektrizität und Suggestion, 
jedenfalls sei die Methode noch wirksam, wo die Hypnose versage. Bins- 
w a n g e r legt der Isolierung mit psychischer Abstinenz mit sekundärer Anwen¬ 
dung physikalischer Methoden grösste Bedeutung bei. Die Erfahrungen in 
dem Erholungsheim zu Malonne seien vorzüglich; viele kämen wieder in die 


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Bericht über die Kriepstagung des Vereins für Psychiatrie. 


Front zu Genesungs-Kompagnien. Stransky sah bei Isolierung mit elek¬ 
trischer Behandlung kaum Rezidive. Bei Zitterneurosen lehnt Binswanger 
die Strombehandlung ab, bezweifelt Dauerheilung. Die Bedeutung der 
Arbeitstherapie betont Wollenberg: Die Leute würden in Lazaretten 
besonders im Garten beschäftigt und erst entlassen, wenn geheilt; auch Rezidive 
sollten in Lazaretten behandelt werden. Isserlin befürwortet Werkstätten¬ 
betrieb; dabei würden 90 Prozent wieder bürgerlich arbeitsfähig — zu unter¬ 
scheiden von militärisch arbeitsfähig. Willmanns lässt die Leute nach 
Symptombefreiung noch einige Wochen arbeiten vor der Entlassung. Bezüg¬ 
lich der Epileptiker verlangt Stransky, dass sie nicht im Wachdienst 
beschäftigt werden. Willmanns erklärt, dass er in allen Gutachten gegen 
Dienstbeschädigungen geurteilt habe, auch bei Dementia praecox und Epilepsie. 
Bei Hysterischen würde viel zu viel Rente gegeben. D.-U.-Erklärung sei 
erst nach Beseitigung gröberer Störungen am Platz. 

E. Meyer (Königsberg): Ueber die Frage der Dienst¬ 
beschädigung bei den Psychosen. Referent spricht hauptsächlich 
über die Dementia praecox, manisch-depressives Irresein, progressive Paralyse. 
Epilepsie und Arteriosklerose. Massgebend sei, ob die Erkrankung oder Ver¬ 
schlimmerung sich bei einer Dienstverrichtung äussert, oder bei besonderen 
Verhältnissen, wie jetzt im Krieg. Seine Angaben stammen aus dem Bereich 
des 1. Armeekorps. Zwei Hauptpunkte sind zu berücksichtigen: 1. Die 
Häufigkeit der Krankheitsformen. 2. Feststellung, ob frühere Nervenstörungen 
vorhanden waren und ob besondere Ereignisse, wie Verwundung oder starke 
physische Alteration dieselben ausgelöst haben. 

I. Dementia praecox: in den ersten 8 Kriegsmonaten in geringer 
Zahl aufgetreten; dann steigt die Zahl aufs Doppelte, um darnach wieder 
abzufallen; im ganzen gegen die Friedensprozentzahl kein wesentlicher Unter¬ 
schied. Damit stimmen auch andere Autoren überein. Anamnestisch ergab 
sich, dass von 194 Fällen 82 vorher geistig minderwertig waren, 60 schon 
krank im Sinne der Dementia praecox; nur in 19 Fällen lagen Verletzungen 
aus dem Felde, namentlich des Kopfes vor. Nur wenige brachen in heftigem 
Granatfeuer infolge besonders starker psychischer Erregung aus. Form und 
Verlauf der Erkrankung entsprechen den Friedenserfahrungen. Dem Alter 
nach wiesen die älteren Jahrgänge etwas höhere Prozentzahl auf, wie in Frie¬ 
denszeiten. 

II. Manisch-depressives Irresein: Bei den meisten waren 
vor dem Krieg schon Störungen im Sinne dieser Krankheit aufgetreten. 
Bezüglich der Frage der Dienstbeschädigung ist zu beachten, ob die Krankheit 
durch Sonderverhältnisse des Krieges hervorgerufen wurde. Eine Einwirkung 
psychischer Momente wird trotz der endogenen Genese dieser Krankheitsformen 
angenommen. Die Entschädigung soll nur eintreten, wenn sie gleich nach 
Verletzungen, besonders Kopfverletzungen, auftritt; ob physische Ursachen, 
Granatfeuer, Minenexplosion, einen wesentlichen Einfluss haben, dafür bieten 
Friedensbeobachtungen, z. B. grössere Unglücksfälle, etwa im Bergwerk, keine 
Anhaltspunkte. Auch die Prozentverhältnisse des manisch-depressiven Irre¬ 
seins entsprechen denen des Friedens. 

III. Progressive Paralyse: Die Verteilung nach dem Alter ent¬ 
spricht den Beobachtungen des Friedens. Einfluss von Verletzungen nicht 
nachweisbar; auch physische Einflüsse haben sehr geringe Bedeutung. Auch 
wurde der von einem Autor angegebene schnellere und schwerere Verlauf vom 
Referenten nicht beobachtet. Bei Paralyse soll nur in ganz besonderen Fällen 
Kriegsdienstentschädigung gewährt werden. 


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8. Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte. 


IV. Epilepsie: Von 63 Fällen ergab die Anamnese bei 59 frühere 
Störungen. Dienstentschädigung nur in besonderen Fällen. 

V. Arteriosklerose: Keine Anhaltspunkte für Dienstbeschädigung. 

Am Schlüsse der Sitzung begründet H o c h e einen Antrag auf Ein¬ 
führung einmaliger Kapitalabfindung. Die Pensionsgesetze würden den 
Verhältnissen nicht gerecht. 

Der Antrag wird einstimmig angenommen. 

II. 

Die 8. Jahresversammlung der Gesellschaft deutscher Ner¬ 
venärzte gestaltete sich im wesentlichen zu einer Auseinander¬ 
setzung über das Wesen der Neurose nach Kriegsverletzungen. Diesem 
Gegenstände galten die drei Referate von Oppenheim, Nonne und 
G a ü p p. Während in den Hauptpunkten eine ziemlich einheitliche Auffassung 
sich in der angeregten Diskussion heraus kristallisierte, blieben in einem 
Gegenstand die Gegensätze schroff bestehen und führten zu unliebsam scharfen 
Angriffen, nämlich in der Frage um die von Oppenheim aufgestellte Gruppe 
von Erscheinungen, die er aus dem engeren Verband der Hysterie auszu¬ 
scheiden sich bemühte, die Reflexlähmung und die Akinesia amnestica. Trotz 
der überwiegend zum Ausdruck kommenden ablehnenden Anschauung, die 
auch diese Formen der Hysterie zuteilte, blieb Oppenheim standhaft bei 
seiner Aufstellung und liess sich auch nicht durch mehr als temperamentvolle 
Angriffe von Seiten Sängers einschüchtern. Im ganzen lagen die Ergebnisse 
im wesentlichen auf der praktischen Seite; die psychologische Ausbeute ist 
eine mehr als dürftige zu nennen. Diese Werte zu heben wird ruhigeren 
Zeiten Vorbehalten sein. 

I. Oppenheim (Berlin) betont die Gemeinsamkeit der Aufgabe der 
Psychiatrie und Neurologie. Hysterie und Neurasthenie sind verschiedene 
Krankheiten. Die Begriffe Neurasthenie cordis vasomotoria etc. sind aufrecht 
zu erhalten. Auch der Tic, die Hemikranie, die Quincke’sche Krankheit, die 
Akroparaesthesien, die Crampi ect., sind selbständige Affektionen. Es gibt 
also eine Gruppe von Neurosen. Die Neurasthenie ist nicht mit Erschöpfung 
zu identifizieren. Da sich die Mehrzahl derselben im Gefolge eines Traumas 
entwickeln kann, ist es berechtigt, von traumatischen Neurosen zu sprechen, 
auch dann, wenn das Trauma nur die auslösende Ursache bildet. Ihre 
genauere Klassifizierung scheitert oft an der Neigung zu Kombinationen. 
Schon aus diesem Grunde kommt man oft über die Diagnose „traumatische 
Neurose“ nicht hinaus. Der Begriff des Traumas schliesst die physische und 
mechanische Erschütterung ein. Beide können dieselben Funktionsstörungen 
im zentralen Nervensystem hervorrufen. Die psychotraumatische Aetiologie 
schafft nicht nur psychische Krankheitsbilder. Die Schreckneurose bedarf der 
schärferen Begriffsbestimmung. Ihre Anerkennung und noch mehr die der 
Kommotionsneurose involviert auch die der traumatischen Neurose. L i e p- 
mann und Strümpell geben zu, dass Schreck Folgen haben kann, die 
nicht Hysterie sind. Strümpell gibt zu, dass physischer Schok dauernd 
funktionelle somatische Störungen macht. Das peripherisch angreifende 
Trauma kann ohne psychische Vermittlung Neurosen hervorbringen; oft tragen 
aber psychische Vorgänge zu ihrer Fixierung bei. Die Frage ist: wann beginnt 
die HysteriBierung der Erscheinungen? Auch das „freie Intervall“ ist kein 
Beweis gegen die Wirksamkeit des körperlichen Traumas. Die Hyperthermie 
kann zu den Symptomen der traumatischen Neurose gehören. Es gibt vaso- 


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8. Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte. 


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motorisch-trophisch-sekretori sehe Störungen bei t. N., die weder hysterischer 
Natur sind, noch sich aus der Inaktivitat etc. erklären. Das Zustandsbild kann 
sich dem der Sklerodermie nähern. (Temperatursenkung, Knochenatrophie, 
Hypertrichosis, Glanzhaut). Die Zeichen des Hyperthyreoidismus können zum 
Symptombilde der t. N. gehören. Der Begriff Akinesia amnestica ist ein 
symptomatischer (analog Akinesia algera). Sie kann sich auf dem Boden der 
Hysterie entwickeln, und ihre Entstehung wird durch die hysterische Diatheae 
begünstigt. In der typischen, vom Beferenten geschilderten Ausbildung ist 
der Zustand kein hysterischer in dem bisher gebräuchlichen Sinne. Zurück¬ 
gehen der Lähmung im Affekt beweist nicht Hysterie, auch bei Aphasie und 
bei Bulbärparalyse ist solche Affektmehrleistung bekannt; auch Bewegungen in 
der Narkose kein Beweis. Die völlige Ausschaltung der Bewegungen, auch 
unter Bedingungen, die von der Psyche unabhängig sind, verleiht der Akinesia 
amnestica und spinalen Reflexlähmung (die nicht scharf von einander zu 
trennen sind) ihre Sonderstellung gegenüber der Hysterie. Es gibt eine Form 
der Reflexlähmung, die der arthrogenen Muskelatrophie nahesteht. Die Rück¬ 
bildung der Lähmungszustände vom Typus der Akinesia amnestica unter dem 
Einfluss starker Willensimpulse und peripherer Reize (Methode Kaufmann) 
steht nicht im Widerspruch zu der Auffassung des Referenten. Innervations¬ 
entgleisung kommt bei organischen wie funktionellen Lähmungen vor. Die 
Crampusneurose (Myotonoclonia trepidans) hat innige Beziehungen zur 
Hysterie, ohne mit ihr identisch zu sein; sie steht etwa auf der gleichen Stufe 
mit gewissen Halsmuskelkrämpfen. Referent gibt zu, dass die Hysterie unter 
den Kriegsverletzten früher unterschätzt wurde; in Lazaretten der Gefangenen¬ 
lager komme traumatische Neurose seltener vor, als in gemischten Lazaretten» 
Der Grund sei, dass die Gefangenen aus Sturmtruppen gemacht würden, wäh¬ 
rend die Erkrankten zurückblieben. Auch müsse ungenügende Untersuchung 
an der Angabe vom Fehlen solcher Kranker in Gefangenenlagern schuld sein. 
Die traumatische Neurose vom Typus der Hysterie und Neurasthenie gehören 
zu den in der Regel heilbaren Nervenkrankheiten. Wie bei allen Neurosen 
wird ihre Heilung durch die Hoffnung auf und den Willen zur Genesung 
wesentlich gefördert. Es muss daher alles vermieden werden, was den Willen 
schwächt und das Haftenbleiben der Krankheit begünstigt. Die Rente ist also 
im allgemeinen niedrig zu bemessen und die Kapitalabfindung zu befür¬ 
worten. 

Referent zeigt an einer Reihe von Lichtbildern die Characteristica der 
Reflexlähmungen. 

II. Nonne (Hamburg). Der Krieg hat bewiesen, dass auch in Bezug 
auf das Nervensystem, bisher vollwertige Individuen einen neurasthenischen 
Symptom-Komplex erwerben können. Die Ansicht über die Neurasthenie als 
eine Ermüdungskrankheit im weiteren Sinne ist durch die Kriegserfahrungen 
bestätigt worden. Neurasthenie ist auch erwerbbar; der Grad der Nerven¬ 
schwäche ist wesentlich. Viele Neurastheniker leisten unglaublich viel. Wenn 
man die Hysterie dahin kennzeichnet, dass bei ihr Gemütsbewegungen abnorm 
leicht auf treten und wieder schwinden und dass die seelischen Zustände abnorm 
leicht in körperliche Symptome sich projizieren, die Gemütsbewegung oft lange 
überdauernd, so hat der Krieg gelehrt, dass Hysterie auch bei bisher Voll¬ 
wertigen nicht selten ist. Ausserdem hat sich gezeigt, dass katastrophale 
Ereignisse jene Form der Hysterie in die Erscheinung treten lassen, die in 
Form von Abwehrbewegungen Reminiszenzen an jedem Individuum angeborene 
und im normalen Leben latente Schutzmechanismen darstellt. (K r ä p e 1 i n.) 
Im übrigen sind häufig die verschiedenen Formen der monosymptomatischen 


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und oligosymptomatischen Hysterie im Sinne Charcots. Die Grenzen zwischen 
gewissen Formen von Hysterie und Schreckneurose sind keine scharfen. Bei 
vielen Fällen von Hysterie im Kriege spielt die Art und Wertigkeit des 
Traumas eine grössere Rolle als die Persönlichkeit des Kranken, auch bei 
Vollwertigen. Zwischen Schreckneurose und Hysterie fliessende Uebergänge. 
Es ist Kriegsfärbung der Hysterie. Besonders charakteristisch sind vasomoto¬ 
rische Erscheinungen; die Hysterie entsteht nicht nur durch Vorstellungen, 
auch direkt durch Schreck. Das Besondere der Hysterie im Kriege ist die 
Massivität und Konstanz. Sensible Störungen sind objektive Zeichen. Gesichts¬ 
feld sehr verschieden. Schleimhaut-Reflexe ohne Bedeutung. Der hysterische 
Charakter ist selten, höchstens mangelndes Gesundheitsgewissen und Labilität 
des Gemüts. Belastung fehlt häufig. Hysterie ist ein physiologisch bio¬ 
logischer Abwehrvorgang bei katastrophalen Veranlassungen. 

Die lokalisierten Kontrakturen und Klonismen, die Akinesia amnestica, 
die Reflexlähmung, Myotonoclonia trepidans (pseudospastische Parese mit 
Tremor) sind bei den Kriegsfällen als Ausdruck der Hysterie aufzufassen. 
Die Psychogenie ist in vielen Fällen nachzuweisen, in anderen Fällen nicht 
auszuschliessen. In ihrer klinischen Erscheinungsweise bieten die Kriegsfälle 
nichts unseren bisherigen Erfahrungen über Hysterie prinzipiell Wider¬ 
sprechendes. Alle Formen können auch ohne somatisches Trauma auftreten. 
Besonders Landwehrleute erkranken an Myoklonie (psychisches Trauma der 
Einberufung). Die schon im Sanitätsbericht des Heeres 1870—71 erwähnte 
Auffassung von einer mechanischen Erschütterung der peripheren Nerven 
und von da ausgehendem Reiz auf die zerebralen oder spinalen Zentren lassen 
sich nicht beweisen und nicht bindend widerlegen. Plötzliche auf rein sug¬ 
gestivem Wege erzielte Heilungen sprechen mehr in letzterem Sinne. Partielle 
funktionelle Lähmungen im Bereich organisch gelähmter Nerven sind aufzu¬ 
fassen zum Teil als funktionelles Fixiertbleiben einer abgeheilten leichten 
organischen Lähmung, zum Teil ideogen zu erklären. Die alkohologene Form 
der Hysterie spielt im Kriege nach den bisherigen Erfahrungen keine Rolle. 
Die „Granat-Explosions“-Neuro8en sind, soweit somatisch-organische Symptome 
auf neurologischem und physischem Gebiete fehlen, funktioneller Natur. 
Länger dauernde Bewusstlosigkeit schliesst die Annahme einer funktionellen 
Grundlage keineswegs aus. Auch die Psychogenie ist durch Eintritt von 
Bewusstlosigkeit nicht ausgeschlossen. Auch solche Fälle können, auch nach 
einem Bestehen von vielen Monaten, akut durch Suggestion (insbesondere 
hypnotische Suggestion) geheilt werden, ebenso wie in Hypnose ganz dieselben 
Formen wieder akut hervorgerufen werden können. Die Umstände vor der 
Katastrophe spielen in vielen Fällen eine Rolle. Erwartung, Spannung, 
Angst. Die Annahme organischer Veränderungen irgend welcher Art im 
Zentralnervensystem ist für solche Fälle nicht berechtigt. Somatische Traumen 
sind für die Entstehung auch der schweren klinischen Bilder nicht nötig; 
akute und chronische psychische Traumen können sie ebenfalls hervorrufen. 
Auffallend häufig entwickeln sich dieselben Bilder im Krieg nach Infektions¬ 
krankheiten. 

„Traumatische Neurose“ ist keine besondere Krankheit. Die unter diesem 
Namen beschriebenen Symptombilder sind unterzubringen unter die bisher 
bekannten Neurosenbilder bzw. ihre Kombinationen. Diese Erkrankungsform 
ist weniger bedingt durch die aus dem Unfall bzw. aus der Verletzung 
resultierenden direkten Folgen, als durch die in der Persönlichkeit des Ver¬ 
letzten liegenden Eigenschaften und die sich dem „Verfahren“ anschliessenden 
Begleitumstände. Die Störungen sind als eine Reaktion des Verletzten auf die 


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durch den entschädigrungspflichtigen Unfall für ihn neugeschaffene Situation 
anzusehen. Ein somatisches Trauma ist für das Auftreten dieser Symptom¬ 
bilder keine Vorbedingung. Organische Veränderungen irgend welcher Art 
liegen den Symptombildern zugrunde. Diese Lehre ist auch praktisch bedenklich, 
weil eine solche Auffassung die Begutachtung und praktische Bewertung der 
Unfallsfolgen, sowie die wirtschaftlichen Interessen des Staates und die 
gesundheitlichen Interessen der Erkrankten ungünstig beeinflussen würde. 
Früher hat man neurologische Zeichen überschätzt. 

Die Prognose der im Kriege erworbenen Neurosen ist an sich dieselbe 
wie in Friedenszeiten, erhält aber eine besondere Färbung durch die Verhält¬ 
nisse des Krieges. Die Therapie ist dieselbe, wie sie sonst geübt wird. 
(Persuasion, Hypnose, Kaufmann-Methode.) Auch hier spielt die Psycho¬ 
therapie im weitesten Sinne die Hauptrolle. In der Beseitigung von Symptomen 
leistet die hypnotische Suggestion viel. In der Prophylaxe des Auftretens, 
sowie der Rezidive von Neurosen, sowie für die eigentliche Behandlung der 
Neurosen bleibt Werte schaffende Arbeit das hauptsächlichste Moment. 

Referent führt einige Fälle vor: Symptomlos gewordene Leute, bei denen 
in der Hypnose das volle Krankheitsbild vor den Augen der Versammlung 
wieder erzeugt wurde. Ein Fall von Abasie und Anästhesie, ein Fall von 
Taubheit, zwei Fälle von klonischem Tremor in Kopf und Armen. Referent 
erwähnt, dass 60—70 Prozent hypnotisierbar seien, 50 Prozent waren damit 
symptomfrei gemacht. Mit der Methode Kaufmann habe er glänzende Erfolge, 
sein Material seien meist alte D.-U.-Fälle, die anfangs bis dreimal 24 Stunden 
bewusstlos waren. Er behält sie auch noch einige Zeit nach der Heilung im 
Lazarett. Rückfälle seien allerdings häufig, auch nach geringen Anlässen. 
In Gefangenenlagern gebe es tatsächlich äusserst wenig derartige Bilder. 

III. Gau pp (Tübingen). (In Uebereinstimmung mit Nonne erweitert 
G. den Begriff „Kriegsverletzungen“ zu „Kriegssehädi- 
gungen“.) Eine besondere Kriegsneurose gibt es ebensowenig wie eine 
besondere traumatische Neurose. Die in der Literatur zutage tretenden 
Gegensätze und Missverständnisse rühren hauptsächlich von unklarer Begriffs¬ 
bestimmung, von verschiedenem Gebrauch medizinischer Begriffe her. Ref. 
schickt deshalb eine kurze Definition der neurologischen Grundbegriffe in 
bezug auf die Neurosen voraus. 

Die Zahl der KriegBneurosen ist zurzeit noch relativ gering, absolut 
nicht unbeträchtlich. Genaue Zahlen vor Kriegsabschluss unmöglich. Der 
Deutsche ist etwas weniger anfällig als der Slawe und Romane. Gewisse 
Unterschiede auch unter den einzelnen Stämmen Deutschlands. Massive 
monosymptomatische Formen namentlich bei jungen, ungebildeten, debilen 
Personen. Die klinische Symptomatologie wird fast überall gleich geschildert. 

1. Die Ermüdung und Erschöpfung des Nervensystems, die Neurasthenie. 
Loslösung vom Querschnittsbilde für Diagnose: Neurasthenie nötig. Körper¬ 
liche und seelische Ursachen, tiefe Wirkung auf den gesamten Körperhaushalt, 
auf einzelne Organsysteme (Neur. cord, vasomotoria, Magenneurose etc.). 
Nahe Beziehung zu vorangegangenen körperlichen Krankheiten, Infektionen, 
Alkohol- und Tabakmissbrauch. Auftreten um so rascher und um so schwerer, 
je geringer die angeborene Widerstandskraft, je schwächer die psychophysische 
Konstitution ist. Häufig Vermischung mit Symptomen der psychopathischen 
Konstitution. Prognose der im ganzen seltenen Krankheit gut, aber keine 
Schnellheilung wie bei psychogenen Zuständen. Wesen der zugrunde liegenden 
physikalisch-chemischen Veränderungen ungeklärt. Die Annahme besonderer, 
für die Krankheit absolut kennzeichnender Symptome (Kopfschmerzen, 


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8. Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte. 


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Schwindel, Schlafstörung, dauernde Tachykardie, Steigerung der Sehnen- 
refleie, depressive Stimmung etc.) wird abgelehnt. Die klinische Bedeutung 
des Einzelsymptoms wird nicht durch seine Einzelform, sondern durch die 
Pathogenese des ganzen Zustandes (erworbene Erschöpfung, akuter Affekt, 
psychopathische Konstitution, postkommotionelle Schwäche) bestimmt. Das 
akute seelische oder körperliche Trauma macht bei dem bisher gesunden 
Manne keine Neurasthenie, kann aber bei dem bereits Erschöpften die Erschei¬ 
nungen akut verstärken und die Leistungsfähigkeit aufheben. 

2. Die körperliche und seelische Reaktion des Psychopathen auf die 
körperlichen und seelischen Strapazen des Krieges. Die übliche Statistik der 
Erblichkeit und Belastung ist unbrauchbar, die angeborene psychophysische 
Struktur des Soldaten ist die wichtigste Ursache neurotischer Erkrankung. 
Der gemütsweiche und labile, vor allem der ängstliche Psychopath ist am 
meisten gefährdet. Die Symptomatologie besteht meist in einer Verbindung 
psychopathischer (oft hysterischer) Züge mit neurasthepischen Zutaten. Ange¬ 
borene Reaktionsweise (paranoide, explosive, hypochondrisch-depressive Anlage) 
kann sich verstärken, die Neigung zu seelischer Dissoziation (Dämmen 
zustände) ist auch ohne akute Schädigung gross. Die psychiatrische Analyse 
des Einzelfalles weist die psychopathische Grundlage der meisten neurotischen 
Erkrankungen im Kriege auch da häufig nach, wo die übliche Erhebung der 
Anamnese versagt. 

3. Die akuten psychogenen und hysterischen Zustände, Mässigkeit der 
hysterischen Symptome, Ueberwiegen der motorischen Expressivsymptome. 
Kurze Uebersicht über die klinische Symptomatik auf körperlichem und 
seelischem Gebiet. Die Bedeutung der prämorbiden Persönlichkeit auch hier 
unverkennbar. Der flüchtige schreckneurotische Symptomkomplex als Ausdruck 
ungewöhnlich starker seelischer Erschütterung und die Fixation der Symptome 
unter dem Einfluss des Willens zur Krankheit, der ängstlichen Spannung und 
Erwartung. Die Gleichartigkeit der schreckneurotischen Bilder nach akutem 
schwerem Schock (Minenexplosion, Granatexplosion, Verschüttung, Granat¬ 
splitterverletzung, Kopfstreifschuss) und nach subakuter Einwirkung seelischer 
Erregungen (Einstellung zur Truppe, Ausbildung, Fahrt zur Front, erster Tag 
im Schützengraben, Ansage des Sturmangriffs, Vorgehen zum Sturm, Anblick 
schwerverletzter oder toter Freunde und Kameraden), die allmähliche Entwick¬ 
lung vieler neurotischer Zustände in den Stunden, Tagen und Wochen nach 
dem akuten Schock, auf dem Wege zur Heimat, im Heimatlazarett, unter der 
Einwirkung ärztlicher Fehldiagnosen, falscher Behandlung, Angst vor 
erneuter Dienstleistung, Erinnerung an die Felderlebnisse. Die mechanische 
Erschütterung wird bei den Neurosen nach Granatexplosion oft überschätzt. 
Die Explosion kommt meist nicht so überraschend, dass zu einer seelischen 
Wirkung auf den Betroffenen keine Zeit wäre. Das nahende Geschoss wird 
meist vorher gehört. Schutzmassregeln können sogar noch manchmal 
getroffen werden. Angstvolle Spannung geht der Explosion und daran sich 
anschliessenden Bewusstlosigkeit in der Regel voraus. Die Bewusstlosigkeit ist 
häufiger eine psychogene Ohnmacht als eine mechanogene Commotio cerebri. 
Natürlich kommt aber auch diese vor. Anfangs oft organische Veränderungen 
(Commotio, Contusio und Compressio, Monoplegieen, Hemiparesen, Trommel¬ 
fellrupturen, Labyrintherschütterung, Commotio medullae spinalis), manche 
dieser Störungen sind unheilbar, andere heilen rasch, wenn keine psychogenen 
Störungen hinzutreten. 

Die Mehrzahl der klinischen Bilder sind rein psychogen: sehr häufig ist 
ein flüchtiger schreckneurotischer Komplex, der in der Ruhe rasch abklingt 


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188 8. Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte. 


(Zittern, Schwäche der Beine, Spracherschwerung, Lachen und Weinen, 
dumpfe Apathie). Häufig fixieren eich die akuten schreckneurotischen 
Bilder; oft kombinieren sie sich mit ideogenen hysterischen Symptomen. Die 
Abtrennung der Schreckneurose von der Hysterie ist eine Frage der Definition. 
Die „Akinesia amnestica“, die „Reflexlähmung“, die „Myotonoclonia trepi- 
dans“ sind psychogene Zustandsbilder. Bei der Hysterie finden sich alle Grade 
der Lähmung von der leichten, eben noch dynamometrisch nachweisbaren 
Parese bis zur absoluten schlaffen Lähmung mit vasoparalytischen und 
trophischen Begleitsymptomen. Die tiefe Wirkung des Psychischen auf die 
Körperlichkeit teilt die Hysterie mit der Hypnose. (Viele Fälle ähnlich 
akutem Affekt-Schock.) Die Heilung ist auf dem Wege akuter seelischer 
Beeinflussung möglich. Die Kriegsneurotiker sind meist unverwundet; die 
gegenteilige Behauptung Oppenheims wird durch die Erfahrungen an sehr 
grossem Material absolut sicher widerlegt. Die Kriegsneurosen sind bei den 
Kriegsgefangenen, auch wenn sie schwer verschüttet waren, selten. Es besteht 
bei ihnen, namentlich da, wo Austausch nicht in Frage kommt, ein positiver 
Wille zum Gesundbleiben, weil dieses Gesundbleiben für sie die wichtigste 
Voraussetzung für die Erfüllung ihres liebsten Wunsches, der Rückkehr in 
die Heimat darstellt. 

Die Determinierung der jeweiligen Symptome der akuten psychogenen 
Zustände ist vielseitig: Fortdauer der akuten Schreckwirkungen, Wiederauf¬ 
leben früherer neurotischer Symptome (z. B. Aphonie, Stottern, Tic), familiäre 
Anlage zu bestimmten Reaktionen, Bereitliegen gewisser biologisch vererbter 
Abwehrmechanismen im Sinne der Kräpelinschen Hysterielehre. Festhalten 
einer im Moment des Schreckens eingenommenen Haltung, Verfall in offen¬ 
sichtliche Zustände der Hilflosigkeit, in Infantilismus, Puerilismus, Agram¬ 
matismus, Aufpfropfung massiver Symptome auf bestehende leichtere Uebel, 
so der Taubstummheit und Taubheit auf alte Otitis oder organische Schwer¬ 
hörigkeit, des Mutismus auf Stottern, Nachwirkung erst kurz vorher durch¬ 
gemachter Krankheit (Pseudotetanus nach früher durchgemachtem Tetanus), 
Fixation bestimmter Haltung nach anfänglichen Schmerzen durch Kon¬ 
tusion usw. Dazu kommen manchmal unbestimmtere, der schon vorher 
bestehenden nervösen Erschöpfung entstammende Beschwerden, die dann mit 
den hysterischen Symptomen das Bild der sogenannten „Hysteroneurasthenie“ 
ausmachen. Symptomfixierend und variierend wirken auch ärztliche Rat¬ 
schläge und Fehldiagnosen, falsche Behandlung mit orthopädischen Apparaten. 

4. Die sogenannte „Commotionsneurose“ bleibt ausser Betracht, sie ist 
keine Neurose, sondern ein organisches Hirnleiden, dessen klinische Symptome 
sich freilich namentlich in leichten Fällen nicht immer von neurasthenisehen 
und hysterischen Bildern unterscheiden lassen. Auch kann die organische 
Invalidität des Gehirns wie jeder geistige Schwächezustand (Imbezillität, 
Sklerose, Alkoholismus, beginnende Dementia praecox etc.) dem Auftreten 
psychogener Symptome den Weg bahnen. 

Die Frage der Simulation ist während des Krieges nicht öffentlich zu 
besprechen. Man geht heute in ihrer Ablehnung vielleicht eher zu weit. 

Die Prognose der kriegsneurotischen Zustände hängt hauptsächlich von 
der prämorbiden Persönlichkeit, ihrem Charakter und ihrer seelischen Stel¬ 
lungnahme zum Krieg, vom Ort und von der Behandlung, von der Dauer des 
Krieges, der Gestaltung des Arbeitsmarktes und der Lösung der Renten- und 
Abfindungsfragen ab. Die Wege der Heilung sind zahlreich. Langsame und 
brüske Beseitigung der hysterischen Symptome, Einfluss der militärischen 
Disziplin und Autorität, Heilwirkung des Schreckens. Die Erfahrungen des 


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8. Jahres Versammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte. 


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Rückfalls. Grenzen unseres Einflusses bei der Frage der Wiederkehr der 
Dienstfähigkeit. Notwendigkeit der Beseitigung von Dauerrenten, Abfindung 
oder zeitlich begrenzte automatisch endende Gewöhnungsrente. Der Heilwert 
der Berufsarbeit. 

Die Diskussion gestaltete sich ausserordentlich lebhaft, nicht 
weniger als 42 Redner hatten sich eingetragen. Der wesentliche in Diskussion 
stehende Punkt war die Stellungnahme zu der Oppenheimschen Anschauung. 

Für Oppenheim erhob die Stimme B ö 11 g e r. Er will pathologisch 
gesteigerte Schreckwirkungen im Anfänge als organisch betrachtet wissen, 
Reflextrophoneurosen seien nicht hysterisch, mehr den Gelenktrophoneurosen 
ähnlich, beide könnten hysterisch werden. Auch Q u e n s e 1 gibt zu, dass orga¬ 
nische Momente mitspielen können. Mann hebt hervor, dass bei Akinesia 
amnestica im Gegensatz zu Hysterie einzelne Muskelgruppen isoliert funk¬ 
tionsfähig bleiben, ferner das Fehlen des Sehnenspieles und der reflektorischen 
Bewegungen. Auch manche Tremorformen gehörten hierher, namentlich solche, 
die bei Intention sistieren, für solche sei elektrische Therapie ungünstig. 

Einen vermittelnden Standpunkt nahm auch Löwenthal ein, man 
müsse die Uebergänge beachten, namentlich für vasomotorische Symptomen- 
komplexe müsse eine organische Komponente angenommen werden. 

Gegen die Oppenheimsche Anschauung sprechen sich scharf aus Wol¬ 
lenberg und Sänger, ebenso Simons, Curschmann, Aschaffen¬ 
burg und Willmanns. 

Als wesentliche Argumente traten hervor die geringe Beteiligung der 
Offiziere an derartigen Störungen, ferner die sichergestellte Tatsache, dass 
unter den Gefangenen verschwindend wenig Neurosen auftreten (W illmanns 
fand unter 80 000 Gefangenen eine Neurose). Mörchen hat bei 60 000 
gefangenen Franzosen nur 8mal traumatische Neurose trotz genauester Unter¬ 
suchung gefunden. Gefangene Aerzte berichten, die Leute hätten vor der 
Gefangennahme noch z T. schwere Störungen auf gewiesen; diese rasche Heilung 
wird erklärt aus dem Entlastungsgefühl bei der Entfernung aus der Gefahr. 
Auch sei das Verschwinden des Individuellen in der neuen Situation von 
Bedeutung. Bei Gefangenen trete die Neurasthenie in gleichförmiger Weise 
auf: Abmagerung, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit; nur in zwei Fällen sei eine 
traumatische Neurose wieder aufgetreten. Auch S e i g e sah keine schweren, 
hysterischen Störungen bei Gefangenen. Namentlich Nonne hat alle von 
Oppenheim auf geführten charakteristischen Zeichen bei rein Funktionellen 
gesehen. Simons betont, dass Knochenatrophien bei allen hysterischen 
Lähmungen zustande kämen. 

Den zweiten Hauptgegenstand der Diskussion bildete die Frage der 
Behandlung, und es stand wieder die Methode von Kaufmann (Behandlung 
mit starkem Strom) im Mittelpunkt. Kaufmann meint, was durch Hypnose 
zu heilen sei, müsse auch durch Wachsuggestion mit Ausnützung der mili¬ 
tärischen Vorgesetzteneigenschaft zu erreichen sein. Suggestive Vorbereitung 
wäre nötig. Man müsse gütig aber streng sein. Unter 48 Tremorfällen hat er 
46 in einer Sitzung geheilt. Rezidivneigung bleibe auch ohne Begehrungs¬ 
vorstellungen bestehen. Bezüglich der Technik: Man müsse die Erbsehe 
Elektrode auf Nervenpunkte in tetanisierender Stärke anwenden und brauche 
kaum mehr als eine Viertelstunde an einer Stelle. Auch Pappenheim sah 
Myotonoklonia trepidans mit dieser Methode heilen. Auch Liebermeister, 
Willmanns und Oberstabsarzt R iedei betonen die Notwendigkeit eines 
sehr energischen Vorgehens. Letzterer betont den Wert des militärischen 
Turnens und der Wiedererziehung zur militärischen Art als eine die Kauf- 


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8. Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte. 


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mannsche Methode ergänzende Einwirkung. Auch Löwenthal hat sich 
zu der Methode bekehrt. 

Aus der Diskussion ergab sich zweifellos der Wert der Methode für die 
gegebenen Verhältnisse; jedoch traten vielfach Bedenken auf, ob nicht die 
Verallgemeinerung derselben in Friedensverhältnissen schlimme Folgen zeitigen 
könnte. Ueber den Wert der Hypnose waren die meisten Redner einer 
Meinung, sie käme als die wesentlichste neben der Kaufmannschen in 
Betracht. Der Einwurf von Rieder, die Hypnose mache weich, wird 
energisch von Mohr und Nonne zurückgewiesen. L i e n a u verlangt das 
Einverständnis des Kranken, Nonne lehnt es ab. 

Interessant war die Bemerkung Försters vom refraktären Verhalten 
der Schlesier gegen die Hypnose. B ö 11 g e r erklärt die Hypnose für 
entbehrlich; er hat 100 Prozent Heilung ohne deren Anwendung. Die von 
Goldstein (Frankfurt) vorgeschlagene Behandlungsmethode mit einer 
fiktiven Operation in Aethernarkose unter grossem, suggestivem Apparat, 
wird von Voss energisch abgelehnt wie jede Pia fraus. Er hat damit wohl 
die Ansicht der überwiegenden Mehrzahl der Versammlung ausgesprochen. 
Mann hebt den Wert der Werkstättenarbeit hervor, Voss verlangt gute 
Bezahlung der Arbeit. 

Zur Frage der Hysterie: Besonders L i e n a u und Jakob erwähnen 
das Vorkommen von schweren Hysterien, auch bei vorher ganz gesunden 
Individuen. Bei solchen wäre die Prognose günstig. Rumpf will die 
Schreckneurose zur Hysterie rechnen, Commotions- und Contusionsneurosen 
davon abtrennen. 

J o 1 o w i c z hebt die Bereitschaft zur funktionellen Erkrankung, 
besonders im Stellungskampf, infolge der Spannung hervor. Viele erkranken 
erst beim Rücktransport, beim Nachlassen des Gefechtstonus. Eine ähnliche 
Ansicht formuliert Stransky als „inneren Krankheitskonsens“ nach Auf¬ 
hören des Gefechtstonus. Auch Voss erklärt die Schreckneurose für primäre 
hysterische Reaktionen. Förster fasst die Hysterie nach Kraepelin 
als immanente physiologisch-biologische Abwehr auf; auffallend sei das 
leichte Einspringen motorischer Apparate durch emotive Momente. B ö 11 g e r 
leugnet das Vorkommen objektiver Sensibilitätsstörungen bei hysterischen 
Lähmungen, wogegen andere, namentlich Curschmann opponieren. 

Von besonderen Symptomen hebt Mann weite Pupillen mit schlechter 
Reaktion, schwache Patellarreflexe, myotonische Kontraktionen, Hyperästhesie 
der zu den verletzten kontralateralen Gliedern bei Hysterie hervor. S i m o ü 3 
beobachtet, dass bei nicht Verletzten hauptsächlich die linke Seite funktionell 
gelähmt werde, er beobachtet feinsten Tremor der Recti interai und ein 
Missverhältnis der Fingerbeugekraft, je nachdem die Finger die Hand des 
TTntersuchers umspannen oder nicht. Lange hat konstantes Auftreten von 
Druckschmerzhaftigkeit der Ansatzstellen der Kopfmuskeln bei traumatischen 
Neurosen beobachtet. 

Bezüglich der Verschüttung: Jolowicz glaubt, die Angaben seien oft 
übertrieben, und auch W illmanns hält Erinnerungsfälschungen in vielen 
Fällen für wahrscheinlich. Weiss sah bei 400 verschütteten Bosniern 
(Lawine) keine Neurose. Er erklärt dies durch Fehlen von Begehrungs¬ 
vorstellungen bei diesen Leuten. 

Den Ausdruck „Commotionsneurose“ will Jakob in den „post¬ 
traumatischer neurotischer Schwächezustand“ ändern, Trömner schlägt 
„traumatische Hirnschwäche“ vor. Den Begriff „traumatische Neurose“ 
wollen Wollenberg, Lienau und Nonne aufgeben. 

Schüller und S a r b ö berichten von anatomischen Veränderungen 


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8. Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte. 


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nach Contusio spinalis (Liquoransammlung, Verklebung der Rückenmuakel- 
häute, Spondylitis deformans); viele Granatfern Wirkungen seien organisch. 
Hysterie trete erst später hinzu. 

Von Simulation war erfreulich wenig die Rede. J olowicz meint, 
dass manche simulierte Symptome erst sekundär zu neurotischen werden. 
Rumpf, dass Simulation oft erst aus der Hysterie sich entwickle, Aschaf¬ 
fe n b u r g warnt vor zu reichlichem Sprechen von Simulation und 
Begehrungsvorstellungen. 

Mayersohn erwähnt einen Fall von Tic, der im Felde heilte und 
erst nach der Rückkehr wieder rückfällig wurde. 

N ä g e 1 i weist auf die grosse Anzahl von Organneurosen in internen 
Kliniken hin; Willmanns fordert auf, namentlich in orthopädischen 
Anstalten nach verkannten Neurosen zu suchen. 

Stransky zieht zur Erklärung neurotischer Erscheinungen die Ver¬ 
drängungslehre heran, Kohnstein erinnert an die Beeinflussung viszeraler 
Vorgänge durch psychische Ursachen und will seinen Begriff psychoklin im 
Gegensatz zu psychogen dafür angewendet wissen. Sie seien psychisch 
beeinflusst nicht psychisch bedingt. Zum Beispiel: Hypnotische Beeinflussung 
der Menstruation. Er empfiehlt Abreaktion von Schreckneurosen und 
gestauten Emotionen in der Hypnose. 

Im Schlusswort betont Oppenheim noch einmal seinen Standpunkt, 
bezieht sich auf Schulz und Strümpei, die die Crampusneurose 
nicht zur Hysterie rechnen, wendet sich aber gegen die Anschauung, die die 
Fixation als rein hysterisch bezeichnen will. Hysterie, Begehrungsvorstel¬ 
lungen und Simulation seien jetzt die bequeme Fahrstrasse. Alles soll jetzt 
Hysterie sein. 

Nonne hält an seiner Ablehnung der Oppenheimschen Ansicht fest, 
einen Unterschied zwischen Akinesie und Monoplegie könne er nicht finden, 
jedoch seien die Akten über die funktionellen Lähmungen noch nicht 
geschlossen, er habe Fälle mit Zyanose, Hyperhydrose etc. suggestiv geheilt. 

Vortrag von Förster über die Topik der Sensibilitäts¬ 
störungen. Aus seinem ungeheuren, mit grösster Exaktheit untersuchtem 
Material führt Förster eine Reihe von Beobachtungen an, die zu Ergeb¬ 
nissen führen, die von den bisherigen Anschauungen in manchen Punkten 
erheblich abweichen. Bei peripherer Nervenunterbrechung findet er die 
Grenze für Temperaturempfindungsstörungen meist ausserhalb der für 
Schmerz- und Berührungsempfindungsstönmg. Die Temperaturempfindungs¬ 
störung restituiert sich zuletzt, zuweilen kann auch nur der Kältesinn 
gestört sein. Die Grenzen der Störungsszone bleiben meist hinter den anato¬ 
mischen Bezirken zurück. 

Die Grenzen der Analgesie schwanken erheblich. Bei Wurzelläsion 
entspricht nur der Kältesinn den bisherigen Schemagrenzen, für den Kältesinn 
gilt das Gesetz der Ueberlagerung nicht. Im Vorderseitenstrang wird eine 
lamelläre Anordnung der Bahnen angenommen auf Grund der Aussparung, die 
sich häufig findet; in vielen Fällen muss die Berührungs- und Empfindungs¬ 
störung auf den Vorderseitenstrang beschränkt werden, da bereits einseitige 
Störung und einseitige Läsion Halbseitenstörung macht. Schmerzempfindung 
zeigt die grösste Variabilität; die Prüfung geschieht mit minimalen Reizen. 

Auch bei Thalamusschüssen finden sich Aussparungsbezirke, namentlich 
um den Anus und das Skrotum. Lokalsation im Thalamus ist, wie sie von 
Monakow annimmt, wahrscheinlich. Das häufige Erhaltenbleiben der 
Sensibilität der Radialseite der Hand, der Fußsohle, Mund, After und Genital¬ 
gegend, wird aus phylogenetischen Gesichtspunkten erklärt. Bei Kortikal- 


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Adler, Alfred und Furtmüller, Karl: Heilen und Bilden. 


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läsionem kommen auch halbseitige, reine Temperaturstörungen vor, auch 
fleckweise und segmentale Anordnung des Ausfalls. 

In der Diskussion hebt Bruhns hervor, dass Head’s Autorität 
erschüttert sei; nach diesem Autor sei der Bezirk der Berührungsanästhesie 
immer der weiteste. Trümmer: Auch hysterische Störungen können seg- 
mental angeordnet sein. Goldstein hebt die Prädilektion gewisser Seg¬ 
mente bei kortikalen Läsionen hervor, nämlich: Lö, Si, Sa, Ca, Di, D*. Eine 
funktionelle Komponente müsse angenommen werden. 


Referat. 

Adler, Alfred und Furtmflller, KarL Heilen und Bilden. Aerzt- 
lich pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie. Ver¬ 
lag von Ernst Reinhardt in München. 399 S. 

Alfred Adler ist ein Schüler Freuds. Er hat aber versucht, 
sich von dessen zu stark betonter Sexuallehre und von manchem anderen 
Freud sehen Dogma freizumachen. So ist er allmählich dazu gekommen, 
die Grundlage dessen auszubauen, was er Individualpsychologie nennt. Er 
will sich des Kerns der Persönlichkeit bemächtigen, um die peripheren Aeusse- 
rungen richtig zu verstehen, während sich die bisherige Psychologie vorzugs¬ 
weise gerade mit den seelischen Erscheinungen, die an der Peripherie liegen, 
beschäftigt habe. Das Bestechende dieser Bestrebungen hat Adler einen 
Kreis von Mitarbeitern zugeführt, und das Resultat eigener und anderer 
Arbeiten ist in dem vorliegenden Werke enthalten. Die Aufgabe des Arztes 
ist zum grossen Teil eine erzieherische, und diese engen Beziehungen zwischen 
der ärztlichen Tätigkeit und der Pädagogik werden in dem Sammelwerk be¬ 
leuchtet. Adler weicht von Freud auch darin ab, dass er den Charakter 
als „den innersten Kern der neurotischen Erkrankung“ ansieht. Einer seiner 
Mitarbeiter, App eit, formuliert dies in folgender Weise: „Für den Aufbau 
des nervösen Charakters sind nach Adler zwei Faktoren verantwortlich zu 
machen: einmal ein ausgesprochenes vom Kinde als unerträglich gefühltes 
Minderwertigkeitsgefühl und zum andern — als psychische Reaktion — hyper¬ 
trophische Kompensationsbestrebungen“. Angeborene Organminderwertig¬ 
keiten sollen das Minderwertigkeitsgefühl bewirken, da es sich hierdurch 
nicht leicht in die Gesamtheit einfüge und in häufige Konflikte mit der Um¬ 
gebung komme. Das alles wirkt auf den ersten Blick sehr bestechend und 
ebenso viele Einzelarbeiten, die auf dieser Theorie aufgebaut sind. Und doch 
wird man bei genauer Betrachtung zum Schluss kommen müssen, dass Adler 
wohl für manche Fälle das richtige erkannt hat, dass aber diese Verallgemei¬ 
nerung. die uns schon so häufig in der Medizin auf Irrwege geleitet hat, auch 
hier nicht am Platze ist. Der Ursprung der Neurosen ist so mannigfaltig, 
dass man mit einer Schablone schlechterdings nicht zum Ziele kommt. Man 
kann den Einfluss der Vererbung nicht bloss damit erklären, dass der Be¬ 
treffende sich nun durch gewisse angeborene Organeigenschaften als minder¬ 
wertig betrachtet. Diese blosse psychologische Betrachtungsweise muss auch 
bei andern Neurosen versagen. Die Erschöpfungsneurasthenie, die Angst- 
neurose und die Trunksucht können nicht so einfach erklärt werden, auch 
nicht das Stottern, dessen Grundlage A p p e 11 in einer Arbeit dieses 
Sammelwerkes auf die Adler sehe Theorie aufbauen zu können glaubt 
Einzelne der Autoren kommen auch zu sehr auf das sexuelle Moment zurück. 
Trotz dieser Einwendungen kann aber das Buch jedem, der sich über die 
weitere Entwicklung der Psychoanalyse unterrichten will, nur dringend emp¬ 
fohlen werden. Dr. Albert Moll. 

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\Vc ?i.c v,,t » F K !1 IM \ A Nli li ?t K K 

Meditin und Dichtung. 

Die pathofogisclien Erscheinungen in der Dichtkunst. ; 

• ; Von üdt. Rat Dr. C, Augstein. 

;»« ioi7. <ioh. m. s.'äo. ’’ 

Vom vorzeitigen Altern. 

‘ Von Dr.-raeit i. F. Kapp. ; . 

Mit 

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üedanken im Felde. :>-i& s?.::r *%ä 




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Von Kurt Kaßler. ® gg^a 




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Die Ochei^wi^(>itvcV>^u<t \a kntfsclKT IWrachtüng. 

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Zur Psychopathologie des Geizes. 

Vortrag, gehalten am 8. Nov. 1917 in der Psychologischen Gesellschaft. 

Von H. Oppenheim, Berlin. 

Der Geiz hat bei den Psychologen und Psychiatern bislang sehr 
wenig Berücksichtigung gefunden. Ich habe das seit langem als einen 
Mangel empfunden und dem schon in der II. Auflage meines Lehrbuches 
der Nervenkrankheiten Ausdruck gegeben. Es heisst dort: „Auch durch 
einen krankhaften Geiz kann sich die hysterische (bzw. psychopathische} 
Anlage früh verraten. Es ist auffallend, wie wenig Beachtung dieses Phä¬ 
nomen und seine Beziehung zu psychopathischen Zuständen bisher gefunden 
hat.“ Von den psychiatrischen Fachgenossen, mit denen ich diese Frage be¬ 
sprochen habe, wurde mir das durchweg bestätigt. Ho che 1 ), der es 
sich besonders angelegen sein liess, mich mit literarischen Hinweisen 
zu unterstützen, schrieb: „Die medizinische Literatur ist äusserst wenig 
ausgiebig zu dieser Frage. Ich habe auf Ihre Anfrage hin eine Reihe 
von Zentralblättern usw. 20 Jahre rückwärts durchgesehen, ohne das 
Stichwort Geiz auch nur im Register zu finden.“ Und einer der wenigen 
neuzeitlichen Forscher, die die Frage einer eingehenden Betrachtung 
wenigstens in philosophisch-psychologischer Beziehung unterworfen haben, 
Rogers de Fursac*) sagt: Mais parmi toutes les passions l’avarice 
est certainement une de celles dont la Science parait s’etre le plus des- 
intöress6e.“ 

Es steht diese Schweigsamkeit der Wissenschaft (wenigstens der 
medizinischen) in einem auffallenden Gegensatz zu der Beredsamkeit der 
schöngeistigen Literatur und der Kunst überhaupt. Auf Dichter und 
Schriftsteller hat der Seelenzustand, die äussere Erscheinung und Lebens¬ 
führung des Geizhalses zu allen Zeiten einen starken Reiz ausgeübt. Ich 
brauche nur die Namen von Shakespeare, Moli&re, Walter Scott, 
Balzac, Dickens, Gogol, de Coster, George Elliot zu nennen, 
um das vor Augen zu führen. 

Wenn in ihren Schilderungen auch zweifellos der Wirklichkeit 
vieles abgelauscht ist, können wir sie doch nicht als Grundlage für eine 
wissenschaftliche Erfassung des Stoffes verwerten. Und selbst von den 
wenigen, die den Gegenstand einer wissenschaftlichen Behandlung zu 

] ) I h m sowie Herrn KoUegen Mo 11 und Herrn Geheimrat Traeger in Marburg 
spreche ich für manchen Wink auch an dieser Stelle meinen Dank aus. 

*) De l’avarice, Essai de Psych. morbide. Revue philosopbique de la France 
et de l’Etranger. T. 61, Paris 1906. 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 13 


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H. Oppenheim 


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unterziehen versucht haben, hat der beredteste, Burr 1 ) zum grössten 
Teil dem 18. Jahrhundert entstammende Beobachtungen verwertet. Es 
kann deshalb nicht wundernehmen, dass seine Darstellung fast in allen 
Punkten den in der Kunst dargebotenen Bildern entspricht. 

In diesen Schilderungen des schöngeistigen Schrifttums tritt uns 
der Geizhals fast überall als alter Mann entgegen: dürr, hager, ver¬ 
trocknet, mit dem Gesichtsausdruck und den Bewegungen, die Verschla¬ 
genheit, Argwohn, Misstrauen, List, oft auch Grausamkeit verraten. Die 
Verstandeskräfte sind in der Regel keine hervorragenden, es fehlt dem 
Geist die Tiefe und Vielseitigkeit, das Denken ist bei der Mehrzahl aufs 
äusserste eingeengt; der Geizige besitzt allenfalls die Schlauheit und 
Durchtriebenheit, die ihn befähigt andere zu tibervorteilen, aber selbst 
in dieser Hinsicht versagt er gegenüber der Ueberlegenheit wirklicher 
Geistesstärke. Die Kleidung ist ärmlich, abgetragen, oft auch schmutzig 
und zerrissen, die Wohnung meist eng, dunkel, ohne jeden Zierrat, ohne 
jede Rücksicht auf Gesundheit, geschweige denn auf Wohlbehagen und 
Schönheitssinn, die Ernährung meist kümmerlich, oft nur den äussersten 
Bedürfnissen Rechnung tragend. Hat er Weib und Kind, so sind sie 
seine Sklaven, die sich seinem Laster anpassen müssen, wenn ihre Ge¬ 
sinnung und Neigung auch oft eine der seinigen nicht entsprechende 
oder gar entgegengesetzte ist. Dienstboten hat er nicht oder eine ein¬ 
zige Person, die sich ihm völlig unterordnen und ganz in seinem Sinne 
leben muss oder sowohl in ihrem Wesen wie in ihren Lebensansprüchen 
das Ebenbild ihres Dienstherrn ist. Mit der Habsucht verknüpft sich 
fast immer Härte, Gefühllosigkeit und selbst Grausamkeit, Mangel an 
jedem sozialen Empfinden. Dementsprechend hat der Geizige keine 
Freunde, er ist ungesellig oder selbst menschenscheu, er hat nicht das 
Bedürfnis sich mitzuteilen. 

Die geschilderte Lebensweise steht nun in schroffem Gegensatz an 
seinem Reichtum. Denn diese Geizhälse der Romane und Sage besitzen 
alle ungewöhnlich grosse Schätze, die sie aber häufig nicht in gewinn¬ 
bringender Weise anlegen, sondern anhäufen oder verstecken. Die 
meisten treten jedoch gleichzeitig als Wucherer in die Erscheinung. Die 
Gier und Jagd nach dem Gelde, das oft geraden wollüstige Bestreben 
Gold und Geld anzuhäufen, in Verstecken zu sammeln, kehrt fast in 
allen Berichten wieder. 

Ueber das Geschlechtsleben erfahren wir nicht viel. Es ist aber 
bemerkenswert, dass von Ausschweifungen in dieser Hinsicht fast nie 
die Rede ist, dass die Geizigen durchweg nicht als Lüstlinge geschildert 
werden, ohne dass sich damit Anhaltspunkte für die Annahme von „Per* 


*) Charles W. Burr, The Psychatogy of Misere. Jo um. ef Nerv, and Ment. 
Diseases 1916, Nr. 42. 


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Zur Psychopathologie des Geizes. 


195 


versitäten“ bieten. Dass einige dieser Greise, wie der Harpagon Mo- 
li&res und Arthur Gride bei Dickens, ganz jungen Mädchen Hei¬ 
ratsanträge machen, dürfte kaum im Sinne der Perversität gedeutet 
werden. — Kinderreichtum scheint nicht vorzukommen. 

Ich will dieses der schöngeistigen Literatur entnommene Gesamt¬ 
bild durch ein paar Einzelheiten erläutern. 

Balzac 1 ) sagt von seinem Grandet: Seine Augen erglänzten in jenem Aus¬ 
druck mit Gier gepaarter Ruhe, den der Volksglaube den Basilisken zuspricht. Er 
war immer mit der gleichen Kleidung angetan. Er lügt, ist lieblos und grausam gegen 
seine nächsten Angehörigen, so ist ihm das Hinsiechen und der Tod seiner Frau gleich¬ 
gültig, er sperrt seine Tochter, weil sie Goldmünzen verschenkt hat, wochenlang bei 
Wasser und Brot ein. „Er war glücklich, weil er mit den Empfindungen seiner Tochter 
Spekulation treiben konnte.** Dem Neffen den Tod seines Vaters mitzuteilen, hält er 
für eine Kleinigkeit, aber ihm den Verlust seines Vermögens beizubringen, für eine 
Aufgabe, vor der er zurückschreckt Er liebkoste sein Geld. Stundenlang sass er da 
und hielt die Augen unausgesetzt auf das blanke Metall geheftet Er verstand zu 
stottern und Schwerhörigkeit vorzutäuschen, um im Gespräch die Ansicht der anderen 
herauszulocken und sie zu überlisten. In den letzten Jahren war der Wunsch nach 
dem Anblick des Goldes zur „Monomanie** geworden. Vom frühen Morgen bis zum 
Abend liess er sich zwischen dem Kamin seines Zimmers und der Tür seines Gcld- 
schranks hin- und herfahren. 

Dem Harpagon Moliöres ist das Schicksal seiner Kinder völlig gleichgültig, 
wenn er nur keine Mitgift zu zahlen braucht Für Geld gibt er sein eigenes Blut hin. 
Er ist der unmenschlichste, zäheste, böseste Mensch der Welt Es gibt keinen Dienst, 
der seine Dankbarkeit so weit brächte, die Hand aufzutun. Er lügt, heuchelt und 
treibt schlimmsten Wucher. Er verschliesst alles und steht Tag und Nacht Wache. 

Wer die meisterhafte Darstellung Pallenbergs gesehen hat, weiss wie sehr 
sich in dem Wesen dieses Geizigen neben Geldgier, der Habsucht, dem Mangel aller 
menschenfreundlichen Gefühle das Misstrauen verkörpert. Ein beachtenswerter Zug 
ist es auch, dass er sich trotz seines starken Misstrauens übertölpeln und hinter das 
Licht führen lässt. 

Von dem Dickensschen*) Geizhals Scrooge heisst es: „0, er war ein wahrer 
Blutsauger, der Scrooge! ein gieriger, zusammenscharrender, festhaltender, geiziger 
alter Sünder, hart und scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen 
Funken geschlagen hat, verschlossen und selbstbegnügt und für sich wie eine Auster. 
Die Kälte in seinem Herzen machte seine alten Züge erstarren, seine spitze Nase noch 
spitzer ... Er schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum •. . 
Keine Warme konnte ihn wärmen . . . allein seinen Weg durch die gedrängten Pfade 
des Lebens zu gehen, jedem menschlichen Gefühl zu sagen: bleib mir fern, das war 
das, was Scrooge gefiel.** 

Hier ist die plötzliche Verwandlung des Geizhalses in einen freigebigen Wohl¬ 
täter unter dem Einfluss von Sinnestäuschungen das Ungewöhnliche — eine Erscheinung, 
die wir nur bei Seelenkranken kennen, und auf die ich zurückkommen werde. 

In seinem „Nikolas Nickelby** stellt Dickens zwei Geizhälse einander gegen¬ 
über, die sich an Hartherzigkeit und Grausamkeit überbieten. Beide sind Wucherer 
und Halsabschneider der schlimmsten Sorte. Ralph Nickelby, „der gestählt war wider 


') Eugenie Grandet, Deutsch von Brieger, Berlin 1906. 

*) Der Weihnachtsabend. Eine Geistergeschichte. Deutsch von Seybt, RecL 
Bibliothek. 


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den Anblick des grässlichsten Elends, das Flehen der hilflosesten Bedrängnis,* ver¬ 
leitet zum Meineid und zur Engelmacherei, verkuppelt für Geld seine eigene Nichte. 
Sein Geiz wird nur noch von seinem Menschenhass übertroffen. Es ist für uns be¬ 
merkenswert, dass der Dichter ihn durch Selbstmord enden lässt. 

Bei dem geistig tief unter ihm stehenden Arthur Gride sind die Charakterzüge 
des Geizigen noch schärfer ausgeprägt. Er ist ein eingeschrumpfter, ausgemergelter, 
verknöcherter Greis. „Auf seinem Gesicht stach am meisten sein Lauerblick hervor, 
welcher List, Liederlichkeit, Verschlagenheit und Geiz verkündete.“ Seine Kleider 
kamen vom Pfandleiher. Er wohnt in einem öden, morschen, finsteren Hause, jedes 
Gemach ist düster und stumm. An den traurigen Wänden stehen alte Stühle und 
wacklige Tische, dürre Schränke „schmächtig und hohlwangig geworden vom Wachen 
über den Schützen in ihrem Innern.“ Sein Geschäftsbuch ist seine einzige Bibliothek, 
für ihn eins der unterhaltendsten Bücher, die jemals geschrieben werden sind. Seine 
durch Wucher und Betrug erworbenen Schatze sind in keinem Versteck sicher genug 
aufbewahrt, so sehr beherrscht ihn die Furcht vor Dieben. Sein einziger Dienstbote 
ist das Abbild von ihm „eine kleine, dünne, triefäugige, abstossend hässliche alte Frau.’ 
Er weiss, dass sie eine Hexe ist, aber sie hat zwei Eigenschaften, die sie ihm wertvoll 
machen: sie geniesst sehr wenig, und sie ist taub, so dass sie ihn nicht behorchen 
kann. Dieser Geizige ist zugleich ein Lüstling, er zwingt den Vater eines hübschen 
19 jährigen Mädchens, den er in seinen Wuchererklauen hat, ihm die Tochter zu ver¬ 
kuppeln. 

Gogols 1 ) Pluschkin bietet fast bis in die kleinsten Züge dasselbe Bild mit der 
Besonderheit, dass sich das Laster erst im hohen Alter entwickelt. Allerdings waren 
die Keime: Sparsamkeit, Nüchternheit und schwache Ausbildung aller Gemütskrafte 
schon früher vorhanden. Aber der Geiz in seiner abschreckenden Form und seiner 
ganzen Nacktheit entstand erst im höheren Alter, nachdem ihm die Frau gestorben war 
und die Kinder ihn verlassen hatten, so dass er der einzige Hüter seines Reichtums 
war. Das Allemleben nährte seinen Geiz, der „wie bekannt den Wolfshunger hat 
und umso unersättlicher wird, je mehr er verschlingt“. Die Darstellung der äusseren 
Erscheinung, des Gesichtsausdrucks, der Wohnung, der Lebensweise, des Charakters 
verdient im Original nachgelesen zu werden. 

Das von de C oster*) in der „Hochzeitsreise“ entworfene Bild weicht in meh¬ 
reren Punkten von dem gewöhnlichen ab, zunächst dadurch, dass es sich um eine Frau 
handelt. Ferner fehlt ihr zwar das Mitempfinden für die Menschheit gänzlich, aber 
sie ist durchaus nicht jedes Gefühles bar, wird vielmehr von einer starken Liebe zu 
ihrer Tochter beherrscht. „Sie liebte ihre Tochter mit eifersüchtiger Liebe, aber fast 
ebenso leidenschaftlich hing ihr Herz an der Goldkiste, die im Schlafzimmer am Fuss- 
boden festgeschraubt war.“ Sie schreckt in ihrem Geiz und Hass vor keinem Ver¬ 
brechen zurück. Ungewöhnlich ist in dieser Schilderung auch die starke Betonung 
der Eitelkeit und die plötzliche Umwandlung des Geizes in Verschwendung infolge der 
Eitelkeit und Grossmannssucht, die sie verleitet, sich Adelspatent und Wappen zu er¬ 
kaufen U8W. Wir finden etwas ähnliches bei Geisteskranken und werden darauf zu¬ 
rückkommen. 

Noch weiter von dem echten Typus entfernt sich der Geizhals, den uns George 
E11 i o t in ihrem Silas Marner (der Leineweber von Ravelam, Deutsch von Augspurg. 
Reclams Univ.-Bibl.) vorführt. Der Geiz bildet hier eine erworbene und vorüber¬ 
gehende Charakterveränderung, erzeugt und wieder verdrängt durch Erlebnisse, die 


J ) Tote Seelen. Deutsch von Loebenstein. 

*) Die Hochzeitsreise. Uebertragung von Ritter. Verlag Borngräber, Berlin 
1916. (Das Original ist 1870 erschienen.) 


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die Seele von Grund aus aufwühlen. Aber gerade das ist das Ungewöhnliche, dass 
Marner eine starke Empfänglichkeit für Gemütseindrücke, ein reiches Seelenleben be¬ 
sitzt ; er ist eine sittlich hochstehende Persönlichkeit, bei der diese Anlage nur solange 
zurücktritt, als er unter dem Banne der Geldgier steht. 

Wenn diese Seelenschilderung sich darin stark von der Wirklichkeit entfernt, 
so wird uns doch gerade die Pathologie zeigen, dass etwas Derartiges auf krankhafter 
Grundlage vorkommt, und so spricht es für das tiefe Verständnis der Verfasserin, dass 
sie Marner ganz deutlich als Psychopathen kennzeichnet, der an Krampfanfällen und 
Sinnestäuschungen leidet. 

A. Moll hat mich nachträglich noch auf zwei Abhandlungen, die 
eine von Alibert in der „Physiologie des Passions“, die andere von 
Boigey (L’avarice. Paris 1914) aufmerksam gemacht, die ich nicht mehr 
verwerten konnte. 

Von den wissenschaftlichen Schilderungen schliesst sich die 
von Burr hier am nächsten an, da sie sich auf unsichere, jedenfalls zum 
Teil legendenhafte Aufzeichnungen und nicht auf eigene Beobachtungen 
stützt. Dieser Schriftsteller spricht von der Erblichkeit des Geizes und 
bezieht sich dabei auf die Lebensgeschichte des Daniel Dancer, der 
ebenso wie sein Grossvater, Vater und alle Geschwister von diesem Laster 
befallen war. Er gibt eine ausführliche Beschreibung von dem Charakter 
und der Lebensführung dieser und anderer Geizhälse, die während des 
18. Jahrhunderts in England lebten. Fast überall ist es dieselbe Sucht, 
Schätze zu sammeln, das Vermögen durch Aufspeichem und Zusammen¬ 
raffen von allem, was auch nur den geringsten Wert hat (Knochen, 
Lumpen, Knöpfe usw.) und durch äusserste Beschränkung aller Ausgaben 
für Ernährung, Wohnung, Kleidung sowie Vermeidung jeder Wohltätig¬ 
keit zu vermehren, statt es in gewinnbringender Weise anzulegen. Es 
ist die blosse Freude am Besitz des toten Goldes, ohne dass es zum Er¬ 
langen von Lust und Macht verwendet wird. Der Mangel an Menschen¬ 
liebe, an dem natürlichen Gefühl der Liebe zum eigenen Fleisch und 
Blut kehrt fast überall wieder. Burr ist der Ansicht, dass auch Men¬ 
schen von hoher Geisteskraft dem Geize verfallen können, bringt aber 
keine überzeugenden Beweise dafür. Er macht auch einige Bemerkungen 
über die Beziehungen dieser Charakteranlage zur Geistesstörung und 
betont besonders, dass sie weder zu dieser führen müsse, noch selbst als 
Geisteskrankheit aufzufassen sei. Er vertritt die Anschauung oder gibt 
ihr wenigstens beiläufig Ausdruck, dass der Geiz in das Grenzgebiet 
der Seelenstörungen gehöre. Und dass er damit das Richtige trifft, 
wird uns die weitere Beobachtung lehren. 

In den von ihm verwerteten Fällen handelt es sich durchweg um 
alte Männer, er betont auch, dass Jugendformen ihm kaum bekannt seien 
und hebt die im Widerspruch zu den Erfahrungen der Gesundheitslehre 
stehende Tatsache hervor, dass diese im Schmutz und in der äussersten 
Dürftigkeit lebenden Personen meist ein sehr hohes Alter erreichen. 


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De Fursac leitet seine Abhandlung über den Geiz zwar mit dem 
vielversprechenden Vorsatz ein, dass er an die Frage als Arzt und 
Kliniker herantreten wolle, bietet dann aber doch nur Betrachtungen, 
die sich mit der Psychologie des Geizigen beschäftigen und die Pathologie 
nur streifen. Die seelische Eigenart sei durch Unvollkommenheiten und 
Mängel der Entwicklung gekennzeichnet. Der meist guten Beobachtungs¬ 
gabe und dem vortrefflichen Gedächtnis steht der Mangel an Phantasie, 
an Urteilskraft, Selbstkritik und die enge Begrenztheit der Interessen 
gegenüber. Dementsprechend fehlt auch jede höhere Leistung auf dem 
Gebiet der Wissenschaft und Kunst und selbst auf dem des Handels. 
Fursac spricht dem Geizhals durchweg die Fähigkeit der erspriesslichen 
Vermögensverwaltung ab. Die Gefühllosigkeit, der Mangel aller menschen¬ 
freundlichen Regungen wird auch von diesem Forscher betont. Die starke 
Eigenliebe arte sogar hier und da in Eitelkeit aus. Auffallend selten 
führe aber der Geiz zu straffälligen Handlungen. 

Weit wissenschaftlicher ist ein zweiter Aufsatz Fursacs '), in 
welchem er an der Hand zahlreicher Beobachtungen den Beweis führt, 
dass die Erblichkeit bei diesem Laster eine grosse Rolle spielt, so 
dass es dadurch in eine Linie mit den psychopathischen Zuständen und 
Seelenstörungen tritt. In 18 Fällen hat er Erblichkeit feststellen können. 
Oft handelt es sich um direkte Vererbung; das kam 13mal in 8 Familien 
vor. Von 31 Geizigen einer Familie hatten nur 8 Kinder, und von diesen 
waren 5 von diesem Laster befallen. 

Bemerkenswert ist noch die Angabe de Fursacs, dass wenn der 
Geiz gemeiniglich auch erst im höheren Alter zur vollen Entwicklung 
komme, die Grundzüge des Charakters: der Mangel an Einbildungskraft, 
an geistiger Regsamkeit und Tatkraft, der Spartrieb usw. doch schon 
in der Jugend vorhanden seien. 

Ein paar flüchtige Bemerkungen zu dieser Frage macht Gross in 
seiner Kriminalpsychologie (Graz 1898). Merkwürdigerweise ist es mehr 
die Knauserei und Knickerei der Frauen, mit der er sich beschäftigt, mit 
dem törichten Feilschen "der Frauen beim Einkäufen usw. Das hat aber 
mit dem Geiz im engeren Sinne des Wortes kaum etwas zu tun, da die 
Frau in dem bürgerlichen Haushalt gerade auf das Sparen im kleinen 
angewiesen ist; das anerkennt auch Gross selbst, indem er hinzufügt, 
dass das Charakteristische des Geizes im Zusammenscharren des Geldes, 
in der Sucht, darin zu wühlen und sich seines Anblicks zu freuen, beruhe. 

An einer anderen Stelle führt er aus, wie sich erst beim Greise 
aus der Sparsamkeit der Jugend Geiz und Habsucht entwickeln; er ver¬ 
sucht das auch zu begründen. Es sind aber im ganzen nur dürftige 
Hinweise, die er bietet. 


*) L’Heredite tlans 1’Avance. Journ. de Psychologie, 1909, Nr. 1. 


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Zur Psychopathologie des Geizes. 


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Fel mann, der die Frage in seinen „Psychischen Grenzzuständen“ 
streift, bringt kaum etwas Neues. 

G. Simmel 1 ) stellt in seiner philosophischen Abhandlung über das 
Wesen des Geldes auch einige für uns beachtenswerte Betrachtungen an 
über den Geiz und seine Abarten. „Der Geiz ist eine Gestaltung des 
Willens zur Macht .... und zwar so, dass die Macht wirklich nur 
Macht bleibt und sich nicht in ihre Ausübungen und deren Genuss um¬ 
setzt. Dies ist ein wichtiges Erklärungsmoment für den Geiz des hohen 
Lebensalters. Dazu kommt, „dass im Alter einerseits die sinnlichen 
Seiten des Lebens ihren Reiz . . . verlieren, andererseits die Ideale durch 
Enttäuschungen und Mangel an Schwung ihre erregende Kraft einbüssen.“ 

Der irrenärztlichen Literatur ist etwas Wesentliches nicht 
zu entnehmen, wenn wir davon absehen, dass in der Darstellung, welche 
sich auf die einzelnen Erscheinungen der Seelenstörungen bezieht, hier 
und da, besonders bei der Melancholie, auch die Charakterveränderung 
des Geizes erwähnt wird. 

Wenn ich nun zu meinen eigenen Beobachtungen übergehe 
und sie mit den hier zusammengefassten Darstellungen und Erfahrungen 
der Literatur vergleiche, komme ich zu folgendem Ergebnis: 

Die Frage ist besonders dadurch eine sehr schwierige, dass es an 
einer scharfen und klaren Bestimmung des Begriffes fehlt, dass die Be¬ 
zeichnung geizig, Geizhals, in einem sehr wechselnden Sinne gebraucht, 
dass die Grenze zwischen dem Physiologischen und Pathologischen, ja 
selbst zwischen der Tugend und dem Laster eine fliessende ist. Mancher 
ist geneigt von Geiz zu sprechen da, wo ein anderer nur die Aeusse- 
rungen der Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und weisen Vermögens¬ 
verwaltung vor sich zu haben glaubt. Wenn ein reicher Mann so lebt, 
wie es bei dem Vermögenslosen oder auf karge Mittel Angewiesenen 
erforderlich ist, so braucht das noch nicht Geiz zu sein. Es kann sich 
um äusserste Bedürfnislosigkeit handeln, oder es können religiöse Grund¬ 
sätze dahinter stecken usw. Zu dem Begriff des Geizes gehört unbedingt 
der Mangel aller der Empfindungen, die das Wesen der Nächstenliebe 
und Wohltätigkeit ausmachen. Es darf .sich nicht nur um die Vernach¬ 
lässigung der eigenen Person, den Verzicht auf jede über das Notwendige 
hinausgehende Aufwendung für sich und die nächste Familie handeln, 
sondern es muss der Mangel jeglicher Verwendung des Besitzes zur 
Linderung der Not anderer, zur Unterstützung und Beglückung der 
Menschen kommen. 

Folgende Begriffsbest im mung scheint mir den Tatsachen am ehesten 
gerecht zu werden: Geiz ist das sinnlose Jagen nach Geld und 

*) Philosophie des Geldes. Leipzig, 1900. 


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besonders das sinnlose Haften am Geld, sowie die sinnlose 
Vermeidung bzw. Einschränkung der für den Lebensunter¬ 
halt der eigenen Person, derFamilie und für das Wohl der 
Menschheit erforderlichen Ausgaben. Freilich enthält das Bei¬ 
wort sinnlos etwas Subjektives, und damit erkennen wir an, dass unsere 
Begriffsbestimmung nicht alle Schwierigkeiten umgeht. Dazu kommt 
noch ein anderer Umstand. Es wird vielfach die Bezeichnung Geiz auch 
auf Menschen angewandt, die ihren Besitz wohl sich selbst zugute kommen 
lassen, sogar in diesem Sinne Geld verprassen, während ihre Engherzig¬ 
keit und Knauserei nur anderen gegenüber zur Geltung kommt. Es 
scheint mir mindestens zweifelhaft, ob wir da die Berechtigung haben, 
von Geiz zu sprechen. Oder wir müssten anerkennen, dass es einen Geiz 
im weiteren und engeren Sinne des Wortes gibt, dass ausser dem typi¬ 
schen Geizhals verschiedene davon abweichende Formen Vorkommen. 
Ferner hat mich das, was ich selbst beobachtete, noch zu einer anderen 
Feststellung geführt, die sich nicht mit der geläufigen Anschauung deckt. 
Zum Geiz gehört nicht unbedingt der reiche Besitz, nicht das Wühlen 
im Golde; die gleiche Erscheinung kann auch bei Personen Vorkommen, 
die nur ein ausreichendes oder selbst bescheidenes Vermögen besitzen, 
aber sich dabei eine Beschränkung auferlegen, wie sie der äussersten 
Armut entspricht. 

Endlich führt uns die ärztliche Erfahrung noch eine Tatsache vor 
Augen, die der nicht-wissenschaftlichen Literatur fast ganz entgangen 
ist: dass der Geiz nicht immer eine dauerhafte, unwandelbare Eigen¬ 
schaft ist, sondern als vorübergehende Störung auftreten, ja geradezu 
mit Verschwendungssucht abwechseln kann. 

Halten wir uns nun weiter streng an die wirkliche Erfahrung, 
so weicht sie von der schöngeistigen und romanhaften Darstellung 
noch in mehreren Punkten ab. Schon die einseitige Betonung des 
männlichen Geschlechts der Geizhälse steht mit der tatsächlichen Er¬ 
fahrung nicht im Einklang. Nach den eigenen Beobachtungen sind 
vielmehr Männer und Frauen gleichmässig betroffen, wenn es auch 
in der Natur der Sache liegt, dass die Störung bei dem Manne, als 
dem Erwerber und Verwalter des Vermögens, deutlicher in die Er¬ 
scheinung tritt. Auch in bezug auf das Alter kommt die tatsäch¬ 
liche Beobachtung zu einem von den bei den Dichtem herrschenden 
Anschauungen abweichenden Ergebnis. Es trifft freilich zu, dass das 
vollkommene Bild, wie es uns der Literatur-Geizhals zeigt, fast immer 
erst im höheren Alter zum Vorschein kommt, schon weil es die volle 
Verfügung über den Besitz zur Voraussetzung hat. Dazu kommt, 
dass der Geiz häufig eine Charakter Veränderung von fortschreitender 
Entwicklung bildet, so dass die Züge mit dem wachsenden Alter 
immer schärfer hervortreten. Auch das Erkalten anderer Leidenschaften 


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im höheren Alter fällt dabei ins Gewicht, wie das auch Simmel be¬ 
tont hat. Schliesslich spielt noch der Umstand eine Rolle, dass diese 
Erscheinung oder wenigstens eine Abart derselben zu den krankhaften 
Rückbildungsäusserungen des Greisenalters gehören kann. Wenn wir 
von diesen Einschränkungen absehen, handelt es sich um eine Ausartung, 
die meist angeboren ist und in jedem Alter ans Licht treten kann. So 
habe ich festgestellt, dass die verbreitetste Form dieser Charakterverände¬ 
rung, die psychopathische, zuweilen schon in früher Kindheit 
in ihren ersten Anfängen zu erkennen ist. In einem Falle schwerer Hysterie 
sträubte sich das Mädchen schon im Alter von 8—12 Jahren mit aller 
Macht dagegen, wenn ein neues Kleid für es angeschafft werden sollte, 
ohne dass es sich um die sog. Kleiderfurcht gehandelt hätte, denn es 
nahm gern und ohne Bedenken die ihm von Anderen geschenkten Kleidungs¬ 
stücke. In allen Stufen der Entwicklung und bis ins Alter hinein blieb 
hier der Geiz ein vorherrschender Wesenszug. 

In einem anderen Falle machte sich die Störung den Geschwistern 
und Gespielen gegenüber bereits in früher Kindheit in dem Maße geltend, 
dass sie den Eltern schon als etwas Ungewöhnliches auffiel und in Ver¬ 
bindung mit anderen Erscheinungen dazu führte, dass ich um Rat gefragt 
wurde. Ich habe die Dame nach etwa 25 Jahren wieder zu beobachten 
Gelegenheit gehabt und dabei festgestellt, dass der Geiz sich weiter ent¬ 
wickelt und zu bedenklichen Aeusserungen geführt hatte. Es kommt 
aber auch vor, dass die sich in der Kindheit zeigenden Ansätze später 
nicht zur vollen Ausbildung gelangen. 

Wenn wir uns nun der Pathologie der Störung mit dem Ver¬ 
such der Einordnung in bekannte Krankheitsgruppen zuwenden, so ist 
es bekannt, dass sie zu den Zeichen der Geisteskrankheiten gehören 
kann. So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich die Melancholie mit 
Verarmungsfurcht und einer dieser entsprechenden Vermeidung jeder 
Geldausgabe, Verweigerung jeder Neuanschaffung verbindet, einem Ver¬ 
halten, das das äussere Gepräge des Geizes hat. Sogar der Nahrungs¬ 
verweigerung der Melancholie kann der Geiz zugrunde liegen. Aber es 
lehrt schon dieses Beispiel, dass wir es doch hier mit einer von dem 
oben entworfenen Bilde des Literatur-Geizhalses wesentlich abweichenden 
Form zu tun haben, indem diese eine Eigenschaft bei der Gesamtverände¬ 
rung, welche die geistige Persönlichkeit erfährt, ihre charakteristischen, 
scharf ausgeprägten Züge verliert. Durch die Angst, den Lebensüberdruss, 
die Nahrungsverweigerung aus selbstmörderischer Absicht usw., werden 
sie mehr oder weniger verwischt. 

Immerhin lässt gerade die„Melancholie bzw. das manisch-depressive 
Irresein öfters das schon erwähnte eigenartige Ab wechseln von Geiz 
und Verschwendungssucht zur Entwicklung kommen, indem der 


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nur in der melancholischen Zeitspanne besteht und sich beim Uebergang 
in die manische unmittelbar — von einem Tage zum anderen — in die 
letztere verwandeln kann. 

Bei den chronischen Formen der Paranoia (Verrücktheit) kann 
auch der Geiz zu den krankhaften Merkmalen gehören. Aber es gilt 
hier noch mehr als bei der Melancholie, dass die Gesamtveränderung, 
welche das Geistesleben und -Wesen erfährt, eine so erhebliche und um¬ 
fassende Umgestaltung-der Lebensführung bewirkt, dass die Aeusserungen 
einer bestimmten seelischen Eigenschaft nicht deutlich genug hervortreten. 
Dazu kommt, dass das Anstaltsleben nicht dazu angetan ist, die Er¬ 
scheinung des Geizes ans Licht zu ziehen. Nur in den seltenen Fällen, 
in denen Geisteskranke dieser und verwandter Art in der Freiheit, d. h. 
ausserhalb der Anstalt leben, kann sich das Symptom deutlich zur Schau 
stellen. Aus eigener Erfahrung kann ich über einen Fall dieser Art 
berichten, in dem einerseits ein dauernder Verfolgungswahn in regel¬ 
rechter Ausbildung bestand, andererseits im Wesen und Gebaren die 
Merkmale des Geizes hervortraten. Immerhin wurde auch hier das Bild 
durch die Geisteskrankheit getrübt, indem die durch den Wahn bedingte 
feindselige Stimmung gegen die Menschheit und die Abkehr von ihr 
es an sich schon verständlich machte, dass von dem reichen Besitz des 
Mannes auch nicht das Geringste den anderen zugute kam. Ich kenne 
einen weiteren Fall ähnlicher Art, in welchem das Zusammenraffen und 
Aufstapeln wertloser Gegenstände verbunden mit der Vernachlässigung 
der eigenen Person in bezug auf Kleidung, Ernährung, Beinlichkeit usw. 
durchaus dem Wesen des Geizes entsprach, aber es lag ein so hoher 
Grad von Geistesschwäche vor, dass die seelische Grundlage des geschil¬ 
derten Verhaltens nicht sicher ermittelt werden konnte. 

Derartige Aeusserungen des geistigen Verfalles gehören zu den 
gewöhnlichen Zeichen der Paralyse und der verschiedenen Formen der 
Altersverblödung, und es geht nicht an, sie wegen der Wesensverwandt- 
schaft auf den Geiz als Grundursache zurückzuführen. 

Ich erinnere mich ferner an einen Fall von „originärer, degenerativer 
Psychose“ (Entartungsirresein), den ich nicht bestimmt unterbringen konnte, 
aber geneigt war, zur Paranoia zu rechnen, in welchem die Erscheinung des 
Geizes in durchaus ungewöhnlicher Weise ausgebildet war. Die Dame, die 
über Millionen verfügte, hatte eine mit kostbaren Gemälden ausgestattete 
Wohnung, lebte aber selbst in einem Hinterzimmer, das von Schmutz 
starrte, in dürftigster Kleidung, bei kärglichster Nahrung, sträubte sich, 
für Notleidende die kleinste Summe zu opfern usw. Andererseits trug 
sie kein Bedenken, kostspielige Kuren anzuwenden. Sie vermachte aus 
Hass gegen die nächsten Angehörigen ihr ganzes Vermögen der Kirche. 

Ein derartig widerspruchsvolles Verhalten hat bei den krankhaften 
Seelenzuständen für den Eingeweihten nichts Ueberraschendes. Die 


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Zur Psychopathologie des Geizes. 


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Klassiker der Literatur können bei der in allen wesentlichen Funkten 
herrschenden Uebereinstimmung des von ihnen entworfenen Bildes ihre 
Beobachtungen nicht an Geisteskranken gemacht haben. Der echte 
Geizhals muss also in eine andere Klasse gehören. 

Handelt es sich hier überhaupt um etwas Krankhaftes? Damit 
kommen wir zu dem Kern der ganzen Frage. Und ich halte mich für 
berechtigt, sie mit einem Ja zu beantworten. Würde ich meine Erfah¬ 
rungen nur als Arzt gesammelt haben, so hätte ich freilich nicht die 
Berechtigung, hier ein entscheidendes Wort zu sprechen, denn das ärzt¬ 
liche Wirken erstreckt sich naturgemäss auf das Krankhafte. Dadurch, 
dass meine Aufmerksamkeit aber sehr früh auf diese Dinge gelenkt 
worden ist, habe ich überall, wo mir im Gesellschaftsleben Gelegenheit 
geboten wurde, der Erscheinung des Geizes nachgeforscht und dadurch 
eine viel breitere Erfahrung gewonnen, als sie dem Arzt, besonders dem 
Nervenarzt, sonst zu Gebote steht. Wenn ich nun von dem Vorkommen 
dieser Charakterveränderung bei den Geisteskrankheiten im engeren Sinne 
des Wortes, wie es oben gekennzeichnet ist, absehe, so kann ich als das 
Ergebnis meiner Beobachtungen den Satz aufstellen, dass der Geiz in 
seiner vollkommenen Ausbildung nur oder fast ausschliess¬ 
lich bei Psychopathen vorkommt, dass er in die Gruppe der 
psychopathischen Zustände gehört. Ich habe das (s. o.) schon im 
Jahre 1898 ausgesprochen, und es sind dann andere, die sich mit der 
Frage beschäftigt haben, wie de Fursac und Burr (s. o.) im wesent¬ 
lichen zu derselben Feststellung gelangt. Die Hauptstütze für diese 
Lehre bildet die Erfahrung, dass bei der überwiegenden Mehrzahl der 
Geizhälse andere Erscheinungen zutage treten, die zu den Aeusserungen 
der „psychopathischen Konstitutionen“ gehören. So lag in zweien meiner 
Fälle eine schwere degenerative Hy s terie vor, in einem anderen Zwangs¬ 
vorstellungen, Agoraphobie und Anthropophobie, in einem 
vierten Tic und Stottern, in dem nächsten waren das Misstrauen, die 
Angst vor Dieben, Spitzeln und anderweitigen Verfolgern bis zu dem 
Grade ausgebildet, dass man von einem paranoiden Zustand sprechen 
konnte. Oefters scheint eine dauernde Verarmungsfurcht, die nicht den 
Charakter des Wahnes, sondern den der Phobie hat, zugrunde zu liegen. 
Die Vorsorge für die Zukunft, auf der die Sparsamkeit beruht, ist also 
hier bis zum Aeussersten gesteigert. 

Ein weiterer Fall ist zu meiner Kenntnis gelangt, in welchem sich, 
nachdem viele Jahre lang der Geiz die einzige auffällige Erscheinung 
gewesen, sich im Greisenalter eine Geistesstörung von nicht ganz auf¬ 
geklärtem Charakter entwickelte. 

Dazu kommen nun noch andere Gesichtspunkte. Und zwar die 
Erblichkeit oder das familiäre Auftreten dieses Seelenzustandes, wie 
es besonders durch Fursac nachgewiesen worden ist und von mir be- 


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stätigt werden kann. In einer Familie hatte es sich von der Mutter auf 
ihre beiden Söhne vererbt, während die Töchter nicht betroffen waren. 
In einer anderen waren zwei Brüder Geizhälse und ausgesprochene Sonder¬ 
linge. Ferner habe ich mehrfach bei den Familienangehörigen der 
Geizigen — in der aufsteigenden, absteigenden oder in den Seitenlinien — 
krankhafte Nerven- und Seelenzustände nachweisen können 
und zwar Psychasthenie, Hysterie, Epilepsie und Geisteskrankheiten. 

Auch das Geschlechtsleben der Geizhälse scheint oft ein regel¬ 
widriges zu sein. Für die von Freud 1 ) angenommenen Beziehungen 
des Geizes zur „Analerotik“ habe ich freilich keine Anhaltspunkte 
gefunden. Aber ich habe aus der Häufigkeit des Zölibats, der Kinder¬ 
losigkeit oder Kinderarmut in der Ehe den Eindruck gewonnen, dass 
im Geschlechtsleben der Geizigen häufig etwas nicht in Ordnung ist. 
Auch eine Bemerkung Balzacs ist vielleicht in diesem Sinne zu ver¬ 
werten. Er sagt von seinem Gründet, dass sein „Mitleid etwas Hässliches, 
Fürchterliches in sich schloss, das grausame Mitgefühl des Geizhalses, 
das im innersten Herzen tausend geheime, abstossende Freuden erweckt“. 

Die Kinderlosigkeit und Kinderarmut braucht allerdings durchaus 
nichts mit dem Geschlechtsleben zu tun zu haben, sondern es kann auch 
da der Geiz eine ursächliche Rolle spielen und zwar einmal als Furcht 
vor den Kosten, welche die Ernährung und Versorgung der Kinder er¬ 
fordert, ausserdem dadurch, dass das ganze Denken und Fühlen in dem 
Maße von dem Gelderwerb beherrscht wird, dass für das Liebesieben 
nichts mehr übrig bleibt. Gerade diese Ueberwertigkeit der einen Vor¬ 
stellung, die Einengung des Geisteslebens auf den einen Punkt weist 
gebieterisch auf die psychopathische Grundnatur. 

Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass ich eine Familie kenne, 
in der ein Teil der Mitglieder dem Geiz in mehr oder weniger ausge¬ 
sprochener Weise huldigten, während andere Sammler im guten Sinne 
des Wortes waren, d. h. Bilder oder kunstgewerbliche Gegenstände mit 
Leidenschaft zu erwerben suchten, ohne dass diese Neigung einen krank¬ 
haften Charakter hatte. Aber es dürfte sich doch verlohnen, den Seelen¬ 
zustand dieser Sammler eingehender zu erforschen. Simmel spricht 
von der „psychopathisch sehr merkwürdigen Sammelsucht jener Persön¬ 
lichkeiten, die das Volk den Hamstern vergleiche: Menschen, die kost¬ 
bare Sammlungen jeglicher Art aufspeichem, ohne von den Gegenständen 
selbst einen Genuss zu erzielen, ja oft sogar, ohne sich überhaupt noch 
weiter um sie zu kümmern.“ Ich habe durchaus den Eindruck gewonnen, 
dass es ausser dem der Liebe zur Kunst entstammenden und ausser der 
den Irrenärzten bekannten Form des sinnlosen Sammeltriebes (der sich auf 
wertlose Gegenstände erstreckt) eine Zwischenform gibt, bei der das Sammeln, 

*) Charakter und Analerotik. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 
II. Folge, Wien, 1912. 


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Zur Psychopathologie des Geizes. 


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wenn es auch den äusseren Anschein einer Kunstliebhaberei hat, doch eine 
psychopathische Grundlage und geradezu zwangsmässigen Charakter hat. 

Wenn ich in diesen Ausführungen den echten Geizhals in die 
Reihe der Psychopathen gebracht habe, so muss ich doch noch darauf 
hinweisen, dass ausser den schweren, ausgeprägten allerhand unvoll¬ 
kommene und verwaschene Formen Vorkommen, in denen der Geiz sich 
nur auf gewissen Gebieten oder in ganz regelwidriger, widerspruchsvoller 
Weise äussert oder auch nur zeitweilig zutage tritt, wie das bei dem 
Wesen der Psychopathie ohne weiteres verständlich ist. Ja, ich kann 
nach meinen Erfahrungen nicht bezweifeln, dass gerade diese leichten, 
weniger schroffen, weniger zähen und weniger tief eingreifenden Formen 
des Geizes die verbreitetsten sind, und trage natürlich Bedenken, auch 
diese schon ohne weiteres dem Krankheitsgebiet zuzuweisen. 

Ich kann meine Betrachtungen dahin zusammenfassen: Der 
Geizhals der dramatischen und Romanliteratur kommt im wirklichen 
Leben vor, bildet aber eine seltene Erscheinung; auch ist es nicht zu 
verkennen, dass das Bild von den Dichtern und Schriftstellern oft noch 
phantastisch ausgestaltet ist, und dass die Züge vergröbert sind. 

Wenn auch der Geiz in seiner schwächeren Ausbildung nicht not¬ 
wendig etwas Krankhaftes darstellt, handelt es sich doch bei den voll¬ 
entwickelten Formen um einen pathologischen Seelenzustand. 

Und zwar sind es einmal die Geisteskrankheiten, besonders die 
Melancholie, die chronische Paranoia und degenerative Psychosen ver¬ 
wandter Natur, ferner das senile Irresein, die diese Charakterveränderung 
erzeugen können. Unter diesen Verhältnissen verliert die Erscheinung 
meist ihre scharf geschnittenen Züge, sie wird durch die anderweitigen 
Störungen des Seelenlebens verschleiert und verwischt. In der grossen 
Mehrzahl der Fälle bildet der Geiz eine Aeusserung der psychopathi¬ 
schen Konstitution. Dafür zeugen die Begleiterscheinungen, die 
gesamte seelische Beschaffenheit und die Erblichkeit im weitesten Sinne 
des Wortes. Die Charakterveränderung ist also meist eine angeborene, 
wenn es auch in der Natur der Sache liegt, dass nicht die ersten Keime, 
sondern erst das fertige, ausgereifte Gebilde deutlich in die Erscheinung 
tritt. Das trifft um so mehr zu, als es sich oft um einen Seelenzustand 
von fortschreitender Entwicklung handelt und als das höhere und be¬ 
sonders das Greisenalter Bedingungen schafft, durch welche er in ein 
helleres Licht gerückt wird. 

Ueber das Geschlechtsleben der Geizhälse wissen wir nichts Sicheres, 
doch deutet manche Erfahrung darauf hin, dass auch in dieser Beziehung 
Regelwidrigkeiten häufig Vorkommen. 

Die Beziehungen des Geizes zu den verschiedenen Formen des 
Sammeltriebes bedürfen der weiteren Klarstellung. 


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206 


R. Pfennig 


W etter-Erinnerungen. 

Ein Beitrag zur Psychologie der Gedächtnisfehler. 

Von Dr. R. Hennig, z. Zt. Libau. 

In den nachfolgenden Zeilen sei es mir gestattet, zu dem bereits 
recht reichhaltigen Kapitel der Gedächtnisfehler einen neuen Beitrag von 
etwas absonderlicher Art zu liefern. Das betreffende Thema ist bisher 
sicherlich noch nirgends bearbeitet worden, verdient aber die Aufmerk¬ 
samkeit der psychologischen Wissenschaft in besonders hohem Maße, 
weil es sich nicht um einen interessanten Einzelfall handelt, sondern um 
eine Probe der Massenpsychologie, um einen Pall von Er¬ 
innerungstäuschung, dem die grosse Mehrheit der Men¬ 
schen in hohem Grade während des ganzen Lebens unter¬ 
liegt, ohne sich jemals des Irrtums bewusst zu werden 
oder auch nur bislang darauf aufmerksam gemacht zu sein. Ich bin 
sogar überzeugt, dass bei vielen Personen, denen die nachstehenden Zeilen 
zu Gesicht kommen, der Irrtum auch durch die Lektüre noch keines¬ 
wegs ausgerottet wird, da er zweifellos im allgemeinen Vorstellungsleben 
ausserordentlich fest verankert ist. 

Es handelt sich um folgendes. Man hört im deutschen Vaterlande 
ungemein häufig erwachsene Leute, zumal Personen in vorgerücktem 
Alter, die Behauptung aussprechen, dass vor einer gewissen Anzahl von 
Jahrzehnten, in ihrer Jugendzeit, die Witterung ihres Heimatortes ganz 
anders gewesen sei, als sie es heutzutage ist. Wenn einmal längere 
Zeit hindurch im Winter trübes, weiches, zu Hegen und Schlamm neigendes 
Wetter herrscht oder wenn im Sommer, vielleicht gar genau in der 
sommerlichen Ferien- und Heisezeit, Wochen hindurch unfreundliches, 
kaltes, regnerisches und windiges Wetter die Freuden der warmen Jahres¬ 
zeit empfindlich beeinträchtigt, so vernimmt man mit hoher Regelmässig¬ 
keit in einer Häufigkeit, die mit der Länge der Epoche schlechten Wetters 
proportional wächst, Stimmen, die besagen, dass früher, „als ich noch 
jung war“, die Winter sowohl wie die Sommer eine ganz andere Witte¬ 
rung aufzuweisen hatten, dass die Winter „regelmässig“ viel kälter und 
schneereicher, die Sommer hingegen imgleich häufiger als gegenwärtig 
warm .und sonnig gewesen seien. Zweifellos werden zahlreiche Leser, 
soweit sie noch in demselben Ort verweilen, in dem sie ihre Jugendzeit 
verbrachten, aus ihrer eigenen Erfahrung heraus geneigt sein, diese Be¬ 
hauptung in ehrlicher Ueberzeugung zu unterschreiben. Es ist bisher 
niemandem eingefallen, diese Behauptung anzuzweifeln. Da man immer 
wieder auf sie trifft, ist man sogar allgemein von ihrer Richtigkeit über¬ 
zeugt, und bei Laien pflegt dann meist die Schlussfolgerung und Erklärung 
nicht mehr fern zu sein, dass „die Erdachse sich verschoben haben müsse“ 


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Wetter-Erinnerungen. 


207 


Im Laufe der Jahre fiel es mir nun auf, dass die Angabe, früher 
seien die Winter strenger gewesen als heut, mit „Tatsachen“ belegt wur¬ 
den, die nach meinen persönlichen Erinnerungen einwandfrei unzutreffend 
erzählt wurden. Es kam immer häufiger mit zum Teil geradezu über¬ 
raschender Deutlichkeit die Wahrnehmung hinzu, dass Witterungsvor¬ 
gänge oft schon nach wenigen Wochen oder Monaten in irgend welchen 
aus der eigenen Erinnerung schöpfenden Berichten vollkommen ent¬ 
stellt geschildert zu werden pflegen und dass sich um besonders auffällige 
und bemerkenswerte Witterungsereignisse meist schon wenige Jahre nach 
dem Ereignis ein wahrer Legendenkranz spinnt, so dass zwischen der 
Schilderung der Vorgänge im Volksmund und dem tatsächlichen Geschehnis 
selbst zuweilen nur noch eine recht entfernte Aehnlichkeit besteht. 

Ein in jeder Hinsicht besonders typischer Fall dieser Art sei nach¬ 
stehend etwas genauer erörtert, weil er in unübertrefflich klarer Weise 
zeigt, welche Kapriolen die Erinnerung in Wetter-Dingen zu schlagen 
vermag, und weil er gleichzeitig auch mir persönlich den Hauptanstoss 
gegeben hat, gegenüber allen Schilderungen von Witterungsvorgängen 
aus persönlicher Erinnerung heraus eine weitgehende Skepsis walten zu 
lassen, die, wie die Erfahrung immer aufs neue bestätigt hat, nur allzu 
gerechtfertigt ist. Es handelt sich um folgende Tatsache: 

Man hört oft Leute im mittleren und vorgerückten Lebensalter, 
deren Erfahrung bis in die 80 er Jahre zurückreicht, an vielen Orten 
Deutschlands, ganz besonders aber in der Reichshauptstadt, höchst er¬ 
staunliche Dinge berichten von dem furchtbar kalten Winter, „in dem 
der alte Kaiser starb“, d. h. also vom Winter 1887/88. Der ganze Winter 
soll erschrecklich streng gewesen sein, ganz besonders aber die Zeit im 
März, da Kaiser Wilhelms Tod (9. März) und Beisetzung (16. März) 
erfolgte. Selbstverständlich liegt diesem Bericht ein Tatsachenkem zu¬ 
grunde; dennoch aber waren die allgemeinen Witterungsverhältnisse 
völlig andere, als sie heute von zahllosen Augenzeugen berichtet werden. 
Es waren mir persönlich, der ich an die Witterung jenes Winters be¬ 
sonders genaue eigene Erinnerungen bewahre, schon vielfach starke 
Widersprüche zwischen den Behauptungen von anderer Seite und meinen 
Eindrücken aufgefallen. Der Irrtum konnte trotzdem auf meiner Seite 
liegen, und wenn in derartigen Fragen eine Mehrheitsabstimmung ma߬ 
gebend wäre, würde dies sogar erwiesen sein. Glücklicherweise ist nun aber 
eine genaue Nachprüfung und Feststellung des Tatbestandes möglich an 
Hand des unbestechlichen Zahlenmaterials der meteorologischen Stationen. 
Damit liessen sich die angeblichen persönlichen Erinnerungen für jeden 
beliebigen Ort Deutschlands, vor allem aber für Berlin selbst, wo auch 
ich jenen Winter verlebte, genauestens nachprüfen. Und da ergab sieh 
ein Bild vom Winter 1887/88, das recht wenig mit den Beschreibungen 
der „zuverlässigsten“ Erinnerungen übereinstimmte. 


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R. Hennig 


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Der Winter 1887/88 zeichnete sich allgemein in Norddeutschland 
und besonders in Berlin durch eine ungewöhnlich grosse Zahl von Schnee¬ 
tagen aus, doch blieben die Schneefälle zumeist gering, und auch die 
Schneedecke erreichte nur an wenigen Tagen eine bemerkenswerte Stärke. 
Insbesondere in Berlin brachte der Winter 2 mal einen bedeutenden, jedoch 
keineswegs ungewöhnlich heftigen Schneefall, am 5. Februar und 11. März 
(während der Rückkehr des totkranken Kaisers Friedrich in seine Resi¬ 
denz nach dem Tode seines Vaters). Die Schneedecke erreichte eine 
beachtenswerte, seit einer Reihe von Jahren nicht mehr erreichte Höhe 
lediglich etwa in der Zeit um den 20. März und wies ihren Höchstwert 
in Berlin mit 25 */* cm Höhe am 21. März auf. Es ist dies für das 
Berliner Klima ein immerhin ansehnlicher Wert, der in der Folgezeit 
freilich noch mehrfach, zum Teil bedeutend, übertroffen worden ist, so in 
den Wintern 1892/93, 1906/07, 1908/09, 1913/14, 1917/18. Was hingegen 
die Wärmeverhältnisse des Winters 1887/88 anbetrifft, so waren sie, vo« 
einer verhältnismässig kleinen Zahl von Tagen, insbesondere im März 
abgesehen, nur wenig unter normal. Der Winter, dessen Mitteltempera¬ 
tur in Berlin —0,6® gegenüber einem Normalmittel von +0,5° betrug, 
brachte bis Neujahr überhaupt keinen bedeutenden Frost. Es folgten 2 
etwas kältere Tage am 2. und 3. Januar, an denen das Thermometer bis auf 
einen Tiefstand von — 13,2 0 sank. Es ist dies ein in keiner Hinsicht auf¬ 
fälliger Wert, der sich in Berlin in den weitaus meisten Wintern minde¬ 
stens vereinzelt einstellt. Im übrigen schwankte die Witterung im Januar 
1888 mehrfach zwischen Tauwetter und leichtem Frost hin und her. 
Auch der Februar war im grösseren Teil seines Verlaufs nicht viel andere 
geartet. In der Nacht zum 7. Februar gab es vereinzelt einmal —12,0°, 
sonst blieb es überwiegend milde oder mässig kalt bis zum 20. Februar. 
Dann folgte einige Tage nochmals mässig strenge Kälte (Minimum —12,0° 
am 28.), die sich in abnehmender Stärke bis zum 6. März erhielt. An 
diesem Tage trat mildes Tauwetter ein, das nunmehr bis zum Mittag des 
11. März herrschend blieb. In diese Zeit fiel der Tod Kaiser Wilhelms. 
Der Sterbetag selbst, der 9. März, brachte in Berlin ausgesprochen mildes, 
dabei sehr trübes, unfreundliches, ruhiges Wetter (höchste Temperatur 
+ 7,4°, niedrigste -(-3,6°). Dieser Tatbestand steht schon im schärfsten 
Widerspruche zu der immer wieder gehörten Behauptung älterer Berliner, 
dass die Straßen-Wallfahrt der Untertanen zum Heim des eben verstor¬ 
benen Kaisers am 9. März bei strenger Winterwitterung stattgefunden 
habe. Noch weniger stimmt mit der Wirklichkeit die Behauptung über¬ 
ein, dass am 10. März, am Geburtstag der Königin Luise, der in diesem 
Jahre naturgemäss besonders starke Besuch des schönen Denkmals der 
Königin im Tiergarten durch die Berliner bei scharfer Kälte und tiefem 
Schnee erfolgt sei. Im Gegenteil, gerade, dieser Tag brachte den vor¬ 
läufigen Höhepunkt des Tauwetters (höchste Temperatur +10,2 0 (!), nied- 


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W etter-Erinnerungen. 


209 


rigste + 6,2°) und dazu eine nur allzu weiche Beschaffenheit der Fusswege 
im Tiergarten, auf denen die Besucher, zum Schaden ihres Schuhwerks, 
recht merklich in den „Matsch“ hineingerieten. Die psychologisch sehr 
interessante, weil bei zahlreichen Menschen völlig unabhängig voneinander 
wiederkehrende Erinnerungsstörung, die irrigerweise den milden, trüb¬ 
feuchten Frühlingstagen des 9. und 10. März 1888 strenge Winterkälte 
und tiefen Schnee andichtet, ist ausschliesslich durch eine Yerwechslung 
mit den nachfolgenden Märztagen und insbesondere mit den Ereignissen 
des 16. März, des Beisetzungstages, bedingt worden. 

Am Mittag des 11. März stellte sich nämlich über ganz Deutsch¬ 
land hei nördlichen Winden ein kräftiger Temperatursturz ein, der abends 
bei dichtem Schneegestöber zu leichtem Frost überleitete. Der Frost 
verschärfte sich in den nächsten Tagen infolge klaren Himmels bedeutend 
und erreichte seinen Höhepunkt am 15. März. Die Tage vom 14. bis 
16. März waren in ganz Mittel-, Nord- und Osteuropa ungewöhnlich 
kalt, in so hohem Maße, wie nach 1888 kein Märztag bis heute mehr 
gewesen ist. Immerhin' war eine derartige Märzkälte nicht beispiellos: 
nur 2 Jahre zuvor hatte der März am 1. und 2. März 1886 noch 
strengeren Frost gebracht, und auch die 3 Tage des 14., 15. und 16. März 
waren im Jahre 1845 schon einmal kälter als im Jahre 1888 gewesen. Es 
kommt hinzu, dass ein bedeutender Kälterückfall um Mitte März eine 
durchaus normale, fast alljährlich wiederkehrende Erscheinung ist, und 
wenn der Temperatursturz im Jahre 1888 auch ungewöhnlich heftig 
war, wie er es sonst in Jahrzehnten nicht ist, so erkennt man aus dem Ge¬ 
sagten doch immerhin, dass das/Phänomen der so sehr berühmt gewordenen, 
sagenhaft ausgeschmückten Märzkälte 1888 nicht vollständig aus dem 
Rahmen der klimatischen Eigentümlichkeiten Deutschlands herausfällt. 

Der Frost hielt übrigens in veringertem Maße noch nach dem 16. März 
bei wiederholten neuen Schneefällen und wachsender Schneedecke an, 
bis am 23. März ein Umschlag zum Tauwetter erfolgte, der dann rasch 
zu beträchtlicher Frühlingswärme, bedeutenden Ueberschwemmungen und 
schon am 29. März zum ersten sommerlichen Hitzegewitter in Berlin 
Veranlassung gab. 

Die Sage von dem „furchtbar strengen Winter 1887/88“ beruht also, 
kritisch-nüchtern betrachtet, lediglich auf einer allerdings ungewöhn¬ 
lich kalten und schneereichen Zeitspanne von etwa 11 Tagen, vom 11. 
bis 21. März. In andern Jahren wäre diese Märzkälte schwerlich sehr t 
beachtet worden und ebenso bald dem Gedächtnis der Zeitgenossen ent¬ 
schwunden, wie einige ähnliche Perioden bedeutender Märzkälte in den 
Jahren 1883, 1886, 1889, 1899. Damals aber, im Jahre 1888, haben die 
weltgeschichtlichen Begebenheiten, die sich in Deutschland zugetragen, 
die Erinnerung an die bittere Kälte im März sich mit unvertilgbaren 
Spuren in unverhältnismässiger Uebertreibung ins Gedächtnis der Zeit- 

Zeitschrift fflr Psychotherapie. VII. 14 


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R. Hennig 


genossen einprägen lassen. Ein psychologischer Faktor, der dabei be¬ 
sondere Beachtung verdient, war der Umstand, dass am Beisetzungstage 
viele Hunderttausende von Menschen von Berlin und Charlottenburg bei 
recht kaltem Wetter viele Stunden lang auf einem und demselben Fleck 
im Freien standen, um den imposanten Trauerzug zu sehen, der den 
ersten neuen deutschen Kaiser zur Gruft geleitete. 

Die unverhältnismässig starke Uebertreibung, deren sich das Gedächt¬ 
nis der Masse schuldig macht, erhellt dabei einmal aus der Tatsache, 
dass die strenge Kälte, die sich in Wahrheit nur auf 1 l / 2 Märzwochen 
beschränkte, dem ganzen Winter zugeschrieben zu werden pflegt, dann 
vor allen Dingen aber auch aus den geradezu ungeheuerlichen Auf¬ 
bauschungen in den Erzählungen damaliger Augenzeugen, die am 16. 
März auf den Berliner Strassen des Trauerzuges geharrt und dabei mit¬ 
gefroren haben. Fragt man derartige Leute, so behaupten sie rundweg, 
es müssten damals 20 Grad Kälte geherrscht haben, ja, in einem Fall 
wurde mir von einer sonst glaubhaften Dame allen Ernstes gar angegeben, 
es sei so kalt gewesen, dass Rotwein, den sie mit ihren Angehörigen 
zur inneren Erwärmung bei dem langen Warten im Freien mitgenommen 
hatte, in der Flasche gefroren sei!! Was sagt nun aber das unbestech¬ 
liche Zeugnis der gleichzeitigen Aufzeichnungen der Berliner Wetterwarte? 
Der kälteste jener Märztage, der 15. März, brachte ein Tages-Temperatur- 
Mittel von — 7 bis 8,5° und eine Tiefsttemperatur von — 12,5°. Für den 
kritischen 16. März betrugen die entsprechenden Werte — 7,1 und — 12,4°. 
In den Vormittagsstunden, die der Beisetzung voraufgingen, stand das Ther¬ 
mometer etwa auf — 7 bis — 8 0 C, mittags um 2 Uhr auf — 4,8 °. Es 
ist dies eine zweifellos für einen Märztag bemerkenswerte Kälte, die 
aber dennoch nichts Aussergewöhnliches an sich hat, die wir in den 
meisten Wintern unzählig oft erlebt haben, ohne auch nur für Tage oder 
Stunden das Bewusstsein eines seltenen Witterungsereignisses in uns 
aufkommen zu lassen; eine Kälte, die im März noch ganz erheblich 
übertroffen werden kann, denn das Berliner Temperaturminimum dieses 
Monats betrug z. B. am 2. März 1845 —19° und sogar nach dem 1. März 
1886 — 14° C! 

Wir erkennen somit an einem wahrhaft klassischen Fall, wie zu¬ 
fällige äussere Umstände dazu beigetragen haben, dass für einen bestimm¬ 
ten Monat, ja, für einen ganzen Winter ein wahres Wetter-Märchen auf¬ 
kommen konnte, das kaum noch in einzelnen Zügen den wahren Sachverhalt 
erkennen lässt. Es schien wünschenswert zu sein, dieser Legendenbil¬ 
dung einmal scharf kritisch unter Prüfung des gesamten Tatsachen- und 
Zahlenmaterials zu Leibe zu gehen, da sich nur hierdurch allgemein 
ein brauchbarer Maßstab gewinnen lässt zu einem reizvollen Thema der 
Massenpsychologie, zur Lehre von den Fehlem des menschlichen Ge¬ 
dächtnisses in bezug auf Witterungserlebnisse. 


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\V etter-Erinner ungen. 


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Um zu zeigen, dass dieses Kapitel sehr viel umfangreicher ist, als 
man es nach der ausführlichen Erörterung eines nur einmaligen Vor¬ 
kommnisses erwarten wird, seien gleich noch einige andere beweiskräftige 
Tatsachen mitgeteilt. Zur Führung des Beweises, dass auch die eingangs 
erwähnte, weiterverbreitete Ueberzeugung, ehedem seien die Winter 
winterlicher und die Sommer sommerlicher als heute gewesen, glattweg 
auf einer Erinnerungstäuschung beruht, schien es wünschenswert zu sein, 
wieder die aus dem Gedächtnis geschöpfte Schilderung eines bestimmten 
Winters mit dem gleichzeitigen Beobachtungsmaterial zu vergleichen. 
Das war aber gar nicht sehr einfach. Denn die Behauptung von Hunder¬ 
ten und Tausenden von Menschen, dass sie sich aufs bestimmteste an einen 
gänzlich andersartigen Charakter der Winter und Sommer in ihrer 
Jugendzeit zu erinnern vermögen, stützt sich so gut wie ausnahmslos 
auf nicht-greifbare Empfindungen. Bei dem im allgemeinen nicht guten 
Gedächtnis der meisten Menschen für weit zurückliegende Daten und 
Jahreszahlen ihres eigenen Erlebens vermögen die wenigsten mit hin¬ 
reichender Sicherheit Jahre und Tage für die wirklichen oder vermeint¬ 
lichen Witterungserlebnisse ihrer Jugend anzuführen. Ein Vergleich mit 
positivem Tatsachenmaterial ist daher in den seltensten Fällen möglich, 
und der Widerspruch gegen die gehörten Behauptungen vermag kaum 
jemals einen festen Anhaltspunkt zu finden, in dem der Hebel des Zweifels 
einzusetzen vermag. Der Kampf gegen die Erinnerungstäuschungen ist 
eben deshalb so schwer und fast aussichtslos, weil er sich gegen vage 
Angaben richtet, die, gallertartig, von keiner Seite zu packen sind. Bei 
jedem Versuch, die Debatte auf bestimmte Zahlen, Tatsachen und Jahre 
hinüberzuspielen, entschlüpft der angegriffene Legendenerzähler, da er 
gegen jede zahlenmässige Widerlegung die Ausflucht ins Feld führt, dann 
beziehe sich seine Erinnerung eben auf ein anderes Jahr. 

Angesichts dieser aussergewöhnlichen Schwierigkeit, dem Märchen 
von den „in meiner Jugendzeit 14 strengeren Winter und heisseren Som¬ 
mer den Garaus zu machen, war es mir schon von Wert, in einem ganz 
bestimmten Fall den sicheren Nachweis führen zu können, wie sehr die 
persönliche Erinnerung in der Irre schweift. Der Fall verdient um so 
mehr Beachtung, als ihm gleichzeitig ein literarisches Interesse zukommt. 

Es handelt sich um eine Winterschilderung in Josef von Lauffs 
autobiographischem Roman „Kärrekiek“. In den ersten Kapiteln be¬ 
schreibt Lauff mit verhältnismässig grosser Ausführlichkeit einen strengen 
Winter, wie er ihn als Knabe im Winter 1809/70 in seiner nieder¬ 
rheinischen Heimatstadt erlebt haben will. Gleich das 1. Kapitel der 
eigentlichen Erzählung beginnt mit der Ausmalung eines strengen Winter¬ 
tages um Ende November. Mag auch manche poetische Freiheit in die 
Darstellung eingeflochten sein, so kann es doch keinem Zweifel unter¬ 
liegen, dass Lauff sich bemüht, aus eigenen Erinnerungen Vorgänge aus- 


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ß. Hennig 


zugraben, die ihm in grossen Zügen als wirklich selbsterlebt vor Augen 
stehen. Und nun schildert er einen Wintertag, der in jeder Einzelheit 
durchaus typisch für die Zeichnung deutscher Wintertage in der Literatur 
und in der Erinnerung des deutschen Menschen ist, leider aber um so 
weniger typisch für einen niederdeutschen Novembertag, wie er sich in 
Wirklichkeit zu gestalten pflegt. Da heisst es z. B.: „Das weisse Ge¬ 
flimmer, das immer dichter und lebhafter wurde. . . Bittere und schneidende 
Kälte . . . Unter ihren Füssen krachte und knirschte der Schnee. Immer 
enger schoben sich die fallenden Flocken zusammen . . . Krachende 
Kälte . . . Grimmige Kälte . . . Wirres Schneetreiben“. Dazu kommt 
dann noch der in der deutschen Literatur bei Beschreibung von Winter¬ 
tagen geradezu obligatorische „schneidige Nordost“. Einige Kapitel 
weiter wird dann der Nikolaus-Abend beschrieben, der 6. Dezember: 
„Noch immer herrschte die grimmige Kälte . . . Wimmelndes Schnee¬ 
gestöber . . . dumpfe Nebelhülle, von blitzenden Flöckchen durchsetzt,“ 
wieder etwas weiter die Weihnachtstage: „verschneite Felder . .. eisige 
Winde . . . von der Kälte gerötet,“ dann der Dreikönigstag, der 6. Januar: 
„verschneite Felder“ usw. Die ganze Schilderung ist, obwohl Lauff sich 
zweifellos ehrlich einbildet, er schildere, was er selbst erlebt habe, nichts 
weiter als rein nach Schema F gearbeitet. Aehnlich lauten zwar die 
Beschreibungen des deutschen Winters ziemlich allgemein sowohl in der 
Literatur wie in der Malerei. Das hindert aber nicht, dass sie grund¬ 
falsch sind und bestenfalls einen Ausnahmefall schildern, wie er in Jahr¬ 
zehnten nur je einmal vorkommt. Um bei der LaufFschen Schilderung 
zu bleiben, so enthält sie zunächst schon eine ganze Reihe von Momenten, 
die sich zwar am warmen Ofen wunderschön und behaglich lesen, die 
aber der kritisch gestimmte Fachmann als eine klimatische Ungeheuer¬ 
lichkeit beanstanden muss, so die Verbindung der grimmigen Kälte mit 
dem in dichten Flocken fallenden Schnee, des „schneidigen Nordost“ mit 
dem Schneegestöber und manche andere Einzelheiten, auf die hier nicht 
weiter eingegangen sei, da sie zwar psychologisch interessant sind, aber 
mit unserem eigentlichen Thema nichts zu tun haben. Wichtiger für 
die Unzuverlässigkeit des menschlichen Gedächtnisses erscheint der Hin¬ 
weis, dass die Lauffsche Darstellung eines nicht mehr deutschen, sondern 
russischen Winters, den er in seiner klevischen Heimat erlebt haben will, 
so viel ich sehe, nur für 4 Winter des 19. Jahrhunderts ebenfalls passen 
könnte, nämlich 1812/13, 1829/30, 1849/50 und 1890/91. Da nun Lauff 
ausdrücklich vom Winter 1869/70 spricht, liegt auf der Hand, dass seine 
Erinnerung sich eben vollkommen irren muss. Nach Berliner Beobach¬ 
tungen hatten der November und Dezember 1869 fast genau die normale 
Temperatur, der Januar 1870 war sogar um l 1 /» 0 zu warm. Am Nieder¬ 
rhein können die Verhältnisse schwerlich viel anders gewesen sein. Dass 
die geschilderte Witterung sonst im Ausgang der 60 er Jahre schon in der 


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Wetter-Erinnerungen. 


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vorweihnachtlichen Zeit, und noch dazu in den stets besonders milden Gegen¬ 
den am Niederrhein eingetreten sein kann, ist glattweg eine Unmöglichkeit 
und ist ebenso ausgeschlossen, wie die von Lauff behauptete Andauer 
des Zustandes der „verschneiten Felder“ über mindestens 6 Wochen in 
eben jenen Jahrzehnten. Am Rande sei bemerkt, dass seit einigen 
80 Jahren eine in der norddeutschen Ebene um Ende November vor¬ 
handene Schneedecke sich nur ein einziges Mal bis Weihnachten und 
sogar bis über Neujahr hinaus hielt. Das war im Winter 1890/91 — 
Lauff wird also keinesfalls behaupten dürfen, dass er jemals in seiner 
Jugend einen auch nur annähernd seiner „Erinnerung“ und Beschreibung 
entsprechenden Frühwinter erlebt habe. 

Dieser eine Fall, der absichtlich im einzelnen zergliedert wurde, 
um klarzulegen, wie schematisch nicht nur die Winterschilderung unsrer 
Dichter und Romanschriftsteller, sondern auch das menschliche Gedächt¬ 
nis für alle Wintererlebnisse von nicht ausnahmsweise sinnfälligem 
Charakter arbeitet, ist durchaus typisch in seiner Art, wenngleich es, 
wie gesagt, nur sehr selten möglich ist, die aufgestellten Behauptungen 
einer fehlerhaften Erinnerung so bestimmt, wie im vorliegenden Fall, 
als irrig nachzuweisen. Es kann rundweg die Behauptung aufgestellt 
werden, dass allgemein der deutsche Winter sich in der Erin¬ 
nerung viel härter, der Sommer viel heisser darstellt, als 
er es wirklich zu sein pflegt. Der Mensch neigt dazu, einzelne 
Erlebnisse von strengen oder schneereichen Wintertagen, von bedeutender 
Hitze und Gewittertätigkeit zu verallgemeinern. Einige wenige lebhafte 
Eindrücke, an extrem winterlichen oder sommerlichen Tagen gewonnen, 
stellen sich dem rückschauenden Gedächtnis gern als die eigentliche 
Norm dar, auf die man in jedem Durchschnitts-Winter und -Sommer 
sozusagen Anspruch hat und deren Ausbleiben dann die bekannte Klage 
auslöst, die Winter und die Sommer seien charakterlos geworden, eine 
Variante der bekannten Behauptung, dass „zu meiner Zeit“ alles viel 
anders und besser gewesen sei. Sowohl einzelne strenge Winter und 
heisse Sommer, die man in der Jugend erlebt hat, prägen sich dem Ge¬ 
dächtnis mit besonderer Eindringlichkeit ein wie auch bestimmte vereinzelte 
Witterungsereignisse, die uns aus irgend einem Grunde ausnehmend lebhaft 
zum Bewusstsein gekommen sind, nach Art der Kälte des 16. März 1888. 
Was ein Extrem war, sieht das menschliche Gedächtnis 
nach Jahrzehnten gern als das Normale an und gewinnt daran 
naturgemäss einen grundverkehrten Maßstab zur Beurteilung von Witte¬ 
rungsereignissen der Gegenwart. Wetter-Extreme ereignen sich heutzutage 
genau so oft oder richtiger so selten, wie vor einem viertel und einem 
halben Jahrhundert. Man kann als gewiss annehmen, dass die Kinder, 
die in unsrer Zeit in Norddeutschland mit Bewusstsein etwa die grosse 
25tägige Dauerhitze des Sommers 1911 oder die strenge Kälte an ins- 


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R. Heiiing 


gesamt vielleicht 14 Tagen des Januar und Februar 1912 und im Februar- 
März 1917 oder die gewaltigen Schneefälle des 30./31. Januar 1907, 
2./3. März, 17. November 1909, des 30. Dezember 1913 und 13./14. Ja¬ 
nuar 1918 initerlebt haben, nach 30 und 50 Jahren ihren Kindern 
und Enkeln ebenfalls berichten werden, dass in ihrer Jugend die 
Winter und Sommer ganz anders geartet gewesen seien als in dem 
jahreszeitlichen Mischmasch der Zeit um 1950: da hätte der „ganze 14 
Winter „regelmässig“ krachende Kälte und unglaublich tiefen Schnee 
und der „ganze“ Sommer ebenso „regelmässig“ sengende Hitze ge¬ 
bracht usw. Ich möchte vermuten, dass die so oft hörbar werdende 
Behauptung älterer Personen von der Abnahme der Charakteristik der 
einzelnen Jahreszeiten seit ihrer Jugend so alt sind wie die Menschheit 
selbst! Die übertreibende Vorstellung von bestimmten, weit zurück¬ 
liegenden Witterungserlebnissen gehört offenbar in das Kapitel von der 
Verschönerung der Erinnerung, die sich auf nahezu alle, traurige und 
freudige Vorgänge alter Zeit, insbesondere verklungener Jugendtage, 
erstreckt. Die Vergangenheit scheint uns ceteris paribus reizvoller als 
die Gegenwart, und selbst unliebsame Ereignisse alter Zeit können als 
schöner empfunden werden denn ein an sich viel behaglicheres und 
sorgloseres Erleben des heutigen Tages. Man könnte diese weitverbreitete 
menschliche Empfindung, die zumal bei Menschen mit starkem Gemüts¬ 
leben ausserordentlich häufig vorkommt, geradezu das Gesetz der 
romantisch en Verklärung alter Erinnerungen nennen. Dieses 
Gesetz ist es auch, das unsere fern zurückliegenden Witterungseindrücke 
von Grund auf fälscht, und zwar nicht unbedingt im verschönernden, 
sondern im grundsätzlich übertreibenden Sinn, insofern als jede Erinne¬ 
rung in der Richtung nach dem Extrem zu verzerrt wird. — Dass in 
der Tat allgemein keine objektive, sondern stets eine subjektive Ursache 
den immer erneuten Legenden von den winterlichen Wintern und den 
sommerlichen Sommern alter Zeit zugrunde liegt, können wir heut aus 
dem Grunde mit Bestimmtheit behaupten, weil in den Kulturländern die 
regelmässigen und zuverlässigen Witterungsbeobachtungen und -aufzeich- 
nungen weit genug zurückgehen, um eine zahlenmässige Nachprüfung 
im weitesten Umfang zu ermöglichen. Und die sorgsamsten Untersuchungen 
ergeben, dass sich zum mindesten in den letzten 80 Jahren, wahrschein¬ 
lich aber seit mehreren Jahrhunderten der durchschnittliche Charakter 
des deutschen Klimas überhaupt nicht geändert hat. Wohl gab es einige 
Zeitläufte, in denen sich eine bestimmte Neigung zu extremer Witterung 
öfters als sonst zeigte, aber diese relative Häufung abnormer jahreszeit¬ 
licher Erscheinungen ist erstens nur schwach ausgeprägt und zeigt sich 
zudem in neuerer Zeit gelegentlich ebensogut wie in früheren Jahr¬ 
zehnten und Jahrhunderten. Strenge Winter häuften sich z. B. im Jahr¬ 
zehnt 1795/1805, in der Zeit von 1812 bis 1830, im Jahrzehnt 1845/55 


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Wetter-Erinnerungen. 


215 


und 1887/97; ein verhältnismässiger Reichtum an zahlreichen oder be¬ 
bedeutenden SchneeMlen zeigt sich einmal im Jahrzehnt 1885/95, dann 
aber auch noch jüngst in den Jahren 1907 bis 1913 usw. Die Ab¬ 
weichungen derartiger Jahrzehnte vom jahrhundertelangen Durchschnitt 
bewegen sich aber immerhin nur in engen Grenzen, umfassen zudem 
nicht etwa jedes einzelne Jahr der Epoche, sondern nur etwa die Hälfte 
oder noch weniger und halten sieb durchaus im Rahmen der normalen 
Schwankungen um einzelne Witterungs-Mittelwerte. In keiner Weise 
weichen sie etwa derartig auffallend vom Durchschnitt ab, dass man in 
dieser Tatsache die Erklärung suchen darf für die Behauptung der grösse¬ 
ren Charakteristik typischer Jahreszeiten in alter Zeit, ganz abgesehen 
davon, dass diese Behauptung vollkommen wahllos von jedem Zeit¬ 
alter aufgestellt wird, in das gerade die Jugendzeit des Behaupten¬ 
den fiel. 

Den sichersten Beweis aber, dass wir es bei allen diesen Schilderungen 
früherer Witterungsverhältnisse in der Tat mit poetisierenden Ausschmük- 
kungen, mit der oben genannten „romantischen Verklärung alter Erinne¬ 
rungen“ zu tun haben, liefert uns die „Legende vom deutschen 
Weihnachtswetter“ (wie ich sie gelegentlich genannt habe). Es dürfte 
wenige unter uns geben, die nicht bereit sind, Stein und Bein darauf 
zu schwören, dass in ihrer Jugendzeit in den Weihnachtstagen „regel¬ 
mässig“ Schnee und Frost an der Herrschaft gewesen seien. Ohne eine 
tief verschneite Winterlandschaft können wir uns das Weihnachtsfest 
überhaupt kaum vorstellen. Man weise mir in der Literatur oder auch 
in der Malerei eine einzige Schilderung der Weihnachtspoesie auf deutscher 
Erde nach, in der nicht neben dem brennenden Lichterbaum und den 
übrigen gemütvollen Attributen des schönen Festes auch die tiefe Schnee¬ 
decke und entweder ein Flockengewimmel oder eine bitter kalte Sternen- 
nacht als selbstverständliche äussere Umrahmung wiederkehren! Die 
Ideenassoziation, die das Weihnachtsfest mit der Schneelandschaft ver¬ 
knüpft, erscheint uns allen so natumotwendig, dass man gar nicht allzu 
selten die Geburt Christi selbst auf dem Boden Palästinas in einer Schnee¬ 
landschaft findet. 

Und doch, wie wenig entspricht die Wirklichkeit dem Bilde, das 
uns alle so wohlvertraut anmutet! Kurz vor dem Weihnachtsfest 1906 
(das selber eine echte Schnee-Weihnachten brachte) wies ich im „Berliner 
Lokalanzeiger“ auf die höchst merkwürdige Tatsache hin, dass damals 
seit vollen 16 Jahren keine richtige Schneedecke mehr in den Weih¬ 
nachtstagen in Norddeutschland gelegen habe. Damals glaubte ich darin 
ein absonderliches Kuriosum erblicken zu müssen — so fest war auch 
in mir, der ich seit Jahrzehnten eifrigst die Witterung beobachtete, die 
Ueberzeugung vorhanden, dass die Mehrzahl der Weihnachtsfeste in der 
norddeutschen Ebene von Frost und Schnee begleitet sein müsse. Erst 


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R. Henoig 


als nach dem schönen Schnee-Weihnachten von 1906, dem ersten seit 
1890, die Erscheinung der schneelosen Weihnachtsfeste sich abermals 
9 Jahre lang wiederholte, ging ich dein Problem näher nach und fand 
zo meiner eigenen lebhaften Ueberraschung, dass die Erzählungen vom 
„normalen deutschen Weihnachtswetter“ eine reine Legende sei, die allen¬ 
falls für höher gelegene Teile unserer Mittelgebirge, vielleicht auch noch 
für einige Teile Ostpreussens Wirklichkeit ist, nicht aber für die grössten 
Teile des übrigen Deutschlands und vor allem nicht für die Städte. 
Mässiger Frost oder ein leichter Schneefall zu Weihnachten stellt sich 
zwar häufig ein, wenn er auch keinesfalls die Regel bildet, aber die 
angeblich obligate Schneedecke oder gar die „tiefe Schneedecke“ bedeckt 
zu Weihnachten, wenn’s hoch kommt, in 10 Jahren allenfalls lmal die 
norddeutsche Erde, und die ebenso obligate schneidende Kälte der Weih¬ 
nachts-Schilderungen in Literatur und Malerei hat in Berlin während der 
letzten 86 Jahre nur insgesamt — — 2 mal in den Weihnachtstagen 
geherrscht, 1870 und 1876')! 

Diese Ausführungen dürften als hinreichend erachtet werden, um 
endgültig zu beweisen, dass die kälteren Winter und heisseren Sommer, 
die ungezählte Zehntausende von Menschen in ihrer Jugend erlebt haben 
wollen, nichts sind als ein gaukelndes Phantom, eine Massen-Erinnerungs- 
täuschung wunderlichster Art. Der menschliche Geist neigt nun einmal 
dazu, Lebensabschnitte, die endgültig vergangen sind, in jeder Hinsicht 
als wünschenswerter und besser anzusehen, als es die rauhe Gegenwart 
ist, und es sind wahrlich nicht die schlechtesten Menschen, die dieser 
täuschenden „Perspektive der Empfindungen“ (Berta v. Suttner) am leich¬ 
testen zum Opfer fallen und dem Tannenbaum in dem schönen, unend¬ 
lich sinnigen Andersenschen Märchen gleichen. In diesem Lichte be¬ 
trachtet, gehört die Erinnerungstäuschung, die uns für unsere Jugend¬ 
zeit charaktervollere Winter und Sommer vorgaukelt, als wir sie heuer 
jeweilig zu erleben pflegen, in dasselbe Kapitel der psychologischen 
Wissenschaft, in dem u. a. auch die Namen „Paradies“ und „goldenes 
Zeitalter“ verzeichnet stehen. 


! ) Inzwischen hat uns das Jahr 1917 wieder einmal ein AVeihnachtsfest mit 
massig strengem Frost und mit Schnee gebracht. 


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Karl Gumpertz: Psychologie der „Begehrnngsvorstellnngen“. 


217 


Psychologie der „Begehrungsvorstellungen“ 1 ). 

Von Dr. Karl Gumpertz, Berlin. 

Ein Begehren wird selbst Vorgängen in der unorganischen Natur 
zugeschrieben, so spricht Schopenhauer von der Begierde, die Wasser¬ 
stoff und Sauerstoff zusammenführt. Aber schon eine der vielen Sekten 
der altindischen Philosophie sagt: Das eben geborene Kindlein strebt 
zur Mutterbrust nicht wie das Eisen zum Magneten, sondern weil es 
nie ein Wesen ohne Begehren gab. Das Begehren soll aus früheren 
Lebensperioden stammen, und das was allen diesen Geburten eigentüm¬ 
lich ist, wird eben als Seele bezeichnet. So erscheint das Begehren als 
eines der Seelenvermögen der alten Wolff’schen Psychologie. Von seinem 
voluntarischen Standpunkt aus sieht Wundt in dem Begehrungsver- 
mögen nur ein logisches Artefakt, nicht einen differenzierbaren Seelen¬ 
zustand. Dem Streben und Begehren entsprechen ebenfalls Spannungs¬ 
empfindungen in gewissen zur bevorstehenden äusseren Willenshandlung 
in Beziehung stehenden Muskelgebieten; die psychischen Teilvorgänge, 
die man als Begehren bezeichnet, entschwinden bei einfachen Willens¬ 
handlungen überhaupt der Beobachtung, hier folgen Motiv, Strebungs¬ 
gefühle und Handlung so unmittelbar auf einander, dass für einen irgend¬ 
wie abtrennbaren Zustand des Begehrens kein Raum bleibt. Dieses 
tritt nur dann relativ isolierbar hervor, wenn die auftauchenden Motiv¬ 
gefühle wieder verschwinden, bevor es zur Anschauung derselben kommt 
und namentlich, wenn die Gefühle zwar fortdauem, aber äussere Hem¬ 
mungen den Willensvorgang nicht zur Entwicklung kommen lassen. 
Demnach ist das Begehren die Gefühlslage eines gehemmten Wollens. 
Verbindet sich dieser Gefühlszustand mit intellektuellen Bestandteilen, 
so nimmt das sogenannte Begehren die besondere Eigentümlichkeit an, 
die wir mit dem Wort Wünschen bezeichnen. Man könnte der Seele 
ebenso gut ein Begehrungs- wie ein Wunschvermögen beilegen. 

Dieser Anschauung Wundts gegenüber halten wir vom Stand¬ 
punkte der Assoziationspsychologie an der psychophysiologischen 
Differenzierbarkeit zweier Begehrungsformen fest. Der Nahrungs- und 
der Geschlechtstrieb sind von Begehrungszuständen begleitet, deren körper¬ 
liche Erscheinungen feststehen, deren psychischer Anteil vornehmlich 
im Zurücktreten der Aufmerksamkeit für alle andere Wahrnehmungen 
und Erinnerungen zutage tritt. In der Brunstzeit des Wildes ist Gehör 
und Geruch gemindert, so dass es da leicht die Beute des Jägers wird. 
Der Hunger macht selbst den kultivierten Menschen widerstandslos 
gegen die sonst durch sittliche Gemeingefühle bedingten Hemmungen. 
Diese — sagen wir einmal libidinösen — Zustände hinterlassen entsprechend 

*) Nach einem am 21. Juni 1917 in der Berliner psychologischen Gesellschaft 
gehaltenen Vortrage. 


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218 


Karl Gumpertz 


ihrer längeren oder kürzeren Dauer mehr oder minder deutliche affekt¬ 
betonte Erinnerungsbilder oder Vorstellungen, die irgendwie assoziativ 
oder sensugen geweckt zu mimischer und allgemein motorischer, vaso¬ 
motorischer und sekretorischer Entladung führen können — wie der 
berühmte psychische Magensaftfluss des Pawlowschen Hundes beweist. 

Ganz anderer Art sind die Begehrungen, mit denen wir uns hier 
beschäftigen wollen. Sie tragen den intellektuellen Charakter des Wün- 
schens, und die sogenannten „ßegehrungsvorstellungen“ sind sicherlich 
als einfache psychologische Vorstellungen nicht zu erfassen. Das Er¬ 
innerungsbild eines Empfindungs- oder Wahrnehmungsvorgangs ist nicht 
zu rekonstruieren. 

Man hat von ärztlicher Seite eine Hypothese aufgestellt, die eine 
psychologische Erklärung vorzutäuschen scheint und deshalb der psycho¬ 
logischen Analyse bedarf. 

Seit Jahrzehnten wird beobachtet, dass nach Unfällen, die mit 
Erschütterung oder bloss mit Schreck für die betroffene Person verbunden 
waren, sich Lähmungen, Krämpfe oder andauerndes Zittern einstellte, 
in der Regel verbunden mit Gleichgewichtsstörungen, Pulsbeschleunigung 
sowie mehr oder minder starker seelischer Veränderung meist vom 
Charakter der Apathie. Dass solche Veränderungen nach Zerstörung 
gewisser Himprovinzen auftreten können, ist bekannt. Hier aber sprach 
der in das Gefüge des Körpers gar nicht eingreifende Unfall sowie das 
oft schwankende Bild der Erscheinungen gegen direkte Zerstörung als 
Ursache. So wurde nicht organische, sondern funktionelle Störung im 
Gehirn angenommen. 

Bekanntlich führt der blosse heftige Schreck leicht zu Sprachlosig¬ 
keit, Zittern, Erröten, Erblassen; für die Perseveration solcher — als 
atavistische Abwehrbewegungen gedeuteter — Komplexe wurde dann 
der psychische Faktor heran gezogen: Begehrungs vorstellungen sollten 
an den nun verbleibenden Dyskinesien und Hyperkinesien, an der Be¬ 
einträchtigung des Körpergleichgewichts, an den verschiedenen vaso¬ 
motorischen Abweichungen schuld sein. 

Das in diesem Zusammenhänge supponierte Begehren ist keines¬ 
wegs blind, hat vielmehr einen höchst realen, freilich von der elemen¬ 
taren Physiopsychologie nicht zu erfassenden Inhalt: Geld, Rente. Das 
Geldbegehren, die nicht bloss in der Dichtung wohlbekannte auri sacra 
fames ist von der physiologischen fames immerhin grundverschieden. 
Der Nahrungshunger ist eine Empfindung, verbunden mit ganz bestimm¬ 
ten körperlichen nach aussen sichtbaren Zeichen; die Nahrungsbegehrungs¬ 
vorstellung war, wie wir bemerkt, von gleichen oder ähnlichen sicht- und 
messbaren Vorgängen begleitet. 

Demgegenüber dürfen die den Rentenbegehrungsvorstellungen zu- 


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Psychologie der „Begehningsvorstellungen“. 


219 


geschriebenen Erscheinungen — halbseitige Lähmungen, Krämpfe, 
Empfindungsstörungen — auf Spezifizität keinen Anspruch erheben. 

Das Drängen nach Geld ist etwas sehr verbreitetes. Der Kampf um 
geldwerte Vorteile zeitigt die verschiedensten Abweichungen. Dass je¬ 
mand vor Geldgier zittert, errötet, dass seine Pulszahl zunimmt, können 
Sie in jedem Spielsaale beobachten — alles in der physiologischen 
Breite der Erregung. Die Aufmerksamkeit des Spielers ist auf das Spiel 
konzentriert, er hört nicht den Anruf des eintretenden Freundes, spürt es 
auch nicht, wenn dieser ihm sanft die Hand auf die Schulter legt. Alles 
das ist nicht typisch für Geldgier, sondern lediglich für Absorption durch 
ein dominierendes Interesse. Die lediglich auf das Ziel eingestellte Auf¬ 
merksamkeit findet man auch bei Schachspielern, die keinen Einsatz zu 
verteidigen haben. 

Eine dauernde abnorme Steifigkeit einzelner Körperteile, wie sie 
gar in sog. Obergutachten gelegentlich durch Begehrungsvorstellungen 
erklärt wird, kann das Geld- oder Rentenbegehren nicht zustande 
bringen — mit einer Ausnahme. Aus Geldbegehren steif wird nur der 
indische Fakir, welcher von seinen Künsten leben will; da führt aber 
volle Bewusstheit und Wahlentscheidung dazu, erlernte Künste geltend 
zu machen; das scheidet aus der psychologischen Betrachtung aus. 
Bewusste Herbeiführung körperlicher Abweichungen zum Zwecke der 
Geldgewinnung findet auch bei der Simulation statt. Dem üblichen gerade 
zu Dauerabweichungen führenden Begehrungsmechanismus wird ein un¬ 
bewusster Nexus von Vorstellungen zugeschrieben. 

Die Psychiatrie kennt gut eine Form der chronischen Verrückt¬ 
heit, welche mit echten oder vermeintlichen Verlusten an Geld und An¬ 
sehen ursächlich zusammenhängt: den sog. Querulanten wahn. Der Queru¬ 
lant verwendet ein grosses Maß von Scharfsinn auf Eingaben an Justiz- 
und Verwaltungsbehörden, um zu seinem Rechte zu gelangen; er hält 
die längsten Reden, um darzutun, dass die Richter bestochen sind, dass 
die schlechten Ratgeber des gütigen Landesherrn dieser höchsten Person 
die Aktenstücke des Klägers unterschlagen. Ich habe noch nie einen 
Traumatiker gesehen, der diese Wahnform darbot, ebensowenig einen 
Querulanten, an dem irgend etwas von den körperlichen Erscheinungen 
der „traumatischen Neurose“ zu entdecken war. 

Die seelische Alteration der Traumatiker trägt meist den Charakter 
der Denkhemmung. Eine solche kann sehr wohl durch Vorstellungs¬ 
lähmung zustande kommen und sich körperlich in Bewegungslosigkeit 
und Starre aussprechen. So gibt es Traumatiker — vornehmlich im 
Anschluss an Kopfverletzungen — deren Wesen und Gesichtsausdruck 
an das melancholische Stadium der fortschreitenden Gehirnlähmung er¬ 
innert. Bei der Katatonie wie bei der Katalepsie des tief Hypnotisierten 
bleibt jedes Glied in der ihm einmal gegebenen Stellung — kraft des 


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Karl Gumpertz 


Gesetzes der Trägheit, weil eben der Impuls zu einer andern Bewegung 
oder Unterlassung nicht stattfindet oder — wie in der Hypnose — 
künstlich ferngehalten wird. Bei massenhaften Halluzinationen findet 
gleichfalls ein planvoller Verkehr mit der Aussenwelt in Form zweck¬ 
mässiger Handlungen und Unterlassungen nicht statt. So kommt es 
gerade bei Verfolgungsideen bald zu langdauemder Bewegungslosigkeit, 
bald zu einem Bewegungsdrange mit Zerstörungsimpulsen. Begehrungs¬ 
vorstellungen können zu solchen Zuständen von „Automatismus“ schon 
deshalb nicht führen, weil es Begehrungshalluzinationen nicht gibt. 

Die Spannung, die Erwartung ist ein Seelenzustand, der vorzüglich 
mit sexuellen Momenten gemischt schon bei normalen Menschen Illusionen 
aufkommen lässt. „Hör ich das Pförtchen nicht gehen, hat nicht der 
Riegel geklirrt“, heisst es in jenem Dichtervers, da der die Geliebte 
erwartende Jüngling irgendwelche Geräusche im Sinne seiner Wünsche 
umdeutet. 

In abnormen Seelenzuständen ist die illusionäre Verfärbung der 
Wahmehmungsdata noch auffallender. So beobachtete ich im Kriegs¬ 
lazarett einen Soldaten mit hysterischen Antezedentien, der aus dem 
nahen Geschützdonner die Salven heraushörte, die zu seiner standrecht¬ 
lichen Exekution abgegeben werden sollten. 

Bekannt ist bei dem Kleinheits- wie bei dem Grössenwahn die 
Verrückung der Beziehung, in der der Kranke zum Weltbilde steht. 
Seine Hlusionen und Halluzinationen fallen entsprechend aus, ebenso 
— wie dargelegt — seine motorische Entladung bzw. Akinesie. 

Impulsive Gewalttaten eines von Verfolgungsideen beherrschten, 
eines Halluzinanten, Handlungen oder Unterlassungen eines gehemmten 
Melancholikers werden von allen Psychiatern und dementsprechend von 
jedem Strafrichter dem Täter nicht zugerechnet. 

Ganz anders bewertet man die angeblich aus Rentenbegehrungs¬ 
vorstellungen Gehemmten. Da hat ein führender Psychiater sogar eine 
neue Form kreiert. Die Hemmungszustände der Traumatiker nennt er 
„Pseudodemenz“. Er will beobachtet haben, dass diese Kranken nur 
scheinbar vergesslich sind, dass sie bei weiterem Bemühen sich gut zu 
erinnern und sinngemäss zn handeln verstehen. Wir halten diese „Neu¬ 
orientierung“ nach zwei Seiten für verfehlt. Dass ein Hemmungszu¬ 
stand Verblödung vortäuscht, dass der Vorstellungsablauf verlangsamt 
ist, kann man bei dauerndem Unlusteffekt wie bei originären Intelligenz¬ 
störungen beobachten. Die Bewertung vom sozialen Standpunkte ist 
sicherlich unzutreffend. Die alte Haftpflichtversicherung wie das Unfall¬ 
versicherungsgesetz und die Reichsversicherungsordnung setzen den Ver¬ 
lust eines Gliedes dessen Nichtgebrauchsfähigkeit gleich. Die Aufgaben 
selbst des ungelernten Arbeiters verlangen heute ein schnelles Erfassen, 
sofortige Umsetzung des Impulses in zweckmässige Handlung. Solange 


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Psychologie der „Begehrungsvorstellungen“ 


221 


der Arbeiter mit dem wirklichen geheimen Intellekt diese Funktionen 
nicht erfüllen kann — und ihn von der Hemmung dauernd zu befreien 
ist ja leider der Psychiater ausserstande — muss er ebenso entschädigt 
werden, als ob der Intellekt fehlt. 

Sowohl vom psychologischen wie vom psychiatrischen Standpunkte 
stellten somit unsere „Begehrungsvorstellungen“ einen Seelenzustand 
nicht dar. Als logische Abstraktion kommen sie den Monomanien gleich, 
mit denen di« Nervenheilkunde zurückliegender Zeiten gewirtschaftet 
hat. Heute sind wir nicht geneigt, einen Kleptomanen oder Pyromanen 
für sonst vollsinnig oder genial anzusehen, selbst der rein moralische 
Schwachsinn wird nicht mehr anerkannt. Der Inhalt des wahnhaften 
Denkens, die Art des abnormen Handelns ist gleichgültig, sie wird be¬ 
stimmt oder mitbestimmt durch Erlebnisse und Zeitströmungen. Für 
die Wertung der Verfolgungsvorstellungen ist es gleichgültig, ob Hexen 
am Mark zehren oder durch Röntgenstrahlen heimtückisch die Gewebe 
vernichtet werden. 

Hier könnte der Einwand erhoben werden: Die Begehrungsvor¬ 
stellungen sind eben erzeugt durch die Unfallgesetzgebung. Diese ist 
daran schuld, dass die etwa durch Gehirnerschütterung gesetzten körper¬ 
lichen Abweichungen nach Abklingen der akuten Erschütterungssymptome 
nicht sch winden, sondern sich konsolidieren. Wäre dies der Fall, so 
könnte man die „Begehrungsvorstellungen“ wenigstens als heuristische 
Hypothese gelten lassen. Dagegen spricht vor allem: die bekannten 
körperlichen Störungen Anden sich auch bei Unfällen, die niemals zur 
Entschädigung führen können, sie treten selbst auf als Operationsfolgen 
(lokale Hysterie), man Andet einzelne Zeichen bei Personen, die ihren 
Unfall längst vergessen haben und oft fragt der kundige Untersucher 
nach einem vorangegangenen Trauma, weil anders die Abweichungen 
schwer zu erklären sind. 

Es gibt Krampf- und Schüttelformen, die nahezu ungeschwächt 
während des Schlafes persistieren. Sollen die Begehrungsvorstellungen 
im Moment des Einschlafens prompt vom Traumbewusstsein übernommen 
werden? Oder ist diesen merkwürdigen Vorstellungen eine so geringe 
Deutlichkeit eigen, dass sie im Wachzustand unbewusst bleiben, dagegen 
eine solche Durchschlagskraft, dass sie zu dauernden, vom Gesunden 
nicht darstellbaren Bewegungsanomalien führen? 

Die Lehre von den Begehrungsvorstellungen hat durch die Kriegs¬ 
neurosen eine weitere Ausdehnung erfahren. Wer die Haftpflicht- und 
Unfallversicherungsgesetzgebung für den speziAschen Erreger der Begeh¬ 
rungsvorstellungen ansah, der musste an dieser SpeziAzität irre werden 
dadurch, dass Kriegsereignisse, speziell Verschüttung und Granatschock 
ähnliche Bilder erzeugten. Der bewusstlos aus dem eingestürzten Unter¬ 
stand Gezogene konnte doch nicht im Moment dieses ungewohnten F.r- 


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Karl Gumpertz 


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eignisses die längst vorbereiteten Begehrungsideen produzieren. Was 
sollte er übrigens begehren? Ist die Militärrente der Unfallrente (wo¬ 
möglich den hohen bei Eisenbalmverletzungen gezahlten Entschädigungen) 
vergleichbar? Liegt etwa in der Art, wie der Militärfiskus die Beschädigten 
unterstützt, ein besonderer Anreiz Militärinvalide zu werden? Da ist 
nun die Theorie etwas gemodelt worden. Neben dem Wunsch versorgt 
zu sein soll das Verlangen dem Kampf zu entrinnen, also Befürchtungs- 
Vorstellungen an Lähmungen, Zittern, Pulsbeschleunigung, seelischer Ver¬ 
änderung und ähnlichem schuld sein. Wenn schon bei Zivilunfällen 
ein Unfall-Monoideismus nur ausnahmsweise darstellbar ist: kann bei den 
Kriegsneurotikern so etwas sicherlich nicht festgestellt werden. Wo der 
Vorstellungsschatz verarmt oder der Vorstellungsablauf defektvoll oder 
verlangsamt ist, da betrifft die Veränderung alle Vorstellungen. Unter¬ 
haltungen mit Zittern, Assoziationsversuche bei vorher intelligent ge¬ 
wesenen Kriegern, die längst mit Rente entlassen, jetzt im bürgerlichen 
Leben stehen, haben mir gezeigt, dass auch stärkere Affekte von irgend 
welchen Kriegsvorstellungen nicht ausgelöst werden. 

In der Behandlung der Kriegsneurotiker spielt jetzt die »Sug¬ 
gestion in Form der Hypnose oder anderer mehr gefürchteter Methoden 
eine grosse Rolle. Die Hypnotisierbarkeit soll für die Labilität der 
Krankheitsbilder, für den Wunschcharakter der variablen Symptomen - 
komplexe sprechen. Ich schliesse daraus das Gegenteil. Eine psycho¬ 
gene Lähmung ist durch Hypnose nur heilbar, wenn das die Lähmung 
herbeiführende, stark affektbetonte Erlebnis diese Affektbetonung verloren 
hat. So war bei einer hysterischen Person eine Lähmung eingetreten, 
weil eine Verwandte gefallen war. Diese Lähmung konnte suggestiv 
beseitigt werden, nachdem die Verwandte sich längst von dem Falle 
erholt hatte. Eine andere Beobachtung lehrte: Bei einer länger leiden¬ 
den Dame war nach Empfang eines grosse Vermögensverluste melden¬ 
den Briefes Lähmung zweier Extremitäten mit Spontan- und stärkeren 
Bewegungsschmerzen aufgetreten. Hier bestand der Affekt fort, die 
Vorstellungsverbindung, die zu der Lähmung geführt, war unklar, der 
Suggestion blieb selbst ein vorübergehender Erfolg versagt. 

Bei der Behandlung der Kriegsneurosen gehören offenbar Dauer¬ 
erfolge zu den Seltenheiten. Nun beweist die ausbleibende oder unvoll¬ 
kommene Heilung zwar nichts für die Begehrungsvorstellungen, die wirk¬ 
lich erfolgende aber sehr viel dagegen. Der Wunsch dem Kriege fern 
zu bleiben oder eine Rente zu erhalten muss stets der Suggestion entgegen¬ 
wirken, welche den Mann symptomfrei machen will, um ihn wieder dem Kriegs¬ 
dienste zuzuführen oder doch seine rentenlose Entlassung zu ermöglichen. 

Ich verfüge bereits über ein reichliches Material Kriegsbeschädigter, 
die mit mehr oder minder grosser Rente als dienstuntauglich entlassen 
sich in bürgerlichen Berufen betätigen. Sie sind meist in bevorzugten 


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Psychologie der „Begehrungsvoretellungen“. 


223 


Stellungen, oft von dem früheren Arbeitgeber aus besonderem Vertrauen 
eingestellt; dennoch arbeiten sie nur in kurzen Zeiträumen, um bei der 
geringsten Erschütterung wieder ihr Zittern, ihre Krampfanfälle, ihre 
halbseitige Schwäche zu bekommen. In ihrem Ernährungszustände gehen 
sie zurück, und ihre geistige Regsamkeit lässt nach. Dabei fällt es ihnen 
nicht ein, sich etwa als bedauernswerte Opfer des Krieges zu fühlen und 
zu benehmen. 

Gewiss gibt es noch Personen die aus einem Zivil- oder Kriegs- 
unfall Kapital zu schlagen suchen. Das sind aber nicht die Leute mit 
seelischer Depression, mit körperlicher Lähmung, Krämpfen, Steifigkeit, 
Empfindungsstörungen. Wer da sagt „was, ich habe einen Unfall gehabt 
und soll nun nicht entschädigt werden“, der bietet gar keinen alterierten 
Seelenzustand, er ist nur von einem Irrtum befallen. Wie man es findet, 
dass an die Krankenversicherung der Anspruch gestellt wird, die normale 
Ermüdung, die normale Erholungsbedürftigkeit zu entschädigen: so möchte 
der vom Unfall betroffene gern die Konjunktur zu einem kleinen 
Schmerzensgelde ausnützen. Macht man diese Leute beizeiten auf ihren 
Denkfehler aufmerksam, so sehen sie das oft ein und ziehen mit einigen 
Bemerkungen über das schlechte Gesetz ihren Anspruch zurück. Man 
tut unrecht, diese grobe Form von Selbstsucht als Charakterveränderung 
infolge des Unfalls zu werten; wir rechnen sie zu den normalen durch 
Belehrung oft korrigierbaren Irrtümem. 

Ein Urteil ist ein logischer, nicht ein psychologischer Akt. Aber 
es gibt Arten von Urteilen oder vielmehr Vorurteilen, verbunden mit 
starker Affektbetonung, welche den Wahmehmungsakt bedenklich zu 
beeinflussen geeignet sind. 

Ich muss hier auf eine Sache eingehen, in der ich bitte mich nicht 
misszuverstehen. Das Augenspiegelbild wird getrübt, wenn in den Augen¬ 
medien des Untersuchten eine Trübung besteht, ebenso aber durch Fehler¬ 
quellen in den Medien des Spiegelnden, sobald dieser seinen Defekt nicht 
kennt und vom Bilde abzuziehen versteht. 

Das Unfallgutachten gibt ein Bild der Störung bei dem Unter¬ 
suchten, es wird unklar, wenn das Organ des Gutachters, seine Psyche 
dauernd beherrscht wird von einseitigen Vorstellungskreisen und Gefühlen, 
deren sich der Gutachter nicht immer voll bewusst wird. Man erlebt 
da in den sog. Obergutachten seltsame Ueberraschungen. Da wird eine 
zuvor von geübten Untersuchem festgestellte Hemianalgesie ohne weiteres 
in Abrede gestellt und auf Anfrage erklärt, es mögen wohl geringe Unter¬ 
schiede vorhanden sein, die sind aber aus den Angaben des Untersuchten 
sowie aus den fehlenden Hautreflexen nicht zu erschliessen und nach 
unserer grossen Erfahrung von keiner Bedeutung oder „der sonst biedere 
Untersuchte wird durch Begehrungsvorstellungen dahingebracht, eher 
hinzufallen, ehe er sein Kreuz beugt“. 


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224 


Karl Gnmpertz 


Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, dass es Ziel Vorstellungen 
sind, die zu Verfärbung des Wahmehmungsinhalts führen. Das — ge¬ 
wiss nicht immer bewusst vorgesteckte — Ziel ist einmal: das vorher¬ 
gehende Gutachten des Freundes oder Schülers nicht zu bekämpfen. 
Häufiger ist noch der Gedankengang so zu erklären: durch genaue 
Untersuchung fixiere ich womöglich Anomalien der Sensibilität, ich be¬ 
rücksichtige also nur positive Resultate. Hemmungen sind ja doch nur 
durch „ Begehrungsvorstellungen u vorgetäuscht. 

Die Ziel Vorstellungen der Gutachter, welche zu Wahmehmungs- 
fehlem führen, können an sich sehr edler Natur sein. Während des 
Krieges sind Wünsche, Verletzte wieder kampffähig zu machen, dem 
Staate Millionen an Renten zu ersparen, gewiss erklärlich. Aber auch 
patriotisches Begehren, volkswirtschaftliche Begeisterung kann hier als 
normal nicht betrachtet werden, wofern sie die Objektivität des Gut¬ 
achters beeinflusst. Wirsehen heute schon, wohin diese Richtung führt: 
Man erklärt die Kriegsneurotiker — etwa mit Ausnahme der schwersten 
Gehirnerschütterungen — für geheilt, sobald sie „symptomlos“ geworden 
sind. In neueren Schriften finden sich gelegentlich weltfremde Hinweise 
auf die Verletzten, die völlig untätig von ihren zum Teil erheblichen 
Renten leben. Man vergisst gern, dass diese Renten bei den heutigen 
Lebensmittelpreisen eine Verlockung nicht bedeuten können. Die Ar¬ 
beitsfähigkeit der Kriegsneurotiker ist auch nur eine scheinbare, nach 
dem Kriege wird man die jetzt durch den Personalmangel gebotene 
Rücksicht auf persönliche Leistungsfähigkeit nur ausnahmsweise nehmen 
können. 

Die Vorschläge der Begehrungsfanatiker, einmalige Abfindungen 
anstatt Rente zu gewähren, kann ich nur gutheissen. Sicherlich kom¬ 
men dadurch nicht Begehrungs- oder Wunsch- oder BefürchtungsVorstel¬ 
lungen zum Schweigen, aber es werden Einflüsse ausgeschaltet, welche 
die Unfallkranken dauernd in seelische Depression versetzen, vor allem 
die Angst vor Nachuntersuchungen, die Erregungen durch neue Prozesse. 

Auf welche Weise Frieden- und Kriegsunfälle zu den seltsamen 
neuropsychischen Symptomenkomplexen zu führen vermögen, ist nicht er¬ 
klärt, auch die Wege der reinen psychischen Emotionen sind selten klar. 
Die Theorie der „Begehrungsvorstellungen 14 liefert keine Erklärung, sondern 
ein Schlagwort, arm an anschaulichen Partialvorstellungen, das aber 
— wie häufig in der Medizin — bei der Masse Erfolg verspricht, weil 
es sich so schön zur rechten Zeit eingestellt hat, als seine Vorgänger, 
die Simulation und Aggravation abgewirtschaftet hatten. Physiopsycho- 
logisch entspricht den „BegehrungsVorstellungen“ nichts. Sie bedeuten 
einen logischen Begriff, von dessen Essenz — nach dem alten philo¬ 
sophischen Grundsatz — auf Existenz nicht geschlossen werden darf. 


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Gustav Major: Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 

Von Direktor Gustav Major, Berlin-Seehof. 

Den Ausbruch einer Krankheit aufhalten oder unmöglich machen, 
ist stets leichter als die Krankheit selbst restlos heilen oder doch eine 
wesentliche Besserung herbeizufiihren. Gilt dies schon bei den körper¬ 
lichen Erkrankungen, so hat dieser Satz erhöhte Bedeutung bei allen 
Erkrankungen des Hirns oder des Nervensystems. Den Schwachsinn, 
ganz gleich ob den angeborenen oder den erworbenen, kann niemand 
heilen, wohl kann man die Symptome desselben in ihrer Intensität herab¬ 
setzen, ja man kann gewisse Anomalien fast ganz beseitigen, doch heilen 
kann den Schwachsinn niemand. Wollen wir der weiteren Ausbreitung 
des jugendlichen Schwachsinns entgegenarbeiten, und das müssen wir, 
da Volksgesundheit und Volks Wehrkraft an sich schon in absteigender 
Linie sich bewegen, so können wir nur prophylaktisch Vorgehen, um 
befriedigende Resultate zu zeitigen; die Ursachen müssen bekämpft werden, 
damit wir den Ausbruch der Erkrankung verhüten. In zweiter Linie 
erst steht die Behandlung der Erkrankung selber. 

Unter den ursächlichen Momenten steht der Alkoholismus an 
erster Stelle. Bourneville hat über die Schädlichkeiten des Alkohols nach 
dieser Seite hin umfassende Erhebungen angestellt, er hat 1000 Fälle 
registriert und gefunden, dass in 471 Fällen der Vater, in 84 Fällen die 
Mutter und in 209 Fällen beide Eltern dem Trunk ergeben waren. In 
57 Fällen konnte er mit absoluter Sicherheit nach weisen, dass die Kon¬ 
zeption im Rauschzustände stattgefunden hatte, und in 24 Fällen lag die 
Wahrscheinlichkeit dieser Annahme vor. Dazu konnte er in 171 Fällen 
keine Auskunft über den Alkoholismus der Eltern erhalten. Ich habe bei 
über 170 Kindern meiner Anstalt Erhebungen angestellt und folgende Zahlen 
erhalten: Unter 170 Kindern waren 37 Schwachsinnige, und der Schwach¬ 
sinn derselben war sicher nachweisbar durch Alkohol bedingt in 41 Fällen, 
47 °/ 0 . Und zwar war die Ursache in 33 Fällen der Alkoholismus des Vaters, 
in 4 Fällen der der Mutter und in ebenfalls 4 Fällen derjenige beider 
Eltern. Als mit auslösendes Moment des Schwachsinns jedoch kommen 
66 Fälle in Betracht und zwar 52 Fälle von Alkoholismus des Vaters, 
5 von Alkoholismus der Mutter und 9 von beiderseitigem Alkoholismus, 
also in 75,86 °/ 0 .aller Fälle von Schwachsinn spielt der Alkohol eine 
Rolle. 

Durch den Alkoholismus des Vaters entstand sicher nachweisbar 
in 4 Fällen Idiotie, in 13 Fällen Imbezillität und in 16 Fällen Debilität. 
Durch den Alkoholmissbrauch der Mutter waren 4 Fälle von Debilität 
bedingt und durch beiderseitigen Alkoholismus 2 Fälle von Idiotie, 1 Fall 
von Imbezillität und 1 Fall von Debilität. Die Erkrankungen, in denen 

Zeitschrift für Psych otheraple. VII. 15 


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der Alkoholismus mitauslösendes Moment war, verteilen sich wie folgt 
auf die einzelnen Stufen des Schwachsinns: Der Alkoholismus des Vaters 
bedingte in 7 Fällen Idiotie, in 18 Fällen Imbezillität und in 27 Fällen 
Debilität. Einen Alkoholismus der Mutter fand ich in 5 Fällen der 
Debilität. Beiderseitigen Alkoholismus konstatierte ich in 4 Fällen 
von Idiotie, in 3 Fällen von Imbezillität und in 2 Fällen der Debilität. 
Zu beachten ist hierbei, dass die 9 Fälle von Erblichheit hier mit zu 
registrieren sind, weil die Eltern dem Alkoholismus ergeben waren, 
so dass also zur erblichen Belastung durch die Grosseitem der Alkohol¬ 
missbrauch der Eltern kommt, und zwar entstanden durch Erblichkeit 
seitens des Grossvaters 3 Fälle, einmal Idiotie — verstärkt durch den 
Alkoholismus des Vaters — 2 Fälle Imbezillität — einmal war der Vater 
dazu Alkoholiker und einmal die Mutter. In 2 Fällen war die erbliche 
Belastung von der Grossmutter, die zweimal Imbezillität hervorrief unter 
Verstärkung in je einem Falle durch Alkoholismus des Vaters oder der 
Mutter. 4 Fälle fand ich, in denen eine doppelseitige Belastung vorlag 
durch Grosseltern und Eltern. Alle 4 Fälle führten zur starken Idiotie, 
da dazu in 2 Fällen der Vater und in den anderen 2 Fällen beide 
Eltern Alkoholiker waren. 

Daneben sind noch die bekannten Tatsachen zu registrieren, dass 
immer 6 Jahre nach einem guten Weinjahre in den Weingegenden viel 
schwachsinnige Kinder eingeschult werden, und ferner die Tatsache, dass 
Erstgeborenene oft schwach befähigt oder schwachsinnig sind. Mögen 
auch hier andere Ursachen mitsprechen, der starke Alkoholgenuss während 
der Hochzeitstage bleibt nicht ohne Einfluss. 

Als weitere indirekte Folge des Alkoholismus des Mannes ist 
der vielen Sorgen und Kümmernisse der graviden Frau zu gedenken, 
deren Mann trinkt. Schlaflose Nächte und Tage angestrengter Arbeit, 
dazu Misshandlung und eine schlechte unzureichende Ernährung können 
auf Mutter und Kind nicht ohne Einfluss bleiben. 

In vielen Fällen ist eine Erblichkeit als ursächliches Moment 
zu konstatieren. Von meinen 87 Fällen waren 19 Kinder von seiten 
der Eltern belastet, die Eltern waren geisteskrank, schwachsinnig oder 
psychopathisch. 14 Kinder stammten aus Familien, in denen der Vater 
krank war, in 4 Fällen wies die Belastung auf die Mutter, und in 1 Falle 
waren beide Eltern geisteskrank. 21,84 °/ 0 der Kinder stammten sonach 
von kranken Eltern. Nun ist es aber durchaus nicht nötig, dass es gerade 
immer die Eltern sein müssen, die geisteskrank oder minderwertig sind, 
es kann auch die krankhafte Disposition von den Grosseitem ererbt 
sein, so dass ein Glied übersprungen wird. Sind aber Eltern und Gross¬ 
eitem psychopathisch, minderwertig oder geisteskrank, so muss die Be¬ 
lastung eine noch stärkere sein. Ganz sichere Resultate konnte ich hier¬ 
über nicht zusammenstellen, da die Angaben der Eltern nicht immer zu- 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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verlässig waren, ich habe nur die sicheren Angaben registriert, so dass die 
Zahlen die geringste Beteiligung der elterlichen oder grosselterlichen Be¬ 
lastung angeben. In 3 Fällen war der Grossvater, in 2 Fällen die Gross- 
rautter und in 4 Fällen Eltern und Grosseitem minderwertig oder geistes¬ 
krank. Während die Belastung durch die Eltern 21,34 °/ 0 betrug, war 
die durch die Grosseitem 5,74 °/ 0 und die durch Grosseitem und Eltern 
4,82%. Die einzelnen Erkrankungen verteilen sich auf die drei Formen 
des Schwachsinns folgendennassen: Idiotie wurde ausgelöst durch Erb¬ 
lichkeit des Vaters in 3 Fällen, durch die der Mutter in 1 Falle und durch 
doppelte Belastung beider Eltern in keinem Falle. Imbezillität wurde 
bedingt durch Belastung seitens des Yaters in 6 Fällen, seitens der Mutter 
in 2 Fällen und durch beiderseitige in 1 Falle. Debilität ist entstanden 
auf Grund väterlicher Erblichkeit in 5 Fällen, auf Grand mütterlicher 
in 1 Falle, und beiderseitige Belastung kam nicht in Frage. 

Durch die Erblichkeit seitens des Grossvaters war in 1 Falle Idiotie, 
in 2 Fällen Imbezillität bedingt. Die Erblichkeit durch die Grossmutter 
rief beidemale Imbezillität hervor. Die 4 Fälle der doppelseitigen Be¬ 
lastung hatten schwere Idiotie zur Folge. 

An dritter Stelle steht die hereditäre Syphilis. Piper fand sie 
unter 310 Fällen 16mal, und Ziehen konstatierte auf Grund „einer 
sorgfältigen Statistik über die Häufigkeit der Erbsyphilis“ bei 17% 
wahrscheinlich und bei 10% sicher Erbsyphilis als Ursache des ange¬ 
borenen Schwachsinns. Ziehen betont ausdrücklich, dass diese Zahlen 
auf leichtere Fälle des angeborenen Schwachsinns sich beziehen. Ich 
hatte 12 Fälle von Erbsyphilis und zwar 6 seitens des Vaters, 3 seitens 
der Mutter und 3 Fälle durch beiderseitige Erkrankung bedingt. Diese 
Fälle verteilen sich auf die Formen des Schwachsinns so: In 1 Falle 
entstand durch die Syphilis des Yaters Idiotie und in 5 Fällen Debilität. 
Durch die Syphilis der Mutter wurde in 1 Falle Imbezillität und in 
2 Fällen Debilität hervorgerufen, und auf dem Boden beiderseitiger Syphilis 
entwickelte sich in 3 Fällen Debilität. Das Ergebnis ist dasselbe wie 
bei Ziehen, von den 12 Fällen sind 10 leichtere Debilität, 1 Fall von 
Imbezillität steht neben 1 Fall von Idiotie. Die 13,79 % der Fälle 
von Schwachsinn, die durch Syphilis bedingt sind, verteilen sich mit 
1,01% auf Idiotie, 1,01% auf Imbezillität und 11,50% auf Debilität, 
also weit mehr leichte Fälle als schwere. 

Weit unsicherer ist die Bedeutung der Tuberkulose auf die 
Entstehung von Schwachsinn. Piper verzeichnet bei 15% Tuberkulose 
der Eltern und bei 8 % solche der Grosseltera, zusammen 23 % a ls aus¬ 
lösende Ursache. Ziehen dagegen sagt, dass die Tuberkulose überhaupt 
ausserordentlich verbreitet ist und dass sie auch bei geistesgesunden 
Kindern in wenigstens 15 % nachweisbar ist. Weiter argumentiert er, dass 
wenn die Tuberkulose als Ursache des Schwachsinns in Betracht käme. 


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man recht häufig unter den schwachsinnigen Kindern Skrofulöse — an¬ 
geborene oder früh erworbene Tuberkulose der Lymphdrüsen — finden 
müsse, was sich jedoch nicht erweisen lässt. Ich fand unter allen Fällen 
meiner Schwachsinnigen nicht einen einzigen Fall, den ich nur auf das 
Konto der Tuberkulose setzen konnte, immer waren noch andere Momente 
mit auslösend. 15 Fälle hatte ich, in denen die Eltern tuberkulös waren 
und zwar in 8 Fällen der Yater, in 5 Fällen die Mutter, und in 2 Fällen 
beide Eltern, zusammen 17,24 °/ 0 . Noch ungewisser waren die Ergebnisse 
bei der Belastung durch die Grosseitem, die Angaben waren da sehr 
wenig sicher, so dass sie fast keinen Wert haben, es sollen in 4 Fällen 
die Grosseltern und in 2 Fällen Grosseitem und Eltern krank gewesen 
sein. Lassen wir diese Fälle unberücksichtigt, so erhalten wir 17,24°/ 0 ? 
welchen 18,51 °/ 0 von Tuberkulose unter meinen gesunden — geistig ge¬ 
sunden — Kindern gegenüberstehen, also ungefähr dieselben Zahlen, welche 
die Bedeutung der Tuberkulose für die Entstehung des Schwachsinns sehr 
zweifelhaft erscheinen lassen. 

Die Schwangerschaft und die Geburt selbst sind nicht ohne 
Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. Erkrankungen, die mit hohem 
Fieber einhergehen, oder Nervenkrankheiten oder heftige Gemütsbewe¬ 
gungen während der Gravidität vermögen infolge einer Ernährungsstörung 
oder der allgemein schlechten Ernährung während dieser Krankheiterschei¬ 
nungen Mutter und Kind zu schädigen, das Kind dadurch, dass das Hirn 
in seiner normalen Entwicklung durch die Ernährungsstörungen behindert 
wird. Piper führt bei 4 °/ 0 Sorgen der Mutter während der Gravidität 
an als Ursache des Schwachsinns. Bei 3°/ 0 ist Fall der Mutter, bei 
1 % Schreck der Mutter, bei 1 °/ 0 Krankheit der Mutter und bei 1 °/ 0 
Unterleibsleiden der Mutter als schädigender Faktor angegeben. Ich hatte 
im ganzen 4 Fälle — 1 Fall von Imbezillität und 3 Fälle von Debilität, 
zusammen 4,59 °/ 0 , in denen Krankheit der Mutter usw. während der 
Gravidität in Frage stand. 

Frühgeburten können auch die Veranlassung sein zum Schwach¬ 
sinn. Piper fand 3°/ 0 ? ich hatte nur 2 Fälle 2,3°/ 0 , doch muss ich dabei 
bemerken, dass ich in beiden Fällen einen Alkoholismus der Eltern, ein¬ 
mal des Vaters, das andere Mal der Mutter festgestellt habe. Es ist 
ohne weiteres klar, dass ein zu früh geborenes Kind nicht einem normalen 
gleichen kann in seinen psychischen und physischen Kräften, doch bedingt 
eine Frühgeburt durchaus nicht eine spätere anormale Entwicklung, da 
sich die psychischen Kräfte unter sorgsamer Pflege später oft überraschend 
schnell ausgleichen und den normalen nähern. Es handelt sich also immer 
nur um eine nicht vollendete Entwicklung, nicht aber um eine anormale. Es 
gibt genug Frühgeburten unter den normalen Menschen. 

Als Ursachen kommen neben diesen angeborenen 
noch die erworbenen in Betracht. An erster Stelle stehen die 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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Verletzungen des kindlichen Kopfes. Es ist gleichgültig, ob die Ver¬ 
letzungen vor, während oder nach der Geburt eintraten, schädigend 
können sie immer wirken. Ein Fall der Mutter während der Gravidität, 
Verletzungen des kindlichen Kopfes während der Geburt durch Sturz¬ 
oder Zangengeburt, starkes Zusammendrücken des Kopfes durch ein zu 
enges Becken der Mutter, Fall aus dem Wagen, Sturz von der Treppe 
usw., alles kann eine Entwicklungshemmung des kindlichen Hirnes zur 
Folge haben. Piper hat bei 9°/ 0 Kopftraumen gefunden. Nach einer 
anderen Statistik sind es sogar 14°/ 0 ? 198 Fälle von 1436. Ich habe 
3 Fälle, 3,44 °/ 0 gehabt. 

In gleicher Weise wirken verlangsamte Geburt, Schwergeburten 
infolge zu grosser Enge des Beckens, Nachlassen der Wehen, mangel¬ 
hafte Elastizität des Uterus usw. Durch ein zu langes Stehen des kind¬ 
lichen Kopfes im Durchbruch wird ein Druck auf denselben ausgeübt, 
der die Blutzirkulation hemmt und dadurch die Ernährung des Hirnes für 
diese Zeit unmöglich macht, welche Störung Entwicklungshemmungen zur 
Folge haben kann. Hierin findet auch die Tatsache zum Teil ihre Erklärung, 
dass Erstgeborene öfter schwachsinnig sind als Nachgeborene, jedoch will 
mir dies nicht sehr wahrscheinlich sein, da die junge Mutter in ihren Weich¬ 
teilen doch nicht unelastischer sein kann als ältere Mütter. Mir erscheint 
die Alkoholisierung während der Hochzeitstage eine natürlichere Er¬ 
klärung zu sein, zumal es keinen Nachweis dafür gibt, dass die unehe¬ 
lichen Erstgeborenen ebensooft schwachsinnig sind als die ehelich ge¬ 
borenen Kinder. 

Entwicklungsstörungen und Ernährungsstörungen nach der Geburt 
haben einen viel grösseren Einfluss auf die Entwicklung des kindlichen 
Hirnes, als man gemeinhin glaubt. Man unterschätzt sehr häufig die 
Wirkungen dieser Erkrankungen, hofft von später viel, wenn nicht 
alles, das Leiden werde sich von selber legen, wenn sich der Körper erst 
gekräftigt habe. Selbst Aerzte sind in dieser Hinsicht zu sorglos, sie 
erkennen die Schwere der Folgen nicht. Wie soll sich denn der Körper 
kräftigen, wenn der Verdauungsapparat nicht richtig funktioniert? Die 
Rachitis steht hier an erster Stelle. Früher sah man in ihr eine Knochen¬ 
erkrankung, heute ist die Annahme erhärtet, dass es eine Stoffwechsel¬ 
erkrankung ist, deren Wesen zwar noch unbekannt ist; doch steht mit 
Sicherheit fest, dass kalte, schlecht ventiliert, feuchte, dunkle Wohn- und 
Schlafzimmer der Ausbreitung und Entstehung der Krankheit förderlich sind. 
Das Knochensystem bleibt in der Entwicklung zurück und leidet sehr 
im Wachstum. Nun glaubte man, dass durch diese anormale Knochen¬ 
entwicklung des Schädels das Wachstum des Hirnes beeinträchtigt würde, 
wodurch seinerseits wieder Schwachsinn entstünde. Man machte also 
das behinderte Wachsen des Schädels für den Schwachsinn verantwort¬ 
lich, übersah aber, dass es ebensoviel grosse, als kleine rachitische Scliädo 


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gibt. Heute neigt man jedoch auf Grund sorgfältiger Beobachtungen zu 
der Ansicht, dass das Nervensystem von der Erkrankung selbst miter¬ 
griffen wird und dass dadurch die mangelhafte Himentwicklung bedingt 
ist. Anormale Himentwicklung und anormale Schädelentwicklung sind 
demnach koordinierte Erscheinungen. 

Die Erkrankung der Schilddrüse ist auch eine Stoffwechselerkrankung, 
die Schwachsinn ursächlich gegenübersteht. Durch die krankhafte Ver¬ 
änderung der Schilddrüse ensteht eine einer Vergiftung ähnliche Stoff¬ 
wechselerkrankung. Es werden einerseits körperliche Veränderungen 
hervorgerufen und andererseits psychische Defekte ausgelöst. Die körper¬ 
lichen Anomalien sind ein allgemeines Zurückbleiben des Körperwuchses 
und Hautwulstungen. Die Zunge ist dick, gross und mit vielen Rissen 
versehen. Unter den Achseln und am unteren Halse finden sich starke 
Wülste. Der Leib ist aufgetrieben. In den Fingern besteht eine starke 
Biegsamkeit der Gelenke. Dieselbe Hyperextension findet sich mitunter 
auch in den Handgelenken. Die psychischen Defekte sind die Intelligenz¬ 
defekte der Schwachsinnigen, hervorgerufen durch eine mangelhafte Hirn¬ 
entwicklung. 

Magen- und Darmkatarrhe werden wenig beachtet, man hofft und hofft. 
Oftmals handelt es sich um Erkrankungen auf rachitscher oder syphilitischer 
Basis. Die Kinder vertragen fast nichts, leiden oft lange, jahrelang an 
Diarrhöe, wodurch sehr wohl eine schlechte Ernährung des Hirnes herbei¬ 
geführt werden kann, die irgend eine Form von Schwachsinn auslöst. 

Handelt es sich um ein etwas zartes Kind oder um ein solches, 
das wenig vertragen kann, so helfen die Eltern entweder aus eigenem 
Antriebe oder auf Anraten des Arztes „etwas nach mit gutem Wein u . 
Andere wieder geben ihren Kindern, wenn sie viel schreien zur Be¬ 
ruhigung Alkohol. Beides ist falsch, denn Alkohol ist ein Nervengift 
und schädigt in jeder Form das Hirn, zumal das kindliche Hirn. 
Diese Kinder wollen dann erst recht nicht gedeihen, und man gibt ihnen 
noch mehr Alkohol und erreicht das, was man nicht wollte, eine schwere 
Beeinträchtigung der Gesundheit des Kindes. Wenn das Kind nach 
Verabreichung von Alkohol ruhig ist, so ist es eben betrunken, einge¬ 
schläfert durch den Wein. Mir sind Fälle bekannt, in denen absolut 
gesunde, kräftige kleine Kinder nach heimlicher Verabreichung von 
Branntwein oder Wein durch leichtsinnige Ammen schwer schwach¬ 
sinnig oder epileptisch wurden. In einem anderen Falle^meinte es der 
Vater mit seinem Kinde recht gut, indem er ihm jeden Abend von 
seinem Bier bis zu einem halben Glase zu trinken gab. Er glaubt heute 
noch nicht, dass sein Kind, das „bis zum 2. Jahre wie andere Kinder 
war“ — jetzt begann das Biertrinken — durch den Alkohol geschädigt 
worden sei. „Der Alkohol hat noch niemandem geschadet, warum soll 
er gerade meinem Kinde geschadet haben?“ 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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Auch die Syphilis gehört zu den erworbenen Ursachen. Es gibt 
noch immer genug leichtsinnige Eltern, die ohne ärztliche Untersuchung 
eine Amme zur Ernährung ihres Kindes nehmen. Eine syphilitische 
Amme überträgt die Krankheitserreger auf das Kind, und so kann eine 
Entwicklungshemmung des kindlichen Hirnes entstehen. 

Typhus, Pocken, Scharlach, Diphtherie in den ersten drei Kinder¬ 
jahren sind nicht selten die Ursache der Defektpsychosen. Die allge¬ 
meinen Ernährungsstörungen dieser Krankheiten können die Ernährung 
und das Wachstum des kindlichen Hirnes beeinträchtigen, weiter wirken 
sie direkt schädigend auf die Hirnrinde, und endlich haben' sie nicht selten 
Herderkrankungen der Hirnrinde zur Folge, die ihrerseits Intelligenz- 
defekte bedingen können. 

Herderkrankungen sind als ursächliches Moment von grosser Wichtig¬ 
keit. Der Herd selbst kann eine Geschwulst, eine Blutung, eine Throm¬ 
bose usw. sein. Dieser Herd ruft an sich eine Ausfallserscheinung hervor 
durch Läsion einer Partie der Hirnrinde, es zeigen sich Lähmungen usw. 
Andererseits bleibt aber der Herd nicht auf seine ursprüngliche Grösse 
beschränkt, da das kindliche Hirn noch wächst; der Herd breitet sich 
so mehr aus, und es entstehen grössere Ausfälle intellektueller Natur durch 
die diffusen Herde. Während bei einem Herde des ausgewachsenen 
Hirnes meist nur die nächste Nachbarschaft in Mitleidenschaft gezogen 
wird, ist beim kindlichen Hirn die ganze Hirnrinde in Gefahr der Mit¬ 
erkrankung. 

Den zuletzt genannten Ursachen des jugendlichen Schwachsinns 
schenkt man meist sehr wenig Beachtung, desto mehr der Masturbation. 
Man begeht hier einen Trugschluss, indem man von der Häufigkeit der 
kindlichen Masturbation unter Schwachsinnigen auf diese als ursächliches 
Moment schliesst. Der Schwachsinnige masturbiert ebenso triebartig, 
wie er Haare zupft, oder Nägel kaut, oder am Rockzipfel zupft, oder 
Schachteln sammelt usw. Ich kenne genug Schwachsinnige, die keinerlei 
angenehme Empfindungen dabei haben, die es nur tun, weil andere es 
ihnen gezeigt haben, weil sie etwas zu tun haben müssen, und da kommt 
ihnen der Penis im Bett sehr gelegen. Wenn die Masturbation die Ur¬ 
sache des kindlichen Schwachsinns sein soll, so muss erwiesen sein, dass 
das Kind vor Beginn der Masturbation vollständig normal gewesen ist; 
die Aussagen der Eltern genügen nicht, denn die Eltern haben immer nor¬ 
male Bonder, ihr Kind ist immer geistig gut entwickelt gewesen. Es 
müssen Gutachten von Fachmännern vorliegen über die Zeit vor der Mastur¬ 
bation, und dann noch ist es schwer zu sagen, weil auch andere Momente 
mitgewirkt haben können. Ich kenne bis jetzt nur einen Fall unter den 
7—800 Idioten meiner Praxis, wo die Masturbation die Ursache des 
Schwachsinns gewesen sein soll. Der Knabe soll mit zwei Jahren 
exzessiv onaniert haben, doch fehlen hier die fachmännischen Angaben 


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Gustav Major 


über die vorherige geistige Gesundheit des Kindes. Die Gefahren der 
Masturbation sind bis heute noch nicht einwandfrei erwiesen, noch viel 
weniger die Schädlichkeit als ursächliches Symptom des Schwachsinns. 

Wenn wir nun zur Prophylaxe übergehen, so wollen wir uns 
an die Ursachen halten und daran die Maßnahmen zur Bekämpfung an- 
schliessen. Denn dass der bis heute beschrittene Weg der einfachen 
Anstaltsbehandlung der Krankheit nicht Einhalt tun kann, ist niemandem 
verborgen geblieben. Auch wenn die Anstalten noch so schön, noch so 
hygienisch einwandfrei gebaut werden, der Schwachsinn wird dadurch 
nie eingedämmt. Es gibt nun zwei Wege der Hilfe: die Selbsthilfe und 
die Hilfe des Staates. Ethisch ungleich höher steht die Selbsthilfe, da 
sie die moralischen und ethischen Kräfte des Einzelnen und der Gesamt¬ 
heit entfacht und die Verantwortung jedem Einzelnen mit überträgt. 
Wenn man immer nach Staatshilfe schreit, so entbindet man den Ein¬ 
zelnen seiner Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber, man verurteilt 
grosse Massen zum ethischen Indifferentsein, was wiederum der staatlichen 
Hilfe eminente Schwierigkeiten entgegenstellt. Was die Gesellschaft ver¬ 
schuldet hat, soll sie versuchen, selbst wieder wett zu machen und erfreu¬ 
licherweise sind in unserem Volke immer noch genug Ansätze dafür vor¬ 
handen, dass man selbst die verloren gegangenen Werte wieder heben will. 
Je mehr man dem Einzelnen auferlegt, desto mehr wachsen seine ethi¬ 
schen Kräfte, desto grösser wird sein Verantwortungsgefühl, desto mehr 
fühlt er sich schuldig an dem allgemeinen Abstieg der geistigen und 
moralischen Gesundheit unseres Volkes, desto energischer wird er seiner¬ 
seits bestrebt sein, in seiner Umgebung frtichtetragend zu wirken. 

Noch ein anderes verpflichtet zur Eigenhilfe. Die Staatshilfe kann 
niemals so allumfassend und durchgreifend wirken, da es die kleinen, 
feinen imponderabilen Ansätze und Veranlassungen nicht treffen kann, 
da seinen Maßnahmen in der Persönlichkeit des Einzelnen immer Schranken 
gesetzt sind. Es müssen dann immer unerfüllte Wünsche bleiben, immer 
wird es Hintertüren und Kautschukparagraphen geben, die eine strenge 
Durchführung der getroffenen Maßnahmen oft illusorisch erscheinen 
lassen. Aus kleinen Ursachen entstehen oft Wirkungen von ungeahnter 
Tiefe und Nachhaltigkeit, die der Staat nicht in den Bereich seiner Vor¬ 
schriften einbeziehen kann. Alle die internen erziehlichen oder zersetzenden 
Einflüsse der engsten Gemeinschaften kann der Staat niemals treffen, er 
würde zu weit die Rechte des Einzelnen beschneiden müssen, was nie 
geduldet werden kann. 

Im Kampf gegen die Degeneration, die tagtäglich mehr um sich 
greift, kann die Eigenhilfe mehr wirken als staatliche V orschrifte 
Jeder, der erkannt hat, dass die Volksgesundheit und -Sittlichkeit sich 
in absteigender Linie bewegen, muss an seinem Teile dahin wirken, dass 
hier Einhalt geboten wird. In erster Linie sind es die Aerzte und 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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Hygieniker, die in gemeinverständlicher Form die Ergebnisse ihrer 
Sammelarbeiten und Forschungen über die Gesetze der physiologischen 
und pathologischen Erblichkeit der breiten Oeffentlichkeit zugänglich 
machen sollen. Das Volk muss erkennen, dass durch zunehmende 
Schwäche der Erzeuger die Erzeugten minderwertig oder geschwächt 
zur Welt kommen, dass die Geschlechtszellen durch Alkoholismus, 
Syphilis, Geistes- und Nervenkrankheiten, Stoflwechselerkrankungen un¬ 
genügend entwickelt sind, dass durch diese Beschädigungen der Keim¬ 
zellen die Frucht selbst nicht normal und gesund sein kann. 

Wenn wir nun auf die intrauterinen Beschädigungen der Frucht 
durch Entzündungen der Hirnhäute oder des Hirnes durch Thrombosen 
und Blutungen oder Geschwülste innerhalb des Hirnes und der Häute 
desselben Bedacht nehmen, so ist ohne Schwierigkeiten jedem verständ¬ 
lich zu machen, dass durch diese Schädlichkeiten das Hirn einer dege¬ 
nerierten Frucht weit eher geschädigt werden kann, als das Hirn einer 
gesunden, widerstandsfähigen Frucht. Die Abstammung von Degenerierten 
schafft im Nervensystem des Erzeugten einen locus minoris resistentiae. 
Diese Wahrheiten müssen Eigentum der breiten Oeffentlichkeit werden, 
dann wird sich schon gar manches ändern. Die ebenso alte, als grund¬ 
falsche Annahme „vom Gesundheiraten“ wird verschwinden, man wird 
über diese Einfalt lachen. Zuzugeben ist, dass das geregelte Leben 
innerhalb der Ehe das Allgemeinbefinden der Ehegatten heben kann, 
aber niemals kann durch den Geschlechtsgenuss die Nervenkraft zu¬ 
nehmen, wie man doch annimmt. Neurasthenische, hysterische, epilep¬ 
tische und andere Geistes- und Nervenkranke gehören in die Behandlung 
des Arztes, aber nie in die Ehe als letzte Möglichkeit der Gesundung. 
Die Ehe ist kein Sanatorium, kein Krankenhaus. Wenn irgend jemand 
einem andern bewusst oder unbewusst und unabsichtlich einen Schaden 
in geistiger oder körperlicher Hinsicht zufügt, wird er als Verbrecher 
bestraft. Was ist es anders, wenn ein Degenerierter ein junges Mädchen 
oder umgekehrt heiratet; schadet er nicht dem andern Teile der Ehe, 
wenn nicht in körperlicher, so doch in geistigerWeise? Und wie viele 
versündigen sich an ihrer Nachkommenschaft. Ist das kein Verbrechen, 
wenn ein notorischer Trinker, oder Syphilitiker seine Kinder körperlich 
und seelisch vernichtet? Das Verantwortlichkeitsgefühl muss nach dieser 
Richtung wachgerufen werden, was am ehesten geschieht durch eine 
umsichtige Aufklärung, die Schritt für Schritt vordringend, das Interesse 
breiter Kreise sucht und die nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. 
Malt man gleich schwarz in schwarz, so ist der Erfolg gleich Null, man 
verlacht den Fanatiker seiner Forschungen und Erkenntnisse und spricht 
ihm die klare Erkennung der Tatsachen im Leben ab. Wozu stehen 
die vielen Präparate in den medizinischen Kliniken im Regal? Nur 
damit sie die Studenten dann und wann ansehen, damit sie irgend jemand 


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Gustav Major 


* 


gelegentlich zu einer wissenschaftlichen Arbeit ausgräbt? Nein, der 

Oeffentlichkeit sind sie zu zeigen, in hygienischen Kursen kann man 

sehr wohl sein Publikum so schulen, dass es nicht zur Befriedigung 

seiner Neugier oder gar noch aus andern, niederen Gründen Kenntnis 

von diesen Präparaten nimmt, sondern dass es von der ehrlichen Absicht 4 

beseelt, etwas zu lernen im Interesse der Allgemeinheit, seine Kenntnisse 

wieder weiteren Kreisen zugänglich macht. 

Wenn die Eltern der Brautleute sich vor der Hochzeit ihrer Kinder 
über beide ein ärztliches Gutachten geben lassen wollen, so würde es 
zwar manche Tränen und Enttäuschungen geben, aber auch die Be¬ 
teiligten würden, sobald sie die Tragweite dieser fürsorglichen Weige¬ 
rung der Eltern erkannt haben, dieselbe gut heissen. Denn ich glaube 
niemals, dass sich zwei Menschen miteinander verbinden wollen, wenn 
sie mit Sicherheit Kummer und Herzeleid zu erwarten haben. Soweit 
muss die hygienische und soziale Erziehung kommen. f 

Da wir aber nicht so lange warten können, bis diese Erkennt¬ 
nisse Eigentum des ganzen Volkes geworden sein werden, ist ein Ehe¬ 
verbot Degenerierter staatlicherseits zu verlangen, welches sich selbst- g 

verständlich immer auf ein ärztliches Zeugnis stützen muss. Jedoch ist 
dies aber keineswegs das Allheilmittel, das alle Minderwertigkeit tilgt, 
trifft es doch alle unehelichen Geburten nicht. Und wenn das Gesetz 
die Ehen Degenerierter verbietet, so wird es genug gewissenlose Men¬ 
schen geben, die in wilder Ehe leben oder sonst für minderwertigen 
Nachwuchs sorgen. Als ultima ratio kann nur die Kastration degene¬ 
rierter Männer und Sterilisation degenerierter Frauen in Betracht kommen. 

Unserm Empfinden ist diese Forderung nocli ungeheuer, unmenschlich, * 

ja barbarisch. Ich kann das durchaus nicht finden. Ebenso wie die 
Gesellschaft verlangt, dass sie geschützt wird vor Geisteskranken und 
Kriminellen, kann sie Schutz verlangen vor minderwertiger und krimi¬ 
neller Nachkommenschaft. In Connecticut und Indiana besteht schon das 
Gesetz der Kastration der Gewohnheitsverbrecher, besonders Notzüchtiger 
und der unheilbar Blödsinnigen. Ein Sachverständigenkollegium — Ver¬ 
waltungsrat der Anstalt, der Oberarzt und zwei Chirurgen — entscheiden 
über die Notwendigkeit der Kastration. Und vor ganz kurzer Zeit ist 
im Staate New York ein Gesetzentwurf angenommen, der die Einrichtung 
einer Behörde bestimmt, die den Titel „Prüfungsamt für Schwachsinnige, 
Verbrecher und andere Minderwertige“ erhalten soll. Sie wird sich aus 
einem Chirurgen, einem Nervenärzte und einem praktischen Arzte zu¬ 
sammensetzen. Diese Aerzte erhalten die Aufgabe, zunächst die Insassen 
der Gefängnisse daraufhin zu untersuchen, ob nach der Gesamtheit ihrer 
Eigenschaften die Gefahr vorliegt, dass sie verbrecherische Neigungen, 
Geisteskrankheit oder Schwachsinn auf ihre Nachkommen fortpflanzen 
können. Im Falle der Bejahung sollen sie dann durch Operation daran 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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verhindert werden. Ausserdem soll im einzelnen Falle auch darüber 
entschieden werden, ob der Geisteszustand solcher Männer durch andere 
chirurgische Eingriffe verbessert werden könnte. — Einige Staaten haben 
also unsere Forderung fast erfüllt? andere werden bald folgen. Was 
hindert uns, es auch zu tun, da bei uns die Verhältnisse keineswegs 
besser liegen? 

Und nun noch die Eigenhilfe des Volkes. Auf breiter Basis müssen 
Bestrebungen einsetzen, das moralische Niveau des Volkes zu heben 
und die Vergnügungssucht, die Gier nach Geld und Reichtum herabzu¬ 
setzen. Das Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen ist zu heben und 
die Selbstbeherrschung zu stählen. Doch nützt hier alles Reden nichts. 
Richtet euch nach meinen Worten aber nicht nach meinen Taten darf 
hier nicht Grundsatz werden. Derjenige, der andern bessere Wege zeigen 
will, muss sich selbst beherrschen gelernt haben, er selbst muss alle seine 
Taten sozial gemessen und ethisch gewertet haben. Er muss selbst den 
andern durch sein Leben den Weg zur reineren, tieferen Genussfähigkeit 
Vorleben. Heute glaubt der ein besonders tüchtiger Mensch zu sein, 
der auf keinem Vergnügen gefehlt hat, der alle sumpfigen Winkel der 
Großstadt kennt, der ohne Gewissensskrupel bestrebt ist, reich zu werden 
auf jeden Fall, aucli um die Existenz anderer. Der Weg, der über 
Leichen seiner Vordermänner geht, ist ein oft begangener. Diese un¬ 
moralische Lebens- und Denkweise bedingt eine moralische Degeneration, 
wenn nicht schon mehr, die im Interesse der Volkssittlichkeit und Volks¬ 
gesundheit tief zu beklagen sind, da sie nicht ohne Wirkung sind auf 
die Zukunft. Kinder, die von solchen Eltern stammen, die in dieser 
Atmosphäre aufwachsen, die diese Strebungen der Eltern mit der Mutter¬ 
milch einsaugen, denen sich die Unmoral vom ersten Tage an aufdrängt, 
müssen ethisch und körperlich und geistig degenerieren. Wenn ein 
Kind körperlich gedeihen soll, so muss es frische Luft und Sonnenlicht 
haben, wenn ein Kind ethisch sich normal entwickeln soll, so bedarf 
es erst recht reiner Luft, Licht und Sonnenschein. Mehr Achtung vor 
den Rechten anderer, mehr Verantwortlichkeitsgefühl, mehr Selbstbe¬ 
herrschung, reine edle Freuden, das sind die Wege der Regeneration. 

Sehr eng mit der Degeneration ist der Alkohol verbunden, ja man 
kann sagen, dass er in vielen Fällen die Ursachen der geistigen, sitt¬ 
lichen und körperlichen Verwahrlosung ist. Genau so, wie durch die 
Degeneration im allgemeinen die Keimzellen geschädigt werden, wirkt 
der Alkohol nachteilig auf dieselben. Diese Wirkung tritt nun aber 
nicht erst ein, wenn der Betreffende ein notorischer Trinker mit täglichem 
Rausch ist, sondern weit früher. So ist es zu verstehen, dass Erst¬ 
geborene unter den Nachwirkungen des in den Hochzeitstagen genossenen 
Alkohols minderwertig oder nervenschwach werden. Eine einzige starke 
Alkoholisierung genügt, um die Keimdrüse momentan zu schädigen; tritt 


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jetzt eine Konzeption ein, so kann sehr wohl ein Minus in irgend einer 
Form sich geltend machen. Beim Alkoholisten finden wir Herzfehler, 
Erkrankungen des Nervensystems, Arterienverkalkung, Leberkrankheiten. 
Diese Erkrankungen setzen die Leistungsfähigkeit eines Menschen herab, 
sie degenerieren den Körper und schädigen so die Nachkommen. 

Der Kampf gegen den Alk ohol ist so unendlich schwer, weil man 
mit der so viel gepriesenen Massigkeit die Erfolge herabsetzt. Was ist 
denn mässig ? Der eine verträgt viel — er glaubt bei 6—8 Halben noch 
mässig zu sein, — der andere verträgt wenig, und beide glauben, dass 
keinerlei Schaden für ihre Gesundheit zu befürchten sei. Auf keinen 
Fall können sie sich zu der Ansicht bekennen, dass ihre Nachkommen 
ev. geschädigt werden könnten. Ihnen ist auch nicht verständlich zu 
machen, dass auch ganz geringe Quantitäten Alkohol, täglich in der¬ 
selben Dosis genossen — Dämmerschoppen — den Körper schädigen, 
auch ohne dass sie es merken, dass ihr Körper widerstandslos wird, dass 
ihre Nervenkraft sinkt, und dass auf Grund dieser allgemeinen Schwächung* 
des Körpers kein gesundes Geschlecht erblühen kann, auch dann nicht, 
wenn wir von den direkten Schädigungen der Keimzellen noch ab- 
sehen wollen. 

Allgemein gehaltene Belehrungen und Aufklärungen nutzen sehr 
wenig, der gelegentliche Kampf gegen den Alkohol zersplittert sich, 
viel schärfer und besser organisiert muss der Angriff auf ganzer Linie 
einsetzen. Zahlen beweisen, ihnen mit ihrer Nüchternheit glaubt man 
immer noch, wenn man auch diese Beweise als von Fanatikern künstlich 
aufgerichtet hinzustellen sich bemüht. Nach Scholz fallen 180000 Ver¬ 
gehen und Verbrechen jährlich in Deutschland ganz oder teilweise dem 
Alkohol zur Last, 1300 Unglücksfälle, 1600 Selbstmorde, 30000 De¬ 
liranten und andere Geisteskranke verdanken ihm ihr Leiden, und 
32000 Menschen versinken mit seiner Hilfe in Armut. Dies gewaltige 
Elend durch den Alkohol! Und dazu sind diese Zahlen noch nicht 
einmal erschöpfend, weil viele Menschen eben de^i Strafrichter streifen, 
andere nicht in öffentliche Armenpflege oder in öffentliche Kliniken 
kommen. Sehr viele lassen sich privatim behandeln. Also noch weit 
grössere Zahlen würden wir haben, wenn wir diese Menschen alle mit 
in Anrechnung setzen wollten. 

Diese Zahlen reden eine deutliche Sprache: Der Alkoholgenuss ist 
nicht private Angelegenheit des ~ Einzelnen, sondern eine sehr ernste 
Sache der Allgemeinheit. Es kommt gar nicht darauf an, ob Müller oder 
Bierhuber ein oder zwei Maß Bier mehr oder weniger trinkt, ob einer 
einige Schoppen Wein mehr trinkt oder nicht, die Alkoholfrage ist ein 
soziales Problem erster Ordnung, an dessen Lösung jeder einzelne mit- 
arbeiten soll und muss. Jeder einzelne soll durch sein Beispiel vor¬ 
bildlich wirken, damit es dieser oder jener in seinem Büro, in seiner 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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Werkstatt, in der Fabrik oder sonstwo auch versucht, mit weniger Al¬ 
kohol auszukommen. Und hei öffentlichen Festen, bei Gesellschaften 
und Familienfeiern kann doch heute schon jeder mit Wasser oder stark 
verdünntem Wein sogar den Kaisertoast ausbringen. Ein Beispiel kann 
da oft mehr Nachahmung finden, als man glaubt, gibt es doch genug 
Menschen, die an sich gar nichts nach starkem Trinken fragen, die aber 
allein den Mut nicht finden, es öffentlich zu tun. Aber auch der Al¬ 
koholiker kann indirekt Gutes wirken, wenn er, der nun einmal nicht 
von seiner Unmässigkeit lassen will, den Nichttrinkenden wenigstens nicht 
verspottet und verhöhnt ob seiner Abstinenz; es ist doch wahrlich mann¬ 
hafter, unter lauter Alkoholikern nicht zu trinken, als den einen zu ver¬ 
ulken. Man wirft den Antialkoholikern gern Intoleranz vor, nun ich 
weiss nicht, was toleranter ist, den Alkoholiker trinken zu lassen oder 
den Nichttrinkenden zu verhöhnen. Selbstverständlich soll der Anti¬ 
alkoholiker sich nun und nimmer desselben Vergehens schuldig machen, 
trotzdem sein Vorgehen ein segensreiches ist, nur aus dem einfachen 
Grunde, weil er unter allen Alkoholikern niemals Erfolg haben wird, 
er arbeite in der Stille. 

Wenn sich die Aerzte entschiiessen könnten, den Alkohol von ihrer 
Drogenliste zu streichen, wenn sie in ihrer Praxis allen durch Alkohol 
Geschädigten das weitere Trinken verbieten wollten, so kämen wir rüstig 
voran. Aber das will immer noch nicht gehen, weil viele Aerzte glauben 
— und es ist in Wahrheit auch so — dass sie manchen Patienten ver¬ 
lieren werden, wenn sie ihm den Wein oder das Bier untersagen, wenn 
sich aber viele Aerzte finden würden, so müsste es gehen. Es ist eine 
alte Ausrede der Alkoholiker, dass die Aerzte es gestatten. Gewiss, ein 
wenig Alkohol schadet nicht viel, aber was ist wenig? Niemand wird 
jemals den Alkohol von der Erde vertilgen, es ist auch gar nicht nötig, 
nur müssen die Menschen besser erzogen werden, dass sie sich mehr in 
der Gewalt haben. 

Welche Schädlichkeiten der Alkohol anrichtet, beweist wieder die 
Sterblichkeitstabelle: In Bayern, dem gesegneten Lande der Maßkrüge, 
wurden im Jahre 1910 237 000 Kinder geboren, darunter waren 6500 Tot¬ 
geburten, 69 000 starben im ersten Lebensjahre, von 1000 Geborenen 
erreichten nur ungefähr 700 das zweite Lebensjahr. Genau so war die 
Kindersterblichkeit in Norwegen vor ungefähr 80 Jahren, als noch in 
jedem Hause die Destillierblase stand und der Alkoholverbrauch fast der 
grösste in Europa war. Heute, wo Norwegen zu den nüchternsten Län¬ 
dern gehört, ist sie auf 60—80 pro 1000 gefallen. — Kann man da den 
Zusammenhang der Kindersterblichkeit mit dem Alkohol noch leugnen? 

Wer aber trotz aller Belehrungen nicht von seinem Maßkrug lassen 
kann, den soll die Gesellschaft dazu zwingen. Ich kann auch wiederum 
in dieser Maßnahme keinen Eingriff in die persönliche Freiheit des Ein- 


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zelnen sehen. Die Gesellschaft hat das Recht, diejenigen unschädlich 
zu machen, die gesellschaftsfeindlich sind, die der Gesellschaft schaden. 
Schadet nun der Alkoholiker der Gesellschaft nicht ebenso sehr wie der 
Verbrecher? Interniert man diese, warum jene nicht? Ich sehe in einer 
Trinkerzwangserziehung darum nichts Unrechtes. Wer absolut sich be¬ 
trinken muss, dem nehme man zwangsweise die Möglichkeit dazu durch 
die Trinkerzwangserziehung. Gemeint sind Anstalten, die auf der Basis 
der freien Arbeitsgemeinschaften jedem sein Recht lassen, die sogar jeden 
verpflichten, an seinem Teile und seinen Fähigkeiten entsprechend für 
seinen Unterhalt und die auf ihn entfallende Quote des Betriebes zu 
zu verdienen. Wenn der Staat diese Maßnahme einführen wollte, würde 
es bald keine unmässige Trinker mehr geben. Wer zwei Jahre in 
der Anstalt gewesen ist, wird probeweise entlassen, bewährt er sich, 
bleibt er frei, im anderen Falle wird er wieder interniert, und diesmal 
länger. 

Ein anderes Gesetz, das vielleicht weniger grausam ist, das da¬ 
durch vielleicht mehr Anhänger finden könnte, wäre ein solches, das den 
Alkoholausschank beschränkt, das denjenigen bestraft mit hohen Geld- 
und Freiheitsstrafen im Wiederholungsfälle, der Betrunkenen noch weiter 
Alkohol verabreicht, oder der einem Gaste soviel Alkohol gibt, dass er 
betrunken wird. Dieses Gesetz darf sich aber nicht nur auf Gastwirte 
beschränken, sondern muss auf den privaten Alkoholkonsum ausgedehnt 
werden, wenngleich hier die Kontrolle erschwert ist. Weiter kann der 
Staat helfen, indem er weniger freigebig in der Erteilung der Schank¬ 
konzessionen ist. Auch die Ausbeutung des Alkoholikers durch das 
Grosskapital, das nur seinen Vorteil — Erhöhung des Konsums — im 
Auge hat, muss staatlicherseits lahmgelegt werden. Daneben muss sich 
der Staat für verpflichtet halten, die Bestrebungen des Kampfes gegen 
den Alkohol zu unterstützen, und seinerseits soll er Sorge träger für eine 
Aufklärung im grössten Stile. 

Der Kampf gegen den Alkohol muss in erster Linie versuchen, die 
Jugend für sich zu gewinnen. Auch da kann der Staat sehr wohl ein 
Gesetz erlassen, welches den mit hohen Strafen belegt, der Kindern und 
Jugendlichen Alkohol verabreicht. Es liegt der Jugend gar nicht, 
sich in alkoholistischen Orgien zu ergehen; sie will etwas ganz anderes, 
und nur in dem völligen Fehlen dieser Kinderfröhlichkeit sucht sie andere 
Genüsse, und weiter sind wir selbst daran schuld, wenn wir unseren 
Kindern ein so schlechtes Vorbild sind. Doch über diese erziehlichen 
Maßnahmen später. 

Derselbe Volksfeind ist die Syphilis. Auch hier soll die Eigenhilfe 
der Staatshilfe vorausgehen. Aufklärung und Belehrung über die Ge¬ 
schlechtskrankheiten stehen in erster Linie. Es ist kaum glaublich, wie 
unwissend selbst gebildete Menschen auf dem Gebiete der Geschlechts- 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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krankheiten sind. Viele halten eine syphilitische Infektion für nicht 
schlimmer als irgend eine andere Infektion, sie legen daher wenig Wert 
auf eine sachgemässe sofortige Behandlung, verschleppen die Krankheit, 
fallen schliesslich Pfuschern in die Hände und erschweren dadurch die 
Heilung, wenn diese nicht sogar unmöglich gemacht wird duroh diesen 
sträflichen Leichtsinn. In gewissen Kreisen gilt es als besonders tüchtig, 
wenn einer oft geschlechtlich erkrankt war. Der „Kavaliertripper 14 ist 
keine erfundene Geschichte. Wenn so mancher Mann wüsste, was es mit 
einer syphilitischen Infektion auf sich hat, dass er sich, seine Frau und 
seine Kinder zeitlebens schädigen kann, dass er sie seelisch und körperlich 
ruiniert, dass er durch seine Ausschweifungen der Mörder seiner Familie 
werden kann, mancher würde sich doch wohl überlegen, ob er einer 
augenblicklichen sexuellen Reizung folgen und zu einer Prostituierten 
gehen soll. Die Aufklärung allein tut es nicht, wie wäre es denn möglich, 
dass gerade junge Studenten der Medizin so häufig infiziert werden, die 
doch den Emst der Sache kennen? 

Wir müssen wohl oder übel den Schutz gegen die Infektionen besser 
organisieren. So lange wir die Infektionsmöglichkeit nicht auf das denk¬ 
bar niedrigste Maß herabdrücken, werden wir nicht helfen können. Die 
bis jetzt geübte Kontrolle der Mädchen genügt nicht, es muss die Kon¬ 
trolle auch auf die Männer erstreckt werden, um die Prostituierten selbst 
vor Infektionen zu schützen. Sie haben dasselbe Recht geschützt zu 
werden, wie der Mann. Es liesse sich ohne viel Schwierigkeiten in 
jedem Bordell ein Sanitätsbeamter stationieren, der die Männer bei 
ihrem Eintritt untersucht. Das kann sehr dezent gehandhabt werden. 
Wer infiziert ist, muss gezwungen werden zu einer öffentlichen Behand¬ 
lung, wenn er nicht die Garantie erbringt, dass er sich privatim sach- 
gemäss behandeln lässt. Und über die Kosten braucht man sich gar 
nicht zu unterhalten, die werden von den Bordellbesuchem aufgebracht. 
Für den Mann ist es leicht, dass er während der Zeit der Infektion 
sich jeglichen Geschlechtsverkehrs enthält, was macht aber die Pro¬ 
stituierte? Wovon lebt sie? Es muss eine neue Art Fürsorge ein- 
setzen, die grosszügig genug ist, den Mädchen ihren Beruf nicht 
immer vorzuhalten, die nicht in pietistisch frömmelnder Weise mit 
der körperlichen Krankheit auch die Seelennot der Prostituierten beseitigen 
will. Ich weiss, dass viele wussten, dass sie infiziert waren, aber trotz¬ 
dem weiter ihren Beruf ausübten, „weil sie doch nicht verhungern können 44 . 
Man sollte anstatt immer nur verächtlich auf diese Wesen herabzusehen, 
versuchen, ihnen zu einer höheren Auffassung ihres Berufes zu verhelfen, 
denn die Prostituierte kann sehr wohl veredelnd auf die Männer wirken, 
die z^j ihr kommen, sie kann der tierischen Brunst steuern und den 
ganzen Akt auf eine sittlich viel höhere Stufe heben. Man redet so viel 
vom Retten dieser Mädchen, und weiss gar nicht, ob sie sich retten 


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lassen wollen. Im Retten liegt m. E. gar nicht die Aufgabe der Arbeit 
an diesen Menschen, sondern darin, dass wir für menschenwürdige Ver¬ 
hältnisse sorgen, dass wir das Verantwortungsgefühl dieser Mädchen 
schärfen, dass die Frauen sich entschliessen, in ihnen auch Angehörige 
ihres Geschlechtes zu erblicken, denn wenn die Prostitution eine Not¬ 
wendigkeit ist, muss sie zur Institution erhoben werden. Geben wir 
aber der Prostituierten eine menschenwürdige Stellung, so wird sie dies 
zu würdigen wissen, so werden sie sich in den Rahmen der Gesellschaft 
selbst eingliedern, deren Schutz sie gemessen. In demselben Maße, wie 
wir zu einer Reform der Ehe kommen, wird die Prostitution aufhören 
volkszersetzend zu wirken. Unsere Ehe muss ebenfalls auf ein höheres 
sittliches Niveau gehoben werden, dass sie das Ziel der jungen Menschen 
zu bilden vermag. 

In gleicher Linie steht die Aufklärung über die künstlichen Anti- 
konzeptionsmittel. Die meisten, die sich derselben bedienen, glauben 
gegen Ansteckung und Elternschaft gesichert zu sein. Das ist nun beides 
nicht der Fall. Der Kordon schützt günstigstenfalls vor einer Konzeption, 
die Ansteckungsgefahr bleibt bestehen; sie wird sogar vergrössert, 
weil der Mann sich sicher fühlt und vielleicht die anderen notwendigen 
Reinigungen unterlässt. Noch unsicherer sind die chemischen Mittel, 
welche Ansteckung und Konzeption auf chemischem Wege verhindern 
sollen, aber beides nicht tun, da trotzdem Syphilisgift in die Harnröhre 
oder in eine kleine Wunde ein dringen kann. Weiter sind alle diese 
Mittel eine Gefahr, weil sie zur häufigen Ausübung des Geschlechtsaktes 
die Veranlassung sind, wodurch schon an sich eine gesundheitliche 
Schädigung herbeigeführt werden kann. Der am meisten schädigende Ein¬ 
fluss ist aber der moralische, indem jedes Verantwortungsgefühl herab¬ 
gedrückt wird und der Geschlechtsakt zu einer sinnlich-tierischen Be¬ 
friedigung herabsinken muss, andererseits der Ausbreitung der Geschlechts¬ 
krankheiten Vorschub geleistet wird. 

Der Kampf gegen die Syphilis wird aber solange erfolglos bleiben, 
solange der Alkoholismus nicht sieghaft bekämpft ist, da die meisten 
sexuellen Exzesse im Alkoholrausch begangen werden. Ein normaler 
Mann wird wohl kaum zu einer Prostituierten gehen, er tut es bei 
beschränkter Selbstbestimmung und Urteilsfähigkeit. Ich habe stets, 
wenn ich von einer Infektion hörte, nach den Begleitumständen gefragt 
und fast immer die Antwort erhalten: es war nach einer durchkneipten 
Nacht, nach einem Herrenessen, nach einem Kommerse, nach einem Fest¬ 
akt usw. Der Kampf gegen Alkohol und Syphilis müssen Anfang und 
Ende aller Aufklärungen und Belehrungen sein. 

Die Tuberkulose kann ev. auch Schwachsinn auslösen, weshalb 
auch hier anzugreifen ist. Belehrung kann schon viel Gutes wirken, 
wenn man auf mehr Reinlichkeit, peinliche Beseitigung des Auswurfes, 


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frühes' Auf suchen des Arztes, Vermeiden von Einatmen schlechter Lnft, 
Beachten von Erkältungen, Vermeiden starker Erhitzung usw. Gewicht 
legt. Gerade die Schwindsüchtigen sind die Kranken, die wohl am 
wenigsten von dem Ernst ihrer Krankheit wissen wollen, sie alle wollen 
nicht glauben, dass sie ernstlich krank sind. Dazu kommt noch, dass 
gerade sie sexuell sehr leicht erregbar sind, was doppelte Schädlichkeiten 
nach sich zieht, in Hinsicht auf das Kind und auf die eigene Gesund¬ 
heit. — Auch der Staat muss eingreifen, er muss für die Patienten sorgen, 
muss verlangen, dass jeder in Behandlung geht, und dann muss er es 
sich angelegen sein lassen, nicht alle Grade der Erkrankung in einem 
Sanatorium zu verpflegen. Die leichter Kranken gesunden nicht, weil 
sie seelisch so entsetzlich leiden. Sobald ein neuer Patient ankommt, 
interessiert man sich für den Grad seiner Erkrankung, man hört auf 
sein Jammern und unterhält sich nur von den Leiden der Patienten. 
Fehlt einmal einer bei Tisch, so beunruhigt das viele, man forscht nach 
dem Grunde und findet immer eine Verschlimmerung des Zustandes. 
Sieht jemand einmal schlechter aus, so fühlt er sich veranlasst, jedem 
sein Leid zu erklären, und auf diese Weise kommen die Patienten nicht 
zur Buhe. Unheilbar Kranke sind dauernd und abgesondert von den 
andern zu verpflegen. — Wohnungsinspektionen sind einzurichten, die 
der Gesundheitspolizei diejenigen Wohnungen bezeichnen, die gesundheits¬ 
widrig sind. Eine rationelle Bodenreform muss das Spekulieren mit 
Grund und Boden unmöglich machen, da das Grosskapital nur den einen 
Gesichtspunkt hat, den Boden in seinem Werte zu steigern, was eine 
erhebliche Steigerung der Mieten zur; Folge haben muss. So müssen 
sich viele Menschen mit minderwertigen Wohnungen begnügen. Durch 
die Kurzsichtigkeit vieler Stadtverwaltungen sind die freien Plätze inner¬ 
halb der Stadt verschwunden, für ihre Wiederbeschaffung ist Sorge zu 
tragen. Die Fabriken sind an die Peripherie der Städte zu verlegen. 
Spielplätze für die Jugend sind zu schaffen. Grosse Aufgaben!! Wann 
kommt ihre Verwirklichung? 

Nunmehr hätten wir der Schädlichkeiten des kindlichen Hirnes zu 
gedenken, die durch Verletzung der graviden Mutter oder eine verlang¬ 
samte Geburt bedingt werden. Die Natur hat schon fürsorglich die 
Frucht im Mutterleibe geschützt, doch kann die Mutter selbst durch 
Ueberanstrengung sich und dem Kinde schaden. Wenn auch eine körper¬ 
liche Arbeit während der ersten Monate der Schwangerschaft nicht 
schadet, so ist selbige innerhalb der letzten drei Monate einzustellen. 
Die Bestrebungen des Mutterschutzes gehen dahin, aber wenn nicht 
grosse Mengen des Volkes dieselben Forderungen stellen, so kommen wir 
nicht schnell genug weiter. Gewiss, es ist schon etwas erreicht, wenn 
Arbeiterinnen vor und nach Niederkunft im ganzen acht Wochen nicht 
beschäftigt werden dürfen. Dir Wiedereintritt in die Arbeit ist an einen 
Ze itschrift für Psychotherapie. VII. 16 


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Ausweis geknüpft, dass seit ihrer Niederkunft wenigstens sechs Wochen 
vergangen sind. Zwei Wochen entfallen davon auf die Gravidität. Viel 
zu wenig. Und die Heimarbeiterinnen werden davon alle nicht betroffen. 
Krankenkassenmitgliedern wird im Fall einer Entbindung ein Kranken¬ 
geld sechs Wochen lang gewährt. Alles ganz gute Ansätze, doch was 
soll eine Frau mit dem wenigen Krankengelde beginnen. Schon vorher 
braucht sie Geld? mehr Geld, um sich gut zu nähren und alles für die 
Entbindung herzurichten. Eine neue Versicherung muss eingeführt werden, 
die den Müttern in dieser Zeit das nötige Geld gewähren. Karlsruhe 
ist bahnbrechend vorgegangen durch eine Mutterschaftskasse, die allen 
Versicherten je nach der Länge der Mitgliedschaft 20, 30 oder 40 Mark 
ausbezahlt. Diese Anfänge bedürfen weiterer Unterstützung. Die Selbst¬ 
hilfe allein genügt nicht, ein Gesetz ist zu erlassen, welches Arbeitgeber 
und Arbeitnehmer zu Beiträgen verpflichtet. Ruhe während der Schwanger¬ 
schaft ist das beste Prophylaktikum gegen Frühgeburten. 

Eine gravide Frau bedarf mehr als jede andere Person des Schutzes 
der Gesellschaft. Mehr Achtung und Ehrfurcht vor der Frucht im Mutter¬ 
leibe muss dem Volke eingeimpft werden. Wenn auch zuzugeben ist, 
dass nach unsern heutigen Begriffen, eine gravide Frau kein ästhetisch 
schöner Anblick ist — es war nicht immer so, z. B. während der 
Renaissance — so muss man doch einem Wesen, das unter grossen 
persönlichen Unbequemlichkeiten, Unannehmlichkeiten und Schmerzen 
zur Erhaltung der Rasse beiträgt, mit grosser Achtung begegnen, alles 
Schimpfen, Höhnen, Schlagen und Stossen ist ernstlich zu unterlassen. 
Wenn solch ein Rohling nur immer daran denken wollte, dass er auch 
diesen Werdegang gegangen ist, dass seine Mutter, Schwester und Frau 
in dieselbe Lage kommen, und was er sagen würde, wenn sich ein 
brutaler Patron in gemeiner Weise an diesen vergriffe, mit einem Schlage 
wären viele Angriffe auf gravide Frauen unmöglich gemacht und diese 
geschützt. Dies Gefühl der Achtung muss grossgezogen werden. 

Sehr im argen liegt die Hebammenfrage. Wie viele Hebammen 
verschulden durch ihren sog. Ehrgeiz, durch schreiende Unwissenheit, 
durch Leichtsinn eine Schwergeburt mit ihren Nachteilen für Mutter 
und Kind. Wie oft glaubt die Hebamme das Kind selber holen zu 
können, was sie nicht soll und darf. Solange wir nicht gebildete Frauen 
als Hebammen haben, werden diese Klagen nicht aufhören. Dass sich 
keine gebildete Frau diesem Beruf widmen will, liegt nicht an der Nicht¬ 
achtung desselben an sich, denn es ist mindestens so verantwortungs¬ 
schwer und Umsicht fordend, einer Mutter und ihrem Kinde gerecht zu 
werden, als einen Kranken zu pflegen. Der Grund liegt nur in der 
minderen Wertschätzung der Personen, die den Beruf ausüben, es besteht 
nun einmal ein Vorurteil gegen diesen Stand; das ist absurd, aber nicht 
von heute auf morgen zu beseitigen. Jede Mutter wünscht sich wohl 


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Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


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während der Entbindung und nachher eine liebevolle, gebildete Frau, 
die es versteht, ihr die Unannehmlichkeiten leicht zu machen durch ein 
freundliches anteilnehmendes Wort, durch zarte Behandlung. Aber wenn 
diese Hebamme nach der Zeit ihrer beruflichen Arbeit mit derselben 
Dame, die sie jetzt so geschätzt hat, gesellschaftlich verkehren wollte, 
so würde man ob dieser Anmassung sprachlos sein. Verbannen wir 
unser Vorurteil, und wir bekommen gebildete Hebammen, deren Vorzug 
sonnenklar zutage liegt. 

Wenden wir uns jetzt zu der Prophylaxe der erworbenen Ursachen. 
Kinder belasteter Eltern sind Schädlichkeiten viel eher ausgesetzt, als 
Kinder gesunder Eltern, da die schlummernde erbliche Anlage den Schäd¬ 
lichkeiten nicht so spannkräftig gegentibersteht wie eine widerstandsfähige 
gesunde Psyche. Der geringere psychische Widerstand der Kinder be¬ 
lasteter Eltern wirkt somit verstärkend beim ev. Ausbruch einer Geistes¬ 
krankheit, so dass alle die prophylaktischen Maßnahmen hier in Betracht 
gezogen werden müssen, welche auf eine Hebung der Gesundheit der 
Erzeuger hinausläuft. Sodann ist insbesondere auf eine rationelle, Körper 
und Geist berücksichtigende Erziehung Bedacht zu nehmen. Wir müssen 
bestrebt sein, den Kindern all das zu bieten, was eine gesunde Volks¬ 
hygiene als notwendig und führend anerkannt hat. Da steht nun wieder 
die Wohnungsreform und die Frauenarbeit obenan. Der Aufenthalt in 
dumpfen, schlecht ventilierten, niedrigen, kalten feuchten Schlaf- und 
Wohnzimmern ist dem Ausbruch oder der Ausbreitung der Rachitis 
förderlich. Es ist doch wahrhaftig unserer Zeit unwürdig, in der man 
gern in alle Welt die Forderung hinausträgt: Jedem Deutschen wöchent¬ 
lich sein Bad, und in der lange nicht jedes Kind seine eigene Lager¬ 
stätte hat. Es kann sich kein Mensch gesund entwickeln, nicht körper¬ 
lich, nicht seelisch, der mit 1—3 Personen, Kindern und Erwachsenen 
das Bett teilen muss. Weiter ist die Säuglingspflege und Ernährung 
besser zu organisieren und zu kontrollieren, sie dürfen nicht diesem oder 
jenem Vereine oder Privatversonen beliebig überlassen werden. Hier 
bieten sich so viel neue Frauenberufe; unsere gebildeten Frauen schreien 
nach Arbeit, hier bietet sie sich ihnen an in einer ihrem Wesen ent¬ 
sprechenden Form. 

Wenn einmal die gewerbliche Frauenarbeit beschränkt oder gar 
verboten sein wird, wenn die Frau dem Hause wiedergegeben ist, dann 
werden auch mancherlei Ursachen schwinden, die der Entwicklung des 
jugendlichen Schwachsinns förderlich sind. Diese Frage der Aufhebung 
der Frauenarbeit ist aber nicht so leicht gelöst, denn mit dem Momente, 
wo die Frau nicht mehr gewerblich sich betätigen darf, ist sie noch 
lange keine Hausfrau geworden. Ich kenne viele Frauen, die absolut 
nicht dazu zu bewegen waren, zu Hause zu bleiben, sie wollen nichts 
mit der Wirtschaft zu tun haben, weil sie nichts davon verstehen. Unsere 


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Mädchen müssen besser hauswirtschaftlich erzogen werden, damit sie 
einst, wenn sie heiraten, auch wirklich einen Haushalt führen können. 
Aber gesetzt den Fall, wir hätten die Mutter auch als Hausfrau wieder 
im Hause, so würde unsere Jugend besser beaufsichtigt und vor allem 
beschäftigt sein. Man sehe sich doch die Jugend der Großstadt an, die 
meiste Zeit verbringt sie auf der Strasse; dass sie da nach jeder Rich¬ 
tung gefährdet ist, weiss jeder; uns interessiert nur das eine, dass 
durch das Unbeschäftigtsein beim Schwachsinnigen Zeiten erhöhter Auf¬ 
nahmefähigkeit ungenutzt vorübergehen. Im Leben jedes Schwachsinnigen 
gibt es solche Lichtblicke, Zeiten erhöhter Bildungs- und Aufnahme¬ 
fähigkeit. Lässt man sie ungenutzt vorüberstreichen, so wird das Kind 
benachteiligt, und man weiss nicht, ob jemals eine ähnliche Zeit wieder¬ 
kommt und ob man nicht durch diese Unterlassung das Kind zum tiefsten 
Schwachsinn verdammt. Sobald der Geist eines Schwachsinnigen nicht 
stetig angeregt wird, muss er verflachen, veröden und versiegen, nur 
Uebung stählt die schwachen Kräfte. Uebung und Gewöhnung sind das 
Geheimnis der Erziehung Schwachsinniger. Dass die ständige Beschäfti¬ 
gung und Beaufsichtigung daneben noch andere Vorteile in sich birgt, 
bedarf keiner besonderen Erwähnung, nur das sei noch gesagt, dass fast 
alle gesellschaftsfeindlichen Triebe und Strebungen durch Uebung in so¬ 
ziale umgewandelt werden können. 

Unsere Erziehung muss weiter darauf Bedacht nehmen, dass unserer 
Jugend wieder Ehrfurcht vor der Persönlichkeit und Arbeit anderer, 
Achtung, ja Hochachtung vor grossen Männern und Frauen unseres 
Volkes, Selbstbeherrschung und freiwillige Unterordnung unter die be¬ 
stehenden Ordnungen der Gesellschaft eingeprägt werden. Unsere Jugend 
heute ist blasiert, stets fertig im Urteil über die Taten anderer, streng 
in diesem Urteil, dagegen milde gegen sich, anmassend, herschsüchtig, 
anspruchsvoll und oft unzufrieden. Wir selbst sind daran schuld, die 
wir glaubten, unsern Kindern einen grossen Gefallen zu erweisen, wenn 
wir ihnen alles gestatten, wenn wir ihnen fast dieselben Rechte ein¬ 
räumen, die wir selbst haben. Das ist der Fluch der so verlockend 
gepriesenen Erziehung zur Freiheit des Willens. Ausleben aller An¬ 
lagen und Kräfte. Gewiss, wir sollen in der Erziehung alle Kräfte der 
Kinder beachten und zur Blüte zu bringen versuchen, sofern es sich 
lohnt und Segensreiches daraus zu erwarten steht. Aber unter allen 
Umständen dem Kin de seinen Willen lassen — ausgehend von dem 
Gedanken, dass das Kind eine fertige Wesenheit für sich ist — muss 
immer in die Irre führen zum grössten Nachteile des Kindes selber. Es 
kommt in die Schule des Lebens, und da gibt es kein Durchsetzen seiner 
eigenen Wesenheit, sondern ein Sichfügen unter die bestehenden Ord¬ 
nungen. Ebenso falsch ist aber die alte Pädagogik des unbedingten Ge¬ 
horsams, dessen Richtschnur der nicht ganz wahre Satz ist: Wer nicht 


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gehorchen gelernt hat, kann nicht befehlen. Man kann auch sagen: 
Wer nur gehorchen gelernt hat, kann deshalb noch lange nicht befehlen. 
Der Mittelweg wird uns weiterbringen, wenn wir der Wesenheit des 
Kindes folgend, seinen Willen versuchen umzubiegen, einzulenken und 
auf das Gute zu richten, ohne dem Kinde Zwang anzutun. Wenn man 
dem Kinde von klein auf sagt, dass es nichts zu wollen hat, so braucht 
man sich nicht zu wundern, wenn man später die wenig entschlussfähigen 
Menschen sieht, die immer erst einer Weisung von irgend jemand be¬ 
dürfen, ehe sie etwas tun. Selbst unser politisches Leben krankt an 
dieser Unterordnung. 

Niemals soll man, wenn ein kleines Kind einen Wunsch äussert, 
sagen: Nein, das geht nicht, sondern man versuche das Kind durch eine 
andere Beschäftigung auf andere Gedanken zu bringen, was sehr leicht 
ist. So lernt das Kind bald seihst, was es darf und was man besser 
unterlässt; es ordnet sich selbst ein und hat für später grosse Vorteile, 
wenn es sich stets einfügen kann, ohne dabei sklavisch nach links und rechts 
schauen zu müssen. Unsere Pädagogik kann also nur von dem Umbiegen 
und nicht vom Brechen des kindlichen Willens eine Besserung erwarten. 

Ein so erzogenes Kind kann auch ohne Sorge freien Umgang mit 
dem anderen Geschlecht haben, es weiss, was man tut und was nicht. 
Ist unser Umgangston mit den Kindern dazu ein fröhlich-offener, freier, 
harmloser und dezenter, so kann es keine Verstösse gehen. Man unter¬ 
schätze in der Erziehung nicht das wichtige Moment der Nachahmung. 
Kinder sind die besten Nachahmungskünstler; was Vater und Mutter 
einmal taten oder sagten, tut und sagt das Kind gewiss wieder nach. 
Hört und sieht das Kind nun nur Gutes, so weiss ich keine Gefahr 
mehr zu entdecken. 

Das wichtige Gebiet der sexuellen Aufklärung können wir hier 
auch nur streifen. Auf das Bestimmteste jedoch müssen wir hcraus- 
stellen, dass diese niemals eine schulmässig-lehrplanmässige sein kann, 
dass die Schule nicht berufen ist, hier zu wirken. Die Aufklärung ist 
Sache der Eltern, der Mutter. Mit den ersten Aufklärungen wird man 
schon im sechsten Jahre beginnen müssen. Der weiteren objektiven Auf¬ 
klärung, die die physiologischen Vorgänge der Befruchtung, des Wachs¬ 
tums der Frucht, der Geburt, der Geschlechtsteile seihst umfasst, kann 
die Schule sehr wohl Vorarbeiten im naturkundlichen Unterrichte. Mehr 
soll sie nicht tun, als vorbereiten. Die subjektive Seite der Aufklärung, 
zu der die Wirkungen des Geschlechtstriebes, die Schwangerschaft, Ge¬ 
schlechtskrankheiten gehören, kann ein Arzt übernehmen, da er den 
jungen Menschen eine Autorität ist, von dem sie gern eine Belehrung 
annehmen. Bei diesen Aufklärungen kann man auch die Masturbation 
und ihre Folgen streifen — doch hier Vorsicht, nicht schwarz in schwarz 
malen, was jedesmal den entgegengesetzten Erfolg hat. 


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246 Gustav Major: Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. 


Die ins Ungemessene gestiegene Vergnügungssucht von gross und 
Mein überhitzt die Phantasie der Kinder und lenkt diese auf Dinge, die für 
ihr Alter und ihre Gesundheit Gift sind. Die Vergnügungen der Erwachsenen 
eignen sich nicht für die Kinder, auch dann nicht, wenn man die Dosis 
etwas verringert. Man schaffe den Kindern wieder kindliche Vergnügungen, 
lasse sie Kind sein ohne Theater, Konzert, Klavierstunden, Malstunden usw. 
und wird finden, dass die Kinder ohne Romane, Gesellschaften, Bälle usw. 
besser gedeihen als mit ihnen. Und später werden die Kinder diese Ver¬ 
gnügungen besser zu würdigen verstehen. 

Unsere Devise muss also sein: Zurück zur Einfachheit, zum kind¬ 
lichen Frohsinn! Dann wird das Kind, anspruchsloser geworden, gar 
nicht an sexuelle oder alkoholistische Ausschweifungen denken, dann wird 
es zufriedener und glücMicher sein als jetzt. 

Die Infektionserkrankungen endlich erfordern eine bessere Organi¬ 
sation. Jeder, der an einer Infektionskrankheit erkrankt ist, muss in 
einer Klinik verpflegt werden, um die Gewähr dafür zu haben, dass 
nichts versäumt wird, und um eventuell Nachkrankheiten vorzubeugen 
oder dieselben bei ihrem Ausbruch wieder richtig zu behandeln. Nur 
derjenige, der die Garantie dafür bieten kann, dass das Kind im Hause 
sachgemäss behandelt wird, dass die Isolation eine ausreichende ist, darf 
sein Kind selbst behandeln lassen. Aber eine Kontrolle wird sich auch 
dann noch als notwendig heraussteilen. 

Wenn wir jetzt die Forderungen einer verständigen aussichtsreichen 
Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns zusammenstellen, so sind es 
im wesentlichen drei Forderungen: 

1. Ein rücksichtsloser Kampf gegen Degeneration, Alkohol und 
Syphilis. 

2. Die Errichtung einer oberen Gesundheitsbehörde, die alle die 
Maßnahmen prüft und sie dem Reichstag zur Gesetzgebung vor¬ 
schlägt, die notwendig sind zu einer erfolgreichen Prophylaxe. 
In ihr Arbeitsfeld gehören der Mutterschutz, die Frauenarbeit, 
Säuglingspflege und -ernährung, Wohnungsgesetzgebung, Kampf 
gegen Degeneration, Alkohol und Syphilis, Hebammen wesen, 
Schutz gegen Infektionserkrankungen, Schulärzte und Anstalts¬ 
wesen. Sie soll darüber wachen, dass kein Kind in sanitärer 
Hinsicht vernachlässigt werde. 

3. Rückkehr zu einer vernünftigen kindlichen Erziehung durch eine 
Pädagogik der Tat und des Umbiegens und nicht des Brechens. 

Die Frage der Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns ist eine 
ernste Frage der Menscherhaltung, des Kulturaufstieges, und jeder muss 
sie als seine heilige Sache ansehen, er muss sein Bestes geben für 
seine Nation. 


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Sitzungsberichte: Psychologische Gesellschaft zu Berlin. 


247 


Sitzungsberichte. 

Psychologische Gesellschaft za Berlin. 

Sommerhalbjahr 1913. 

Donnerstag, den 24. April 1913. 

Vorsitzender: Herr Baerwald, Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Prof. Dr. Gramzow spricht über Genie und Talent. Der 
Meinung, dass die Kulturfortschritte das Werk der Menge sind, stellt der Vor¬ 
tragende aufs neue die von vielen Geschichtsphilosophen vertretene Ansicht 
entgegen, dass das Genie der Erzeuger und Beweger des Fortschritts ist. Diese 
Ansicht ist im Heroenkultus der alten Völker vorgeahnt. Die Bedeutung des 
Genies und Talents kann nur aus seinem Wesen erkannt werden. Den bedeu¬ 
tendsten Versuch, das Wesen beider entwicklungsgeschichtlich aufzuklären, 
stellt Albert Reibmayers „Entwicklungsgeschichte des Talents und Genies“ 
(München, 1908, J. F. Lehmanns Verlag) dar. Der Vortragende setzte sich 
kritisch mit Reibmayers Theorie auseinander und brachte alsdann die 
Ergebnisse seiner eigenen Untersuchungen zum Vortrag. 

Genie und Talent sind nur graduell vom Durchschnittsmenschen ver¬ 
schieden. Beim Genie ist der Gradunterschied häufig so gross, dass uns ein 
neuer Typus Mensch gegeben erscheint. Wer durch geistige Kraft und durch 
Leistungen auf irgend einem Wissens- oder Kunstgebiete den Durchschnitts¬ 
menschen merklich überragt, ist ein Talent. Das Talent, das die Gabe des 
Neuschaffens oder der Empfindung besitzt, bezeichnen wir als Genie. Bei ihm 
verlaufen alle physischen und psychischen Prozesse besonders intensiv. Das 
zeigt sich in der Ernährungsweise, in der Sinnestätigkeit, im Grade der Auf¬ 
merksamkeit und in der Phantasietätigkeit. Die letztere ist so intensiv, dass 
man in ihr fälschlicherweise oft das Hauptkennzeichen des Genies gesehen 
hat. Mit der gesteigerten Tätigkeit der Phantasie hängt ein oft bis zur Leiden¬ 
schaftlichkeit gehendes Gefühlsleben zusammen. Das zeigt sich namentlich 
im Ichgefühl, das mit der Ichstellung verbunden ist. Kein Mensch ist sich 
selber gleichgültig. Aber das Genie empfindet seine Mängel und Vorzüge ganz 
besonders lebhaft. Daher der heftige Wechsel seiner Gefühle. Es ist leiden¬ 
schaftlich in seiner Liebe, in der Behauptung seines Rechts und seiner Ehre. 
Sein Temperament ist gewöhnlich eine Mischung aus dem cholerischen und 
sanguinischen. Jedenfalls kann der cholerische Bestandteil niemals fehlen. 
Phlegmatische Genies gibt es nicht. Das Genie besitzt ein empfindliches Gefühl 
für die Wahrheit und für die Richtung, in der sie zu suchen ist. Dies Wahr¬ 
heitsgefühl hat Instinktcharakter und hat seine tiefsten Wurzeln im Unter¬ 
bewusstsein. Es lässt leicht Analogien erkennen und befähigt zu Analogie¬ 
schlüssen, die als Leitfaden des Erkennens dienen. Es hat Veranlassung 
gegeben zur Vorstellung vom Daimonion und der Inspiration. Schlaf und Ein¬ 
samkeit sind dem Genie gleich notwendig, weil sie die Vorbedingungen bieten 
für die Entfaltung der unterbewussten geistigen Tätigkeit. Das Genie hat den 
Hang, sein Werden und Wachsen vor störenden Einflüssen zu bewahren. Damit 
hängt seine Verkennung in der Jugend zusammen. Die Pubertätsperiode, die 
für viele Menschen eine kritische Lebensperiode ist, bringt dem Genie die 
Gefahr, dass sich die leibliche Schöpferkraft auf Kosten der geistigen ent¬ 
wickelt und sie schliesslich auslöscht. Die meisten Genies waren von mittlerer 
Grösse und gedrungenem Körperbau. An vielen ist bemerkt worden, dass sie 
den Kopf leicht nach links geneigt hielten. Das mag in der Lage des Herzens 
begründet sein. Es kommt auf die reichliche Durchblutung aller Organe, 
namentlich des Gehirns an. Das Genie ist nicht selbstlos, aber sein Egoismus 
ist auch nicht ohne Furcht. Die an ihm bewunderte Kaltblütigkeit und Ruhe 
wurzeln in seinem Kraftgefühl und sind ein Ergebnis der Selbstkultur. 

Schliesslich erörterte der Vortragende die Fragen, ob es weibliche Genies 
gibt und geben kann, ob das Genie in einem Volke vorhanden ist, wenn os 


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Sitzungsberichte 


gebraucht wird, und ob die drängenden Bedürfnisse der Selbsterhaltung eines 
Volkes von Einfluss auf die Züchtung von Genies sind. 

An der Aussprache nehmen teil die Herren Dr. Hohenemser, 
Dr. Adler, Frau Rappaport, Dr. Jaffe, Dr. Baerwald, 
Dr. G r a m z o w. 

Donnerstag, den 8. Mai 1913. 

Vorsitzender: Herr Moll, Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Richard Baerwald spricht über lautes Denken (mit 
Benutzung der Enquöte der Psychologischen Gesellschaft über: Die Psycho¬ 
logie des motorischen Menschen). 

Unter den unwillkürlichen „Mitbewegungen“, die sich von den gewöhn¬ 
lichen Ausdrucks- und Entladungsbewegungen dadurch unterscheiden, dass sie 
den Inhalt des Gedachten in Bewegungen wiederspiegeln, ihn sozusagen 
kinästhetisch illustrieren, ist das laute Denken die häufigste. Man kann bei 
ihm, je nach der Art der Ursachen und Motive, zwei Arten unterscheiden: Das 
zwecklose und das zweckmässige. Zweckloses Lautdenken entsteht erstlich da, 
wo die kinästhetische Vorstellung so stark und lebhaft ist, dass sie nach aussen 
durchschlägt, sich in wirkliche Bewegung umsetzt, oder da, wo eine Person 
hohe Irradiabilität (Reflexerregbarkeit) besitzt, wo ihren Nervenprozessen nur 
geringe Hemmungen und Widerstände entgegentreten. Daher zeigt sich das 
Lautdenken häufig bei solchen Personen, deren Hemmungsfähigkeit unent¬ 
wickelt oder reduziert ist, bei Kindern, Greisen, Geisteskranken, Berauschten, 
Aufgeregten. Das zweckvolle Lautdenken kann nicht aus eigentlicher Absicht 
hervorgehen, sonst wäre es keine unwillkürliche Mitbewegung mehr; aber bald 
ist es ein mechanisch gewordener Rest früher absichtlich vollzogener und auf 
diese Weise eingeübter Bewegungen, bald entsteht es aus solchen unbewussten, 
aber doch willensartig wirkenden Einflüssen, die selbst ganz physiologische, 
garnicht in das Gebiet des Bewusstseins fallende Bewegungen zweckmässig 
modifizieren können; man denke etwa an die unwillkürlichen Veränderungen 
und Anpassungen der Zungenbewegungen, die sich nach kurzer Zeit einstellen, 
wenn die Zunge sich mehrfach an einem spitzen Zahn verletzt hat. Der deut¬ 
lichste Fall zweckmässigen Lautdenkens ist das unwillkürliche Laut lernen; 
es tritt selbst bei ganz schwachen Motorikern so in den Vordergrund, dass sich 
bei ihnen, wie S e g a 1 fand, ein besonderer motorischer Lerntyp entwickelt. 
An diesem Falle können wir auch die verschiedenen Zwecke verfolgen, aus 
denen Lautdenken und andere Mitbewegungen entstehen. Es sind die folgen¬ 
den: 1) Bei lautlernend Eingeprägtem bilden die motorischen Vorstellungen 
eine besondere Assoziationsreihe, welche die übrigen (wortvisuellen, wort- 
akustischen, begrifflichen) unterstützt. 2) Lautsprechen beim Lernen wirkt 
versinnlichend, veranschaulichend. 3) Lautdenken fixiert, wie namentlich 
S y b e 1 bei Lernversuchen feststellte, die Aufmerksamkeit und verhindert ihr 
Abschweifen. 4) Sprechen ist ein Tun, jedes Tun aber bedeutet eine Synthese 
von Einzelelementen, die vorher durch eine Zertrennung, eine Analyse 
gewonnen sein müssen. Daher kann der Stoff, der zu einem Tun benutzt 
werden soll, nicht im Zustande einer verwaschenen, diffusen Totalvorstellung 
verharren, er muss durch sukzessive Aufmerksamkeitsakte geklärt und in seine 
Bestandteile zerlegt werden. Deshalb die bewusstseinssteigernde, betonende, 
die Klarheit und Spezialisierung des Wahrnehmens und Denkend fördernde 
Rolle des Lautdenkens und Lautlernens. 5) Lautdenken und andere Mit¬ 
bewegungen wirken bei überaktiven („zappeligen“) Personen als Entladung 
und ermöglichen so oft erst eine ruhige und besonnene Rezeption. 6) Das meiste 
Gelernte ist dazu da, um später auf gesagt oder vorgetragen zu werden; Laut¬ 
lernen bringt es also in die Form, in der man es nachträglich gebrauchen soll. 

Hat man die Zweckmässigkeit des Lautdenkens in seinen unwillkür¬ 
lichen und instinktiven Anwendungen erkannt, so liegt der Gedanke nahe, 
dass man das laute oder halblaute Selbstgespräch auch absichtlich und syste- 


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Psychologische Gesellschaft zu Berlin. 


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matisch verwenden könne. Der Vortragende sucht an Beispielen zu zeigen, 
dass wir in ihm ein wichtiges Mittel zur Steigerung der Selbstkontrolle, der 
Willenskraft, des intensiven Geniessens der Widerstandsfähigkeit gegen Schick¬ 
salsschläge besitzen, ein wirksames Requisit systematisch geübter Lebenskunst. 

Donnerstag, den 22. Mai 1913. 

Vorsitzender: Herr Moll, Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Wilhelm Neumann spricht über Psychologisches vom 
Schach. Der Anhängerkreis des Schachspiels, die sogenannte Schachwelt ist 
sehr ausgebreitet und umfasst die hervorragendsten Männer aller geistig arbei¬ 
tenden Stände. Moltke, Freiherr von Marschall, Voltaire, Buckle, Stuart, 
Mi 11, Müsset, unter den Berliner Künstlern: Regas, Niemann, Lieban, 
Oskar Blumenthal seien als starke Schach liebhaber genannt. In der drama¬ 
tischen Poesie aller Kulturvölker wird das Schach episodisch zur Charak¬ 
teristik der dichterischen Gestalten verwendet. In der Malerei würde eine 
Sammlung der Schachbilder aller Zeiten einer Darstellung des Fortschrittes 
der psychologischen Malerei gleichkommen. Für die psychologische Forschung 
umfasst das Schachspiel eine Fülle von Problemen, von denen nur das eine, 
die psychischen Vorgänge beim Blindspielen, in Binets Meisterwerk „Les 
grands joueurs d’öchecs“ einen mustergültigen Bearbeiter gefunden haben. 
Nach der Feststellung von J. Mieses besteht der Vorzug des Schachs darin, 
dass es, wie keine andere wissenschaftliche oder künstlersiche Betätigung 
einem objektiven Maßstabe für die Messung der Leistungen zugänglich ist. 
Daher ist es auch ein Gradmesser für die geistige Leistungsfähigkeit der ver¬ 
schiedenen Lebensalter, was von gleich grosser wissenschaftlicher, wie prak¬ 
tischer Bedeutung ist. Die Schachbegabung zeigt sich frühzeitig in bedeutenden 
Leistungen, erreicht mit den 40er Jahren ihren Höhepunkt und nimmt erst in 
der zweiten Hälfte der 50er Jahre ab. Charakteranlagen: Wagemut und Vor¬ 
sicht, Uebermut und Depression, Ueberraschung und Ermüdung, wie auch die 
allgemeine Gemütslage üben, wie an zahlreichen Beispielen nachgewiesen wird, 
einen starken Einfluss auf die Leistung im Einzelfalle aus, gleichen sich aber, 
wenn man die Gesamtleistung der Meister heranzieht, aus, so dass eine Rang¬ 
liste der Spielstärke möglich wird. 

Bei manchem Schachspieler steigert sich die Leidenschaft für das Spiel 
bis zur Monomanie, die alle anderen Lebensinteressen auslöscht; bei massiger 
Anwendung für die Mussestunden aber bildet es ein schätzbares Gegengewicht 
gegen übertriebenen körperlichen Sport und lässt leibliche und seelische Leiden 
vergessen. 

Keine Frau hat bisher den Meisterrang erreicht. Sehr verbreitet ist die 
Begabung für Schach unter den Juden, die ein reichliches Drittel der grossen 
Schachmeister stellen. Der Spieltyp der jüdischen Meister hat aber nichts 
Charakteristisches; es finden sich verhältnismässig ebensoviele Vertreter des 
gekünstelten wie des schlichten geraden Spiels, ebensoviele Angriffs- wie Ver¬ 
teidigungstypen, ebensoviele Anhänger des alten Kombinationsspiels, wie des 
modernen Schachs unter ihnen, wie unter den nicht jüdischen Spielern. 

Für jeden Spieler ist die Beherrschung der Notifikation (d. h. die 
Benennung der Felder nach Buchstaben a—h und Ziffer 1—8) notwendig, da 
in dieser Formelsprache die Partien wiedergegeben werden, der Blindspieler 
ist gänzlich darauf angewiesen. Der Spieler übersetzt sich aber sofort diese 
Formelsprache in die Wirklichkeit. Die Hauptstütze für die sensationelle 
Gedächtnisleistung bei der Wiedergabe von 5—ß Partien bildet der Einblick 
in die logischen Beweggründe für jeden einzelnen Zug und der gefühlsmässige 
Eindruck, den jede einzelne Stellung auf den Kenner macht: nach B i net wird 
der Memoire des sensations die Mömoire des idöes substituiert. Wie auf anderen 
geistigen Gebieten erweist sich die Sprache unzulänglich für die Wiedergabe 
der Gefühlseindrücke, daher die für den Nichtspieler manchmal grotesk 
wirkenden Charakteristiken der Schachbesprechung. 



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Sitzungsberichte 


Auf Anfänger üben die einzelnen Schachfiguren einen durch ihren Rang 
und ihre Funktion beim Spiel bestimmten Eindruck aus, die Neigung zur 
Personifizierung und Einfühlung kommt zu ihrem Recht. Bei fortschreitender 
Spielgewohnheit findet ein Abstraktionsprozess von der konkreten Figur bis 
zu ihrer Auffassung als wirkende Kraft statt. In dieser reichen Folge nimmt 
jeder Spieler eine für ihn charakteristische Stufe ein. Den Prüfstein bildet 
der von B i n e t durch eine mustergültig bearbeitete Enquete bei den grossen 
Blindspielern festgestellte Grad der Visualisation. Das konkrete Sehen des 
Schachbrettes mit allen Figuren und deren Einzelheiten ist äussert selten beim 
praktischen Blindspiel, wenn es auch durch einen Willensakt hervorgerufen 
werden kann; interessant ist sein Vorkommen bei einem wirklich erblindeten 
Spieler. Auf der zweiten Abstraktionsstufe verschwindet die Form der 
Figuren, nur die Grösse bleibt. Auf der dritten werden nur die Figuren kon- 
kretiert, an denen ein besonderes Interesse genommen wird. Auf der vierten 
verschwinden Farben und Formen, nur die Vorstellung von eigenen und geg¬ 
nerischen Figuren bleibt. Auf der fünften erscheint das ganze Feld im durch¬ 
sichtigen Grau, nur die Felder, auf denen eine an der interessierenden Stellung 
beteiligte Figur steht, sind etwas dunkler, die Figuren existieren nur als 
Bewegungsmöglichkeiten. Sittenfeld ist es gelungen, dieses sein inneres 
Bild in einer für den Psychologen interessanten Weise zu zeichnen. Der 
letzte Grad der Abstrakten, von C h a r c o t als visuelles geometrisches Gedächt¬ 
nis bezeichnet, sieht nur noch Kraftlinien auf einem gedachten, aber nicht 
vorgestellten Brett. Eine Erleichterung für das Behalten der Partien, wie für 
das Blindspielen, bildet die Kenntnis der Eröffnungen. An diese schliesst sich 
das sogenannte Mittelspiel an, dieses bildet den ästhetischen Teil des Schach¬ 
spiels. Schön sind solche Züge, die neuartig, überraschend, kühn und stark 
sind und mit zwingender Gewalt zum Matt des Gegners führen. Alles Zufällige 
und Gewaltsame wirkt nicht ästhetisch. Ein ästhetisch noch ununtersuchtes 
Feld bilden die Schachprobleme und die Mattansagen auf viele Züge voraus. 
[Bei letzteren dürfte das Gefühl des Zuschauers mit dem Erhabenen verwandt 
sein. Gerade die Mattansagen beweisen, dass alles richtig Schachspielen ein 
Blindspielen ist. Der ästhetische Eindruck der Opferkombination besteht in 
der Veranschaulichung des Sieges des Geistes über die Materie. Das moderne 
Schach sucht das jedem Kämpfer vorschwebende Endziel des Sieges auf einem 
sichereren Wege zu erreichen als das Kombinationsspiel, es erstrebt die Bei¬ 
bringung wenn auch leichterer Schwächen zu Beginn des Spiels und geht, 
sobald eine für den Sieg ausreichende Ueberlegenheit erreicht ist, durch 
Abtauschen der Figuren unter Ausschaltung des Mittelspiels zum Endziel über, 
bei dem infolge der geringeren Figurenzahl wieder der Erfahrung ein grösserer 
Spielraum verschafft wird. Der ästhetische Reiz dieser Spielform, der von 
ihrem Erfinder sehr stark betont wird, besteht in der Einfachheit und Zweck¬ 
mässigkeit und hat mit dem Eindruck der technischen Schönheit Verwandt¬ 
schaft. Eine unvermeidliche Folge des modernen Schachs ist die Zunahme der 
unentschiedenen, der sogenannten Remispartien, da für jeden Zug eine ent¬ 
sprechend starke Erwiderung errechnet werden kann und so die Kräfte bis 
zu Ende gleich stehen 1 ). Zum Glück ist dieser Termin fern genug, um der 
psychologischen Forschung Zeit zu lassen, aus dem Schachspiel wissenschaft¬ 
liche Resultate zu ziehen. 

An der Aussprache beteiligen sich die Herren Dr. Adler, Dr. L e w i 11, 
Rektor Ruthe, Dr. Kern, Studitz, Dr. Stern, Rechtsanwalt Loewy. 
Das Schlusswort hat Herr Dr. N e u m a n n. 

Donnerstag, den 5. Juni 1913. 

Vorsitzender: Herr Moll, Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Professor Dessoir erstattet einen Bericht über Aussage¬ 
versuche. Am 14. März 1912 hatte er in der Psychologischen Gesellschaft 

Damit ist aber die Selbstvernichtung des Schachs vorbereitet. 


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Psychologische Gesellschaft zu Berlin. 


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einen Vortrag über die Methoden der Aussagepsychologie gehalten und bei 
dieser Gelegenheit zwei Versuche vorgeschlagen, die den Teilnehmern eine 
lebendige Anschauung der Probleme vermitteln sollten. Die Versuche fanden 
noch in derselben Sitzung statt. Das auf diese Art gewonnene Material wurde 
vom Vortragenden in Gemeinschaft mit Dr. Kurt Burchardt durch¬ 
gearbeitet: Ueber die Ergebnisse berichtet er nunmehr. 

Der erste Versuch hatte den Sinn, die Beschreibung eines Vorgangs zu 
erhalten, der sich vor den Augen der Anwesenden abspielte. Es wurde kein 
Ereignis gewählt, das irgendwelche Affekte hervorrufen konnte, auch keins, 
das verwickelt oder schwer zu beobachten gewesen wäre. Das ganze Experi¬ 
ment bestand darin, dass ein Diener ein Tablett mit einer Wasserflasche und 
vier Gläsern ans Rednerpult brachte; der Redner goss etwas Wasser in eins der 
Gläser und der Diener trug alles wieder hinaus. Hierüber schrieben nun 
85 Anwesende (54 Männer, 31 Frauen) freie Berichte d. h. solche, die durch 
keine Vorschriften oder Fragen beeinflusst waren. Um die Berichte vergleichen 
zu können, wurde der Vorgang von Herrn Burchardt in 27 Teilvorgänge zer¬ 
legt. und jeder der einzelnen Posten in den verschiedenen Darstellungen nachher 
untersucht. Es zeigen sich bei den meisten Faktoren allerhand Abweichungen, 
z. B. schwankt die Angabe der Zahl der Gläser zwischen 1 und 6; aber die 
Mehrheit der Angaben ist zutreffend, z. B. wird die richtige Zahl der Gläser 
(4) von 70,97°/ o der Frauen und 70,40°/ o der Männer genannt. 

Ausserdem bemerkt man, dass die Angaben gegen Ende des Berichts 
knapper und weniger genau werden, offenbar weil Aufmerksamkeit und 
Interesse nachlassen; eine Erscheinung, die bei Frauen wohl noch etwas früher 
und entschiedener hervortritt, als bei Männern. Sonst sind die Geschlechts- und 
Altersunterschiede minder auffällig als gewisse Charaktereigentümlichkeiten: 
Neigung zur romantischen Ausschmückung des Tatbestandes, misstrauische Ein¬ 
schränkung bei jedem Satz, aus Furcht, etwas nicht ganz sicheres behauptet zu 
haben u. dgl mehr. Die Tatsache, dass manche Berichterstatter sehr gewissen¬ 
haft, andere mit ziemlicher Gleichgültigkeit schildern, dass überhaupt per¬ 
sönlich gefärbte schriftstellerische Leistungen vorliegen, erschwert die Ver¬ 
gleichbarkeit der Berichte. Es scheint deshalb wünschenswert, die freien 
Berichte durch Fragebogen zu ergänzen. Durchaus notwendig aber ist es, den 
wirklichen Verlauf der Handlung festzulegen, damit kein Zweifel darüber ent¬ 
stehen kann, was tatsächlich geschehen ist. Der Vorgang muss vor dem Ver¬ 
such genau eingeübt und schriftlich aufgezeichnet, ausserdem während des 
Versuches von einem Eingeweihten beobachtet werden, damit eine etwaige 
zufällige Abweichung vom Plan angemerkt wird. An dieser objektiven Auf¬ 
nahme des Ereignisses sind die Protokolle abzumessen. 

Der zweite Versuch vom 14. März 1912 hatte darin bestanden, dass acht 
Fragen über den Vorraum unsres Sitzungssaales gestellt wurden. Die Fragen 
wurden von 84 Personen, 67 Männern und 27 Frauen beantwortet. Bei der 
ersten Frage: „Welche Form hat der Raum?“ haben nur 4 Männer Raum und 
Grundriss unterschieden, 7 sich über das Verhältnis der Seiten geäussert; bei 
den Frauen fehlt beides vollständig. Die Aussagen über die Farben (2. Frage) 
zeigen einen merkwürdigen Einfluss der augenblicklich vor Augen stehenden 
Farben auf die Erinnerung; es ist anscheinend nicht gleichgültig, in welchem 
Raum sich derjenige befindet, der aus der Erinnerung einen andern Raum 
beschreiben soll, denn er sucht nach Stützpunkten und Hilfen in seiner augen¬ 
blicklichen Umgebung. Die weiteren Fragen nach der Decke, den Bildern, 
Büsten, Fenstern, Türen förderten Antworten zutage, aus denen sich ergibt, 
dass alles, was in Augenhöhe liegt, vorzugsweise beobachtet und erinnert wird. 

Die Genauigkeit der Angaben bildet noch keine Gewähr für ihre Richtig¬ 
keit; einige verblüffende Einzelheiten sind freie Erfindung der Versuchsperson. 
Am deutlichsten tritt das bei der letzten Frage hervor, in einer Suggestivfrage 
nach der Zahl der (nicht vorhandenen) Bänke. Das Hauptergebnis der Ant¬ 
worten war das folgende: bei den beiden Geschlechtern machten sich 37°/ 0 


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Sitzungsberichte 


von der Suggestion frei und sagten „keine Bank“; 14 # /o der Männer, 18,5°/» 
der Frauen unterlagen der Suggestion; die übrigen Hessen die Frage Unbeant¬ 
wortet. 

Zur Ergänzung des Verhörs dienten Fragen nach dem Lebensalter und 
nach der Dauer der Bekanntschaft mit dem Raum. Es hat sich daraus nichts 
von Belang entnehmen lassen, jedenfalls nicht, dass längere Bekanntschaft 
mit dem Raum bessere Berichte verbürgt. Auffallend ist, dass bei der Zahlen¬ 
angabe der Jahre oder der Besuche Männer viel öfter mit runden Zahlen 
(besonders 5 und 10) operieren, als die Frauen. 

An der Aussprache beteiligen sich Frau L o e b, Dr. Lechner, 
Professor Dessoir. 

Donnerstag, den 9. Juni 1913. 

Vorsitzender: Herr Moll, Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. B. Berliner spricht über den Einfluss von Wetter. 
Klima und Jahreszeit auf unser Seelenleben. 

Das Forschungsgebiet der vom Vortragenden sogenannten K1 i m a- 
togenpsychologie ist erst in jüngster Zeit einer exakten Bearbeitung 
zugeführt worden. Eine Schwierigkeit besteht darin, von dem Inhaltlichen des 
Seelenlebens zu abstrahieren und das Formale, Dynamische des seelischen 
Geschehens in seiner Abhängigkeit von meteorischen Naturvorgängen zu unter¬ 
suchen. Die landschaftlichen Eindrücke gehören daher nicht zum vorliegenden 
Thema. Die eigentlichen klimatischen Einflüsse sind diejenigen, die, von den 
physikalischen meteorischen Reizen ausgehend, auf dem Wege über die peri¬ 
pheren Nerven, den Stoffwechsel und die Blutverteilung unseres Seelenorgans,, 
das Grosshirn affizieren. Daher ist die klimatopsychologische Forschung 
untrennbar verknüpft mit der Erforschung der physiologischen 
Zwischenglieder zwischen Reiz und seelischer Reaktion. Anderseits ist manche 
physiologische Reaktion erst die Folge einer primären psychischen Beein¬ 
flussung, z. B. die Stoffwechselsteigerung bei Kälteeinwirkung, die auf trieb- 
artigen und willkürlichen Muskelbewegungen beruht. 

Das Stadium der Wetter- und Klimawirkungen hat zurückzugehen auf 
die Wirkung der einzelnen klimatischen Elemente, die man aber nicht, wie 
vielfach irrtümlich geschehen, gleichsam als biologische Konstanten ansehen 
darf, die immer in der gleichen Art auf den Menschen wirken müssten, so 
dass jedem Reiz eine eigene, von der Wirkung der andern Reize scharf unter¬ 
schiedene Wirkung entsprechen müsste, sondern die gleichen Wetterformen 
können sehr verschiedene Wirkungen haben, je nach der Einstellung des Indivi¬ 
duums auf vorhergehende Reizlagen; und anderseits können sehr verschiedene 
Wettereinflüsse gleiche oder ähnliche Effekte hervorbringen, weil die Reaktions¬ 
möglichkeiten des Organismus an Zahl weit beschränktere sind als die klima¬ 
tischen Reize. Massgebend für die Wirkungen sind niemals die absoluten 
Temperatur- usw. Grade, sondern immer nur die physiologischen und psycho¬ 
logischen Adaptationsverhältnisse. 

Die Temperatur, die sich mit der Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung und 
Wärmestrahlung zu einem Komplexe von thermischen Klimafaktoren ver¬ 
bindet, bewirkt schon bei geringer Zunahme über den jeweiligen Indifferenz¬ 
punkt Unbehagen, Müdigkeitsgefühl, Erschwerung des Denkens und der Auf¬ 
merksamkeitskonzentration. Es scheinen chemische und vasomotorische Vor¬ 
gänge unmittelbar die Tätigkeit der Gehirnwellen herabzustimmen. Daneben 
aber entfällt infolge instinktiver Richtigstellung der Muskelaktionen zwecks 
Hintanhaltung der Wärmebildung eine Anzahl zentripetaler Reize, die mit der 
Willenstätigkeit in engster assoziativer Verknüpfung stehen. Der Fortfall 
dieser zentripetalen Impulse wirkt hemmend auf die psychische Aktivität zurück. 

Experimentalpsychologische Untersuchungen des Vortragenden, angestellt 
an einer grösseren Zahl von Schulkindern, ergaben unter Wärme Wirkung eine 
Verminderung der apperzeptiven Leistungsfähigkeit; dagegen war die Arbeits- 


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Psychologische Gesellschaft zu Berlin. 


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leistung bei fortlaufender geistiger Arbeit (K r a epe 1 i n scher Rechen versuch) 
des öfteren wider Erwarten objektiv auffällig gesteigert, obwohl die Kinder 
angegeben hatten, wegen der Hitze nicht rechnen zu können. Der Grund dafür 
ist — neben anderen Erklärungsmöglichkeiten — wahrscheinlich eine 
Begünstigung der untergeordneten assoziativen und durch Uebung stark 
mechanisierten Tätigkeit des Rechnens infolge Abschwächung übergeordneter, 
hemmender apperzeptiver Funktionen. Ein solches Nebeneinander von 
Lähmung und Erregung verschiedener Zentren tritt deutlicher bei den Formen 
des Hitzschlages sowie bei den seelischen Wirkungen der Gewitterschwüle, des 
Föhn und des Scirocco hervor. Beim Föhn, speziell auch dem milden Frühlings¬ 
föhn der Alpenvorländer steht die psychische Erschlaffung und Genussunfähig¬ 
keit oft in starkem Gegensätze zu dem prachtvollen sinnlichen und Landschafts¬ 
eindruck des Föhnwetters. 

Die Kälte wirkt in geringen Graden erfrischend, stimulierend, dieses 
auch, wie die Wärme, auf assoziativem Wege, da zum Zwecke vermehrter 
Wärmebildung der Muskeltonus teils reflektorisch, teils triebartig, teils will¬ 
kürlich erhöht wird. Bei stärkerer und längerer Kälteeinwirkung folgt der 
Erstraffung die Ermüdung, unter dem Fortfall apperzeptiver Hemmungen 
steigert sich die psychomotorische Erregung zu heftiger Unruhe, die in Apathie 
übergehen kann. Wenn der Körper unterkühlt wird, erlahmt zuerst die höchste 
seelische Tätigkeit, der Wille; der Erfrierende ist trotz wachen Bewusstseins 
und der Erkenntnis der drohenden Gefahr seines Selbsterhaltungstriebes 
beraubt, wirft sich nieder, schläft ein und stirbt. 

Auch für die Wirkung kühlen Wetters konnte Vortragender instruktive 
experimentelle Befunde erheben, nämlich Steigerung der Muskelkraft als Folge 
der verstärkten Muskelinnervation, Steigerung der Rechengeschwindigkeit als 
Ausdruck der psychomotorischen Erregung und Sinken der Aufmerksamkeits¬ 
leistung infolge körperlicher Ermüdung. 

Von grosser Bedeutung sind die Einflüsse des Lichtes, das einmal auf der 
Haut einen Reiz bildet, der auf sensiblen, vasomotorischen und chemischen 
Wegen dem Zentralnervensystem zugeleitet wird, und zweitens von der Retina 
aus, neben den optischen Wahrnehmungen, reflektorisch die Erregbarkeit der 
motorischen Zentralorgane beeinflusst. Es kommt zu kräftigerer Muskelinner¬ 
vation und zu einer Hebung und Anregung der Gemütsstörung bis zu dem Grade 
eines leichten manischen Zustandes. 

Die Einflüsse der Luftelektrizität, sowie der gewöhnlichen Luftdruck- 
Schwankungen sind heute noch unbewiesen. Die Hypothesen über die Luft¬ 
elektrizität gehen meist über ein wissenschaftliches Mass weit hinaus. 

Ein Witterungswechsel, insbesondere beim Herannahen eines baro¬ 
metrischen Minimums, verursacht bei disponierten Personen ein Leiden, das 
von Loewenfeld als Witterungsneurose, von Frankenhäuser als 
Zyklonopathie beschrieben ist, und für das uns insbesondere Nietzsche 
geradezu klassische Selbstbeobachtungen hinterlassen hat. Es besteht in reiz¬ 
barer Stimmung, Erregbarkeit, Niedergeschlagenheit, Minderung der Willens¬ 
kraft und des Denkvermögens, Angstgefühlen und einer ganzen Reihe körper¬ 
licher nervöser Störungen. Unter den gleichen Bedingungen wurden bei Epi¬ 
leptikern und Geisteskranken vermehrte Anfälle und Erregungszustände beob¬ 
achtet. 

Das Klima enthält neben den besprochenen Wetterelementen einen 
besonderen Reizfaktor in der täglichen und interdiurnen Veränderlichkeit. 
Diese ist ein für unser Wohlbefinden unentbehrlicher Lebensreiz, dessen Fort¬ 
fall beim Uebergang in Klimate mit geringerer Veränderlichkeit zu seelischer 
Erschlaffung bis zu dem Grade einer ausgesprochenen Melancholie führen kann. 
Mancher Besucher der Mittelmeerländer erlebt an sich diese Erschlaffung, die 
ihn unfähig zum Genüsse selbst paradiesischer Schönheiten macht Wer von 
Norddeutschland in ein solches mildes, reizarmes Klima einwandert, wie es 
z. B. in einigem Grade schon die oberrheinische Tiefebene darstellt kann eine 


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Sitzungsberichte 


dauernde Einbusse an seiner geistigen Arbeitskraft erleiden. Kommt zu der 
Reizarmut noch eine exzessive Wärme, wie im Tropenklima hinzu, so kann eine 
erhebliche Schwächung der Willensenergie und der intellektuellen Leistungen 
neben schwereren neurasthenischen Störungen (Tropenkoller) die Folge sein. 

Auch das Seeklima hat eine herabstimmende Wirkung für die Höhe der 
psychischen Prozesse. Daneben kommen aber, besonders bei Frauen und anä¬ 
mischen Personen, rauschähnliche Erregungszustände vor. Unter Schwächung 
der apperzeptiven Funktion treten psychomotorische Erregungen auf, die Vor¬ 
tragender im Experiment auch an solchen Individuen feststellen konnte, die 
keine Aufregungszustände darboten. 

Das Hochgebirgsklima wirkt ausschliesslich erregend. Zwischen den 
leichten Akklimatisationserscheinungen und den höchsten Stadien der psychi¬ 
schen Bergkrankheit finden sich nur quantitative Uebergänge. Charakteristisch 
für die Bergkrankheit ist ein Vergessen, ein Auslöschen ganzer Bewusstseins¬ 
inhalte, zuerst der lose haftenden, dann auch der stabileren, womit Hem¬ 
mungen entfallen und Triebregungen, auch sexueller Natur, uneingeschränkt 
hervortreten. 

Im Polarklima bedingen neben der Kälte die Dunkelheit des Winters 
und die Helle des Sommers charakteristische Einwirkungen. 

Die Frage nach der Mitwirkung des Klimas auf die Bildung seelischer 
Rasseneigenschaften wird kurz gestreift, da sie nach unsern heutigen Kennt¬ 
nissen nicht diskutabel ist. 

Unter den Jahreszeiten übt der Frühling die stärkste Wirkung auf unser 
Seelenleben aus, und zwar der Vorfrühling eine etwas andere als der Hoch¬ 
frühling. Sie besteht in einer gesteigerten Gefühlserregbarkeit mit sexuellem 
Grundton, gleichsam eine fragmentarische Wiederholung des Zustandes der 
Pubertät. Lombroso fand eine grössere Häufigkeit künstlerischer Konzep¬ 
tionen und genialer Geistesleistungen im April und Mai. Die rein intellektuelle 
Geistestätigkeit scheint gegenüber der intuitiven und affektiven benachteiligt 
zu sein. Die Statistik zeigt eine Zunahme der Konzeptionen, Selbstmorde und 
Sexualverbrechen. Die Ursache ist in der zunehmenden Wärme und nach den 
Forschungen Gaedekens besonders in der zunehmenden Lichtstärke zu 
erblicken. 

Im Sommer kann höhere Wärme zu seelischer Erschlaffung, im Winter 
Lichtraangel zu Depression führen. Der Frühherbst mit seiner oft frühlings¬ 
artigen Witterung kann eine abgeschwächte Wiederholung der Frühlings¬ 
wirkung mit sich bringen, die besonders in Lombrosos Kurven hervortritt. 

Der Vergleich der psychischen Reaktionen mit den meteorologischen Tat¬ 
sachen ergibt, dass der April den Ruf der Wetterveränderlichkeit ganz zu 
Unrecht trägt. Die Witterung des April ist eine relativ konstante, das „April¬ 
wetter“ liegt vielmehr in unserer Stimmung, in der Frühlingslabilität der Psyche 
und wird fälschlich auf das Wetter übertragen. 

An der Aussprache nehmen teil die Herren Dr. H e n n i g, Dr. L e v y - 
Suhl, das Schlusswort hat Herr Dr. Berliner. 

Winter-Halbjahr 1913/14. 

Donnerstag, den 2 3. Oktober 1913. 

Vorsitzender: anfangs Herr Moll, der dem verstorbenen Professor Robert Kut- 
ner einen Nachruf widmet, sodann Herr Baerwald, Schriftführer: Herr 

Westmann. 

Herr Moll spricht über Sexualität und Charakter 1 ). Der Ein¬ 
fluss der Sexualität auf den Charakter kann kaum zweifelhaft sein. Man 
erkennt ihn an dem Einfluss der Keimdrüsen, mag dieser durch Nervenreize 

x ) Der Vortrag ist in der Zeitschrift „Sexual-Probleme“, Jan., Febr. und 
März 1914 erschienen. 


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Psychologische Gesellschaft zu Berlin« 


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zustande kommen, wie man früher wohl annahm, oder durch die innere Sekre¬ 
tion, für deren Bedeutung gegenwärtig ein besonderes Interesse besteht. Die 
Kastration ändert, besonders wenn sie frühzeitig ausgeführt wird, den Charak¬ 
ter. Hat man früher in dem Einfluss der Keimdrüsen wohl etwas primäres 
gesehen, so ist diese Anschauung zurzeit zurückgetreten, und es gewinnt die 
Annahme mehr Einfluss, dass die Trennung der Geschlechtscharaktere schon 
im frühen embryonalen Stadium von Anfang an den ganzen Körper betrifft, dass 
das Seelenleben zum grossen Teil in dieser Trennung bereits präformiert wird 
oder doch Dispositionen geschaffen werden. Die Bewerbungsart zeigt bei Mann 
und Weib verschiedene Erscheinungen, wie wir auch schon in der Tierwelt 
finden. Allerdings ist die Bewerbungsart beim Menschen auch bei verschiedenen 
Kassen oder doch Kulturstufen verschieden. Die der Wilden ähnelt sehr der 
der Vögel; der geschmückte Mann stellt sich zur Schau und sucht durch seinen 
Mut und seine Geschicklichkeit das Weib zu erringen. Ueberall ist aber das 
Weib der wählende Teil, ohne dass es aber etwa vollkommen passiv ist. Dies 
ergibt sich schon aus der Koketterie, die eine spezifisch weibliche Eigenschaft 
ist. Nahe steht ihr das sexuelle Schamgefühl. Das Schamgefühl ist ein Schutz 
für das Weib, das einen grösseren Schutz braucht als der Mann. Die Folgen 
des Verkehrs sind für das Weib viel intensivere; insbesondere Schwangerschaft 
und Mutterschaft kommen in Betracht. In engem Zusammenhang damit steht 
auch die gesellschaftliche und soziale Aechtung des illegitimen Verkehrs des 
Weibes, die nicht bloss etwas zufälliges ist, sondern ihm auch einen psychischen 
Schutz gewähren soll, ebenso wie das Hymen anatomisch. Auch die Liebe ist 
für das Weib etwas wesentlich anderes als für den Mann. Das Weib geht in ihr 
viel mehr auf. Für das Weib ist die Liebe weit mehr der Inhalt des ganzen 
Lebens als für den Mann. Für den Mann ist andererseits die Sinnlichkeit mit 
der Liebe stärker verknüpft als für das Weib. Die Sehnsucht nach Nach¬ 
kommenschaft ist ebenfalls ein Charakteristikum der Sexualität des Weibes. 

Auch die Charakterzüge, die nicht unmittelbar mit dem sexuellen Leben 
Zusammenhängen, sind bei den Geschlechtern verschieden. Die Emotionalität 
und Impulsivität sind beim Weibe durchschnittlich stärker als beim Manne. 
Mit diesen Eigenschaften hängen wohl auch manche scharfe Urteile über 
Weibescharakter zusammen. Im übrigen würde die Abhängigkeit des Charakters 
von der Sexualität einen grossen Teil der Frauenpsychologie umschliessen; 
erwähnt wird noch das Mitleid, die geringere Beteilung des Weibes bei Ver¬ 
brechen. 

Andererseits sei auf die starke gegenseitige Charakterbeeinflussung hin¬ 
gewiesen, die Weib und Mann in der wirklichen Liebe aufeinander ausüben. 
Auch die unglückliche Liebe zeigt den Einfluss auf den Charakter. Das Weib, 
das der Mann nicht erreichen kann, wird schliesslich Objekt des Hasses, und 
es erstreckt sich, wie ein Autor hervorhebt, dieser Hass mitunter nicht nur 
auf die Person, sondern auch auf die Umgebung des anderen, auf das ganze 
Geschlecht, ja auf die ganze Menschheit. Es zeigt sich dann als Folgezustand 
nicht erwiderter Liebe eine starke Verbitterung. Auch beim Weibe zeigt die 
unerwiderte Liebe starken Einfluss auf den Charakter; der Einfluss ist aber ein 
erheblich anderer. Das Weib z. B., das einen Mann liebt, der ein anderes Weib 
vorzieht, hasst dieses; und nicht nur um ein augenblickliches Rachegefühl zu 
befriedigen wird die Konkurrentin angegriffen, sondern ganz besonders deshalb, 
um ihr die Reize zu nehmen, die den geliebten Mann locken könnten; man 
denke an die Vitriolattentate. 

Sehr traurig sind die Folgen, die eine Liebe mitunter bei anscheinend 
gefestigten Charakteren ausübt. Verheiratete Männer, die jahr¬ 
zehntelang die besten Ehegatten gewesen sind, verlieben sieb zuweilen in 
Frauen, die zu einer tiefen sozialen Schicht gehören. Sie können sich nicht 
dem Banne entziehen, und die vollkommenste Vernachlässigung der eigenen 
Frau, der Familie usw. sind die Folge. Jedenfalls zeigt sich gerade hier der 
Einfluss der Sexualität darin, dass auch die festesten Charaktere mitunter 


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256 Sitzungsberichte: Psychologische Gesellschaft zu Berlin. — Verschiedenes. 


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erliegen und das, was man als Pflicht betrachtet, vernachlässigen. Kurz hin¬ 
gewiesen sei auch noch auf die starke Abhängigkeit, die sog. Hörigkeit im 
Sinne Krafft-Ebings, die sich ebenfalls mitunter bei sonst sehr charakter¬ 
festen Persönlichkeiten zeigt. Sadistische Erscheinungen bei sonst ausgezeich¬ 
neten Männern, das Pantoffelheldentum mancher sonst sehr energischen 
Charaktere zeigen uns den starken Einfluss des Sexuallebens auf den Charakter 
und eine gewisse Unabhängigkeit dieses Einflusses von der sonstigen Persön¬ 
lichkeit. 

Das weibische Wesen mancher Homosexueller sowie die unangenehmen 
Charaktereigenschaften, die sich doch recht häufig bei ihnen finden — wie 
gegenüber ihren Lobrednern betont sein mag —, dürfen nicht übergangen 
werden. Das normale Selbstbewusstsein hängt offenbar eng mit dem normalen 
sexuellen Fühlen zusammen. Schiller hat den Einfluss in seinem Gedicht: 
..Die Männerwürde“ vielleicht besser als alle Psychologen geschildert. 

Es sei noch kurz darauf hingewiesen, dass die Beeinflussung von Sexua¬ 
lität und Charakter eine gegenseitige ist, dass auch der Charakter die Sexua¬ 
lität beeinflusst. Die Anschauungen, die jemand über Sexualbetätigung hegt 
— man denke an die Askese —, sind von Einfluss auch auf das Sexualleben. 
Wenn auch feste Charaktere oft im Sexualleben straucheln, so kann es keinem 
Zweifel unterliegen, dass religiöse und sittliche Motive doch bis zu einem 
gewissen Grade die Stärke des Triebes und die Stärke organischer Vorgänge 
ausgleichen können. Aufgabe der Erziehung ist es — besonders im Interesse 
des Weibes —, den Charakter so zu bilden, dass er allen gefährlichen Lockungen 
zu widerstehen vermag. 

Man lasse sich durch den Umstand, dass Charakterzüge durch die 
Erziehung zu beeinflussen sind, aber nicht dazu verleiten, die vollkommen ver¬ 
schiedene psychische Gestaltung von Weib und Mann zu übersehen. Auch die 
Periodizität im Sexualleben, das Klimakterium sind solche spezifische Charak¬ 
terzüge des Weibes, wenn sie auch nach neueren Anschauungen in geringerem 
Grade beim Manne beobachtet werden. Jedenfalls lasse man sich nicht ver¬ 
leiten, die spezifisch psychischen Charakterunterschiede von Mann und Weib 
zu übersehen. Die verschiedene körperliche und seelische Gestaltung der 
Geschlechter ist eine Kulturerscheinung, und die Abschwächung der sekundären 
Sexualcharaktere würde als ein Rückschritt zu betrachten sein. Dieser Gesichts¬ 
punkt darf bei der immerhin aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten hervor¬ 
gegangenen Frauenbewegung nicht übersehen werden. 

An der Aussprache nehmen teil Herr J e z e k. Dr. Levinstein und 
Dr. Adler. 


Verschiedenes. 

Prof. Dück (Innsbruck, Schillerstr. 8), der sich seit längerer Zeit mit Wirt¬ 
schafts- und Berufspsychologie beschäftigt, bittet zur Erforschung des Berufs¬ 
wechsels möglichst viele um Beantwortung folgender Fragen: 1. Hat ein oder 
mehrmals ein Berufswechsel oder der Versuch hierzu stattgefunden? Welcher? 
2. Hat die Absicht, der Wunsch hierzu bestanden? 3. Wenn ja, was war die 
Ursache, was die nähere Veranlassung? Was hat eventuell davon abgehalten? 
4. Welches war der Erfolg in materieller und in geistiger Beziehung? Ist 
Zufriedenheit oder Enttäuschung eingetreten? 5. Angaben über Geschlecht, 
Alter, Geburtsland, Bildungsgang und Lebenszeit, in welcher der Berufswechsel 
oder die Absicht hierzu fällt. 

Unbedingte Verschwiegenheit verbürgt. 


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ZEITSCHRIFT 




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UND MEDIZINISCHE 


DES HYFNOTISMtlMijfel SUGGESTION 

TTXTT\ nUD ÖÖtrArr A A M A T VOT? 


UND DER 


HERAUSGEGEBEN 

DR. albÄ^oll 

BERLIN • 


VII. BAND, S. HE 

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VERLAG VONEERDtNANBENKl:, ST LI T IO ART 

Preis für den- ein Band 

; Ausgtgeben am 1. April. 1919. 

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P: Winkl er und W. KainmeI, Studie« Über das Problem der ||^if| 
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W. ^.ie rn, Förderung Hid<JiÄ‘ösftse rügelidHcfter Begabiööß /:' > 291 


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.1.' Ff, 5-c.hu.lt2, Zur Psycbolüjfie der psychöartalytlH'^-n Praxis .W-.^ 

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||'$ jfc Febr., *& ,Pebr, 12: Marse, 33. .April, t. : $gß |l;.- $m$ tfH| 
pi|;- i«; Juni, 2. .Jöll 190 7§ ; ®; 

Kurl Eoas. Streitinluo durch di*: iiv»irf»logiüdi*psychiatrrsclie Lhfr .fy' 7 ; 
rätur V - (Forlset/mu: !<*4'j- : -■■■■•■■.. ?M 


Adresse der. Redaktion: Geh. Saniimsrai Dr. Albert Moll, Berlin VV, 15, 
’]& Rürförstendarmn 45 ' 

Redak4iöd ttöll Verlag setzen Voraus, dass an allen für die Zeitsch# , 
*öf VeröHeödichung anjafenomiftenertBeiträgeii dem Verlage das aiissGili^s- :1 

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Brüning, Prof. Dr. H., Fherapeutiscties Vademekum für dk* 

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Kinderpraxis, /'.wert e, voMko nimcn maae arb cUeje A uflag fe.; ^^ 

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Grosse, Geh. Rat Dr. Ludwig, Kr 

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Vom Jenseits der Seele 


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Zyettg Äuif-agi?: ; X,?j. S ’,. tSStt geh. (VT; 1t -: in Lelnw getK M. f4%y| 
fiiefzv.'kommt 10° o Soriimßnierzahäilag. 


























Studien Ober das Problem der willkürlichen Amnesie 1 ). 

Von Dr. med. jar. et phil. Ferdinand Winkler 
und Dr. phil. Willibald Kämmet, Leiter des pädagogisch-psychologischen 
Laboratoriums an der pädagogischen Akademie in Wien. 

„Es ist für unsere Seelenruhe ebenso 
notwendig, vergessen zu können, wie 
nicht vergessen zu können.“ 

(Ebner von Eechenbach.) 


I. Einleitung. 

Unter „ V ergessen“ verstehen wir ein Schwinden der Asso¬ 
ziationen; wir sind gewöhnt, diesen psychischen Prozess in u n willkürlicher 
Weise sich vollziehen zu sehen, und wissen, dass wir ihn nur mit Mühe auf- 
halten können. Umso lehrreicher ist es, dass es uns trotzdem oftmals ge¬ 
lingt, durch Akte des gewollten Vergessens Assoziationen zu zerstören 
und die Vorstellungsreproduktion zu hindern, also singuläre und komplexe 
Vorstellungen aus unserem Bewusstsein zeitweilig oder auch für immer 
zu verdrängen. 

Die ältere psychologische Literatur ist zwar nicht reich an Belegen 
für diesen seelischen Vorgang, immerhin sei an einzelne Stellen aus 
Autoren erinnert. So ist uns bekannt, dass der Abt Nesteros dem 
Mönche Cassianus, der in seiner Jugendzeit heidnische Schriftsteller 
gelesen hatte, es zur strengen Gewissenspflicht gemacht hatte, durch „As¬ 
kese und fortwährende Betrachtung der heiligen Schrift“ die Erinnerungen 
an den einst genossenen schöngeistigen Schulunterricht wieder auszu- 

löschen 1 “)-Und von dem Philosophen Mendelssohn wird berichtet, 

dass es in seinem Leben eine Zeit gab, in der er sich aus dem Zimmer 
wegbegeben musste, wo man von Philosophie sprach; denn er ward ohn¬ 
mächtig, wenn er nicht wegging. Lange verbot er sich darum alles Denken. 
In diesem Zustande kam einst sein Arzt zu ihm und fragte: „Was machen 
Sie dann, wenn Sie in ihrer Stube sind und nicht denken dürfen?“ — „Ich 
gehe ans Fenster“, erwiderte Mendelssohn, „und zähle die 
Ziegel auf meines Nachbars Dache“ 2 ). 

Die neueste psychologische Literatur pflegt für diesen psychischen 
Vorgang den Ausdruck „Verdrängung“ zu gebrauchen und ver- 


*) Veröffentlichung Nr. 12 des päd.-psych. Laboratoriums an der pädagogischen 
Akademie in Wien (I. Hegelgasse 12). 

la ) Zitiert in S p e c h t, F., Geschichte des Unterrichtswesens in Deutschland, 1885, 
8.44. Vgl. dazu Stiglmayr, J., Kirchenväter und Klassizismus, Herder 1913, S. 88. 
*) Vgl. Zimmermann, J. G., Ueber die Einsamkeit, 8. Teil, 1785, S. 144. 
Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 17 


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Ferdinand Winkler und Willibald Kammei 


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bindet damit die Meinung, dass die zu u n willkürlichem Vergessen be¬ 
stimmten Vorstellungen durch einen besonderen Willensentschluss des 
Individuums aus dem Bewusstseinsinhalt „hinausgeschoben“ werden 3 ). 
Unter den Autoren, welche sich mit diesem Problem befasst haben, sind 
bis auf wenige Ausnahmen alle der Ansicht, dass der Einfluss des Willens 
das Zurücktretenlassen von bestimmten Vorstellungen verursacht. Gegen 
diesen Erklärungsversuch spricht sich G. Störring in seiner „Psycho¬ 
logie des menschlichen Gefühlslebens“ (1916) aus, wenn er S. 146 meint, 
dass man nicht verstehen könne, wie der Wille eine solche Wirkung zu¬ 
stande bringen könne. Ein augenblickliches 4 ) Vergessen vermöge 
der Wille ohne Zweifel zustande zu bringen, indem durch den Willen eine 
Ablenkung von einem bestimmten Gedankenkreis zustande gebracht werden 
könne. Damit aber, so meint S t ö r r i n g, sei das Erlebnis keineswegs 
für die Dauer 5 ) aus dem Bewusstsein verdrängt. 

Zu den Ausführungen Störrings ist zunächst zu bemerken, dass 
er eine temporäre Amnesie für durchführbar hält (dabei stützt er sich 
nur auf die von Breuer und Freud in ihrer Schrift über die Hysterie 
beigebrachten Fälle). Vorstellungen, die für eine begrenzte Zeit eliminiert 
werden können, kann man durch mehrfache Uebung des Eliminationsvor¬ 
ganges tatsächlich zum vollständigen Verblassen und zum Vergessen 
bringen. 

Diesen Einfluss des Willens auf ein Zurücktretenlassen von Vor¬ 
stellungen anerkennt auch Alois Höfler in seiner „Psychologie“ 
(1897, S. 551) 8 ); doch erachtet er für die theoretische und praktische Er¬ 
klärung des Verdrängenlassens einer Vorstellung durch andere Vor¬ 
stellungen dieselbe nicht allein ausreichend; es müsse, so meint er, der 
pejorative Geftihlscharakter durch das überzeugende Gefühl des „weiseren 
und besseren Tuns“ eliminiert werden. Auf diesen Sonderfall des Ver- 
drängens wird weiter unten näher eingegangen werden. Einstweilen genügt 
es, konstatiert zu haben, dass es sich bei dem in Frage stehenden psychi¬ 
schen Prozess um eine Isolierung von Vorstellungen handelt 7 ). Um einen 
geistreichen Vergleich zu wiederholen, sei bemerkt, dass die zu verdrängen¬ 
den Vorstellungen gewissermaßen auf eine Insel ins Exil geschickt werden, 
deren Verbindungsbrücke mit dem Festland in ähnlicher Wei c e wie die Zug¬ 
brücken alter Burgen aufgezogen bleiben, bis die Disjektion schwindet. 
Wenn die verdrängten Vorstellungen wieder ins Bewusstsein zurückge¬ 
bracht werden sollen, so erfolgt dies durch einen Widerstand (vergleichbar 
der effektuellen Hemmung) und, um im früheren Bilde zu verbleiben, 
werde dieser Widerstand durch die Kraft versinnbildlicht, welche zum 

*1, 4 ), b ) Hier absichtlich gesperrt gedruckt. 

*) Erscheint in Kürze als dreihändiges Werk. 

’> Ueber den Begriff des Verdrängens bei Nietzsche, der es ressentiment heisst, 
vgl. M. Seheler, Ueber Ressentiment und moralisches Werturteil. Ein Beitrag zur 
Pathopsychologie. Zeitschrift für Pathopsychologie 1, 1911, 268. 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


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Wiedeniiederlassen der schweren Zugbrücke und somit zum Wiederher¬ 
stellen der Verbindung zwischen Insel und Festland notwendig ist. 

Nach Sigmund Freud 8 ) tritt ein Erlebnis, eine Empfindung 
oder eine Vorstellung an die kranke Person heran und weckt in ihr einen 
so peinlichen Affekt, dass der Kranke beschliesst, darauf zu „vergessen“, 
weil er sich die Kraft nicht zutraut, diese unlustbetonte Vorstellung von 
sich zu weisen. Freud meint nun, dass die Aufgabe, die sich dabei das 
abwehrende Ich stellt, diese affektbetonte Vorstellung als „non arrivöe“ zu 
behandeln, geradezu unlösbar sei; doch gelinge es in zahlreichen Fällen, 
diese sehr affektbetonte Vorstellung abzuschwächen, indem die 
dem Affekt immanente Erregungssumme reduziert werde. Die auf diese 
Weise geschwächte Vorstellung ist alsdann minder assoziationsfähig, nur 
muss die von ihr künstlich losgelöste Erregungskapazität einer anderen 
Verwendung im Individuum zugeführt werden. Die Gedächtnisspur der 
vom starken Affekt getrennten Vorstellung geht darum noch nicht verloren, 
sondern bildet von nun an den Kern eines zweiten psychischen Geschehens. 
Ein solcher Kern kann durch neue Eindrücke gleicher Art vergrössert, alsa 
durch homogene Affekte verstärkt werden. Dadurch kann, zeitweilig 
wenigstens, die assoziative Verknüpfung der beiden psychischen Gescheh¬ 
nisse hergestellt und die in die Körperinnervation gedrängte Erregung 
zur Vorstellung zurückgeführt werden, wo sie dann den Kranken zur asso¬ 
ziativen Verarbeitung oder zur Abreagierung in hysterischen Anfällen 
nötigt. Die Verlegung grosser Erregungssummen in die Körperinnervation, 
die Umsetzung der Erregungssumme ins Körperliche, wird nach Freud 
als „K onversion“ bezeichnet. 

Es besteht nach den Ausführungen von E. Abramowski 9 ) ein psy¬ 
chisches Ueberleben des Verdrängten in Gestalt einer affektiven Nachwir¬ 
kung; die Summe der verdrängten Erlebnisse ist in unserer inneren Erfah¬ 
rung nichts anderes als das Ichgefühl selbst. Das Erlebte besitzt, trotzdem 
es nicht repräsentativ im Bewusstsein vertreten ist, eine dauernde psychische 
Wirkung in Gestalt des emotionellen Nachwirkens. 

Die im weiteren Verlaufe dieser Abhandlung beschriebenen psycholo¬ 
gischen Experimente haben den Zweck, festzustellen: 

A. in welcher Weise ein solches Lösen von asso¬ 
ziierten Vorstellungen möglich ist, ob es sich dabei nur u m 
ein Beiseiteschieben von Vorstellungen oder Vorstel¬ 
lungskomplexen oder um ein Unwegsammachen von Leitungs- 
bähnen oder um ein tatsächliches Vernichten von Asso¬ 
ziationen handelt. Dabei soll untersucht werden, ob man an- 
üehmen darf, dass die „Verdrängung“, wie sich C. G. Jung 10 ) 

*) Neurologisches Zentralblatt, 1894, Nr. 10 und 11. 

•) Journal de Psychologie normale et pathologique, 10, 1913, 375, ref. in Zeit¬ 
schrift für Psychologie 69, 1914, 133. 

I0 ) Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie, Wien 1913, S. 6. 


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Ferdinand Winkler and Willibald Kammei 


aasdrückt, gewissermaßen einem bewussten Ent¬ 
schlüsse des Individuums entspringt oder ob sie viel¬ 
mehr ein dem Individuum keineswegs bewusstes, mehr passives 
Verschwinden sei. 

Sigmund Freud, der den Begriff des „Verdrängens“ in der 
psychiatrischen Literatur inauguriert hat, bringt Belege für eine sozusagen 
bewusste Tendenz, peinliche Vorstellungen zu verdrängen. Nach Jung 
kennt jeder Psychoanalytiker zahlreiche Fälle, in denen es dem Patienten 
klar wird, dass es einmal in seiner Krankheitsgeschichte einen Moment ge¬ 
geben hat, wo er sich mehr oder weniger vorgenommen hat, nicht mehr an den 
zur Verdrängung bestimmten Bewusstseinsinhalt denken zu wollen. Eine 
Patientin habe ihm einmal sehr bezeichnend gesagt: „Je l’ai mis de 
cot6“. Doch muss andrerseits auch anerkannt werden, dass es nicht wenige 
Fälle gibt, wo auch die intensivste Ergrübelung kein bewusstes Zurseite¬ 
schaffen, bzw. Verdrängen nachweisen kann, wo der Verdrängungsprozess 
vielmehr als ein passives Verschwinden oder Heruntergezogenwerden der 
Empfindungen oder Vorstellungen erscheint. Die Fälle der ersten Art 
ereignen sich bei vollentwickelten Menschen, die sich nur minder willens¬ 
stark gegenüber ihren Gefühlserregungen zu erweisen scheinen; die Fälle 
der zweiten Art erwecken den Eindruck schwererer Entwicklungshemmungen, 
indem bei ihnen der Verdrängungsprozess viel eher mit einem automatisch 
tätigen Mechanismus verglichen werden kann. 

Nach Max Scheler 11 ) besteht die Verdrängung in einem sich 
triebartig einstellenden inneren Wegsehen von Regungen des Fühlens 
oder Wollens, des Liebens oder Hassens, d. h. von solchen Regungen, die, 
voll wahrgenommen, ein negatives Werturteil des eigenen Gewissens oder 
einer sozialen, von uns anerkannten Norm zur Folge hätten. Es wäre nach 
Scheler sehr irrig, diese Erscheinung nur auf die Erinnerung an frühere 
Erlebnisse zu beschränken; die Erinnerung biete für sie nur ein besonders 
fruchtbares Feld dar, vorhanden sei sie auch schon bei der Perzeption 
gegenwärtiger Elemente. Die Verdrängung unterscheide sich von der sitt¬ 
lichen Selbstbeherrschung, von jeder bewusst willkürlichen Hemmung und 
Unterdrückung voll erfasster Erlebnisse strenge dadurch, dass die Erleb¬ 
nisse zwar vorhanden sind, aber nicht als bewusst erfasst werden, d. h. dass 
sie nicht in bewussten Willensakten, sondern triebartig verdrängt werden. 
Man müsse das Erlebnis nicht schon innerlich wahrgenommen haben, damit 
es verdrängt werden könne. Die Wertung einer Gefühls- oder Willens¬ 
erregung sei der inneren Wahrnehmung schon gegenwärtig, wenn das Er¬ 
lebnis selbst, inbesondere dessen Inhalt, auf den das Fühlen oder Wollen, 
das Hassen oder Lieben eine gewisse Richtung hat, noch nicht gegenwärtig 
ist. Schon auf diesen zunächst erscheinenden Wert hin reagiere jene trieb- 


M ) Zeitschrift für Psychotherapie 1, 1911, 160. 


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Stadien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


261 


artige Tätigkeit, die das Erlebnis von der Schwelle der inneren Wahr¬ 
nehmung zurückhält; so bleibe das Erlebnis nicht nur der Urteilssphäre 
verschlossen, sondern auch der Sphäre der inneren Wahrnehmung. Es sei 
eine ganz andere Tatsache, wenn ein Erlebnis wahrgenommen werde und 
nun etwa Stolz, Scham oder Pflichtmotive mit der ihnen innewohnenden Ten¬ 
denz im Streit lägen; bei der Verdrängung komme es zu einem solchen realen 
Motivkonflikt nicht, da Scham, Stolz, Ekel, Furcht, Angst oder was sonst 
der Grund der Verdrängung sei, hier nicht das Erlebnis einschränken oder 
seine weitere Entfaltung hemmen, sondern nur die Wahrnehmung des Er¬ 
lebnisses hemmen. Dadurch könne es sich real umso ungehemmter durch 
solche unwillkürliche Gegenkräfte und durch die sittliche Selbstbeherr¬ 
schung entfalten. Es laufe daher eine scharfe Grenzlinie zwischen sitt¬ 
licher Selbstbeherrschung, die dem Feindlichen ins Auge sieht, zwischen 
realem Motivenkampf, in dem die gegen das Erlebnis auftretenden 
Gegenkräfte Sieger bleiben, und jenem innerlichen Wegsehen, welches 
als Verdrängung bezeichnet wird. Nicht minder scharf sei die Verdrängung 
in der Erinnerung an frühere Erlebnisse von allem gewöhnlichen Vergessen 
sowie von positiven Erinnerungstäuschungen zu unterscheiden. Während 
gewöhnliche Erinnerungsdefekte regellos sich einstellen, halten sie hier 
eine gewisse sinnvolle Richtung ein, die einem ganz bestimmten Interesse, 
einem Streben oder Widerstreben des Individuums entspreche. Auch könne 
das Verdrängte weit leichter wieder in volle Erinnerungshelle gebracht 
werden als dasjenige, was darum nicht erinnert werden könne, weil der Me¬ 
chanismus der Reproduktion gestört sei. Im verdrängenden Erinnern sei der 
Reproduktionsmechanismus so ungestört, wie bei hysterischer Blindheit 
oder bei hysterischer Gesichtsfeldeinengung der Mechanismus des äusseren 
Sehorgans und der seinen Reizungen entsprechenden Empfindung ungestört 
ist. Ja, das Erlebnis, das verdrängt wird, sei nicht tot, sondern lebendig 
und wirke fortwährend in das der inneren Wahrnehmung Gegebene hinein. 
Es sei dem Individuum wohl bewusst, dass in einer bestimmten Richtung 
noch etwas vorhanden sei mit der Wertcharakteristik eines Niedrigen, Ge¬ 
meinen, Hässlichen, Schlechten, aber es werde nicht gesehen, was es sei. 

B. soll untersucht werden, ob dieses bewusste Hinab¬ 
drängen von Vorstellungen unter die Schwelle des 
Bewusstseins uns nötigt, das Vorhandensein eines 
Unbewussten anzunehmen. 

Bei dem Studium des vorliegenden psychischen Geschehnisses müssen 
wir daran erinnern, dass die mit der Verdrängung von Vorstellungen korre¬ 
spondierenden Psychismen ihrer physiologischen Natur nach auf 
Bahnungen ablaufen, welche nach der einen Richtung die Wiederholung 
der Bewegung und nach der anderen rückläufigen Richtung die Vor¬ 
stellung des Bewegungserregers ermöglichen. Wenn diese Bahnung nach 
der einen oder der anderen Seite hin unwegsam wird, dann erfolgt trotz 


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262 


Ferdinand Winkler and Willibald Kammei 


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des Engrain ms die Reproduktion nicht. Jedes Erinnern ist eine Wieder¬ 
holung der früheren Bewegung 12 ). Wenn die Bewegungswiederholung 
durch einen anderen Bewegungsreiz erschwert wird, so haben wir es mit 
einem Widerstande zu tun, welcher sich nach aussen bemerkbar machen 
kann. Dieser Widerstand hindert, dass die Bewegung immer auf der 
ursprünglichen Bahn abläuft, und bringt es mit sich, dass sich die Erin¬ 
nerung an ein Geschehnis, welches ursprünglich die Ausleitung in loko- 
motorische Bahnen hatte, späterhin ganz andere, visuelle oder sekretorische 
Ausleitungen sucht. 

Die im folgenden wiedergegebenen Untersuchungen haben zum Teil 
subjektiven Charakter; ist es doch ausserordentlich schwer, objektiv die 
Sicherheit über die Zuverlässigkeit der retrospektiven Introspektion bei 
fremden Versuchspersonen (= Vpn.) zu gewinnen; nichtsdestoweniger 
wurden für mehrere Versuche fremde Personen herangezogen. 

Bei diesen zahlreichen Versuchen handelte es sich, wie vorher dar¬ 
gelegt wurde, um die Feststellung, in welcher Weise willkürlich 
Vorstellungen unterdrückt oder gar aus ihren Assoziationsverbindungen 
gelöst werden können. Wie schon weiter oben einleitend dargetan wurde, 
ist dies erfahrungsgemäss schwer. Die Erfahrung des täglichen Lebens 
lehrt denn auch, dass sowohl singuläre als auch kollektive Vorstellungen, 
welche verdrängt, d. h. willkürlich vergessen werden sollen, infolge einer 
ungewollten Verstärkung und Erweiterung der assoziativen Verkettung 
erst recht gewusst werden. Schon Balthasar Gracian, ein 
spanischer Jesuit des XVII. Jahrhunderts, schreibt in seinem „Handorakel 
und Kunst der Weltklugheit“: „Vergessen können: es ist mehr ein Glück 
als eine Kunst. Der Dinge, welche am meisten fürs Vergessen geeignet 
sind, erinnern wir uns am besten!“ — Hierher gehört auch die bekannte 
Anekdote von dem Vater, der zu seinem Sohne gesagt haben soll, er möge 
ein auf dem Hausboden vergrabenes Stück Gold suchen. Wenn er jedoch 
dabei an ein gewisses Wort denke, so werde er den Schatz nicht finden. 
Der Sohn kommt nach vergeblichem Suchen vom Boden jammernd zurück, 
indem er sagt: „Vater, nie habe icli noch an das Wort gedacht, nur während 
ich nach dem Schatze suchte ...“ 

Dieser Sachverhalt entspricht den tatsächlichen Verhältnissen: „Es 
bedarf einer wirklichen Anstrengung“ — „Mi zwinge mich, nicht daran 
zu denken“, um die Ausleitung eines Bewegungsreizes, welcher der Wieder¬ 
holung eines Erlebnisses und damit der Erinnerung entspricht, hintan¬ 
zuhalten. 

Dabei ist zu bemerken, dass die hier in Frage komm ende Willens¬ 
anstrengung einer Autosuggestion nahe kommt und auch unter diesem Ge¬ 
sichtspunkt betrachtet werden muss; inwieweit es sich um eine Verengerung 


ir * Vgl. Adolf Stöhr, Psychologie, Wien 1917, Braumüller, S. 291 ff. 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


263 


des Bewusstseins handelt, ist dabei zu untersuchen. Hier soll nur bemerkt 
werden, dass nach dem glücklich gewählten Ausdruck von G. E. Müller 
und A. P i 1 z e c k e r 13 ) die Enge des Bewusstseins unserem Denken und 
Handeln eine gewisse Einheitlichkeit sichert, und dass daneben die Un¬ 
beständigkeit des Bewusstseins unseren Beobachtungen und Ueberlegungen 
die erforderliche Schnelligkeit und Vielseitigkeit zu geben vermag, weil 
sie verschiedenen, von einer und derselben Vorstellung ausgehenden Repro¬ 
duktionstendenzen die Möglichkeit gewährt, schnell nacheinander die ihnen 
entsprechenden Vorstellungen ins Bewusstsein zu führen. 


II. Eigene Versuche. 

I. Versuch. Als Vpn. wurden 11 Schüler einer Wiener Oberreal¬ 
schule verwendet, die im Alter von 15 bis 16 Jahren standen. Die Ver¬ 
suche fanden während der Osterferien, am 20. und 21. April 1916 um 8, bzw. 
10 Uhr vormittags statt. Es wurde den Vpn. folgende Reihe von 10 ein¬ 
silbigen Wörtern laut im Sekundentakt ohne Rhythmus vorgelesen und 
die vier im Text gesperrten Wörter als nicht zu merkend bezeichnet: 
Brief, Kranz, Wort, Mund, Steg, Gold, Punkt, Leck, Sarg, Sieg. 
Sofort nach dem Vorlesen, zwei Stunden und vierundzwanzig Stunden 
später wurden die Vpn. einem Einzelverhör unterzogen, in dem sie ange¬ 
wiesen wurden, sich zu bemühen, die vorgelesenen Silben in der richtigen 
Aufeinanderfolge zu reproduzieren. Schon zu Beginn dieses Versuches war 
ihnen die bündige Vorschrift gegeben worden, während des Intervalles 
zwischen dem Vorlesen und dem Auf sagen dieser Wörter weder mit den 
Kameraden darüber zu sprechen, noch darüber nachzudenken. 
Es sei erwähnt, dass während dieses und des II. Versuches bei diesen 
Vpn. eine geistige Ueberbtirdung, welche den Verlauf des Experimentes 
hätte nachteilig beeinflussen können, ausgeschlossen war, da die Versuche 
in die Osterferien fielen. 

Nach dem Beispiele G. E. Müllers und A. Pilzeckers 14 ) 
waren die Vpn. angewiesen worden, nicht nur die Silben zu nennen, 
von deren Richtigkeit sie positiv überzeugt waren, sondern auch solche, 
deren Richtigkeit ihnen nicht ganz ausgeschlossen erschien, da es sich in 
den Experimenten der beiden genannten Psychologen gezeigt hatte, dass 
eine richtige Silbe gelegentlich ohne den Eindruck ihrer Richtigkeit im 
Bewusstsein der Vpn. auf tauchen kann. Voraus sei gesagt, dass bei keiner 
der Vpn. die Erinnerung vollständig versagte, d. h. dass sie überhaupt keine 
Silbe reproduzierte. Vor der Analyse der Versuchsergebnisse seien die 
Ergebnisse der drei Reproduktionen wiedergegeben. 

Die Reproduktionen erfolgten im Einzelverhör mündlich, waren also 
akustisch. 

,# ) Zeitschrift für Psychologie* I. Ergänzungsband 1900, 91. 

,4 ) Zeitschrift für Psychologie, I. Ergänzungsband 1900, 9. 


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264 


Ferdinand Winkler und Willibald Kammei 


A. Reproduktion unmittelbar nach dem Vorsagen: 

Ny. 15 ) = Gold, Kranz, Sarg, Brief, Leck, Punkt 
Mh. = Leck, Sarg, Steg, Kranz, Wort, Punkt. 

Md. = Brief, Wort, Mund. 

Zk. = Sarg, Brief, Mund, Steg. 

Sk. = Mond, Steg, Leck, Scheu, Brief. 

8y. = Brief, Wort, Mund. 

Ls. = Gold, Mund, Sieg, Sack, Leck, Wort 
KL — Brief, Gold, Leck, Kranz. 

Kg. = Brief, Steg, Leck. 

Mr. = Brief, Gold, Wort, Leck, Punkt, Steg, 

81. = Brief, Wort, Mund, Steg, Sieg. 

B. Reproduktion nach zweistündigem Intervall: 

Ny. = Gold, Brief, Kranz, Punkt, Sieg, Mund, Sarg, Steg. 

Mb, = Sieg, Leck, Mund, Kranz, Sarg, Steg, Punkt 

Md. = Brief, Mund, Stab, Sieg, Bild. 

Zk. = Brief, Mund, Steg, Weg, Korb, Leck, Sarg. 

Sk. = Brief, Mund, Steg, Leck, Kranz, Gold, Wort, Punkt, Sieg. 

Sy. = Sieg, Brief, Kranz, Mond, Wort. 

Ls. = Wort, Bund, Gold, Steg, Sieg, Mund, Kranz, Leck, Band. 
RI. = Gold, Kranz, Leck, Sack, Punkt, Steg. 

Kg. = Mund, Gold, Kranz, Brief, Punkt, Steg, Sieg. 

Mr. = Brief, Gold, Wort, Leck, Kranz, Laut, Punkt. 

Sl. = Punkt, Mund, Wort, Sieg, Kranz, Lieg, Steg, Band. 

C. Reproduktion nach vierundzwanzlgstfindigem Intervall: 

Ny. = Gold, Mund, Sarg, Leck, Wort, Sieg, Punkt, Steg, Kranz. 
Mh. = Sieg, Kranz, Sarg, Steg, Punkt 
Md. = Sieg, Mund, Bild, Wort, Brief. 

Zk. = Brief, Mund, Steg, Weg, Wort, Kranz, Sarg, Leck. 

Sk. = Gold, Mund, Kranz, Sarg, Stehen, Leck, Wort, Brief. 

Sy. = Mund, Kranz, Brief, Sieg, Wort 

Ls. = Gold, Mund, Wort, Sarg, Leck, Band, Bund, Kranz. 

RI. = Kranz, Sieg, Gold, Leck. 

Kg. = Gold, Silber, Sarg, Brief, Mund, Steg. 

Mr. = Brief, Wort, Gold, Leck, Punkt, Laut, Kranz. 

Sl. = Mund, Wort, Sieg, Kranz, Steg, Leck, Band, Bund. 

Was nun die Ausdeutung dieses ersten Versuches anbelangt, so muss 
zunächst konstatiert werden, dass die beiden Grenzfälle — Reproduktion 
keiner, bzw. aller Silben — bei keiner der Versuchspersonen zu verzeichnen 
sind. Die folgenden Tabellen mögen über die Anzahl und die Qualität der 
reproduzierten Silben orientieren, sie stellen eine numerische Zusammen¬ 
fassung der Ergebnisse dar: 

u ) Die Namen der Vpn. in Abkürzung. 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


265 


Tabelle I. 


Name der Vpn. 

Anzahl der Reproduktionen 

f*) 

r 

R 

Summe 

Ny. 

_ 

4 

2 

6 

Mh. 

— 

8 

3 

6 

Md. 

— 

3 

— 

3 

Zk.. 

— 

3 

1 

4 

Sk.. 

1 

3 

1 

5 

Sy. 

— 

3 

— 

3 

Ls.. 

1 

4 

1 

6 

RL. 

— 

3 

1 

4 

Kg.. 

— 

2 

1 

3 

Mr.. 

— 

4 

2 

6 

S1. 

— 

4 

2 

6 

Summe 

2 

36 

14 

52 


Tabelle II. 


Name der Vpn. 

Anzahl der Reproduktionen 

f 

r 

R 

Summe 

Ny. 


4 

4 

8 

Mh. 

— 

3 

4 

7 

Md.. 

1 

3 

1 

5 

Zk.. 

3 

4 

1 

8 

Sk. 

— 

5 

4 

9 

Sy. 

1 

2 

2 

5 

Ls. 

2 

4 

3 

9 

bi : . 

1 

2 

3 

6 

Kg.. 

— 

3 

4 

7 

Mr.. 

1 

4 

2 

7 

S1. 

2 

2 

4 

8 

Summe 

11 

36 

32 

79 


Bei der unmittelbar nach dem Vorsagen erfolgten Reproduktion 
zeigte sich, dass im ganzen nur 52 Wörter behalten worden waren, wobei 
als Minimum für eine Vp. 3 Wörter, als Maximum 6 Wörter erzielt 


*) Erklärung der in dieser und den folgenden Tabellen Nr. II, DI, VI, VD und 
VULl verwendeten Abkürzungen: 

f = unrichtige Reproduktion der nicht verbotenen Wörter bzw. Zahlen. 

P = unrichtige Reproduktion verbotener Wörter und Zahlen, 
r = richtige Reproduktion nicht verbotener Wörter bzw. Zahlen. 

R = richtige Reproduktion verbotener Wörter bzw. Zahlen. 


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266 


Ferdinand Winkler und Willibald Kammei 


Tabelle III. 


Name der Vpn. 

Anzahl der Reproduktionen 

f 

r 

R 

Summe 

Ny. 


5 

4 

9 

Mh. 

— 

1 

4 

5 

Md. 

1 

3 

1 

5 

Zk.. 

1 

5 

2 

8 

Sk.. 

1 

6 

1 

8 

Sy. 

— 

3 

2 

5 

Ls. 

2 

5 

1 

8 

RI. 

— 

2 

2 

4 

Kg. 

1 

4 

1 

6 

Mr.. 

1 

4 

2 

7 

Sl.. 

— 

5 

3 

8 

Summe 

7 ! 

43 

| 23 

73 


wurden. Die Zahl der unrichtigen Reproduktionen der verbotenen Wörter 
betrug: 2, die der richtigen Reproduktionen nicht verbotener Wörter: 36, 
während nur 14 richtige Reproduktionen verbotener Wörter erfolgten. Be¬ 
merkenswert ist dabei die verhältnismässig geringe Zahl der überhaupt 
wiedergegebenen Gedächtniselemente, besonders aber der unrichtigen Re¬ 
produktionen nicht verbotener Wörter (2) und der richtigen Reproduktion 
der verbotenen Wörter (14). 

Nach zwei Stunden Intervall ist das Bild der geleisteten Repro¬ 
duktionen anders gestaltet: die Gesamtsumme steigt von 52 auf 79 Repro¬ 
duktionen, eine Erhöhung, die ihren Grund in zahlreicher auftretenden 
unrichtigen Reproduktionen nicht verbotener Wörter (11 gegen 2) und in 
der richtigen Wiedergabe von 32 verbotenen Wörtern gegen 14 beim ersten 
Verhör hat. Diese bedeutende Zunahme der als nicht zum Behalten be¬ 
stimmten Wörter beim zweiten Verhör erklärt sich aus dem Umstande, dass 
der Befehl des künstlichen Verdrängens durch die unsicher gewordenen 
Bewusstseinselemente nicht mehr zur reinen Scheidung führen konnte, 
umsomehr als die Vpn. bei allen ihren Aussagen im Unklaren gelassen 
wmrdcn, ob dieselben richtig oder falsch waren. 

Das Ergebnis des Verhöres nach vierundzwanzig Stunden 
stimmt im allgemeinen zu der Tatsache, dass eine Abnahme in quantitativer 
Hinsicht (die Summe der Reproduktionen beträgt nur 73 gegenüber 79 
beim zweiten Verhör) durch eine Verbesserung in qualitativem Belang 
wettgemacht wird. So sinkt die Zahl der unrichtigen Wiederholungen 
der nicht verbotenen Wörter von 11 auf 7, die der richtigen Reproduktionen 
verbotener Wörter von 32 auf 23. Die Zahl der richtigen Reproduktionen 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


267 


der nicht verbotenen Wörter, die im ersten und zweiten Verhör 36 beträgt, 
erreichte die Zahl 43, eine beachtenswerte Leistung im Gesamtbilde der 
Versuche. 

Was die Stellung der verbotenen Wörter in der Reihenfolge be¬ 
trifft, so darf nicht übersehen werden, dass die zum Nichtmerken be¬ 
stimmten Wörter eine eigenartige Gruppierung bei der Reproduktion in den 
drei Teilversuchen einnehmen: 


Tabelle IV. 


Stelle 

i. 

IL 

m. 

IV. 

y. 

VL 

vn. 

vin. 

IX. 

X. 

otenen 

Teil- 

M 

0 

3 

2 

4 

2 

3 

0 

0 

0 

0 

der Verb 
in den 
'ersuchen 

p 

3 

1 

1 

5 

5 

7 

3 

5 

3 

0 

0 

Anzahl 

Wörter 

B 

3 

3 

3 

3 

3 

3 

2 

2 

1 

0 


Zum Verständnis dieser tabellarischen Uebersicht sei daran erinnert, 
dass im ersten Verhör die Summe aller reproduzierten Wörter 52, im 
zweiten 79 und im dritten 73 betrug. Wenn nun im ersten Verhör unter 
52 Wörtern 14 reproduziert wurden, die vergessen sein sollten und von 
diesen keines an erster Stelle in der Reihenfolge, 3 an zweiter, 2 an dritter, 
4 an vierter, 2 an fünfter und schliesslich 3 an sechster Stelle erscheinen, 
so lässt sich aus dieser Rangordnung die Finalstellung der prohibierten 
Wörter erkennen. Diese Tatsache ist auch erklärlich, wenn erwogen wird, 
dass gemäss dem Aufträge des Versuchsleiters gerade diese Wörter als 
nicht zu merkend bezeichnet worden waren. Beim zweiten Verhör liegt 
der Kulminationspunkt der Streuungskurve zwar auch noch zwischen der 
vierten und fünften Rangstelle, doch treten schon grössere Initialwerte auf 
(3 an der ersten Stelle!). Nach vierundzwanzigstündigem Intervall scheint 
infolge des Schwundes des Befehles, diese Silben zu vergessen, eine ziem¬ 
lich gleichmässige Verteilung der Wörter um sich zu greifen, weil die die 
Rangstelle bedingenden Assoziationen in ihrer Festigkeit eingebüsst haben. 
Ja, es erweckt die Betrachtung der Zusammenstellung der Reproduktions¬ 
ergebnisse in Tabelle V die Mutmaßung, dass die verbotenen Wörter all¬ 
mählich sich in Wortkomplexen zusammengeschlossen haben: 


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268 


Ferdinand Winkler und Willibald Kammei 


Tabelle V. 


Komplexe 

2 

3 

4 


▼ on 

G 

i 

liedern 

L 


3 

0 

0 

n. 

- Teilversuch 

5 

2 

0 

HL 


3 

1 

1 


Wenn auch beim dritten Teilversuche nur fünf Komplexe von 
Wörtern vorkamen, so sei doch im Hinblick auf die 7 Komplexe des 
zweiten daran erinnert, dass beim dritten Teilversuch je ein drei- und vier¬ 
gliedriger Komplex auftauchte. 

Nun hat Herbart 17 ) wohl jeder Vorstellung die Möglichkeit zu- 
erkannt, freisteigend zu werden; er meinte, dass die Tendenz jeder Vor 1 - 
Stellung, von selbst ins Bewusstsein zurückzukehren, nur durch deh. 
Gegensatz anderer Vorstellungen zurückgedrängt werde, und dass sie: 
beim Aufhören dieser Hemmnisse frei emporsteigen könne. In ähnlicher 
Weise schreiben Müller und Pilzecker allen Vorstellungen Perse¬ 
verationstendenz zu; sie verstehen darunter die Tendenz, frei ins Bewusst¬ 
sein zurückzukehren. Sie sei um so stärker, je intensiver die Aufmerk¬ 
samkeit auf die Vorstellung gerichtet war, und steigere sich, wenn sich die 
betreffende Vorstellung oder die Vorstellungsreihen sehr bald wiederholen. 
Ebbinghaus 18 ) meint, dass es sich dabei um Reproduktionen durch 
unbewusst bleibende Zwischenglieder handle, und dass diese mittelbaren 
Reproduktionen durch Nebenassoziationen, wie rückläufige und Stellen¬ 
assoziationen, Assoziationen mit nebenherlaufenden Gedanken zustande 
kämen. Personen, denen leicht etwas einfällt, seien solche, bei denen die 
gesamte assoziative Energie, mit der sich ihre jeweiligen seelischen Erleb¬ 
nisse aneinanderschliessen, gleichmässiger zwischen Haupt- und Neben¬ 
assoziation verteilt sei, während sie bei Personen, denen weniger einfalle, 
vorwiegend zur Bildung von Hauptassoziationen diene. Müller und 
Pilzecker erinnern daran, dass wir Melodien, die auf uns einigen Ein¬ 
druck gemacht haben, lange nicht los werden können und dass Vor¬ 
stellungen und Gedankenreihen, die man längere Zeit hindurch mit leb¬ 
haftem Interesse verfolgt hat, hinterher noch geraume Zeit hindurch auch 
ganz gegen Wunsch das Bewusstsein heimsuchen können, falls dieses 
nicht durch anderweitige Inhalte stark in Anspruch genommen ist. Im 

,r ) Lehrbuch der Psychologie. Herbarts philosophische Hauptschriften, heraus¬ 
gegeben von O. Flügel und Th. Fritzsch, 3. Bd., 1914, S. 31. 

*•) Grundzüge der Psychologie l s , 1900, 696. 


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Stadien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


269 


Gegensatz zu diesen Ausführungen steht im gewissen Sinne die Anschauung 
von A a 11 19 ), dass die Reproduktionstendenz bei der Gedächtnisarbeit 
eine grosse Rolle spiele; man merke sich den betreffenden Inhalt mit der 
Absicht einer nachträglichen Reproduktion; sobald man lerne, sei mit dem 
Lernprozess das Vorhaben verbunden, den Inhalt später irgendwie zu ver¬ 
werten. Die Grundlage der Gedächtnisleistung, welche in dem aufmerk¬ 
samen Sicheinprägen der Eindrücke besteht, sei einer Art Spannung zu 
vergleichen, welche anders sei für eine nur einmal zu erwartende Repro¬ 
duktion als für die Erwartung, dass der Inhalt einer wiederholten Repro¬ 
duktion zugeführt werden soll. Weiss die Vp., dass der betreffende Inhalt 
nicht zu merken sei, wenn also die Vorstellung der völligen Nichtigkeit 
des Inhaltes besteht, so hat dies eine Art von Entspannung des Gedächtnis¬ 
mechanismus zur Folge. Man kann nach A a 11 gewissermaßen positiv 
die Bande lösen, welche den Inhalt mit einem Reproduktionsvorsatz ver¬ 
knüpfen; die Erinnerungsinhalte können nach Verzichtleistung auf die 
Gedächtnisleistung ziemlich verwischt werden. — 

Die Reproduktion der einzelnen Wörter erfolgte bei den Vpn. nicht 
in gleichem Tempo: ein Zögern, ein leises Vorsprechen vor dem lauten 
Aussprechen verriet in einzelnen Fällen die obwaltende Unsicherheit in der 
Aussage 20 ). Das Verhör dauerte für eine Vpn. durchschnittlich zwei 
Minuten. Es wurde das mündliche Verhör bei diesem und dem Versuche 
Nr. II angewendet, da sieben Vpn. von 11 mit ziemlicher Gewissheit (auf 
Grund von Beobachtungen im Unterricht, von Schreibfehlern und der sub¬ 
jektiven Aussage) dem akustischen Vorstellungstypus angehören, wenn 
sie veranlasst werden, Wortmaterial aufzunehmen und zu reproduzieren. 
Die Vpn. Md., Sy. und Sl. dürften visuell veranlagt sein, bei der Vp. Sk. 
dürfte ein visuell-akustischer Typus vorliegen. Das Ergebnis der als vermut¬ 
lich visuell beanlagten Vpn. Md., Sy. und Sl. stimmt übrigens zu dem 
Habitus der Reproduktionen der übrigen Vpn. 

Müller und Filzecker bemerken, dass die übliche Darstellung 
der Vorgänge, welche beim Lesen und Lernen von Wort- und Silbenreihen 
stattfinden, unvollständig sei. Man stellt die Sache so dar, als ob wir uns 
beim Hersagen einer Silbenreihe entweder nur auf die gegenseitigen Asso¬ 
ziationen der visuellen, der akustischen oder der Unästhetischen Silben¬ 
vorstellungen, oder endlich, was die Regel sei, auf mehrere dieser drei 
Arten von Assoziationen zugleich stützen; dabei bleibt die Tatsache im 
Hintergrund, dass sich beim Lesen einer Silbenreihe auch solche Vor- 


>*) Zeitschrift für Psychologie 66, 1913, 41. 

,0 ) In den Veranchsprotokollen von Müller and Pilzecker findet sich die 
Bemerkung, dass eine Vp. gemeint habe, der Mund spitze sich von selber, dabei werde, 
wie sich diese Autoren vorstellen, die zugehörige Silbe ganz automatisch aasgesprochen. 
Zeitschrift für Psychologie 1900,1. Ergänzungshand, S. 13. Auch von Sybel schreibt, 
dass der Mund nach Angabe einer Vp. von selbst die zum Anssprechen der za nennen¬ 
den Silbe nötige Stellung eingenommen habe. Zeitschrift für Psychologie 53,1909, 270. 


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270 


Ferdinand Winkler und Willibald Kammei 


Stellungen von Silben miteinander assoziieren, welche verschiedenen Sinnes¬ 
gebieten angehören. Wenn einer durch ihr cptisches Aussehen hervor¬ 
tretenden Silbe eine in akustischer Beziehung auffallende folgt, so könne 
späterhin die erste Silbe die zweite mittels einer Assoziation repro¬ 
duzieren, welche wesentlich zwischen einer optischen und einer akus¬ 
tischen Silbenvorstellung hergestellt sei. Müller und Pilzecker 
weisen darauf hin, dass die Beobachtung des rein mechanischen Aussprechens 
der Silben gegen die Meinung spreche, dass die visuelle Wahrnehmung der 
Silben die kinästhetische oder akustische Vorstellung auslöse; vielmehr 
müsse man annehmen, dass Assoziationen wirksam seien, welche bestimmte 
visuelle Eindrücke direkt mit gewissen motorischen Vorgängen verknüpfen; 
es gebe Gedächtnisse, deren Besonderheit darin bestehe, dass die Assoziation 
bestimmter verschiedener Sinnesgebiete, z. B. zwischen visuellen und akus¬ 
tischen Vorstellungen ganz besonders stark ausfalle. 

Die Verknüpfung visueller Eindrücke mit motorischen Vorgängen 
wird nur erklärlich, wenn wir uns an die sensorielle Empfindungstheorie 
halten, welche die Ausleitung von Reizen nach den verschiedenen Seiten 
hin verständlich macht. Die Rindenneurone, welche den Reiz von den 
Sehzellen her aufnehmen, geben ihn nach den motorischen, vasomotorischen 
und akustischen oder nach einer anderen sensoriellen Seite ab. Jedes 
Empfindungsneuron ist auch ein motorisch leitendes Neuron; wenn der 
weitergeieitete Reiz in die Lippen- und Zungenmuskulatur fortgepflanzt 
wird, so wird die Silbe wirklich, wenn auch „automatisch“, ausgesprochen, 
und wenn der Reiz zu den Hörzellen kommt, so entsteht eine akustische 
W ortvorstellung. 

Müller und Pilzecker nehmen an, dass nicht selten die Kennt¬ 
nis der Stelle, welche die vorgezeigte Silbe in der betreffenden Silbenreihe 
besessen hatte, der Vp. dazu diene, die richtige Silbe zu finden. Die Vp. 
vergegenwärtige sich etwa, dass die vorgezeigte Silbe die vorletzte in der 
Reihe gewesen sei, und dies erleichtere entweder ohneweiteres die Repro¬ 
duktion der zugehörigen Silbe, oder die Vp. bemühe sich, die Silbe an der 
nachfolgenden Stelle der Reihe in Erinnerung zu bringen. Wenn die be¬ 
treffende Silbenreihe sehr fest eingeprägt sei, so vergegenwärtige sich die 
Vp. zuweilen einen mit der vorgezeigten Silbe endigenden ganzen Abschnitt 
der Silbenreihe und suche so durch die reproduzierende Wirksamkeit eines 
ganzen Abschnittes der Reihe dasjenige zu erreichen, was ihr die repro¬ 
duzierende Kraft der vorgezeigten Silben allein nicht zu leisten vermag 21 ). 

Interessanterweise wird häufig ein mnemotechnischer Behelf zur An¬ 
wendung gebracht. Müller und Pilzecker bemerkten nämlich, dass 
sich gelegentlich die Vp. des Umstandes erinnerte, dass sie zu der vorge¬ 
zeigten Silbe eine von besonderer Beschaffenheit gehört habe, und dass 

SI ) Klugmann, H., Ueber Fehler bei der Reproduktion von Zahlen. Fortschritte 
der Psychologie und ihrer Anwendungen. IV. Bd., 7. Heft. 


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sie 


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Stadien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


271 


sie auf Grund dieser Vorstellung zu der gesuchten Silbe zu gelangen suchte. 
Auch in dem hier mitgeteilten I. Versuche kamen derartige „Hilfen“ zur 
Verwendung; die Vp. brachte mit Hilfe von Aehnlichkeitsbeziehungen 
im Klange oder in der Bedeutung auf assoziativem Wege verloren ge¬ 
gangene Silben, bzw. Wörter ins Bewusstsein. So reproduzierte z. B. beim 
zweiten Verhör die Vp. Zk. auf das Wort „Steg“, das als fünftes Reizwort 
vorgesprochen wurde, nicht das unmittelbar darauffolgende „Gold“, 
sondern das nicht vorgesprochene, daher falsche Wort „Weg“. Die im 
bekannten Diktum: „Guten Weg, guten Steg!“ festgehaltene Klang¬ 
assoziation mag die Vp. zu dieser Fehlleistung veranlasst haben. Derselbe 
Fehler findet sich ebenfalls im dritten Verhör und spricht dadurch für die 
perseverierende Tendenz dieser Assoziation. Seltsamerweise hatte Zk. beim 
ersten Verhör gerade mit dem Wort „Steg“ seine Reproduktion geendet! — 
Um noch ein Beispiel anzuführen, sei auf die im zweiten Verhör vor¬ 
kommenden Fehlleistungen einiger Vpn. in Bezug auf die Reproduktion 
des Reizwortes „Mund“ verwiesen. Die Vp. Ls. reproduziert neben dem 
richtigen „Mund“ in Anlehnung an den Klangcharakter dieses Wortes: 
„Bund“ und am Schluss: „Band“. Beim dritten Verhör erscheinen diese 
Wörter unmittelbar aufeinanderfolgend in umgekehrter Reihenfolge: 
„Band-Bund“, nachdem schon an zweiter Stelle das richtige Wort „Mund“ 
wiedergegeben worden war. Eine ähnliche Beobachtung lässt sich im 
zweiten und im dritten Verhör bei der Vp. Sl. aufweisen. Vgl. dazu die 
Uebersichten auf S. 265—266. 

Es konnte bei den drei Teilversuchen, aus denen sich der erste Haupt¬ 
versuch zusammengesetzt, bemerkt werden, dass einzelne Vpn. die Wörter 
gewissermaßen automatisch aussprachen. Dieser Vorgang entspricht dem 
sogenannten mechanischen Hersagen, bei dem nach den Ausführungen von 
G. E. Müller dem Aussprechen eines Reihenbestandteils kein Unästhe¬ 
tisches Vorstellungsbild des letzteren vorangehe. Die Erklärung ist in dem 
sprechmotorischen Ausleiten des Bewegungsreizes zu suchen, der beim 
Lernen vom Ohre ins Gehirn eingedrungen ist und nun rückläufig seinen 
Weg vom Gehirn zur Peripherie sucht. Müller erklärt das mechanische 
Hersagen auf andere Weise; er meint, dass derartige Fälle dadurch zustande 
kommen können, dass die rein physiologische Komponente der Lemwirkung 
zur Bewirkung des Hersagens der betreffenden Reihenglieder ausreiche, 
während die psychologische Komponente überhaupt nicht so stark ent¬ 
wickelt sei, dass durch ihre Wirksamkeit eine Reproduktion der Unästhe¬ 
tischen Vorstellungsbilder der zu nennenden Reihenbestandteile möglich 
wäre. In anderen Fällen wird es so stehen, dass sowohl die rein physiologi¬ 
sche als auch die psychologische Komponente der Lernwirkung an und für 
sich für die Ermöglichung des Hersagens ausreicht, dass aber infolge der 
Wirksamkeit der ersteren Komponente das Hersagen so schnell vor sich 
geht, dass das Aussprechen eines Reihenbestandteiles der Reproduktion 


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272 


Ferdinand "Winkler und Willibald Kammei 


seines kinästhetischen Vorstellungsbildes zuvorkommt und infolgedessen 
dieses Vorstellungsbild entweder gar nicht im Bewusstsein aufkommt oder 
in der Weise mit der eintretenden kinästhetischen Empfindung des Aus¬ 
sprechens des Reihenbestandteiles verschmilzt, dass sein Erwecktsein der 
Selbstbeobachtung ganz entgeht. In einer sehr grossen Anzahl von Fällen 
wird der Sachverhalt der sein, dass die rein physiologische Komponente 
der Lernwirkung zwar nicht ausreicht, um allein das Hersagen zu be¬ 
wirken, aber doch in den betreffenden motorischen Organen eine sehr hohe 
Disposition oder Neigung zur Folge hat, in die das Aussprechen der Reihen¬ 
glieder bedingende Erregung zu geraten. In solchen Fällen wird es auch 
geschehen, dass die Selbstbeobachtung ein vor dem Aufsagen eines Reihen¬ 
bestandteiles eintretendes kinästhetisches Vorstellungsbild des letzteren 
nicht zu erfassen vermag, weil eben das auf tauchende Vorstellungsbild 
schon in dem allerersten Stadium seiner Entwicklung zur Bewirkung des 
Aussprechens genügt und durch die auftretende Wahrnehmung des Aus¬ 
sprechens entweder an seiner weiteren Entwicklung gehindert oder durch 
Verschmelzung der gesonderten Erfassung entzogen wird. Ist jene durch 
das Lernen bewirkte Disposition der beim Hersagen zu beteiligenden 
motorischen Nervenorgane eine noch mindere, so vermag sich das kinästhe- 
tische Vorstellungsbild vor dem Eintreten des Aussprechens so weit zu 
entwickeln, dass es für die Selbstbeobachtung als ein undeutliches moto¬ 
risches Bild, als eine motorische Vorahnung oder dergleichen merkbar wird. 
Ist jene Disposition der motorischen Nervenorgane noch weniger stark, so 
geht dem Aussprechen ein deutliches, relativ leicht erfassbares kinästhe¬ 
tisches Vorstellungsbild des betreffenden Reihenbestandteiles voraus, vor¬ 
ausgesetzt natürlich, dass die psychologische Komponente der Lern¬ 
wirkung zur Bewirkung des Hersagens ausreicht. 

II. Versuch. Analog dem ersten Versuch wurden den elf Vpn. 
zweistellige Zahlen im Sekundentakt vorgesprochen; unter ihnen befanden 
sich, wie die folgende Zusammenstellung zeigt, vier Zahlen, welche die 
Ziffer „sieben“ enthalten, und gerade diese wurden als zu unterdrückende 
bezeichnet: 4 7, 63, 9 7, 84, 16, 52, 7 7, 31, 2 7, 48. Wie beim ersten Ver¬ 
such so wurden auch hier dieselben Versuchsbedingungen eingehalten. Bei 
dem unmittelbar auf das Vorsagen erfolgten mündlichen Verhör wurde 
folgendes Ergebnis erzielt: 

A. Reproduktion unmittelbar nach dem Vorsagen: 

Ny.* 2 ) = 63, 16, 31, 91, 52. 

Mb. = 63, 60, 84. 16, 83, 

Md. = 63, 84, 16, 62, 24. 

Zk. = 31, 48, 64. 

8k. = 48, 64, 52, 82. 

**) Die Namen der Vpn. in Abkürzung. 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


273 


Sy. = 48, 63, 52, 16, 84. 96. 

Le. = 48, 63, 31, 24. 

BL = 7, 84, 91, 49, 34. 

Kg. = 63, 84, 52, 16, 96. 

Mr. = 64, 63, 84, 22. 

Sl. = 84, 91, 48, 63, 49. 

B. Reproduktion nach zweistündigem Intervall: 

Ny. = 31, 16, 91, 52, 68, 77, 27, 47. 

Mh. = 16, 63, 50, 83. 

Md. = 37, 63, 27, 84, 67, 16, 57, 21, 97, 24. 

Zk. = 47, 63, 52, 48. 

Sk. = 47, 64, 82, 17, 43, 52, 98, 27. 

Sy. = 16, 27, 52, 77, 63, 84, 96. 

Le. = 81, 24, 27, 77, 63, 34. 

RI. = 7, 34, 49, 84, 91. 

Kg. = 47, 67. 

Mr. = 22, 27, 47, 84, 63, 64, 48, 77. 

81. = 48, 84, 36, 47, 49. 

C. Reproduktion nach vierundzwanzigstündlgem Intervall: 


Ny. 

= 

31, 16, 91, 52, 63, 77, 47, 27. 

Mh. 

= 

48, 63, 60, 16, 83, 50. 

Md. 

= 

48, 63, 37, 84, 27, 16, 57, 21, 67, 24. 

Zk. 

= 

47, 48, 63, 52, 37 (?). 

Sk. 

= 

47, 64, 98, 16, 27, 52, 82, 17. 

Sy. 

== 

16, 52, 77, 27, 84, 96. 

Ls. 


24, 34, 63, 81, 27, 77, 67 oder 76. 

RI. 

= 

7, 34, 49, 84, 91. 

Kg. 

= 

16, 47, 98, 84. 

Mr. 

— 

22, 63, 47, 77, 27, 84, 48, 64. 

Sl. 

= 

48, 84, 27 (?), 56, 79 (?). 


Auch bei diesem zweiten Versuche zeigt es sich, dass keiner der beiden 
möglichen Grenzfälle — Reproduktionen aller oder gar keiner Zahl — 
vorkommt. Was die Ausdeutung der Ergebnisse anlangt, so sei zum Ver¬ 
ständnis der gleich folgenden tabellarischen Uebersichten gesagt, dass in 
denselben vier Kategorien zu verzeichnen sind im Gegensatz zu den Ergeb¬ 
nissen beim ersten Versuch. Es können nämlich die folgenden vier Arten 
von Leistungen Vorkommen: 1. richtige Reproduktion der nicht ver¬ 
botenen Zahlen, 2. richtige Reproduktion der verbotenen Zahlen, 3. unrich¬ 
tige Reproduktion der nicht verbotenen Zahlen und schliesslich 4. unrichtige 
Reproduktion der verbotenen Zahlen. Diese letzte Kategorie kam bei dem 
Wortmaterial nicht in Betracht, weil unrichtige Reproduktionen der ver¬ 
botenen Wörter beim mündlichen Verhör schlechthin nicht möglich sind. 

Das Ergebnis des ersten Verhörs lässt sich in der folgenden tabel¬ 
larischen Uebersicht darstellen: 

Zeitschrift für Psychotherapie. VII. 18 


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274 


Ferdinand Winkler und Willibald Kammei 


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Tabelle VI. 


Name 
der Vpn. 

Anzahl der Reproduktionen 

f 

F 

r 

R 

Summe 

Ny. . . . 

1 


4 


5 

Mb. 

2 

— 

3 

— 

5 

Md. . . . 

1 

— 

4 

— 

5 

Zk. . . . 

1 

— 

2 

— 

3 

Sk. . . . 

2 

— 

2 

— 

4 

Sy. . . . 

1 

— 

5 

— 

6 

Ls. . . . 

1 

— 

3 

— 

4 

Rl. . . . 

3 

1 

1 

— 

6 

Kg. . . . 

1 

— 

4 

_ 

5 

Mr. . . . 

2 

— 

2 

— 

4 

Sl. ... 

2 

— 

3 

— 

5 

Summe 

17 

1 

33 

- 

51 


Waren beim ersten Versuch mit sinnvollem Wortmaterial 52 Wörter 
von allen Vpn. reproduziert worden, so korrespondiert das Ergebnis mit 
den Zahlen, da auch hier nur 51 Reproduktionen erfolgten. Nur die Vp. El. 
reproduzierte einmal eine verbotene Zahl, und zwar in unrichtiger Weise, 
nämlich „7“ für (wahrscheinlich) „77“. Sonst wurden insgesamt 34 
richtige Reproduktionen der nicht verbotenen Zahlen und 17 unrichtige 
der nicht verbotenen Zahlen erzielt. Bemerkenswert bei diesem ersten 
Teilversuche ist die Tatsache, dass von allen Vpn. keine Reproduktion der 


Tabelle VII. 




Anzahl der Reproduktionen 


N ame 






der Vpn. 







f 

F 

r 

_. K _ 

Summe 

Ny. . . . 

1 


4 

3 

8 

Mh. . . . 

2 

— 

2 

— 

4 

Md. . . . 

2 

3 

3 

2 

10 

Zk. . . . 

— 1 

— 

3 

1 

4 

Sk. . . . 

4 

1 

i 

2 

8 

Sy. . . . 

1 

— 

4 i 

2 

7 

Ls. . . . 

3 

— 

i 

2 

<J 

Rl. . . . 

3 


1 

— 

0 

Kg. ... | 

— 


i 


* 

Mr. . . . | 

2 

j 

3 

3 

H 

Sl. ... 

2 

— i 

2 

1 

5 

Summe : 

j 20 ] 

5 

25 

i 17 

67 


Gck igle 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


275 


zu unterdrückenden Zahlen erfolgte, dass also der strikte Befehl, der zu 
Beginn des Versuches den Vpn. erteilt wurde, ohne Fehlleistung ausgeführt 
wurde bis auf die eine, schon erwähnte Ausnahme bei der Vp. RI. 

Bei dem zwei Stunden nach dem Versuche vorgenommenen Verhör 
ergab sich das in vorstehender Tabelle VII zusammengestellte Resultat. 

Die Gesamtsumme der Reproduktion ist von 52 auf 67 gestiegen, 
beim Wortmaterial wurden sogar 79 Reproduktionen erzielt. Wenn die 
Zahl der Reproduktionen somit um 12 zurückbleibt, so liegt der Grund 
in der geringeren Anzahl der richtigen Reproduktionen der nicht verbotenen 
Zahlen: 25 im zweiten Versuch gegenüber 36 im ersten. Die Zahl der 
Fehlleistungen hei den nicht verbotenen Zahlen betrug 20 (eine Zunahme 
von 3) und bei den unrichtigen Reproduktionen der verbotenen Zahlen 5 
gegenüber 1. Auch hier mag die Ursache der Zunahme von Fehlleistungen 
in dem unbewussten Sichaufdrängen der bezeichneten Zahlen zu suchen sein. 

Nach vierundzwanzigstündigem Intervall ergab die Zu¬ 
sammenfassung der Verhörsergebnisse die folgende Uebersicht: 


Tabelle VIII. 


N ame 
der Vpn. 

Anzahl der Reproduktionen 

f 

F 

r 

R 

Summe 

Ny. . . . 

1 


4 

3 

8 

Mh. . . . 

3 

— 

3 


6 

Md. . . . 

2 

3 

3 

2 

10 

Zk. . . . 

— 

1 

3 

1 

5 

Sk. . . . 

3 

1 

2 

2 

8 

Sy. . . . 

1 

— 

3 

2 

6 

L 8. . . . 

3 

1 

1 

2 

7 

RI. . . . 

3 

1 

1 

— 

5 

Kg. . . . 

1 

— 

2 

1 

4 

Mr. . . . 

2 

— 

3 

3 

8 

Sl. ... 

1 

2 

2 

— 

5 

Summe 

20 

9 

27 

16 

72 


Im Vergleich mit dem Ergebnis beim Wortmaterial ist hier noch ein 
Steigen der Reproduktionen von 67 auf 72 zu verzeichnen. Die Ursache 
davon liegt in dem Umstande, dass sich die Anzahl der unrichtigen Repro¬ 
duktionen der verbotenen Zahlen verdoppelt hat, d. h. dass in dem Maße, 
als die Zeit zunimmt, der Befehl bestimmte Zahlen zu verdrängen, an Inten¬ 
sität, an auswirkender Kraft verliert. Es ist gewiss kein Zufall, wenn die 
Versuchsergebnisse zwischen dem zweiten und dritten Verhör sonst so ziem¬ 
lich übereinstimmen. 


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276 


Ferdinand Winkler und Willibald Kammel 


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Auch bei diesem zweiten Versuch ist auf die Reihenfolge zu achten, 
in der die zum Nichtmerken bestimmten Zahlen erscheinen. In den drei 
Verhören erscheinen sie folgendermaßen gruppiert: 


Tabelle IX. 


Stelle 


I. 

n. m. 

IV. 

V. 

VI. 

vn. 

VIEL 

IX. 

Anzahl der verbotenen Zahlen in 
dem Verhöre 

Nr. 

1 

R 

! 

i ! 1 : 

_ 

_ 

— 

F 

1 


— 

— 

— 

— 

* 

R 

3 

i 

2 j 3 

3 

_ 

1 

1 

1 

1 

1 

r 

i 

! 

3 

1 

F 

I 

2 

- ! - 

i 

— 


3 

R 

3 

1 ! 2 

2 

t 

4 | 2 

1 

i 

1 

F 

1 

i 

-! 2 

_ i , i _ 

i 1 

! 

2 ; i 

1 

1 


Zum Unterschiede von der tabellarischen Uebersicht Nr. IV (S. 267) 
wurden nun bei den drei Einzelverhören sowohl die richtigen als auch 
die unrichtigen Reproduktionen der verbotenen Zahlen angeführt. Die Er¬ 
gebnisse lassen sich deshalb mit Fug und Recht vergleichen, weil in beiden 
Versuchen die Anzahl der Wiederholungen so ziemlich übereinstimmt. 
So zeigt sich auch bei der Gruppierung der richtigen Reproduktionen der 
verbotenen Zahlen: im ersten Versuch ist sie „0“ an allen Stellen; beim 
zweiten und dritten Verhör setzt zwar die Anzahl der Reproduktionen mit 
je dreien ein, doch lässt sich in beiden Reihen eine deutliche Finalstellung 
der zum Unterdrücken bestimmten Zahlen nachweisen, besonders beim 
Wort- und Zahlenmaterial von der fünften Stelle an. Auch hier lehrt eine 
genauere Betrachtung der Reproduktionsfolge, dass neben der Finalstellung 
und, besser gesagt mit ihr die Neigung zur Komplexbildung vorzuliegen 
scheint. Die folgende Tabelle Nr. X legt diese Vermutung nahe. 

Sprach beim Wortmaterial für die Tendenz zur Komplexbildung bei 
den verbotenen Elementen der Umstand, dass im dritten, also zeitlich 
spätesten Verhör, sogar Komplexe von vier Elementen vorkamen, so ergibt 
sich auch bei dem zweiten Versuch, dass im dritten Verhör die Komplex¬ 
bildung nicht nur quantitativ (4 gegenüber 3), sondern auch qualitativ zu¬ 
genommen hat, da zwei Komplexe zu je zwei Elementen zu verzeichnen 
sind. Dies beweist eben, dass die zum Unterdrücken bestimmten Elemente, 


Gck igle 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


277 


Tabelle X. 


Ko mplexe 
von 


I. 


II. 


HI. 


Gliedern 


0 0 


Verhör 


2 ! 0 


seien es Wörter oder Zahlen, wenn sie vergessen werden sollen, sich ge¬ 
wissermaßen als Art zur Selbstverteidigung zusammenscharen, um so 
besser in assoziativer Verknüpfung zu bleiben: die Assoziation, mag es sich 
um eine inhaltliche oder klangartige handeln, wird zu einer voluntativen; 
die Intensität in Bezug auf Abwehr hat zugenommen. 

I. Exkurs. Es sei an dieser Stelle in Form eines Exkurses auf einen 
Parallelversuch verwiesen, der ungefähr in derselben Zeit wie die beiden so¬ 
eben charakterisierten vorgenommen wurde. Als Vpn. dienten ein Universi¬ 
tätshörer und ein Bankbeamter. Zum Unterschiede von den beiden Ver¬ 
suchen, die sich nur auf akustische Reproduktionen beschränkten, wurden in 
diesem Experiment die Prüfung schriftlich vorgenommen, war also visuell. 
Dabei erreignete sich nun, dass die letztgenannte Vp. P. beim Nieder¬ 
schreiben die richtige Ziffer „7“ zwar zu zeichnen begann, aber die Aus¬ 
führung des Zahlenzeichens nicht zu Ende führte, ja, es sogar unter deut¬ 
lich sichtbarer Hemmung durch die Zahl „2“ ersetzte. 

Urbantschitsch 23 ) bemerkt in seinen Versuchen über die Be¬ 
einflussung von subjektiven Anschauungsbildern durch äussere Reize, dass 
eine Umwandlung der Zahlziffer „7“ in „2“ erfolgte. Freilich war in der 
Vorlage die Zahlziffer „7“ verkehrt geschrieben, und es diente der Haken¬ 
strich, welcher in der Schrift durch den vertikalen Strich der Ziffer „7“ 
ging, zur Umwandlung in die Ziffer „2“, während der nach der anderen 
Seite abgekehrte Teil des Hakenstriches sowie der über diesen hinüber¬ 
ragende Teil des Vertikalstriches der Zahl „7“ im Gedächtnisbilde ganz 
ausgelöscht zu sein schien. Ferner beschreibt Urbantschitsch 24 ) 
einen Versuch, in welchem die Vp. die Ziffer „7“ im subjektiven Anschau¬ 
ungsbild in die Ziffer „2“ umgeändert zu sehen hatte. Dies geschah in der 
Weise, dass die Ziffer „7“ sich umdrehte und hierauf die durch den Ver¬ 
tikalstrich der Ziffer „7“ der Schrift gehende Bogenlinie nach rechts ver- 


**) Ueber subjektive optische Anschauungsbüder, 1907, S. 93. 

,4 ) Ueber subjektive Hörerecheinungen und subjektive optische Anschauung 
bilder, 1908, S. 43. 


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278 


Ferdinand Winkler und Willibald Kammei 


schwand, später auch die ober der Bogenlinie nach aufwärts reichende 
Vertikallinie der verkehrt stehenden Ziffer „7“, wodurch die Ziffer „2 fc * 
entschwand. Als diese Versuchsperson einige Stunden danach im Amt 
zu rechnen hatte, bemerkte sie zu ihrem Erstaunen, dass sie die Ziffer „2“ 
nicht zu schreiben vermochte. Diese Unmöglichkeit, deren Ursache sich 
die Vp. nicht zu erklären vermochte, hielt durch mehrere Stunden an und 
verschwand hierauf. Erst später fiel der Vp. ein, dass es sich um die 
Ziffer gehandelt hatte, die beim Versuche im subjektiven Anschauungs¬ 
bilde aus der verkehrten Ziffer „7“ hervorgegangen war. Als dieselbe Vp. 
ein andermal die Ziffern „3“ und „6“ in ungewöhnlicher Form im An¬ 
schauungsbilde zu sehen hatte, die Ziffer „3“ mit einer rudimentären 
oberen und kolossal ausgebauchten unteren Krümmungslinie und auch „6“ 
mit einer grossen Kreislinie, vermochte die Vp. unmittelbar nach dem Ver¬ 
suche nicht, die beiden Ziffern „3“ und „6“ zu schreiben; sie schrieb einige 
Stunden später im Amt, ohne an den Versuch zu denken, beide Ziffern 
mit unförmlichen Ausbauchungslinien. Erst aus der absonderlichen Form 
dieser beiden Ziffern erinnerte sich die Vp. an den vorausgegangenen 
Versuch. Die Erscheinung hielt auch diesmal durch einige Stunden an 
und trat später auch dann nicht mehr ein, wenn sich die Vp. die Gestalt 
der Ziffern „3“ und „6“ im subjektiven Anschauungsbilde vorstellte. Die¬ 
selbe Beobachtung betraf auch eine in die subjektive Anschauung getretene 
unvollständige Ziffer „4“. 

III. Versuch: A) Frl. E., Lehrerin, 20 Jahre alt, wurde am 
14. Dezember 1915 in hypnotischen Schlaf versetzt, wobei ihr die Sug¬ 
gestion gegeben wurde die Ziffer „7“ zwar zu lesen, aber sich nicht 
merken zu können. Nach dem Erwachen wird ihr die im Versuch Nr. II 
verwendete Zahlenreihe vorgelegt. Die Vp. liest die Zahlen ohne Stockung, 
bei der Reproduktion fallen aber alle vier Zahlen, welche die Ziffer „7“ 
enthalten, weg. 

Zur Erklärung dieser Erscheinung sei daran erinnert, dass der hypno¬ 
tische Versuch eine Einengung des Bewusstseins mit sich bringt und auf 
derselben Stufe steht wie die bekannten Versuche, in denen in der Hypnose 
aus der Vorstellung des hypnotisierten Individuums gewisse Buchstaben 
eliminiert werden, so dass sie beim Schreiben vollständig ausgelassen^ 
werden. Winkler hat einen derartigen Versuch bei den Verhandlungen 
des internationalen Vereins für medizinische Psychologie in Wien im Sep¬ 
tember 1913 demonstriert 2Ö ) und gezeigt, dass an der Stelle des ausge¬ 
lassenen Buchstabens sich entweder eine Schreibpause nachweisen lässt 
oder dass der fehlende Buchstabe durch einen Anstrich vertreten wird. 

B) Die Vp. Bd. erhält in der Hypnose den Auftrag, die Ziffer „7“ 
zwar sehen, lesen und aussprechlen zu können, sie aber nicht im Ge- 


*) Zeitschrift für Pathopsychologie, I. Ergänzungsband, 1914 S. 172. 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


279* 


dächtnisse behalten zu vermögen. Es wird ihr nach dem Erwachen die 
obige Zahlenreihe vorgezeigt. Die Yp. liesst diese zehn Zahlen laut vor; 
bei der Aufforderung, sie auswendig wiederzugeben, bemerkt sie, dass 
sie sich nicht an Zahlen erinnern, daher auch nicht die soeben gelesenen 
wiederholen könne. 

Das Ergebnis dieses Versuches erinnert an gewisse Formen der Seelen¬ 
blindheit. Winkler hat schon an anderer Stelle 26 ) darauf hingewiesen, 
dass Seelenblindheit und Seelentaubheit mit der Affektunterdrtickung 
verwandt sind; in beiden Fällen sind die Leitungsbahnen für die Be¬ 
wegungsreize gestört. Es unterbleiben die motorischen Reizausleitungen 
in den gewohnten Bahnen und damit die zweckmässigen Reaktionen, die 
rückläufigen Reizungen in die Sinnesperipherie. Infolgedessen fehlen die 
an das Sehen und Hören assoziiert gewesenen Vorstellungen und damit 
das Verständnis des Gesehenen und Gehörten. 

IV. V ersuch: Vier Vpn., Universitätshörern im Alter von 19 bis 
25 Jahren, wird die Aufgabe gestellt, zwei ziemlich gleich umfangreiche 
Prosastellen auswendig zu lernen. Als Texte wurden gewählt: a) eine 
Stelle aus einer Rede Bismarcks und b) eine aus dem Kriegsmanifest, mit 
welchem weiland Kaiser Franz Josef I. im Sommer 1914 seine Völker zu 
den Waffen rief. Den Vpn., welche ans Auswendiglernen gewöhnt waren, 
wurde zu jeder Stelle 20 Minuten Zeit gegeben und der Auftrag erteilt, die 
auswendiggelernten Stellen nach zwei Stunden niederzuschreiben. Die vier 
Vpn. hatten versprochen (wie die Vpn. der Versuche Nr. I und II) nicht 
nach dem Erlernen an den Text zu denken und auch nicht Hilfsmittel zum 
Lernen zu benützen. Das Bruchstück der Bismarckschen Reichstagsrede 
sollte vollständig auswendig gelernt werden, im Kriegsmanifest aber der 
durch gesperrten Druck kenntlich gemachte Satz unterdrückt werden. 

Die aus dem Manifest herangezogene Textstelle lautet: 

.„In dieser ernsten Stande bin ich Mir der ganzen Tragweite 

Meines Entschlusses und Meiner Verantwortung vor dem Allmächtigen voll 
bewusst. 

Ich habe alles geprüft und erwogen. 

Mit ruhigem Gewissen betrete ich den Weg, den die Pflicht Mir weist. 

Ich vertraue auf Meine Völker, die sich in allen Stürmen stets in Einig¬ 
keit und Treue um Meinen Thron geschart haben und für die Ehre, Grösse 
und Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern immer bereit waren. 

Ich vertraue auf Oesterreich-Ungarns tapfere und von hingebungsvoller 
Begeisterung erfüllte Wehrmacht. 

Und ich vertraue auf den Allmächtigen, dass Er Meinen Waffen den Sieg 
verleihen werde.“ 

Die Durchsicht der Elaborate der Vpn. lehrte, dass den gestellten 
Versuchsbedingungen nicht Genüge geleistet worden war. Aus dem 

*•) Ebendort S. 21. . , 


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Ferdinand Winkler und Willibald Kamrael 


Bruchstücke der Bismarckschen Rede fehlte zwar keine Wortfügung, im 
Kriegsmanifest waren dagegen einzelne Stellen gar nicht oder nur unvoll¬ 
ständig wiedergegeben worden. Die zum Unterdrücken bestimmte Stelle: 
„Ich habe alles geprüft und erwogen“ wurde von allen Vpn. 
wiedergegeben, aber an eine andere Stelle im Texte gesetzt. Es zeigte sich, 
dass die Vpn. gleich nach dem Niederschreiben sich des Unterdrückungs¬ 
auftrages erinnerten, denn in allen Manuskripten war dieser Satz teils be¬ 
gonnen, teils ganz niedergeschrieben und dann durchgestrichen worden. 

Nach vierundzwanzigstündigem Intervall zeigte sich in den neuerlich 
angefertigten Niederschriften, dass sich das Erinnerungsbild noch mehr 
verwischt hatte. Sätze aus dem einen Stücke waren in das andere über¬ 
gegangen, und in einzelnen Fällen waren ganz neue, dem Originaltexte 
nicht entsprechende Sätze gebildet worden. Die zur Verdrängung be¬ 
stimmte Phrase wurde von einer Vp. überhaupt ausgelassen, von einer 
anderen in die Reichstagsrede hineingesetzt und von den beiden anderen 
als Schlußsatz des Kriegsmanifestes verwendet. 

Nach 48 Stunden wurden die vier Vpn., welche nicht ahnten, dass 
sie nochmals über das Gelernte gefragt werden würden, aufgefordert, 
die bewussten zwei Textstellen aus dem Gedächtnis niederzuschreiben. Es 
zeigte sich, dass beide Stellen noch mehr in der Erinnerung verblasst waren, 
es wurden nur einzelne Sätze reproduziert, und die Redewendung, welche 
nicht gemerkt werden sollte, wurde ganz ausgelassen. Die Vpn. wurden 
gefragt, ob sie nicht an dieselbe beim Niederschreiben gedacht hätten. Sie 
gaben übereinstimmend an, dass sie sie absichtlich ausgelassen hätten. 

Um festzustellen, ob die nicht reproduzierten Sätze leicht erinnert 
werden können, wurden den Vpn. einzelne charakteristische Worte aus 
diesen Sätzen zugerufen. Es gelang ausnahmslos, die vergessenen Sätze 
zu rekonstruieren, so dass die Wiedergabe der beiden Stücke endlich fehler¬ 
los erfolgt 

Nach acht Tagen wurde das Reproduktionsverfahren wiederholt. Keine 
der vier Vpn. war imstande, auch nur einen einzigen Satz richtig wieder¬ 
zugeben. Nun wurden sie angewiesen, einzelne Wörter niederzuschreiben 
welche ihnen bei diesem Auftrag einfallen. Es wurden die folgenden zwei 
Wörter niedergeschrieben: „Prüfung“ und „prüfen“. Auf Grund dieser 
Erinnerung reproduzierten die Vpn. nun folgende Sätze: „Ich habe ge¬ 
prüft; ich habe alles geprüft; es wurde alles geprüft, 
gezählt und gewoge n“. Die Vp., welche das Wort „g e w o g e n“ 
hingeschrieben hatte, wurde darauf aufmerksam gemacht, dass sie einen 
Fehler begangen habe; nun schrieb sie statt „gewoge n“ das richtige 
Wort „erwöge n“ hin, liess aber „g e z ä h 11“ stehen. 

Nach Ablauf von drei Wochen, im ganzen also einem Monat nach 
dem Auswendiglernen, war keine Vpn. imstande, auch nur einen Satz 
wiederzugeben. Das Zurufen von charakteristischen Worten blieb voll- 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


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ständig ergebnislos. Trotz der Assoziationsworte konnte kein einziger Satz 
reproduziert werden mit Ausnahme der zur Unterdrückung bestimmten 
Redewendung aus dem Kaisermanifest. Diese wurde, wenn auch nicht 
vollständig, so doch dem Inhalte nach wiedergegeben, und zwar wurde 
auch das Wort „erwöge n“ reproduziert, während es, wie oben erwähnt, 
drei Wochen vorher nicht spontan in der Erinnerung auftauchte. 

Schliesslich erklärten zwei der Vpn., als sie nach zwei Monaten noch¬ 
mals gefragt wurden, was sie sich von den seinerzeit auswendig gelernten 
Prosastellen gemerkt hätten, sie hätten sich nur die zu unterdrückende 
Redewendung gemerkt, während die beiden anderen sich zwar erinnerten, 
sie hätten einen Satz aus dem Kriegsmanifest zu unterdrücken gehabt, den 
Satz aber selbst nicht mehr zu reproduzieren vermochten. 

Dieser Versuch zeigt deutlich, dass es gelingt, willkürlich Gedächtnis¬ 
inhalte zu verdrängen und durch Assoziationsexperimente wieder hervor¬ 
zurufen. Beachtenswert ist, dass eine Vp. bei dem Niederschreiben statt 
„erwögen“ das Wort „gewogen“ brachte; offenbar hat sie an das 
biblische „Gezählt und gewogen“ gedacht und auf diese Weise, 
dem Gleichklang nachgebend, das irrige Wort notiert. Das Gesetz der 
Aehnlichkeit, nach welchem ähnliche Vorstellungen die Tendenz besitzen, 
einander zu reproduzieren, bringt es mit sich, dass die unrichtige Vor¬ 
stellung „gewogen“ leicht das richtige Wort „erwögen“ hervorruft. 

Es ist wohl ersichtlich, dass sich das Wiederauf tauchen der ver¬ 
gessenen Wortvorstellungen bei dem Zurufen von Reizworten ohne jenen 
Widerstand entwickelt, von dem F reud spricht, und der sich bei dem Wieder¬ 
auftauchen der verdrängten Vorstellungen einstellen soll. Jedes Erinnern 
ist eben eine Wiederholung der früheren Bewegung; wenn die Bewegungs¬ 
wiederholung durch einen anderen Bewegungsreiz erschwert wird, so haben 
wir es tatsächlich mit einem Widerstand zu tun. 

Bei der Beurteilung dieser Versuchsergebnisse ist übrigens an die Fest¬ 
stellungen von C. Jesinghaus 27 ) zu denken, dass die Reproduktion 
von Gelerntem in umso höherem Grade erschwert sei, je mehr sich die 
geistige Gesamtverfassung in der Zeit des Lernens von der Verfassung in 
der Zeit der Reproduktion unterscheidet. Es wurde deshalb darauf ge¬ 
achtet, dass die allgemeine Stimmung der Vp. zu den Zeiten des Lernens 
und der Reproduktion möglichst gleich sei, und es wurden zu der Prüfung 
Tage verwendet, an welchen die Leistungsfähigkeit der Vpn. weder körper¬ 
lich noch psychisch stark in Anspruch genommen worden waren 28 ). 

V. Versuch: Dem dreissigjährigen Schauspieler M. wurde die 
Aufgabe erteilt, die ersten fünf Strophen von Bürgers „Lenore“ auswendig 

* 7 ) Wundt, Psychologische Studien 7, 1911, 363. 

88 > Bei weiblichen Vpn. ist deshalb darauf zu achten, dass sie nicht nur während 
der Menstruation, sondern auch einige Tage vorher nicht zu derartigen Versuchen 
herangezogen werden. 


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Ferdinand Winkler und Willibald Kammel 


zu lernen. Nachdem dies innerhalb einer halben Stunde geschehen war, 
wurde ihm nach der ersten Reproduktion der fünf Strophen der Auftrag 
erteilt, die zweite Strophe zu vergessen. Ein am Abend desselben Tages, 
etwa acht Stunden nach dem Auswendiglernen, angestellter Versuch ergab, 
dass alle fünf Strophen vollinhaltlich wiedergegeben wurden. Am nächsten 
Tage, vierundzwanzig Stunden nach dem Auswendiglernen, war das Er¬ 
gebnis schon anders gestaltet. Die zweite, d. i. die zum Verdrängen 
bestimmte Strophe konnte nur mit Nachhilfe wiedergegeben werden, 
während für die Wiedergabe der anderen vier Strophen eine solche nicht 
notwendig war. Zwei Tage darauf brauchte der Schauspieler zum Rezi¬ 
tieren der zweiten Strophe die Hilfe eines Souffleurs, das heisst, er musste 
die auszusprechenden Worte vorher gehört haben, während er die übrigen 
Strophen aus dem Gedächtnisse frei wiedergeben konnte. 

Nach vier Wochen waren auch die jetzt fehlerlos wiedergegebenen 
Strophen aus dem Gedächtnis so weit entschwunden, dass der Schauspieler 
nur einzelne Zeilen wusste und nicht in der Lage war, die Strophen voll¬ 
ständig wiederzugeben 28a ). Die Wiedergabe der zweiten Strophe war sicht¬ 
lich schwerer als die der übrigen und gelang nur bruchstückweise. Auch 
die Hilfe des Souffleurs genügte nicht, um die zweite Strophe zu repro¬ 
duzieren. Nach weiteren vier Wochen gelang es dem Schauspieler wieder 
nicht, auch mit Hilfe des Souffleurs die zweite Strophe vortragsmässig 
wiederzugeben, während bei den übrigen Strophen diese Hilfe vollständig 
genügte. Der Schauspieler meinte selbst, dass ihm die zweite Strophe 
ganz „fremd“ vorkomme und er erstaunt sei, dass sie so vollständig seinem 
Gedächtnis entschwunden sei. 

Bei der Ausführung des Assoziationsversuches durch Zurufen von 
charakteristischen Worten, die in der Strophe enthalten waren, konnten 
nun auch die Zeilen der zweiten Strophe wieder in Erinnerung gebracht 
werden. 

Dieser Versuch lehrt, dass das willkürliche Vergessen sich nicht nur 
auf einzelne Silben oder Wörter oder kleine Wortverbindungen bezieht 
sondern ganze Vorstellungskomplexe erfassen kann. Dabei ist als wichtig 
zu bemerken, dass dieser grosse Vorstellungskomplex durch wenige Reiz¬ 
worte hervorgerufen werden konnte; es scheint gewissermaßen, dass 
es nur der Anregung der Energie bedürfe, um den Bewegungsreizen, 
welche unser Erinnern vermitteln, bei einer Hemmung das Sichauswirken 
zu ermöglichen. 

VI. Versuch: Der fünfundzwanzigjährigen Sängerin C., mit gut 
ausgebildetem musikalischen Gedächtnis wurden sechs kurze Weisen etwa 
in der Form von Leitmotiven auf dem Klavier mit der Aufforderung vor¬ 
gespielt, diese Motive sich einzuprägen und sie nachzusingen. Es gelang ihr 

,8 *) Vgl. die Schulexperimente von R. W e s s e 1 y über das Behalten von Gedichten. 
Memmann, E., Vorlesungen, I 2 , 1911, 460. 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


283 


dies nach dreimaligem Vorspielen in zufriedenstellender Weise. Sie war 
sowohl in der Lage, die vorgeführten Motive nachzusingen als auch sie auf 
dem Klavier nachzuspielen. Nun wurde ihr mitgeteilt, dass man jeder 
Tonfolge Worte unterlegen werde und dass sie sich die Melodien samt den 
unterlegten Worten merken möge; nur bei einer der Tonfolgen, welche 
durch unpassende und unziemliche Worte charakterisiert sei, sollte sie 
eine Ausnahme machen und sich hier weder Text noch Tonfolge merken. 
Aus ihrer Bemerkung, ob sie gewissermaßen das Gemerkte beiseiteschieben 
solle, ergab sich, dass sie den Sinn des Auftrages vollkommen verstanden 
hatte. Am Abend desselben Tages, etwa zehn Stunden nach dem Aus¬ 
wendiglernen, wurde die erste Prüfung vorgenommen. Die Sängerin hatte 
alle Tonfolgen behalten, sie wusste alle unterlegten Worte (mit Einschluss 
der als unziemlich bezeichneten) mit entsprechenden Tönen zu verbinden; 
dabei wusste sie ganz genau, dass sie auch die unziemlichen Worte wieder¬ 
gegeben hatte, also ihrem Aufträge, dieselben zu vergessen, nicht nach¬ 
gekommen war. Zwei Tage nachher hatten sich die Verhältnisse wesent¬ 
lich geändert. Die Sängerin verband die unziemlichen Worte nicht mit 
der richtigen Tonfolge, sondern mit einer ganz anderen und unter den vor¬ 
gespielten Melodien nicht befindlichen; sie wurde auf ihren Fehler auf¬ 
merksam gemacht und bemühte sich umsonst, die richtige Tonfolge zu 
finden: sie war aus ihrem Gedächtnis entschwunden, während die dazu 
gehörigen Worte, offenbar wegen ihrer besonderen Betonung im Gedächt¬ 
nis geblieben waren; indes war sie imstande, aus einer Reihe von Ton¬ 
folgen, unter welchen sich die richtige befand, diese sofort herauszufinden. 
Nach acht Tagen stellte sich bei einer neuerlichen Prüfung derselbe 
Erfolg ein: sie konnte die bewusste Tonfolge nicht mehr reproduzieren, 
erkannte sie aber sofort, als sie vorgespielt wurde. Nach vier Wochen 
wurden ihr die sechs Melodien, gemischt mit einer Reihe von anderen, 
vorgespielt mit der Weisung, zu den ihr bekannt scheinenden Melodien 
die entsprechenden Worte zu singen. Es war eben jener Rhythmus, der 
zum Vergessen bestimmt war. Die Wiederholung desselben Versuches 
mit einer besonders angenehmen charakteristischen Tonfolge brachte eben¬ 
sowenig ein Vergessen zustande wie durch die Charakterisierung durch 
ein Gefühl anderer Art; in letzterer Hinsicht wurden patriotische Worte 
der Tonfolge unterlegt. 

Der Versuch zeigt, dass unser musikalisches Gedächtnis denselben Ge¬ 
setzen unterliegt wie das allgemeine Gedächtnis. Gerade beim Erinnern 
von Melodien meinen wir oft die Weise wirklich zu hören, oder wir 
singen sie gewissermaßen mit. Es beruht dies darauf, dass die Ausleitung 
der Bewegungsreize nach der akustischen oder der motorischen Seite hin 
erfolgt. Die Melodie geht uns im Kopf herum, wir können sie nicht los¬ 
bringen und summen sie endlich wirklich vor uns her, oftmals ohne davon 
zu wissen. 


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Ferdinand Winkler und Willibald Kammei 


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Nichtsdestoweniger misslangen bisher alle Versuche, einzelne Ton¬ 
folgen an sich zum Vergessen zu bringen, also ein absolutes Verschwinden 
einzelner Melodienteile aus dem Gedächtnisse zu erzielen, während der 
analoge Versuch mit Silben und Zahlen verhältnismässig leicht zum er¬ 
warteten Resultate führte. Bei der Versuchsperson war es nötig, der 
Melodie einen unlustbetonten Charakter zu geben, dann erst ge¬ 
lang der Versuch. Interessanterweise gelang der Versuch mit einer lustbe¬ 
tonten Melodie nicht. Es stimmt dies mit dem Gesetz überein, dass lust¬ 
betonte Vorstellungen leichter erinnert werden als unlustbetonte. J u n g 29 ) 
hat die Meinung vertreten, dass affektbetonte Komplexe bedeutend 
schlechter erinnert werden als andere, und dass sie leichter vergessen werden. 
Dabei sei allerdings daran erinnert, dass in Bezug auf die erste Einzel¬ 
erinnerung dieses Gesetz eine starke Einschränkung erfährt, da nach der 
Untersuchung von W. K a m m e 1 von 344 Aufzeichnungen über die erste 
Erinnerung 168 mit einer Aeusserung des Gemütslebens verbunden 
waren 30 ). Peters 31 ) hat aus seinen Versuchen den Schluss gezogen, 
dass die unlustbetonten Ergebnisse am seltensten richtig reproduziert 
werden. Diese Tatsache, welche Peters als Tendenz zur Unlustver¬ 
minderung bezeichnet, entspricht der allgemeinen Beobachtung, dass die 
Zeit alle Schmerzen heile, und dass wir nichts so leicht vergessen wie Leid 
und Trübsal. Für die erste Erinnerung scheint aber nach den Feststellungen 
von Kamme l 32 ) diese Tendenz trotz der Untersuchungsresultate von 
Peters-Nemecek 88 ) nicht zu bestehen. 

VII. V ersuch: Den Vp. M. und F. wurde das Bild von Carl 
L a r s s o n: „Die Meinen“, enthalten in dem Buch von Viktor 
Urbantschitsch über „Subjektive optische Anschauungsbilder“ 
(1907), vorgelegt mit dem Aufträge, sich das Bild so gut zu merken, dass 
sie es in den Umrissen nachzeichnen konnten, wobei sie jedoch die Figur 
des im Vordergründe befindlichen schlafenden Hundes aus dem Gedächt¬ 
nisbilde auszuschalten hätten. Die beiden Vpn. waren, wie vorausge¬ 
gangene Vorversuche gezeigt hatten, imstande, mit Leichtigkeit subjektive 
Anschauungsbilder hervorzurufen; denn wir hatten sie schon zu solchen 
benützt, um im Sinne Urbantschitsch die Beeinflussung subjektiver 
optischer Anschauungsbilder durch äussere Reize zu studieren. Bei der 
Ausführung des hier in Rede stehenden Versuches zeigte sich, dass beide 
Vpn. angaben, nicht nach Belieben die Figur aus dem Anschauungsbilde 
ausschalten zu können. Die Vp. M., welche die Lehre von Freud ge- 

*•) Darstellung der psychoanalytischen Theorie. S.-A. aus dem Jahrbuche für 
psychoanalytische und psychopathologische Forschung 5, 1913, 5. 

ao ) Üeber die erste Einzelerinnerung. Päd.-psych. Forschungen, herausg. von 
E. Meumann, 1913. 

9i ) Psychologische Arbeiten, herausg. von Kraepelin, 6. Bd., 2. Heft. 

•*) 1. c. S. 23 ff. 

**) Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen, herausg. von K. Marbc, 
2. Bd. 1914, 226. 


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Stadien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


285 


nauer kannte, versuchte die Unterdrückung in der Weise, dass sie sich den 
Hund mit einer ekelerregenden Hautkrankheit behaftet vorstellte. Nach 
ihrer Angabe vermochte sie das Bild des Hundes, als mit dem sonnigen 
Charakter des übrigen Bildes nicht zusammenstimmend, auszuschalten. 
Diese Vp. bekam nach etwa acht Stunden den Auftrag, das Bild zu repro¬ 
duzieren und das Vorgestellte mit einigen Strichen wiederzugeben; es zeigte 
sich, dass an der Stelle, wo auf dem wirklichen Bild sich der Hund befindet, 
nichts gesehen und der betreffende Platz in der Skizze als Rasen bezeichnet 
wurde. Am folgenden Abend wurde diese Vp. wieder aufgefordert, das Bild 
neuerlich zu reproduzieren. Jetzt zeichnete sie an Stelle des liegenden Hundes 
einen liegenden Knaben und liess dafür einen im wirklichen Bilde in der 
Nähe des liegenden Hundes an einem Balken lehnenden Knaben aus. Diese 
Erinnerungstäuschung blieb auch an den folgenden Tagen bestehen, weil 
der Versuchsleiter es vermieden hatte, die Vp. auf das Irrtümliche ihrer 
Zeichnung aufmerksam zu machen. Als nach acht Tagen der Vp. aber 
bedeutet wurde, es befände sich auch ein Hund auf dem Bilde, da wurde 
sie sich des gemachten Fehlers bewusst und bestimmte richtig die Stelle, 
an welcher der Hund sich befindet; sie konnte sich aber nicht mehr an die 
Form des Hundebildes erinnern, denn es war ihr ganz entschwunden, dass 
das Bild einen in der Sonne schlafenden Hund darstellt. Nach weiteren acht 
Tagen wurde der Vp. gegenüber im Laufe des Gespräches das Wort 
„Räude“ gebraucht. Darauf meinte die Vp., jetzt wisse sie, dass es sich 
um einen hautkranken liegenden Hund handle, welcher aus ihrem Gedäch- 
nisbilde entschwunden, jetzt aber wieder auf getaucht sei. In den nächsten 
Tagen wurde die Erinnerung immer deutlicher, so dass nun das Bild richtig 
mit allen Einzelheiten reproduziert werden konnte. 

Dieser Versuch erweist die Möglichkeit, dass auch aus solchen Erinne- 
rangskomplexen, welche anscheinend immer zusammengehören, einzelne 
Teile abgesprengt und an der Wiederkehr in das Bewusstsein verhindert 
werden können; dazu aber ist eine Unlustbetonung nötig. W.Peters 34 ) hat, 
wie schon erwähnt, darauf hingewiesen, dass durch einen unbekannten 
Faktor das Erinnern der Unlusterlebnisse gehemmt wird, und dass die un¬ 
günstigeren Erinnerungsaussichten unlustbetonter Erlebnisse sich auf die 
Wirksamkeit einer Tendenz zur Unlustverminderung auffassen lassen; er 
betrachtet die Phänomene der Unlustverminderung als Wirkungen von 
Willensakten. Wir wollen uns an unlustbetonte Erlebnisse der nahen Ver¬ 
gangenheit nicht erinnern und sind in der Regel schon bald nach dem 
Erleben bestrebt, die Erinnerung an das unlustbetonte Ereignis zu unter¬ 
drücken. 


* 4 ) Kraepelin, Psychologische Arbeiten 5, 1911, 197. 


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Ferdinand Winkler und Willibald Kammel 


III. Epikrise der Versuche. 

Aus den im Vorausgehenden beschriebenen sieben Versuchen ergibt 
sich, dass 

I. ein willkürliches Vergessen möglich ist, und dass 

II. unlustbetonte Vorstellungen verhältnismässig leicht 
willkürlich vergessen werden können. 

Um sich eine Vorstellung zu bilden, wie das willkürliche Vergessen 
zustande kommt, kann man an zwei Erklärungsmöglichkeiten denken: 

I. Wir nehmen im Anschlüsse an Adolf Stöhr an, dass das 
Engramm, welches das Geschehnis gesetzt hat, eine Bahnung ist, welche 
nach der einen rückläufigen Richtung die Wiederholung des Geschehnisses 
und nach einer anderen rückläufigen Richtung die Vorstellung des Be¬ 
wegungserregers ermöglicht. Wenn diese Bahnung nach der einen oder 
anderen Seite hin unwegsam wird, dann erfolgt trotz des Engramms die 
Wiederholung der Bewegung nicht. 

Wenn infolge unseres Willensaktes die BewegungsWiederholung durch 
einen anderen Bewegungsreiz gehemmt oder unmöglich wird, dann ist das 
willkürliche Vergessen eingetreten. 

Eine Unlustempfindung ist die Folge eines übermässigen, von der 
Peripherie ins Gehirn laufenden Bewegungsreizes, einer übermässigen 
Auslösung chemischer Spannkräfte. Wenn ein Bewegungs reiz durch 
vasomotorische Bahnen in die muskuläre Wandung der Gehimblutgefässe 
gelangt, so entsteht eine Kontraktion der Gefässmuskeln und damit eine 
Unlustempfindung und ein Gemütsdruck; die denselben hervorrufende 
Kontraktion der Gefässmuskeln steht auf derselben Stufe wie die sichtbare 
# Kontraktion und Bewegung eines peripheren Muskels, wenn ein Be¬ 
wegungsreiz in ihm fortgeleitet wird, und wie die Drüsensekretion, wenn 
eine Fortleitung des Reizes auf einer sekretorischen Nervenbahn erfolgte. 

Unlustbetonte Erregungen haben zwar eine grosse Spannung, aber nur 
wenig Bereitschaft zur Entspannung. Bei interessebetonten und lustbetonten 
Erlebnissen ist aber die Entspannungsbereitschaft sehr gross. Diese Span¬ 
nung oder, wie man sie auch nennen kann, die Ladung des Affektes, 
besteht nun in der Einleitung übermässiger Bewegungsreize in das Gehirn 
und in der Ausleitung in der Form der Fortsetzung des Reizes auf das Ge¬ 
fäßsystem. Die Affektentspannung oder Affektentladung besteht darin, 
dass die übermässig starken Reize plötzlich aus den vasomotorischen Bahnen 
in die lokomotorischen, gesichtsmotorischen, sprechmotorischen, sekreto¬ 
rischen, imaginären und halluzinatorischen Bahnen einströmen. Affekt¬ 
ladung und Affektentladung stehen zu einander in einem Ventil Verhält¬ 
nisse; durch jede Entladung schwindet der vasomotorische Affekt, ander¬ 
seits wird er durch jede Verhinderung des Handelns oder des Sprechens 
gesteigert. 


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Studien über das Problem der willkürlichen Amnesie. 


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II. Nach der zweiten Erklärungsmöglichkeit haben die interesse- und 
lustbetonten Vorstellungen ein Plus, die unlustbetonten ein Minus von 
Energie, und infolgedessen können die ersteren leicht den rückläufigen 
Weg finden, während den energieschwachen unlustbetonten Vorstellungen 
gewissermaßen der Weg verloren ging, der zur Peripherie, zur Wieder¬ 
holung des Bewegungsimpulses und zur Entladung führt. Wenn durch das 
Zurufen von Reizworten im Assoziationsexperiment den energieschwachen 
Vorstellungen neue Energie zugeftihrt wird, so wird dadurch die Energie¬ 
ladung vermehrt, und die Bewegungsimpulse erreichen jene Höhe, welche 
zur Durchführung der rückläufigen Bewegung notwendig ist. 

Es ist deshalb gar nicht erforderlich, dass wir den Begriff des U n- 
bewussten verwenden und in etwas naiver Weise eine räumliche Ab¬ 
gliederung von Vorstellungen annehmen. Die in der Seele fortlebenden 
Erinnerungen früherer Bewusstseinsinhalte sind nicht unbewusst geworden, 
und W u n d t 3Ö ) tadelt mit Recht die Auffassung, dass im Unterbewusst¬ 
sein die für den späteren Gebrauch im Gedächtnis bewahrten Vorstellungen 
verschwinden. 

Wenn Pierce 36 ) das Unterbewusstsein als das Bewusstsein aller 
Erfahrungen eines Individuums ausser den aktuellen nennt, so kann man 
sich dieser Definition insofern anschliessen, als man unter den aktuellen 
Vorstellungen jene versteht, • welche mit Energie geladen sind, während 
man die energieschwachen dem Unterbewusstsein zuteilt; dann hat das; 
Unterbewusstsein nicht mehr den unwissenschaftlichen Begriff der räum¬ 
lichen Absonderung in sich, sondern es ist damit nur ein Wort gefunden, 
welches die energieschwachen Vorstellungen zusammenfasst. Dann ändert 
sich auch der Begriff, dass zwischen dem Unterbewusstsein und Bewusst¬ 
sein eine Reizschwelle existiert. Wenn die Energieladung eine gewisse- 
Höhe erlangt hat, dann ist die Vorstellung bewusst; die Reizschwelle ist 
nichts anderes als der Augenblick, in welchem die Energieladung genügend 
stark ist. Das bekannte Beispiel von Lipps 37 ), welches von den Ver¬ 
tretern der Theorie vom Unbewusstsein als Paradigma des „erregt Unbe¬ 
wussten“ angeführt wird, dass ein Name, den wir vergeblich suchen, uns 
plötzlich nachher bei der Beschäftigung mit anderen Dingen, wenn sich 
die Aufmerksamkeit von den gesuchten Dingen abgewendet hat, einfällt 
und uns scheinbar aus dem Nichts entgegentritt, findet seine Erklärung 
nicht darin, dass das Unbewusste seine Minierarbeit getan hat, sondern 
darin, dass durch die auf den Namen gelenkte Aufmerksamkeit die Vor¬ 
stellung mit Energie geladen wurde, und dass die volle Energieladung erst 
nach Abkehr der Aufmerksamkeit erfolgte, so dass das Auftauchen des 


3Ö ) Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele, 1906, S. 385. 
86 ) Zitiert bei Weingartner, Das Unterbewusstsein, 1911, S. 24. 
,7 ) Leitfaden der Psychologie, 3. AufL, 1909, S. 141. 


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Ferdinand Winkler und Willibald Kamme! 


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richtigen Namens im Bewusstsein eine Folge des Suchens ist und auf 
Grund einer bewussten Willenshandlung zustande kommt. 

Es ist weiter oben bemerkt worden, dass die durch Aufmerksamkeit 
betonten Vorstellungen nicht willkürlich vergessen werden können. An¬ 
derseits könnte man meinen, dass die zum willkürlichen Vergessen be¬ 
stimmten Vorstellungen ebenfalls durch Aufmerksamkeit betont seien. 
Und in der Tat besteht nach der Definition von Alfred Lehmann 39 ) 
die Willkür in einer betonten Vorstellung, die wir in diesem Falle das 
Motiv des Willens nennen, und die willkürliche Richtung der Aufmerk¬ 
samkeit auf einen bestimmten Vorgang entspricht nach seiner Auffassung 
einem vasomotorischen Phänomen, also im S t ö h r sehen Sinne einem 
Affekte. Man könnte glauben, dass gerade die zum Vergessen bestimmten 
Vorstellungen, weil sie durch den Willen zum Vergessen besonders vaso¬ 
motorisch ausgezeichnet sind, nicht vergessen werden könnten; in Wirk¬ 
lichkeit aber sind nicht die zum Vergessen bestimmten Vorstellungen be¬ 
tont, sondern die anderen zum Behalten bestimmten erscheinen betont, und 
deshalb werden die zum Vergessen willkürlich verurteilten Wahr¬ 
nehmungen weniger energievoll gestaltet und treten gegenüber den anderen 
zurück. 

Eine gewisse Analogie bieten die negativen Halluzinationen in der 
Hypnose. Auch bei ihnen handelt es sich anscheinend um eine Lücke im 
Sehraume, es wird auf den erteilten Befehl hin ein wirklich vorhandenes 
älteres Objekt nicht gesehen. W u n d t 40 ) macht es nun wahrscheinlich, 
dass hier zugleich positive Halluzinationen vorhanden sind, mittels derer 
die den nicht gesehenen Objekten entsprechenden Stellen des Sehfeldes 
nach Maßgabe der Umgebung ausgefüllt werden. 

Wie man durch Suggestion leicht imstande ist, derartige negative 
Halluzinationen zu erzeugen und ein — im Sinne fremden Wollens — 
willkürliches Vergessen herbeizuftihren, so ist es zweifellos auch durch 
Autosuggestion möglich, ein — im Sinne eigenen Wollens — willkür¬ 
liches Vergessen zu erzwingen. Und es mag leicht möglich sein, dass ein 
Teil der oben beschriebenen Experimente teils auf Suggestion, teils auf 
Autosuggestion beruht, da sowohl die Suggestion, wie die Autosuggestion 
auf einer Einengung des Bewusstseins beruhen und wir es in unseren Ver¬ 
suchen mit einem ähnlichen Vorgänge zu tun haben. W u n d t führt die 
Suggestion auf Assoziationen zurück, welche das Bewusstsein in einseitiger 
Weise in Anspruch nehmen und widerstrebende seelische Veränderungen 
nicht zur Wirkung kommen lassen, und er definiert die Suggestion als eine 
Assoziation mit gleichzeitiger Verengerung des Bewusstseins auf die durch 
Assoziation angeregten Vorstellungen. In der Sprache der Energetik würde 
dies anders auszudrücken sein: Die Suggestion beruht auf Assoziationen 

**) Die Hypnose und die damit verwandten normalen Zustande, 1890. 

40 ) Hypnotismus und Suggestion, 2. Aufl., 1911, S. 14. 


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von energiebetonten Vorstellungen, welche alle anderen zur Wirkung auf¬ 
strebenden Wahrnehmungen als energieschwach unterdrücken. Wenn 
solche energieschwache Vorstellungen sich aus irgendeinem Grunde mit 
Energie laden, etwa infolge einer Gegensuggestion, so kommt die Sug¬ 
gestion nicht zur Wirkung, oder sie verliert ihre Kraft. 

In diesem Sinne lässt sich der Assoziationsversuch des Hervorrufens 
vergessener Vorstellungen durch Reizworte, als dem Gebiete der Suggestion 
angehörend, darstellen. Wenn der Hypnotiseur eine Kartoffel als einen 
Apfel essen lässt und an der Vp. deutlich Zeichen des Wohlbehagens zu 
erkennen sind, so ist der energieschwach im Bewusstsein vorhandenen Vor¬ 
stellung des Apfelgeschmackes ein Energiezuwachs gegeben worden, und 
die Vp. hat die Ueberzeugung, tatsächlich einen Apfel zu essen. In ähn¬ 
lichem Sinne äussert sich F orel 41 ), dass durch die Suggestion, das dar¬ 
gereichte Wasser sei Schokolade, einfach ohne adäquate Sinnesreize die 
alte, im Gehirn unbewusst ruhende Geschmacksvorstellung der Schokolade 
zur halluzinatorischen Höhe erhoben und mit der Wahrnehmung der Tasse 
und der Flüssigkeit assoziiert wurde. Dieselbe Bewandtnis hat es mit den 
durch die Reizworte hervorgerufenen vergessenen Vorstellungen; die Asso¬ 
ziationsworte entsprechen dem Befehle, den runden Körper für einen Apfel 
oder die Flüssigkeit für Schokolade zu halten; die vergessenen Vorstel¬ 
lungen entsprechen der Kartoffel oder dem Wasser, und ebenso, wie durch 
das Zurufen der Assoziationsworte die energieschwach gewordenen Vor¬ 
stellungen Leben erhalten, so hat die geschmackfreie Vorstellung von der 
Kartoffel oder dem Wasser plötzlich einen ihnen an sich fremden Geschmack 
bekommen; auch diese Wahrnehmungen sind mit Energie geladen worden. 

II. Exkurs. Zum Schluss sei noch ein Wort über die Bedeutung 
der willkürlich vergessenen Vorstellungen für die Neurosen gesagt. Be¬ 
kanntlich ist durch die A